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Er starb und wurde begraben

Holger Drachmann: Er starb und wurde begraben - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorHolger Drachmann
titleEr starb und wurde begraben
publisherAlexander Duncker Verlag
seriesAus fremden Gärten
year1913
firstpub1897/1898
translatorOtto Hauser
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201204
projectidc589f5be
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Er starb und wurde begraben

Als Ivar eines Tages unten am Strande stand und den großen neuen Dregg und die vierzig Faden lange Kette aus dem Boote ziehen sollte, geschah es, daß er mit einem Mal ausließ und sich hinten an die Lende griff.

»Was gibt's?« fragte Andreas, sein Mithelfer.

»Ich zog 'n bischen scharf,« sagte Ivar und schnappte nach Luft.

Dann gingen sie wieder dran mit den vierzig Faden.

Das, meinten einige, sei die allererste Ursache von Ivar Asmussens langer und schmerzvoller Krankheit gewesen. Denn »Alles, was bös ist, beginnt mit einem Stich in der Seite«.

Andere sagten, das sei ein Geschnack, ein Fischermann komme so oft dazu, sich zu übernehmen, und viel ärger; sie müßten da alle als Krüppel herumlaufen. Nein, es müsse ihn eher jemand angesehen haben (d.h. mit dem bösen Blick).

Man ist abergläubisch unter den Fischern.

Endlich gab es noch die letzte Erklärung. Es stamme, sagte man, von jenem Februartag, wo beide, Ivar und Andreas, im Boot übersegelt worden waren, eine halbe Meile von Land. Es verging eine ganze Stunde, bevor man kam und sie herauszog, und das Wasser war natürlich kalt. Ivar war ein abgehärteter Bursch und wollte nicht die Kleider wechseln, sobald sie hereingekommen waren, – und da wollte Andreas auch nicht. Als dann das Frühjahr kam, nahm bei Ivar das Stechen im Rücken zu, während Andreas nichts fehlte. Sie hatten beide gleich lange im Wasser gelegen und waren beide gleich naß gewesen; – was sollte man von einem Teufelszeug halten, das sich dem einen in den Rücken setzte und dem andern rein nirgends hin? Nein, es war einfach ein Geschwatz –, oder auch war's der böse Blick. Aber krank war er.

Lene – Ivars Frau – bekam ihn endlich dazu, daß er sich legte. Es war schwer genug, ihn dahin zu bringen. Denn er war ein Schufter, ein wortkarger, trockener, unermüdlicher Arbeiter. Er besaß das Boot, Lene besaß die Gerätschaften, als sie heirateten. Was Andreas betraf, so hatte er keinen Anteil; er arbeitete für Lohn – Prozente konnte man's nennen; er war ein hübscher Kerl mit einem blühenden Gesicht, der Mund nur ein Strich, der nie zu einer ganzen Öffnung wurde; er redete noch weniger als Ivar, deshalb kamen die beiden vielleicht so gut aus. Er hatte nur eine einzige Leidenschaft: er tanzte – aber um des Tanzes selbst willen. Keine Liebelei, kein Herumstreichen zur Abendzeit. Wenn im Krug Winterball war, begann er mit dem ersten Mädchen bei der Tür, ob sie alt oder jung war, groß oder klein, und hörte mit der letzten auf. Dann war seine Joppe triefnaß, er ging sofort heim, legte sich in seinem Schweiß nieder, schlief ohne Träume und stand auf ohne Kopfweh.

Er hatte einmal mit Lene getanzt – drei Touren in einem Zug. Da er sie los ließ und sie sich setzte, sah sie ihn an, lächelte und sagte: »Du bist warm!«

Er sah auf den Boden und antwortete: »Es war gut, das!«

Diese Nacht konnte er gegen die Gewohnheit nicht einschlafen. Dann stand er auf und wechselte – nach einer plötzlichen Eingebung – sein Wollhemd. Es war zum ersten Mal. Und es half.

Sie tanzten nicht öfter miteinander, denn nun begann das lange Krankenlager. Ivars Rücken war »bös«; es mußte im Boote für zwei gearbeitet, für den Doktor, für die Fuhre zum Doktor, für die Medizin verdient werden; man mußte Wache halten, und doch sollte alles im Hause seinen Gang gehn. Lene und Andreas teilten sich in die Arbeit – immer ohne zu reden. Das schwere Krankenlager machte das Haus noch stiller; nur Ivars Wimmern und einmal dazwischen sein Schrei in den qualvollen Nächten unterbrach die Stille; und nach diesen Äußerungen, die den schwindenden Kräften abgerungen wurden, lastete das Schweigen und der Druck noch stärker auf dem kleinen Hausstand.

Der lange, niedrige Flügel war von etwa einem Dutzend Familien bewohnt. Die Ivar Asmussens wohnte im westlichen Giebel – zwei kleine Bodenzimmer mit einer Bretterwand mit gewürfeltem Tapetenpapier dazwischen. Die Küche war unten. Von da führte eine Stiege hinauf zu der schweren Bodentür mit dem abgenutzten Eisenring daran. Seit damals, da Lenes einziges Kind, die kleine Matte Marie, rücklings durch die Luke hinuntergefallen war, wurde diese Tür beständig geschlossen gehalten. Das Kind war mit dem weichsten, wenn auch nicht edelsten Teil des kleinen, wohlgenährten Körpers hinab in einen Korb mit Häringen gefallen. Die Häringe, wenigstens die obersten, waren zerdrückt worden, aber es gab viel Häringe dieses Jahr. Matte Marie war mit dem Schreck davongekommen. Ihr Rücken war tadellos.

Durch volle neun Jahre hatte diese Stiege mit demselben einförmigen Laut unter Ivar geknarrt, wann er vom Fange heimkam oder zu einem ging. Er hatte seinen frischen Rücken gegen die Tür gestemmt und sie mit einem kleinen elastischen Schubs aufgestoßen und mit einem kurzen, akkuraten Bums wieder sorgfältig geschlossen. Nun konnte der Rücken weder auf Fang gehn noch die Türe aufstoßen, – kaum noch konnte er in dem kurzen, breiten Bett, wo das Stroh von unten stach und die Federn von oben hitzten, ausgestreckt liegen. Dieser Rücken wurde mit jedem Monat schlechter, rein durchfressen von kleinen Löchern, bis er zuletzt ein einziges großes Loch war; das schloß sich und brach auf; das spottete der Kunst des Landarztes im Winter und der Kunst des Badearztes im Sommer; und so lag Ivar das andere Jahr und siechte dahin und roch übel und krümmte sich wie ein elender Wurm, der umsonst auf die große Ferse wartet, die ihn zertreten und der Qual für immer ein Ende setzen soll.

Für immer? Darüber eben grübelte der hartgeprüfte Mann in den langen Tagen und längeren Nächten. Der eine und andere seiner Verwandten hatte ihn gleich wie die Freunde des verstorbenen Hiob mit Trostgründen, Rat und Erbauung versorgt, und zwar in Form von Traktaten, die in zahlreichen Exemplaren von einer wohltätigen Gesellschaft zu billigem Preise herausgegeben wurden. Das eingebundene Gesangbuch, womit er begonnen hatte, konnte er in den kraftlosen Händen nicht mehr halten; und Lene las so langsam und so schlecht und weinte überdies immer bei den Versuchen, was sie nicht lesen konnte, zu singen. Aber mit den kleinen, gehefteten Bogen konnte er allein liegen und sie zwischen den zitternden Fingern halten. Er las, bis ihn die Schmerzen übermannten, dann schrie er eine Weile, und dann las er wieder, während sein Hirn mit der großen Wunde um die Wette glühte.

Eines Morgens rief er Lene heran.

Er hatte mit dem Nagel – einen langen, schwarzen, krummen Nagel – den Satz bezeichnet: ihr Wurm stirbt nicht, ihr Feuer wird nicht ausgelöscht.

»Im Grunde – du – Lene!« sagte er, »was habe ich im Grunde getan, was so schlimm sein kann?«

Sie antwortete nicht, fuhr nur mit der Hand und dem Messer, womit sie eine kleine magere Steinbutte gereinigt hatte, an das Auge.

»Habe ich dich jemals geschlagen?« fragte er.

»Nein, das weiß Gott!« schluchzte sie und vertauschte das Messer mit der Schürze.

»Oder Mätte Marie – bis auf das eine Mal, wo sie das Ferk herausgelassen hatte!«

»Nein – nein!« war die Antwort.

»Habe ich vielleicht getrunken – oder den Verdienst auf Karten gesetzt – oder ...?« Hier hatte er nicht mehr Kraft genug, die Hand fiel schlaff über die Bettkante hinab, und das kleine Heft lag am Boden unter einigen argen Fetzen – dem Verband, den er in der Nacht abgerissen hatte.

Sie bückte sich, nahm das Papier zugleich mit dem Fetzen und ging in die Küche hinab, wo sie beides auf die Schornsteingluten warf. Aber wie über ihre Kühnheit erschreckend, nahm sie augenblicklich die bedruckten Seiten weg, fuhr mit der Hand über die verkohlten Flecken und legte das Papier auf das Brett über der Tellerreihe. Die Fetzen blieben liegen und verbreiteten alsbald einen übelriechenden Qualm. Aber gegen Qualm wie Geruch war Lene abgehärtet.

Es ward zwischen den beiden nicht weiter von der Sache gesprochen. Ivar las nicht mehr. Er gab Lene, mit einem besondern Blick, die Blätter, die er im Bette liegen gehabt hatte. Seine Leiden nahmen zu. Er verdrehte die Augen, so daß das Weiße – nein, das Zitronengelbe – nach oben kam, wenn die Eisenplatte zwischen seinen Schulterblättern rotglühend wurde – denn so fühlte er die Schmerzen. Sobald ein Anfall vorbei war, fielen die Augendeckel zu, und er verfiel in eine halbe Bewußtlosigkeit; und wieder kamen die Schmerzen, und wieder glühte die Eisenplatte, und wieder wand er sich und wurde wieder schwach. Es war ein Kampf ums Leben – ein Kampf mit dem Glauben – es war der Todeskampf – und der zog sich in die Länge.

»Armer Teufel!« sagte der Landarzt. Und er entschloß sich, Lene mitzuteilen, es sei hoffnunglos – er könne nichts mehr ausrichten – und er wolle nicht länger Honorar annehmen – und sie sollten nicht mehr nach ihm schicken. Das sei edel, meinte er; er begriff nur nicht, daß Lene diese Mitteilung so ruhig hinnehmen konnte. »Dieser Schlag Leute hat doch gar kein Gefühl«, dachte er mit einem Achselzucken, während er sich auf den Wagen setzte. Lene ging mit ihm hinaus.

»Das hätten der Herr Doktor im Grunde schon früher sagen können!« meinte sie.

»Fahr zu!« sagte der Landarzt.

Es war hoffnunglos, dieses Krankenlager. Alle wußten es, und zuletzt sagten es alle; und so hatte es den ärgsten Stachel verloren – ausgenommen für den Betroffenen selbst.

Der üble Geruch – dieser nicht wiederzugebende, unvergeßliche Geruch – verbreitete sich oben in den beiden Bodenkammern, drang durch die geschlossene Falltüre und schlich sich wie ein spukhafter Teil von Ivar selbst, lautlos die steile Treppe herab und ließ sich in allen Winkeln der Küche spüren. Lene und Mätte Marie trugen ihn in den Kleidern, und Andreas nahm ihn täglich zum Boot mit, wo er ausgelüftet wurde, um sich abends aufs neue in die isländische Wolle zu setzen.

Schlimmer noch als der Geruch – der ausgelüftet werden konnte – war das Jammern von dort oben. Das Ächzen eines Mannes, das Wimmern eines so harten und abgehärteten Mannes unter den ausgetüftelten Qualen des noch härteren Herrn Todes!

Auch daran kann sich die Umgebung gewöhnen. Lene hatte rote Augen, aber nicht mehr Tränen. Mätte Marie dagegen – das Kind – hatte sich noch nicht in Fassung geweint. Ihre Sorglosigkeit – die Sorglosigkeit des Kindes – half ein gutes Stück darüber hinweg, aber an den Tagen, wo es in der Bodenkammer recht übel zuging, mußte sie mit der kurzen Schürze vor dem Gesicht sich im Schornsteinwinkel zusammenkauern.

Wenn Andreas da an der offenen Tür vorbeikam und das Kind so sitzen sah, ging er regelmäßig hinein, nahm die kleine, weiche, schmutzige Hand in seine eigene große, harte, mit Fischleim und Schuppen gefirnißte und sagte: »Mätte Marie geht mit mir hinunter zum Ferkel – ja?«

Und so gingen die beiden hinunter an die entgegengesetzte Giebelseite des langen Flügels, wo die Schweinekoben der Familien lagen, alle in vierkantige Einfriedungen eingeschlossen, wie Grabstätten auf einem Kirchhof.

Auch da stank es – naturgemäß. Aber der frische Blast vom Strande strömte herein, und überdies: man wußte, was es war, und daß es nur Gutes war.

So standen sie dort schweigend und sahen, wie das große, fette Ferk mit den Flecken über dem einen Ohr sich an den Leitersprossen rieb und einmal dazwischen ihnen mit den langen, lichten, aristokratischen Augenwimpern zublinkte. Und während die beiden jedes seine Gedanken über Zeit und Ewigkeit, über Leiden und Elend hatten, pflanzte das Schwein seine Vorderbeine in den Trog, bewegte den flachen Rüssel mit den zwei »Speigatten« und grunzte sein beruhigendes:

»Öff, öff! Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.«

So klang es wenigstens für Andreas, wenn auch nicht ganz mit denselben Worten. Der Sinn lag darin.

Aber Mätte Marie trocknete ihre Tränen und steckte dem Schwein einen Strohhalm in das eine Nasenloch. Das war zu unwiderstehlich, und das arme Kind lachte hell auf; aber das Schwein machte kurzum Kehrt und zog sich tief gekränkt in seine Schlafkammer zurück.

Öff, öff!

Und dann legte es die Ohren zurück, wie andere die Hände falten; und dann schlief es vom ganzen aus.

Es wurde schlimmer und schlimmer droben in der Bodenkammer. An den langen, stillen mondlichten Winterabenden bohrten sich diese Schreie durch die frostbeblümten Scheiben, und man hörte sie in dem ganzen Flügel und in den Nachbarhäusern auch. Dann öffnete sich hier und dort eine Tür, und eine lauschende Gestalt erschien. Drei, vier Männer sammelten sich so unter Asmussens Fenstern; sie sprachen einige wenige Worte miteinander und traten in die Küche, wo Lene sie mit roten Augen, zitternden Lippen und Kinn empfing.

Sie gingen zusammen hinauf, wo die Petroleumlampe auf der Kommode schmelte und er in seinem Bette sich krümmte. Es mußte unter ihm gewechselt werden, er konnte nicht zur Ruhe kommen, man mußte ihn aus dem Bett heben. Die vier Männer ergriffen jeder einen Zipfel des groben wergleinenen Lakens und hoben ihn so behutsam, wie Fischer können. Ivar heulte vor Schmerz.

Als sie wieder hinunter kamen und draußen auf dem glänzenden Schnee standen, worob der Himmel seine indigoblaue Glanzkuppel wölbte, fuhr einer nach dem andern hinten nach dem Rücken, aber sagte nichts. Jeder ging wieder nach Hause; aber es konnte geschehn, daß sie in der Nacht noch einmal herausgetrieben wurden; denn »Ivar wolle gewendet werden – der Ärmste!«

Dann kam es zum Familienrat. Das ergab sich ganz von selbst.

Nach einer durchwachten Nacht, da der Kranke schlimmer gewesen war als je, gab Lene gegen die Morgenstunde den vier Verwandten Kaffee. Man saß in der Küche mit blaugefrorenen Händen und die rauchenden »Spülnäpfe« auf dem Schoß, und man blies abwechselnd auf die Finger und auf den Kaffee.

Lene sagte:

»Möchte der liebe Gott bald vor ihm aufschließen!«

Ein anderer sagte:

»Man hat gesehen, daß Leute, um die es noch schlimmer stand, aufgekommen sind. Wenn wir nur sie herbekommen könnten, Frau Aspegren ...!«

Das war die weise Frau auf der andern Seite des Sundes, mehrere Meilen im Land.

»Sie ist sehr teuer!« sagte einer.

Der erste antwortete:

»Da muß Rat werden, Ivar hat sich nie zurückgehalten, wenn es unsereinen galt. Wieviel kannst du abgeben, Lene?«

»Ich kann nicht über fünf hinaus!« antwortete sie mit Bestimmtheit.

»Das ist recht wenig. Sie tut es nicht unter fünfunddreißig – zu dieser Jahreszeit. Wir müssen noch eine kleine Weile dazusehn!«

Es verging ein Monat. Die Kälte war aus der Luft, die Frühlingzeichen begannen, es ging rasch mit dem Sprossen.

Mit Ivar ging es auch rasch – den Berg abwärts.

Da setzten denn die vier Männer – Erik Skammelen, Knud und die Brüder Karl und Christian Nörregaard – ihr Boot in die See und segelten um die weise Frau hinüber.

Sie kamen am nächsten Tag zurück und hoben ein Bündel in Shawltüchern aus dem Boot und setzten es mit großer Vorsicht auf den Sand nieder.

Das war Frau Aspegren.

Sie nahm ihr Überzeug ab und übergab es Stück für Stück den Fischern, ohne sie anzusehen. Sie gingen ehrerbietig wie ebenso viele Diener hinter ihr her zum Hause hinauf.

Eine kleine dürre Frau, überaus reinlich gekleidet, mit einem großen, wattierten Taftreisehut, darunter dunkle, glänzende Haare und kleine blitzende Augen wie die eines Vogels – oder besser wie die eines ausgestopften Vogels; denn die Augen schienen sich nicht zu bewegen.

Lene erwartete sie in der Küche und küßte ihre Hand, die Madame selbst hinstreckte.

Sie fragte nicht, blickte nur zur Treppe hin.

»Er ist dort oben,« flüsterte Lene und ging voran.

Die Männer stellten sich an der Türschwelle zusammen und warteten in vollständigem Schweigen. –

Die zwei Frauen kamen wieder herab. Lene hielt die Hand vor den Augen. Diesmal war die Hand ganz voll Tränen, als sie sie wegnahm.

Madame Aspegren machte ein Zeichen nach dem Schornstein hin, wo der Kaffeekessel kochte. Lene folgte dem Wink sogleich. Madame saß da auf dem Hackblock mit der rauchenden Tasse in der Hand; sie schlürfte das Getränk in langen Zügen ein und zerknirschte den schwarzen Kandis, während der Dampf sich ihr um das Gesicht zog, wie um jene Priesterin des Altertums. Niemand wagte, zu unterbrechen, alle warteten vielmehr in sichtbarer Spannung.

Dann war die Tasse leer. Sie reichte sie Lene hin mit einem Nicken; es ward verstanden, und zum andern Male stieg der Dampf auf und umhüllte die schonische Pythia, während der schwarze Kandis wie Knochen unter den Zähnen eines Raubtiers knackte.

Dann sagte Lene, zu den Männern gewendet:

»Madame Aspegren sagt, daß es zu spät ist – nicht wahr?«

Die weise Frau nickte, stellte die Tasse weg und griff langsam an ihrem Rock nieder, den sie aufhob. Auf dieselbe Art den ersten und den zweiten halbwollenen Unterrock. In der gelben Wollglocke war eine Tasche; aus dieser Tasche holte sie einen Beutel hervor und aus dem Beutel ein Knäuel Garn, eine Scheere, etliche Bändchen, einen Bund Zwiebel, einen Bund Schlüssel, eine kleine Flasche mit einer Kielfeder durch den Kork und eine Dose von der Form einer Salbendose. Diese Dinge ordnete sie auf dem Schoß. Die Blicke der Männer und Lenes ruhten darauf in fragendem und unheimlichem Schweigen. Dann fuhr Lene fort:

»Madame Aspegren – hat – gesagt – daß der Doktor – daß er zu lange bei Ivar war ... nicht wahr?«

Madame Aspegren nickte.

Lene sagte weiter:

»Jetzt kann sie nur – jetzt kann sie bloß ...«

Lene hielt inne und sah zu Madame hin. Aber die weise Frau saß mit den Händen über dem Inhalt der Tasche und starrte gerade vor sich hin.

»Können Madame Aspegren die Schmerzen von ihm nehmen?« fragte Erik, der beherzteste der Männer.

Sie öffnete den Mund, ohne daß sich die Augen verwendeten oder den Ausdruck änderten, und sagte mit hartem Akzent:

»Ik kann 'em sterwen laten!«

 

Sie starrten ein paar Minuten aufeinander, dort um sie herum, aber das Wort war gesagt, und das Orakel hatte gesprochen.

Die Sache war abgetan, niemand hatte irgendwelche Einwendungen; jedes brütete über seine Gedanken – da hörte man ein schwaches Weinen oben vom Boden her.

Die Tür war offen geblieben. Auf der obersten Stiege saß Mätte Marie und schluchzte, die Knöchel in die Augenwinkel gedrückt.

Das Kind war aus der Schule daheim geblieben und hatte sich oben versteckt, im Vorgefühl, daß große Dinge abgemacht würden. Sie bekam zwei Stücke schwarzen Kandis und den Auftrag, hinauszugehn und mit dem Ferkel zu spielen. Ihr Weinen hörte auf, aber sie weigerte sich lebhaft, der fremden Frau die Hand zu geben.

Dann segelten die vier Männer – bei gutem Wind – mit der weisen Frau wieder fort.

Andreas kam etwas später draußen vom Meer zurück. Da er auf dem Weg vom Boot an den Schweinekoben vorbeikam, sah er Mätte Marie in vollem Zug mit dem Strohhalm. Das Schwein grunzte aus allen Kräften. Das Kind lachte laut.

»Gu'ntag, kleine Mätte Marie!« – »Gu'ntag, Andreas!« – »Wie steht es denn? Mir scheint, ich bin Eriks Boot draußen voll mit Leuten begegnet ...«

Hier ließ das Kind den Strohhalm fallen und begann zu weinen.

»Ist ... ist Ivar tot?« fragte Andreas.

»Nein ... aber die fremde Frau ist dagewesen – und jetzt wird Vater sterben – und ich war auf dem Boden – und mir ist so bange, daß sie Vatern was antun? ...«

Und sie weinte sich in ein noch lauteres Weinen.

»Bleib 'n bischen draußen, Mätte Marie!« sagte Andreas. Und als er zu der ersten Tür des Flügels kam, steckte er den Kopf zu Nachbars hinein und bat die Frau, auf das Kind ein Auge zu haben.

Die Nachbarsfrau sah ihn mit einem bezeichnenden Blick an.

»Sie sind mit ihr dagewesen. Ja! Und sie sind eben mit ihr fortgesegelt. Sag der Lene, daß ich ihr schon helfen werde, wenn sie ihn wäscht und anzieht.«

» Ist er tot?« fragte Andreas.

»Das ist er wohl!« –

Andreas beeilte sich. Er trat rasch über die Schwelle bei Asmussens. Es hatte zu dämmern begonnen. Lene hockte mit einem angezündeten Kerzenstumpf vor dem Küchenschrank, wo sie ihre Wäsche hatte.

»Ih Gott! Du schreckst mir rein das Leben aus dem Leib, so schnell kommst du!«

»Ist Ivar tot?«

»Nein, aber ...«

Sie stand auf, ein reines Leinenhemd über dem Arm. Sie stellte das Licht weg und strich sich die Schürze glatt.

»Weißt du, Andreas: Sie ist dagewesen ...«

»Ja, das hörte ich. Was hat sie denn dafür genommen?«

»Zweiunddreißig! Wir konnten sie nicht darunter bekommen. Jetzt aber wird ihm auch geholfen werden!«

»Geholfen werden!«

»Ja, sicher. Wir erlösen ihn. Siehst du diese Dose mit Salbe? Nun, die soll auf das Hemd geschmiert werden – so. Wenn er das anbekommen hat, dann – dann verlassen ihn die Schmerzen, und er kann aufrecht sitzen. Dann bekommt er eine solche Lust, aufzustehn – verstehst du ...?«

»Nein!«

»Ja, das hat sie gesagt. Er bekommt Lust, aufzustehn, und wir tun, als hülfen wir ihm. Wenn er dann sich auf die Beine zu stellen beginnt, so merkt er, daß es schlecht steht. Und dann sollen wir's ihm sagen ...«

Andreas starrte sie an:

»Was denn?«

»Daß es vorbei ist, daß sie ihn erlöst hat. Und dann – dann stirbt er ganz ruhig!«

Andreas blickte vor sich nieder und darauf zur Seite weg.

»Das ist jedesfalls das beste, was mit ihm sein kann!«

»Ja, nicht wahr?« sagte Lene.

Dann gingen sie miteinander die Treppe hinauf. Er hinterher mit der Kerze, sie voran mit dem Hemd, der Dose und einem Krug Wasser.

Da lag Ivar. Das Licht stach ihm in die Augen, die schon einen gläsernen Blick hatten. Mit einem Ausdruck von unterdrückter Müdigkeit schloß er sie.

»Ivar!« sagte sie und hielt ihm das Hemd hin.

»Was gibt's denn?« flüsterte er. »Wollt ihr mich schon anziehen? Könnt Ihr nicht warten?«

Sie wechselte ihm die Wäsche wie einem Kinde. Anders als sonst wimmerte er nicht.

»Jetzt wird es bald mit mir aus sein; meint Ihr nicht? Ah, das ist gut!« stöhnte er.

Er lag etwas; dann machte er Miene, sich aufzurichten. Die beiden sahen einander an und nahmen ihn jedes unter einem Arm. Er fiel schlaff zurück, jammerte und flüsterte:

»Ich habe alles gehört. Ihr habt heute die Tür nicht zugemacht!«

Sie blickten einander an wie Kinder, die beim Zuckerstehlen ertappt werden.

Der Sterbende flüsterte, ohne daß man irgendeinen Vorwurf aus seiner schwachen Stimme heraushören konnte:

»Willst du Andreas auch weiterhin fünfundzwanzig Öre von der Krone geben, Lene? Mir scheint, es wäre einfacher ...« Er vollendete nicht, sondern stöhnte: »Wasser!«

Lene wendete sich um und griff nach dem Krug. Dabei stieß sie zufällig den Kerzenstumpf um; er erlosch und fiel zu Boden. Durch das Dunkel scholl der letzte, rauhe Schrei. Andreas tappte nach Zündhölzern herum und stieß mit der Stirn gegen Lene, die ebenfalls suchte. Sie fuhren auseinander; sie klagte, er fluchte halblaut, und endlich erinnerte sich Andreas, daß er Schwefelhölzer in der Tasche hatte.

Als die Kerze wieder angezündet war, lag Ivar mit offnem Munde da, das eine Auge zugeklemmt, das andere unnatürlich groß; die Hände hatten sich mit krummen Fingern in das Deckbett gegraben. Er war schon ein Stück weit drinnen in der großen Finsternis.

»Jetzt ist er tot!« sagte Andreas. Und er dachte bei sich selbst, was da erspart hätte werden können, wenn die weise Frau drüben geblieben wäre. Lene saß auf dem Stuhl vor dem Bette und strich mit der Hand das Deckbett glatt.

 

Er starb und wurde begraben: –

Es war vom ganz frühen Morgen an ein milder, feuchter Hauch in der Luft gewesen. Frische, gekrauste, starkfarbige Wolken hatten sich zugleich mit einer roten Sonne erhoben und hatten sich um sie gelagert, wie sich die krause Petersilie um eine Schüssel mit geräuchertem Schinken legt. Die Sonne war dann verschwunden und die Wolken ebenso, und ein einförmiges Begräbnisgrau lag über dem Strande. Es rieselte ganz schwach, und das Gras und die austreibenden Gesträuche sogen die Feuchtigkeit ein, und das selbe taten die Düffeljacken, schwarzen Filzhüte und Baumwollregenschirme. Es war Frühlingwetter, Wachswetter, Begräbniswetter.

Drei Charabancs und der Leichenwagen – der neugestrichene Arbeitwagen des Krügers – hielten vor dem langen Flügel. Der Krüger, der pensionierte Lotse, der pensionierte Zollbeamte, etliche Handwerkmeister und die Fischer – mit einem Wort: alle – hatten sich eingefunden. In der Küche war Platz geschafft worden, und da stand der Sarg auf zwei Böcken, und in dem Sarge lag Ivar und empfing Besuch. Zuerst hatte er die Besuche oben in der hinteren Bodenkammer empfangen, aber da man daneben speiste und Ivar nicht balsamiert war wie die fürstlichen Personen, und da dieser Geruch da war... kurz gesagt: man hatte es zweckmäßig gefunden, Ivar hinunter zu schaffen. Aus demselben Grund fand man es nun zweckmäßig, den Deckel zu schließen – früher, als das sonst zu geschehn pflegte. Denn dieses Wachswetter, das die Bauern im Kirchspiel segneten, hatte etwas Drückendes an sich und ließ die Luft sich nicht erneuern, und das in den in den kleinen Räumen, wohin man immer halbnasse Kleider mit sich brachte und wo die Kränze – die vielen Kränze – ebenfalls stark rochen. Nicht, daß sich jemand darüber beschwert hätte; man war ja kein verwöhnter Stadtmensch –, aber man war doch darin einig, daß es so am besten war.

Der Schmied – der immer den gleichen guten Humor hatte – war es gewesen, der das entscheidende Wort gesprochen hatte.

Er schob sich in braunem Einspännerrock und aufgekrempten schwarzen Hosen zur Türe herein, drückte Lenes Hand mit einem: »Nun, das war ja gut?« – klappte Mätte Marie auf den Kopf und fragte:

»Wo habt ihr Ivarn?«

Lene deutete schweigend hinauf.

»Ja, mir scheint, ich kann ihn riechen!« –

Etwas später kam der Schmied mit einem Stück Essen in der Hand herab und sagte:

»Hör mal, sollten wir ihn übrigens nicht herunterbringen?«

Das geschah. Und nicht lange darauf hörten die Leute, die droben saßen und aßen und tranken, den Klang der Hammerschläge aus der Küche.

»Nun wird Ivar zugeschlossen!« sagte der Schmied mit vollem Munde.

Der alte Lotse faltete die Hände um sein Bierglas und sagte:

»s ist nicht zu früh!«

Und alle, die da saßen und aßen, schienen bessern Appetit zu bekommen. Es wurde droben ganz tüchtig gegessen, und einiges Bier wurde auch getrunken, und einer nach dem andern drängten sich die Neuangekommenen hinauf durch die Luke – die Tür war heute ganz abgenommen worden –, und alle redeten sie von »Ivar« wie von einer anwesenden Person, einem Kameraden, der noch unter ihnen weilte. Und ganz fort war er ja auch noch nicht.

Andreas ging herum, stumm wie immer, mit seinem Strich von Mund und einem schwarzen Schlips so schmal wie ein Bändchen und schenkte die Schnapsgläser ein. Der Schmied fing an, kleine Geschichten zu erzählen. Niemand setzte sich jenen willkürlichen Begräbnisdämpfer auf, alle meinten – und sprachen es auch aus –, Ivar habe es nun so gut, wie er's lange nicht gehabt.

Und dann erschien Lene in der Türe, sehr blaß, mit ihrem schwarzen, baumwollenen Witwenshawl. Sie gab dem Schmied ein Zeichen, und der Schmied stand sofort auf und sagte: »Also, Leute, wollen wir dran?«

Sie gingen alle hinunter, und die Nächsten von der Familie kriegten »Ivar« mit einiger Schwierigkeit durch die enge Tür hinaus, und dann ordnete man sich in Reihen hinter den Trägern, und dann setzte man sich in Bewegung.

Hinterm Sarge ging Lene mit Matte Marie an der Hand. Das kleine Mädchen hatte auch einen schwarzen Shawl umbekommen: die befransten Enden des Tuches schleppten am Boden, und jedesmal, wenn das Kind sich umwendete, um zu sehen, was gegen die Hacken der neuen Schnürstiefel schlage, drückte ihr die Witwe fest die Hand und forderte sie mit einer schwachen Bewegung des Kopfes auf, das Taschentuch an die Augen zu halten. Denn das tat sie selbst, so lange der Zug durch das Dorf ging.

Da war alles, was stehn und gehn konnte, an den Fenstern und vor den Türen. Die Fahnen auf Halbmast und vor dem Garten des Kaufmanns Buchsbaum aufgestreut.

Vor dem Dorfe machte man Halt. Die Wagen fuhren vor; »Ivar« wurde auf dem Arbeitwagen gehoben, zwei Fischer setzten sich hinzu, um auf die Kränze acht zu geben. Das Geleite verteilte sich auf die drei Charabancs, und dann ging es den Weg, der ins Land hinein führt, die gute Meile bis zur Kirche hinauf, in dem feinrieselnden Staubregen, der alsbald zu einem blauen Nebel ward, worin »Ivar« und das Geleite den Blicken der Zurückgebliebenen entschwand.

Am Abend standen Lene und Andreas unten beim Schweinekoben.

Andreas war beim Boote herumgeschlendert, so, als suche er jemand. Lene hatte sich in der Küche so seltsam gefühlt und noch seltsamer oben. Mätte Marie hatte zu den Kindern der Nachbarsfrau dürfen; sie wollte auf keinen Fall zu Bett, ehe sich Lene selbst niedergelegt hatte. Das Kind hatte sich erst recht vor dem Toten gefürchtet, seit er nicht mehr im Hause war.

Lene und Andreas standen, wie gesagt, beim Schwein.

»Wie wird's nun eigentlich, Andreas?« fragte sie zögernd.

»Ja, wie wird's wohl?« fragte er.

»Es wird wohl bei den fünfundzwanzig von der Krone bleiben, wie früher? Oder ...?« Sie hielt inne.

»Ivar meinte ja etwas ...?« sagte er.

Sie sah ihn an und streckte ihm die Hand hin.

Er reichte ihr seine.

»Wenn die schickliche Zeit vergangen ist!« sagte sie mit halber Stimme.

»Ja, früher geht es wohl nicht!« antwortete er.

Dann zogen sie die Hände zurück und sahen einander wieder an.

Öff, öff! kam es vom Schwein.

Es war abgemacht.

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