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Erinnerungen

Giacomo Casanova: Erinnerungen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorCasanova
titleErinnerungen
volume6
translatorHeinrich Conrad
publisherGeorg Müller
firstpub1911
senderwww.gaga.net
created20050616
projectid3af5d606
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Zehntes Kapitel

Ich begehe eine Indiskretion, die Manucci zu meinem grausamsten Feind macht. – Seine Rache. – Meine Abreise von Madrid. – Saragossa. – Valencia. – Nina. – Meine Ankunft in Barcelona.

Wenn diese Erinnerungen, die ich nur niederschreibe, um die Langeweile zu unterbrechen, diese dumpflastende Krankheit, die mich hier in Böhmen tötet und mich vielleicht auch an jedem anderen Ort töten würde, da sie möglicherweise ein unvermeidliches Ergebnis meines Charakters und meines Alters ist – zweier Dinge, die sich beständig im Gegensatz befinden, denn an Jahren bin ich alt, mein Charakter aber ist jung geblieben wie meine Begierden; – wenn, sage ich, diese Erinnerungen jemals das Licht der Welt erblicken, so wird dies erst der Fall sein, wenn ich es nicht mehr sehe. Und wie der scheußliche Mörder Karls des Ersten sagte: »Was macht es mir aus, ob man mich für einen Schelm hält« – so werde ich das Urteil der Welt verlachen können, wie ich es schon im voraus verlache. Da jedoch die Menschheit aus zwei Teilen besteht, der sehr zahlreichen Menge von Unwissenden und Oberflächlichen und der sehr geringen Menge von Gelehrten und Denkern, so wende ich mich an diesen kleinen Teil der Menschheit und nur an ihn; denn nur aus seinem Beifall mache ich mir etwas, und nur sein künftiges Urteil schätze ich – ein Urteil, das ich niemals vernehmen werde, das aber – ich weiß es – meine Wahrhaftigkeit anerkennen wird. Denn warum sollte ich nicht wahr sein? Sich selber täuscht man niemals; und jetzt schreibe ich nur für mich selber.

Ich habe bis jetzt die Wahrheit gesprochen, ohne darauf zu sehen, ob die Wahrheit mir günstig oder schädlich wäre. Meine Lebenserzählung verfolgt keine dogmatischen Zwecke. Wenn man mich jemals liest, werde ich keinen Menschen verderben. Wenigstens ist das nicht mein Wille. Aber meine Erfahrung, meine Laster, wenn man sie so nennen will, und die Tugend, die man wohl in meinem Charakter und in meinen Grundsätzen finden kann – sie werden solchen, die wie die Bienen aus allen Blüten Honig zu saugen wissen, von Nutzen sein können.

Nach dieser Abschweifung, die vielleicht zu lang ist, für die ich aber nur mir selber Rechenschaft schuldig bin, will ich mit der Aufrichtigkeit, deren ich mir bewußt bin, erklären, daß es mir niemals so schwer geworden ist, die Wahrheit zu sagen, wie bei dem, was ich jetzt dem Papier anvertrauen werde: eine verhängnisvolle Indiskretion, eine begreifliche Leichtfertigkeit, die ich mir niemals habe verzeihen können; denn nach so vielen Jahren, nach so vielen Wechselfällen des Lebens zerreißt sie mir noch heute das Herz.

Am nächsten Tage speiste ich beim venetianischen Gesandten und hatte das Vergnügen, von ihm zu vernehmen, daß bei Hof alle Minister und alle Granden, deren Bekanntschaft ich gemacht hatte, von mir die allerbeste Meinung hätten. Drei oder vier Tage darauf kehrte der König mit den Ministern und der königlichen Familie nach Madrid zurück. Wegen der Kolonie in der Sierra Morena verhandelte ich täglich mit den Ministern, und ich stand im Begriff, eine Reise nach jener Gegend zu machen. Manucci, der mir fortwährend eine aufrichtige Freundschaft bezeigte, wollte mich zu seinem Vergnügen begleiten und gedachte, eine Abenteuerin mitzunehmen, die sich Porto-Carrero nannte; sie behauptete, eine Nichte oder Tochter des verstorbenen Kardinals dieses Namens zu sein, und machte daraufhin große Ansprüche, obwohl sie in Wirklichkeit nur die geheime Konkubine des französischen Konsuls in Madrid, Abbé Bigliardi, war.

In dieser günstigen Lage befanden sich meine Verhältnisse, als ein böser Geist einen Lütticher Baron de Fraiture nach Madrid führte. Er war Oberhofjägermeister seines heimatlichen Fürstentums, ein Wüstling, Spieler und Gauner – ein Gauner, wie alle diejenigen, die noch heute behaupten, er sei ehrlich verfahren.

Ich hatte das Unglück gehabt, ihn in Spaa kennen zu lernen, wo ich ihm gesagt hatte, ich würde nach Portugal gehen. Dorthin reiste er mir nach, da er auf meine Bekanntschaft rechnete, um Zutritt zur guten Gesellschaft zu erlangen und seine Börse mit dem Gelde der Dummen zu füllen, die er zu finden hoffte.

Niemals haben die Spieler den geringsten Grund zu der Annahme gehabt, daß ich zu ihrer höllischen Bande gehörte, trotzdem haben sie mich aufs hartnäckigste für einen Falschspieler gehalten.

Sobald der Baron erfuhr, daß ich in Madrid sei, besuchte er mich; und da er anständig aussah und höflich zu reden wußte, so nötigte er mich, ihn gut aufzunehmen. Ich glaubte, er würde mich nicht bloßstellen, wenn ich ihm einige Höflichkeiten erwiese, und vielleicht einige Bekanntschaften vermittelte. Er hatte einen Reisegefährten, mit dem er mich bekannt machte. Dies war ein dicker Franzose, ein Faulenzer, ein unwissender Mensch, aber eben ein Franzose, also liebenswürdig. Solche Leute gehen unbeachtet durch die Welt, wenn man nicht gerade forschende Blicke auf sie wirft, und man denkt selten daran, den Charakter eines Franzosen auszuforschen, der gut auftritt, sich sauber kleidet und, mit einem Wort, das ganze Äußere eines Mannes von gutem Ton hat. Er war von Beruf Rittmeister von jener Sorte von Militärs, die das Glück haben, beständig ein halbes Jahr auf Urlaub zu sein. Vier oder fünf Tage nach seinem ersten Besuch sagte der Baron Fraiture ohne alle Umstände zu mir, er habe kein Geld und bitte mich, ihm doch zwanzig Louis zu geben, die er mir zurückerstatten werde. Ich dankte ihm für sein Vertrauen und sagte ihm, ebenfalls ohne alle Umstände, ich könne ihm bei dieser Gelegenheit nicht gefällig sein, denn ich brauche selbst das bißchen Geld, das ich zur Verfügung habe.

»Aber wir werden irgendein gutes Geschäft machen, und an Geld wird es Ihnen nicht fehlen können.«

»Ich weiß nicht, ob das gute Geschäft zustande kommt, aber ich weiß, daß ich das Notwendige nicht hergeben darf.«

»Wir wissen nicht, was wir anfangen sollen, um unseren Wirt zu beruhigen: sprechen Sie doch mal mit ihm!«

»Wenn ich mit ihm spreche, werde ich Ihnen mehr Schaden als Nutzen bringen, denn er wird mich fragen, ob ich für sie bürgen wolle, und ich werde antworten, Sie seien Kavaliere, die keines Bürgen bedürften. Trotzdem wird der Wirt natürlich denken, daß ich für Sie nicht bürge, weil ich Zweifel hege.«

Da ich ihn auf der Promenade mit dem Grafen Manucci bekannt gemacht hatte, so überredete Fraiture mich, ihn zu diesem zu führen, und ich war so schwach, dies zu tun.

Ihm eröffnete sich einige Tage darauf der Lütticher Baron.

Manucci war dienstwillig, aber selber Falschspieler und schlau; er lieh ihm kein Geld, aber verschaffte ihm jemanden, der ihm ohne Wucherzinsen gegen Pfand lieh.

Fraiture und sein Freund machten einige Spielpartien und gewannen auch etwas; ich mischte mich in keiner Weise in diese Angelegenheiten ein.

Mit meiner Kolonie und mit Dona Ignazia beschäftigt, wollte ich in Frieden leben; hätte ich eine einzige Nacht außer dem Hause verbracht, so hätte ich dadurch die Seele des ausgezeichneten Mädchens beunruhigt, das alles der Liebe opferte.

In jenen Tagen kam der neue venetianische Gesandte Herr Querini in Madrid an, um Herrn von Mocenigo abzulösen, der als Botschafter an den Französischen Hof ging. Dieser Querini besaß wissenschaftliche Bildung, eine Eigenschaft, die Herrn von Mocenigo abging; denn der liebte nur die Musik und die Liebe auf seine besondere Art.

Der neue Gesandte wurde mir wohl geneigt und binnen wenigen Tagen konnte ich mich überzeugen, daß ich auf ihn viel mehr hätte rechnen können als auf Mocenigo.

Baron Fraiture und sein Freund mußten daran denken, Spanien zu verlassen; weder beim Gesandten noch anderswo brachten sie eine Spielpartie zusammen, und sie hatten keine Hoffnung, im Escorial spielen zu können. Sie mußten nach Frankreich zurückkehren, aber sie hatten Schulden in ihrem Gasthof, und für die Reise brauchten sie Geld. Ich konnte ihnen nichts geben, und Manucci glaubte ihnen ebenfalls nichts geben zu können. Wir bedauerten ihr Unglück, aber wir mußten in erster Linie an uns selber denken und daher gegen alle Welt grausam sein.

Eines Morgens kam Manucci verstört und aufgeregt zu mir, ohne mir jedoch zu sagen, was ihn bekümmerte.

»Was hast du, lieber Freund?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe dem Baron Fraiture seit acht Tagen den Zutritt verboten; denn er wurde mir lästig, da ich ihm kein Geld geben konnte. Nun hat er mir einen Brief geschrieben, worin er mir droht, er werde sich heute noch erschießen, wenn ich ihm nicht hundert Pistolen leihe, und ich bin überzeugt, er wird es tun, wenn ich ihm das Geld verweigere.«

»Vor drei Tagen hat er mir dasselbe gesagt. Ich habe ihm geantwortet, ich wolle zweihundert Pistolen wetten, daß er sich nicht töten werde. Aufgebracht über meine Antwort, forderte er mich auf, mich mit ihm zu schlagen. Ich antwortete ihm: da er in einem verzweifelten Zustande wäre, so hätte er entweder einen Vorteil vor mir, oder ich vor ihm. Antworte ihm wie ich, oder antworte ihm überhaupt nicht.«

»Ich kann deinen Rat nicht befolgen. Da hast du hundert Pistolen. Bringe sie ihm und sieh zu, daß du eine Quittung von ihm bekommst.«

Ich bewunderte die schöne Handlung und übernahm den Auftrag. Ich ging zum Baron, den ich sehr verwirrt und verlegen fand; ich wunderte mich jedoch nicht darüber, da ich es mir durch seine Lage erklärte.

Ich dachte mir, seine gute Laune würde wohl zurückkehren, wenn ich ihm sagte, daß ich ihm tausend Franken überbrächte, die der Graf Manucci ihm schickte, um seine Angelegenheiten ordnen und abreisen zu können. Er nahm das Geld, aber ohne irgendwelche Freude oder Dankbarkeit zu bezeigen, und schrieb den Schuldschein nach meinem Diktat. Hierauf versicherte er mir, er werde am nächsten Tage mit seinem Freunde nach Barcelona abreisen und sich von dort nach Frankreich begeben.

Ich brachte Manucci, der immer noch nachdenklich und zerstreut war, die Quittung des Barons und blieb beim Gesandten zum Mittagessen.

Es war das letzte Mal.

Drei Tage darauf wollte ich bei dem Gesandten speisen, als zu meiner großen Überraschung der Türhüter mir sagte, er habe Befehl, mich nicht mehr eintreten zu lassen.

Dies war für mich ein Blitzschlag, dessen Herkunft ich nicht erraten konnte. Ganz vernichtet ging ich nach Hause. Ich schrieb sofort an Manucci, um eine Erklärung für die erlittene Beschimpfung zu erhalten. Filippo brachte mir den Brief uneröffnet zurück. Neue Überraschung. Ich fiel aus den Wolken.

»Was ist geschehen? Ich will eine Erklärung haben, und sollte ich darüber zugrunde gehen!« sagte ich zu mir selbst.

Ich speiste sehr traurig mit Doña Ignazia, ohne ihr etwas von der Ursache meines Kummers zu sagen. Als ich mich eben zur Mittagsruhe hinlegen wollte, brachte Manuccis Bedienter mir einen Brief von seinen Herrn und lief hinaus, obwohl ich ihm sagte, er möchte warten, bis ich den Brief gelesen hätte.

Dieser Brief enthielt einen anderen, offenen, den ich augenblicklich las. Er war vom Baron Fraiture. Der verzweifelte Mensch erbat von Manucci hundert Pistolen als Darlehen und versprach ihm, wenn er ihm das Geld gebe, wolle er ihm einen Feind gerade in dem Manne enthüllen, den er für den treuesten Freund halte.

Manucci nannte mich einen Verräter und Undankbaren und schrieb mir, er sei neugierig gewesen, diesen Feind kennen zu lernen, und habe den Baron Fraiture nach dem Padro San Jeronimo bestellt. Nachdem der Baron sein Ehrenwort erhalten habe, daß er ihm das Geld leihen werde, habe er ihm bewiesen, daß ich dieser Feind sei; denn von mir habe er erfahren, daß zwar der Name, den Manucci trage, echt sei, daß er aber nicht den Rang besitze, den er sich beilege usw.

Manucci führte viele Einzelheiten an, die Fraiture ihm gegeben hatte, und die er nur von mir haben konnte. Er schloß seinen Brief mit dem Rat, ich möchte Madrid so schnell wie möglich und spätestens binnen acht Tagen verlassen.

Vergeblich würde ich versuchen, den Zustand der Niedergeschlagenheit zu schildern, in den mich dieser Brief versetzte. Zum ersten Male in meinem Leben mußte ich mich einer ungeheuerlichen, ohne jeden Grund begangenen Indiskretion schuldig bekennen, einer abscheulichen Undankbarkeit, die sonst nicht in meinem Charakter lag, mit einem Wort, eines Verbrechens, dessen ich mich nicht für fähig gehalten hätte.

Ich schämte mich meiner selber, erkannte das Unrecht in vollem Umfang an und fühlte, daß ich nicht einmal um Verzeihung bitten durfte, da ich keine verdiente. Darum versank ich traurig in eine Art von Verzweiflung.

Obwohl jedoch Manucci mit Recht erzürnt war, mußte ich sagen, daß er einen großen Fehler begangen hatte, indem er seinen Brief mit dem beleidigenden Rat schloß, Madrid binnen acht Tagen zu verlassen. Da er mich genau kannte, so mußte der junge Mann wissen, daß mein Selbstgefühl mir verbot, einen solchen Rat zu befolgen. Er war nicht mächtig genug, fordern zu können, daß ich einen Rat annähme, der einem Befehl von höchster Stelle glich. Nachdem ich das Unglück gehabt hatte, eine unwürdige Handlung zu begehen, durfte ich mich nicht einer zweiten schuldig machen, durch die ich mich zum erbärmlichsten Menschen gemacht und mich für unfähig erklärt hätte, ihm eine andere Genugtuung zu geben.

Kummervoll verbrachte ich den Tag, ohne einen Entschluß fassen zu können. Ich aß nicht zu Abend und ging zu Bett, ohne mich an der Gesellschaft meiner Ignazia erfreut zu haben.

Nachdem ich ziemlich gut geschlafen hatte, so daß ich imstande war, einen vernünftigen Entschluß zu fassen, wie er mir als dem schuldigen Teil zukam, stand ich auf und schrieb dem beleidigten Freunde in einem demütigen Brief das aufrichtigste Schuldbekenntnis. Ich endete mit den Worten: »Wenn Ihre Seele so großmütig ist, wie ich gerne glauben will, so wird mein Brief, der Ihnen meine ebenso tiefe wie aufrichtige Reue zeigt. Ihnen die weitestgehende Genugtuung gewähren müssen. Sollte aber, entgegen meiner Hoffnung, dies Ihnen nicht genügen, so brauchen Sie mir nur zu sagen, was Sie beanspruchen. Ich bin zu allem bereit, wenn es nur nicht ein Schritt ist, der nach Furcht von meiner Seite aussehen würde. Es steht in Ihrem Belieben, mich ermorden zu lassen, aber ich werde von Madrid nur nach meiner Bequemlichkeit abreisen, und wenn ich hier nichts mehr zu tun habe.«

Nachdem ich meinen Brief mit einem nichtssagenden Siegel verschlossen hatte, ließ ich von Filippo, dessen Handschrift Manucci nicht kannte, die Adresse drauf schreiben und schickte ihn mit der Königlichen Post nach Pardo, wohin der König sich begeben hatte.

Ich verbrachte den ganzen Tag auf meinem Zimmer mit Dona Ignazia, die nicht mehr in mich drang, um die Ursache meiner Niedergeschlagenheit zu erfahren, da sie sah, daß meine Stimmung sich gehoben hatte. Auch am nächsten Tag ging ich nicht aus, da ich auf eine Antwort hoffte; aber meine Hoffnung war vergebens.

Am dritten Tage, einem Sonntag, ging ich aus, um dem Fürsten della Cattolica einen Besuch zu machen. Während ich vor der Türe wartete, kam der Türsteher höflich an meinen Wagen und sagte mir ins Ohr, Seine Exzellenz habe Gründe, um mich zu bitten, sie nicht mehr zu besuchen.

Das hatte ich nicht erwartet; aber nach diesem Schlage war ich auf alles gefaßt.

Ich begab mich zum Abbé Bigliardi; ein Lakai meldete mich an und brachte mir den Bescheid, der Herr sei ausgegangen.

Ich stieg wieder in meinen Wagen und fuhr zu Varnier, der mir sagte, er habe mit mir zu sprechen.

»Wollen Sie sich zu mir in den Wagen setzen? Wir werden zusammen die Messe hören.«

Sobald er eingestiegen war, teilte er mir mit, der venetianische Gesandte Mocenigo habe dem Herzog von Medina-Sidonia gesagt, er fühle sich verpflichtet, ihm mitzuteilen, daß ich ein gefährlicher Mensch sei. Der Herzog habe ihm geantwortet: sobald er dies bemerke, werde er Ihnen keinen Zutritt mehr zu seiner Person gestatten.

Diese drei Dolchstöße, die mich in Zeit von einer halben Stunde trafen, ließen mich die ganze Stufenfolge aller schmerzlichen Gefühle durchmachen. Mir war zumute, als wenn ich ersticken solle; – aber ich sagte nichts und hörte mit diesem würdigen Manne zusammen die Messe. Als aber diese zu Ende war, da hätte mich ein Schlagfluß getroffen, wenn ich nicht mein Herz erleichtert hätte, indem ich ihm mit allen Einzelheiten erzählte, warum der Gesandte so zornig war.

Varnier sprach mir sein Bedauern aus und schloß mit den Worten: »So sind die großen Herren, wenn sie sich einmal über Tugend und gute Sitte hinweggesetzt haben. Ich rate Ihnen jedoch, mit keinem Menschen darüber zu sprechen, denn dies könnte Manucci, dem gegenüber Sie leider unrecht haben, nur erbittern.«

Ich fuhr nach Hause zurück und schrieb Manucci, er möchte eine zu unanständige Rache aufgeben, die mich in die Notwendigkeit versetzen würde, indiskret zu werden und alle, die um dem Haß des Gesandten einen Gefallen zu tun, mich beschimpfen zu müssen glaubten, über den wahren Sachverhalt aufzuklären. Ich schickte meinen Brief offen an den Gesandtschaftssekretär Soderini, da ich sicher war, daß dieser ihn weiterbefördern würde.

Hierauf aß ich mit meiner Geliebten zu Mittag und ging dann mit ihr zum Stiergefecht, wo ich zufällig neben der Loge saß, worin Manucci und die beiden Gesandten sich befanden. Ich machte ihnen eine Verbeugung, die sie nicht umhin konnten mir zu erwidern, und sah sie hierauf gar nicht mehr an.

Als am nächsten Tage der Minister Grimaldi mir eine Audienz verweigerte, sah ich, daß ich nichts mehr zu hoffen hatte. Der Herzog von Lossada empfing mich, denn er liebte den Gesandten nicht wegen dessen unnatürlicher sexuellen Neigungen; aber er sagte mir, er sei bereits ersucht worden, mich nicht mehr zu empfangen, und fügte hinzu, bei einer derartigen erbitterten Verfolgung sei leicht vorauszusehen, daß ich vom spanischen Hofe nichts erlangen würde.

Eine derartige Wut war unglaublich. Manucci brüstete sich mit der Macht, die er über den Menschen ausübte, dem er als Gatte diente. Um sich zu rächen, hatte er sich über alle Grenzen der Scham hinweggesetzt.

Ich wollte wissen, ob er Don Emanuel de Roda und den Marques Mora vergessen hätte; ich fand sie bereits benachrichtigt. So blieb nur noch Graf Aranda übrig. Im Augenblick, wo ich mich anschickte, ihn aufzusuchen, kam ein diensttuender Adjutant zu mir und teilte mir mit, Seine Exzellenz wolle mit mir sprechen.

Bei dieser Mitteilung wurde ich vor Schreck ganz kalt; denn in meiner damaligen Stimmung stellte ich mir sofort die übelsten Dinge vor.

Zu der mir bezeichneten Stunde ging ich hin. Ich fand den klugen Denker allein, und er empfing mich mit heiterer Miene. Dies machte mir Mut. Er ließ mich Platz nehmen, und da er mir solche Gnade bisher niemals hatte widerfahren lassen, so fühlte ich mich in angenehmer Stimmung.

»Was haben Sie Ihrem Gesandten getan?« fragte er mich.

»Ihm selber nichts, gnädiger Herr; aber ich habe mit einer unentschuldbaren Leichtfertigkeit seinen süßen Freund Manucci an seiner empfindlichsten Stelle verletzt. Ohne die geringste Absicht, ihm schaden zu wollen, beging ich eine Indiskretion und machte einem elenden Menschen eine vertrauliche Mitteilung, die dieser gemeiner Weise dem Herrn Manucci für hundert Pistolen verkaufte. In seiner Wut hat Manucci den anderen gegen mich vorgeschickt – den anderen, der ihn anbetet und der alles tun muß, was er will.«

»Sie haben unrecht getan, aber was einmal geschehen ist, ist geschehen. Es tut mir leid, daß Sie sich durch diese Unbesonnenheit geschadet haben: Sie begreifen wohl, daß Sie von Ihrem Plan nichts mehr erhoffen können; denn sobald es sich darum handeln würde, Sie anzustellen, würde der König sich bei Ihrem Gesandten nach Ihnen erkundigen.«

»Ich fühle es zu meinem großen Bedauern, gnädiger Herr; aber muß ich denn gehen?«

»Nein. Der Gesandte hat an mich die dringende Bitte gerichtet, Sie ausweisen zu lassen; aber ich habe ihm geantwortet, dies stehe nicht in meiner Macht, solange Sie die Gesetze des Landes nicht übertreten. – Er sagte zu mir: ›Er hat durch Verleumdungen die Ehre eines venetianischen Untertanen verletzt, den zu schützen ich verpflichtet bin.‹ – ›Wenn er ein Verleumder ist,‹ habe ich ihm geantwortet, ›müssen Sie ihn auf dem gewöhnlichen Wege belangen, und wenn er sich nicht rechtfertigen kann, wird man nach der ganzen Strenge des Gesetzes gegen ihn vorgehen.‹ – Zum Schluß hat der Gesandte mich gebeten, Ihnen zu befehlen, daß Sie nicht mit den Venetianern, die gegenwärtig in Madrid sind, über ihn sprechen, und mir scheint, dies könnten Sie mir versprechen, um ihn zu beruhigen.«

»Gnädiger Herr, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, das ich niemals gebrochen habe.«

»Schön; im übrigen können Sie in Madrid bleiben und so wie jetzt weiterleben, solange es Ihnen paßt und ohne irgend etwas zu befürchten. Außerdem wird Mocenigo ja im Laufe der Woche abreisen.«

Dies war mein ganzes Gespräch mit dem hochverdienten Manne. Ich faßte augenblicklich den Entschluß, mich nur noch zu unterhalten und mich nicht mehr damit zu bemühen, irgendwelchen großen Herren den Hof zu machen. Freundschaft allein führte mich oft zu Varnier, zu dem von mir hochgeachteten Herzog von Medina-Sidonia und zum Baumeister Sabattini, der mich ebenso wie seine Frau stets sehr gut aufnahm.

Doña Ignazia besaß mich ganz und gar und wünschte mir oft Glück, mich von alledem befreit zu sehen, was mir früher Sorgen machte.

Nach der Abreise des Herrn von Mocenigo, der sich, nachdem sein Gesuch, Venedig besuchen zu dürfen, abschlägig beschieden worden war, auf dem Wege durch Navarra nach Paris auf seinen Botschafterposten begab, wollte ich sehen, ob sein Neffe Querini für den Groll seines Oheims eintrete; ich lachte dem Türsteher ins Gesicht, der mir den Bescheid überbrachte, er habe Befehl, mir den Eintritt in den Palast zu versagen.

Sechs oder sieben Wochen nach Manuccis Abreise verließ ich ebenfalls Madrid. Ich mußte mich dazu entschließen, trotz meiner Liebe zu Ignazia, die mich völlig glücklich machte und mein Glück teilte; denn abgesehen davon, daß ich nicht nach Portugal gehen konnte, von wo ich keine Briefe mehr erhielt, hatte ich meine Börse erschöpft, ohne daß meine Geliebte etwas davon ahnte. Ich gedachte eine schöne Repetieruhr und eine Tabaksdose, deren Goldwert 25 Louis betrug, zu verkaufen, um nach Marseille zu reisen. Von dort beabsichtigte ich nach Konstantinopel zu gehen, wo ich mein Glück machen zu können glaubte, ohne mich zu Mohammed bekennen zu müssen. Ohne Zweifel würde ich mich geirrt haben, denn ich trat in ein Alter ein, von dem die Glücksgöttin, die flatterhafte Kokette, nichts mehr wissen will. Damit will ich jedoch nicht sagen, daß ich mich über sie zu beklagen habe, denn sie hat mir oft ihre Gunst zugewandt, und ich habe diese stets mißbraucht – das will ich gerne zugeben.

In meiner Verlegenheit verschaffte der gelehrte Abbate Pinzi, Auditor des päpstlichen Nuntius, mir die Bekanntschaft eines Genueser Buchhändlers Corrado, eines reichen, ehrenwerten und tugendhaften Mannes, den der liebe Gott auf die Welt geschickt zu haben schien, damit man die Genueser Spitzbüberei verzeihe. An diesen braven Mann wandte ich mich, um meine Uhr und Tabaksdose zu verkaufen; aber der gute Corrado weigerte sich, diese Gegenstände zu kaufen, und wollte sie nicht einmal als Pfand nehmen, sondern gab mir zwanzig goldene Unzen oder siebzehnhundert Franken, ohne etwas anderes zu verlangen als mein Wort, daß ich ihm diese Summe wiedergeben würde, wenn ich jemals in der Lage wäre, es zu tun. Unglücklicherweise bin ich niemals mehr imstande gewesen, diese heilige Schuld anders heimzuzahlen, als durch ewige Dankbarkeit, die ich dem Geber zolle.

Nichts ist für einen Mann süßer, als mit einer Frau zusammen zu leben, die er anbetet und von der er geliebt wird; aber es gibt auch nichts, das bitterer wäre, als die Trennung, wenn die Liebe noch in voller Kraft steht: der Schmerz scheint viel größer zu sein als die Wonne, die nicht mehr vorhanden ist und deren Eindruck sich verwischt hat oder die zum mindesten durch das auf sie folgende Leid sehr beeinträchtigt wird.

Ich verbrachte meine letzten Tage in Madrid in Genüssen, die von Traurigkeit vergiftet wurden. Der gute Diego weinte nicht, obgleich er sehr traurig war.

Filippo, ein tüchtiger Junge, der hoch über seiner Herkunft stand, gab mir bis in die Mitte des nächsten Jahres Nachrichten von Doña Ignazia. Sie wurde die Gattin eines reichen Schuhmachers; die Rücksicht auf den Nutzen besiegte den Widerwillen, den ihr Vater gegen eine nicht standesgemäße Heirat hatte.

Ich hatte dem Marques Mora und dem Obersten Royas versprochen, sie in der aragonischen Hauptstadt Saragossa oder Caesarea Augusta zu besuchen. Ich kam anfangs September an und verbrachte dort vierzehn Tage, die mir Gelegenheit gaben, die Sitten der Aragonesen zu beobachten. Arandas Gesetze hatten bei diesem Volke keine Kraft; denn bei Tage wie bei Nacht sah man auf den Straßen Männer mit langen Mänteln und Schlapphüten. Sie sahen aus wie wirkliche Masken oder wie schwarze Gespenster; denn der Mantel, der die Absätze bedeckte, verbarg auch die Hälfte des Gesichts. Aber unter dem Mantel trug die Maske el spadino, einen Degen von riesiger Länge. Diese Gespenster werden mit großer Ehrfurcht behandelt, obwohl es meistens nur Spitzbuben waren; es konnten aber auch große Herren sein.

Man muß in Saragossa die ungeheure Frömmigkeit sehen, womit Unsere liebe Frau del Pilar verehrt wird. Ich habe Prozessionen gesehen, bei denen hölzerne Statuen von ungeheurer Größe herumgetragen wurden. Man führte mich in die besten Gesellschaften ein, wo es von Mönchen wimmelte. Man stellte mich einer erstaunlich dicken Dame vor, die man mir als eine Cousine des seligen Palafox bezeichnete; ich war jedoch keineswegs von Ehrfurcht hingerissen, wie man ohne Zweifel erwartet hatte. Ferner hatte ich Gelegenheit, den Domherrn Pignatelli, einen gebürtigen Italiener, kennen zu lernen, den ehrwürdigen Präsidenten der Inquisition. Dieser Herr ließ jeden Morgen die Kupplerin einkerkern, die ihm das Mädchen besorgt hatte, das mit ihm zu Abend gegessen und die Nacht bei ihm geschlafen hatte. Die Strafe erhielt sie, um dafür Buße zu tun, daß sie ihm ermöglicht hatte, eine Sünde zu begehen. Von Wollust erschöpft, erwachte der Domherr und gab Befehl, das Mädchen aus dem Hause zu jagen und die Kupplerin ins Gefängnis zu setzen. Hierauf kleidete er sich an, beichtete, las die Messe und setzte sich sofort zu Tisch. Von Wein und gutem Essen erhitzt, verlangte er ein neues Mädchen, und so ging es jeden Tag. Trotzdem wurde dieser Mensch in Saragossa hoch verehrt, denn er war Mönch, Domherr und Inquisitor.

Die Stierkämpfe waren in der Hauptstadt Aragoniens schöner als in Madrid; denn sie waren mörderischer, und solche barbarischen Schauspiele sind um so schöner, je mehr Blut dabei fließt.

Die Herren Mora und Royas gaben mir sehr schöne Diners. Der Marques war der liebenswürdigste aller Spanier; er ist zwei Jahre darauf in sehr jugendlichem Alter gestorben.

Die große Kirche Nuestra Señora del Pilar liegt auf den Wällen der Stadt, und die Aragonesen betrachten diesen Teil als uneinnehmbar; sie behaupten, im Falle einer Belagerung würde der Feind, wenn Gott es wollte, von allen anderen Seiten eindringen, aber nicht von dieser.

Ich hatte der Doña Pelliccia versprochen, sie in Valencia zu besuchen. Unterwegs sah ich auf einer Anhöhe das alte Sagunt liegen. »Ich will da hinauf!« sagte ich zu einem Priester, der mit mir fuhr, und zu dem Fuhrmann, der am Abend in Valencia ankommen wollte und dem seine Maultiere lieber waren als alle Antiquitäten der Welt. Wie der Priester und der Maultiertreiber sich sträubten und wie sie redeten!

»Sie werden nur Ruinen sehen, Señor.«

»Gut; ich will eben Ruinen sehen, und wenn sie recht alt sind, ziehe ich sie den schönsten Gebäuden der Neuzeit vor.«

»Aber wir werden nicht mehr heute Abend in Valencia ankommen können!«

»Da hast du einen Duro; wir werden morgen ankommen.«

Dieser Taler brachte alles in Ordnung; denn der Fuhrmann rief: »Helf mir Gott! Das ist ein Ehrenmann!«

Das ist der schönste Lobspruch aus dem Munde eines Untertanen Seiner Katholischen Majestät!

Oben auf der Anhöhe sah ich Mauern, die zum großen Teil noch im guten Stande waren, und deutlich erkennbare Zinnen, und doch stammt dieses Denkmal aus der Zeit des zweiten Punischen Krieges. An zwei Toren, die noch aufrecht standen, bemerkte ich Inschriften, die für mich und für viele andere stumm sind, die aber La Condamine oder Séguier, der frühere Freund des Marchese Maffei, sicherlich entziffert hätten.

Dieses Denkmal eines ganzen Volkes, das lieber in den Flammen untergehen, als den Römern die Treue brechen und sich einem Hannibal ergeben wollte, erregte meine volle Bewunderung und die Heiterkeit des unwissenden Priesters, der nicht einmal eine Messe gratis gelesen hätte, um Besitzer dieses von Erinnerungen so reichen Ortes zu werden, dessen Namen sogar untergegangen ist. Diesen hätte man doch wenigstens achten können, zumal da er schöner und leichter auszusprechen ist als der an seine Stelle getretene Name Murviedro, wenngleich dieser ebenfalls auch dem Lateinischen entstammt und von muri veteres hergeleitet ist. Aber die Zeit ist ein unbändiges, wildes Ungeheuer, das nicht nur Marmelstein und Erz zerstört, sondern auch die Erinnerung vertilgt.

»Dieser Ort,« sagte der Priester zu mir, »hat stets Murviedro geheißen.«

»Das ist nicht möglich; denn der gesunde Menschenverstand sträubt sich dagegen, etwas alt zu nennen, was bei seiner Entstehung neu war. Das ist gerade, wie wenn Sie behaupten wollten, Neu-Kastilien sei nicht alt, weil man es ›Neu‹ nenne.«

»Aber es ist doch sicher, daß Alt-Kastilien älter sein muß als Neu-Kastilien.«

»Nein, das ist nicht der Fall: Neu-Kastilien ist so genannt worden, weil es die letzte Rückeroberung von den Mauren war, in Wirklichkeit aber ist Neu-Kastilien älter als Alt-Kastilien.«

Der arme Abbate schwieg; er schüttelte den Kopf und hielt mich für verrückt.

Vergeblich bemühte ich mich, Hannibals Kopf und die Inschrift zu Ehren des Cäsar und Claudius, des Nachfolgers des Kaisers Gallienus, aufzufinden; dagegen sah ich die Spuren des Amphitheaters.

Am anderen Morgen besah ich den Mosaikboden, den man zwanzig Jahre vor jener Zeit bloßgelegt hatte.

Um neun Uhr morgens kam ich in Valencia an. Ich fand sehr schlechte Unterkunft, weil der Operndirektor Marescalchi aus Bologna alle guten Zimmer für die Sänger und Sängerinnen belegt hatte, die von Madrid eintreffen sollten. Bei ihm befand sich sein Bruder, ein Abbate, den ich für sein Alter gelehrt fand. Wir machten einen Spaziergang, und er lachte, als ich ihm vorschlug, ins Kaffeehaus zu gehen; denn es gab in der ganzen Stadt keinen einzigen Ort, wo ein anständiger Mensch eintreten konnte, um sich gegen eine Geldvergütung in anständiger Weise auszuruhen. Es gab nur Schenken niedrigster Ordnung, in denen der Wein untrinkbar war. Ich fand das unbegreiflich; aber Spanien ist ein ganz besonderes Land. In Valencia, das so nahe bei Malaga und Alicante liegt, konnte man zu meiner Zeit eine gute Flasche Wein sich nur mit großen Schwierigkeiten beschaffen.

In den ersten drei Tagen meines Aufenthaltes in Valencia, der Vaterstadt des Papstes Alexanders des Sechsten, sah ich alles Sehenswerte, was in dieser Stadt vorhanden ist, und fand wieder einmal meine Wahrnehmung bestätigt, daß alles, was wir nach Beschreibungen von Dichtern und Abbildungen von Künstlern bewundern, unendlich viel verliert, wenn wir es in der Nähe und in der Wirklichkeit betrachten.

Valencia liegt in herrlichem Klima ganz dicht am Mittelmeer in einer lachenden Landschaft, die die köstlichsten und leckersten Erzeugnisse der Natur in reicher Fruchtbarkeit hervorbringt; die Luft ist gesund und von köstlicher Milde; die Stadt liegt nur eine Stunde von dem berühmten Amoenum stagnum, worin es so delikate Fische gibt; in Valencia wohnt ein zahlreicher vornehmer und begüterter Adel; in Valencia sind die Frauen, wenn nicht die geistreichsten, so doch zum mindesten die schönsten von ganz Spanien; Valencia hat einen Erzbischof und einen Klerus mit einem Jahreseinkommen von einer Million Duros – und trotzalledem ist Valencia eine sehr unangenehme Stadt für einen Fremden; denn er kann dort keine der Bequemlichkeiten genießen, die er sonst überall für sein Geld findet. Unterkunft und Essen ist schlecht; trinken kann man nicht, weil es keinen guten Wein gibt; unterhalten kann man sich nicht, weil man keine gute Gesellschaft hat; man kann nicht einmal disputieren; denn obgleich Valencia eine Universität hat, findet man dort keinen Menschen, den man vernünftigerweise einen Gelehrten nennen könnte.

Die fünf Brücken über den Guadalajara, die Kirchen, die öffentlichen Gebäude, das Zeughaus, die Börse, das Stadthaus, die zwölf Tore konnten mich nicht dazu hinreißen, eine Stadt zu bewundern, deren Straßen nicht gepflastert sind, und wo man nur außerhalb der Mauern spazieren gehen kann. Dort draußen findet man dann allerdings alle seine Sinne befriedigt; denn die Umgebung von Valencia ist ein wahres Paradies, besonders nach dem Meere zu. Aber die Umgegend ist nicht die Stadt.

Was ich dort bewunderte und was man wahrscheinlich noch dort findet, waren eine beträchtliche Anzahl einspänniger Wagen, die immer bereit stehen und die einen für einen sehr bescheidenen Betrag sehr schnell überall hinfahren, sei es auf die Promenade, sei es auf Entfernungen von zwei und drei Tagereisen.

Wäre ich bei guter Laune gewesen, so hätte ich eine Fahrt durch die Königreiche Murcia und Granada gemacht, die an materieller Schönheit alles überbieten, was man in Italien findet.

Arme Spanier! Die Schönheit, die Fruchtbarkeit und der Reichtum eures Landes sind die Ursachen eurer Unwissenheit, wie die Minen von Peru und Potosi schuld sind an eurem dummen Stolz und an allen Vorurteilen, die euch erniedrigen.

O Spanier! Wann werdet ihr einen edlen, aber starken Anstoß erhalten, der euch aus eurer dumpfen Betäubung weckt und eure eingeschlafene Tatkraft mit neuem Leben beseelt, dessen sie recht wohl fähig ist! Heute seid ihr ein elendes, bemitleidenswertes Volk, für die ganze Welt so unnütz wie für euch selber. Was braucht ihr? Ihr braucht eine starke Revolution, eine völlige Umwälzung, einen furchtbaren Anstoß, eine Eroberung, die neues Leben weckt. Eure Fäulnis kann nicht durch einfache zivilisatorische Maßnahmen beseitigt werden; der Krebsschaden, der euer Fleisch verzehrt, muß mit Feuer ausgebrannt werden.

Ich reiste der edlen und bescheidenen Pelliccia entgegen. Die erste Vorstellung sollte am zweiten Tage darauf stattfinden. Das war nicht schwierig; denn man spielte dieselben Opern, die man vor der Hofgesellschaft im Sitios aufgeführt hatte, das will sagen: in Aranjuez, im Escorial, in der Granja; denn Graf Aranda hat niemals gewagt, seine freisinnige Kühnheit so weit zu treiben, um dem Theater in Madrid die Aufführung einer italienischen Opera buffa zu erlauben. Solche Neuerung wäre zu groß gewesen, und die Inquisition hätte ihre satanischen Augen zu weit aufgerissen.

Die Bälle der Scaños del Peral hatten die Inquisition erstaunt, und man war genötigt, sie zwei Jahre später wieder zu unterdrücken. Solange Spanien eine Inquisition hat, wird dieses Ungeheuer der Stein des Anstoßes für Fortschritt und Glück sein.

Señora Pelliccia schickte sofort nach ihrer Ankunft dem Don Diego Valencia den Empfehlungsbrief, den der Herzog von Arcos ihr drei Monate vorher gegeben hatte. Sie hatte den hohen Herrn seit jenen Tagen in Aranjuez nicht wieder gesehen.

Wir saßen beim Essen, nämlich sie, ihr Mann, ihre Schwester, ein berühmter erster Geiger, den sie einige Zeit darauf heiratete, und ich, und waren eben beim Nachtisch angelangt, als man ihr den Señor Diego Valencia meldete; dies war der Bankier, an den der Herzog sie empfohlen hatte.

»Gnädige Frau,« sagte Don Diego zu ihr, »ich bin entzückt von der Gnade, die der Herzog von Arcos mir zuteil werden läßt, indem er Sie an mich weist, und möchte Ihnen meine Dienste anbieten und Ihnen die Befehle mitteilen, die Seine Exzellenz mir gibt und die ihnen vielleicht noch unbekannt sind.«

»Mein Herr, ich hoffe, es wird nicht der Fall eintreten, daß ich genötigt wäre, Sie zu belästigen, aber ich weiß vollkommen die Gnade zu schätzen, die der Herzog mir erwiesen hat, und bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie sich zu mir bemüht haben; ich werde die Ehre haben, Ihnen meinen Besuch zu machen, um Ihnen meinen Dank abzustatten.«

»Das ist nicht notwendig, Señora, aber ich muß Ihnen sagen, daß ich Befehl habe, Ihnen jede gewünschte Summe bis zur Höhe von fünfundzwanzigtausend Dublonen auszuzahlen.«

»Fünfundzwanziqtausend Dublonen?«

»Zweihundertfünfzigtausend Franken, Señora, und nicht mehr. Haben Sie die Güte, den Brief Seiner Exzellenz zu lesen; denn es kommt mir vor, wie wenn Sie den Inhalt nicht kennen.«

Der Brief war vier Zeilen lang:

Don Diego, Sie werden der Dona Pelliccia auf ihr Ersuchen jede Summe bis zur Höhe von fünfundzwanzigtausend Dublonen für meine Rechnung auszahlen.

Der Herzog von Arcos.

Wir waren vor Erstaunen sprachlos.

Doña Pelliccia gab den Brief dem Bankier zurück, der seine Verbeugung machte und sich entfernte.

Die Geschichte ist beinahe unglaublich, und nur in Spanien kann man so etwas erleben; dort aber sind solche Züge nicht selten. Ich habe bereits erzählt, wie der Herzog von Medina-Celi sich gegen die Pichona benahm.

Wer weder den spanischen Charakter noch die ungeheuren Reichtümer einiger großer Herren kennt, mag vielleicht solche Handlungen unvernünftig und lächerlich finden und sie für Verschwendung erklären; dies ist begreiflich, denn der Mensch urteilt stets nur durch Vergleichung. In diesem Falle aber würde er sich täuschen. Der Verschwender gibt ohne Unterschied und ohne Aufhören, wie der Geizhals unablässig Schätze aufhäuft; weder der eine noch der andere handelt mit Überlegung und aus edlem Antrieb. Es mag wohl vorkommen, daß der Verschwender innehält; aber das geschieht nur, wenn er sich mit Schrecken am Rande des Abgrundes sieht. Die heldenmütigen Handlungen aber, von denen ich spreche, tragen nicht diesen Charakter. Der Spanier ist in hervorragendem Maße gierig nach Bewunderung; alles, was er tut, geschieht in der Absicht, bewundert zu werden; dieser selbe Stolz hält ihn aber zurück, wenn die Leidenschaften ihn dazu treiben möchten, irgendeine Handlung zu begehen, die ihm Schande bringen könnte. Man soll von ihm glauben, er stehe über seinesgleichen, geradeso wie seine Nation über allen anderen erhaben zu sein glaubt. Diejenigen, die ihn prüfen, sollen ihn eines Thrones würdig erachten und von ihm voraussetzen, daß ihm alle Tugenden eigen sind; Tugenden aber kann der Mensch nicht in eigennütziger Absicht ausüben.

Man kann noch hinzufügen, daß gewisse spanische Granden ebenso reich sind wie gewisse englische Lords, daß sie aber nicht wie diese die Mittel haben, ihre Reichtümer auszugeben; infolgedessen wird es ihnen eben möglich, sie zu verschenken.

Als Don Diego fortgegangen war, drehte unsere ganze Unterhaltung sich um die Freigebigkeit des Herzogs.

Señora Pelliccia sagte, der Herzog habe ihr zeigen wollen, was für einen Mann sie um eine Empfehlung gebeten habe, und er habe ihr dabei die Ehre erwiesen, sie für unfähig zu halten, sein Vertrauen zu mißbrauchen. »Jedenfalls ist so viel sicher, daß ich lieber vor Hunger sterben als von Don Diego eine einzige Dublone annehmen würde.«

»Der Herzog wird sich beleidigt fühlen«, sagte der Geiger; »ich wäre der Meinung, Sie sollten etwas annehmen.«

»Du mußt die ganze Summe annehmen«, sagte der Gatte.

»Ich bin der Meinung der gnädigen Frau: sie muß sich so verhalten, daß man ihr nicht den Vorwurf machen kann, seine Großmut mißbraucht zu haben.« Und mich an die Pelliccia wendend, fuhr ich fort: »Ich bin überzeugt, der Herzog von Arcos wird sich für verpflichtet halten, Ihr Glück zu machen, gerade weil Sie durch Ihr Zartgefühl seine Achtung erworben haben werden.«

Sie folgte meinem Rat und ihrem eigenen Antrieb, zur nicht geringen Unzufriedenheit des Bankiers.

Aber so groß ist die Verderbtheit der Menschen, daß niemand an das Zartgefühl der Pelliccia glaubte. Der König erhielt Kenntnis von dem Vorfall; er wollte den Herzog von Arcos verhindern, sich zugrunde zu richten, und ließ der ehrenwerten Sängerin den Befehl zustellen, sofort Madrid zu verlassen.

So wird zuweilen die Tugend hienieden verkannt; aber die boshaften Menschen, die den König vielleicht zu dieser ungerechten Handlung angestachelt hatten, um der Pelliccia zu schaden, wurden die Ursache ihres Glückes.

Der Herzog glaubte sich durch den willkürlichen Befehl seines Herrschers beleidigt; er kannte die Römerin gar nicht weiter, als daß er zuweilen an öffentlichen Orten mit ihr gesprochen hatte, und er hatte niemals etwas für sie ausgegeben. Als er nun sah, daß er wider Willen die brave Frau unglücklich machte, wollte er dies nicht dulden. Zu stolz, um die Rücknahme eines Befehls zu erbitten, dem er sich nicht widersetzen konnte, faßte er den einzigen Entschluß, der seiner edlen Seele würdig war. Zum ersten Mal in seinem Leben begab er sich in die Wohnung der Señora Pelliccia und bat sie, ihm zu verzeihen, daß er die unfreiwillige Ursache ihres Mißgeschickes sei, und eine Rolle und einen Brief anzunehmen, die er auf einen Tisch legte, indem er ihr glückliche Reise wünschte.

Die Rolle enthielt hundert goldene Unzen mit den Worten: »Für die Reisekosten.« Der Brief war an die Bank des Heiligen Geistes in Rom gerichtet und enthielt eine Anweisung auf achtzigtausend römische Taler oder vierhundertachtzigtausend Franken, die Herr Belloni ihr auszahlte.

Durch die uneigennützige Freigebigkeit eines Ehrenmannes reich geworden, legte die Dame ihr Vermögen in guten Werten an. Seit neunundzwanzig Jahren führt sie in Rom ein Haus auf eine Weise, die klar und deutlich zeigt, daß sie dieses Glückes würdig war.

Am Tage nach der Abreise der Pelliccia sagte der König im Pardo zum Herzog von Arcos, er solle nicht traurig sein, sondern die Dame vergessen, die er nur zu seinem Besten habe ausweisen lassen.

»Indem Eure Majestät ihr den Ausweisungsbefehl übersandt haben, haben Sie mich gezwungen, das wahr zu machen, was bis dahin nur eine Fabel war; denn ich kannte die Frau nur insofern, daß ich einige Male mit ihr an öffentlichen Orten gesprochen hatte, und ich hatte ihr niemals auch nur das kleinste Geschenk gemacht.«

»Du hast ihr also nicht fünfundzwanzigtausend Dublonen gegeben?«

»Sire, ich habe diese Summe verdoppelt, aber erst vorgestern. Eure Majestät sind der Herr und können tun, was Ihnen beliebt; aber soviel ist gewiß: wäre sie nicht ausgewiesen worden, so wäre ich niemals zu ihr gegangen, und sie hätte mir niemals etwas gekostet.«

Der König war so erstaunt, daß er kein Wort sagen konnte. Nun begriff er, daß ein König sich um das müßige Geschwätz des Publikums nicht kümmern darf.

Ich erfuhr von diesem Gespräch durch Herrn Monino, der später unter dem Namen Floridablanca bekannt wurde und in diesem Augenblick in seiner Vaterstadt Murcia als Verbannter lebt.

Nach Marecalchis Abreise traf ich meine Vorbereitungen, um nach Barcelona zu fahren. Kurz vor meiner Abreise sah ich in der Stierkampf- Arena ein Weib, das etwas unbeschreiblich Imposantes an sich hatte.

Ich fragte einen Alcantara-Ritter, der neben mir saß, wer die Dame sei.

»Wieso berühmt?«

»Wenn Sie sie nicht dem Ruf nach kennen, ist Ihre Geschichte zu lang, um sich hier erzählen zu lassen.«

Ohne mir irgend etwas dabei zu denken, sah ich die Dame scharf an; zwei Minuten später trennte ein ziemlich übel aussehender, aber gut gekleideter Mann sich von der imposanten Schönheit, trat an den Ritter heran und sagte ihm etwas ins Ohr.

Der Ritter wandte sich mit höflicher Miene zu mir und sagte mir, die Dame, nach deren Namen ich ihn gefragt habe, wünsche den meinigen zu wissen.

Dummerweise von dieser Neugier geschmeichelt, antwortete ich dem Boten, wenn die Dame es erlaube, werde ich nach dem Schauspiel ihr persönlich meinen Namen sagen.

»Nach Ihrem Akzent scheinen Sie Italiener zu sein.«

»Ich bin aus Venedig.«

»Sie auch.«

Als der Bote fort war, wurde der Ritter weniger wortkarg und sagte mir, Nina sei eine Tänzerin, die der Generalkapitän des Fürstentums Barcelona, Graf Ricla, seit einigen Wochen in Valencia unterhält, bis er sie wieder nach Barcelona zurückkehren lassen könne, wo der Bischof sie wegen des von ihr erregten Ärgernisses nicht länger habe dulden wollen.

»Der Graf ist wahnsinnig in sie verliebt und gibt ihr täglich fünfzig Dublonen.«

»Aber sie gibt sie doch hoffentlich nicht aus?«

»Das kann sie nicht; aber sie macht jeden Tag tolle Streiche, die ihm viel Geld kosten.«

Ich war sehr neugierig, eine Frau von solchem Charakter kennen zu lernen, und fürchtete durchaus nicht, daß diese Bekanntschaft mir irgendwelche Unannehmlichkeiten zuziehen könnte. Ich konnte daher kaum das Ende des Schauspiels abwarten, um mit ihr zu sprechen.

Als ich sie anredete, empfing sie mich mit großer Ungezwungenheit. Sie wollte eben in eine schöne, mit sechs Maultieren bespannte Kutsche einsteigen und sagte mir, sie würde entzückt sein, wenn ich ihr das Vergnügen machte, am nächsten Tag um neun Uhr mit ihr zu frühstücken.

Ich versprach es ihr und ging pünktlich hin. Ich fand sie in einem sehr großen Hause ganz dicht vor der Stadt. Es war mit ziemlich viel Geschmack reich möbliert, und ein großer Garten umgab es.

Was mir besonders auffiel, waren eine Menge von Bedienten in glänzenden Livreen und mehrere elegant gekleidete Kammerfrauen, die überall hin und her liefen.

Als ich näher trat, hörte ich eine gebieterische Stimme laut schelten.

Die Schimpferin war die Nina, die einen Mann herunterputzte, der ganz erstaunt vor einem großen Tisch stand, worauf eine Menge Waren ausgebreitet lagen.

»Sie werden meinen Zorn entschuldigen«, sagte sie zu mir; »dieser spanische Dummkopf will behaupten, die Spitzen seien schön. Sagen Sie mir Ihre Meinung darüber.«

Ich fand die Spitzen wirklich schön; weil ich sie aber nicht bei meinem ersten Besuch ärgern wollte, so sagte ich ihr, ich verstände nichts davon.

»Señora,« sagte der Händler schließlich unwillig zu ihr, »wenn Sie die Spitzen nicht wollen, so lassen Sie sie liegen; aber wollen Sie die Stoffe?«

»Ja, ich behalte sie. Außerdem will ich Sie überzeugen, daß ich Ihre Spitzen nicht deshalb zurückweise, um Geld zu sparen!«

Mit diesen Worten nahm sie eine Schere und zerschnitt die Spitzen.

»Das ist sehr schade«, sagte der Mann, der am Tage vorher mit mir gesprochen hatte. »Man wird sagen, Sie seien wahnsinnig!«

»Halt den Mund, elender Kuppler!« rief sie, indem sie ihm eine kräftige Ohrfeige versetzte.

Der Kerl ging hinaus, indem er sie ›Hure‹ nannte, worüber sie nur laut auflachte; hierauf wendete sie sich zum Spanier und befahl ihm, augenblicklich seine Rechnung zu machen. Der Kaufmann ließ sich das nicht zweimal sagen; er hielt sich an den Preisen für die Beleidigungen schadlos, mit denen sie ihn überhäuft hatte. Sie nahm die Rechnung, unterschrieb, ohne sie zu lesen, und sagte: »Gehen Sie zu Don Diego Valencia; er wird Sie sofort bezahlen.«

Als wir allein waren, wurde die Schokolade gebracht, und sie ließ dem Ohrfeigenkerl befehlen, augenblicklich zu kommen und mit uns zu frühstücken.

»Wundern Sie sich nicht«, sagte sie zu mir, »über die Art und Weise, wie ich mit diesem Subjekt umgehe. Er ist ein jämmerlicher Lump, den Ricla mir beigegeben hat, um zu spionieren. Ich behandle ihn, wie Sie gesehen haben, damit er ihm alles schreibt.«

Ich glaubte zu träumen, so sonderbar kam mir alles vor, was ich sah und hörte; ich hatte niemals gedacht, es könnte eine Frau von solchem Charakter auf der Welt geben.

Der unglückselige Geohrfeigte, ein Sänger aus Bologna, kam und trank seine Schokolade, ohne ein Wort zu sagen. Er hieß Molinali.

Sobald er fertig war, ging er wieder hinaus. Hierauf erzählte Nina mir eine Stunde lang Geschichten aus Spanien, Italien und Portugal, wo sie einen Tänzer, namens Bergonzi, geheiratet hatte.

»Ich bin eine Tochter des berühmten Scharlatans Pelandi, den Sie vielleicht in Venedig gekannt haben.«

Nach dieser vertraulichen Mitteilung, aus der sie kein Geheimnis machte, bat sie mich, mit ihr zu soupieren. Das Souper sei ihre Lieblingsmahlzeit. Ich versprach es ihr und machte dann einen Spaziergang, um ungestört über den Charakter dieser Frau nachzudenken, die ein so großes Glück schnöde mit Füßen trat.

Nina war eine überraschende Schönheit; aber da ich niemals geglaubt habe, daß Schönheit allein genügen könne, um einen Mann glücklich zu machen, so begriff ich nicht, wie ein Vizekönig von Katalonien bis zu einem solchen Grade verliebt sein konnte. Molinari konnte ich nach allem, was ich gesehen hatte, nur für einen niederträchtigen Schuft halten.

Ich ging zu ihrem Souper, wie zu einem Schauspiel; denn so schön sie auch war, so hatte sie mir doch keine Gefühle eingeflößt.

Wir standen im Anfang des Oktobermonats, aber in Valencia waren zwanzig Grad Réaumur im Schatten.

Nina ging mit ihrem Jocrisse im Garten spazieren. Beide waren sehr leicht gekleidet; Nina hatte nur ein Hemd und ihr dünnes Röckchen an.

Sobald sie mich sah, kam sie auf mich zu und forderte mich auf, es mir ebenso bequem zu machen; ich unterließ dies jedoch, indem ich einige Gründe anführte, mit denen sie sich zufrieden geben mußte. Die Gegenwart des gemeinen Menschen war mir im höchsten Grade widerwärtig.

Bis zum Abendessen unterhielt Nina mich mit tausend schlüpfrigen Anekdoten, deren Heldin sie gewesen war, von Beginn ihres ausgelassenen Lebenswandels bis zum dreiundzwanzigsten Jahre, in welchem sie damals stand.

Ohne die Gegenwart des ekelhaften Argus hätten alle diese Geschichten ohne Zweifel ihre natürliche Wirkung auf mich geübt, wenn ich sie auch nicht liebte. So aber verspürte ich gar nichts.

Das Abendessen war lecker zubereitet, und wir hatten alle großen Appetit; als wir fertig waren, wäre ich gerne nach Hause gegangen, aber das lag nicht in ihrer Absicht. Der Wein hatte sie erhitzt, der Hanswurst war betrunken; sie wollte ihren Spaß haben.

Nachdem sie alle Leute hinausgeschickt hatte, verlangte die Messalina von Molinari, er solle sich ganz nackt ausziehen; hierauf begann sie mit ihm Experimente zu machen, die ich nur mit dem größten Ekel beschreiben könnte.

Der Bursche war jung und kräftig, und obgleich er betrunken war, versetzten Ninas Manipulationen ihn bald in einen recht respektablen Zustand. Offenbar war ihre Absicht, daß ich sie bei dieser Gelegenheit in Gegenwart des Halunken bedienen sollte; sein Anblick nahm mir jedoch sogar die Fähigkeit, Begierden zu haben.

Nina hatte sich, ohne mich anzusehen, in Naturzustand versetzt; als sie mich bei dieser Orgie kalt bleiben sah, bediente sie sich dieses Menschen, um ihre Glut zu löschen.

Ich sah mit Schmerz ein so schönes Weib sich mit einem Vieh begatten, das kein anderes Verdienst hatte, als eine ungeheuerliche Mißbildung, die für sie ohne Zweifel eine Vollkommenheit war.

Als sie ihn durch alle möglichen Buhlkünste, die nur eine Bacchantin aufbieten konnte, völlig erschöpft hatte, warf sie sich einen Augenblick in eine Badewanne, die in Gestalt einer Kommode im Zimmer stand und von mir bis dahin nicht bemerkt worden war. Hierauf kam sie wieder, nahm eine Flasche Malvasier von Madeira und zwang den Kerl zu trinken, bis er niedersank.

Ich flüchtete mich in ein Nebenzimmer, denn ich konnte es vor Ekel nicht mehr aushalten; sie folgte mir, immer noch nackt. Durch das Bad erfrischt, setzte sie sich neben mich auf eine Ottomane und fragte mich, wie ich dieses Fest gefunden hätte.

Da meine Ehre und mein Stolz eine Genugtuung verlangten, so sagte ich ihr, der Abscheu, den der Elende mir einflößte, sei so groß, daß er alle Wirkungen zerstöre, die ihre Reize auf mich, wie auf jeden Mann, der Augen im Kopfe hätte, ausüben könnten.

»Ich halte das wohl für möglich; aber jetzt ist er doch nicht da, und trotzdem sagen Sie nichts. Man würde das nicht glauben, wenn man Sie sieht.«

»Man würde recht haben, Nina, denn ich bin nicht minderwertiger als ein anderer; aber er hat mich zu sehr angeekelt. Lassen Sie mich heute! Morgen, wenn ich dieses Ungeheuer nicht mehr sehe, das nicht würdig ist, Ihrer zu genießen...«

»Er genießt nicht; ich töte ihn. Wenn ich glauben könnte, er genösse, so würde ich lieber sterben, als etwas mit ihm machen; denn ich verabscheue ihn.«

»Wie? Sie lieben ihn nicht und bedienen sich seiner zu solchen Zwecken?«

Wie ich mich eines künstlichen Werkzeuges bedienen würde.«

Ich sah in diesem Weibe die Natur in ihrer tiefsten Verderbnis.

Sie lud mich für den nächsten Tag zum Abendessen ein, indem sie mir sagte: »Ich will sehen, ob Sie die Wahrheit gesagt haben. Wir werden unter vier Augen sein, denn Molinari wird krank sein.«

»Er wird seinen Wein verdaut haben und sich sehr wohl befinden.«

»Ich sage Ihnen nochmals, er wird krank sein. Kommen Sie, und kommen Sie jeden Abend.«

»Ich reise übermorgen.«

»Sie werden erst in acht Tagen reisen, und zwar werden wir zusammen fahren.«

»Sie werden nicht reisen, sage ich Ihnen; denn Sie würden mir einen Schimpf antun, den ich nicht dulden würde.«

Ich ging nach Hause, fest entschlossen, sofort abzureisen, ohne mich um sie zu bekümmern.

Obwohl es für mich in meinem Alter auf diesem Gebiete nichts Neues mehr gab, war ich doch erstaunt über die Schrankenlosigkeit dieser Megäre, über ihre freie Sprech- und Handlungsweise und vor allen Dingen über ihre Offenheit; denn sie hatte mir eingestanden, was ich zuvor wußte, was aber niemals ein Weib einem Manne gesteht: »Ich bediene mich seiner, um mich zu befriedigen, weil ich sicher bin, daß er mich nicht liebt; wenn ich wüßte, daß er mich liebte, würde ich lieber sterben, als ihm etwas erlauben; denn ich verabscheue ihn.«

Am nächsten Tage ging ich um sieben Uhr abends zu ihr. Sie empfing mich mit einer erheuchelten traurigen Miene, indem sie zu mir sagte: »Leider werden wir beim Abendessen allein sein, denn Molinari hat Kolik.«

»Sie haben mir gesagt, er werde krank sein; haben Sie ihn vergiftet?«

»Ich wäre dazu imstande; aber Gott soll mich davor behüten.«

»Aber Sie haben ihm irgend etwas eingegeben?«

»Nur was er gern hat; aber darüber werden wir noch sprechen. Jetzt wollen wir spielen. Hierauf werden wir zu Abend speisen und bis morgen früh lustig sein, und morgen Abend fangen wir wieder an.«

»Nein, denn ich werde um sieben Uhr abfahren.«

»Oh, Sie werden nicht abreisen, und Ihr Kutscher wird deshalb keine Händel mit Ihnen anfangen, denn er ist bezahlt. Hier ist die Quittung.«

Dies alles sagte sie in einem heiteren Tone verliebter Tyrannei, die mir nicht mißfallen konnte.

Da ich es im Grunde nicht eilig hatte, nahm ich die Sache von der heiteren Seite und sagte ihr nur: »Sie sind wahnsinnig; ich bin des Geschenks nicht würdig, das Sie mir damit gemacht haben. Über eins wundere ich mich jedoch: daß ein Weib wie Sie, das ein so schön eingerichtetes Haus hat, sich nichts daraus macht, Gesellschaft zu empfangen.«

»Alle Welt zittert vor mir. Sie fürchten den verliebten und eifersüchtigen Ricla, dem der Kerl mit der Kolik alles schreibt, was ich mache. Er schwört, das sei nicht wahr; aber ich weiß, daß er lügt. Es ist mir sogar sehr lieb, daß er es tut, und ich bedauere außerordentlich, daß er ihm bis jetzt nichts Wichtiges hat melden können.«

»Er wird ihm schreiben, daß ich heute mit Ihnen allein soupiert habe.«

»Um so besser. Haben Sie Furcht?«

»Nein, aber mir scheint, Sie müßten mir sagen, ob ich etwas zu befürchten habe.«

»Nichts; denn er kann sich nur an mich halten.«

»Aber ich möchte nicht die Ursache einer Zwistigkeit sein, die Ihnen zum Schaden gereichen würde.«

»Im Gegenteil; je mehr ich ihn reize, desto mehr wird er mich lieben, und die Aussöhnung wird ihm teuer zu stehen kommen.«

»Sie lieben ihn also nicht?«

»Doch! Aber nur, um ihn zugrunde zu richten. Leider ist er so reich, daß es mir nicht gelingen wird.«

Ich sah vor mir ein Weib, schön wie Venus, verdorben wie der Engel der Finsternis, eine abscheuliche Prostituierte, die dazu geboren war, einen jeden zu strafen, der das Unglück haben würde, sich in sie zu verlieben. Ich hatte andere Weiber dieser Art gekannt, aber niemals ihresgleichen.

Um von dieser verruchten Sünderin einen Vorteil zu haben, beschloß ich, mir ihren Reichtum zunutze zu machen.

Sie ließ Karten bringen und lud mich ein, mit ihr ›Primiera‹ zu spielen. Dies ist ein Glücksspiel, aber es enthält solche Kombinationen, daß der beste und vorsichtigste Spieler stets gewinnen muß.

In weniger als einer Viertelstunde bemerkte ich, daß ich besser spielte als sie. Sie hatte jedoch so viel Glück, daß ich mit zwanzig Pistolen im Verlust war, als wir aufstanden, um uns zu Tisch zu setzen. Sie nahm das Geld und versprach mir Revanche.

Wir aßen gut zu Abend und begingen hierauf alle Tollheiten, die sie von mir verlangte und die ich noch leisten konnte; denn ich war nicht mehr in dem Alter, wo man Wunder vollbringt.

Am anderen Tage ging ich früher zu ihr. Wir spielten, und sie verlor; ebenso an den folgenden Tagen, so, daß ich zwei- bis dreihundert Dublonen von ihr gewann, was bei meinen damaligen Glücksumständen keine gleichgültige Sache war.

Der Spion war wieder gesund; am nächsten Tage und ebenfalls an den folgenden Tagen speiste er mit uns; aber seine Gegenwart belästigte mich nicht mehr, seitdem sie nicht mehr vor meinen Augen sich ihm preisgab. Sie hatte sich gerade das Gegenteil ausgedacht: sie gab sich mir hin und sagte ihm, er möchte nur dem Grafen Ricla alles schreiben, was er sähe.

Der Graf schrieb ihr einen Brief, den sie mir zu lesen gab und worin der arme Verliebte ihr mitteilte, sie könnte nach Barcelona ohne alle Furcht zurückkehren; denn der Bischof hätte vom Hofe Befehl empfangen, sie nur als eine Theaterdame anzusehen, die sich in seinem Sprengel nur auf der Durchreise aufhielte; sie könnte daher den ganzen Winter in Barcelona verbringen und sich darauf verlassen, daß man sie nicht belästigen würde, vorausgesetzt, daß sie kein Ärgernis erregte.

Sie sagte mir, während meines Aufenthaltes in Barcelona könnte ich sie nur nachts besuchen, nachdem der Graf sie verlassen hätte, was er stets um zehn Uhr täte. Sie versicherte mir außerdem, es wäre für mich durchaus keine Gefahr dabei.

Ich hätte mich vielleicht nicht in Barcelona aufgehalten, wenn Nina mir nicht gesagt hätte, falls ich etwa Geld nötig haben sollte, würde sie mir die Summe leihen, deren ich bedürfte.

Sie verlangte, daß ich einen Tag vor ihr aus Valencia abreiste und in Tarragona Halt machte, um auf sie zu warten. Ich tat, was sie wünschte, und verbrachte in dieser Stadt, die voll von Denkmälern des Altertums ist, einen der angenehmsten Tage.

Ich ließ ein leckeres Abendessen zurechtmachen, um Nina so zu empfangen, wie sie es gerne hatte, und sorgte dafür, daß ihr Schlafzimmer an das meinige anstieß, um kein Ärgernis zu erregen.

Am Morgen reiste sie ab und bat mich, erst am Abend abzufahren, die Nacht hindurch zu reisen und am Morgen in Barcelona anzukommen, wo ich im Gasthof Santa Maria absteigen sollte. Sie empfahl mir, sie nicht früher zu besuchen, als bis sie mir Nachricht gegeben hätte.

Ich befolgte die Vorschriften dieser eigentümlichen Frau und fand in Barcelona eine sehr schöne Wohnung bei einem Schweizer, der mir im geheimen sagte, er habe Befehl erhalten, mich gut zu bedienen, und ich brauchte nur zu verlangen, was ich haben wollte. Wir werden sehen, wohin das alles führte.

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