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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume6
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid3af5d606
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Sechzehntes Kapitel

Meine Liebschaft mit Callimene. – Reise nach Sorrent. – Medini. – Goudar. – Miß Chudleigh. – Der Marchese della Petina. – Gaetano. – Der Sohn der Cornelis. – Geschichte von Sara Goudar. – Die von dem König geprellten Florentiner. – Meine glückliche Reise nach Salerno. – Abreise von Neapel und Ankunft in Rom.

Der Fürst von Francavilla war ein prachtliebender, geistvoller, reicher Epikuräer, der den Wahlspruch hatte Fovet et favet hatte.

Er stand in Spanien in Gunst; der König hatte jedoch geglaubt, ihn in Neapel lassen zu müssen, weil er fürchtete, daß er seine perversen Neigungen dem Prinzen von Asturien, seinem Bruder und vielleicht dem ganzen Hofadel mitteilen könnte.

Am nächsten Tage zeigte er uns seinem Versprechen gemäß das Bassin von zehn oder zwölf jungen Mädchen belebt, die bis zum Abend vor uns ihre Schwimmkunst machten.

Miß Chudleigh und die beiden anderen Damen fanden diese Unterhaltung langweilig, aber das Schauspiel des vorigen Tages hatten sie köstlich gefunden.

Diese Gesellschaft verhinderte mich nicht, meine liebe Callimene, die mich schmachten ließ, zweimal täglich zu besuchen.

Agata, die ich alle Tage sah, war die Vertraute meiner Flamme; sie hätte gern ein Mittel gefunden, um mich ans Ziel zu bringen, aber ihre Würde erlaubte ihr nicht, offen vorzugehen. Sie versprach mir, sie zu einem beabsichtigten Ausflug nach Sorrent einzuladen, in der Hoffnung, daß es mir während der Nacht, die wir dort zubringen würden, gelingen könnte, sie zu besiegen.

Bevor diese Partie mit Agata zustande kam, verabredete Hamilton denselben Ausflug mit der Herzogin von Kingston, und da es sich um ein Picknick handelte, so nahm ich ebenfalls daran teil; ferner beteiligten sich die beiden Sachsen und ein reizender Abbate Giuliani, mit dem ich später in Rom genauer bekannt wurde.

Um vier Uhr morgens fuhren wir in einer Feluke mit zwölf Ruderern von Neapel ab, und um neun Uhr kamen wir in Sorrent an.

Wir waren fünfzehn, alle in heiterster Stimmung und hingerissen von den Freuden, die dieses irdische Paradies uns bot.

Hamilton führte uns in einen Garten, der dem Herzog von Serra Capriola gehörte; zufällig war der Herr selber dort mit seiner Gemahlin, einer Piemontesin, die damals schön wie ein Stern und in ihren Gatten verliebt war.

Der Herzog war seit ein paar Monaten auf dieses Landgut verbannt, weil er sich in einer zu glänzenden Equipage auf der Promenade gezeigt hatte. Der Minister Tanucci hatte beim König durchgesetzt, daß der Herzog bestraft werde, weil er die Luxusgesetze verletzt und dadurch ein verderbliches Beispiel gegeben habe. Der König, der noch nicht gelernt hatte, dem Willen seines Ministers zu widerstehen, hatte den Herzog und seine Frau verbannt, aber er hatte ihnen das angenehmste Gefängnis seines Königreichs angewiesen. Leider mißfällt jedes Paradies, wenn man gezwungen ist, es zu bewohnen; daher starb das verbannte Ehepaar vor Langeweile, und unser Erscheinen war für alle beide ein wahrer Balsam.

Ein Abbate Bettoni, den ich vor neun Jahren bei dem verstorbenen Herzog von Matalone kennen gelernt hatte, besuchte die beiden liebenswürdigen Exilierten und war sehr erfreut, mich bei ihnen zu finden.

Dieser Abbate war ein Edelmann aus Brescia, der Sorrent zu seinem dauernden Wohnsitz erwählt hatte. Er hatte dreitausend Taler Einkünfte und lebte an diesem Ort im Überflusse aller Gaben des Bacchus, der Ceres, des Comus und besonders auch der Venus, die seine Lieblingsgottheit war. Er brauchte nur zu begehren, so erhielt er, und er konnte nicht mehr begehren, als was die verschwenderische Natur ihm in Sorrent darbot. Er war zufrieden und lachte über die Philosophen, die der Meinung sind, ein Mensch könnte mit einem mittelmäßigen Vermögen nicht glücklich sein, selbst wenn er nur mäßige Leidenschaften hätte und sich einer vollkommenen Gesundheit erfreute. Es berührte mich peinlich, in seiner Gesellschaft den Grafen Medini zu sehen, der mein Feind sein mußte und den ich verachtete; wir begrüßten uns denn auch sehr kalt.

Bei Tisch waren wir zweiundzwanzig Personen. Wir erhielten eine ausgezeichnete Mahlzeit, denn in jener Gegend ist alles ganz köstlich, besonders auch das Mehl; es gibt dem Brot einen würzigen Geschmack, den man sonst nirgendwo findet.

Den Nachmittag über streiften wir durch die Dörfer, deren Alleen schöner sind als die der prachtvollsten Schlösser Europas.

Wir fanden beim Abbate Bettoni Gefrorenes von Zitronen, Kaffee und Schokolade und köstlichen Rahmkäse. Bekanntlich ist dieser in Neapel ausgezeichnet, aber der Abbate war ganz besonders gut bedient. Er hatte fünf oder sechs entzückend schöne junge Bauernmädchen, die so sauber waren, daß sie durchaus nicht den Eindruck gewöhnlicher Mägde machten. Als ich ihn fragte, ob dies sein Serail sei, antwortete er mir, das könne wohl sein; aber die Eifersucht sei ausgeschlossen, und es liege nur an mir, mich davon zu überzeugen, indem ich acht Tage bei ihm zubringe.

Ich bewunderte diesen glücklichen Sterblichen, aber ich beklagte ihn zugleich; denn er war mindestens zwölf Jahre älter als ich, und ich war bereits nicht mehr jung. Sein Glück konnte nicht von langer Dauer sein.

Gegen Abend kehrten wir zum Herzog zurück, bei dem wir ein Abendessen vorfanden, das aus Fischen verschiedener Arten bestand.

Die Luft in Sorrent gibt ständigen Appetit, und das Abendessen wurde mit Behagen verspeist.

Nach dem Essen wünschte Mylady, daß eine Pharaobank aufgelegt werde. Abbate Bettoni, der Medini als berufsmäßigen Spieler kannte, schlug ihm vor, die Bank zu halten. Er entschuldigte sich jedoch damit, daß er nicht genug Geld bei sich habe.

Der Wunsch der Herzogin mußte jedoch erfüllt werden, und so erbot ich mich, die Bank zu übernehmen.

Man brachte Karten, und ich schüttete meine arme Börse aus, die nicht mehr als vierhundert Unzen enthielt, obgleich dies mein ganzes Vermögen war.

Jeder zog Geld hervor und nahm Karten.

Medini fragte mich, ob ich ihn an meiner Bank beteiligen wolle; ich antwortete, dies sei mir nicht möglich, da ich mein Geld nicht zählen wolle.

Ich zog bis nach Mitternacht ab und hatte nur noch etwa fünfzig Unzen vor mir liegen, als ich aufhörte. Alle Anwesenden hatten gewonnen, mit Ausnahme eines Chevalier Rosbury, der kein Guld bei sich hatte und nur mit englischen Banknoten setzte, die ich in meine Tasche steckte, ohne sie zu zählen.

Als ich in meinem Zimmer war, hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als meine Banknoten zu untersuchen; denn der Aderlaß, den meine Börse erlitten hatte, beunruhigte mich. Man stelle sich meine Freude vor: ich fand vierhundertundfünfzig Pfund Sterling, mehr als das Doppelte von dem, was ich verloren hatte.

Sehr zufrieden mit meinem Tagwerk legte ich mich mit dem Vorsatz zu Bett, von meinem Glück nichts verlauten zu lassen.

Da die Herzogin von Kingston gesagt hatte, daß wir um neun Uhr abfahren würden, so bat Frau von Serra Capriola uns, erst noch Kaffee zu trinken, bevor wir zu Schiff gingen.

Nach dem Frühstück kamen Medini und Bettoni, und der erstere fragte Herrn Hamilton, ob er nicht etwa störe, wenn er mit uns nach Neapel zurückfahre. Da Hamilton nicht gut nein sagen konnte, so wurde er zugelassen. Um zwei Uhr waren wir wieder in unserem Gasthof, wo ich zu meiner Überraschung in meinem Vorzimmer eine junge Dame fand, die mit traurigem Gesicht auf mich zutrat und mich fragte, ob ich sie wiedererkenne. Es war die älteste von den fünf Hannoveranerinnen, die ich in London geliebt hatte – jene, die mit dem Marchese della Petina geflohen war.

Ich war ebenso neugierig wie überrascht und ließ sie eintreten, indem ich zugleich mein Mittagessen bestellte.

»Wenn Sie allein speisen, werde ich gerne mit Ihnen essen.«

»Sehr angenehm.«

Ich bestellte das Essen für zwei Personen.

Ihre Geschichte war nicht lang. Sie befand sich in Neapel mit ihrem Gatten, den seine Mutter nicht hatte sehen wollen. Der Unglückliche hatte sich mit seiner Frau in eine elende Schenke zurückgezogen und hatte alles verkauft, was sie besaß; ein paar Monate später hatte man ihn wegen sieben oder acht Fälschungen ins Gefängnis gesetzt. Seit sieben Jahren unterhielt die arme Hannoveranerin ihn im Gefängnis. Sie hatte gehört, daß ich in Neapel war, und wollte mich nur bitten, ihr zu helfen, nicht etwa indem ich ihr Geld gäbe, wie der Marchese es wünschte, sondern indem ich die Herzogin von Kingston veranlaßte, sie in ihren Dienst zu nehmen, damit sie wieder nach Deutschland kommen könnte.

»Sind Sie die Frau des Marchese?«

»Nein.«

»Wie haben Sie ihn sieben Jahre lang erhalten können?«

»Ach!... Denken Sie sich hundert Geschichten aus, und sie werden alle wahr sein.«

»Ich errate.«

»Können Sie mir eine Unterredung mit der Herzogin verschaffen?«

»Ich werde mit ihr sprechen; aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich nur die Wahrheit sagen werde.«

»Vortrefflich! Ich auch. Ich kenne Ihren Charakter.«

»Kommen Sie morgen wieder.«

Gegen sechs Uhr besuchte ich Hamilton, um mich zu erkundigen, wie ich die am Tage vorher gewonnenen englischen Banknoten umwechseln könnte. Er gab mir selber den Wert.

Vor dem Abendessen sprach ich mit der Herzogin zugunsten der armen Hannoveranerin. Mylady sagte, sie erinnere sich, sie gesehen zu haben, aber sie wolle erst mit ihr sprechen, bevor sie sich entscheide. Ich stellte ihr am nächsten Tage die Hannoveranerin vor und ließ sie dann miteinander allein. Das Ergebnis der Unterhaltung war, daß die Herzogin sie an Stelle einer Römerin in ihre Dienste nahm und daß sie mit ihr nach England reiste. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Einige Tage nach ihrer Abreise konnte ich Petinas Bitten nicht länger widerstehen und besuchte ihn im Gefängnis der Vicaria. Ich fand bei ihm einen jungen Mann, den ich als seinen Bruder erkannte, obwohl der Jüngling sehr hübsch und er selber sehr häßlich war; aber zwischen Schönheit und Häßlichkeit ist oft nur ein fast unmerklicher Übergang.

Dieser Besuch, zu dem mich mehr Neugierde als Gefühl veranlaßt hatte, erheiterte mich nicht, denn ich mußte eine ebenso langweilige wie lange Erzählung über mich ergehen lassen.

Als ich fort ging, fand ich unten an der Treppe des Gefängnisses einen Beamten, der mir sagte, ein Gefangener wünsche mit mir zu sprechen.

»Wer ist es?«

»Er behauptet, Ihr Verwandter zu sein; er heißt Gaëtano.«

Mein Verwandter und Gaëtano! Ich glaubte, es könnte der Abbate sein.

Ich stieg mit dem Beamten nach dem zweiten Stockwerke hinauf und fand einige zwanzig Unglückliche, die auf der Erde saßen und im Chor unzüchtige Lieder sangen.

In den Gefängnissen und auf den Galeren ist Lustigkeit das einzige Mittel gegen Elend und Verzweiflung; der Selbsterhaltungstrieb läßt die Menschen zu diesem Mittel greifen.

Einer von den Unglücklichen kam auf mich los und nannte mich Gevatter. Da er Miene machte, mich zu umarmen, so wich ich zurück; er nannte seinen Namen, und ich erkannte in ihm jenen Gaëtano, der vor zwölf Jahren in Paris unter meiner Gevatterschaft die hübsche Frau geheiratet hatte, die ich später wieder aus seinen Klauen befreit hatte. Der Leser wird sich der Geschichte vielleicht noch erinnern.

»Ich bedauere, Sie hier zu sehen; aber worin kann ich Ihnen nützlich sein?«

»Indem Sie mir etwa hundert Taler bezahlen, die Sie mir für mehrere an Sie verkaufte Waren von Paris her noch schuldig sind.«

Da diese Behauptung eine Lüge war, so drehte ich ihm den Rücken zu und sagte nur, er wäre im Gefängnis wohl verrückt geworden.

Als ich wieder herunter kam, fragte ich, warum er im Gefängnis wäre, und hörte, er sei ein Fälscher und sei dem Galgen nur durch ein formales Versehen entgangen; infolgedessen sei er zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

Ich dachte schon nicht mehr an den Elenden, als ich am Nachmittage den Besuch eines Advokaten erhielt, der in Gaëtanos Auftrag hundert Dukaten von mir verlangte. Zur Unterstützung der Ansprüche zeigte er mir ein dickes Geschäftsbuch, worin auf verschiedenen Seiten mein Name stand für Waren, die ich in Paris auf Kredit entnommen haben sollte.

»Herr Advokat,« sagte ich, »der Mann ist verrückt; ich bin ihm nichts schuldig, und dieses Buch hat nicht den geringsten Wert.«

»Sie irren sich, mein Herr: dieses Buch ist eine Autorität, und die Justiz dieses Landes ist den Ansprüchen armer Gefangener sehr günstig gesinnt. Ich bin deren Anwalt, und ich erkläre Ihnen, daß ich Sie morgen vor Gericht laden lasse, wenn Sie sich nicht heute mit mir einigen.«

Ich bezähmte meine Entrüstung, bat ihn höflich um seinen Namen und seine Adresse, die er mir sofort aufschrieb, und versicherte ihm, ich würde die Sache vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden ordnen.

Ich begab mich zu Agata, und ihr Mann fing an zu lachen, als ich ihm alles erzählte, was sein Kollege mir gesagt hatte.

Er ließ mich eine Vollmacht unterzeichnen, und von diesem Augenblick an übernahm er alles, indem er für meinen Prozeß und für meine Person eintrat; dem anderen Anwalt ließ er mitteilen, daß er nur noch mit ihm zu tun habe.

Die in Neapel sehr zahlreichen Paglietti leben, abgesehen von einigen ehrenvollen Ausnahmen, nur von Gaunereien, besonders auf Kosten von Fremden.

Da der Chevalier Rosbury in Neapel geblieben war, so wurde ich mit allen neuankommenden Engländern bekannt. Sie stiegen alle in den Crocielle ab; denn die Engländer sind in dieser Beziehung noch hammelhafter als die Champagner: der eine folgt dem anderen, sie ahmen einander nach, gehen alle nach demselben Ort, ziehen alle dieselbe Straße. Wir machten oft Ausflüge miteinander mit den beiden Sachsen; ich unterhielt mich sehr gut. Trotzdem wäre ich nach der Messe abgereist, wenn mich nicht meine Liebe zu Callimene zurückgehalten hätte. Ich sah das schöne Mädchen alle Tage und machte ihr Geschenke, aber sie bewilligte mir nur leichte Gunstbezeigungen.

Die Messe neigte sich ihrem Ende zu, und Agata veranstaltete den Ausflug nach Sorrent, wie sie es mir versprochen hatte. Sie bat ihren Mann, eine Frau einzuladen, die er vor ihrer Heirat geliebt hatte; dieser forderte seinerseits den schönen Pasquale Latilla auf, und damit jeder seinen Anteil hätte, lud man meine liebe Callimene ein.

Wir waren also drei Paare, und die Kosten des Ausfluges sollten von den drei Kavalieren getragen werden.

Agatas Mann behielt sich die Oberleitung des Ganzen vor.

Am Tage vor diesem Ausflug erschien zu meiner großen Überraschung Joseph, der Sohn der Cornelis und Bruder meiner geliebten Sophie.

»Wie kommen Sie denn nach Neapel, und mit wem sind Sie hier?«

»Ich bin ganz allein hier. Ich hatte Lust, Italien zu sehen, und meine Mutter hat mir diesen Wunsch erfüllt. Ich sah Turin, Mailand, Genua, Florenz, Venedig, Rom, und sobald ich das übrige Italien besucht habe, werde ich mir die Schweiz und Deutschland ansehen und mich dann in Holland einschiffen, um nach London zurückzukehren.«

»In wieviel Zeit gedenken Sie diese kleine Reise zu vollenden?«

»In sechs Monaten.«

»Und wenn Sie nach London zurückkommen,, werden Sie imstande sein, über alle Merkwürdigkeiten dieser Länder Rechenschaft abzulegen?«

»Ich hoffe, Mama zu überzeugen, daß das Geld, das diese Reise ihr kostet, nicht nutzlos ausgegeben ist.«

»Wieviel glauben Sie, daß die Reise ihr kosten wird?«

»Die fünfhundert Guineen, die sie mir gegeben hat, und nicht mehr.«

»Wie? Sie sollten sechs Monate leben, diese große Reise machen und nur fünfhundert Guineen ausgeben? Das ist unglaublich!«

»Wenn man sich die Mühe machen will, zu sparen, kann man sogar noch weniger ausgeben.«

»Das mag sein. Und an wen sind Sie denn empfohlen gewesen in all diesen Ländern, die Sie jetzt so gründlich kennen?«

»An keinen Menschen. Ich habe einen englischen Paß und lasse die Leute glauben, daß ich Engländer sei.«

»Sie haben keine Furcht vor schlechter Gesellschaft?«

»Ich setze mich solcher Gefahr nicht aus. Ich eröffne mich keinem Menschen. Wenn man das Wort an mich richtet, gebe ich nur einsilbige Antworten; in den Gasthöfen vereinbare ich stets vorher den Preis für Essen und Wohnung. Da ich nur mit der allgemeinen Post reise, so laufe ich keine Gefahr, übervorteilt zu werden.«

»Vortrefflich. Hier in Neapel werden Sie etwas sparen; denn ich werde alle Kosten für Sie übernehmen und Ihnen einen ausgezeichneten Cicerone geben, der Ihnen nichts kosten wird.«

»Sie werden mir verzeihen, wenn ich es nicht annehme; denn ich habe meiner Mutter versprochen, von keinem Menschen etwas anzunehmen.«

»Mir scheint, ich muß eine Ausnahme bilden.«

»Nein. Ich habe in Venedig Verwandte; ich habe sie besucht, aber ich habe nicht einmal ein Mittagessen von ihnen angenommen, weil ich meiner Mutter diesen Schwur getan hatte. Was ich verspreche, halte ich.«

Da ich seinen Fanatismus kannte, so drang ich nicht weiter in ihn. Der junge Mann war dreiundzwanzig Jahre alt. Er war sehr klein, und da er zugleich auch sehr hübsch war, so hätte man ihn leicht für ein verkleidetes Mädchen halten können, wenn er nicht seinen Backenbart bis an den Mund hätte wachsen lassen.

Obgleich diese Reise offenbar ein Unsinn war, mußte ich doch unwillkürlich einen gewissen Mut und einen unbestimmten Wissensdrang daran bewundern.

Als ich mich nach den Verhältnissen seiner Mutter und nach der Lage meiner Tochter erkundigte, gab er mir rückhaltlos Auskunft.

Ich erfuhr, daß die Cornelis tiefer denn je in Schulden steckte. Ihre Gläubiger ließen sie jedes Jahr fünf- oder sechsmal einsperren; sie bekam aber immer ihre Freiheit wieder, indem sie neue Bürgschaft stellte oder Vereinbarungen mit ihren Gläubigern traf, die sie aus dem Gefängnis herauslassen mußten, damit sie ihre Bälle geben konnte; denn dies war das einzige Mittel, etwas Geld zur Befriedigung der Gläubiger zu beschaffen.

Meine Tochter, damals siebzehn Jahre alt, war hübsch, talentvoll und erfreute sich der Protektion der ersten Damen von London. Sie gab Konzerte und war unglücklich durch die Kränkungen, die sie ihrer Mutter wegen erleiden mußte.

Ich fragte ihn, mit wem man Sophie habe verheiraten wollen, als man sie aus der Pension fortgenommen habe. Er antwortete mir, er wisse nicht, daß dergleichen überhaupt jemals beabsichtigt worden sei.

»Haben Sie eine Beschäftigung?«

»Nein. Meine Mutter will mich von Jahr zu Jahr mit einem Schiff voller Waren auf meine eigene Rechnung nach Indien schicken. Sie sagt, ich werde dadurch den Grund zu einem großen Vermögen legen. Aber bis jetzt ist der Augenblick niemals gekommen, und ich fürchte sehr, er wird überhaupt nicht kommen: denn um Ware zu bekommen, braucht man Geld, und meine Mutter hat nur Schulden.«

Trotz seinem Schwur überredete ich ihn endlich, sich von meinem Bedienten begleiten zu lassen, der ihm in acht Tagen alle Merkwürdigkeiten Neapels zeigte.

Es war mir unmöglich, ihn zu bewegen, noch acht Tage länger zu bleiben. Er reiste nach Rom und schrieb mir von dort aus, er habe sechs Hemden und seinen Überrock in einem Schubfach vergessen, und bitte mich ihm diese mitzubringen; seine Adresse gab er jedoch nicht an.

Er war ein Windhund mit leerem Kopf; aber mit drei oder vier Grundsätzen sehr gewöhnlicher Art versehen, durchzog er halb Europa, ohne daß ihm ein Unglück zustieß.

Ich empfing einen sehr unerwarteten Besuch von Goudar. Er wußte, in welcher Art Gesellschaft ich verkehrte, und bat mich, ihn und seine Frau zu einem Mittagessen mit den Sachsen und Engländern einzuladen. Er wußte, daß ich mit ihnen Ausflüge machte, ohne zu spielen, und sagte: »Es ist ein wahrer Mord, diese Leute nicht spielen zu lassen; denn sie sind eigens dazu gemacht, um zu verlieren.«

Ich bewunderte seine Logik und versprach, ihm diesen Gefallen zu tun, unter der ausdrücklichen Bedingung jedoch, daß nicht bei mir gespielt würde, denn ich wollte mich keiner Unannehmlichkeit aussetzen. Er war damit vollkommen zufrieden, denn er war sicher, daß seine Frau sie in seine Wohnung locken würde, wo man, wie er mir sagte, ohne jede Besorgnis spielen könnte.

Da ich am nächsten Tage nach Sorrent fahren sollte, so setzte ich das Mittagessen auf den Tag nach meiner Rückreise fest.

Dieser Ausflug nach Sorrent war für mich der letzte Tag wirklichen Glückes.

Der Advokat führte uns in ein Haus, wo wir mit aller wünschenswerten Bequemlichkeit untergebracht waren. Wir hatten vier Zimmer: eines für Agata und ihren Mann, das zweite für Callimene und die frühere Freundin des Advokaten, eine sehr liebenswürdige, obwohl schon etwas ältliche Dame, das dritte für Pasquale Latilla und das vierte für mich.

Wir besuchten den Herzog und die Herzogin von Serra Capriola und den Abbate Bettoni, nahmen jedoch weder Mittag- noch Abendessen an.

Nach dem Abendessen gingen wir früh zu Bett, und am Morgen waren wir mit Sonnenaufgang auf den Beinen und gingen spazieren, wohin ein jeder Lust hatte. Der Advokat mit seiner alten Freundin, Agata mit ihrem Pasquale, und ich mit meiner Callimene. Um zwölf Uhr waren wir alle wieder beisammen, um ein köstliches Mittagessen einzunehmen; hierauf überließen wir den Advokaten seinem süßen Mittagsschlaf, Pasquale machte einen Spaziergang mit Agata und der Freundin ihres Mannes, und ich verlor mich mit Callimene in den dichten Laubgängen, in die kein Strahl der glühenden Sonne eindringen konnte. Dort gab meine schöne Callimene mir den süßesten Lohn, nachdem sie zwei Tage lang gegen sich selber gekämpft hatte. Das schöne Kind opferte weder dem Eigennutz noch der Dankbarkeit, denn ich hatte ihr nur Kleinigkeiten geschenkt; ihre Erstlinge erhielt die Liebe, daran konnte ich nicht zweifeln. Sie gab sich mir mit überschwenglichem Gefühl hin und bereute, daß sie so lange gezögert hatte, mich glücklich zu machen.

Am vierten Tage kehrten wir in drei Kaleschen nach Neapel zurück, da der Wind sehr stark war. Callimene überredete mich, ihrer Tante zu sagen, was zwischen uns vorgefallen war, damit wir uns in voller Freiheit sehen könnten. Ich fand den Rat nach meinem Geschmack, denn ich war überzeugt, daß ich mit der Tante leicht fertig werden würde. Nachdem ich ihr ihre Nichte übergeben hatte, nahm ich sie beiseite, vertraute ihr alles an und machte ihr vernünftige Anerbietungen.

Die brave Frau nahm mein Bekenntnis sowohl wie meinen Vorschlag sehr gut auf und sagte mir: da ich etwas für ihre Nichte tun wollte, so würde sie mir bei meinem nächsten Besuch ein Verzeichnis der notwendigsten Anschaffungen geben. Ich sagte ihr, daß ich in wenigen Tagen nach Rom zurückkehren müßte und daher jeden Abend mit ihrer Nichte zu speisen wünschte. Sie fand diesen Wunsch ganz natürlich, und wir gingen zu Callimene, die sehr erfreut war, als sie von unseren Vereinbarungen erfuhr.

Um keine Zeit zu verlieren, speiste ich gleich denselben Abend bei ihr. Hierauf verbrachten wir die Nacht miteinander. Ich gewann vollends ihr Herz durch meine Liebe und indem ich ihr die Sachen kaufte, deren sie dringend bedurfte. Es waren für etwa hundert Louis Kleider und Wäsche, und diese Summe erschien mir gering im Vergleich zu meinem Glück, wennschon meine Börse recht schmal geworden war. Agata, die ich in mein Glück einweihte, war hocherfreut, es mir verschafft zu haben.

Zwei oder drei Tage später gab ich ein Mittagessen, wozu ich die Engländer, die beiden Sachsen, ihren Hofmeister Bartoldi und Goudar nebst Frau einlud.

Die Engländer und die Sachsen waren schon da, und wir erwarteten nur noch Herrn und Frau Goudar, da sah ich die Engländerin mit dem Grafen Medini eintreten. Angesichts einer solchen Unverschämtheit fühlte ich all mein Blut mir zu Kopfe steigen. Ich hatte jedoch die Kraft, mich bis zu Goudars Ankunft zu beherrschen. Ich setzte mich sofort mit ihm auseinander, denn wir hatten abgemacht, daß seine Frau mit ihm kommen sollte. Der Erzgauner brauchte Ausflüchte und suchte mich zu überzeugen, daß Medini an der Sprengung der Bank unschuldig gewesen sei; aber er verschwendete seine Beredsamkeit vergeblich.

Unser Mittagessen war köstlich und sehr heiter. Die schöne Irländerin glänzte, denn sie besaß alles, um zu gefallen: Schönheit, Anmut, Geist, Jugend, Talent und Frohsinn, und zu alledem noch ein vornehmes und zugleich liebenswürdiges Wesen, das sie unwiderstehlich machte. Diese Kellnerin wäre würdig gewesen, einen Thron einzunehmen! Das Glück ist blind!

Nach dem Essen machte ein vornehmer Russe, Herr von Buturlin, ein großer Liebhaber schöner Frauen, mir einen Besuch. Er war durch die süße Stimme der schönen Goudar angelockt worden, die ein neapolitanisches Lied zur Gitarre sang. Ich war also für meinen reichen Nachbarn nur ein Reflexspiegel; aber ich nahm ihm dies durchaus nicht übel. Buturlin verliebte sich augenblicklich in Sara, und einige Monate nach meiner Abreise besaß er sie für fünfhundert Louis, die Goudar brauchte, weil er den Befehl erhalten hatte, Neapel binnen dreimal vierundzwanzig Stunden zu verlassen.

Diese Ohrfeige erhielt er von der Königin, die entdeckt hatte, daß der König in Procida eine geheime Unterhaltung mit der Goudar gehabt hatte. Sie überraschte ihren königlichen Gemahl, wie er aus vollem Halse über einen Brief lachte, den er ihr nicht zeigen wollte.

Durch den Widerstand ihres Gemahls wurde die Neugier der Königin noch mehr erregt; sie bestand darauf, den Brief zu erhalten, und als der König schließlich nachgab, las sie folgende bezeichnende Worte:

»Ti aspettero nel medemiso luogo, ed alla stessa ora, coll' impazienza medesima che ha una vaca che desidera l'avvicinamento del toro.«

Für keusche Ohren ist das nicht zu übertragen.

»Che infamia!« rief die Königin. Kraft ihrer eigenen Machtvollkommenheit ließ Ihre Majestät dem Gatten der Kuh mitteilen, daß sie ihm drei Tage Zeit lasse, um außerhalb ihres Königreiches Stiere für sie zu finden.

Ohne dieses Ereignis wäre Herr von Buturlin nicht so billig davongekommen.

Nach meinem Diner lud Goudar die ganze Gesellschaft ein, am nächsten Abend in seinem Hause am Posilippo zu speisen. Das Mahl war prachtvoll; als aber Medini sich an einen großen Tisch setzte und die Karten ergriff, um hinter einem großen Goldhaufen Bank zu halten, fand sich niemand ein, um zu setzen. Die schöne Goudar forderte vergebens auf, Karten zu nehmen. Die Engländer und die Sachsen sagten ihr galant, sie seien bereit zu setzen, wenn sie selber die Bank halten oder mich an ihrer Stelle abziehen lassen wolle; denn sie fürchteten, wie sie sagten, die allzu glückliche Hand des Grafen.

Hierauf erkühnte Goudar sich, mir den Vorschlag zu machen, die Bank zu übernehmen und mich mit einem Viertel daran zu beteiligen. »Ich werde mich zur Hälfte beteiligen«, antwortete ich ihm, »oder gar nicht; indessen habe ich durchaus kein Vertrauen zu meinem Glück.«

Goudar sprach mit Medini; dieser fürchtete die Gelegenheit zu verlieren, irgendeinen großen Raubzug machen zu können; er stand auf, steckte seinen Anteil der Bank in die Tasche und überließ mir seinen Platz.

Ich hatte nur zweihundert Unzen in der Börse. Ich vermischte diese mit zweihundert Unzen von Goudar, und in weniger als einer Stunde war meine Bank gesprengt. Ohne mich darüber zu ärgern, ging ich zu meiner Callimene, der es nicht schwer wurde, mich zu trösten.

Da ich mich also vollkommen ohne Geld sah, so entschloß ich mich, das Gewissen des Advokaten zu erleichtern, der im Verein mit seiner Frau Agata beständig in mich drang, die Ohrgehänge wieder zu nehmen, die ich ihr in Turin geschenkt hatte. Ich sagte Agaten, ich würde mich niemals auf einen derartigen Vorschlag eingelassen haben, wenn das Glück mich nicht so arg mißhandelt hätte. Als sie meinen Entschluß ihrem Gatten mitgeteilt hatte, kam der brave Mann mit ausgebreiteten Armen aus seinem Arbeitszimmer heraus, fiel mir um den Hals, nannte mich seinen würdigen Freund und dankte mir, wie wenn ich sein Glück gemacht hätte.

Ich sagte ihm, ich wünschte den Wert des Schmuckes in barem Gelde zu erhalten, und er übernahm es, mir dieses bis zum nächsten Tage zu beschaffen. So sah ich mich von neuem im Besitz von ungefähr fünfzehntausend Franken.

Hierauf traf ich sofort meine Vorbereitungen, um nach Rom zu reisen, wo ich acht Monate zuzubringen gedachte; vor meiner Abreise lud der Advokat mich ein, in einem hübschen Kasino, das er in Portici hatte, zu Mittag zu essen.

Welche Gedanken kamen über mich, als ich mich in demselben Hause sah, wo ich vor siebenundzwanzig Jahren ein kleines Vermögen erworben hatte, indem ich den wackeren Griechen mit der falschen Vermehrung des Quecksilbers anführte. Der König war damals mit seinem ganzen Hof in Portici. Neugier lockte uns an, und wir waren Zeugen eines sehr eigentümlichen Schauspiels, das zwar höchst lächerlich war, uns aber durchaus nicht lachen machte.

Der König, der damals erst neunzehn Jahre alt war, belustigte sich mit der Königin in einem großen Saal mit allen möglichen Possenstreichen. Er bekam Lust, sich prellen zu lassen. Ein König läßt sich prellen, verwandelt sich in einen Sancho Pansa! Ohne Zweifel war das ein nicht eben alltäglicher Einfall für ein gekröntes Haupt.

Was ein König will, wird schnell von der Rotte der Schmeichler und Speichellecker ausgeführt, und Seine sizilianische Majestät wurde nach Wunsch geprellt. Aber nachdem der junge Herrscher oben in der Luft gezappelt hatte, wollte er seinerseits auf Kosten derer lachen, die er erheitert hatte. Zunächst schlug er dieses Spiel der Königin vor, die aber lachend abwehrte. Er bestand nicht weiter darauf, ebensowenig wie bei den Hofdamen; bei diesen letzteren hatte er, glaube ich, Angst, daß sie den Vorschlag annähmen.

Die alten Höflinge drückten sich voller Angst. Ich bedauerte dies sehr, denn es hätte mir das größte Vergnügen gemacht, etliche von ihnen alle Beine in die Luft strecken zu sehen, besonders den Prinzen Paul Nicander, der den König sehr schlecht erzogen hatte; denn er hatte einen wahren Lazzarone aus ihm gemacht und seinen kleinen Geist mit allen möglichen Vorurteilen vollgepfropft.

Der König ließ aber nicht locker, und da er bemerkte, daß die Alten sich aus dem Staub gemacht hatten, so blieb ihm nichts anderes übrig, als das edle Spiel den anwesenden jungen Kavalieren vorzuschlagen, die vielleicht sogar von Herzen nach dieser eigentümlichen Gunstbezeigung ihres eigentümlichen Herrn begierig waren.

Ich fürchtete diese Ehre nicht, denn ich war unbekannt und nicht vornehm genug, um sie zu verdienen.

So wurden drei oder vier junge Leute geprellt, die alle mehr oder weniger ihren Mut leuchten ließen, während die Königin sich die Seiten hielt und ihre Hofdamen und die anderen Herrschaften nach neapolitanischer Art aus vollem Halse lachten; denn in Neapel lacht man nicht verstohlen in sich hinein wie in Madrid, man lächelt nicht mit den Mundwinkeln wie in Versailles, noch weniger lacht man wie an den nordischen Höfen, wo das Lachen ein unterdrücktes Niesen ist, wo man sich auf die Lippen beißt, um nicht vor Langeweile zu gähnen. Plötzlich erblickte der König zwei iunge Kavaliere aus Florenz, die ganz frisch in Neapel angekommen waren. Sie waren da mit ihrem Hofmeister, und sie hatten alle drei herzlich gelacht, als sie das lustige Prellspiel des Königs und seiner Hofkavaliere sahen.

Der Monarch trat sehr freundlich an sie heran und schlug ihnen vor, sich prellen zu lassen.

Die beiden armen Toskaner waren von der Natur recht stiefmütterlich bedacht worden: sie waren klein, bucklig und häßlich.

Als der König ihnen den Vorschlag machte, wurden ihre kleinen Gesichter lang, und ihre Augen trübten sich; sie lagen auf der Folter. Alle Anwesenden warteten ungeduldig in tiefstem Schweigen auf die Wirkungen der Beredsamkeit des Königs. Er forderte sie wiederholt auf, sich zu entkleiden, und sagte ihnen, es stünde Ihnen übel an, noch länger Widerstand zu leisten, denn wenn es ihnen widerstrebte, sich von der Gesellschaft auslachen zu lassen, so müßten sie diesen Gedanken aufgeben; denn da er selber es zuerst getan hätte, so dürften sie sich deshalb nicht für erniedrigt halten.

Der Hofmeister begriff, daß der König keine Weigerung gelten lassen wollte; er sagte ihnen, sie könnten sich der Einladung Seiner Majestät nicht entziehen, und die beiden kleinen Affen legten ihre Röcke ab.

Beim Anblick dieser armseligen Buckligen unterbrach ein lautes Gelächter das Schweigen. Der König sagte ihnen, es sei keine Gefahr für sie dabei, nahm einen von ihnen bei der Hand und ließ ihn sich mitten auf die Decke niederlegen. Um ihn besonders zu ehren, ergriff er selber einen der Zipfel, aber dies hielt den kläglichen Kavalier nicht ab, dicke Tränen zu weinen.

Nachdem er drei- oder viermal in der Luft gezappelt hatte, zum Gaudium aller Anwesenden, die sich über den Anblick seiner langen dünnen Beine totlachen wollten, ging er in eine Ecke, um sich anzukleiden; sein jüngerer Bruder nahm mit munterem Wesen seinen Platz ein und wurde dafür durch ein Händeklatschen belohnt.

Der Gouverneur hatte Seine Majestät in Verdacht, ihm dieselbe Ehre erweisen zu wollen, an der ihm jedoch gar nichts lag. Er hatte sich heimlich aus dem Staube gemacht, und der König lachte darüber aus vollem Halse. So hatten wir umsonst ein Schauspiel, das man vergeblich sich mit schwerem Gelde zu verschaffen suchen würde.

Don Pasquale Latilla, den der König glücklicherweise nicht bemerkt hatte, erzählte uns bei Tisch eine Menge reizender Anekdoten von dem guten König; alle diese Geschichten sprachen für einen ausgezeichneten Charakter und eine unwiderstehliche Neigung zur Fröhlichkeit. Er versicherte uns, daß jeder, der mit dem König zu tun hätte, ihn lieben müßte; denn dieser wolle lieber als Freund behandelt werden, als den Ausdruck der Furcht auf den Stirnen sehen.

Niemals war er tiefer betrübt, so erzählte uns Pasquale, als wenn sein Minister Tanucci ihn zu notwendigen strengen Maßregeln veranlaßte, und niemals war er fröhlicher, als wenn er Gnade üben konnte.

Ferdinand hatte keinen Schimmer von literarischer Bildung, aber er war mit einem gesunden Menschenverstand begabt und legte den größten Wert auf wissenschaftlich gebildete Männer, sowie überhaupt auf solche, die sich durch ihr Können oder ihre Tugenden auszeichneten. Er verehrte den Minister Marco, er schätzte das Andenken an Lelio Caraffa, an die Herzöge von Matalone und hatte für einen Neffen des berühmten Genovesi in Anbetracht der Verdienste seines Oheims anständig gesorgt.

Das Glücksspiel war verboten. Eines Tages überraschte er die Offiziere seiner Schloßwache bei einer Partie Pharao. Die jungen Leute bekamen einen Schreck, als sie den König sahen, und wollten ihre Karten und ihr Geld verbergen. »Machen Sie keine Umstände!« sagte der gute König. »Nehmen Sie sich nur in acht, daß Tanucci nichts von Ihrer Kühnheit erfährt; ich für meine Person verspreche Ihnen, ihm nichts zu sagen.«

Als dieser gute König ungefähr vierzig Jahre alt war, ergriff er mit viel Verstand die Gelegenheit, sich bei seinem Volke, in ganz Italien und in einem großen Teil von Deutschland beliebt zu machen, indenm er überall seinen guten Charakter und seine Tugenden an den Tag legte.

Sein Vater liebte ihn zärtlich bis zu dem Tage, wo die Staatsraison ihn nötigte, den Befehlen des Königs von Spanien zu widersprechen und den Forderungen seiner eigenen Minister nachzugeben.

Ferdinand wußte, daß er nicht nur ein Sohn des Königs von Spanien, sondern nicht weniger auch König beider Sizilien war und daß seine Königspflichten seinen Kindespflichten vorgingen. Er hatte dem Einfluß Tanuccis zur Genüge nachgegeben.

Einige Monate nach der Unterdrückung des Jesuitenordens schrieb er seinem Vater einen Brief, dessen Anfang folgendermaßen lautete:

»Unter den Dingen, die ich nicht verstehe, finde ich besonders vier erstaunlich. Erstens: Daß man bei den gemaßregelten Jesuiten, die doch so reich sein sollten, keinen Heller findet; zweitens: daß alle Scrivani meines Königreiches reich sind, obwohl sie nach dem Gesetz keinen Lohn empfangen dürfen; drittens: daß alle jungen Frauen, die einen jungen Mann haben, früher oder später einmal schwanger werden, daß aber die meinige es niemals wird; viertens: daß jedermann am Ende seines Lebens stirbt, nur Tanucci nicht, der, wie ich glaube, bis ans Ende der Jahrhunderte leben wird.«

Der König von Spanien zeigte im Esturial diesen Brief allen seinen Ministern, um ihnen zu beweisen, daß sein Sohn, der König von Neapel, Geist hätte; er täuschte sich nicht, denn ein Mann, der so schreibt, hat Geist.

Zwei oder drei Tage nach jenem Prellfeste kam der neunzehnjährige Cavaliere Morosini nach Neapel. Er war der Neffe des Prokurators und der einzige Erbe des erlauchten Hauses; ihn begleitete sein Lehrer, Graf Stratico, Professor der Mathematik an der Universität Padua – derselbe, der mir einen Empfehlungsbrief an seinen Bruder, den Mönch in Pisa, gegeben hatte. Er stieg in den Crocielle ab, und wir freuten uns beide, uns wiederzusehen.

Der junge Venetianer reiste, um seine Erziehung zu vollenden. Er hatte drei Jahre an der Turiner Akademie verbracht, und er reiste mit einem Gelehrten, unter dessen Anleitung er alle Vorzüge sich hätte aneignen können, um in seiner Heimat die höchsten Stellen zu bekleiden und sich von der Menge des venetianischen Adels, der die Republik beherrscht, vorteilhaft zu unterscheiden. Unglücklicherweise aber fehlte dem jungen Herrn, der ein hübscher Junge, reich und geistvoll war, der gute Wille, etwas zu lernen. Er liebte die Weiber bis zur Brutalität, suchte den Umgang junger Wüstlinge und gähnte, wenn er sich in guter Gesellschaft befand. Er war ein Feind vom Studieren und dachte nur immer an neue Lustbarkeiten. Das Geld, das er erhielt, warf er zum Fenster hinaus, mehr um sich an seinem Oheim für dessen Sparsamkeit zu rächen, als aus Freigebigkeit. Er beklagte sich, daß man ihn unter Vormundschaft halten wolle, obgleich er doch mündig sei. Er hatte sich ausgerechnet, daß er monatlich achthundert Zechinen ausgeben konnte, und ärgerte sich, daß man ihn nur zweihundert ausgeben ließ. Infolgedessen gab er sich alle mögliche Mühe, um Schulden zu machen; er ließ den Grafen Stratico abfallen, wenn dieser ihm in aller Milde seine tollen Ausgaben vorwarf und ihm begreiflich zu machen suchte, daß er in Venedig nach seiner Rückkehr besonders prächtig auftreten könnte, wenn er jetzt ein wenig sparte. Dort hatte sein Oheim ihm eine ausgezeichnete Heiratspartie mit einem sehr hübschen Mädchen, der Erbin des Hauses Grimani de' Servi, vermittelt.

Zum Glück besaß der junge Kavalier eine Eigenschaft, die seinen Mentor davor bewahrte, fortwährend in einer Todesangst zu sein: er hatte die größte Abneigung gegen jede Art von Spiel.

Seitdem man meine Bank gesprengt hatte, war ich wohl noch zu Goudar gegangen, hatte aber vom Spiel nichts mehr wissen wollen. Medini war mein Todfeind geworden; er ging, wenn er mich kommen sah; aber ich tat, wie wenn ich es nicht bemerkte. An dem Tage, als ich Morosini und seinen Mentor vorstellte, war Medini anwesend; er warf sofort seinen Blick auf den jungen Mann und machte sich mit diesem bekannt; als er ihn aber unerschütterlich in seinem Entschluß, nicht zu spielen, fand, wuchs sein Haß gegen mich, weil er überzeugt war, daß ich schuld wäre, wenn der junge Herr nicht spielen wollte.

Morosini verliebte sich in Saras Reize und dachte nur daran, durch Liebe ihren Besitz zu erlangen. Er befand sich noch in jenem Stadium jugendlicher Überspanntheit, die sie ihm verhaßt gemacht haben würde, wenn er hätte ahnen können, daß er sie nur durch Aufopferung einer großen Summe gewinnen könnte.

Er hatte mir mehrere Male gesagt: »Wenn ich eine Frau, die ich liebe, bezahlen müßte, um ihre Gunst zu erlangen, so würde ich mich für so erniedrigt halten, daß ich ohne Zweifel sofort von der Liebe genesen würde, die sie mir eingeflößt hätte.«

Er behauptete nämlich, und zwar mit Recht, daß er als Mann ebensoviel wert sei wie die Goudar als Weib.

Morosini hatte also auch noch den Vorzug, sich nicht von einer Frau betrügen lassen zu wollen, die ihre Huld nur als Lohn für empfangene Geschenke gewährte. Saras Grundsätze waren den seinigen genau entgegengesetzt; denn sie verlangte, daß ihre Liebe als ein Kreditbrief aufgefaßt würde.

Stratico war hocherfreut, seinen Zögling durch diese Liebschaft beschäftigt zu sehen. Die Hauptsache war, ihn zu beschäftigen; denn wenn sein Herz müßig war, so kannte er keinen anderen Zeitvertreib als schlechte Gesellschaft und Reiten. Er ritt aber nicht spazieren wie ein Kavalier, sondern sprengte zehn oder zwölf Meilen ohne anzuhalten im Galopp dahin, und wenn er ein Pferd totritt, so machte ihm dies Spaß, weil er sich freute, daß sein Oheim, der Geizhalz, wie er ihn nannte, es bezahlen mußte.

Ich hatte mich bereits zur Abreise entschlossen, als Don Pasquale Latilla mich mit dem Abbate Galiani besuchte, den ich in Paris gekannt hatte.

Man erinnert sich vielleicht, daß ich den Bruder dieses Abbate in Sant'Agata kennen gelernt, daß ich bei ihm gewohnt und Donna Lucrezia Castelli bei ihm zurückgelassen hatte.

Ich sagte ihm, daß ich die Absicht hätte, sie zu besuchen, und fragte ihn, ob Lucrezia noch bei seinem Bruder sei.

»Sie wohnt in Salerno bei der Marchesa C., ihrer Tochter.«

Ich war entzückt über diese Nachricht, denn ohne den Besuch des Abbate würde ich niemals erfahren haben, was aus den Damen geworden war.

Ich fragte ihn, ob er die Marchesea C. kenne.

»Ich kenne nur den Marchese, er ist alt und sehr reich.«

Mehr wollte ich nicht wissen.

Ein paar Tage darauf gab Morosini ein Mittagessen. Die Gäste waren außer Stratico und mir Sara, Goudar, zwei andere junge Spieler und Medini, der immer noch den Cavaliere auf irgendeine Weise zu betrügen hoffte.

Gegen Ende der Mahlzeit war Medini aus irgendeinem Anlaß anderer Meinung als ich. Da er sich etwas ärgerlich ausdrückte, so machte ich ihn darauf aufmerksam, daß ein höflicher Mensch seine Ausdrücke zu wählen verstehen müsse.

»Das kann sein; aber von Ihnen wünsche ich keine Höflichkeit zu lernen.«

Ich tat mir Gewalt an und antwortete nicht; aber ich war es müde, die Ausfälle zu ertragen, die der Mensch sich von Zeit zu Zeit erlaubte. Er hatte vielleicht Ursache mir zu grollen; da er jedoch im Grunde unrecht hatte, so hätte er seinen Haß verbergen müssen. Ich dachte, er schriebe vielleicht meine kluge Zurückhaltung der Furcht zu und würde daher von Tag zu Tag unverschämter werden. Ich beschloß daher, ihm diese Meinung zu benehmen.

Er stand auf dem Balkon, der nach dem Meere hinausging, und trank seinen Kaffee. Mit der Tasse in der Hand trat ich auf ihn zu, und da uns niemand hören konnte, so sagte ich ihm, ich wäre es müde, seine üble Laune zu ertragen, wenn wir uns zufällig in Gesellschaft träfen.

»Sie würden mich noch viel rücksichtsloser finden, wenn wir uns unter vier Augen ohne Zeugen treffen könnten.«

»Unter vier Augen«, antwortete ich ihm mit einem spöttischen Lächeln, »wäre es mir leicht, Sie zurecht zu weisen.«

»Ich bin sehr neugierig, das zu sehen.«

»Folgen Sie mir, sobald Sie mich hinausgehen sehen. Vor allen Dingen aber kein Wort!«

»Ich werde pünktlich sein.«

Ich begab mich wieder zur Gesellschaft; eine Viertelstunde später aber ging ich hinaus und entfernte mich mit langsamen Schritten den Posilippo entlang. Bald sah ich ihn mir von ferne folgen, und da ich wußte, daß er tapfer war, so bezweifelte ich nicht mehr, daß der Handel in wenigen Augenblicken ausgetragen sein würde, denn wir hatten beide unseren Degen an der Seite.

Am Ende des Strandweges wandte ich mich nach rechts, und sobald ich mich auf freiem Felde an einem Ort sah, wo wir unseren Streit ungestört ausmachen konnten, blieb ich stehen.

Als Medini mich eingeholt hatte, glaubte ich mit ihm sprechen zu können; ich bildete mir sogar ein, daß eine Aussprache ihm angenehm sein würde; aber der brutale Mensch lief wie ein Rasender mit gezücktem Degen auf mich los.

Ich sah, daß ich in Gefahr war, ermordet zu werden. Ich erwartete ihn also festen Fußes, zog und versetzte ihm meinen geraden Stoß in demselben Augenblick, wo er, ohne zu parieren, eine Quart nach mir stieß. Unsere beiden Klingen hatten unsere Ärmel getroffen, nur mit dem Unterschied, daß bei mir nur der Rock getroffen war, während meine Klinge ihm den Arm durchbohrt hatte.

Ich legte wieder aus, und er trat zurück. Da ich bemerkte, daß seine Parade keine Kraft mehr hatte, so sagte ich ihm, ich gäbe ihm Quartier, wenn seine Wunde ihn etwa verhindern sollte, sich zu verteidigen.

Da er nicht antwortete, so drückte ich seine Klinge herunter, so daß sein Degen zur Erde fiel. Sofort setzte ich den Fuß darauf.

Schäumend vor Wut sagte er nur, diesmal hätte ich die Oberhand behalten, aber er hoffte, ich würde ihm Revanche geben.

»Sehr gern. In Rom. Und ich hoffe, dann wird meine dritte Lektion vollständiger sein als die beiden, die Sie bereits empfangen haben.«

Da ich sah, daß er viel Blut verlor, steckte ich ihm den Degen in die Scheide und verließ ihn dann, indem ich ihm riet, zu Goudar zu gehen, dessen Haus nur zweihundert Schritt entfernt lag, und sich dort verbinden zu lassen.

Ich selber ging nach den Crocielle zurück, wie wenn gar nichts los gewesen wäre. Ich fand den Cavaliere Morosini, der der schönen Sara Komplimente machte, während Goudar mit Stratico und den beiden anderen eine Quadrille spielte.

Eine Stunde darauf verließ ich die Gesellschaft, ohne von meinem Abenteuer etwas gesagt zu haben, und ging zu meiner köstlichen Callimene, um zum letzten Male mit ihr zu soupieren. Ich sah sie erst sechs Jahre später, strahlend von Schönheit und Talent, in Venedig im Theater San Benedetto wieder.

Nachdem ich mit dem reizenden Mädchen eine köstliche Nacht verbracht hatte, begab ich mich mit Tagesanbruch nach den Crocielle und fuhr um acht Uhr in einer Postkalesche ab, ohne mich von einem Menschen zu verabschieden.

In Salerno kam ich nachmittags um zwei Uhr an; sobald ich meinen Koffer in einem guten Zimmer untergebracht hatte, schrieb ich an Donna Lucrezia Castelli beim Marchese C. Ich fragte sie, ob ich ihr einen Besuch machen könnte, um Salerno sofort darauf zu verlassen, und bat sie, mir ihre Antwort zukommen zu lassen, während ich zu Mittag essen würde.

Ich saß bei Tische, als ich zu meiner außerordentlichen Freude Lucrezia selber erscheinen sah. Sie stieß einen Freudenruf aus und warf sich in meine Arme, da sie in Worten ihre Freude über dieses Wiedersehen nicht ausdrücken konnte.

Diese ausgezeichnete Frau, eine wahre Zauberin, war genau so alt wie ich, aber man hätte sie für mindestens fünfzehn Jahre jünger gehalten als mich.

Nachdem ich ihr gesagt hatte, wie ich ihren Aufenthalt erfahren, fragte ich sie nach unserer Tochter.

»Sie erwartet dich mit lebhafter Ungeduld, ebenso wie ihr Gatte, ein ehrwürdiger alter Herr, der vor Verlangen brennt, dich kennen zu lernen.«

»Woher weiß er denn von mir?«

»Leonilda hat in den fünf Jahren, seitdem sie seine Frau ist, tausendmal von dir gesprochen. Er weiß sogar, daß du ihr fünftausend Dukaten geschenkt hast. Er erwartet dich, und wir werden zusammen zu Abend speisen.«

»Laß uns sofort hingehen, meine liebe Lucrezia; denn ich sterbe vor Verlangen, meine Leonilda zu sehen und den guten Gatten, den der liebe Gott ihr beschert hat. Hat sie Kinder?«

»Nein, und das ist ein Unglück für sie, denn nach dem Tode ihres Mannes wird das ganze Vermögen an seine Verwandten fallen. Trotzdem wird Leonilda stets reich sein; denn sie hat ein gesichertes Vermögen von hunderttausend Dukaten.«

»Du hast dich niemals verheiraten wollen?«

»Nein.«

»Du bist so schön wie vor sechsundzwanzig Jahren. Wäre der Abbate Galiani nicht gewesen, so wäre ich von Neapel abgereist, ohne dich zu sehen.«

Unter solchen Gesprächen begaben wir uns in ihr Haus. Ich fand in Leonilda eine vollendete Schönheit. Sie war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt.

Die Anwesenheit ihres Gatten legte ihr keinen Zwang auf; sie empfing mich mit offenen Armen, so daß ich mich sofort heimisch fühlte.

Sie war meine Tochter, daran konnte ich nicht zweifeln, aber die Natur hatte die zärtlichsten Gefühle in mir nicht ertötet, sondern sie im Gegenteil mit der ganzen Glut der Jugend sich in meinem Herzen entfalten lassen.

Sie stellte mich ihrem Mann vor, der von einer bösen Gicht befallen war und sich nicht von seinem großen Lehnstuhl rühren konnte.

Der brave Mann nahm mit lachendem Gesicht seine Mütze ab, breitete die Arme aus und sagte: »Mein lieber Freund, umarmen Sie mich.«

Ich umarmte ihn mit herzlichem Gefühl, und als wir uns den Handschlag gaben, erkannte ich ihn als Bruder. Der Marchese hatte dies erwartet, ich aber nicht; denn ein adliger Herr von sechzig Jahren, der sich rühmen konnte, das Licht der Aufklärung erblickt zu haben, war vor dreißig Jahren etwas sehr Seltenes in den Staaten Seiner sizilianischen Majestät, geradezu eine Art von Wundertier.

Als ich neben ihm saß, umarmten wir uns noch einmal, um uns als Maurer zu begrüßen; die Damen waren ganz verblüfft, uns so befreundet zu sehen.

Donna Leonilda glaubte, wir wären schon seit langer Zeit bekannt; sie war hoch entzückt und umarmte ihren alten Gemahl, indem sie ihm ihre Freude aussprach. Der alte Herr strahlte vor Vergnügen. Lucrezia erriet die Wahrheit, biß sich aber lachend auf die Lippen und schwieg. Die schöne Marchesa verschob die Befriedigung ihrer Neugier auf später.

Der Marchese war ein vornehmer Herr, der ganz Europa bereist hatte. Er hatte viel gesehen und ans Heiraten nicht eher gedacht als bei dem Tode seines Vaters, der neunzig Jahre alt geworden war. Da er eine Rente von dreißigtausend Dukaten oder hundertzwanzigtausend Franken besaß, also in einem Lande, wo alles billig ist, sehr reich war, so bildete er sich ein, er könnte trotz seinem vorgerückten Alter noch Kinder haben. Er sah Leonilda und machte sie nach wenigen Tagen zu seiner Frau, indem er ihr ein Witwengeld von hunderttausend Dukaten aussetzte. Donna Lucrezia, die den Herzog von Matalone verloren hatte, zog zu ihrer Tochter. Der Marchese von C. konnte, obgleich er mit großer Pracht lebte, nur mit Mühe die Hälfte seiner Einkünfte ausgeben.

Er ließ alle seine Verwandten in seinem großen Palast wohnen; es waren drei Familien, die jede ihre Haushaltung für sich hatten.

Obgleich alle diese Verwandten bequem leben konnten, warteten sie mit Ungeduld auf den Tod ihres Familienoberhauptes, um sich in seine Reichtümer zu teilen. Dies betrübte den Marchese, der sie nicht liebte. Er hatte sich nur in der Hoffnung verheiratet, einen Erben zu erhalten, und er wagte einen solchen nicht mehr zu erwarten. Darum aber liebte er seine Frau nicht weniger, die ihn ihrerseits durch die Reize ihres Geistes und durch ihren liebenswürdigen Charakter beglückte.

Der Marchese und seine Frau waren Freigeister, aber davon wußte kein Mensch etwas; denn in Salerno war kein Verständnis dafür vorhanden. Der brave Mann lebte daher mit seiner Frau und Schwiegermutter allem Anschein nach als ein sehr guter Christ, indem er sich äußerlich allen Vorurteilen seiner Landsleute fügte.

Ich erfuhr dies alles drei Stunden später von Donna Lucrezia selber, als wir in einem schönen Garten spazieren gingen. Der Marchese hatte uns dorthin geschickt, nachdem dieser drei Stunden lang mit mir über interessante Dinge geplaudert hatte, die aber für die Damen kein Interesse haben konnten. Trotzdem verließen sie uns nicht einen Augenblick, denn sie waren entzückt, daß der würdige alte Herr sich freute, einmal mit jemandem sprechen zu können, der ihn verstand und seine Ansichten über Menschen und Dinge teilte.

Gegen sechs Uhr bat der Marchese Donna Lucrezia, mich in den Garten zu führen und mich bis zum Abend zu unterhalten. Er forderte seine Frau auf, bei ihm zu bleiben, da er etwas mit ihr zu besprechen hätte.

Wir befanden uns mitten im August, und die,Hitze war sehr stark. Aber ein sanfter Luftzug milderte sie im Zimmer des Erdgeschosses, worin wir uns befanden.

Da ich durch das Fenster sah, daß die Blätter der Bäume sich nicht bewegten, so mußte die Luft vollkommen ruhig sein, und ich konnte mich nicht enthalten, dem Marchese zu sagen, ich sei erstaunt, in seinem Zimmer mitten in der Sonnenglut den Frühling zu finden.

«Ihre Freundin«, antwortete er mir, »wird Ihnen dieses Geheimnis aufklären.«

Wir gingen durch eine Reihe von Gemächern und kamen nach etwa fünfzig Schritten in eine Kammer, in deren Ecke sich eine viereckige Öffnung von vier Fuß befand.

Aus dieser düsteren Öffnung kam ein sehr frischer, sogar heftiger Wind hervor. Sie befand sich über dem Ende einer Steintreppe von mehr als hundert Stufen, und diese Treppe führte zu einer Grotte, worin eine Quelle von eiskaltem Wasser entsprang.

Donna Lucrezia sagte mir, ich würde mich einer großen Gefahr aussetzen, wenn ich in diese Grotte hinunterstiege, ohne mich sehr warm anzuziehen.

»Ich bin niemals so waghalsig gewesen, um mich Gefahren dieser Art auszusetzen.«

Lord Baltimore würde darüber gelacht haben. Ich sagte meiner Freundin, daß ich mir sehr gut vorstellen könnte, wie die Sache sich verhielte, und daß ich durchaus nicht neugierig wäre, mich zu überzeugen, ob ich mich nicht täuschte.

Lucrezia lobte meine Vorsicht und führte mich in den Garten.

Dieser Garten war sehr groß; er war von dem zum gemeinsamen Gebrauch der drei verwandten Familien bestimmten getrennt. Man fand herrliche Blumen, die die Luft mit balsamischen Gerüchen erfüllten, Springbrunnen, Grotten, die mit den schönsten Muscheln ausgelegt waren, reizende Gartenhäuser mit Ottomanen und mit ebenso reicher wie geschmackvoller Einrichtung.

Ein großes, sehr tiefes Wasserbecken war mit den seltensten Fischen besetzt, die man sich durch die Wellen schlängeln sah; da sie nur zur Augenweide bestimmt waren, waren sie so zahm geworden, daß sie den Besuchern aus den Händen fraßen.

Die geschlossenen Laubgänge dieses schönen irdischen Paradieses waren von Weinreben gebildet, an denen die Trauben ebenso zahlreich waren wie die Blätter, die sie voneinander trennten; andere mit Früchten beladene Bäume bildeten zur Rechten und zur Linken den Säulengang, der die Reben stützte.

Ich sagte meiner lieben Lucrezia, die sich an meiner Überraschung weidete: ich sei durchaus nicht erstaunt, daß dieser Garten- mehr Eindruck auf mich mache als die Rebengänge von Tivoli und Frascati; denn je großartiger etwas sei, desto mehr blende es die Augen, anstatt die Seele zu rühren.

Sie sagte mir: »Meine Tochter ist vollkommen glücklich; der Marchese ist ein ausgezeichneter Mensch, der sich, abgesehen von seinen Gichtanfällen, einer vortrefflichen Gesundheit erfreut. Sein größter Schmerz ist, daß er keinen Nachfolger hat; aber er weiß diesen Kummer zu verbergen. Seine Philosophie wird auf eine harte Probe gestellt; denn unter seinen zehn oder zwölf Neffen hat er keinen einzigen gefunden, der es verdiente, wegen seiner körperlichen oder geistigen Eigenschaften von ihm ausgezeichnet zu werden. Sie sind alle häßlich, mürrisch und von plumpen Lehrern und unwissenden Priestern wie richtige Bauern erzogen worden; darum liebt der Marchese sie so wenig.«

»Aber ist denn Leonilda wirklich glücklich?«

»Sehr glücklich, obgleich sie in dem von ihr geliebten Gemahl nicht den Liebhaber findet, dessen sie in ihrem Alter bedürfte.

»Ihr Mann scheint mir wenig zur Eifersucht veranlagt zu sein.«

»Eifersüchtig ist er gar nicht, und ich bin überzeugt, wenn Leonilda einen ausgezeichneten Liebhaber gefunden hätte, so würde der Marchese mit seinem hohen Geiste diesen aufs freundschaftlichste behandeln. Auch bin ich überzeugt, daß er hoch erfreut wäre, wenn ein so schöner Boden von einem anderen befruchtet würde, da es ihm selber nicht gelungen ist, ihn zu befruchten.«

»Kann er tatsächlich die Gewißheit haben, daß er nicht der Vater sein kann, wenn sie ihm ein Kind schenkt?«

»Nein; denn wenn er gesund ist, tut er, was er kann; indessen ist augenscheinlich keine Aussicht mehr vorhanden, daß seine Zärtlichkeit glückliche Folgen haben kann. In den ersten sechs Monaten ihrer Ehe hatte meine Tochter einigen Grund zur Hoffnung; seitdem sind aber die Gichtanfälle so zahlreich und so stark geworden, daß sie befürchten muß, eine übermäßige Zärtlichkeit könne die verhängnisvollsten Folgen haben. Es macht ihr daher den größten Schmerz, wenn der Marchese zuweilen von seinem Gefühl getrieben wird, sich ihr als Gatte zu nahen.«

In meiner Bewunderung für die unverwüstliche Schönheit Lucrezias begann ich ihr die Gefühle auszusprechen, die sie von neuem in meinem Herzen erweckte; da erschien in dem Laubgang, worin wir spazieren gingen, die Marchesa mit einem Pagen und einem jungen Mädchen.

Ich begrüßte sie mit der größten Ehrerbietung, und sie beantwortete diese, wie wenn wir uns verabredet hätten, mit der adligsten Höflichkeit.

»Ich komme,« sagte sie zu mir, »um eine Angelegenheit in Ordnung zu bringen, die für mich von der größten Wichtigkeit ist; denn wenn ich mit meinen Bemühungen scheitern sollte, werde ich alle diplomatische Bedeutung verlieren, die ich in den Augen meines Gatten besitze.«

»Wer ist denn der Mensch, bei dem Sie, schöne Marchesa, fürchten können, sich ohne Erfolg zu bemühen?«

»Sie selber sind es.«

»Wenn ich es bin, so ist Ihre Sache bereits gewonnen, denn ich gebe Ihnen Vollmacht, bevor ich noch weiß, worum es sich handelt. Ich behalte mir nur einen einzigen Punkt vor.«

»Um so schlimmer; denn dieser Punkt könnte der einzige von Bedeutung sein, der Stein des Anstoßes. Nennen Sie ihn mir, bitte, bevor ich spreche.«

»Ich wollte nach Rom abreisen, da sagte Abbate Galiani mir, Donna Lucrezia sei hier bei Ihnen. Ich habe meine Maßregel getroffen, damit ein Umweg von sechzig Miglien nicht meine Geschäfte stört.«

»Kann denn eine kleine Verzögerung irgendwelchen Einfluß auf Ihr Glück üben? Sind Sie denn nicht Ihr eigener Herr? Von wem hängen Sie ab? Sie sehen, da bin ich schon mitten in meiner diplomatischen Verhandlung!«

»Rufen Sie, bitte, die Heiterkeit auf Ihr schönes Gesicht zurück. Ihre Wünsche sind Befehle, die das Glück meines Lebens nur vermehren können. Ich war bis jetzt mein eigener Herr, aber von diesem Augenblick ab bin ich es nicht mehr, denn ich stelle mich ganz und gar Ihnen zur Verfügung.«

»Vortrefflich. So befehle ich Ihnen denn, einige Tage mit uns auf einem Landgut zu verbringen, das nur anderthalb Stunden von hier liegt. Mein Mann wird sich hintragen lassen. Sie erlauben mir, in Ihren Gasthof zu schicken und Ihr Gepäck abholen zu lassen?«

»Hier ist mein Zimmerschlüssel, köstliche Marchesa. Glücklich der Sterbliche, dem Sie erlauben, Ihnen zu gehorchen.« Leonilda gab den Schlüssel dem Pagen, der ein sehr hübscher Junge war, und befahl ihm, dafür zu sorgen, daß alles nach dem Schloß gebracht würde.

Ihre Kammerjungfer oder Gesellschaftsdame war eine Blondine. Ich machte zu Leonilda über sie eine Bemerkung in französischer Sprache, ohne zu wissen, daß das Fräulein Französisch verstand; aber sie lächelte und sagte ihrer Herrin, ich hätte sie gekannt.

»Wann habe ich dieses Vergnügen gehabt, mein Fräulein?«

»Vor neun Jahren. Sie haben mehrere Male mit mir gesprochen und mich oft geärgert.«

»Aber wo denn, bitte?«

»Bei der Herzogin von Matalone, der jetzigen Prinzessin von Caramanica.«

»Das kann wohl sein, und ich glaube mich jetzt auf Sie zu besinnen; aber es tut mir leid, mein Fräulein, mich nicht erinnern zu können, daß ich Sie geärgert habe.«

Die Marchesa und ihre Mutter lachten und amüsierten sich über unser Gespräch. Sie drangen in uns, zu sagen, wie ich sie geärgert hätte; sie sagte aber nur, ich hätte sie gefoppt. Ich glaubte mich zu erinnern, daß ich ihr einige Küsse geraubt hatte, und überließ es den Damen, sich zu denken, was sie wollten.

Als Kenner des menschlichen Herzens fand ich, daß Anastasia – so hieß sie – mir sehr weit entgegen kam, indem sie mir diesen Vorwurf machte, daß sie aber zugleich sehr ungeschickt war; denn wenn sie mir wirklich noch böse war, so mußte sie schweigen und einen besseren Zeitpunkt wählen.

»Mir scheint,« sagte ich zu ihr, »Sie waren damals viel kleiner und sind seitdem auch runder geworden.«

»Ich war erst zwölf oder dreizehn Jahre alt. Sie haben sich ebenfalls sehr verändert.«

»Ja, ich bin älter geworden.«

Anastasia verließ uns, und wir sprachen von dem verstorbenen Herzog von Matalone.

Wir setzten uns in eine reizende Grotte, und da wir allein waren, so überließen wir uns dem Vergnügen, uns mit den zärtlichen Namen Papa und Tochter anzureden. Diese Namen erlaubten uns Freiheiten, die zwar unvollkommen, aber nichtsdestoweniger eigentlich verbrecherisch waren.

Die Marchesa glaubte meinen Überschwang besänftigen zu müssen, indem sie mit mir von ihrem guten Mann sprach.

Als Donna Lucrezia mich in höchster Bewegung ihre Tochter in den Armen halten und Leonilda lebhaft bewegt sah, bat sie uns, vernünftig zu sein und den Spaß nicht zu weit zu treiben; hierauf entfernte sie sich nach der anderen Seite des Gartens.

Ihre Worte im Verein mit ihrem uns so bequemen Fortgehen bewirkten das Gegenteil von dem, was sie gesagt hatte; denn obwohl wir entschlossen waren, das doppelte Verbrechen nicht zu begehen, waren wir einander so nahe, daß wir durch eine fast unwillkürliche Bewegung es vollzogen. Wenn wir mit Vorbedacht gehandelt hätten, hätten wir es nicht besser machen können.

Unbeweglich blieben wir liegen und sahen einander an, ohne die Stellung zu ändern. Ernst und stumm überließen wir uns unseren Gedanken und waren erstaunt, uns weder schuldig zu finden noch Reue zu verspüren.

Wir brachten unsere Kleider in Ordnung; die Marchesa saß wieder neben mir und nannte mich ihren lieben Gatten, während ich sie meine liebe Frau nannte.

Wir besiegelten durch die zärtlichsten Küsse das neue Band, das uns vereinte. Wir waren in unserer gegenseitigen Zärtlichkeit so versunken, daß Lucrezia hoch erfreut war, als sie uns so ruhig fand.

Leonilda und ich brauchten uns nicht zu verabreden, daß wir schweigen mußten. Donna Lucrezia war eine geistvolle Frau, aber die ganzen Umstände mußten uns verhindern, ihr etwas anzuvertrauen, was sie nicht zu wissen brauchte.

Wir waren überzeugt, daß sie uns nur darum allein gelassen hatte, um nicht Zeuge dessen zu sein, was wir nach ihrer bestimmten Annahme tun würden.

Nachdem wir uns noch eine Zeitlang unterhalten hatten, gingen wir mit Anastasia, die wir allein in der Allee wiedergefunden hatten, nach dem Schloß zurück.

Der Marchese empfing seine Frau mit großer Freude und wünschte ihr Glück zu dem Erfolge ihrer Unterhandlung. Mir schüttelte er die Hand, dankte mir und versicherte, auf dem Lande werde ich viel besser wohnen als in den Gemächern, in die man meine Koffer gebracht hätte.

»Sie werden doch nicht böse sein, liebe Schwiegermutter, daß Sie unseren Freund zum Nachbarn haben?«

»Nein, mein lieber Schwiegersohn, aber wir werden vernünftig sein, denn unsere schöne Zeit ist vorbei.«

»Ich glaube, was ich will, meine Liebe; jedenfalls würde ich dafür nicht die Hand ins Feuer legen, denn ich könnte mich verbrennen.«

Der gute alte Herr war geistreich, frohsinnig und machte gern einen Witz.

Man deckte für fünf Personen an einem großen Tisch, und als aufgetragen war, sah ich einen alten Priester eintreten, der sich mit zu Tisch setzte, ohne einen von uns anzusehen. Niemand sprach ein Wort mit ihm.

Der hübsche Page trat hinter den Stuhl der Marchesa, und zehn bis elf Lakaien liefen hin und her, um uns zu bedienen.

Da ich mittags nur meine Suppe gegessen hatte, so aß ich wie ein Menschenfresser, denn abgesehen davon, daß ich Hunger und einen ausgezeichneten Appetit hatte, besaß der Marchese einen ausgezeichneten französischen Koch.

Der Marchese kreischte vor Vergnügen, als er mich unter den leckeren Gerichten aufräumen sah, mit denen die Tafel besetzt war. Er sagte mir: das einzige, was seiner schönen Lebensgefährtin fehle, um eine ganz vollendete Frau zu sein, sei ein guter Appetit, denn sie esse ebensowenig wie ihre Mutter. Von köstlichen Weinen in fröhliche Stimmung versetzt, vergnügten wir uns nach Tisch in heiteren Gesprächen, und da wir Französisch sprachen, das der Priester nicht verstand, so entfernte er sich, nachdem er das gratias agimus gesagt hatte.

Der Marchese sagte mir, dieser Geistliche bekleide in seinem Hause seit zwanzig Jahren die Stelle des Beichtvaters, aber er habe noch niemals einem von der Familie die Beichte abgenommen. Er sagte mir, ich müßte mich in Gegenwart dieses Ignoranten in acht nehmen, aber nur, wenn ich Italienisch spräche; auf Französisch könnte ich sagen, was ich wollte.

Ich war in so lustiger Stimmung, daß ich die Gesellschaft bis ein Uhr nach Mitternacht bei Tische hielt.

Bevor wir auseinandergingen, sagte der Marchese uns, wir würden nach dem Mittagessen abfahren, und er würde eine Stunde nach uns ankommen. Er versicherte seiner Frau, er befinde sich sehr wohl und hoffe, sie zu überzeugen, daß ich ihn um zehn Jahre verjüngt habe. Leonilda umarmte ihn zärtlich und bat ihn, sich doch ja mit seiner Gesundheit in acht zu nehmen.

»Ja, ja!« antwortete der Marchese; »aber erwarte meinen Besuch!«

»Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht und in neun Monaten einen kleinen Marchese!«

»Stellen Sie den Wechsel aus!« rief er; »morgen früh werde ich ihn akzeptieren.«

»Ich verspreche dir,« sagte Leonilda, »mein möglichstes zu tun, damit du nicht Bankerott machst.«

Donna Lucrezia führte mich in mein Zimmer, übergab mich dort einem großen Lakaien und wünschte mir gute Nacht.

Ich schlief acht Stunden in einem ausgezeichneten Bett; als ich mich angekleidet hatte, führte meine Lucrezia mich zum Frühstück zu der Marchesa, die bereits bei der Toilette war.

»Kann ich ruhig den Neunmonats-Wechsel ziehen?« fragte ich.

»Es wäre wohl möglich, daß er bezahlt würde, mein lieber Freund!«

»Im Ernst?«

»Ja, allen Ernstes. Und dir wird mein guter Gatte das Glück verdanken, wonach er sich am meisten sehnt. Er hat es mir gesagt, als er vor einer Stunde mich verließ.«

»Ich werde glücklich sein, zu Ihrem beiderseitigen Glück beigetragen zu haben.«

Leonilda war frisch wie eine Rose und strahlte vor Glück. Ich hätte sie mit Küssen bedecken mögen, aber ich mußte mich zurückhalten, denn sie war von ihren Zofen umgeben, lauter jungen und hübschen Mädchen.

Um etwaigen Verdacht leichter abzulenken, machte ich Anastasia den Hof, und Leonilda tat, wie wenn sie mich ermutigte.

Ich spielte den leidenschaftlich Verliebten und konnte leicht sehen, daß es mir wenig Mühe kosten würde, erhört zu werden. Infolgedessen hielt ich mich in engen Grenzen, um nicht beim Wort genommen zu werden, denn ich fürchtete die Verlegenheit des Überflusses.

Zum Frühstück begaben wir uns zum Marchese, der bereits auf uns wartete und mich mit Beteuerungen seiner aufrichtigen Freude empfing. Seine Gesundheit wäre ausgezeichnet gewesen, wenn er nicht die Gicht gehabt hätte. Diese verhinderte ihn, sich zu bewegen, denn die leiseste Berührung machte ihm große Schmerzen.

Nach dem Frühstück hörten wir die Messe, und ich sah bei dieser Gelegenheit mehr als zwanzig männliche und weibliche Dienstboten; hierauf leistete ich dem Marchese bis zum Mittagessen Gesellschaft. Er sagte mir, er wisse meine Herzensgüte zu schätzen, die mich veranlaßt habe, ihm zuliebe die Gesellschaft seiner Frau und Schwiegermutter aufgeopfert zu haben. Er war überzeugt, daß ich immer noch in Donna Lucrezia verliebt war.

Nach dem Mittagessen fuhren wir nach seinem Landgute, ich mit den beiden Damen in einem guten Wagen, er in einer bequemen Sänfte, die von zwei Maultieren getragen wurde.

In anderthalb Stunden kamen wir nach seinem schönen und großen Schloß, das in herrlicher Gegend zwischen Vicenza und Battipaglia lag.

Da ihre Zofen noch nicht angekommen waren, führte die Marchesa mich in den Park, wo sie sich von neuem meiner neuerwachten Zärtlichkeit überließ. Wir verabredeten, daß ich in ihre Gemächer nur kommen sollte, um Anastasia den Hof zu machen; denn wir mußten es vermeiden, auch nur den geringsten Verdacht zu erregen. Diese vorgebliche Neigung mußte sogar den Marchese belustigen, dem sie natürlich davon erzählen würde. Donna Lucrezia fand diesen Plan sehr gut, denn sie wünschte nicht, daß der Marchese sich einbilden sollte, ich wäre nur ihretwegen in Salerno geblieben. Meine Zimmer stießen an die der Marchesa an, aber ich konnte nur durch das Zimmer Anastasiens zu ihr gelangen, und in diesem befand sich außer ihrer Gesellschafterin noch eine andere Kammerzofe, die noch hübscher war als sie.

Eine Stunde darauf kam der Marchese mit allen Bedienten an. In einem bequemen Tragstuhl sitzend, war er so freundlich, mir die schönsten Stellen seines Parkes zu zeigen, während seine Frau und Schwiegermutter die Einrichtung im Schloß überwachten. Nach dem Abendessen fühlte er sich sehr ermüdet und ging zu Bett, indem er mich mit den Damen allein ließ.

Nachdem wir noch einige Augenblicke geplaudert hatten, begleitete ich die Marchesa auf ihr Zimmer. Als ich sie verlassen wollte, sagte sie mir, ich könnte durch das Zimmer ihrer Zofe nach meinen Gemächern gehen. Zugleich befahl sie Anastasien, mich zu führen.

Die Höflichkeit verpflichtete mich, mich wegen eines solchen Glückes erfreut zu zeigen, und ich sagte der Schönen: »Ich hoffe, Sie werden nicht so mißtrauisch gegen mich sein, daß Sie sich einschließen, obgleich ich neben Ihnen schlafe.«

»Ich habe gegen keinen Menschen Mißtrauen, aber ich werde meine Türe schließen, weil dies meine Pflicht ist. Dieses Zimmer ist das Kabinett meiner Herrin, und ich schlafe nicht allein darin; meine Kameradin aber könnte es eigentümlich finden, wenn ich gegen meine Gewohnheit die Türe offen ließe.«

»Diese Gründe sind sehr verständig, und ich muß Ihnen beipflichten; aber, schöne Anastasia, wollen Sie sich nicht einen Augenblick zu mir setzen, damit ich mich erinnere, wie ich Sie einstmals habe ärgern können.«

»Nein, ich will mich dessen nicht mehr erinnern, und ich bitte Sie, mir zu gestatten, daß ich gehe.«

»Daran kann ich Sie nicht verhindern«, sagte ich, indem ich sie an mich zog, und nachdem ich sie geküßt hatte, was sie mir erlauben zu sollen glaubte, wünschte ich ihr gute Nacht.

Sobald sie fort war, trat mein Bedienter ein; ich sagte ihm, in Zukunft würde ich mich allein auskleiden. Am anderen Morgen erzählte die Marchesa mir lachend die ganze Unterhaltung, die ich mit Anastasia gehabt hatte. Diese hatte ihr nichts verschwiegen. Leonilda sagte: »Ich habe sie wegen ihres Widerstandes gelobt, ihr aber gesagt, sie könne Ihnen abends alle Dienste anbieten, deren Sie vielleicht bedürften.«

Leonilda verfehlte nicht, ihren Gemahl mit dieser kleinen Geschichte zu ergötzen; der gute Marchese glaubte allen Ernstes, ich sei in das Zöfchen verliebt, und neckte mich damit nach dem Essen. Am Abend ließ er sie mit uns soupieren, und so mußte ich denn mit größtmöglichem Anstande dem Mädchen gegenüber die Rolle des Verliebten spielen. Anastasia fühlte sich sehr geschmeichelt, daß ich ihr den Vorzug vor ihrer reizenden Herrin gab, und daß diese die Güte hatte, unsere gegenseitige Neigung nicht zu mißbilligen.

Dem Marchese machte diese kleine Intrige viel Spaß, denn indem er mir Gelegenheit gab, diese Komödie zu spielen, glaubte er zugleich mich zu veranlassen, meinen Aufenthalt in seinem Hause zu verlängern.

Am Abend begleitete Anastasia mich mit einer Kerze in mein Zimmer, und da sie sah, daß ich keinen Bedienten hatte, bestand sie darauf, mein Haar für die Nacht zurecht zu machen. Sie fühlte sich geschmeichelt, daß ich es nicht wagte, mich in ihrer Gegenwart zu Bett zu legen, und saß länger als eine Stunde bei mir. Da ich nicht in sie verliebt war, kostete es mir keine Mühe, den schüchternen Liebhaber zu spielen. Als sie mir gute Nacht wünschte, bemerkte sie mit Vergnügen, daß meine Küsse zärtlich, aber nicht so glühend waren wie am Tage vorher.

Am anderen Morgen sagte die Marchesa zu mir: »Wenn das, was Anastasia mir gesagt hat, wahr ist, so muß ihre Gegenwart Ihnen wohl lästig sein; denn ich weiß, wenn Sie sie liebten, so würden Sie nicht schüchtern sein.«

»Sie ist mir in keiner Weise unbequem; denn die Szenen mit ihr sind hübsch und sogar unterhaltend; aber ich wundere mich, wie du dir einbilden kannst, daß ich sie lieben kann; wir haben doch abgemacht, es sollte nur ein Spiel sein, um Späherblicke zu täuschen und Neugierige auf einen falschen Weg zu führen.«

»Anastasia glaubt, daß du sie anbetest, und es ist mir nicht unangenehm, wenn du ihr etwas Geschmack an der Galanterie beibringst.«

»Wenn ich sie dahin bringen kann, daß sie die Tür offen läßt, werde ich mich leicht zu dir begeben können, ohne daß sie davon das geringste merkt; denn wenn ich sie verlasse, nachdem ich sie amüsiert habe, wird sie nicht auf den Gedanken kommen können, daß ich in dein Zimmer gehe, anstatt in das meinige zurückzukehren.«

»Sei nur vorsichtig in allen deinen Maßregeln!«

»Sei unbesorgt; ich werde den Plan schon heute Abend einfädeln.«

Der Marchese und Lucrezia glaubten, daß ich mich wie ein verschwiegener Mann benehme; aber sie zweifelten nicht einen Augenblick daran, daß Anastasia jede Nacht bei mir schliefe, und sie freuten sich darüber.

Den ganzen Tag verbrachte ich mit dem guten Marchese, den ich dadurch glücklich machte, wie er sagte. Ich brachte ihm durchaus kein Opfer, denn ich liebte seine Ansichten und seinen Geist. Bei diesem dritten Abendessen war ich gegen Anastasia noch zärtlicher und zuvorkommender als für gewöhnlich, und sie war sehr erstaunt, als sie mich auf meinem Zimmer kühl fand; aber sie ließ sich nichts merken, sondern sagte: »Es freut mich, daß Sie ein bißchen ruhiger sind, denn beim Abendessen machten Sie mir Angst.«

»Ich denke mir, Sie glauben in Gefahr zu sein, wenn Sie mit mir allein sind.«

»Durchaus nicht; ich glaube nur, Sie sind jetzt viel vernünftiger, als Sie vor neun Jahren waren.«

»Was für Torheiten habe ich denn damals gemacht?«

»Keine Torheiten; aber Sie haben meine kindliche Unschuld nicht respektiert.«

»Ich habe Ihnen unbedeutende kleine Liebkosungen erwiesen, und das tut mir leid; denn diese sind schuld, daß Sie heute auf Ihrer Hut sein und sich in Ihrem Zimmer einschließen zu müssen glauben.«

»Ich tue das nicht aus Mißtrauen gegen Sie, sondern aus den Gründen, die Sie bereits anerkannt haben, übrigens könnte ich ja auch sagen, daß Sie aus einem gewissen Mißtrauen sich nicht zu Bett legen, solange ich bei Ihnen bin.«

»Da halten Sie mich doch für sehr eingebildet! Ich werde zu Bett gehen, aber Sie dürfen sich erst entfernen, nachdem Sie mir einen Kuß gegeben haben.«

»Das verspreche ich Ihnen.«

Ich legte mich zu Bett, und Anastasia verbrachte eine halbe Stunde an meiner Seite. Es kostete mir große Mühe, sie unberührt zu lassen; aber ich hielt mich zurück, weil ich befürchtete, sie würde der Marchesa alles erzählen.

Als sie mich verließ, gab Anastasia mir einen so heißen Kuß, daß ich mich nicht länger halten konnte; ihre Hand, von der meinigen gefühlt, zeigte ihr, welche Macht sie über meine Sinne ausüben konnte. Sie ging hinaus, und ich will die Frage nicht entscheiden, ob meine Zurückhaltung sie mehr erfreute oder ärgerte.

Ich war sehr neugierig, in welcher Weise sie das Vorkommnis der Marchesa erzählen würde, und es war mir nicht unlieb, als ich am anderen Morgen erfuhr, daß sie die Hauptsache verschwiegen hatte; denn nun wußte ich, daß sie die Türe offen lassen würde, und so versprach ich denn meiner lieben Marchesa, zwei Stunden mit ihr zuzubringen.

Als ich mich am Abend wieder mit Anastasia unterhielt, forderte ich sie auf, mir dasselbe Vertrauen zu bezeigen, das ich am Abend vorher ihr gegenüber gehabt hätte. Sie antwortete mir, das würde sie ohne Bedenken tun, unter der Bedingung, daß ich meine Kerze ausbliese und niemals meine Hand nach ihr ausstreckte. Ich versprach ihr dies und war gewiß, daß ich mein Wort halten würde, denn ich durfte mich nicht der Gefahr aussetzen, bei Leonilda eine klägliche Figur zu spielen.

Ich zog mich in aller Eile aus, ging barfuß in Anastasias Zimmer und legte mich neben sie.

In ihr langes Hemd eingehüllt, hielt sie meine Hände fest. Ich machte gar keine Anstrengungen, diese zu befreien, und sie hielt das für einen Rest von verliebter Ehrfurcht. Um ihre Kameradin nicht zu wecken, sprachen wir kein Wort. Nur unsere Lippen waren an der Arbeit und einige Bewegungen, die in dieser Lage sehr natürlich waren, mußten in ihr den Glauben erwecken, daß ich Folterqualen litte. Die halbe Stunde, die ich bei ihr verbrachte, erschien mir über alle Maßen lang, während ich annehmen durfte, daß sie für sie köstlich gewesen war; denn sie konnte sich einbilden, daß sie mit mir anstellen könnte, was sie wollte.

Als ich sie verließ, umarmte ich sie mit einer Art von Verzückung; hierauf ging ich in mein Zimmer, indem ich die Tür offen ließ. Als ich annehmen konnte, daß sie eingeschlafen wäre, ging ich auf den Fußspitzen durch ihr Zimmer und gelangte ohne Hindernis zu meiner Leonilda, die mich erwartete, mein Kommen jedoch erst bemerkte, als sie meinen Mund auf ihren Lippen fühlte.

Nachdem ich ihr einen kräftigen Beweis meiner Zärtlichkeit gegeben hatte, erzählte ich ihr alles, was zwischen mir und Anastasia vorgefallen war; hierauf erneuerte ich meine Liebestaten, die sie mit unbeschreiblicher Glut erwiderte. Ich verließ sie, nachdem wir zwei so köstliche Stunden verbracht hatten, wie die Wollust sie nur je ersinnen konnte, und wir versprachen uns, daß es nicht die letzten sein sollten. Ich kam in mein Zimmer zurück, ohne daß jemand aufwachte.

Ich stand erst mittags auf, und der Marchese und seine Frau neckten mich damit beim Mittagessen. Beim Abendessen scherzten sie darüber mit Anastasia, die sich sehr gut zu benehmen wußte. Sie sagte mir am Abend, sie würde ihre Tür nicht schließen, aber es wäre nicht gut, daß ich sie aufsuchte, denn dies wäre gefährlich; es wäre besser, wenn wir in meinem Zimmer plauderten, wo wir die Kerze nicht auszulöschen brauchten. Damit sie sicher wäre, daß sie mich nicht störte, bäte sie mich, zu Bett zu gehen.

Ich konnte nicht nein sagen, aber ich hoffte bestimmt, daß nichts vorfallen würde, was mich verhindern könnte, Leonilda aufzusuchen, nachdem Anastasia eine Stunde mit mir verbracht hätte.

Ich hatte, wie man zu sagen pflegt, die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Ich lag im Bett und hielt Anastasia in meinen Armen. Während sie mich küßte, sagte ich ihr so nebenbei, sie würde doch wohl nicht genug Vertrauen zu mir haben, um sich zu entkleiden und sich an meine Seite zu legen.

Auf diese Herausforderung antwortete sie mir mit der Frage, ob ich auch recht vernünftig sein würde.

Hätte ich mit nein geantwortet, so wäre ich ein Dummkopf gewesen. Ich sagte ihr also notgedrungen ja und beschloß augenblicklich, das hübsche Mädchen glücklich zu machen, denn es hatte in der vorhergehenden Nacht genug gegen sich selber gekämpft.

In einem Augenblick lag sie liebeglühend in meinen Armen; sie dachte nicht daran, mich aufzufordern, ihr mein Wort zu halten.

Der Appetit kommt beim Essen. Ihre Glut machte mich verliebt, und da sie all ihre Reize mir zur Schau stellte, huldigte ich ihr ununterbrochen, bis ich vor Ermattung einschlief. Anastasia verließ mich, ohne daß ich etwas davon merkte; als ich erwachte, fand ich es sehr lächerlich, der Marchesa sagen zu müssen, welches Hindernis ohne mein Zutun mich vom nächtlichen Besuch abgehalten hatte. Ich sah, daß ich Anastasias Beute geworden war; denn ich konnte sie doch nicht gut wegschicken, nachdem ich eine Stunde mit ihr getändelt hatte; außerdem hätte sie dann ihre Türe geschlossen, und ich hätte keinen Vorwand gehabt, von ihr zu verlangen, daß sie sie offen ließe. Und dann: was wäre für die Marchesa übrig geblieben, nachdem Anastasia ihren Teil erhalten hätte?

Als ich meiner Leonilda das Abenteuer erzählte, lachte sie laut auf. Sie sah, wie ich, daß ich nichts mehr für sie tun konnte. Wir fanden uns damit ab, und während der fünf oder sechs Tage, die wir noch beisammen blieben, sah ich sie nur drei- oder viermal verstohlen in den Gartenhäusern.

Ich mußte Anastasia jede Nacht in meinem Bett empfangen, und sie sah gewiß in mir einen Verräter, als ich mich weigerte, sie mit mir nach Rom zu nehmen.

Der gute Marchese bereitete mir am Tage vor meiner Reise eine eigentümliche Überraschung. Als ich mit ihm allein war, sagte er mir ohne lange Vorrede, er habe vom Herzog von Matalone erfahren, warum ich seine Frau nicht geheiratet habe, und er habe es stets bewundert, daß ich ihr die fünftausend Dukaten geschenkt habe, obwohl ich nicht reich gewesen sei.

»Diese fünftausend Dukaten,« fuhr er fort, »nebst sechs- oder siebentausend, die sie der Freigebigkeit des Herzogs verdankt, bildeten Leonildas Mitgift; ich habe ein Witwengeld von hunderttausend Dukaten hinzugefügt, so daß eine schöne Existenz ihr gesichert ist, selbst wenn ich ohne Leibeserben sterben sollte. Nachdem Sie mich nun durch Ihren Aufenthalt bei mir glücklich gemacht haben, habe ich eine Bitte an Ihre Freundschaft, nämlich, daß Sie mir gestatten, Ihnen die fünftausend Dukaten zurückzugeben, die Sie meiner Leonilda geschenkt haben. Sie selber wünscht Ihnen diesen Beweis aufrichtiger Freundschaft zu liefern. Ich habe ihren edlen Wunsch bewundert, aber die Summe muß aus meinem Geldschrank fließen. Sie hat es nicht gewagt, Ihnen dieses selber zu sagen, und Sie dürfen Ihr dieses Zartgefühl nicht übel nehmen!«

»Ich würde allerdings, mein würdiger Marchese, von Leonilda diese Summe nicht angenommen haben, aber von Ihnen nehme ich sie als ein Zeichen Ihrer Freundschaft. Diese Handlungsweise enthüllt Ihre schöne Seele, und wenn ich mich weigern wollte, so wäre dies übel angebrachter Stolz; denn ich bin nicht reich. Ich wünsche nur, daß Leonilda und ihre Mutter zugegen sind, wenn Sie mir dieses Geschenk machen.«

»Umarmen Sie mich, lieber Freund! Die Sache soll nach dem Essen abgemacht werden.«

Neapel war für mich stets der Tempel des Glücks. Wenn ich jetzt hinginge, würde ich dort verhungern. Das Glück verachtet das Alter.

Leonilda und Lucrezia weinten Freudentränen, als der gute Marchese mir die fünftausend Dukaten in Banknoten übergab und eine gleiche Summe seiner Schwiegermutter schenkte, um ihr dafür zu danken, daß sie ihm die Bekanntschaft mit mir verschafft hätte.

Der Marchese war so diskret, mir den Hauptgrund zu verschweigen. Donna Lucrezia wußte nicht, daß der Herzog von Matalone ihm enthüllt hatte, wessen Tochter Leonilda war.

Dankbarkeit stimmte meine Heiterkeit für den Rest des Tages herab, und Anastasia verbrachte an meiner Seite eine ziemlich traurige Nacht.

Am anderen Morgen um acht Uhr reiste ich ab. Ich war sehr traurig, und wir weinten alle.

Ich versprach dem guten Marchese, ihm von Rom aus zu schreiben, und kam um elf Uhr in Neapel an.

Agata, die ich sofort aufsuchte, war sehr erstaunt über mein Erscheinen und sagte mir, sie hätte geglaubt, daß ich in Rom wäre. Ihr Gatte nahm mich mit der freimütigsten Freundschaft auf, obgleich er an jenem Tage sehr leidend war.

Ich sagte ihm, ich würde mit ihm speisen, aber sofort nach Tisch abreisen, und bat ihn, mir für die Banknoten, die ich ihm übergab, einen Wechsel von fünftausend Dukaten aus Rom zu besorgen.

Da Agata sah, daß ich zur Abreise entschlossen war, so versuchte sie nicht mehr, mich zurückzuhalten, und beeilte sich, Callimene kommen zu lassen.

Das gute Mädchen war außer sich vor Freude, als sie mich wiedersah; denn sie hatte geglaubt, ich wäre seit vierzehn Tagen in Rom, und hatte nicht mehr erwartet, mich noch einmal wiederzusehen.

Mein plötzliches Verschwinden und meine unerwartete Rückkehr bildeten das Geheimnis, das die Unterhaltung bei Tisch belebte; ich ließ jedoch die allgemeine Neugier unbefriedigt.

Um drei Uhr verließ ich diese liebenswürdigen Menschen, nachdem wir uns aufs zärtlichste umarmt hatten. Ich hielt erst in Montecasino an, das ich noch niemals gesehen hatte. Es war eine glückliche Idee von mir gewesen, denn ich fand dort den Prinzen Xaver von Sachsen, der unter dem Namen eines Grafen von der Lausitz mit der Signora Spinucci reiste. Diese Dame stammte aus der Stadt Fermo, und der Prinz hatte sie halb im geheimen geheiratet. Er befand sich seit drei Tagen in Montecasino, um die Erlaubnis des Papstes für Signora Spinucci abzuwarten; denn in der Ordensregel des heiligen Benedikt war es den Frauen ausdrücklich verboten, das Kloster zu betreten, und da die Dame dies Verbot für sich nicht anerkennen wollte, so blieb dem Gatten nichts anderes übrig, als den Heiligen Vater um einen Dispens zu bitten.

Ich übernachtete in Montecasino, nachdem ich alle Merkwürdigkeiten des Ordens besehen hatte. Dann fuhr ich ohne Aufenthalt bis Rom, wo ich bei Rolands Tochter am Spanischen Platz abstieg.

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