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Er wartet auf den vazierenden Gott

Arthur Schnitzler: Er wartet auf den vazierenden Gott - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSterben
authorArthur Schnitzler
year2000
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-29401-0
titleEr wartet auf den vazierenden Gott
pages27-30
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
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Arthur Schnitzler

Er wartet auf den vazierenden Gott

Nämlich mein Freund Albin wartet auf ihn. Er ist ein Poet, Albin, und zwar ist er das Genie des Fragments; er hat noch nie etwas bis zu Ende geschrieben. Die Ideen strömen ihm zu, das erzählt er mir oft, und ich war dabei, wie er in seiner Kaffeehausecke saß, auf die Marmorplatte des Tisches starrte und plötzlich aufsprang – weil die Ideen ihn nicht in Ruhe ließen. Ich faßte es sofort auf: er flüchtete vor den hunderterlei Gestalten, die da im Qualm des Kaffeehausdunstes um ihn tanzten, und ich, der ihm gegenübersaß, schaute ihm bewundernd nach. Ich wußte schon, daß er morgen mit der Mitteilung vor mich hintreten würde: Gestern nacht um ein Uhr hab' ich eine Novelle zu schreiben angefangen... Oder gar ein Drama! Oder er würde auch sagen: Höre einmal... dann pflegte er Reflexionen vorzulegen, abgerissene Sätze oder nur einzelne Worte mit irgendeinem überraschenden Epitheton.

Seine Reflexionen enden gewöhnlich mit einem Gedankenstrich, so ein Gedankenstrich, der zu einem spricht: Bitte sehr, setzen Sie jetzt diesen Gedanken fort, wenn Sie können! Ich weiß, daß ich einmal über einen solchen Gedankenstrich sehr pikiert war, weil ich nicht fortsetzen konnte, und zwar insbesondere, weil ich das Aphorisma nicht verstand. Albin aber würdigt mich seiner Freundschaft nach wie vor; denn ich bin nichtsdestoweniger der einzige, welcher ihn versteht. Man wird jetzt begreifen, warum ich manchmal stolz erscheine.

Ganz seltsam wird mir, wenn er mir gestattet, seine Papiere zu durchblättern. Abgerissene Szenen, Brouillons zu Komödien, erste Kapitel die schwere Menge, Skizzen, Pläne flattern in losen Blättern vor mir auf, und es überkommt mich wie ein ehrfürchtiger Schauer. Ich weiß, warum Albin eigentlich nichts arbeitet: es fällt ihm zuviel ein.

Neulich erst brachte er seine Papiere mit ins Kaffeehaus. Er las mir an diesem Tage nichts vor als kurze Sätze, Worte oder, wie es in der Überschrift geschmackvoll hieß: »Plötzliches.« Im Anfang mußte ich ihn manchmal unterbrechen und fragen: Was bedeutet das? Da empfing ich meist eine Antwort in folgender Art: Das wird im Zusammenhange klar, oder: ich weiß es selber nicht mehr, oder: das gehört in irgend etwas hinein, was mir noch nicht eingefallen ist, oder: wie? das begreifst du nicht?... Und dann las er unbeirrt weiter. Zum Beispiel: Er spielte eine Tangente am Kreise... Wer? fragte ich. Er warf mir einen vernichtenden Blick zu und las weiter: Was ist Treue? Zufall, Mangel an Gelegenheit zur Untreue – eine Art Krankheit. (Pause.) Toter Orkan. (Pause.) Als ich sie das erstemal sah, gähnte sie just. (Pause.) Er ging daher wie ein vazierender Gott.

Wer? rief ich dazwischen.

Das weiß ich ja noch nicht, erwiderte er beinah erregt; ich warte auf den vazierenden Gott.

Ah! Du wartest auf ihn... Was ist das eigentlich, ein vazierender Gott?

Das läßt sich nicht erklären, das muß man empfinden...

Ich empfinde es bereits, versetzte ich – jedenfalls etwas voreilig. Ein Gott, hm – ein Gott, der vaziert... der, auf den der Vergleich paßt, muß entschieden ein gewaltiger Kerl sein!

Stelle dir vor, sagte Albin...

Ich stelle mir bereits vor, erwiderte ich. Er geht daher... im vollen Bewußtsein seiner Göttlichkeit, aber er hat keine Verwendung für diese Göttlichkeit... Jupiter ohne Anstellung...

Du bist nah daran, eine Ahnung zu haben, meinte Freund Albin.

Selbst dieses bescheidene Lob regte mich mächtig an. Also wer? fragte ich mich selber eifrig. Ein entthronter Fürst zum Beispiel – ich kann mir das sehr gut denken –, er hat den Purpurmantel über den Arm geworfen, wie gewöhnliche Menschen den Überzieher; die Krone hat er schief aufgesetzt und strabanzt durch die Welt...

Der Blick Albins schien mich fragen zu wollen, ob ich scherzte. Und mir war es so heiliger Ernst! Immerhin hielt ich inne.

Hier – – hier, rief plötzlich Albin, indem er zum Fenster des Kaffeehauses hinausdeutete.

Ich sah ein junges Mädchen stolz mit einer Musikmappe vorüberwandeln und betrachtete sie aufmerksam, bis sie dem Auge entschwunden war. Mit einem gewissen kühnen Lächeln, welches ich nur furchtsam zu erwidern mich getraute, blickte Albin mich an. Dann machte er eine fragende Gebärde, die im Laufe einiger Sekunden sich so entschieden, beinahe drohend gestaltete, daß ich unbedingt etwas auf diese Gebärde antworten mußte. Ich rief daher: Ah! ja – sie ist's! –

Die vazierende Göttin, sagte er mit sonorer Stimme, und ich hatte das Gefühl der Beschämung und Erlösung zugleich.

Ja, ja, bestätigte ich, die Göttin ohne Engagement...

Da geht sie hin, sagte Albin, den Stempel des Genius auf der Stirn, aber wer weiß es außer den Sehenden? Das Erkennen ist eine schwere Kunst, und die Welt ist blind!

Blind, blind! – rief ich erschüttert aus.

Vazierender Gott – phantasierte er fort –, mancher vaziert freilich so lange in tiefen Sphären umher, bis die letzte Spur seines herrlichen Wesens verlorengeht...

Ja, sagte ich, und die wallenden Gewänder schleppen im Kote nach.

Weißt du, wandte er sich jetzt lebhaft an mich, daß auch der Gott der Bibel einmal nichts zu tun hatte?

Diese Bemerkung setzte mich in Erstaunen.

Er aber fuhr fort: jetzt freilich hat er genug zu tun; aber was tat er denn, bevor er die Welt erschuf, vor den gewissen sechs Tagen, an deren letztem er den Vater unseres unglückseligen Geschlechts erschuf?

Bei diesen Worten nahm er Notizbuch und Bleistift, um dieses Aperçu rasch aufzunotieren. Es wird der Nachwelt erhalten bleiben.

Ich schaute durch das große Spiegelfenster auf die Straße, und meine Phantasie suchte in jedem harmlosen Bummler den vazierenden Gott zu entdecken. Die Leute sahen aber so gewöhnlich aus... Vazierend erschien mir wohl der eine oder andere; aber nach dem Stempel der Göttlichkeit spähte ich vergebens.

Mit einem Male nahm Albin das Wort: Die Genies, denen die letzte Inspiration fehlt, sind es! Verstehe mich wohl! Die letzte Inspiration; denn wie diese käme, so könnten sie das Wunderbare, Vollendete schaffen, das sie zum Himmel emporträgt – als Götter, die ihre Heimat gefunden. Aber die Genies, an denen die Natur sozusagen die letzte Feile vergessen, die sie als Torso mitten auf den Markt der großen Geister warf und die nun mit dem Funken aus einer anderen Welt im Busen unter den Menschen umherwandeln – sie sind es! Das sind die vazierenden Götter!

Ich nickte beifällig mit dem Kopfe. Der Vergleich paßt im allgemeinen, sagte ich. Aber, setzte ich zögernd hinzu, sind es doch nicht eher diejenigen, welche eigentlich alles vollbringen könnten und denen nicht die letzte Inspiration fehlt, sondern, welche diese Inspiration vorübergehen lassen und mit allen ihren großartigen Plänen gemütlich weiterbummeln, ohne was Rechtes anzufangen, und sich genügen lassen im Bewußtsein ihrer himmlischen Würde? Sie mischen sich unter die Sterblichen und lassen sozusagen die Unsterblichkeit verfallen, auf die sie eine Anweisung in der Tasche tragen,

Albin hatte mir aufmerksam zugehört und lächelte. Ja, ja, sagte er ganz still vor sich hin; recht, recht... wir sind es!

Wir... Wir sind es?

Ein Blick von ihm belehrte mich, daß ich nicht im geringsten gemeint sei. Wir?... Er! –

Ich schaute Freund Albin an, und er mochte etwas wie Ehrfurcht in meinen Augen lesen.

Er stand auf, durchmaß mit großen Schritten den Saal des Kaffeehauses, nahm Hut und Rock vom Nagel. Ich verstand ihn.

Mit diesem Gefühl mischte er sich jetzt unter die Gewöhnlichen, unter die Tausende. Wortlos reichte er mir die Hand und ging dahin – wie ein vazierender Gott.








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