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Er verlangt sein Alibi

David Kalisch: Er verlangt sein Alibi - Kapitel 1
Quellenangabe
typescene
booktitleHerr Karoline / Er verlangt sein Alibi / Ein Abenteuer mit Jenny Lind
authorDavid Kalisch
year1852
firstpub1851
publisherA. Hofmann & Comp.
addressBerlin
titleEr verlangt sein Alibi
pages8
created20110503
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Er verlangt sein Alibi.

Komische Scene

von

D. Kalisch.

(Unter dem Titel: »Ein Märzgefangener« auf dem Königstädtschen Theater zum Erstenmale dargestellt am 27ten März 1851.)

 

Personen.

        Paddemann  . . .  Herr Grobecker.
Borgmeier  . . .  " Edmüller.
Ein Gefängnißwärter.

 

Gefängnißzelle für zwei Personen.
Im Hintergrunde zwei Pritschen mit Strohsäcken und wollnen Decken. Zwei Schemel. Eine Wasserkanne, zwei Commißbrote.

Borgmeier. Paddemann.
(sitzen auf den Pritschen im Gespräch begriffen.)

Borgmeier. I, des kann ja doch nicht möglich sein!

Paddemann. Wenn ich's Ihnen aber sage –

Borgmeier. Aber liebster Mann, ich begreife Sie nicht. Wie können Sie denn hier sitzen, für das was ein Anderer gemacht hat.

Paddemann. Nun das ist es ja eben. Ich bin ja nicht der, der ich sein soll und der ich sein soll –

Borgmeier. Sind Sie nicht. Wie so kam es denn aber?

Paddemann. Na passen Se 'mal auf!

Borgmeier. Na 'mal los!

Paddemann. Ich komme also Abends wie gewöhnlich von der Markgrafenstraße gegen sieben und biege –

Borgmeier. In de Zimmerstraße rin, Nummero achtzig.

Paddemann. Kommt mir Wilhelm wie gewöhnlich entgegen, bringt mir meine Weiße –

Borgmeier. Un 'nen kleinen Kümmel dazu.

Paddemann. Richtig. Ich gehe nach't Spinde, hole mir –

Borgmeier. Meine Pfeife, stopp' se und rooche se an.

Paddemann. Was denn. Ihre Pfeife? Wo werd' ich denn aus Ihre Pfeife roochen.

Borgmeier. Ich sprach ja nur für Sie.

Paddemann. Ach was! Ich brauche keine Fürsprache!

Borgmeier. Ich bin bloß in Ihre Rede eingefallen.

Paddemann. Lassen Sie sich mit ihre Einfälle begraben.

Borgmeier. Nee, kann ich nich.

Paddemann. Wo so denn?

Borgmeier. Ich kann mir nicht begraben lassen: Ich gehöre zur freien Gemeinde. – Ihr wißt schon –

Paddemann. Wie ich mir also hinsetze, fragt Siebert: Habt Ihr denn schonst den Artikel von heute im – gelesen? Ja, sag' ich und lächle. Drauf sagt Lehmann: Der war aberst wieder jut! O ja, sag ich, und lächle. Ich möchte woll wissen, sagt Lemke, wer ihn jemacht hat. Ja woll, sag' ich und lächle. Na, na! sagt er, wird bumsstille, steht auf und geht weg. Es dauert nicht so lange, kommen se alle uf mir zugeschossen. Der is von Dir? sagt Wiepricht. Ich frage: Was denn? Nu, der Artikel! sagt Dubberkow. Ich lächle. Sie sehen mir an und werden Alle bumsstille. – Wir unterhalten uns so weit ganz gut. – Es spricht Keiner ein Wort mehr. – Mir wird die Geschichte langweilig. –

Borgmeier. Mir ooch.

Paddemann. Es verzieht sich Eener nach dem Andern. Ich jehe. Komm ich zu Hause – is de Hausthüre auf, und wie ich Licht mache, haben se mir mit 800 Preuß'sche Thaler –

Borgmeier. Bestohlen –

Paddemann. Ne – Jährliches Einkommen fetirt und der Steuerzettel liegt auf'n Tisch. Mein Schreck war jroß aber was blieb mir übrig –

Borgmeier. Sie sammelten sich.

Paddemann. Ach, Sammeln. Jar nischt hab' ich gesammelt. Immer von der Hand in'n Mund. Und manchmal ooch nich!

Borgmeier. Na hören Sie. Sie werden doch nicht über Noth klagen, des Vollmondsgesicht und der Bauch!

Paddemann. Bin ich ja Allens noch bei Clausing schuldig, liebster Freund. Also die Einkommensteuer war da – was blieb mir übrig: ich gehe zu Bette. Der Tag war hin. Ich schlafe ein: –

Borgmeier. In'n Nacht!

Paddemann. Gegen sechs Uhr des andern Morgens zuppt mir Eener an't Koppkissen. Ich denke es is meine Frau und sage: Laaß mir in Ruhe, Emilie. O nee! sagt ein Constabler; Sie müssen mir folgen – Sie sind verhaftet. Nu denken Sie sich – mir. Ich, – der ich noch keine Sylbe über die Einkommensteuer – kein Wort und jar nischt – und verhaftet. Meine Frau schreit und weint. Ich sage: Immer kalt Blut un warme Kleider, gieb mir meinen Palito! Ich nehme mir zusammen, ich fasse mir –

Borgmeier. Sie faßten sich –

Paddemann. Nein, er faßte mich.

Borgmeier. Der Constabler?

Paddemann. Ja woll. Ich sage: Entschuldigen Sie! Behandeln Sie mir nicht als Knabe, ich gehe in's sieben und vierzigste. Nein, sagt er, Sie gehen in Numero eins, Molkenmarkt; Jut, sag' ich. Gehn Sie voran, ich werde folgen, ich gebe Ihnen mein Wort. Schön! sagt er, wenn Sie mir Ihr Wort geben, daß Sie folgen, so lasse ich Sie vorangehen, daruf gebe ich Ihnen auch mein Wort. Und so gab ein Wort das Andere, wir packten uns und er pfeift Noth.

Borgmeier. So schlecht ging es ihm?

Paddemann. Ja, un bekam sofort Unterstützung. So wie die Collegen die Nothpfeife hörten bin ich ooch schonst Molkenmarkt –

Borgmeier. Spittelmarkt.

Paddemann. Spittelmarkt. Nee, wo will ich denn hin, Molkenmarkt.

Borgmeier. Also doch?

Paddemann. Ja woll. Ich komme an. Sie fragen mir nach Stand und Relijon. So wie ich die Aeußerung »Markgrafenstraße« mache, werden se bumsstille, sehen mir mitleidig an und spunnen mir in. Jut. Ich sitze. Ich sitze eine Stunde – ich sitze zwei Tage, – ich sitze drei Wochen – ich sitze vier Monate. Endlich werde ich zum Verhör rufgeholt. Ju'n Morgen! sagt der Referendarius zu mir. Ju'n Morgen! Herr Referendarius! sage ich. Waren Sie gestern bei die Kunstreiter, es soll sehr schön gewesen sein? Sie heißen Paddemann! sagt er. Allerdings, sage ich, dieser Name ist mein Name. Schön! sagt er. Sie haben sich in einem öffentlichen Weißbierlokale dahin geäußert, daß dieser inkrimirte Artikel in der und der Nummer des – Sie wissen schon – von Ihnen eigenhändig verfaßt zu haben behauptet. Es kann Ihnen dieses von verschiedenen Zeugen bewiesen werden. Jut! sag' ich, wer sind diese Zeugen? Er steht uf und zeigt mir den Actus. Ick lese die Namen – wer sind die Schufte? Meine intimsten Freunde!

Borgmeier. Ihre Freunde?

Paddemann. Ja, die Kerle mit die ich täglich zusammenkomme, die ich Jeld pumpe, die ich uf Weißbier und. Pfefferkuchen ponire, was kriegen sie –

Borgmeier. Leibschneiden!

Paddemann. Sie kriegen den Rappel, sich mit mir 'nen Witz zu machen und mir fiskalisch zu denunciren.

Borgmeier. Das ist gemein!

Paddemann. Entschuldigen Sie, das ist noch gar nichts. Hören Sie weiter. Mir war der ganze Vorfall, wie Se sich woll denken können nicht gleichgültig. Mein Temprament war verbittert, mein Herz war in den Koth getreten, ich war keiner edlen Begierde mehr fähig. Aber wartet nur! dachte ich – des will ich nicht vergessen!

Borgmeier. Sie machten sich 'n Knoten in's Schnupptuch.

Paddemann. Ach! Schnupptuch! Ick trage nie 'n Schnupptuch.

Borgmeier. Entschuldigen Sie –

Paddemann. Also wie gesagt, ich nehme mir vor, mich zu rächen. Ihr habt mir arretiren lassen, Ihr habt mir inspunnen lassen, Ihr habt mir rujenirt, jut, dachte ich, des soll Euch schlecht bekommen. Das Janze ist ein Irrthum und dieser Irrthum muß bestraft werden. Ich sage also ganz ruhig beim Verhör: »Es is gut! Ich schweige. Ich habe keine Veranlassung mich vor Ihnen hier auszulassen. Ich beharre auf den Gegenbeweis. Ich muß darauf beharren, ich bin es meiner bürgerlichen Ehre schuldig.«

Borgmeier. Sehr richtig.

Paddemann. Nun hatte ich sie so weit, wie ich se haben wollte. Ich denke: Euch werd' ich das Sitzen schon sauer machen. Ihr sollt mir schon dicke kriegen.

Borgmeier. (auf das Wasser und die Brodte zeigend) Bei diese Nahrung –

Paddemann. Bei diese Nahrung. Ich kriege Verhöre auf Verhöre, Termine auf Termine. Ich bleibe sitzen. Ich verharre auf den Gegenbeweis – ich verlange mein Alibi.

Borgmeier. Ja, was nützt Ihnen denn aber das!

Paddemann. Was mir's nützt? Gar nichts! Aber denken se sich doch die Jewissensbisse von meine Freunde und die Verlegenheit von die Regierung – wenn ich zu lange sitze und zuletzt doch nischt –

Borgmeier. Na was haben Sie denn aber davon?

Paddemann. Nu Menschenkind, die Verletzung der persönlichen Freiheit un – die sittliche Idee vom Staate jänzlich rujenirt und die Achtung der Behörden un der Aerger von de Regierung.

Borgmeier. Ja, da haben Sie recht.

Paddemann. Und denn – ich bitte Sie, – wenn ich hier raus komme, – unschuldig – und in de Königstraße die Pferde ausgespannt – un nach Hause getragen – un das Mitleid von's Volk – und ich jänzlich ruinirt und meine Frau keine Nahrung – und der Abscheu vor's constitutionelle System.

Borgmeier. Ja, Da haben Sie vollkommen recht!

Paddemann. Na und nachher die Brochüren und Portraits – und litographisch und Kupferstich an de Schaufenster und Steindruck: Paddemann – Deutschland – 1851 und im Conversationslexikon unter V.

Borgmeier. Unter P.

Paddemann. Nein! unter V. Verbrecher. Sehen Sie, das bin ich der Regierung schuldig – das verdient sie und man will doch auch sein Vergnügen dabei haben.

Borgmeier. Ach was! Sie müssen doch bald rauskommen.

Paddemann. Ach, liebster Freund, und wenn das Jahr lang dauert, – davor hab' ich mein Alibi!

Gefängnißwärter (durch das Gitter in der Zellenthür seinen Kopf steckend). Herr Paddemann, nehmen Sie Ihre Sachen zusammen. – Sie sind frei!

Paddemann. O bitte recht sehr – da könnte Jeder kommen. Ich verlange zuerst mein Alibi.

Gefängnißwärter. Es ist alles entdeckt. Sie sind unschuldig! Ein Anderer hat das Zeugs zusammengeschrieben.

Paddemann. Dann verlange ich mit diesem Andern confrom – compromittirt zu werden.

Gefängnißwärter. Der Verfasser ist bereits in London.

Paddemann. Dann verlange ich – daß sich die Londoner Behörde mit mir compromittirt. Einer muß sitzen – entweder ich – oder Er – oder die Behörde. Ich verlange mein Alibi.

Gefängnißwärter. Machen Sie keine Witze! In fünf Minuten hole ich Sie. Ich werde indessen aufschließen. (schließt die Thür von außen und verschwindet hinter dem Fenster.)

Paddemann. Was? Ist das Gerechtigkeit?

Borgmeier. Sie Glücklicher! Sie haben es überstanden! Ach, wann wird mir die Stunde der Freiheit schlagen!

Paddemann. (sich verschiedene ihm gehörende Gegenstände zusammensuchend.) Ach! Spotten Sie nicht noch hier. Stunde der Freiheit schlagen. Ich weiß was die Glocke geschlagen hat. Ich werde hier mir nichts dir nichts rausgeschickt – ich gehe runter auf die Straße – kein Mensch sieht sich nach mir um, – ich bin unbescholten!

Borgmeier. (hat inzwischen Paddemanns Kleider genommen.) Danken Sie Gott, daß Sie es sind (entfernt sich ohne daß Paddemann es bemerkt.)

Paddemann. (noch immer seine Sachen zusammensuchend.) Ich will nicht unbescholten sein! »Märtyrer will ich sein! Mit Steine will ich geworfen werden! (Wendet sich um und bemerkt Borgmeier's Abwesenheit.) Nanu? Was ist denn das? Die offne Thür? Wo ist denn der hin? Wo sind denn meine Sachen? Ach so, nun weiß ich's! Der ist statt meiner entkommen. Ich habe seinen Schlafrock an – er meinen Palito. Er ist ich und ich bin Er! Aber schad't nischt. Ich verlange mein Alibi. Mit mir soll keener anfangen. Ich bin 'n Deutscher! Ich habe Jeduld! Und was das Rauskommen betrifft – meine Freiheit? Das muß ja nicht gleich sein, – das hat ja noch Zeit!

(Schluß-Couplet.)

(Mel. Lied des Cerberus, Lucifers Töchter II. Act, 6. Sc.)

        Wozu mich erhitzen?
Das kann mir nischt nützen!
Sie lassen mich schwitzen,
Auf's Alibi sitzen!
'S bleibt heute wie gestern beim alten Bescheid:
Es muß ja nicht gleich sein – das hat ja noch Zeit!

Als Deutscher geboren
War stets man verloren
Im ewigen Sehnen
Nach Frankreich, dem schönen!
Franzose jetzt sein – o die Seeligkeit! –
Na 's muß ja nicht gleich sein – das hat ja noch Zeit!

Wie sind doch die Britten
So weit vorgeschritten,
In der Industräschen
Durch das Glaspaläschen –
Doch nächstens da sind wir auch bald so weit: –
Nur muß es nicht gleich sein – es hat ja noch Zeit!

 


 








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