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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume6
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid3af5d606
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Elftes Kapitel

Mein unvorsichtiges Benehmen. – Passano. – Meine Haft im Gefängnisturm. – Abreise von Barcelona. – Die Castelbajac in Montpellier. – Nimes. – Meine Ankunft in Aix in der Provence.

Obgleich mein Wirt ein ehrlicher Schweizer zu sein schien, auf dessen Verschwiegenheit ich rechnen zu können glaubte, fand ich doch Ninas Empfehlung höchst unvorsichtig. Sie war die Geliebte des Generalkapitäns, der vielleicht ein geistreicher Mann war, aber in Spanien in Sachen der Galanterie jedenfalls unbequem sein mußte. Nach ihrer eigenen Schilderung war er von hitzigem, mißtrauischem und eifersüchtigem Charakter.

Aber es war nun einmal geschehen.

Als ich aufgestanden war, stellte mein Wirt mir einen Lohndiener vor, für den er bürgte; hierauf ließ er mir ein ausgezeichnetes Mittagessen auftragen. Es war ungefähr drei Uhr, und ich hatte seit dem Morgen geschlafen.

Nach dem Essen ließ ich den Schweizer heraufkommen und fragte ihn, ob er mir den Bedienten auf Ninas Befehl besorgt habe. Er bejahte dies und sagte, ein Mietswagen halte zu meiner Verfügung vor der Tür; er habe diesen wochenweise gemietet.

»Ich wundere mich, daß Nina sich diese Mühe macht. Denn meine Ausgaben kann nur ich allein bestimmen.«

»Mein Herr, alles ist bezahlt.«

»Alles ist bezahlt? – Das werde ich nicht leiden.«

»Sie können das mit ihr abmachen; inzwischen aber können Sie sich darauf verlassen, daß ich keinen Heller von Ihnen annehmen werde.«

Ich sah sofort alles mögliche Unheil voraus; da ich aber niemals unangenehmen Gedanken nachzuhängen liebte, so beschäftigte ich mich nicht genug mit diesen.

Ich hatte einen Empfehlungsbrief vom Marques de Mora für Don Miguel de Cevallos, und einen vom Obersten Royas für Don Diego de la Secada. Ich gab sie ab; und am nächsten Tage besuchte Don Diego mich und führte mich zum Grafen Peralada. Am übernächsten Tage stellte Don Miguel mich dem Grafen von Ricla vor; dies war der Generalkapitän, Statthalter des Königs im Fürstentum Katalonien und Liebhaber Ninas.

Der Graf von Peralada war ein sehr reicher junger Herr, hübsch von Gesicht, schlecht gewachsen, ein großer Wüstling, Freund schlechter Gesellschaft, Feind der Religion, der guten Sitten und der Polizei. Er war von heftigem Charakter und sehr stolz auf seine Geburt: er stammte in gerader Linie von jenem Grafen Peralada ab, der Philipp dem Zweiten so gut gedient hatte, daß der König ihn zum Grafen »von Gottes Gnaden« ernannte. Dies stand auf einem Pergament, das unter Glas und Rahmen in seinem Vorzimmer aufgehängt war. Es war absichtlich dort angebracht, damit die Besucher während der Viertelstunde, die er sie warten ließ, es lesen konnten.

Der Graf empfing mich mit jener freien und ungezwungenen Weise, die den großen Herrn ankündigt, der auf alle Zeichen von Ehrfurcht, die er wegen seiner hohen Geburt beanspruchen zu können glaubt, freiwillig verzichtet. Er dankte Don Diego dafür, daß er mich zu ihm geführt habe, und sprach mit mir viel vom Obersten Royas. Er fragte mich, ob ich die Engländerin kennen gelernt habe, die der Oberst in Saragossa unterhalte, und als ich diese Frage bejahte, flüsterte er mir ins Ohr, er habe bei ihr geschlafen.

Nachdem er mich in seinen Stall geführt hatte, wo er herrliche Pferde hatte, lud er mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein.

Ganz anders war der Empfang, den der Generalkapitän mir bereitete: er empfing mich stehend, damit er mir keinen Stuhl anzubieten brauchte. Als ich ihn in italienischer Sprache anredete, die ihm, wie ich wußte, vertraut war, antwortete er mir auf Spanisch und redete mich mit »Ussia« an – eine Zusammensetzung von vuestra Señioria: eure Herrlichkeit, eine gebräuchliche Anrede, mit der man in Spanien sehr verschwenderisch umgeht; denn die Packträger nennen sich untereinander so – im Austausch für den Titel Exzellenz, den ich ihm selbstverständlich gab.

Er sprach mit mir viel über Madrid und beklagte sich, daß Herr von Mocenigo über Bajonne nach Paris gereist sei, statt über Barcelona, wie er es ihm versprochen habe.

Um den Gesandten zu entschuldigen, sagte ich, Herr von Mocenigo habe auf der anderen Straße etwa fünfzig Wegstunden gespart; aber der Statthalter antwortete mir, es wäre besser gewesen, wenn er sein Wort gehalten hätte.

Er fragte mich, ob ich mich in Barcelona lange aufzuhalten gedächte, und schien überrascht zu sein, als ich ihm sagte, ich würde mit seiner Erlaubnis so lange bleiben, wie es mir gefiele.

»Ich wünschte,« versetzte er, »daß es Ihnen lange hier gefiele; aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß die Vergnügungen, die mein Neffe Peralada Ihnen verschaffen kann, Sie in Barcelona in keinen guten Ruf bringen werden.«

Da der Graf Ricla diese Bemerkung in Gegenwart anderer Leute gemacht hatte, so glaubte ich sie dem Grafen Peralada bei Tische an demselben Tage wiedererzählen zu können. Er war entzückt davon und erzählte mir in ruhmredigem Ton, er habe drei Reisen nach Madrid gemacht und jedesmal vom Hofe den Befehl erhalten, nach Katalonien zurückzukehren.

Ich glaubte den indirekten Rat des Generalkapitäns befolgen zu sollen und schlug alle Einladungen zu Vergnügungspartien, sei es auf dem Lande, sei es in Peraladas Hause, höflich aus.

Am fünften Tage überbrachte ein Offizier mir eine Einladung zum Mittagessen bei dem Generalkapitän. Diese Einladung freute mich sehr; denn ich befürchtete, er möchte von meinen Beziehungen zu Nina während meines Aufenthaltes in Valencia gehört haben und mir deswegen grollen. Bei Tisch war er liebenswürdig und richtete oft das Wort an mich, aber stets in ernstem Tone und mit Vermeidung jeder scherzhaften Wendung.

Ich befand mich seit acht Tagen in Barcelona und hatte zu meinem großen Erstaunen von Nina noch nichts gehört; endlich aber schrieb sie mir einen Brief, ich möchte, zu Fuß und ohne Bedienten, an demselben Abend um zehn Uhr bei ihr vorsprechen.

Da ich in dieses Weib nicht verliebt war, so hätte ich sicherlich nicht hingehen sollen. Damit würde ich anständig und weise gehandelt haben und hätte zugleich dem Grafen Ricla einen Beweis meiner Achtung gegeben. Aber ich war, der Leser weiß es, weder weise noch vorsichtig. In meinem an Unglück so reichen Leben hatte ich doch noch nicht genug Unglück gehabt, um vernünftig zu werden.

Ich begab mich also zur bestimmten Stunde, im Überrock und nur mit meinem Degen bewaffnet, zu ihr. Ich fand sie mit ihrer Schwester zusammen, einer Person von ungefähr sechsunddreißig Jahren, die an einen italienischen Tänzer verheiratet war. Dieser hatte den Beinamen Schizza, weil er plattnäsiger war als ein Kalmücke.

Nina hatte mit ihrem Liebhaber gespeist, der sie nach seiner unabänderlichen Gewohnheit kurz vor meiner Ankunft verlassen hatte.

Sie sagte mir, sie sei hocherfreut, daß ich bei ihm gespeist habe, um so mehr, daß sie mit ihm über mich gesprochen und mich gelobt habe, daß ich ihr acht oder zehn Tage lang in Valencia so gute Gesellschaft geleistet habe.

»Vortrefflich, meine Liebe; aber mir scheint. Sie sollten mich nicht zu unschicklicher Zeit zu sich kommen lassen.«

»Das tue ich, um der Klatschsucht der Nachbarn keinen Stoff zu liefern.«

»Dazu ist das nicht das rechte Mittel; im Gegenteil, du wirst dadurch die bösen Zungen noch mehr reizen und deinem Grafen einen Floh ins Ohr setzen.«

»Er kann nichts davon wissen.«

»Er wird es erfahren.«

Um Mitternacht zog ich mich nach einer höchst anständigen Unterhaltung zurück. Ihre Schwester, die übrigens durchaus nicht zimperlich war, verließ uns keinen Augenblick, und Nina tat nichts, wodurch jene unsere vertrauten Beziehungen hätte erraten können.

An den nächsten Tagen machte ich jeden Abend den gleichen Besuch, weil sie mich darum bat. Wir ließen die Rechte des Grafen unangetastet, und darum fürchtete ich nichts. Trotzdem hätte ich nicht mehr hingehen sollen, denn ich erhielt eine Warnung. Aber mein Schicksal und mein Eigensinn trieben mich vorwärts.

Ein Offizier von der Wallonischen Garde redete mich eines Mittags an, als ich vor der Stadt allein spazieren ging. Er sagte höflich: »Ich bitte Sie, zu entschuldigen, daß ich, obwohl Ihnen unbekannt, mir die Freiheit nehme, von etwas zu sprechen, was mich selber durchaus nichts angeht, für Sie jedoch von großem Interesse ist.«

»Sprechen Sie nur, mein Herr! Ich kann Ihnen nur dankbar sein für das, was Sie mir gütigst sagen wollen.«

»Schön. Sie sind ein Fremder, mein Herr; Sie kennen vielleicht weder den Boden, worauf Sie sich befinden, noch die spanischen Sitten, und wissen infolgedessen nicht, daß Sie sich einer großen Gefahr aussetzen, indem sie jeden Abend oder vielmehr jede Nacht zu Nina gehen, sobald der Graf sie verlassen hat.«

»Was kann ich dabei riskieren? Ich möchte darauf wetten, daß der Graf es weiß, und daß er nichts Böses dabei findet.«

»Ich glaube ebenfalls, daß er es weiß, und daß er vielleicht ihr gegenüber tut, wie wenn er nichts weiß, weil er sie ebensosehr fürchtet, wie er sie liebt; aber wenn sie Ihnen sagt, der Graf nehme es nicht übel, so täuscht sie sich oder Sie; denn es ist nicht möglich, daß er sie liebt, ohne eifersüchtig zu sein, und ein eifersüchtiger Spanier...! Folgen Sie meinem Rat, mein Herr, glauben Sie mir und verzeihen Sie mir!«

»Ich danke Ihnen aufrichtig, mein Herr; aber ich werde Ihren Rat nicht befolgen, denn das wäre ein Verstoß Nina gegenüber, die meine Gesellschaft liebt, mich sehr gut aufnimmt und weiß, daß ich sie gerne besuche. Ich werde so lange hingehen, bis sie mir es verbietet, oder bis der Graf mir kundgibt, daß meine Besuche bei seiner Geliebten ihm unangenehm sind.«

»Das würde der Graf niemals tun; er würde fürchten, sich dadurch zu erniedrigen.«

Der brave Offizier erzählte mir hierauf ausführlich alle Ungerechtigkeiten und Gewaltsamkeiten, die Graf Ricla begangen hatte, seitdem er sich in diese Frau verliebt hatte, die ihn alles tun ließ, was sie wollte. Leute wurden auf den einfachen Verdacht, sie zu lieben, aus dem Dienst gejagt, andere wurden in die Verbannung geschickt, noch andere unter nichtigen Vorwänden eingekerkert. Der Graf, der ein so hohes Amt bekleidete und der vor der Bekanntschaft mit Nina ein Muster von Weisheit, Gerechtigkeit und Tugend gewesen war – er war, seitdem er sich in sie verliebt hatte, ungerecht, gewalttätig, blind geworden und gab allen Leuten ein Ärgernis.

Die Auseinandersetzungen des ehrlichen Offiziers hätten mich zur Vernunft bringen sollen; aber es war nicht der Fall. Ich sagte ihm beim Abschied aus Höflichkeit, ich würde mich allmählich von ihr trennen; aber ich dachte nicht daran, zu tun, was ich sagte.

Als ich ihn fragte, wie er erfahren hätte, daß ich zu Nina ginge, antwortete er mir lachend, das sei das Tagesgespräch in allen Kaffeehäusern der Stadt.

An demselben Abend besuchte ich Nina, ohne ihr ein Wort von unserer Unterhaltung zu sagen. Ich wäre entschuldbar gewesen, wenn ich sie geliebt hätte; da ich aber nichts für sie fühlte, so war ich – wahnsinnig.

Am 14. November ging ich um die gewöhnliche Stunde zu ihr. Ich fand bei ihr einen Mann, der ihr Miniaturen zeigte. Ich sah ihn an und erkannte den niederträchtigen Schurken Passano oder Pogomas.

Das Blut stieg mir zu Kopf; ich nahm Nina bei der Hand, führte sie in ein Nebenzimmer und sagte ihr, sie möchte augenblicklich den Gauner fortschicken, den sie bei sich hätte; sonst würde ich gehen und niemals wiederkommen.

»Es ist ein Maler.«

»Ich weiß es, ich kenne ihn; ich werde Ihnen alles sagen; aber schicken Sie ihn fort oder ich gehe.«

Nina rief ihre Schwester und trug ihr auf, dem Genueser zu befehlen, sofort ihr Haus zu verlassen und es nicht wieder zu betreten.

Der Befehl wurde sofort ausgeführt, und die Schwester berichtete mir, er habe im Hinausgehen gesagt: Se ne pentira – »er wird es bereuen!«

Eine Stunde lang erzählte ich ihnen einen Teil der Beschwerden, die ich gegen das Ungeheuer hatte.

Am nächsten Tage, dem 15. November, begab ich mich zur gewohnten Stunde zu Nina, und nachdem ich in Gegenwart ihrer Schwester zwei Stunden in heiterer Unterhaltung verbracht hatte, ging ich mit dem Schlage zwölf Uhr hinaus.

Die Haustüre befand sich unter dem Bogengang, der bis an das Ende der Straße führte.

Es war dunkel. Kaum hatte ich fünfundzwanzig Schritte unter den Steinlauben gemacht, als ich mich von zwei Männern angegriffen sah.

Schnell sprang ich zurück, zog den Degen, rief »Mörder!« und stieß meine Klinge dem nächsten in den Leib. Dann sprang ich aus dem Bogengang über die niedrige Mauer mitten auf die Straße und lief davon. Ein Schuß, den der zweite Mörder mir nachsandte, traf mich glücklicherweise nicht. Unterwegs fiel ich hin, sprang aber sofort wieder auf und lief weiter, ohne meinen Hut zu suchen, den ich bei meinem Sturze verloren hatte. Ich wußte nicht, ob ich verwundet war, aber ich lief immer weiter, den blanken Degen in der Hand, bis ich ganz außer Atem in meinem Gasthof ankam, wo ich meinen Degen vor dem Wirt auf den Schenktisch legte. Die Klinge war ganz blutig.

Ich erzählte dem guten alten Mann, was vorgefallen war; hierauf zog ich meinen Überrock aus und fand unterhalb der Achsel zwei Kugellöcher.

»Ich werde zu Bett gehen,« sagte ich zu meinem Schweizer, »und lasse Ihnen meinen Degen und meinen Überrock zurück. Morgen früh werde ich Sie bitten, mit mir vor den Richter zu gehen, um diesen Mordanfall anzuzeigen; denn wenn ein Mensch getötet H0Z sein sollte, so wird man sehen, daß ich nur in Verteidigung meines Lebens gehandelt habe.«

»Ich glaube, Sie werden besser tun, sofort abzureisen.«

»Sie glauben also, daß die Sache sich nicht so verhält, wie ich sie ihnen erzählt habe?«

«Ich glaube alles. Aber reisen Sie ab! Denn ich sehe, von wo der Streich ausgeht, und Gott weiß, was Ihnen noch geschieht!«

»Mir wird nichts geschehen; wenn ich aber abreiste, würde man mich für schuldig halten! Nehmen Sie den Degen in Verwahrung! Man hat mich ermorden wollen. Die Mörder mögen sich in acht nehmen!«

Ziemlich aufgeregt legte ich mich zu Bett; indessen war ich doch weniger aufgeregt, wie ich es nach einem solchen Ereignis hätte sein können; denn wenn ich einen Menschen getötet hatte – wie ich noch jetzt ganz bestimmt glaube – so hatte ich es nur zu meiner Selbsterhaltung getan. Mein Gewissen war ruhig.

Um sieben Uhr morgens wurde an meine Tür geklopft. Ich öffnete und sah vor mir meinen Wirt und einen Beamten in Uniform, der mir befahl, ihm alle meine Papiere zu übergeben, mich anzukleiden und ihm zu folgen; wenn ich den geringsten Widerstand leistete, würde er bewaffnete Hilfe heraufkommen lassen.

Ich antwortete ihm: »Ich habe durchaus keine Lust, Widerstand zu leisten, auch bedarf ich dessen nicht. In wessen Auftrag verlangen Sie von mir meine Papiere?«

»Auf Befehl des Gouverneurs; sie werden Ihnen zurückgegeben werden, wenn nichts Verdächtiges dabei ist.«

»Und wohin werden Sie mich bringen?«

»Auf die Zitadelle. Sie werden dort in Haft gesetzt werden.«

Ich öffnete meinen Koffer und nahm meine Wäsche und meine Kleider heraus, die ich dem Schweizer übergab. Der Beamte machte ein ganz erstauntes Gesicht, als er sah, daß der Koffer halb voll von Papieren war.

»Dies sind meine Papiere, mein Herr; andere habe ich nicht.«

Ich schloß den Koffer wieder zu und übergab ihm den Schlüssel.

Er nahm ihn und sagte zu mir: »Ich rate Ihnen, in einen Mantelsack die Sachen zu legen, die Sie für die Nacht brauchen.«

Hierauf wandte er sich zum Wirt und befahl ihm, mir ein Bett zu schicken; dann sagte er, er wünschte zu wissen, ob ich Papiere in meinen Taschen hätte.

»Nur meine Pässe.«

»Gerade Ihre Pässe«, sagte er mit einem bitteren Lächeln, »wünsche ich zu erhalten.«

»Meine Pässe sind unantastbar, ich werde sie nur dem Generalgouverneur übergeben, und Sie können sie mir nur zugleich mit meinem Leben entreißen. Haben Sie Respekt vor Ihrem König, hier ist sein Paß, hier der des Grafen Aranda und hier der des venetianischen Gesandten. In diesen Pässen wird Ihnen befohlen, mich zu respektieren. Sie bekommen Sie nur, wenn Sie mir Arme und Beine binden lassen.«

»Mäßigen Sie sich, mein Herr! Wenn Sie sie mir geben, ist das so gut, als wenn Sie sie Seiner Exzellenz übergäben. Wenn Sie sich widersetzen, werde ich Ihnen nicht Hände oder Füße binden lassen, aber ich werde Sie vor den Generalkapitän führen, und dort werden Sie gezwungen sein, sie vor allen Leuten herauszugeben. Liefern Sie sie mir gutwillig aus, und ich werde Ihnen eine Quittung darüber ausstellen.«

Mein guter Schweizer sagte mir, es wäre besser, wenn ich nachgäbe, und meine Pässe könnten mir nur günstig sein. Der Beamte gab mir eine genaue Quittung darüber; ich legte diese in meine Brieftasche, die er mir aus Gefälligkeit ließ, und ging mit ihm hinaus. Sechs Häscher, die er unter seinem Befehl hatte, folgten uns nur von ferne. Indem ich mich an die Katastrophe in Madrid erinnerte, fühlte ich mich menschlich behandelt.

Bevor wir gingen, sagte der Beamte mir, ich könne bei meinem Wirt bestellen, was ich zu meinen Mahlzeiten zu erhalten wünsche, und ich bat diesen, mir Mittag- und Abendessen nach meiner Gewohnheit zu schicken.

Unterwegs erzählte ich dem Beamten, was mir in der letzten Nacht begegnet war; er hörte mich mit großer Aufmerksamkeit an, ohne jedoch auch nur ein einziges Wort zu äußern.

In der Zitadelle übergab mein Begleiter mich dem wachthabenden Offizier, der mich in ein Zimmer im ersten Stock brachte. Dieses Zimmer hatte völlig kahle Wände, aber die Fenster waren nicht vergittert und gingen auf einen kleinen Platz hinaus.

Kaum war ich zehn Minuten dort, so brachte man mir meinen Nachtsack und ein ausgezeichnetes Bett.

Als ich allein war, überließ ich mich meinen Betrachtungen. Ich hörte mit dem auf, womit ich hätte anfangen sollen:

Was bedeutet ein solches Gefängnis, und was kann es mit meinem Abenteuer von voriger Nacht zu tun haben? Ich sehe keine Beziehungen. Man will meine Papiere prüfen; ohne Zweifel glaubt man, ich habe mit irgendeiner Verschwörung gegen die Regierung oder die Religion zu tun; ich weiß, daß ich nichts zu befürchten habe, und darum bin ich ruhig. Man gibt mir eine sehr anständige Unterkunft, versichert sich aber meiner Person jedenfalls so lange, bis man meine Papiere untersucht hat. In alledem ist nichts, was nicht in der Ordnung wäre.

Die Erstechung meines Mörders hat gar nichts damit zu tun. Selbst wenn der Schurke tot sein sollte, habe ich doch, glaube ich, von dieser Seite nichts zu fürchten.

Anderseits zeigt mir der Rat, den mein Wirt mir gestern Abend gab, daß ich alles zu fürchten habe, wenn die Menschen, die mich töten wollten, auf Befehl eines Mannes handelten, der nichts zu fürchten hat, weil ihm eine unbeschränkte Macht zu Gebote steht.

Ricla kann sich rächen, er kann mich verderben wollen; aber ich darf dies nicht annehmen.

Würde ich gut daran getan haben, dem Rate des ehrlichen Schweizers zu folgen und auf der Stelle abzureisen?

Das kann wohl sein, aber ich glaube es nicht; denn abgesehen davon, daß es meine Ehre verletzt hätte, so hätte man mich verfolgen, mich fangen und in einen schrecklichen Kerker setzen können.

Hier bin ich zwar in einem Gefängnis, befinde mich aber ganz behaglich.

Zur Durchsicht meiner Papiere sind nur drei oder vier Tage nötig, und da in ihnen nichts enthalten ist, was die Regierung oder den spanischen Stolz beleidigen könnte, so wird man sie mir zurückgeben und zugleich mit ihnen meine Freiheit, die mir um so süßer erscheinen wird, da ich ihrer für einige Augenblicke beraubt gewesen bin.

Meine Pässe können mir nur Achtung verschaffen.

Es ist nicht wahrscheinlich, daß der heute Nacht gegen mich verübte Angriff von einem tyrannischen Befehl des einzigen Mannes ausgeht, der in Barcelona einen solchen erteilen kann; denn abgesehen davon, daß ein solcher Befehl ihn entehrt hätte, so würde er mich auch jetzt nicht so sanft behandeln. Ist der Befehl von ihm ausgegangen, so hat er auch auf der Stelle erfahren, daß seinen Mordknechten der Streich mißlungen ist, und ich glaube nicht, daß ein kluger Mann wie er dann den Befehl gegeben hätte, mich zu verhaften.

Wir werden sehen.

Täte ich gut daran, an Nina zu schreiben? Aber kann man hier überhaupt schreiben?

Mit tausend solchen Gedanken beschäftigt lag ich auf meinem Bett, denn einen Stuhl hatte ich nicht. Während ich so nachdachte, ohne zu einem Entschluß kommen zu können, hörte ich ein Geräusch. Ich öffnete mein Fenster und sah zu meiner größten Überraschung den Schurken Passano, den ein Korporal und zwei Soldaten in das Gefängnis führten, das sich fünfundzwanzig Schritte von meinem Fenster entfernt im Erdgeschoß befand. Als der Spitzbube in die Tür trat, blickte er auf, bemerkte mich und fing an zu lachen.

»Aha!« sagte ich bei mir selber, »da gibt es neue Nahrung für meine Mutmaßungen. Der Schurke hat zu Ninas Schwester gesagt, ich werde es bereuen. Er wird irgendeine gräßliche Verleumdung gegen mich ausgeheckt haben, und man nimmt ihn in Haft, damit er für sie eintritt. Gut! Besseres könnte ich mir gar nicht wünschen.«

Man brachte mir ein leckeres Mittagessen, aber ich hatte weder Tisch noch Stuhl. Der Soldat, der mich zu bewachen hatte, besorgte mir beides für einen Duro.

Es war verboten, ohne besondere Erlaubnis den Gefangenen Federn und Tinte zu liefern; da aber die Vorschrift von Bleistift und Papier nichts sagte, so besorgte mein Soldat mir für mein Geld davon soviel, wie ich wollte, ferner noch Kerzen und Leuchter, und ich machte, um die Zeit totzuschlagen, geometrische Berechnungen.

Ich ließ den freundlichen Soldaten mit mir zu Abend essen, und er versprach mir, am nächsten Tage mich einem seiner Kameraden zu empfehlen, der mich treu bedienen würde. Die Wache wurde um elf Uhr abgelöst.

Am Morgen des vierten Tages trat der wachhabende Offizier mit traurigem Gesicht bei mir ein und sagte mir höflich, es tue ihm sehr leid, mir eine recht unangeneme Nachricht ankündigen zu müssen.

Eine solche hatte ich an diesem Ort nicht erwartet. »Worum handelt es sich?«

»Ich habe Befehl, Sie in das unterirdische Gefängnis des Turms zu bringen.«

»Mich?«

«Sie.«

»Man hat also in mir einen großen Verbrecher entdeckt. Gehen wir, mein Herr!«

Wir kamen in ein rundes Gefängnis, eine Art von Keller, der mit großen Steinfliesen gepflastert war. Fünf oder sechs Spalten von zwei Fuß Breite ließen ein spärliches Licht ein. Der Offizier sagte mir, ich könne befehlen, was ich zu essen wünsche, aber nur einmal am Tage; denn sonst sei es verboten, das Gefängnis zu öffnen.

»Wer wird mir Licht bringen?«

»Sie können beständig eine Lampe brennen lassen, und diese muß Ihnen genügen, denn Bücher sind nicht erlaubt. Wenn man Ihnen Ihr Essen bringt, wird der wachhabende Offizier die Pasteten und das Geflügel öffnen, um sich zu überzeugen, daß sie nichts Geschriebenes enthalten; denn hier ist es nicht erlaubt, Briefe zu empfangen oder welche zu schreiben.«

»Ist dieser Befehl eigens für mich gegeben worden?«

»Nein, mein Herr, es ist allgemeine Vorschrift. Sie werden beständig eine Schildwache bei sich haben, mit der Sie sich nach Ihrem Belieben unterhalten können.«

»Die Tür wird also offen sein?«

»O nein!«

»Und die Reinlichkeit?«

»Der Offizier, der Ihnen das Essen bringen läßt, wird einen Soldaten mitkommen lassen, der Sie für eine Kleinigkeit bedienen wird.«

»Darf ich zu meiner Unterhaltung mit Bleistift architektonische Pläne zeichnen?

»Soviel Sie wollen!«

»Wollen Sie also, bitte, befehlen, daß man mir Papier kaufe.«

»Mit Vergnügen.«

Der Offizier verließ mich mit bekümmerter Miene, indem er mich zur Geduld ermahnte, wie wenn es von mir abgehangen hätte, keine Geduld zu haben, und verschloß doppelt eine dicke Tür, hinter der ich eine Schildwache mit aufgepflanztem Bajonett sah. In dieser Tür war ein kleines, vergittertes Fenster angebracht.

Der Offizier, der mittags kam, brachte mir Papier, zerlegte ein Huhn und stocherte mit der Gabel in den Schüsseln herum, worin sich Tunke befand, um sich zu vergewissern, daß nicht etwa ein Papier auf dem Grunde läge.

Mein Essen war so reichlich, daß es für sechs genügt haben würde. Ich sagte ihm, er würde mir eine Ehre erweisen, wenn er mit mir speisen wollte, aber er antwortete mir, das sei streng verboten. Dieselbe Antwort gab er mir, als ich ihn fragte, ob ich die Zeitungen lesen dürfte.

Meine Schildwachen führten ein Götterleben, denn ich gab ihnen zu essen und bewirtete sie mit ausgezeichnetem Wein. Die armen Teufel behandelten mich denn auch mit aller erdenklichen Rücksicht.

Ich war sehr neugierig, zu erfahren, ob ich das gute Essen auf meine eigenen Kosten erhielt, aber es war mir nicht möglich, meine Neugier zu befriedigen; denn der Kellner aus dem Gasthof konnte nicht bis zu mir dringen.

In diesem Loch, worin ich zweiundvierzig Tage verbrachte, schrieb ich mit Bleistift und ohne ein anderes Hilfsmittel als mein Gedächtnis die ganze Widerlegung der Geschichte der Regierung von Venedig von Amelot de la Houssaye; die Stellen für die Zitate ließ ich frei, um sie einzufügen, wenn ich wieder in Freiheit wäre und das Werk selber vor Augen hätte.

Der Zufall fügte es, daß ich in meinem Gefängnis einen Augenblick lachen durfte, und das Lachen ist ein Vorrecht des vernunftbegabten Wesens, das oft zu wenig mit Vernunft begabt ist.

Um diese Geschichte zu erzählen, muß ich etwas weiter ausholen:

Ein Italiener, namens Tadini, kam nach Warschau, während ich mich in der polnischen Hauptstadt aufhielt. Er war an Tomatis empfohlen, und dieser empfahl ihn an mich. Dieser Tadini nannte sich einen Okulisten. Tomatis lud ihn manchmal zum Essen ein; ich, der ich damals nicht reich war, konnte ihm weiter nichts geben als gute Worte und eine Tasse Kaffee, wenn er zum Frühstück zu mir kam.

Tadini sprach überall von seinen Operationen und schimpfte auf einen anderen, seit zwanzig Jahren in Warschau ansässigen Augenarzt, weil dieser, wie er behauptete, nicht den Star zu stechen wüßte.

Der andere dagegen nannte ihn einen Scharlatan, der nicht einmal wisse, wie das Auge gebaut sei.

Tadini bat mich, zu seinen Gunsten mit einer Dame zu sprechen, die von dem anderen erfolglos operiert worden war, denn der Star war wiedergekommen.

Diese Dame war auf dem operierten Auge blind, aber mit dem anderen sah sie, und da die Geschichte heikel war, so sagte ich Tadini, ich wolle nichts damit zu tun haben.

»Ich habe mit der Dame gesprochen,« sagte der Italiener zu mir, »und habe ihr gesagt, daß Sie für mich bürgen können.«

»Daran haben Sie sehr unrecht getan, denn in solchen Dingen würde ich nicht einmal für den allergelehrtesten Menschen bürgen. Ihr Wissen aber kenne ich ja gar nicht.«

»Aber Sie wissen doch, daß ich Okulist bin.«

»Ich weiß, daß Sie als solcher bezeichnet werden; das ist aber auch alles. In Ihrem Beruf dürfen Sie keine Empfehlung von irgendeinem Menschen nötig haben; Sie müssen laut rufen: Operibus credite – glaubet meinen Werken! Das muß Ihr Wahlspruch sein.«

Er machte keine Einwendungen, legte mir aber eine Menge Zeugnisse vor, die ich vielleicht gelesen haben würde, wenn nicht das allererste, das er mir zeigte, von einer Person hergerührt hätte, die urbi et orbi verkündete, Herr Tadini habe sie vom schwarzen Star geheilt. Ich lachte ihm ins Gesicht und bat ihn, mich ungeschoren zu lassen.

Einige Tage darauf war ich mit ihm zum Essen bei der Dame mit dem grauen Star. Ich behandelte ihn freundlich und ließ ihn reden, jedoch mit der Absicht, die Dame rechtzeitig zu warnen, daß sie sich ihm nicht anvertrauen solle. Ich fand sie beinahe entschlossen, sich der Operation zu unterwerfen; da aber der Bursche mich als Zeugen angerufen hatte, so wünschte sie, daß ich bei einer Disputation zwischen ihm und dem Warschauer Okulisten zugegen wäre. Dieser kam nach Tisch.

Ich war mit dem größten Vergnügen bereit, die Gründe der beiden feindlichen Professoren anzuhören. Der Alte war ein Deutscher, sprach aber gut französisch. Er griff jedoch Tadini in lateinischer Sprache an. Dieser fiel ihm sofort ins Wort, indem er sagte, die Dame müsse doch verstehen können, was sie sagten. Dieser Meinung schloß ich mich an.

Offenbar aber verstand Tadini kein Wort Latein.

Der deutsche Augenarzt führte zunächst Gründe der Vernunft an. Er sagte: es sei allerdings wahr, daß das Stechen des grauen Stares dem Operateur und dem Operierten die Gewißheit gebe, daß der Star nicht wiederkommen werde; die Operation aber sei weniger sicher und setze außerdem den Kranken der Gefahr aus, blind zu werden, indem er die unersetzbare Kristallinse verliere.

Tadini hätte dies leugnen sollen, denn der Deutsche hatte unrecht; statt dessen beging er die Albernheit, eine kleine Schachtel hervorzuziehen, worin er kleine Kugeln hatte, die sehr schönen Kristallinsen glichen.

»Was soll das bedeuten?« fragte der alte Professor.

»Ich besitze die Kunst, diese Kügelchen anstatt der Kristallinsen in die Hornhaut einzusetzen.«

Hierüber lachte der Deutsche so laut und so anhaltend, daß die Dame sich nicht enthalten konnte, ebenfalls zu lachen. Ich hätte gerne mitgelacht, aber ich schämte mich, für einen dummen Ignoranten zu gelten, und verhielt mich schweigend.

Tadini glaubte ohne Zweifel, ich wolle mit diesem Schweigen das Lachen des Deutschen mißbilligen, und hoffte das Gewitter beschwören zu können, indem er sich an mich wandte.

Ich antwortete ihm: »Da Sie meine Meinung kennen zu lernen wünschen, so will ich sie Ihnen sagen: der Unterschied zwischen einem Zahn und der Kristallinse des Auges ist sehr groß und Sie haben unrecht, wenn Sie glauben, man könne die Kristallinse in das Auge zwischen der Netzhaut und der Hornhaut einsetzen, wie Sie vielleicht an Stelle eines ausgerissenen hohlen Zahnes einen falschen Zahn in einen Kiefer einsetzen.«

»Mein Herr, ich habe keinem Menschen je einen Zahn eingesetzt!«

»Das kann wohl sein, aber sicherlich auch keine Kristallinse.«

Als ich diese Worte sagte, stand der freche Ignorant auf und ging hinaus. Daran tat er wohl, denn was hätte er anderes machen sollen?

Wir lachten noch lange über den Mann, und die Dame nahm sich fest vor, den unverschämten Menschen, der sehr gefährlich werden konnte, nicht mehr zu empfangen. Der Professor aber glaubte, ihn nicht stillschweigend verachten zu dürfen. Er ließ ihn vor das Kollegium der Fakultät zitieren, um in einer Prüfung seine Kenntnisse von der Einrichtung des menschlichen Auges zu zeigen. Außerdem brachte er einen komischen Artikel in die Zeitungen, worin er sich über die Einsetzung einer Kristallinse zwischen Netz- und Hornhaut lustig machte; dabei zitierte er den wunderbaren Künstler, der in Warschau wäre und diese Operation mit derselben Leichtigkeit vollzöge, wie ein Zahnarzt einen falschen Zahn einsetzte.

Wütend und verzweifelt lauerte Tadini dem alten Professor in einer Straße auf; er griff ihn mit gezücktem Degen an und zwang ihn, in ein Haus zu flüchten.

Nach dieser schönen Heldentat verließ er ohne Zweifel die Stadt zu Fuß; denn man sah ihn nicht wieder.

Man stelle sich also meine Überraschung und meine Lachlust vor, als ich eines Tages durch das vergitterte Türfenster meines Calabozo, worin ich vor Langeweile umkam, den Okulisten Tadini sah, der in weißer Uniform mit aufgepflanztem Bajonett als Schildwache dastand. Ich weiß nicht, wer von uns beiden am meisten erstaunt war. Jedenfalls fiel der arme Teufel aus den Wolken, als er trotz der Dunkelheit mich endlich erkannte. Aber ihm war nicht lächerlich zumute, während ich mich nicht enthalten konnte, während der ganzen zwei Stunden bis zu seiner Ablösung aus vollem Halse zu lachen.

Nachdem ich ihm tüchtig zu essen gegeben und ihn mehrere Gläser meines ausgezeichneten Weines hatte trinken lassen, schenkte ich ihm einen Taler und versprach ihm eine gleiche Bewirtung für jedes Mal, wo er auf Posten sein würde. Er kam jedoch nur viermal wieder, denn die Soldaten rissen sich darum, tagsüber vor meinem Gefängnis Wache zu stehen.

Tadini belustigte mich, indem er mir alles Unglück erzählte, das ihm seit seinem Fortgange von Warschau widerfahren war. Nachdem er viel gereist, aber nirgendswo das Glück getroffen hatte, war er nach Barcelona gekommen, wo die katalonischen Gesetze auf seine Würde als Okulist keine Rücksicht genommen hatten. Da er keine Empfehlungen hatte und kein Universitätsdiplom besaß, so wollte man mit ihm ein Examen in lateinischer Sprache anstellen. Er weigerte sich jedoch, sich diesem zu unterziehen, indem er erklärte, die lateinische Sprache habe mit den Augenkrankheiten nichts zu schaffen. Man begnügte sich nicht, ihn wie an anderen Orten einfach auszuweisen – worin er sich gefügt hätte, zumal da er daran gewöhnt war – sondern man hatte ihn zum Soldaten gemacht.

Nachdem ich ihm Verschwiegenheit versprochen hatte, vertraute er mir an, er würde bei der nächsten Gelegenheit desertieren, wollte jedoch sicher sein, daß er nicht auf die Galeren käme.

»Und was haben Sie mit Ihren Kristallinsen gemacht?«

»Auf diese habe ich seit Warschau verzichtet, obgleich ich sicher bin, daß sie Erfolg haben müssen.«

Er hatte niemals eine praktische Erfahrung damit gemacht.

Ich habe nicht wieder von ihm sprechen hören.

Am 28. Dezember, sechs Wochen nach dem Tage meiner Verhaftung, kam der wachthabende Offizier und forderte mich auf, mich anzukleiden und ihm zu folgen.

»Wohin gehen wir?«

»Es wartet auf Sie ein Beamter des General-Kapitäns; diesem werde ich Sie übergeben.«

Ich kleidete mich in aller Eile an, und nachdem ich alle Sachen, die ich dort hatte, in einen Mantelsack gepackt hatte, folgte ich ihm.

In der Wachtstube übergab er mich demselben höflichen Beamten, der mich verhaftet hatte. Dieser führte mich nach dem Palast des Statthalters, wo ein Regierungsbeamter mir meinen Koffer zeigte und mir sagte, alle meine Papiere seien darin. Hierauf übergab er mir meine drei Pässe mit den Worten, sie seien in Ordnung.

»Das weiß ich und wußte ich.«

»Ich zweifle nicht daran, aber man hat starke Gründe gehabt, das Gegenteil zu glauben.«

»Das müssen Gründe sein, die ich mir nicht denken kann; denn, wie Sie sehen, waren diese Gründe unbegründet.«

»Sie werden begreifen, Señor, daß ich auf eine solche Bemerkung nicht antworten kann.«

»Das verlange ich auch nicht.«

»Euer Gnaden sind vollkommen gerechtfertigt; indessen erteile ich Ihnen hierdurch den Befehl, Barcelona in drei Tagen zu verlassen und Katalonien in acht.«

»Selbstverständlich werde ich gehorchen; aber ich hoffe, alle ehrlichen Leute der ganzen Welt, und Sie zu allererst, werden zugeben, daß dieser Befehl kaum dazu angetan ist, die mir widerfahrene Ungerechtigkeit wieder gut zu machen.«

»Es steht in Ihrer Macht, nach Madrid zu gehen und sich bei Hofe zu beschweren, wenn Sie Anlaß zu Klagen zu haben glauben.«

»Ich habe sehr großen Anlaß zu Klagen, mein Herr, aber ich werde nach Frankreich gehen und nicht nach Madrid: ich habe von Spanien genug. Wollen Sie mir wohl den Befehl schriftlich geben, den Sie mir erteilt haben?«

»Das ist nicht nötig. Sie haben ihn ja verstanden. Ich heiße Emanuel Badillo und bin Sekretär der Regierung. Der Herr wird Sie nach Santa Maria in dasselbe Zimmer bringen, worin er Sie verhaftet hat. Sie werden dort alles finden, was Sie zurückgelassen haben. Sie sind frei. Morgen werde ich Ihnen den von Seiner Exzellenz, dem General-Kapitän, und von mir unterzeichneten Paß schicken. Leben Sie wohl, mein Herr.«

Begleitet von dem Zivilbeamten und einem Bedienten, der meinen Koffer trug, begab ich mich nach meinem Gasthof. Unterwegs las ich die Theateranzeige für denselben Abend und sagte: »Gut, ich werde die Oper sehen.«

Mein guter Schweizer strahlte vor Freude, als er mich wiedersah, und ließ mir schnell ein gutes Feuer anzünden; denn bei dem Nordwind war es außerordentlich kalt. Er versicherte mir, kein Mensch außer ihm habe mein Zimmer betreten, und übergab mir in Gegenwart des Beamten meinen Degen, meinen Überrock und außerdem, zu meinem großen Erstaunen, meinen Hut, den ich bei meinem Sturz auf der Flucht vor den Mördern verloren hatte. Der Beamte ließ hierauf ebenfalls alles, was ich in dem Turm der Zitadelle zurückgelassen hatte, auf mein Zimmer bringen und fragte mich, ob ich irgendwelche Ansprüche an ihn hätte.

»Nicht den geringsten, mein Herr.«

»Ich wäre glücklich, wenn Sie anerkennen wollten, daß ich nur meine Pflicht getan habe und daß Sie sich nicht über mich zu beklagen haben.«

Ich streckte ihm die Hand hin und versicherte ihn meiner Achtung.

»Leben Sie wohl, mein Herr, ich wünsche Ihnen glückliche Reise.«

Diese Erzählung ist in allen Einzelheiten wahr; sie könnte, wenn das der Mühe wert wäre, von mehreren Personen bezeugt werden. Aber sie ist noch nicht zu Ende:

Ich sagte meinem guten Schweizer, ich würde um zwölf Uhr zu Mittag essen, und er müßte daran denken, mir zur Feier meiner Befreiung ein Festmahl zu rüsten; hierauf ging ich mit meinem Bedienten nach der Post, um nachzufragen, ob Briefe für mich da seien. Ich fand fünf oder sechs, die völlig unversehrt waren, worüber ich mich ebenfalls in hohem Grade verwunderte. Denn wie kann man begreifen, daß eine Behörde einen Menschen aus irgendwelchen Verdachtsgründen seiner Freiheit beraubt und sich dann selbstverständlich auch seiner Papiere bemächtigt, zugleich aber das Geheimnis der Briefe achtet, die an ihn adressiert sind? Ich glaube, schon gesagt zu haben: Spanien ist ein Land, wo alles anders ist als sonst auf der Welt.

Diese Briefe kamen von Paris, Venedig, Warschau und Madrid, und ich hatte keinen Anlaß zum Verdacht, daß die Behörde einen anderen beseitigt hätte.

Nachdem ich in meinen Gasthof zurückgekehrt war, um in aller Bequemlichkeit meine Briefe zu lesen, ließ ich meinen Wirt kommen und fragte ihn nach meiner Rechnung.

»Mein Herr, Sie sind mir nichts schuldig. Hier ist die Rechnung über Ihre Ausgaben seit Ihrer Verhaftung; wie Sie sehen, ist sie beglichen. Außerdem habe ich von derselben Seite den Befehl erhalten, Ihnen im Gefängnis und solange Sie überhaupt in Barcelona bleiben, alles zu liefern, was Sie wünschen könnten.«

»Haben Sie gewußt, wie lange Zeit ich im Gefängnis bleiben sollte?«

»Nein, mein Herr; man hat mich am Ende jeder Woche bezahlt.«

»In wessen Auftrag?«

»Das wissen Sie.«

»Haben Sie irgendeinen Brief für mich empfangen?«

»Nichts.«

»Und was ist während meiner Haft aus dem Lohndiener geworden?«

»Nach Ihrer Verhaftung zahlte ich ihm seinen Lohn und entließ ihn; jetzt habe ich in bezug auf ihn keinerlei Befehl.«

»Ich wünsche, daß der Mann mich bis Perpignan begleitet.«

»Sie haben recht, und ich glaube, Sie tun gut daran, Spanien zu verlassen, denn Gerechtigkeit werden Sie hier nicht finden.«

»Was hat man zu dem Mordanfall gesagt?«

»O, das ist sehr komisch! Man sagt, den Büchsenschuß, den man hörte, hätten Sie selber abgefeuert; ebenso hätten Sie selber Ihren Degen blutig gemacht; denn man behauptet, man habe weder einen Toten noch einen Verwundeten gefunden.«

»Das ist scherzhaft; und mein Hut?«

»Man hat ihn mir drei Tage später gebracht.«

»Welches Chaos! Aber wußte man, daß ich im Turm saß?«

»Die ganze Stadt wußte es, und man führte zwei gute Gründe dafür an, den einen öffentlich, den anderen im Vertrauen.«

»Und was sind das für Gründe?«

»Der öffentlich bekannt gegebene Grund: daß Ihre Pässe falsch wären; der Grund, den man sich ins Ohr flüsterte: daß Sie alle Nächte mit der Nina verbrächten.«

»Sie hätten bezeugen können, daß ich keine Nacht außer dem Hause geschlafen habe.«

»Das habe ich auch zu jedermann laut gesagt; aber das war einerlei: Sie gingen zu Nina, und für einen gewissen hohen Herrn ist das ein Verbrechen. Ich glaube aber jetzt, Sie haben gut daran getan, daß Sie nicht die Flucht ergriffen, wie ich es Ihnen riet; denn jetzt stehen Sie vor aller Welt gerechtfertigt da.«

»Ich will heute Abend in die Oper gehen, aber nicht ins Parkett. Ich bitte Sie, mir eine Loge für mich allein zu besorgen.«

»Sie sollen sie erhalten. Aber, mein guter Herr, Sie werden nicht zur Nina gehen, nicht wahr?«

»Nein, mein braver Mann, ich bin entschlossen, nicht mehr hinzugehen.«

Im Augenblick, wo ich mich zum Essen niedersetzen wollte, brachte ein Bankkommis mir einen Brief, der mir eine angenehme Überraschung bereitete, denn er enthielt die Wechsel, die ich in Genua dem Marchese Augustino Grimaldi de la Pietra gegeben hatte, nebst folgenden Zeilen:

Passano ersucht mich vergebens, diese Wechsel nach Barcelona zu schicken, um Sie verhaften zu lassen. Ich schicke sie, aber um sie Ihnen zu schenken und Sie dadurch zu überzeugen, daß ich nicht der Mann bin, die Leiden von Menschen zu vermehren, die ohnehin schon vom Schicksal verfolgt werden.

Genua, den 30. November 1768.

Das war der vierte Genuese, der sich gegen mich wie ein wirklicher Held betrug. Mußte ich um dieser vier braven Männer willen ihrem scheusäligen Landsmann Passano verzeihen?

Ich fühlte mich solcher Tugend nicht fähig. Ich dachte, es wäre besser, wenn ich diesen Räuber beseitigte, der über alle Genuesen Schimpf und Schande brächte; aber ich habe vergeblich gewünscht, eine Gelegenheit dazu zu finden. Einige Jahre später erfuhr ich, daß der Elende in größter Armut in seiner Heimatstadt gestorben sei.

Die hochherzige Handlungsweise des Herrn Grimaldi machte mich neugierig zu erfahren, was aus Passano geworden sei. Ich wußte, daß er als Gefangener in der Kaserne geblieben war, als man mich in den Turm brachte, und es war für mich wichtig, seinen Aufenthaltsort zu wissen, um ihn entweder wenn möglich zu vernichten, wenn er etwa imstande sein sollte, mir zu schaden, oder um gegen einen solchen Mordgesellen auf der Hut zu sein.

Ich teilte meinen Wunsch dem Wirte mit, und dieser beauftragte den Lohndiener, sich zu erkundigen.

Ich konnte aber weiter nichts entdecken, als folgendes: Ascanio Pogomas, genannt Passano, war gegen Ende November aus dem Gefängnis entlassen worden, und man hatte ihn auf eine Feluke gebracht, die nach Toulon segelte.

Ich schrieb am selben Tage einen langen Brief an Herrn Grimaldi, um ihm meine lebhafte Dankbarkeit auszudrücken. Mit solchen Gefühlen der Dankbarkeit mußte ich die tausend Zechinen bezahlen, die ich ihm schuldig war, und ihm für seine wahrhaft großmütige Handlungsweise danken; denn wenn er auf die Ratschläge meines niederträchtigen Feindes gehört hätte, hätte er mich furchtbar unglücklich machen können.

Mein Wirt hatte eine Loge auf meinen Namen genommen. Zwei Stunden darauf wurden zum großen Erstaunen der ganzen Stadt die Theaterzettel mit einer Ankündigung überklebt, worin es hieß, zwei von den Sängern seien plötzlich unwohl geworden; die angekündigte Vorstellung finde daher nicht statt, und das Theater sei bis zum 2. Januar geschlossen.

Dieser Befehl konnte nur vom Grafen Ricla ausgehen, und alle Welt erriet die Ursache.

Es tat mir sehr leid, unschuldigerweise die große Stadt ihres einzigen leidlichen Vergnügens zu berauben, und ich beschloß, überhaupt nicht auszugehen. Dies schien mir das beste Mittel, den Eifersüchtigen über seine tyrannische Willkür erröten zu machen.

Petrarca sagt:

Amor che fa gentile un cor villano.

Wenn er den Liebhaber der verruchten Nina gekannt hätte, hätte er das Gegenteil von ihr sagen können:

Amor che fa villan un cor gentile.

In einem Monat werde ich etwas mehr über diese dunkle Geschichte sagen können.

Wäre ich nicht ein bißchen abergläubisch gewesen, so wäre ich am selben Tage abgereist; aber ich wollte am letzten Tage des unglückseligen Jahres abreisen, das ich in Spanien erlebt hatte. Ich brachte also meine drei Tage damit zu, an alle meine Bekannten eine Menge Briefe zu schreiben.

Don Miguel de Cevallos, Don Diego de la Secada und der Graf von Peralada besuchten mich, ohne jedoch einander zu treffen. Dieser Herr de la Secada war ein Oheim der Gräfin A. B., die ich in Mailand gekannt hatte. Diese drei Herren erzählten mir einen sehr eigentümlichen Umstand, der ebenso sonderbar ist wie die anderen, aus denen sich meine Erlebnisse in Barcelona zusammensetzen.

Am 26. desselben Monats, also zwei Tage vor meiner Befreiung, fragte der Abbate Marquisio, Gesandter des Herzogs von Modena, den Grafen Ricla in Gegenwart vieler Leute, ob er mir einen Besuch machen könne, um mir einen Brief zu übergeben, den er mir nur persönlich zustellen könne, und den er sonst zu seinem großen Bedauern mit sich nach Madrid nehmen müsse, wohin er am nächsten Tage abreise.

Zum großen Erstaunen aller Anwesenden antwortete der Graf nichts, und der Abbate reiste wirklich am nächsten Tage ab.

Ich schrieb diesem Abbate, den ich nicht kannte; aber ich habe niemals erfahren können, was aus diesem so sorgfältig behandelten Briefe, der meine Neugier im höchsten Maße erregte, geworden ist.

Es ist sonnenklar, daß ich nur durch Willkür des armen Grafen Ricla verhaftet worden war. Nina machte sich über den Eifersüchtigen lustig, und die schöne Verbrecherin hatte sich den Spaß gemacht, ihm einzubilden, sie mache mich mit ihrer Liebe glücklich. Meine Pässe konnten nur ein Vorwand sein; denn wenn man überhaupt an ihrer Echtheit zweifelte, so hätte man sie in acht oder zehn Tagen nach Madrid schicken und wieder zurückhaben können. Wenn Passano gewußt hätte, daß ich einen Paß vom König besaß, so hätte er allerdings darauf aufmerksam machen können, daß dieser falsch wäre; denn um eine solche Ehre zu erlangen, hätte ich einen Paß vom venetianischen Botschafter beibringen müssen, und dies konnte nicht möglich sein, weil ich bei den Staatsinquisitoren in Ungnade war. Er hätte sich allerdings getäuscht, aber dies wäre entschuldbar gewesen, und es wäre ihm gelungen, mir Unannehmlichkeiten zu verursachen.

Als ich mich gegen Ende August entschlossen hatte, mich von meiner reizenden Doña Ignazia zu trennen und Madrid für immer zu verlassen, bat ich den Grafen Aranda um einen Paß. Er antwortete mir, nach der herkömmlichen Regel könne er mir einen solchen nur ausstellen, wenn ich ihm einen Paß vom venetianischen Gesandten bringe, der mir, so sagte er, einen solchen nicht verweigern könne.

Sehr zufrieden mit diesem Bescheide, begab ich mich nach dem Gesandtschaftspalast. Da Herr Querini in San Jldefonso war, sagte ich dem Türsteher, ich hätte mit dem Gesandtschaftssekretär zu sprechen.

Der Türsteher meldete mich an, aber der Geck erlaubte sich, mich nicht empfangen zu wollen. Entrüstet schrieb ich ihm, ich sei nicht Hl l in den Palast Seiner Exzellenz des venetianischen Gesandten gekommen, um seinem Sekretär meine Aufwartung zu machen, sondern um einen Paß zu verlangen, den er mir nicht verweigern könne. Ich unterzeichnete mit meinem Namen und mit meinem Titel als Doktor der Rechte und hat ihn, den Paß beim Türsteher zu hinterlegen, bei dem ich ihn am nächsten Tage abholen würde.

Am nächsten Tage fand ich mich ein, und der Türhüter sagte mir, er habe Auftrag, mir mitzuteilen, daß der Gesandte mündlich Befehl hinterlassen habe, mir keinen Paß zu geben.

Wütend schrieb ich sofort an den Marques Grimaldi und an den Herzog von Lossaba und bat sie, dem venetianischen Gesandten zu sagen, er möchte mir einen regelrechten Paß schicken, sonst würde ich die schmachvolle Ursache veröffentlichen, durch die sein Oheim Mocenigo veranlaßt worden wäre, mich in Ungnade zu stürzen.

Ich weiß nicht, ob die Herren meinen Brief dem Gesandten Querini zeigten, aber ich weiß, daß der Sekretär Olivieri mir den Paß schickte.

Auf Grund dieses Passes schickte Graf Aranda mir einen anderen Paß, der vom König unterzeichnet war.

Am letzten Tage des Jahres verließ ich Barcelona mit meinem Bedienten, der auf meiner Kalesche hinten aufsaß. Mit dem Fuhrmann hatte ich einen Vertrag gemacht, wonach ich in kleinen Tagereisen am 3. Januar 1769 in Perpignan ankommen sollte.

Mein Fuhrmann war ein Piemontese, ein braver Mann. Als ich am zweiten Tage in einem Wirtshaus an der Straße beim Mittagessen saß, trat er mit meinem Bedienten in ein Zimmer und fragte mich, ob ich vielleicht annehmen könnte, daß ich verfolgt würde.

»Das wäre wohl möglich; warum fragen Sie danach?«

»Ich sah gestern bei unserer Abfahrt aus Barcelona drei bewaffnete und übel aussehende Männer zu Fuß. Die letzte Nacht haben sie bei meinen Maultieren im Stall geschlafen. Heute haben sie hier zu Mittag gegessen und vor dreiviertel Stunden sind sie vorausgegangen. Die Leute sprachen mit keinem Menschen; sie sind mir verdächtig.«

»Was können wir tun, um nicht ermordet zu werden oder um uns von einem lästigen Verdacht zu befreien?«

»Wir können später fahren und bei einem mir bekannten Wirtshaus anhalten, das eine Wegstunde diesseits der gewöhnlichen Station liegt, wohin die Leute gegangen sein werden, um uns zu erwarten. Sehen wir sie umkehren und in demselben Wirtshaus, wo wir sind, übernachten, so wird kein Zweifel mehr sein.«

Dies schien mir richtig gedacht zu sein. Wir fuhren später als gewöhnlich ab, und ich ging fast den ganzen Weg zu Fuß. Um fünf Uhr machten wir Halt. Es war eine schlechte Herberge, aber wir sahen wenigstens die drei verdächtigen Gestalten nicht.

Als ich um acht Uhr beim Abendessen saß, trat mein Bedienter ein und sagte mir, die drei Kerle wären zurückgekommen und säßen im Stall, wo sie mit dem Fuhrmann trinken.

Meine Haare sträubten sich mir auf dem Kopf. Es war kein Zweifel mehr.

Im Gasthof hatte ich nichts zu befürchten, um so mehr aber an der Grenze, wo wir in der Dämmerung des nächsten Tages ankommen mußten. Ich ermahnte meinen Bedienten, sich nichts merken zu lassen, und befahl ihm, dem Fuhrmann Bescheid zu sagen, daß er mit mir sprechen möchte, sobald die drei Mörder schliefen. Um zehn Uhr kam der brave Mann und sagte mir ohne alle Umschweife, die drei Kerle würden uns ermorden, sobald wir an der französischen Grenze wären. »Sie haben mit Ihnen getrunken?«

»Ja, nachdem wir einige Flaschen geleert hatten, die ich bezahlte, fragte einer von ihnen mich, warum ich nicht bis zur nächsten Station gefahren wäre, wo Sie doch bessere Unterkunft gefunden hätten. Ich antwortete ihm, es wäre Ihnen zu kalt gewesen und wir hätten uns verspätet gehabt. Ich hätte sie fragen können, warum sie nicht selber dort geblieben wären und wohin sie gingen. Ich habe mich aber wohl gehütet und sie nur gefragt, ob die Straße bis Perpignan gut sei. Sie haben mir geantwortet, sie sei ausgezeichnet.«

»Was tun sie jetzt?«

»Sie schlafen, in ihre Mäntel eingewickelt, neben meinen Maultieren.«

»Was sollen wir tun?«

»Wir werden vor Tagesanbruch abfahren, jedoch selbstverständlich erst nach ihnen, und werden auf der gewöhnlichen Haltestelle zu Mittag essen. Von diesem Augenblicke an verlassen Sie sich nur auf mich: wir fahren nach ihnen ab, ich werde in gutem Trabe einen anderen Weg einschlagen, und um Mitternacht sind wir heil und gesund in Frankreich. Sie können sich auf meine Worte verlassen.«

Hätte ich eine Bedeckung von vier bewaffneten Männern erhalten können, so würde ich den Rat des Piemontesen nicht befolgt haben. Aber in der Lage, in der ich mich befand, konnte ich nichts Besseres tun, als ihm folgen.

Wir fanden die drei Halunken an dem von meinem Fuhrmann mir bezeichneten Ort. Ich sah sie scharf an. Sie sahen wie richtige Halsabschneider aus, die für ein paar kleine Münzen den ersten besten töten würden.

Eine Viertelstunde darauf brachen sie auf. Eine halbe Stunde später kehrte mein braver Fuhrmann um und nahm einen Bauern als Führer an; mein Bedienter hatte sich in den Wagen neben mich gesetzt, der Bauer stieg hinten auf, um dem Kutscher Bescheid zu sagen, wenn er sich im Wege irren sollte. Er bog in einen Seitenweg ein und ließ seine Maultiere fortwährend traben, so daß wir in sieben Stunden elf französische Meilen machten. Um zehn Uhr kamen wir an ein gutes Wirtshaus in einem großen Dorf des lieben Frankreichs, wo wir nichts mehr zu befürchen hatten. Ich schenkte dem Führer eine Dublone, so daß er mit diesem guten Nebengeschaft sehr zufrieden war, und gab mich selber in einem ausgezeichneten französischen Bett einem köstlichen Schlummer hin. Hoch Frankreich für seine guten Betten und für seine köstlichen Weine!

Am nächsten Tage kam ich zur Essenszeit vor dem Gasthof zur Post in Perpignan an. Nun erst war ich ganz sicher, mein Leben gerettet zu haben; ich verdankte es meinem ehrlichen Fuhrmann.

Ich zerbrach mir den Kopf, um zu erraten, wer die Räuber bezahlt haben könnte. Bald wird der Leser sehen, wie ich zwanzig Tage später dies erfuhr.

In Perpignan entließ ich meinen Bedienten, den ich ebenso wie meinen braven Fuhrmann so reichlich belohnte, wie es mir in Anbetracht meiner damaligen Mittel möglich war. Hierauf schrieb ich meinem Bruder nach Paris und teilte ihm mit, daß ich den Nachstellungen von drei Mördern glücklich entronnen sei. Ich bat ihn, mir nach Aix in der Provence zu antworten, wo ich in der Hoffnung, den Marquis d'Argens zu treffen, vierzehn Tage zu verbringen gedachte.

Ich verließ Perpignan am Tage nach meiner Ankunft und übernachtete in Narbonne; den Tag daraus fuhr ich bis Béziers.

Von Narbonne bis Béziers sind nur fünf französische Meilen, und es war nicht meine Absicht gewesen, hier die Tagereise zu beschließen; aber, wie mein Leser weiß, hat gutes Essen immer einen verführerischen Reiz für mich gehabt. Diese Leidenschaft wird Gott sei Dank nicht mit dem Alter schwächer, wie die andere so süße Leidenschaft, die sich zu einer Qual verwandelt, wenn das Alter uns unsere körperlichen Kräfte genommen hat. Das gute Essen also, das ausgezeichnete Essen, das die liebenswürdigste aller Wirtinnen mir zu Mittag vorsetzte, veranlaßte mich, mit ihr und ihrer ganzen Familie zu Abend zu essen.

Béziers ist eine Stadt, deren herrliche Lage man auch in der schlechten Jahreszeit mit Vergnügen sieht. Keine Stadt eignet sich so sehr zur Alterszuflucht für einen Philosophen, der auf alle Eitelkeiten der Erde verzichtet hat, oder für einen wollüstigen Epikuräer, der alle Freuden der Sinne genießen möchte, ohne reich zu sein.

Der Geist ist ein einheimisches Produkt dieses Landes; alle Welt hat Geist; das weibliche Geschlecht ist schön, und man ißt ausgezeichnet für einen bescheidenen Preis. Wie man weiß, sind die Weine köstlich und billig. Was kann man mehr wünschen? Hoffentlich wird die Gegend nicht durch zu großen Fremdenzustrom verdorben, und vielleicht werde ich eines Tages ... Aber verlieren wir uns nicht in eitle Pläne!

Nachdem ich in Pézénas übernachtet hatte, kam ich in Montpellier an und stieg im Gasthof zum weißen Roß ab, mit der Absicht, acht Tage in der Stadt zu verbringen. Am Abend speiste ich an der Wirtstafel; die Gesellschaft war zahlreich, und ich bemerkte mit Vergnügen, daß ebenso viele Schüsseln auf dem Tisch standen, wie Esser vorhanden waren. Nirgendwo in Frankreich, selbst in Béziers nicht, ißt man besser als in Montpellier. Es ist ein wahres Schlaraffenland.

Am nächsten Morgen ging ich zum Frühstück ins Kaffeehaus. Dies ist eine göttliche Einrichtung, die man nur in Frankreich gut antrifft, wo man überhaupt sich auf Lebenskunst besser versteht als in allen anderen Ländern. Ich knüpfte mit einem der Gäste ein Gespräch an, und als er erfuhr, daß ich ein Fremder sei und Professoren kennen zu lernen wünschte, erbot er sich, mich selber zu einem der berühmtesten zu führen.

Diese Dienstwilligkeit ist auch wieder eine von den herrlichen Eigenschaften des französischen Charakters. Die französische Nation ist überhaupt in mancher Hinsicht allen anderen überlegen, trotz ihren zahlreichen Fehlern, die man vielleicht zu sehr übertrieben hat. Für einen Franzosen in seinem Lande ist ein Fremder ein geheiligtes Wesen; überall empfängt ihn Gastfreundschaft im besten Sinne des Wortes – nicht jene Gastfreundschaft, die darin besteht, dem Gast die Füße zu waschen, ihm einen Platz am Tisch und am Kamin zu geben, sondern jene Herzlichkeit, jene feine Zuvorkommenheit, die es ihm behaglich macht und es ihm erleichtert, alles kennen zu lernen, was ihn interessieren kann.

Mein neuer Bekannter stellte mich dem Professor vor, der mich mit jener Freundlichkeit empfing, die nach der Meinung der französischen Gelehrten mit Recht für die schönste Blume in Apollos Kranz angesehen wird. Der wahre Gelehrte muß der Freund aller sein, die die Wissenschaft lieben, und er ist es in Frankreich noch mehr als in Italien. In Deutschland ist der Gelehrte geheimtuerisch und zurückhaltend. Er glaubt sich zu sehr verpflichtet, als ganz anspruchslos zu erscheinen, während für ein schwaches Auge der Dünkel überall hervorsieht; dieses Vorurteil verhindert ihn, sich die Freundschaft der Fremden zu erwerben, die ihn aufsuchen, um ihn in der Nähe zu bewundern und die Milch seiner Weisheit zu saugen.

In Montpellier war damals eine ausgezeichnete Schauspielertruppe. Ich ging noch an demselben Abend ins Theater, und meine Seele weitete sich vor Glück, weil ich mich wieder in der wohltuenden Luft Frankreichs befand, nachdem ich in Spanien so viele Leiden ausgestanden hatte. Mir war, als sei ich eben wiedergeboren; ich fühlte mich verjüngt, aber auch verwandelt, denn ich hatte auf der Bühne mehrere Schauspielerinnen von reizender Anmut, Jugend und Schönheit gesehen; und doch hatten sie keinerlei Wunsch in mir erregt, und das war mir angenehm.

Ich hatte den lebhaften Wunsch, die Castelbajac wiederzusehen, viel mehr, um mich zu freuen, wenn es ihr gut gehen sollte, oder mit ihr das Bißchen zu teilen, was ich besaß, als in der Hoffnung, unsere Beziehungen wieder anzuknüpfen; aber ich wußte nicht, wie ich es anfangen sollte, um sie zu entdecken.

Ich hatte an sie unter dem Namen Madame Blasin geschrieben; aber sie hatte meinen Brief nicht erhalten, weil sie sich diesen Namen willkürlich beigelegt hatte. Ihren richtigen Nnmen hatte sie mir nicht angegeben, überdies befürchtete ich, ihr vielleicht zu schaden, wenn ich mich nach ihr erkundigte.

Da ich wußte, daß ihr Mann Apotheker sein sollte, so beschloß ich, mich mit allen Apothekern von Montpellier bekannt zu machen.

Unter dem Vorwande, zu chemischen Experimenten einiger wenig bekannter Stoffe zu bedürfen, unterhielt ich mich über die Verschiedenheit des Apothekenwesens in Frankreich und in den fremden Landern, die ich besucht hatte. Wenn ich mit dem Herrn selber sprach, so hoffte ich, daß er mit seiner Frau über den Fremden sprechen würde, der dieselben Länder besucht hätte, wo sie gewesen wäre; ich dachte mir, dadurch würde sie neugierig werden, mich kennen zu lernen. Wenn ich dagegen mit einem Gehilfen spräche, so würde ich bald alles erfahren, was die Familie seines Herrn beträfe, und wenn das nicht zu meinen Nachforschungen passen würde, so würde ich gehen.

Am dritten Tage endlich gelang mir mein Plan. Ich erhielt von meiner früheren Freundin einen Brief, worin sie mir schrieb, sie habe mich mit ihrem Gatten in seinem Laboratorium sprechen sehen. Sie bitte mich, zu der und der Stunde wiederzukommen und ihrem Mann auf seine Fragen nichts weiter zu sagen, als daß ich sie als Spitzenhändlerin unter dem Namen eines Fräuleins Blasin in England, Spaa, Leipzig und Wien gekannt und daß ich mich in Wien ihrer angenommen habe, um ihr den Schutz des Botschafters zu verschaffen. Sie beendete ihren Brief mit den Worten: »Ich zweifle nicht daran, daß mein guter Mann zum Schluß mich triumphierend als seine liebe Frau vorstellen wird.«

Ich befolgte ihre Vorschrift. Der Biedermann freute sich, als er mich wiedersah, und fragte mich, ob ich irgendwo eine junge Spitzenhändlerin, namens Fräulein Blasin, aus Montpellier kennen gelernt hätte.

»Ja, ich erinnere mich sehr wohl dieser sehr liebenswürdigen und sehr anständigen jungen Dame, aber ich weiß nicht, ob sie aus Montpellier war. Sie war hübsch und anständig, und ich glaube, sie machte gute Geschäfte. Ich habe sie mehrere Male an verschiedenen Orten Europas gesehen, das letzte Mal in Wien, wo ich das Glück hatte, ihr nützlich zu sein. Ihre gute Aufführung verschaffte ihr die Achtung aller Damen, mit denen sie in Berührung kam. Die Dame, bei der ich sie in England kennen lernte, war sogar nichts geringeres als eine Herzogin.«

»Würden Sie sie wieder erkennen, wenn Sie sie sähen?«

»Das will ich meinen. Eine so hübsche Frau! Ist sie in Montpellier? Wenn sie hier ist, fragen Sie sie nach dem Chevalier de Seingalt.«

»Mein Herr, Sie können selber mit ihr sprechen, wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, mir zu folgen.«

Mir klopfte das Herz, aber es gelang mir, mich zu beherrschen.

Der biedere Apotheker ging voran, stieg eine Treppe hinauf, öffnete im ersten Stock eine Tür und sagte zu mir: »Da ist sie.«

»Wie, mein Fräulein, Sie hier? Ich bin entzückt. Sie zu sehen.«

»Mein Herr, es ist kein Fräulein, sondern meine liebe Frau, wenn Sie nichts dagegen haben, und ich bitte Sie, sich dadurch nicht abhalten zu lassen, sie zu umarmen.«

»Das ist eine Ehre, die ich niemals gehabt habe; aber ich tue es mit großem Vergnügen. Sie sind also nach Montpellier gekommen, um sich zu verheiraten? Ich wünsche Ihnen allen beiden Glück und danke für mich dem glücklichen Zufall. Sagen Sie mir, ob Sie von Wien nach Lyon eine gute Reise gehabt haben?«

Madame Blasin – ich muß sie wohl auch weiter hier unter diesem Namen bezeichnen – erzählte mir irgendwelche Geschichte und fand in mir einen ebenso guten Schauspieler, wie sie selber war.

Unser Vergnügen über dieses Wiedersehen war groß; aber die Freude, die der gute Apotheker empfand, als er sah, wie ehrfurchtsvoll ich seine keusche Gattin behandelte, war unzweifelhaft noch viel größer.

Eine volle Stunde lang erzählten wir uns Geschichten, die lediglich unserer Einbildungskraft entsprungen waren, aber den Eindruck unverfälschter Wahrheit machten.

Sie fragte mich, ob ich den Karneval in Montpellier zu verbringen gedächte, und nahm eine gekränkte Miene an, als ich ihr sagte, ich würde am nächsten Tage abreisen.

Ihr Mann erklärte sofort, das sei nicht möglich. Sie selber sagte ebenfalls: »Oh, das werden Sie doch hoffentlich nicht tun! Sie müssen unbedingt meinem Mann die Ehre erweisen, ihm zwei Tage zu schenken, um übermorgen in unserer Familie zu speisen.«

Nachdem ich mich durch den Gatten ziemlich lange hatte bitten lassen, gab ich endlich nach und nahm ihr Familienessen für den übernächsten Tag an.

Ich widmete ihnen nicht nur zwei Tage, sondern vier. Die Mutter des Apothekers war eine durch ihre Weisheit sowohl wie ihr Alter ehrwürdige Dame. Sie hatte wie ihr Sohn alles vergessen, was sie hätte verhindern können, ihre Schwiegertochter mit mütterlicher Zärtlichkeit zu lieben.

Bei unseren Unterhaltungen, die wir unter vier Augen hatten, versicherte Madame Blasin mir in einem Tone schlichter Einfachheit, sie sei glücklich, und ich hatte allen Anlaß, ihr dies zu glauben. Sie hatte es sich zum Gesetz gemacht, alle Pflichten einer ehrbaren Frau und guten Gattin gewissenhaft zu erfüllen, und ging nur selten ohne ihre Schwiegermutter oder ihren Mann aus.

Ich verbrachte diese vier Tage in der süßen Zufriedenheit einer, aufrichtigen und reinen Freundschaft, ohne daß die Erinnerung an unsere früheren Liebesfreuden in uns den Wunsch erregte, sie zu erneuern. Wir brauchten unsere Gedanken nicht auszusprechen, um sie gegenseitig zu kennen. Am Tage vor meiner Abreise speiste ich mit ihr und ihrem Gemahl zu Mittag; als wir nach Tisch einen Augenblick allein waren, sagte sie mir: wenn ich fünfzig Louis brauchen sollte, so wüßte sie, wo sie sich diese Summe verschaffen könnte. Ich bat sie, mir dieses Geld für ein anderes Mal aufzuheben, wenn ich das Glück hätte, sie wiederzusehen, und das Unglück, in Geldnot zu sein. ^

Ich verließ Montpellier mit der Gewißheit, daß mein Besuch die Achtung ihres Gatten und ihrer Schwiegermutter nur noch vermehrt hätte, und ich freute mich, zu sehen, daß ich mich wirklich glücklich fühlen konnte, ohne Verbrechen zu begehen.

Einen Tag nach meinem Abschied von dieser Frau, die mir ihr Glück verdankte, übernachtete ich in Nîmes, wo ich drei Tage in der Gesellschaft eines sehr gelehrten Naturforschers verbrachte, des Herrn de Séguier, eines vertrauten Freundes des Marchese Maffei in Verona.

Er zeigte mir in den Wundern seiner Sammlung die Unendlichkeit der Natur und die unbegreifliche Allmacht ihres Schöpfers.

Nîmes ist eine Stadt, die es verdient, die Aufmerksamkeit eines gebildeten oder Bildung suchenden Fremden zu fesseln. Man findet für den Geist reichliche Nahrung in ihren großen Denkmälern und in dem schönen Geschlecht, das hier wirklich schön ist, noch reichlichere fürs Herz.

Ich wurde zu einem Ball eingeladen, bei dem ich in meiner Eigenschaft als Fremder die erste Rolle spielte. Ein solches Vorrecht genießt der Fremde nur in Frankreich, während in England und besonders in Spanien das Wort Ausländer eine Beleidigung ist. Nachdem ich von Nîmes abgereist war, beschloß ich, den ganzen Karneval in Aix zu verbringen, das der Sitz eines Parlaments ist und dessen Adel sich eines großen Rufes erfreut. Ich wünschte diese Gesellschaft kennen zu lernen. Ich stieg, wenn ich mich nicht irre, in den Drei Delphinen ab, wo ich einen spanischen Kardinal fand, der sich zur Wahl eines Nachfolgers für den Papst Rezzonico nach dem Konklave begab.

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