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Salomon Geßner: Erast - Kapitel 1
Quellenangabe
typedrama
booktitleSchriften IV. Theil
authorSalomon Geßner
firstpub1762
year1976
noteFaksimile-Druck der Ausgabe von 1762
publisherGeorg Olms Verlag
addressHildesheim - New York
isbn3-487-06005-1
titleErast
pages95-156
created20060227
sendergerd.bouillon
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Salomon Gessner.

Erast.

In Einem Aufzug.

Erster Auftritt.

Die Scene ist ein einsamer, mit Bæumen und Gestræuch umgebener Platz, vor Erasts Hytte.

Erast. (Mit einer Jæger-Flinte; er stellt sie unmuthig an die Seite.) Da komm ich, unverrichteter Sache, wieder; weil wir kein Brod mehr hatten, gieng ich aus, einige unschuldige Thiere zu fællen; umsonst hab ich den ganzen Nachmittag in der Sonnen-Hize das heisse Gebyrg durchloffen; so wird der Hunger unserm Elend bald ein Ende machen. Ich will hineingehn; doch nein, ich muß mich erst von meinem Unmuth erholen. Ich muß ihn vor Lucinden verbergen. Ach Gott! Die Tugendhafte, wie willig sie Armuth, æusserste Armuth, dieses hylflose Leben duldet, um es mir ertræglich zu machen. Und wenn sie yber unser gemeinschaftliches Elend einsam weint und sie hœrt, daß ich komme; dann troknet sie die Thrænen von den Augen, und læchelt freudig mir zu, um mich nicht zu krænken. Ach Gott! Ja du wirst diese Tugend noch belohnen. Wie sehr verdient sie, glyklich zu seyn! Ich wære noch geruhig; aber das peinigt mich, der Gedanke, daß ich die Schuld ihres Unglyks bin, und des Elends unsrer bedauernswyrdigen Kinder. Das martert mein Herz, daß ich ihre Großmuth auf keine Art belohnen kann. Indeß wird unsre Armuth immer grœsser, und unser Leben immer hylfloser. Das wenige, was ich hatte, ist weg; an wen soll ich mich wenden? und yber das hat das lezte Gewitter unsre reifende Nahrung verderbt; zu wem soll ich mich wenden, da mein eigener Vater mich hylflos læsst, und meine wehmythigsten Briefe, diese ryhrenden Gemæhlde meines Elendes ihn niemals geryhrt haben? Es ist nun fynf Jahre, seit meinem lezten Brief; keinen hat er seiner Antwort gewyrdigt. O wie kann ein Vater so grausam seyn, und ein Kind hylflos dem Elend yberlassen! Und mein ganzes Verbrechen ist, daß ich, gegen seinen Willen, einer Person meine feyerlichsten Versprechungen hielt, und sie nicht in hylf- und ehrlose Umstænde styrzen wollte, nachdem sie meinen heiligsten Gelybden nachgab; eine Person, die jede Vollkommenheit, nur kein Vermœgen besizt. Hætt ich dem zu strengen Willen meines Vaters nachgegeben, hætt ich sie, die die Achtung der ganzen Welt verdiente, der Verachtung der unbilligen Welt ausgesezt; Himmel! wæren da nicht alle Ehren und Reichthymer der Welt mir unertræglich gewesen? Hætte nicht mein Gewissen mir jede frohe Aussicht mit hœllischen Qualen verdunkelt? Dies freundschaftliche Mitleiden in unserm Elend hat etwas sysses mitten in der Schwermuth; dies sorgfæltige Bemyhen, eins dem andern solches zu erleichtern; und diese Thrænen, die wir eins fyr das andre weinen, werden nicht immer fliessen! Vielleicht daß mein Vater endlich zum Mitleiden bewogen – Da kœmmt mein kleinrer Sohn; ach Gott! was wird endlich meiner Kinder Schiksal seyn? Ich will meine Thrænen wegwischen, und mein Gesicht aufheitern, damit das gute Kind sich nicht quæle.

Zweyter Auftritt.

(Sein jyngster Sohn læuft auf ihn zu, und umarmt seine Knie.)

Sohn. Mein lieber Vater!

Erast. Mein liebstes Kind! Woher kœmmst du so munter?

Sohn. Ich komme dort vom Hygel, und verweilte mich bey dem kleinen Ziegen-Hirt. Wie hatt' ich Mitleiden mit ihm!

Erast. Warum, mein Kind?

Sohn. Er saß da bey den Ziegen und weinte; ich habe, sprach er, heut den ganzen Tag nichts geessen, und mich, Armen, hungert so sehr. Da hast du. was ich habe, sprach ich, iß da; und gab ihm mein Mittag-Brod, das ich mir behalten hatte.. Mich hat zwar auch gehungert; aber wie hat es mich gefreut, da ich ihn so begierig essen und sich freuen sah!

Erast. O du gutes Kind! sey mir gesegnet!

Sohn. Das hætte ja der kleine Ziegen-Hirt auch gethan, wenn er was gehabt, und ich vor Hunger geweint hætte.

Erast. Du wußtest doch, daß wir kein Brod mehr in der Hytte haben.

Sohn. Ich hatte ja das; und es hat mich recht gefreut, daß ichs ihm geben konnte. Ihr sagt ja: GOtt im Himmel beschehre denen immer, die andern gutes thun.

Erast. Kysse mich, mein Sohn! O GOtt! diese Unschuld wirst du nicht immer im Elend lassen. (Er wischt Thrænen von den Augen.)

Sohn. Aber ihr weinet, mein Vater! Ach! weint nicht, mein Vater!

Erast. Ich weine nicht, mein Kind! Geh izt dort an den Hygel, und sieh, ob dein Bruder noch nicht aus dem Gebyrg zurykkœmmt, oder ob du den Simon nicht sehest, von der Stadt herkommen.

Sohn. Ich gehe, mein Vater! (Er geht.)

Dritter Auftritt.

Erast. (Allein.) O wie schmerzt mir das mein Herz! So Hylf-los bin ich noch niemals gewesen! (Er geht tiefsinnig umher.) O GOtt! – – – GOtt! Das beste Weib und diese unschuldigen Kinder! – – O! Stehe du mir bey, der du mein Schiksal leitest; steh du mir bey, daß ich niemals gegen deine weise Leitung murre, und niemals an deiner Vorsicht zweifle. Ich darf nicht in die Hytte gehen, ohne eine muntre Mine erkynstelt zu haben; doch die gytige Natur kœmmt mir zu Hylfe; dieser kyhle Wind truknet sanft meine Thrænen.

Vierter Auftritt.

Lucinde, Erast.

Lucinde. Sey mir gegryßt, mein Geliebter! (Sie drykt ihm die Hand.) Sey mir auf das zærtlichste gegryßt!

Erast. (Umarmt sie.) Sey mir gesegnet, meine Geliebte! Wie hast du deine Stunden durchgebracht?

Lucinde. Recht vergnygt; so vergnygt, als ich sie ohne dich zubringen kann. Ich habe bey meiner Arbeit gesungen.

Erast. Du betrægst dich im Unglyk immer als eine Heldin.

Lucinde. Mein Glyk ist, dich zu besizen, und die immer ermunternde Tugend. Ich bin nur unglyklich, wenn du glaubst, daß du es seyst.

Erast. Gott! Wieviel Zærtlichkeit gegen mich, der dich in Umstænde gesezt hat, die Leute, von niedrerer Denk-Art, in Verzweiflung sezen wyrden!

Lucinde. O um des Himmels willen, mein Geliebter! Stœre unsre Ruhe nicht immer durch solche Vorwyrfe, die meine Zærtlichkeit so sehr beleidigen. Ich schwœr es dir; beym hohen Himmel schwœr ichs dir, meine Ruhe ist nicht erkynstelt. Ich bin in deinem Besiz glyklich; und ohne dich wære mir jedes andre Glyk unertræglich.

Erast. So ist es gewiß, daß troz unsrer æussersten Armuth, troz des Hylf-losen Lebens deine ruhige Mine aus der innern Ruh entsteht, und nicht oft erdichtet deinen Kummer verhælt?

Lucinde. Ich bin nur bekymmert, wenn ich sehe, daß du es bist.

Erast. Ach! welche Gyte!

Lucinde. Bedenke, wie viele tausende ærmer noch als wir sind; und sollte Unzufriedenheit uns noch unglyklicher machen, als es jene sind?

Erast. Aermer nicht, als wir izt sind; ærmer, als jeder Vogel unterm Himmel. Wir haben keine Nahrung in unsrer Hytte. Umsonst hab ich heut das Gebyrg durchirrt, um einiges Gewild zu erlegen; ich komme ohne Nahrung zuryk. Ich kœnnt es immer noch dulden, dein Muth wyrde dem meinen aufhelfen; aber wenn ich unsre Kinder sehe. O GOtt! Das durchschneidet mir das Herz, wenn ich sehe, wie nahe ihnen die Thrænen stehen, die sie doch zurykhalten, um uns nicht zu bekymmern.

Lucinde. Mein Freund! Ein Unglyk soll uns nicht muthlos machen, das nur noch eingebildet ist. Unser æltester Sohn, der in den Wald ausgegangen ist, um Frychte zu sammeln, wird nicht leer nach Hause kommen; und ist es, so beruhet ja unsre Hofnung noch auf dem Simon, der aus der Stadt zurykkœmmt.

Erast. Ich bin beschæmt, meine Geliebte! daß jede Sorge so viel Gewalt yber mich hat.

Lucinde. (Weißt ihm ein Styk von gestikter Arbeit.) Und yber das, mein Geliebter! Sieh, dieses Styk Arbeit ist vollendet; Simon kanns morgen nach der Stadt tragen, zu der Kaufmanns-Frau, die meine Arbeiten noch immer gut bezahlt hat. Laß uns, mein Geliebter! nicht ungedultig seyn; denke zuryk; wenn unsre Umstænde am schlimmsten aussahen, dann war die Rettung immer nahe.

Erast. Was fyr einen Reichthum von Trost findest du immer in deiner edeln Seele! Indeß kann ich doch meinen Besorgnissen nicht wehren; was wird endlich aus unsern Kindern werden? so gænzlich von allem verlassen, was fyr Wege haben wir ihnen zu weisen, in der Welt ihr Glyk zu machen?

Lucinde. Die Wege der Tugend, ô mein Geliebter! die sind untryglich.

Erast. Ja, aber die leidende Tugend ist immer ein trauriges Schauspiel; und wie schwer ists, seine Tugend, wenn von aussenher alles Elend uns umringt, wie schwer ists da, sie unversehrt in seinem Busen zu erhalten? Ach! Es wird ein Glyk seyn, wenn sie nicht unter den niedrigsten Pœbel gemischt, dennoch weit unter den Rang. den ihre Geburt ihnen ertheilt hætte, ihr Leben durchschleppen kœnnen. O mein Vater! Es mœgen die Seufzer, die deine Strenge mir abzwingt, niemals, ach! niemals deine Seele ængstigen! Auch denn nicht, wenn deine Enkel einst unerkannt vor deiner Thyre ihr Brod heischen. GOtt!

Lucinde. Du giebst ihrem kynftigen Elend viel mehr Wahrscheinlichkeit, als es wirklich hat. Wie unendlich viele Wege hat die Vorsicht zum Glyke geœfnet?

Erast. Ja gewiß; aber wer einmal im Elend ist, wird immer von solchen weggedrengt. Wie gieng es uns? Himmel! Kaum hat mein Vater mich verlassen, kaum war unser weniges Vermœgen bis zur Armuth herunter geschmolzen; was fyr Hylfe, was fyr Rath, was fyr Hofnungen blieben uns da? Die Welt stieß uns aus; was blieb uns ybrig?

Lucinde. Die Welt zu verlassen, und uns in eine der schœnsten Gegenden der Welt ins Einsame zu flychten, und da der Vorsehung unser Schiksal heimzustellen.

Erast. Gut, mein Kind! Aber das ist drum kein Glyk, das ich ihnen wynsche, wo man alle Vernunft zusammen sammeln muß, um nicht zu verzweifeln.

Lucinde. Unsre Umstænde sind so elend nicht, in die uns die Vorsehung aus weisen Absichten, gewiß aus weisen Absichten, gesezt hat; wie unbillich ist es, wenn wir gegen dieselben murren. Eben izt hab ich unsre Nachbarin besucht. Ist ihr Schiksal nicht viel schlimmer, als das unsre? Sie ist alt, und hylfloser und ærmer, als wir sind; und wird schon lange durch schmerzhafte Krankheit gepeinigt, und alle ihre dunkeln Aussichten dieses Lebens sind nichts als fortdauernde Schmerzen und Armuth; und dennoch kœnnen Schmerzen und Armuth nur in seltenen Augenbliken ihre Geduld yberwinden. Ihre einzige Hofnung ist der Tod, der vielleicht erst nach langen Martern ihr Leben schließt. Und wir, wir sollten bey den Vortheilen der bessern Erziehung und des angebautern Verstandes durch kleinmythiges Betragen uns elender machen, als sie es ist!

Erast. Das wollen wir nicht, meine Geliebte!

Lucinde. Das wollen wir nicht, mein Geliebter! Nein! Gelobet sey die Vorsehung; sie, die alles so weise leitet, die alles zum besten Endzwek thut, die ihre Geschœpfe so lieb hat, und yber das geringste, wie yber das grœsseste, mit gleicher Sorgfalt wachet. Sie ists, die jenen Vogel erhælt, der dort im Gebysche zwitschert, und die Biene, die um uns sumst, und den Wurm, der vor uns auf der Erde kriecht. Und wir sollten gegen ihre Leitung murren, weil izt unsre Umstænde nicht beneidenswerth sind? Ermuntre dich; siehe, wie schœn die Gegend uns entgegen lachet; ein herrliches Abend-Roth will den Abschied eines Tages schmyken, der uns der Entwiklung unsers Schiksals næher gebracht hat.

Erast. Habe Dank, meine Geliebte! O meine Lucinde! Wie unaussprechlich ist mein Glyk, daß ich dich besize! Du hast meiner schwæchern Vernunft empor geholfen, du hast mein Gemyth aufgeheitert; aber diese Heiterkeit ist nicht wie eines Freude-vollen Fryhlings-Tages; sie ist wie die ernstere Heiterkeit einer stillen Mitternacht, wenn der volle Mond leuchtet. Das, das mildert sie immer; der Gedanke, daß mein Vater mich verlassen, so gænzlich mich aus seinem Herz verbannet hat. O wenn du stirbst, Vater! Wenn du stirbst, und ich Verstossener kann nicht bey deinem Sterbe-Bett weinen, nicht deinen lezten Segen von deinen Lippen hœren; ô so sey meiner eingedenk, und wenn du an den Verlassenen denkst, dem du das Leben gabst, dann segne mich!

Lucinde. Mein bester Mann! Deine Vernunft hætte sich selbst wieder aus diesen schwermythigen Gedanken empor gehoben; ich sagte dir nur diejenigen Trœstungen, die sie selbst besser, nur vielleicht gleich izt nicht gefunden hætte. Dein Wunsch fyr deinen Vater; ô daß der in Erfyllung gehe! GOtt! Ich – –

Erast. Um des Himmels willen! sage nicht, was du sagen wolltest; mache dir hieryber keine Vorwyrfe; ich wære des grœssesten Glykes, dich zu besizen nicht werth, wenn ich sie anhœren kœnnte.

Lucinde. Nein, mein Erast! ich will deine Liebe nicht beleidigen; aber meine Hofnungen muß ich dir sagen. Wie wenn dein Vater sich ausgesœhnt hætte, und um das Schiksal seines Sohns izt unruhig wære, den er – –

Erast. Nun ja! O dieser Gedanke hat ehedem oft die traurigsten Stunden mir erheitert, oft ganze Tage mich glyklich gemacht, wenn ich umsonst, ach! immer umsonst Antwort erwartete auf unsre ryhrenden Briefe; Briefe, bey denen, beym Himmel! der gleichgyltigste, unbekannteste, wenn er sie auf die Strasse hingeworffen, gefunden hætte, gewiss hætte weinen myssen; und mein Vater, er sollte – –

Lucinde. Wie unwillig wyrden wir gegen einen Vater seyn, der dich so sehr geliebt hat, wenn wir ihn – –

Erast. O GOtt! Ja gewiß unbillig. ô mein Vater! du solltest ewig mich hassen, der du mich ehedem so zærtlich liebtest, jede meiner schwach aufkeimenden Fæhigkeiten mit ybermæssiger Freude bemerktest, du solltest mich immer hassen! Auch in der ernstesten Stunde, wenn ich yber deinen Zorn weine, wirft mir mein Gewissen nichts vor; hætt' er mir vorzuwerfen, Himmel! dann wyrde dein Zorn mir unertræglich seyn! Du wirst, ô du wirst deine Liebe mir wieder schenken! Vielleicht, sysser Gedanke! vielleicht weint er schon yber einen Sohn, den er so hylflos seinem Schiksal yberlassen hat. Diese Hofnung, ô wie entzykend ist sie! Ich will ihm schreiben, ich will ihm alles das ryhrende erzehlen, was unsre Umstænde und meine kindliche Liebe mir geben kœnnen. Laß uns in die Hytte gehen; ich will heute noch schreiben; komm, dein Beystand wird mir nœthig seyn.

Lucinde. Komm, mein Geliebter! (Sie gehen Hand in Hand in die Hytte.)

Fynfter Auftritt.

Simon. Sind sie weg? – – – Ja, wenn sie mich nur nicht so gleich sehen. Schon ein schlechtes Zeichen, daß ich mich vor ihnen scheuen muß; was pochest du so? (Er legt sich die Hand aufs Herz.) Was das fyr ein unbændiges klopfen ist! Was hæuft sich fyr eine Last auf meine Brust? Nicht doch! O laß mich! mache mir nicht bang yber etwas, das ich aus den besten Absichten gethan habe! Du alter ehrlicher Kerl! Dein Gewissen ist sehr empfindlich, daß du etwas gewagt hast, das sonst in allen andern Umstænden ein Schelmenstreich gewesen wære. Aber es ist keiner; Absichten und Umstænde entschuldigen mich; mein Seel! es ist kein Schelmenstreich! Und doch ist mir so bang, als wenns einer wære; wenn nur niemand kœmmt, eh ich mich in Ordnung gebracht habe. (Er langt einen Beutel mit Geld hervor.) Es ist viel; das kann uns lange durchschleppen. Aber geraubt! auf der Strasse geraubt! Verflucht! Wie soll mir das nun ewig bang machen! Befriedige dich, Gewissen! O! Es ist das erste mal und auch das lezte. Lieber wollt ich jeden Mangel ertragen, und mit dir in Freundschaft leben, als im Yberfluß sizen, und mit dir uneinig seyn. Aber unserm hylflosen Mangel, unserm Elend nur ein wenig abzuhelfen, gieng ich und foderte dort, zwar mit Gewalt, jenem etwas von seinem Yberfluß, das er nur so lange mißt, bis er nach Hause kœmmt; und dann mag er sichs aus seinen vollen Kisten wieder ersezen. Nein, beym Himmel! es ist unbillig, daß so viele Schurken mit allem Yberfluß durch die Welt schlendern; und mein braver Herr, und Lucinde, und ihre Kinder, und ich sollen indeß hylflos und hungrig in dieser Wildniß schmachten. Ha! Mir siedet mein Blut, wenn ich sie sehe, diese Prasser, diese stolzen Ungeheuer, die den Armen und den hylflosen Elenden zum Vieh zehlen, und in allen Wollysten sich wælzen, ihr meist durch andrer Elend erworbenes Gut in Lasterthaten verprassen; indeß soll der Arme verhungern, und der Elende verschmachten, und mit heissen Thrænen zusehen, wie diese ungerochen in den Gytern dieser Welt schwelgen; es ist billig, daß diese ihren bescheidenen Theil wegnehmen. Nein, ich bereue die That nicht. Ich – Himmel! Ich hœre rauschen. – – Es kœmmt jemand. – Nein. – Ich zittre, als hætte man mich aus dem kalten Wasser geschleppet. Ich alter Narr! Ich werde mich gut verstellen kœnnen! Nun, damit ich nicht ungerystet yberraschet werde, was will ich sagen, meinem Herrn darf ich die Wahrheit nicht sagen. Still! mein Gewissen! O! wie eins aus dem andern folgt! Nun, es muß seyn; mein Seel! da muß gelogen seyn. Ich will sagen – – Nun was? – – Ungeschikter Narr! Verzweifelte Umstænde! – Ich will sagen – Ich habe – Nu ja, Dummkopf! das wær artig! Da wær ich den ersten Augenblik verrathen. – – – Ja, ja! Das geht an; ein Herr ist mir in der Stadt begegnet, der hat mich gekannt, ich hab ihn nicht gekannt, der fragte, ob ich noch bey Erasten in Diensten wære; darauf hat er gesagt, er – – – er wisse unsre Umstænde, er habe Mitleiden, er – – und – – Bliz! Wer kœnnt, – – – unsre beyden Sœhne sinds; kann man denn nicht ungestœrt seyn? Ich werde meine Role treflich spielen.

Sechster Auftritt.

Simon, beyde Sœhne.

Erster Sohn. Sey willkommen, Simon.

Zweyter Sohn. Sey willkommen, Simon!

Simon. (Steht ganz staunend.)

Erster Sohn. Du bist nicht freundlich, Simon!

Simon. Ja, ja; es stekt mir was in meinem nærrischen Kopf.

Zweyter Sohn. Du kœmmst spæt aus der Stadt.

Simon. Ich hatte auch vieles da zu thun.

Erster Sohn. Hast du was mit aus der Stadt gebracht?

Simon. O ja! Recht viel. Wir haben voll-auf.

Zweyter Sohn. O du guter Simon!

Erster Sohn. Ich hab im Wald Frychte gesucht; ich hab den ganzen Korb voll.

Simon. Gut, gut! Du bist ein braver Sohn; wir werden also recht gut leben.

Zweyter Sohn. O wie verlangts es mich, auch groß zu seyn, wie mein Bruder, um euch helfen zu kœnnen.

Erster Sohn. Du lieber Bruder du! das wird auch bald geschehen.

Zweyter Sohn. Du lieber Bruder! kysse mich! (Sie kyssen sich.) Wie ich dich lieb habe. Wie werden sie sich freuen, unser Vater und unsre Mutter! Wir hatten keine Speise mehr, und izt haben wir recht viel. Die liebe Mutter hat heute bey der Arbeit geweint; ich kam eben in die Stube, wo sie bey der Neh-Rame saß; sie sah mich nicht, und weinte und betete, und da mußt ich auch weinen. Da sah sie auf, wischete die Thrænen weg, als hætt ichs nicht sehen sollen, daß sie geweint hat; aber ich habs doch gesehen. Sag uns, Simon! Warum weinen sie so oft unser Vater und unsre Mutter? Es wird mir allemal so bange.

Erster Sohn. Mir auch. Sag uns, Simon! sag uns, warum, wenn du es weissest.

Simon. Nun, ihr Kinder! ich denke, sie weinen, weil wir so arm sind.

Erster Sohn. Arm? Wir?

Zweyter Sohn. Unsre Nachbarn im Gebyrge sind arm, nicht wir.

Erster Sohn. So ists. Wir sind nur zuweilen arm, heute waren wirs, izt sind wirs nicht mehr. Wir haben ja so vieles. Oder, sind wir denn izt nicht reich?

Simon. Ha! Ha! Ha! Ihr guten Kinder!

Zweyter Sohn. Du lachest yber uns, Simon! Aber ist man denn nicht reich, wenn man genug hat; und wir haben ja izt fyr fynf Tage genug.

Simon. Ihr guten Kinder!

Erster Sohn. Nun, Simon! so sag uns: Wenn wir arm sind, was haben denn die, so reich sind?

Simon. Die haben an allem Ueberfluß.

Erster Sohn. Aber wozu brauchen sie das? Ueberfluß ist ja, wenn man mehr hat, als man bedarf.

Simon. Ja; und sie sind meist mit dem nicht zufrieden.

Zweyter Sohn. Die wunderlichen Leuthe!

Erster Sohn. Sie geben also diesen Ueberfluß nicht denen, die nichts haben.

Simon. O! Sie nehmen oft dem Armen noch, was er hat, um es zu ihrem grossen Haufen zu legen.

Zweyter Sohn. O Simon! Du hast deinen Spaß mit uns Kindern. Dergleichen Leuthe sollt es geben, Bruder! Kannst du das glauben?

Erster Sohn. Das kann ich nicht glauben, Simon! Nun hab uns nicht zum Besten. Man muß nicht lygen.

Simon. Es ist gewiß wahr; die ganze Stadt ist voll dergleichen.

Erster Sohn. Aber wenn ich Ueberfluß hætte, so wyrd ichs unsern armen Nachbarn im Gebyrge geben, wie unser Vater und unsre Mutter auch.

Zweyter Sohn. Ja, gewiß ich auch.

Erster Sohn. Ich weiß keine grœssere Freude; ich muß allemal vor Freude weinen, wenn ein Armer uns so herzlich dankt und uns segnet, wenn wir ihm das gegeben haben, was wir doch missen konnten.

Zweyter Sohn. Ja, ja, Bruder! Das freut mich allemal mehr, als wenn ich den schœnsten Vogel gefangen hætte.

Erster Sohn. Aber sag uns, Simon! Warum weinen denn unser Vater und unsre Mutter, weil sie nicht reich sind? Ich kann es nicht glauben.

Simon. Ich denke darum, weil sie, wenn sie reich wæren, mehr Ueberfluß hætten; und sich dann die Freude œfter machen kœnnten, den Armen beyzustehn.

Erster Sohn. Ja gewiß, Simon! Du hasts errathen; izt mœcht ich auch weinen, daß wir nicht reich sind. Aber komm, Bruder! Wir wollen in die Hytte gehn. Komm Simon! Komm auch! (Sie gehen.)

Siebender Auftritt.

Simon. Izt bin ich wieder allein; ja, sie sind weg. Laß mich erst den Angst-Schweiß wegwischen. Izt, guten Muths! Izt wollen wir in die Hytte gehn, und – Aber was wollt ich sagen? Ich glaub, ich habs in der Angst schon wieder vergessen. So zittre doch nicht so, alter Narr! Steh vest! Die Augen nicht so niedergeschlagen! Du bist ein schlechter Betrieger. Ich bin zu alt, ein neues Handwerk zu lernen, fyraus eins, das meiner ganzen Natur so zuwieder ist. O wenns nur das mal geræth! – – Von jenem Herren wollt ich sagen, den ich niemals in der Stadt gesehen habe. Nun gut! – – Himmel! Da kœmmt er. Halte dich kek.

Achter Auftritt.

Simon, Erast.

Erast. Willkommen, mein wahrer Freund! Bist du nicht myde? Es ist eine ermydende Reise aus der Stadt hieher.

Simon. Nein, myde bin ich nicht; ich habe hier verschiedene Nothwendigkeiten mit aus der Stadt gebracht.

Erast. Entlade dich, trage sie in die Hytte, und dann komm hieher ins Kyhle, das Abend-Essen wird bald fertig seyn. (Simon geht.)

Erast. (Sieht ihm nach.) Der ehrliche Mann! O wenn ich nur einst seine Dienste belohnen kann! Zwar izt nehr ich wieder die sysseste Hofnung. Ich habe den Brief angefangen, und ich werd ihn heute noch vollenden. Was fyr sysse Hofnungen! was fyr schrœkliche Zweifel! Welch Entzyken, ô GOtt! Welch himmlische Freude! wenn ich vom versœhnten Vater Antwort erhalte. Die sysse Hofnung macht mich weinen; wie werd ich mein Entzyken ertragen! wie werden meine Thrænen die gesegnete Schrift benezen! Was fyr Schreken! O was fyr Verzweiflung, wenn er mich nicht erhœrt! GOtt! O hœre, hœre mein Flehen, erbarme dich, versuche mich nicht yber mein schwaches Vermœgen! Laß meinen Vater nicht unversœhnt zur Grube gehn! Wie wenn Simon mit meinem æltern Sohn hingienge? Zwar die Reise ist weit; wenn dies liebenswyrdige unschuldige Kind meinem Vater den Brief ybergæbe, wenn es des alten Mannes Knie umfassend, fyr seinen Segen flehete, und fyr den Segen seines Vaters. – – O Herrlich! Herrlich! Der Elende macht tausend sysse Projecte, um tausend mal desto herber zu fyhlen, daß er elend ist. Wer wird sie beyde auf der Reise unterhalten? GOtt! (Er geht staunend hin und her. Simon steht lange zur Seite, ohne daß es ihn gewahr wird; es sieht ihn.) Bist du wieder da, Simon? O du mein einziger Freund! Wenn ich nur einst deine Gyte belohnen kann!

Simon. Ihre Gytigkeit gegen mich belohnt mir das wenige, was ich thu, alle Augenblike.

Erast. Das kann ich nicht; wie sollt ich deine Freundschaft belohnen kœnnen? Da mich mein Vater, und nach ihm alles, alles verlassen hat, bliebst du, alter ehrlicher Bedienter, allein ybrig; du hattest nichts bey mir zu hoffen, da mir selbst keine Hofnung ybrig war; und dennoch folgtest du mir ins Elend, lidtest mit mir Hunger und Mangel, und versæumtest bey mir jedes andre Glyk.

Simon. O mein Herr! Wie sie das wenige, was ich gethan habe, groß zu machen wissen! Sie werden mich doch nimmer bereden, daß ich was grosses gethan habe. – – – Hier ist – –

Erast. Was, mein Freund?

Simon. Nehmen Sie nur! Nehmen Sie!

Erast. Wie? – – Was? – –

Simon. Geld, – – das ich mit aus der Stadt gebracht habe.

Erast. So viel Geld! Wie? Warum zittert deine Hand so?

Simon. Meine Hand? – – Zittert? – – Ich denk, – – vor Freude.

Erast. Du stotterst. – – Was ists?

Simon. Geld, mein Herr! Geld ists! Wir habens ja so nœthig; und doch freuen Sie sich nicht.

Erast. Dein furchtsames Betragen macht, daß ich nicht weiß, ob ich mich freuen soll. Ums Himmels willen! mein Freund, reisse mich aus der Ungewißheit, wer hats dir ybergeben?

Simon. Ja – – man hat mir verboten, es Ihnen zu sagen.

Erast. Nun, mein Freund! mache mich nicht unruhig. Da nihm es wieder zuryk; ich kann es nicht annehmen, bis ich weiß, auf was Art du es bekommen hast.

Simon. Nun – – ich nehm es nicht wieder. Was das fyr Bedenklichkeiten sind!

Erast. Nun heraus, Simon! rede heraus.

Simon. Ich – – Da ich aus der Stadt kam – Da – – unten am Gebyrge hab ichs gefunden.

Erast. So lyge doch, alter ehrlicher Mann! Deine Sprache verræth dich.

Simon. Ich glaube, sie kœnnen mir ins Herz sehen.

Erast. O! das kann ich nicht. Aber du geberdest dich so ybel dazu, wenn du Unwahrheiten sagen willst; und yber das widersprichst du dir ja.

Simon. Nun ja; ich habs nicht gefunden, wie ich gesagt habe – –

Erast. Was, wie ich gesagt habe?

Simon. Es hat mirs jemand in der Stadt ybergeben.

Erast. O Simon! Simon! Wars ein Freund von mir?

Simon. Das muß er wol seyn; es war ein feiner Herr; er fragte mich, ob ich noch bey ihnen in Diensten wære?

Erast. Nun weiter – –

Simon. Ich sagte ja; und da ybergab er mir das Geld, ich soll es Ihnen bringen.

Erast. Hast du den redlichen Mann denn nicht gekannt?

Simon. Nein, wie ich gesagt hab; ich weiß mich nicht zu erinnern, ihn gesehen zu haben. (Fyr sich.) Wenn nur unser Gespræch zu Ende wære.

Erast. Ich glaub es selbst, du habest ihn niemals gesehen. O mein redlicher Freund! Warum willst du mich heute zum ersten mal betriegen?

Simon. Das ist aber die Wahrheit. – – Ich muß, verzeihen Sie, ich muß in den Garten gehn. (Er geht weg)

Erast. Das ist wunderbar; da muß ein Geheimniß darhinter steken. Wie der ehrliche Mann so unruhig ist! Das leztere scheint mir so wenig wahr zu seyn, als das erstere. Es war ihm so bange. Ich denk, ich will ihm in den Garten folgen. Ich kann nicht ruhig seyn, bis ich in der Sache mehr Licht habe. (Er will gehen.)

Simon. (Kœmmt ganz langsam zuryk, und bleibt mit niedergeschlagenen Augen stehen.) Mein Herr! – Verzeihen Sie! – Ich kann es nicht ausstehen, daß ich Sie habe betriegen wollen. Es wyrde mich mein Lebtag unruhig machen. Ich will ihnen alles sagen, damit ich auch wisse, ob das, was ich gethan habe, so bœse ist, als mirs mein Gewissen angeben will. Ich – –

Erast. Ums Himmels willen! so rede – –

Simon. Ich hab es auf dem Gebyrg – einem Reisenden abgenommen.

Erast. Wie! Wie! Abgenommen?

Simon. Ich will ihnen alles sagen. Da ich aus der Stadt heraufgieng, und so durchs einsame Gebyrge nach unsrer Wildniß schlenderte, da sezt ich mich oben auf der Hœhe, um auszuruhen, und sah auf die entfernte Stadt herunter, sah da die Himmel-ansteigende Pallæste, auf jene Schlemmer, die das Glyk fyr sich allein gedungen zu haben scheinen, die den Hylf-losen und den Elenden vergebens vor ihrer Schwelle schmachten lassen, und ihren Reichthum in niedertræchtigen Wollysten verschwelgen. Das machte mich rasend, daß jene aller Orten immer das Beste wegnehmen und ein braver Herr, wie sie sind, der besser ist, als zehen von jenen zusammengenommen, der beste, der tugendhafteste Mann mit dem besten Weib auf dem Erdboden, in dieser Welt hylflos und verdrængt leben sollen! Ich ward rasend bœse, da ich unsern Zustand yberdachte, und daß eben izt kein Bissen Brod in unsrer Hytte sey, indeß daß dort bey manchem Narren, der kaum des Wassers werth ist, in einem Tag mehr verprasset wird, als ein ehrlicher Mann ein ganzes Jahr durch bedyrfte; indeß daß dort, auf einer Charte, mehr Geld, als mancher arbeitsamer Mann mit der Arbeit des ganzen Jahres nicht gewinnt, mit gleichgyltigem Gesicht von manchem verloren wird, der wie ein Henker flucht, wenn einer mit presthaftem Cœrper ihm einen Pfenning fodert; indeß dort mancher mehr verschwendet, die Unschuld eines Kindes braver Eltern zu verfyhren, als mancher ehrlicher Mann nœthig hætte, eine zahlreiche Haushaltung zu erziehen. Ist es billich, dacht ich, daß man so die Glykes-Gyter theilt, die doch fyr alle da sind, und daß oft einer allein so viel mißbraucht, als fyr tausende genug wære; so dacht ich, nahm meine Byrde auf den Ryken, und gieng voll bittern Gram weiter. Bald darauf sah ich auf einem Abweg einen zu Pferd, wol gekleidet, der auf mich zukam. Wie! wenn dieser mit mir theilen myßte; Himmel! das kann nicht unbillich seyn, dacht ich. Mein Widerwille machte mich kyhn, und mein Gewissen dann wieder muthlos. Die Hælfte soll er geben; das soll er, beym Himmel! das soll er; dann werd ich so viel bekommen, daß wir uns lange durchschleppen kœnnen. Ich begehre keinen Yberfluß; aber es ist doch nicht billich, daß wir verhungern; so dacht ich, als der Reuter bey mir war. Ich warf meine Byrde ins Gebysch; es war, als wollte mich jemand wegreissen; mein Herz hat mir nie so gepocht; Halt! stotterte ich, und faßte des Pferdes Zygel, und in der andern mein Weidmesser; gebt mir die Hælfte von dem Geld, das ihr bey euch habt; ohnverzyglich, nur nicht Hylfe gerufen, mein Seel nicht! oder ich werde die Meinigen zusammenrufen, die nicht ferne sind; und dann werdet ihr so nicht draus kommen. Der Reuter hatte noch ein bisgen weniger Herz, als ich hatte; sonst hætt' er bemerkt, wie ich schwizte, wie zitternd ich den Zygel hielt. Er gab mir das, was hier im Beutel ist; todtblaß gieng ich izt ins Gebysche zuryk, und war da, wie vom Traum erwachet. Wenn ich die Sache von allen Seiten betrachte, so verdiene ich mit keiner Billigkeit, aufgehangen zu werden.

Erast. Und du, ehrlicher Mann! du konntest dich zu so was entschliessen?

Simon. Ich wollte, daß das Geld mir aus der Hand zerschmolzen wære! Aber nein! Bedenken Sie es recht! Alle Umstænde entschuldigen mich.

Erast. Es kœnnen keine Umstænde eine vorsezlich bœse That entschuldigen.

Simon. Aber ich dachte nicht, daß sie so bœse wære.

Erast. Ich werde unruhig seyn, bis dies Geld wieder seinen rechtmæssigen Besizer gefunden hat.

Simon. Aber wie werden wir den finden? O das verfluchte Geld! Und zulezt? Er gab es so hin, wie wenn ers leicht missen kœnnte; und wie leicht wird er eine solche Kleinigkeit missen! Es scheint Ihnen nur so viel, weil Sie bey vielen Jahren nicht so viel beysammen gesehen haben.

Erast. Man ist nicht berechtigt, auch das geringste von dem Eigenthum eines andern gegen seinen Willen wegzunehmen. Geh, Simon! geh hin auf die Hœhe, wo man die Strasse ybersieht; vielleicht wirst du ihn wieder finden.

Simon. Ich sollte also –

Erast. Was?

Simon. Ich selbst ihm das Geld wieder geben?

Erast. Da nihm es hin; ich yberlaß es deiner Wahl.

Simon. Nun, so eil ich auf die Hœhe, um auf der Strasse nach ihm zu sehen. Aber horchen Sie einmal, ich hœre ein Pferd kommen; wer muß das seyn? Wie wenn ich verrathen wære, und man kæme her, um mich wegzuschleppen, und vielleicht dann gar aufzuhængen? Doch was muß man immer das Bœseste vermuthen? Da kœmmt jemand! Beym blitz! – Da ist er selbst!!

Neunter Auftritt.

Herr Cleon, in Stiefeln; die vorigen.

Cleon. Mein Herr! Ich habe mich von der Strasse im Gebyrg verirret, und meinen Bedienten, der von mir wegritte, um den Weg zu suchen, verlohren; und endlich komm ich hieher. Verzeihen Sie! – (Er sieht den Simon.) Himmel! Ich bin verloren!

Simon. Mein Seel! er ist es selbst! (Er schleicht sich hinten aufs Theater.)

Erast. Warum so bestyrzt, mein Herr?

Cleon. Ich ersuche sie, mein Herr! meiner zu schonen; dieser Herr hat die Gytigkeit gehabt, mir nur die Hælfte abzufodern, und ich hab ihm ungezehlt mehr gegeben. Ich habe eben noch so viel ybrig, als mir zu Fortsezung meiner Reise nœthig ist.

Erast. Verzeihen Sie, mein Herr! O Himmel! Wir sind keine Ræuber-Bande; wir sind nur Unglykliche, die sich aus der Welt in die Wildniß gerettet haben. Verzeihen Sie den Schreken, der Ihnen verursacht worden; das Geraubte sollen Sie alles wiederhaben. Simon!

Simon. (Kœmmt ganz erschroken.) (Zu Cleon.) Mein Herr! Ich komme ganz beschæmt. Erlauben Sie, daß ich dasjenige Ihnen wieder gebe, was ich Ihnen vorhin aus Unmuth, aus Verzweiflung abgenommen habe; ich wollt Ihnen eben auf die Strasse nachlaufen, um es Ihnen zurykzubringen. Ach! Die elenden Umstænde, in denen mein wakrer Herr und die seinigen sind, unsre æusserste Armuth haben mich zu einer That verleitet, der ich sonst gewiß niemals fæhig gewesen wære; GOtt im Himmel wolle mirs verzeihen! Da, mein Herr! nehmen Sie es hurtig zuryk, diese Last, die mich mein Leb-Tag wyrde beunruhiget haben. (Indeß daß Simon redt, betrachtet Erast mit grosser Aufmerksamkeit den Fremden.)

Cleon. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen Unrecht gethan habe; ich bedaure Sie. Mein Herr! Behalten Sie dies wenige; ich nehm es nicht zuryk. Ich wynschte, daß ich Ihnen mit mehrerm beystehen kœnnte; allein auf die Reise beladet man sich eben nicht gern.

Erast. Verzeihen Sie, mein Herr! Wir wæren unbillich, wenn wir sie desjenigen beraubten, was Sie zu den Bequemlichkeiten der Reise nœthig haben. (Fyr sich.) Himmel! Diese Zyge, diese Geberden!

Cleon. Wollen Sie mir denn das Vergnygen nicht gœnnen, Ihnen die geringste Freundschaft zu erweisen? Ich habe noch genug ybrig, meine Reise bequem fortzusezen. Ich schenk es hier dem Freund, der Ihr Bedienter zu seyn scheint.

Simon. Keine Bedenklichkeiten! Ich nehm es mit tausend Dank an, mein Herr!

Erast. So haben Sie tausendfæltigen Dank, mein Herr! O GOtt! Ehedem war ich nicht in solchen Umstænden; da war mir das selige Vergnygen nicht versagt, andern gutes zu thun. O verzeihen Sie, verzeihen Sie meinen Thrænen!

Cleon. Mein Freund! Erlauben Sie mir, Sie so zu nennen; Ihr edles Betragen sagt mir, daß Sie nicht von dem gemeinen Haufen sind. Es muß Sie ein trauriges Schiksal betroffen haben?

Erast. O mein Herr! Es blieb uns nichts ybrig als ein gutes Gewissen und die Tugend.

Cleon. Mein Freund! Wie sind Sie beneidenswerth! Ich hab an Glykes-Gytern Ueberfluß; aber ich wyrd es alles mit Entzyken fyr die Ruhe des Gewissens hingeben. Ich habe ein Unrecht gethan, das mich immer martert; die Angst folgt wie ein fyrchterliches Gespenst jedem meiner Tritte; und, wie es scheint, ô GOtt! soll es mir nicht so gut werden, es in der Welt wieder gut zu machen. Ja, mein Herr! Weinen Sie mit mir; ich bin ihres Mitleidens werth. O GOtt! Wie Quaal-voll, wie schrœklich werden die Tage seyn, die mein graues Alter noch zu leben hat, wenn ich die nicht wieder finde, denen ich Unrecht gethan habe! Mein Herr! Sie sind noch jung; Sparen Sie sich, ô sparen Sie sich den edeln Schaz eines reinen Gewissens auf ihre grauen Tage! O GOtt! Was ist das fyr ein Elend! O GOtt! Wie ist es klæglich, wenn seine Qualen uns in dem Abend unsers Lebens peinigen, und unser graues Alter bis in die Grube verfolgen! Schon lange hab ich Alter jede Beschwerlichkeit der Reise ausgestanden, um von denenjenigen Spuren zu finden, die durch meine Schuld vielleicht, schrœklicher Gedanke! in æusserstem Elend leben, vielleicht ein hylfloses Leben schon geendet haben! Welche Erde dekt ihren Staub? Welcher Himmelsstrich læßt Thau und Regen auf ihr ruhiges Grab fallen? O wißt ichs! ich wollte hineilen; meine grauen Loken wollt ich da auf ihr Grab hinwerfen, wollte da meine ybrigen Tage verweinen, und den lang gewynschten Tod erwarten. O ich elender Vater! Sie weinen, mein Freund! Haben Sie Dank fyr diß Mitleiden! O ich bin es werth! GOtt weiß, ich bin es werth!

Erast. Wie das Elend geschæftig ist, aller Orten Hofnungen aufzusuchen! Himmel! Nein, es ist nicht, es kann nicht seyn! Mein Herr! O wie bedaur ich sie! Sie sind ein unglyklicher Vater, und ich – –

Zehender Auftritt.

Lucinde, die vorigen.

Lucinde. Wie, mein Geliebter! Du hæltst deinen ehrwyrdigen Gast, der vielleicht myde ist, so in der feuchten Abend-Luft. Wollen Sie sich nicht bequem machen, mein Herr, so viel unsre Armuth Ihnen Bequemlichkeiten geben kann?

Cleon. Wenn Sie erlauben, so wird Ihre Gesellschaft mir die angenehmste von der Welt seyn.

Simon. Ha! Mein Herr! GOtt im Himmel was seh ich! O! seh ich recht? GOtt im Himmel! was find ich da bey dem Geld?

Erast. Himmel! Was ists?

Simon. (Zu Cleon.) Sind Sie es, dessen Name hier auf diesem Zedel steht? (Er giebt ihm ein Papier.)

Cleon. Ja, ich bins.

Simon. O GOtt! so umarmen Sie sich! O ich muß weinen wie ein Kind! Umarmen Sie sich! Das ist Ihr Vater, mein Herr! Das ist Erast, Ihr Sohn, und Lucinde – –

Erast. GOtt! Wie? O mein Vater! (Er fællt mit Lucinden vor seine Knie.)

Cleon. Meine Kinder! O GOtt! Das Entzyken nihmt mir die Rede. O mein Sohn, meine Tochter! Wie, so entstellt! GOtt! was hat meine Ungerechtigkeit dich leiden gemacht! Doch ja; du bists, du bist mein Sohn! Ich kenne deine, ach durch zu langen Gram zerstœrten Gesichts-Zyge wieder. Ach GOtt! Wie wunderbar, wie unvermuthet glyklich!

Erast. Ach mein Vater! mein Vater!

Lucinde. Und ich darf, Vater, Sie nennen! darf als Ihre Tochter diese Hand mit Freuden-Thrænen nezen! O mein Vater!

Simon. (Bringt beyde Sœhne von der Hytte her.) Da, Kinder, da kniet auch hin! Wir sind glyklich, mit einmal glyklich. Ha! Ich weiß vor Freude nicht, wo ich bin.

Cleon. O steht auf! halte mich, Sohn! Mein Entzyken ist yber meine Kræfte. Umarmet mich, umarmet mich, alle! Das sind deine Kinder. O seyd mir gesegnet, ô Lucinde, meine Tochter, Erast! O GOtt im Himmel! du hast meine Quaalen geendet. Drey Jahre sinds schon, seit mein erwachtes Gewissen mich mit unaussprechlichen Martern gequælt hat; drey Jahre sinds, seit ich in schmerzhafter Krankheit am Rande des Todes bebte, und mein Unrecht gegen dich mir die Erwartung des Todes mit Furcht und Entsezen erfyllte; wie ich auf meinem Beth winselte, Kinder! wie Verzweiflungs-voll ich deinen Namen rief! O GOtt! so rief ich, schenke mir Leben und Gesundheit, nihm mich in dieser quælenden Angst nicht hin, bis ich ihn gefunden habe, bis ich in seinen Armen mein Unrecht beklagen kann, und dann versœhnt und mit frohem Gewissen an seiner Brust sterbe. Schon lange hab ich umsonst dir nachgeforscht, lange umsonst dich gesucht; gesegnete Stunde! Wie werden meine alten Tage glyklich seyn! O verzeihet mir, Kinder! Verzeihet meine unbillige Strenge; sie hat mich genug gemartert!

Erast. Mein Vater!

Lucinde. O machen Sie sich keine Vorwyrfe! O GOtt, thun Sie das nicht! Kommen Sie in die Hytte; wir werden alle einige Erholung nœthig haben.








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