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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 21
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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Venetianische Epistel.

Venedig, den 18. Juni 1855.
riva degli Schiavoni 4161. 3° piano.

Gruss und Handschlag zuvor all den getreuen und festen Männern, die an den grünen Ufern des Neckars auch im Monat Juni noch ihren Maiwein trinken. Und wenn ich seit langen Wochen nichts von mir und meinen Fahrten in Welschland hab verlauten lassen, so bitt ich einen hochwürdigen Engeren, selbes nicht einer böswilligen Vergessung alter Versprechen zuzuschreiben, denn Altheidelberg wird nimmer aus meiner Seele getilgt, sondern steht mit Sang und Klang und Paukenschlag drin festgetrommelt bis ans Ende der Tage – aber die erste wieder eratmete Sommer- und Sciroccohitze macht bei willigem Geiste das Fleisch schwach, und zweitens ist dieses alte Venetia ein so verrücktes und verzwicktes Nest, dass ein solider deutscher Biedermann Zeit braucht, um sich die konträren Eindrücke zurechtzulegen – was ein löblicher Engerer begreiflich finden wird, wenn ich ihm sage, dass, was in Heidelberg die Hauptstrasse ist, hier Canal-Grande heisst, was dort ein Fiaker, hier gondoliere, und zwar höflich – was dort eine Hauskatze, hier eine zahme Schildkröte (tartaruga), die Salat frisst, was dort Maiwein, hier sorbetto, und dass von jenen Stoffen, die anderwärts die Fundamente eines löblichen Früh- oder Vespertrunks bilden, hier wenig oder nichts zu finden ist. Jedennoch aber ist's eine feine Seestadt, so an altem Gebäu und Kunstwerk viel kostbare Schätze für unsereins birgt, und nachdem es uns auch gelungen, in einem traulichen Winkel des Marcusplatzes einen annehmlichen Unterschlupf zu finden, wo der Mensch bei einem Glas cyprischen Weines tief in die dunkle Sternennacht hinein träumen mag, haben wir es einstimmig für ein »auf unbestimmte Zeit« bewohnbares Wasserrattennest erklärt, und wenn wir auch spät erst die Entdeckung machten, dass die schlanke, blasse Inhaberin jenes Winkels in ihrem schwarzen Spitzenhäubchen nicht die von vielen ehrenwerten Reisehandbüchern und von dem langen Archäologen Dr. J. Braun rühmlichst erwähnte Frau Mendel ist, sondern die Ehegattin des Cafétiers und Conditors Riess von Pfullendorf, Gr. bad. Bezirksamts gleichen Namens im Seekreis, und dass die Firma Mendel gleich der des Dogenpalastes und der Republik Venedig nur noch darum fortgeführt wird, weil sie den Fremden von altersher besser bekannt ist, so hat uns dies an der übrigen Feenmärchenillusion des heiligen Marcusplatzes nichts benommen, und wandeln wir tagtäglich noch mit dem gleichen Seelenvergnügen über das alte Marmorpflaster wie an jenem ersten Abend, wo sich zuerst die wundersamen Rundbogen und Kuppeln der Kathedrale über unfern Häuptern wölbten und der eherne Löwe auf seiner Granitsäule mit seinem schweren Metallschweif seinen Gruss entgegen wedelte. Da aber von venetianischen Dingen notwendig eines Breiteren die Rede sein muss, und ein hochlöbl. Engerer auch von der vorvenetianischen Periode seines auswärtigen Mitgliedes Kenntnis erhalten soll, so sei diese heutige Epistel bloss den Fahrten und Ergebnissen

von Karlsruhe bis Venedig

gewidmet und werde denn, unter Beistand eines kühlenden Meerwindes, der über die Insel San Giorgio her erfrischend in meine Bleikammer weht, ab ovo begonnen.

Item am 23. Mai 1855, des gleichen Tages, an dem ich vor drei Jahren meine erste Pilgrimschaft in welsche Lande mit Gottes gnädigem Schutz angetreten, hab ich, Josefus Scheffel vom dürren Ast, mein elterliches Haus wiederum verlassen.

Und war mir geziemend ernst und betrübt zu Sinne, massen meine gute Mutter viel Tränen zum Abschied geweint, und sass noch herzbeklemmt im Fiaker, als das Ettlinger Tor schon durchfahren war, da ersah ich unter den Bäumen des Bahnhofes ein Standbild in die Höhe ragen, so meine Augen früher noch niemals geschaut, und wie ich näher zuschaute, war's ein unbekannter, eherner Mann mit einem Antlitz, das jährlich sicher seine 20 000 Geschäftsnummern erledigt, und sein metallner Frack kam mir bekannt vor, massen in einem gewissen tintenfass- und aktenerfüllten Gemach zu Bruchsal einst dieses Fracks leiblicher Bruder als Panzerhemd eines älteren Kollegen tagtäglich die Lüfte durchrauschte, und der eherne Mann machte ein griesgrämig Gesicht, als wenn ihn die Zeit daure, die er hier auf seinem Postament abstehen muss, statt zu gewohnter Kanzleistunde ins Ministerium zu gehen, und reckte seine Hand mit vornehmem Bedauern wider mich aus, als wollte er sagen: »Sie qualifizieren sich täglich schlimmer,« – da lagerte sich jenes fröhliche Lächeln um meinen Mund, das nur in ganz guten Stunden erscheint, und das Herz schlug bewegt wie Ruderschlag eines in volle See steuernden Schiffes, und ich schwang meinen grauen Hut und rief: »Leben Sie wohl, Herr Minister Winter! Es geht dem Frühling entgegen, evviva l'Italia!« Und rief's so laut, dass ein Expeditor von der Finanzkammer, der soeben mit einem Registrator der Kreisregierung in stiller Verklärung das leuchtende Vor- und Standbild bewunderte, mit gerechter Indignation nach mir herüberschaute. Da sie aber aus meinem grauen Schlapphut erkannten, dass die Ruhestörung von einem Subjekt ausging, das nicht einmal in subalterner Stellung zum Staatsganzen sich befinden konnte, so nahmen sie keine weitere Notiz von mir, was umgekehrt, in Betreff meiner zu ihnen, ebenfalls in vollstem Masse stattfand.

Item so fuhr ich noch desselben Tags auf der Eisenbahn von dannen; und habe auf dem Weg bis München drei Abenteuer bestanden, beziehungsweise nicht bestanden, die ich einem löblichen Engeren unmöglich vorenthalten darf. Das erste aber war, von Stuttgart nach Ulm, eine versäumte und nie wieder gutzumachende Gelegenheit.

Denn wie ich jenseits des dunklen Stuttgarter Bahnhofes meine Augen über die verschiedenen Mitglieder der menschlichen Gesellschaft gleiten liess, mit denen ich im gleichen Coupé befördert zu werden die Ehre hatte – auch im Vorübergehen dem umsichtigen Walten der Direktion der württembergischen Verkehrsanstalten meine Anerkennung dafür gezollt, dass sie überall durch Anschlag vor der Lebensgefahr warnt, in die der Reisende verfallen kann, der den Kopf, oder Arm »oder andere beliebige Teile des Körpers«, zum Wagenfenster hinausstreckt, – bemerkte ich rückwärts schauend ein feines Mädchenantlitz, welchem ich auf württembergischer Eisenbahn und sonst allhier nicht zum erstenmal begegnet. Da aber die Vorgeschichte dieser Geschichte ausser den Archiven des Engeren liegt, auch keine schriftlichen Quellen vorliegen, als vielleicht einige vergilbte Tagebuchblätter aus früheren Jahren, deren eines mit dem Datum »Markgröningen« und den Zeilen schliesst:

Und als wir uns zum letztenmal
Die Hand gereichet hatten –
Da warf der Asberg übers Tal
Einen dunkelspöttischen Schatten –

So möge die Andeutung genügen, dass besagtes Mägdlein schön war und zwischen Mutter und Tante, deren Bekanntschaft mir noch nicht zuteil geworden, eingekeilt sass, und wir – nach württembergischen System, uns die Rücken zukehrten, etwa nach folgendem Situationsplan, wobei die Pfeile die ordnungsmässig aus den eingenommenen Plätzen entspringende Richtung der Augen bezeichnen.

Skizze

Dennoch aber – während wir zwischen den grünen Baumalleen Cannstatts durchfuhren, trafen sich unsere Blicke flüchtig – und ebenso flüchtig wandte sie den ihren wieder – und da für mich entscheidende Gründe vorlagen, mich weder der Mutter noch der Tante, deren Halskrause dann und wann drohend in die Landschaft nickte, vorzustellen, war's ein stummes Wiedersehen. Sie war etwas blasser als damals, da sie mit ungerechter Spröde von mir Abschied nahm und ich vergebens um einen Kuss als Zehrgeld für die Weiterreise von Markgröningen gebeten. Sie trug einen breitrandigen Strohhut nach Art der Florentinerinnen und einen Strauss Rosenknospen drauf. Sie brach das Gespräch mit ihren Begleiterinnen ab und sass stumm, mir zu Rücken.

Nachdem wir eine Weile gefahren, pfiff die Lokomotive, so dass ich unwillkürlich meinen Blick zum zweitenmal nach dem ihren wandte. Da schaute sie mich durchbohrend an und lächelte süss und warf eine Knospe ihrer Rosen wie spielend zu dem Fenster hinaus und deutete unmerklich mit dem Zeigefinger nach der Bergwand, die sich mir zur Rechten hob, und schaute mich abermals scharf an – und ich erkannte, dass Blick und Rose was zu bedeuten habe, und war ein Esel, der zu wenig Topographie studiert, sonst hätt' ich wissen müssen, dass im Moment der Zug in den Rosensteiner Tunnel einfahre, und dass, nach solcher Augensprache, in eines Tunnels Dunkel trotz Mutter und Tante mancherlei geschehen kann – und ich Mitleidswerter beugte, trotz der Warnung der Direktion der Verkehrsanstalten mein Haupt zu dem Fenster hinaus, durch das sie die Rose geworfen, und starrte der Blume nach und dachte an alte Zeiten und vergass die Gegenwart, – und die Lokomotive pfiff abermals und es ward dunkel um uns, – was ging mich der Tunnel an? – und ich achtete kaum, dass eines breitrandigen Strohhutes äusserste Spitzen während der Dunkelheit sich bis zu meines grauen Hutes Krempe herüberneigten und nickten – und es wie ein Hauch unsäglicher Jugendblüte von jenseits zu mir herüberwehte, und es ward wieder Licht, und der Tunnel war passiert, da wandte ich mich wehmütig um, da wölbte sich ihr breiter Strohhut wie ein Palmendach über meinem Haupt, und ihr Auge flammte auf kaum drei Zoll Entfernung in das meine – und ihre Lippen hatten die meinen gesucht und nicht gefunden, und – es war zu spät, und kaum mochte sie ihren Schwanenhals wieder zurückwerfen, so war alles im Tageslicht wie vorher, und die Tante glänzte im Sonnenschein wie der Berg Ararat zwischen ihr und mir, und die ganze rauhe Alp empor kam kein zweiter Tunnel mehr, und in Ulm stieg sie aus und verschwand im Gedränge der Reisenden, und es wird zeitlebens kein Tunnel mehr für mich kommen, wo ich das Antlitz statt zum Fenster hinaus ihren honigsüssen Lippen entgegen wenden darf ...

Und bleibt mir nichts übrig, als diese Geschichte mit dem tiefgefühlten Wort eines Mitreisenden zu schliessen, der in Göppingen einstieg, und Rock und Regenschirm im Wartsaal hatte stehen lassen, welche Entdeckung er, als der Zug schon im Fahren war, mit dem breitgesprochenen schwäbischen Wunsch begleitete: »Da soll doch gleich ein Mordmillionen-Hutschachtel-Nachtsack- und allgemeines Effekten-Donnerwetter dreinschlagen.«

Item so stieg ich in Ulm in ein abgelegenes Coupé zum Schnellzug und wollte allein sein und hüllte mich in meinen Shawl und sass in einer Ecke, regungslos wie eine Bildsäule. Stiegen aber dennoch, und ohne irgend sich um mich zu kümmern, noch vier Personen ein, die drei verschiedene soziale Gruppen repräsentierten, – ein reicher Bauersmann von Kriegshaber bei Augsburg mit seiner Tochter, die eine eng anliegende schwarze Kappe auf dem Haupt trug, gleich einer Frauengestalt aus Holbeins Bildern; ein Mann in einem druckkattunenen Frack, darüber er eine Bluse gezogen, vorerst ohne besondere Kennzeichen, als dass er in Ulm viel Braunbier getrunken, denn er schickte sich sofort zu schnarchendem Schlaf an; der vierte aber war Gregorius Niederwurzler aus der Vorstadt Giesing bei München, der in Ulm auch nicht wenig Braunbier getrunken, aber ausserdem noch durch verschiedene besondere Kennzeichen die hervorragendste Stellung in unserem Coupé einnahm.

Besagter Gregorius trug eine städtische Kleidung, einen grossen Paletot mit Schnüren drüber, einen antiken Filzhut kühn auf dem rechten Ohr, eine riesige Tabakspfeife samt Beutel in der Seitentasche, einen gedrehten Ziegenhainer mit eiserner Zwinge, wie ich solchen mich 1848 für aus der Welt getilgt wähnte, einen Reisesack, daraus zwei in Papier gewickelte Weinflaschen die Hälse emporreckten, dabei einen Tornister im älteren Stil samt mannigfach anderem Gepäck. Sein Antlitz aber erfreute sich einer maliziös die Oberlippe überragenden Unterlippe, eines kniffigen Zuges, der bis zu den mit goldnen Ringlein versehenen Ohren hinüberreichte, eines mit Selbstgefühl gedrehten Bocksbartes und war mir aus den »Fliegenden Blättern« schon holzschnittlich aus dem Gespräch jener beiden, die von Rechtswegen auch noch die Einbalsamierung nach dem Tod auf Staatskosten fordern zu können glauben, des Näheren bekannt. Und wie er in Wagen stieg, kamen zwei Mägdlein auf ihn zu, mit Apfelkuchen die eine, mit Biskuit und Limonade die andere; der aber sprach beidesmal: »Nix für uns, Amen!« im Ton einer alten Kirchenlitanei – und fuhr, ins Coupé eintretend, in gleichem Ton fort: »Aber drei Pfund Kalbfleisch und das fette vom Schinkenbein und sechs Mass bairisch, darum bitten wir, o Herr!«

Dabei war er dem Mann im druckkattunenen Frack samt Bluse auf den Fuss getreten, ohne ihn um Entschuldigung zu bitten, und klopfte der Jungfrau von Kriegshaber auf die Schulter, indem er fragte: »Was meinen S' zu dem Kirchengebet, Sie?« Das Mägdlein in der schwarzen Kappe aber antwortete: »Sie müssen schon recht weni' Gottesfurcht haben, Sie, lassen S' mi aus!« worauf er in ein stiermässig Gelächter ausbrach und rief: »Gottesfurcht? Mit den Faxen is es aus bei uns in Mannheim, glauben S' der Gregorius käm' so dumm aus der Fremde heim, als er vor elf Jahr nein gangen is? Sie?!« Und dabei legte er seinen Arm um seiner Nachbarin Hüfte, als wenn sich das von selbst verstünde.

Unterdes war der Zug über die Donau gefahren, als sie ihm, sich los ringend, ein ernstes: »Schamen S' si'!« zugerufen – im Bahnhof zu Neuulm aber stunden drei barmherzige Schwestern in ihrem ernsten Ordenskleid, da wollte Gregorius Niederwurzler seine Landsmännin von seiner Seelenstärke überzeugen und sprach: »Wissen S', was denen g'sagt g'hört? Geben S' einmal acht! ...« und er öffnete das Fenster und rief den Nonnen zu: »Hurrah die Gäul!« und wie sie unklar herüberschauten, wiederholte er: »Jawohl, hurrah die Gäul!« und fügte den frommen Wunsch zu, dass sie doch gleich unters Pflaster versinken möchten, bis tief ins höllische Feuer! An letzterem schien er trotz seiner geläuterten Begriffe keinen Zweifel zu hegen.

Ich schlug indes ruhig einen Zipfel meines Shawls über die Schulter und gedachte im stillen: diesen Edeln hat mein Freund v. Preen wohl auch schon hinterwärts gebunden – und musterte ihn flüchtig, da seine Manieren für die eines Schneiders zu entschieden und prononciert, für die eines Schusters zu handfest waren.

Da ersah ich denn bald am Daumen und Mittelfinger seiner Rechten, wo bei andern viel Nadel- und Ahlstiche sitzen, eine feste Hornhaut und Schwielen und wusste, dass mein Mann ein Zimmermann oder Tischler war. Er aber hielt dem Frauenzimmer von Kriegshaber noch einen längeren Vortrag über Konstitution und Gewissensfreiheit und »Saupfaffen« und anderes, was er in Mannheim erlernt, der mit solchen Brocken von »Lästerung« und »frechem, unehrerbietigem Tadel bestehender Einrichtungen« gewürzt war, dass ihm ein geübter Kriminalist schon halbwegs vor Augsburg über anderthalb Jahr Kreisgefängnis oder Arbeitshaus hätte nachrechnen mögen. Seine Landsmännin aber hielt zuletzt den Schurz vor ihr Antlitz und sprach: »Jetzt hat's mi schon ganz siedig heiss überlaufen mit Ihrem Malefiz-Mannheim!«

Unterdes war der Unbekannte im druckkattunenen Frack unter der Bluse aus seinem bleiernen Schlaf erwacht, schaute sich gähnend um und sprach: grüez 'i! worauf ihm jedoch keine geeignete Antwort zu teil ward, da man ihn nicht verstand und ich in meiner Ecke keine Lust hatte, zwischen den Männern von Isar und Lech und einem von »Zürisee« den Dolmetsch zu machen. Darauf fragte er, ob in München wohlfeil ein Privatlogis zu bekommen sei, und ward abermals nicht verstanden, und nach zweimaliger Wiederholung der Frage sprach der Mann von Kriegshaber, der in seiner Jugend in Algier gewesen: »Ah so – logement, vous cherchez un logement?« – so dass hier der vollständigste Gegensatz zu jenem Vossischen Idyll stattfand »wo der dänische Pflüger den deutschen, dieser jenen versteht«, und mir zur Evidenz erwuchs, dass die ins Helvetische hinüberragenden Alemannen an den bojoarisch-keltischen Nachbarn keine Stammverwandten und Vettern besitzen.

Der Mann im Frack unter der Bluse wurde aber, je weniger er sich deutlich zu machen vermochte, mit um so grösserer, mitleidiger Teilnahme behandelt, auch durch Anbietung einer Prise Tabak seitens des Alten und eines halben Weckst seitens der Tochter ihm die Aufmerksamkeit erwiesen, die dem fremden Gastfreund gebührt. Einen muckerischen Zug um die Lippen hatte er ohnedies schon, einen stillen Brand wohl auch; nun ward's ihm entschieden zutraulich zu Mut, und er fasste den Entschluss, in die allgemein menschliche Zeichensprache überzugehen, zog seinerseits eine rotpolierte Dose hervor und bot der Jungfrau eine Prise, hielt ihre Hand fest, als wolle er aus ihren Fingern schnupfen, und erlaubte sich auch einige dem alten Telegraphensystem entsprechende Kniebewegungen gegen sein vis-à-vis, so dass sich Gregorius Niederwurzlers Unterlippe immer malitiöser gegen die Nase emporkniff. Wie er aber seine rotpolierte Dose der Nachbarin als Geschenk anbot und Miene machte, sie ihr in Schurz zu stecken, da richtete sich Gregorius auf wie ein Leu, fasste den Helvetier um beide Knie, hob ihn mit dem Oberleib zum Coupéfenster hinaus und rief: »Da wenn wir Sie jetzt hinausschmeisseten, Sie Unflat!?« Die Jungfrau schüttete die Dose bis aufs letzte Tabakkörnlein fort, und ihr Vater schlug auf den Zürcher Unbekannten so scherzhaft kräftig ein, dass ihm ganz elend zumut ward und er demütig um Gnade flehte, worauf er nach deren Gewährung nichts Besseres zu tun wusste, als scheinbar wieder in seinen bleiernen Schlaf zurückzuverfallen, der auch andauerte bis Augsburg.

Gregorius aber hatte viel Vorwürfe zu erleben von seiner Landsmännin, die der Ansicht war, der Fremde hätte das »unter Umständen auch übel nehmen können«, allein er sagte: »Ich fürcht' mich weder vor Gott noch dem Teufel.« Dies veranlasste ein allgemein Gespräch übers Fürchten, und sie frug ihn weiter, ob er schon bei einem Toten gewacht? Wer das nicht getan, könne nicht sagen, er fürchte sich vor nichts. Da lachte Gregorius Niederwurzler und strich seinen Bocksbart und erzählte eine grausam schöne Geschichte von seiner ersten Meisterin, wie die ihm den Bissen im Löffel und den Trunk im Glas vergönnt habe und endlich gestorben sei. Da hab ihm der Meister die Wahl gelassen, ob er ihren Sarg schreinern oder bei ihr wachen solle, er aber hab gesagt: »wachen!« und sei mit einem Steinkrug Bier und einem Laib Brot hinaufgezogen in die Totenkammer und hab ihr zugerufen: »Gelt Frau Meisterin, jetzt müsst Ihr's doch geschehen lassen, dass der Gregor sich satt isst und satt trinkt,« und hab sich ein riesiges Stück vom Laib geschnitten – und wie's ihm nach geleertem Krug geschienen, als ob sie mit ihren gläsernen Augen ihn anschaue, sei er an die Totenbahr gegangen, hab ein Kreuz geschlagen, und gesagt: »Nix für ungut, Frau Meisterin,« und ihr die Augen herzhaft zugedrückt, und dann hab's ihm erst recht geschmeckt.

Hiemit schien des Giesinger Altgesellen Bravour ausser allen Zweifel gestellt; der Mann war mir unterdes interessant geworden, darum rührte ich mich in meiner Ecke, steckte eine Cigarre an, wandte mich mit der verbindlichsten Höflichkeit zu ihm, bot ihm gleichfalls eine Cigarre und mühte mich, ihm mit eigenem Streichholz Feuer zu reichen. Er aber, der mich seither systematisch ignoriert, geriet hiedurch in eine zweifelhafte Verlegenheit, blies seine Wolken, rückte auf und ab, so dass ihm gelegentlich sein Hut zu Boden fiel, was er mit der Bemerkung begleitete: »ich glaub der Hut will wahnsinnig werden, dass er München wieder zu schauen kriegt.«

»Es hat Ihnen gefallen in Mannheim?« sprach ich gleichgültig.

Er aber schaute nach meiner goldenen Brille und war noch verlegener als vorher. Das Gespräch ging langsam vorwärts.

»Haben Sie nicht einmal eine Geschichte mit der Mannheimer Polizei gehabt?« fragte ich harmlos weiter. Da rückte er noch unruhiger hin und her und sagte kleinlaut: »O ja, mehr wie eine ... aber ins Wanderbuch haben sie mir doch das beste Zeugnis geschrieben, und wer was anders von mir sagt, soll herkommen.«

»Übrigens,« fuhr er fort, »was heut gesprochen ward, ist alles »zum Spass« gewesen, und der »Herr« braucht nicht zu glauben, dass ich's nicht mit der »Ordnung« hatte. Alles muss nach der Ordnung gehen, und wenn ich damals den Überrheiner schon hätt' vertragen wie später, wär' die Geschicht' mit dem Polizeidiener nicht passiert ... Aber woher können Sie das wissen?«

»Ich meinte nur so,« sprach ich. Darauf verstummte Gregorius der Furchtlose gänzlich. Aber dass er auf Kohlen sass, bewies mir der Umstand, dass er seine Cigarre ausgehen liess und zu Ende kaute, so dass ich zur Satisfaktion meines Freundes v. Preen die Überzeugung gewann, dass es für Mannheimer Kunstschreiner ausser Gott und dem Teufel doch noch Dinge giebt, bei deren Erwähnung es ihnen nicht ganz geheuer wird. Die zwei Flaschen Wein übrigens hatte der Gregorius mitgenommen, um seiner alten Mutter in Giesing eine Magenstärkung aus der Pfalz zu bringen; und die diesseitige Vergeltung für seine geistlichen Kraftsprüche blieb auch nicht aus, denn in der vorletzten Station vor Augsburg stiegen über ein Dutzend geistliche Herren ein, die dort ein Ruralkapitel gehalten, und da sass er, eingerahmt wie ein Juwel von lauter Klerisei, und die Erinnerung an die Mannheimer Polizei als Stachel im Herzen – ein boioarischer Leu mit eingezogenem Schweif, und wenn ich ihn einst wiedersehe, wird er ein ehrsamer bürgerlicher Schreinermeister sein ... Genug davon!

Item so wurden in Augsburg die Wagen gewechselt, und ich stieg als ein homo semper novarum rerum cupidus in ein ander Coupé, in dem sich ein ziemlicher Gegensatz zu meinem Freund Gregorius niedergelassen. Dieser Gegensatz war eine Dame in seidenem Gewand und einem hermelinbesetzten Mantel, und verbreitete einen süssen Patschuli-Duft, hatte auch den einen Fuss anmutig der Länge nach auf der Bank ausgestreckt und einen grossen Apparat von feinsten Hutschachteln und sammtenen Reisetaschen um sich, das Antlitz aber blass, und im clair obscur eines nächtlichen Schnellzugs nicht näher nach Alter, Nation und sonstigen Personalien zu entziffern. Sah aber das Ganze fein aus, so dass ich mich mit einigem Behagen in dem einsamen Raum festsetzte. Und ist zu meiner näheren Schilderung zu bemerken, dass ich im malerisch umgeschlagenen Reiseshawl, einem neuen, chocoladenfarbigen Touristenanzug und mit der leichten Goldbrille auf der Nase wohl auch eine erträgliche Staffage im besagtem Halbdunkel zu bilden imstande war.

So fassen wir einand vergnüglich gegenüber und waren wohl gegenseitig mit Recognoscierung beschäftigt, wobei zwar der Blick von jenseits entschieden vornehm blasierter war denn der meinige, ich hingegen durch würdevoll schweigende Haltung imponierte.

Und war so weit alles in Ordnung, so will's nach fünf Minuten langer Einsamkeit ein böser Stern, dass noch zwei Nachzügler gesprungen kommen und wie Meteorsteine in dies in der Entwicklung begriffene Genrebild hereinfallen – und mögen die beiden samt ihrem lebhaften Gespräch übers Bier im Augsburger Bahnhof und die Germersheimer Garnisonsverhältnisse zwar sehr ehrenwerte Männer gewesen sein – aber hierher passten sie nach der ganzen Sachlage durchaus nicht. Diesen Gedanken schien auch die Trägerin des Hermelinmantels noch entschiedener zu hegen als ich – denn nachdem sie mir gegenüber seither in marmorner Ruhe verharrt war, erhob sie sich itzo, winkte einem Kondukteur und sprach mit fremdartiger Betonung: »Haben Sie nicht ein Coupé, wo man allein sein kann?« Diese Frage war nun, in Anbetracht der mit Germersheimer Statistik beschäftigten Ehrenmänner, durchaus unverfänglich und verdient auch nicht zur Cognition des löblichen Engeren zu kommen, wiewohl dessen philologisch-grammatikalische Sektion mit Erläuterung des in der Frage vorkommenden unpersönlichen Fürworts »man« vielleicht auf abschüssige Hypothesen zu kommen veranlasst sein möchte – allein gleichzeitig war mit der veränderten Stellung der Fragestellerin auch deren rechter Fuss dem Boden nah gekommen und senkte sich auf den meinigen und berührte ihn so entschieden, wie der eines geübten Klavierspielers die untern Tasten, welche bekanntlich eine Mollharmonie in die Töne bringen – und zog sich langsam und mit dem ganzen Bewusstsein der verübten Tat wieder zurück, ohne dass pardon! dazu gesagt wurde, was bei der der Inhaberin des Fusses entschieden zu Gebot stehenden Kenntnis der französischen Sprache wohl hätte gesagt werden können.

Der Kondukteur aber schnitt mit dem rauhen Wort: »Allein wenn S' sein wollen, hätten S' erster Klass' nehmen müssen, aber eben pfeift's!« alle Auswanderungsmöglichkeiten und weiteren Kombinationen ab, sie lehnte ihren Fuss wieder in malerischer Nonchalance über die Bank, ich verharrte in egyptischem Schweigen, und die gegenseitige Stellung blieb unverändert dieselbe bis München, mit Ausnahme, dass mein Fuss in einer Weise berührt worden, die alle Rückerinnerung an den Rosensteiner Tunnel vertilgte, vielmehr mein Gemüt einer gründlichen Untersuchung folgender Hauptfragen zuwandte:

1) Ist und streitet im Fall einer solchen, unter erschwerenden Umständen stattgehabten Berührung des Fusses eines unbekannten, aber nicht uneleganten Mitreisenden die Vermutung überhaupt für Zufall oder für Absicht?

2) Wenn für Absicht, findet dann das Recht der Retorsion statt, so dass der Mitreisende ermächtigt ist, auch seinerseits dem Gegenüber inhaltsvoll auf den Fuss zu treten, ohne pardon zu sagen?

3) Wenn die durch Retorsion etwa anzubahnende weitere Erörterung durch gleichzeitig im Wagen anwesende Dritte, die sich über Germersheimer Garnisonsverhältnisse unterhalten, unmöglich geworden, ist der unbekannt getretene Reisende ermächtigt, beim Aussteigen im Bahnhof dem Gegenüber den Fiaker, in dem er selbst zur Stadt fährt, zur Verfügung zu stellen mit der Bitte, ihm anzugeben, wohin er zu fahren habe? –

Da indes die Dame im Hermelinmantel ihr Haupt in die Ecke geneigt und dem Schlummer sich ergeben, was sie durch ein eigentümlich graziöses Schnarchen kund gab, neigte sich meine Seele wieder zur Vermutung, die Frage an den Kondukteur möge auf klarer Selbsterkenntnis dieser Eigenschaft melodischen Schnarchens, somit im Wunsch einer zu Frommen aller Mitreisenden zu bewerkstelligenden Isolierung beruht haben, wodurch die übrigen Hypothesen in sich zusammenfielen – so dass ich sie dem hochwürdigen Engeren als annoch ungelöste Probleme übergeben muss ... Wie ich mir, selbst ein schlaftrunkener Manu, im Münchner Bahnhof die Augen rieb, war ich auch bereits in einen Omnibus geschoben, und sie, die Ursacherin all dieser Erwägungen, stand auf dem Perron und hatte weder Gardedame noch eigenen Wagen zu ihrer Verfügung, sondern einen einfachen Fiaker – und mein Nachbar tat seinen weissen Kastorhut ab und wandte wie ich sein Haupt nach dem Hermelin des Mantels und sprach wohlwollend wie alle Münchner, die einen Fremden über ihre Merkwürdigkeiten aufklären wollen:

»Sie, wissen S' wer des is? des is die berühmte N...«

Aber wer die berühmte N. wirklich war, darf ich eynem löblichen Engeren aus schuldiger Diskretion und im Interesse objektiver Prüfung meiner Fragen, die ansonst wesentlich getrübt werden könnte, nicht verraten, um so mehr, als es nicht undenkbar sein könnte, dass ich selber, wenn die Offenbarung des Manns mit dem Kastorhut früher sich zu mir herabgesenkt, wohl mit Rücksicht auf Frage 3) nicht an seiner Seite im Omnibus über den Karlsplatz gefahren wäre. –

»Sie haben wohl erfahren, dass heute das Maifest hiesiger Künstlerschaft gefeiert wird?« sprach mein Freund, der Meister Anselm,wie ich ihm des andern Morgens die Hand zum Willkomm schüttelte.

»Nein,« sagte ich, »aber mit geh' ich,« und begann von neuem an meinen guten Stern zu glauben, der mich ohne Vorbedacht und quälende Absicht schon so manchem Frühstück und anderweiter Trinkung entgegengeführt, zu der ich nicht eingeladen war. Item eine Stunde drauf fuhren wir in hellen Haufen, die silberne Medaille an roter Schleife im Knopfloch, und von viel anmutigen Frauengesichtern umstrahlt, der Isar entgegen.

In Hesselohe ordneten sich die Scharen – aber so manches Gedräng und Ankämpfen an einer Einschenke ich im Lauf eines bewegten Lebens schon erschaut, ein heftigeres kann nirgends gekämpft worden sein als an jenem Morgen neun Uhr um die steinernen Masskrüge zu Hesselohe – und hatte ich selber einen Sturm zu bestehen, der mit dem um die Vorwerke des Malakoffturmes sich messen kann, bis der schäumende Krug im Morgensonnenschein in meiner Hand glänzte, und war derselbe schneller leergetrunken, denn erobert, massen manche befreundete Gestalt aus den Zeiten, wo der Orvieto am ponte molle unsere tägliche Arznei war, aus den Reihen der Festteilnehmer grüssend und anstossend auf mich zuschritt.

Aber bald klang heller Hornruf durchs Gewimmel, die Standarten und Paniere hoben sich und flatterten lustig, und mit rauschender Musika zog die Menge durch den sonnig grünen Buchwald zu Schwanthalers Burg empor – ein Wogen und Senken von Köpfen wie Wellen des Meers und blauer Himmel und Frühlingsluft drüber, und ward mir schier andächtig zu Sinne, trotzdem ein solcher Waldauszug nichts anderes ist als altgermanisches Heidentum und durchaus ketzerisch Unterfangen. Item so ragten bald die Zinnen von Schwanthalers Burg leuchtend vor uns empor, und der Zug stockte, und auf weitem Wiesenplan stellen sich die herausgepilgerten Menschenkinder in geordnetem Halbkreis, und die Musik schwieg, und ging eine bange Ahnung durch die Reihen, dass hier etwas »los« sei zu fröhlicher Überraschung.

Da tönte es wie Posaunenstoss und hob sich jenseits des Torturmes wie Flitter einer Königskrone und Purpurmantel – und herauf trat strahlend der König Franz mit der Dame seines Herzens – und verkündete selber, dass er da sei, das Kampfspiel zu erwarten, und winkte mit einem furchtbaren, wohl eine Elle langen Finger, und der Zwinger tat sich auf, vierfüssig wälzte sich der Leu heraus und sah sich brummend die Menge an und fasste seinen langen Schweif und schwang ihn mit unanständigem Vergnügen im Kreise und legte sich nieder; und wieder winkte der König mit seinem Riesenfinger, da kam auch das Tigertier und, der Vorschrift gemäss, die zwei Leoparden, und fletschten die Zähne und knurrten einander an und strichen katzenbuckelnd umher, bis sie schliesslich in unsäglichen Tönen mit Leu und Tiger fraternisierten und, die Beine türkisch übergeschlagen, im Wiesengrund Platz nahmen. Da stachelte die Königin ihren Gemahl zu kühner Tat und warf einen Handschuh hernieder, gegen den der grösste Fechthandschuh in Richheimers Trödelbude zu einem Glace zusammenschrumpft, und die Getiere wälzten ihn knurrend in ihre Mitte – und er stieg hernieder, der König, den Ritterpreis zu verdienen, und hatte Angst wie ein Nachtwächter, und die Füsse zitterten ihm, und die greulichen Katzen erhoben sich, furchtbar war das Dräuen der geringelten Schwänze, – da stürzte der König in Burghof zurück und erschien wieder, ein Paar Bockwürstel reichte er jedem der Ungetüme, da sänftigte sich die Wut, unzweifelhafte Töne des Wohlgefallens entknurrten dem Rachen der Bestien, und sie verzehrten die Gabe, derweil er den Handschuh fasste und ihn wohlgezielt der Dame auf dem Söller ins Antlitz warf, dass sie leblos hinabstürzte in Hof. Aber auch der König brach in die zitternden Knie, ohnmächtig ob der ungeheuren Heldentat, und die Getiere holten einen Schubkarren herbei und legten den sterbenden Ritter darauf und schwangen höhnisch ihre Wedel und führten ihn durch die Reihen und verschwanden in der Tiefe des Tores ...

Und ein hochwürdiger Engerer wird hienach gerechtfertigt finden, dass, nachdem der Beifallsjubel verrauscht war, ich mich gerührt in die Burg verfügte und einem der Leoparden, der sich eben hemdärmlig aus seines Fells Umhüllung herausarbeitete, die Pfote drückte und zu ihm sprach: »Es giebt doch noch brave Menschen auf dieser Welt!«

Item so zog man hernach in den Pullacher Wald, der die eigentliche Wahlstatt des Festes sein sollte, und lagerte sich im Moos und grünen Gras, unter schützendem Zeltdach oder auch nicht, und erkämpfte sich Mass um Mass, und gruppierte und entgruppierte sich wieder, wie es die Zeit brachte, und weiss ich von weiterem Verlauf nicht allzuviel zu berichten, da ich mit einem Kern alter Genossen aus dem »Facchino« in Rom in einem stillen Schwedengraben die Tranchéenwacht bezogen und das Gewimmel des Festes seitwärts verhallen liess. Und weil an Viktualien wenig zu erringen war, ward den Steinkrügen desto mehr Pflege gewidmet, was ich, den Charakter altgermanischer Opferfeste erwägend, ohne Einwand geschehen sah.

Des Nachmittags aber kam neues Gewimmel von Münchner eleganter Welt und solchen, deren Kanzleistunden mit morgendlichem Frühlingsgenuss im Widerspruch stunden, – und mochte mancher mit dem Lorgnon im Aug auf die im Gras Gelagerten mit dem Pharisäergebet herabschauen: Herr, ich danke dir, dass ich nicht bin wie jene dort ... und König und Hof und Flügeladjutanten kamen, und Böllerschüsse gaben ein Zeichen, dass wieder etwas »los« sei. Aber dies zweite war etwas »Exquisites«, »Feines« – Kultur der Empfindung, genüber dem bojoarischen Bier – und ein allegorischer Wagen wurde angefuhrwerkt mit allegorischen Personen, worunter der »Sonnenschein« und der »Frühling« und der »Waldmeister« und Gott weiss was für fadenscheiniges Volk, das aus einer nachgelassenen Gerümpelkammer der Pegnitzschäfer zusammen gestoppelt war – und hielten in korrekten Versen eine korrekte Lobpreisung des Mai und des Maiweins ab und enthüllten ein riesiges Fass Maiwein ... und wurde mir altem Soldaten, dem Jungmanns Rechnungen bezeugen können, dass er in Maiwein das Seinige zu leisten weiss, und trotz meiner tiefen, stillen Liebe zur Pflanze asperula doch so flau und miserabilon zu Mut, da ich sie hier als Treibhauspflanze dem legitimen Hopfen den Boden seiner Väter streitig machen sah, dass ich beschoss, keinen Tropfen aus dem Fass dieser Symboliker zu trinken. Und weil sich der Wald immer mehr mit fremden Gestalten füllte, und mir an einem kleinen Geviertraum über ein Dutzend »berühmter Männer«, und an einem andern über ein halb Dutzend »Dichter der Zukunft« u. s. w. gezeigt wurden, war's eine gute Fügung, dass ich des Engeren lieben auswärtigen Freund, den Meister Ludovikus Steub traf, der mir verwundert die Hand schüttelte, und wie ich ihm sagte: »schön hier!« da sprach er: »sehr schön – aber 's wär doch nicht übel, nach Pullach hinunter zu gehen und eine stille Halbe zu trinken«; und wir verstanden uns und wandelten hinab und tranken nicht bloss die eine, und sassen noch, als die Musik der Heimkehrenden erschallte, und wenn ich vielleicht auch einiges Zweckwidrige an jenem Abend gesprochen, derweil die bairischen Alpen im Abendrot über die Dächer von Grünwald und die rauschende Isar herüberglänzten, so wird der Meister Ludovikus eine billige Einsicht genommen haben, dass ich bereits eines Tages Länge »im Dienst des Frühlings« gearbeitet – und keineswegs war's so zweckwidrig als das, was der Lordmajor von London neulich in Fontainebleau seinen Pariser Gastfreunden zum Besten gab ...

Item so hab ich in München des andern Tages nur noch einen flüchtigen Blick nach dem besten »Bock« geworfen, und selben im »Kapplerbräu« gefunden, allwo auch die Accidentien in primitiver Urform verabreicht werden, indem man, so man ein Messer mitbringt, um wenig Geld einen roten Radi erstreiten mag, das Salz aber »um Gotteswillen« aus einem Krug auf den Tisch geschüttet wird, und von Tellern überhaupt keine Rede ist. Und muss die Herzlichkeit erwähnen, mit der bei jenem Bock der Meister Steub und sein poetischer Freund Medicus des Engeren gedachten, und hoffe, dass das nach Heidelberg gesendete Fass seithero in forma solenni seinen Untergang erlitten.

Ein flüchtiger Blick galt den Leistungen der modernen Malerei an den Wänden der neuen Pinakothek, der mir aber ein bedenkliches Schütteln des Kopfes einbrachte – aus was für Gründen, gehört nicht hieher ...

Item so darf ich bei einem löblichen Engeren die Kenntnis des bairischen Gebirges und des Bräuwastels zu Murnau und der Zugspitze von Partenkirch und der MartinSwand etc. voraussetzen; übergehe die Merkwürdigkeiten von Innsbruck und warne vor der Sammlung im Schloss Ambras, die darin besteht, dass einem die Schubladen der Schränke gezeigt werden, mit dem Anfügen, dass der Inhalt in Wien verwahrt wird, ebenso die Pferde von Holz, auf denen ehmals Rüstungen waren, ein Garten, der ehmals mit Statuen verziert war, und anderes mehr. Und an einem Rest ehrenfester deutscher Kunst zu erquicken, statteten wir dem Mausoleum des braven Kaisers Max in der Hofkirche einen Besuch ab und waren ehrerbietig vor dem sonntäglichen Beten der Innsbrucker und stellten unsere Stöcke an einen Pfeiler des Portals; der Stock meines Freundes Anselm aber war eleganter denn der meine und trug einen elfenbeingeschnittenen Knopf mit silbernen Plättchen.

Und der Eindruck war gar feierlich, massen die ehernen Bildsäulen der Helden deutscher Geschichte und Sage als ehrenwerte Grabhüter des Kaisers Sarkophag umstehen, und dem Namen der braven Stückgiesser Gregorius Loeffler und Johannes Lendenstreich zu einem ewigen Ruhm gereichen – und musterten wir sie lange Zeit, vom träumerisch eleganten Ostgoten Theoderich an bis zu des heiligen römischen Reichs Stiefvater Friedrich III. in seinem brokatenen Schlafrock, und war ich im Vorüberstreifen von eines kroatischen Soldaten Andacht sehr erbaut, der vor Chlodoväus des Merovingers Erzbild kniete und aus vergriffenem lateinischem Gebetbuch Gebete stammelte, und tat uns schier leid, ihn gestört zu haben; denn wie wir dem Chor entgegenschritten, stand er auf und schlich demütig von dannen, während ich die hochmütige Reflexion anstellte, dass bei näherem Studium des Gregorius von Tours und anderer dieser kroatische Kriegsmann sich vielleicht veranlasst sehen dürfte, einen anderweiten Schutzpatron zu erwählen ... Wie wir aber von der trefflichen ehernen Grabgesellschaft uns verabschiedet hatten, siehe da stand am Portal mein schwarzer Hakenstock noch intakt, wie ich ihn dereinst aus Freudenbergers Hand empfangen, aber des Meisters Anselmus Elfenbeinstäbchen war verschwunden und vertragen, und ward nicht mehr gesehen.

Es hat sonach doch etwas zu bedeuten, wenn ein Kroat zwischen Licht und Dunkel zu Chlodoväus dem Merowinger betet.

Ich tröstete meinen Freund, dass gottlob keine Statuen von Brunhilde und Fredegunde und den andern Merowinger weiblichen Heiligen vorhanden seien, denn die würden ihren Anbetern jedenfalls in dem Masse gnädig sein, dass wir leichtlich ohne Rock und Hosen zu unserm goldenen Stern heimkehren könnten.

Innsbruck aber nahm an jenem Pfingstsonntag Abend allmählig eine bedenkliche Physiognomie an. Denn andern Tags begann das grosse Kaiserschiessen, – und die Fähnlein flatterten schon vielfarbig vom Schützenhaus, der alte Erzherzog Johann war eingefahren zu des Schiessens Eröffnung, die Preise und das »Kaiserbeste« standen ausgestellt, und von allen Strassen her wälzten sich die Tiroler Schützen nach ihrer Hauptstadt, den Hut mit der Spielhahnfeder auf dem linken Ohr und den Stutzen in schwerem Lederfutteral umgeschlagen.

Nun hab' ich zwar einen anständigen Respekt vor den Männern von 1809 ... aber ein paar taufend friedliche Gamsjäger an einem Fleck war mir doch etwas zu viel, und die Aussicht, diese paar tausend Gamsjäger am Montag Abend insgesamt voll und illuminiert zu sehen, war um so weniger verlockend, als aus L. Steubs Werken genugsam zu ersehen, wie der Pfingstsonntag z. B. im Hinterdux gefeiert wird, und hier zu erwägen stand, dass die Blüte und Auslese aller einzelnen Neben- und Seitentäler hier zu einer einzigen, grossen Festfreude vereinigt sein werde. Ein löblicher Vorsitzender des Engeren wird, wenn er sich der zwei Männer erinnert, mit denen wir einst die Ehre hatten, im Rattenberger Stellwagen zu fahren, und bedenkt, dass diese zwei itzo verhundert- und vertausendfacht auf Innsbruck anrückten, diese Gefühle würdigen.

Da nun mein Hut noch ganz neu und nicht sehr elastisch war, bestellte ich sofort den Stellwagen nach Brixen.

Item so fuhren wir ohne alles Abenteuer den Brenner hinauf, während sich die Scharen der Schützen in blumengeschmückten Stellwagen, mit grossen Musiken etc. gen Innsbruck niederwälzten. Der Brenner aber als Alpenpass ist in seinem Charakter ebensowohl einförmig als langweilig. In dem von wildem Bergwasser durchrauschten Örtlein Gossensass hatte ich aus besondern Gründen einige Nachforschungen anzustellen, von denen hier nur die Resultate angegeben seien:

1) Die Etymologie »Gotensitz« scheint unzweifelhaft, massen ich im Wirtshaus zwei ortseingeborne Fuhrleute mit einem alten Gastfreund beobachtete, die ihre Masskrüge so eigentümlich schnell austranken, während sie ihre Tabakspfeifen so eigentümlich langsam stopften und beim Feuerschlagen eine phlegmatische Ruhe entwickelten, wie solche nur den Germanen reinsten Stammes charakterisiert und mit dem Gebaren zweier schwedisch-gotischer Matrosen, dem ich einst im Hafen zu Livorno Zeuge war, vollkommen übereinstimmte.

2) Vom Schmied Weland weiss kein Mensch was, und dürfte daher die auch in ein neueres Werk »Ekkehard« Kap. 20 aufgenommene Sage gänzlich erlogen sein.

Überhaupt scheint es sehr zweckmässig, dass der Schmied Weland und all die fabelhaften Zwerge und Waldschmiede sich ins Dunkel zurückgezogen, massen, wenn heut auf der Pariser Industrieausstellung ein »Mr. Weland, marchand en ferreries et articles de cuivre et d'acier« seine Produkte einreichte, er die Konkurrenz mit den Belgiern und der westfälischen Firma Cropp u. Cie. oder Knecht in Solingen schwerlich zu bestehen vermöchte, sein Standpunkt vielmehr als ein antediluvianischer zurückgewiesen würde.

3) Der Metzger von Gossensass, der einstmals im Hinterdux gleichzeitig die Bekanntschaft L. Steubs und des Brunnhäussers machte, lebt noch. –

In Sterzing wird die Landschaft etwas interessanter. »Hier ist auch das Sterzinger Moos,« sprach die freundliche Kammerjungfer der Gräfin Trapp, die bei uns im Coupé sass, »wo die alten Jungfern zur Straf hineinverzaubert werden; die müssen tief unten da kochen und schaffen und beten, und müssen gar lange Zeit haben.« In dem Ausdruck, mit dem sie von diesem Moos sprach, lag eine Art fester Zuversicht, dass ihre eigene Zukunft sie niemals in diese sumpfigen Tiefen führen werde. Da mir in ihrer Andeutung ein Stück alter, noch unbekannter Volkssage zu liegen schien, forschte ich nach den Quellen dieser Tradition, worauf sie mir das Innsbrucker Wochenblatt nannte, in dem hie und da so »gspassige Gschichten« stünden.

Jenseits Sterzing bezeichneten zwei umgerissene Strassensteine, einige Fetzen eines Wagenrades und viel Glasscherben den Ort, wo der Stellwagen der Meraner Schützen einen gänzlichen Untergang gefunden, wozu bei der nicht gefährlichen Beschaffenheit der Strasse der Umstand mitgewirkt haben mag, dass die edeln Etschtalmänner ein grosses Quantum Lebenberger als Herzstärkung mit sich im Reisewagen führten.

Über Brixen lag ein Ausdruck schwerster Versimplung, der auch dadurch nicht gemildert wurde, dass der Gasthof zum Andenken an den ersten in Brixen durchgeführten Elefanten anno 1566 seinen Namen hienach erhalten, und dass der Wirt zur Bequemlichkeit der durchreisenden Herren Geistlichen im zweiten Stock eine Kapelle hat bauen lassen.

Da das Reisen im Stellwagen die Annehmlichkeit hat, dass der Mensch vor vier Uhr in der Frühe aufstehen muss, somit den Vormittag wieder im Wagen schläft, ist vom weitern Verlauf des Eisacktals bis Bozen nichts zu vermelden, als dass dasselbe viel rauhe, felsige Partieen enthält, und dass zur Zeit viel über die dereinst hier durchzuführende Eisenbahn gespottet wird. So aber je ein Mitglied des Engeren durch jene Felsschluchten gen Bozen pilgert, möge er seinen Stab in dem nahen Dörflein Otten in die Erde stossen und sich dort einen Trunk Roten vorsetzen lassen, und wenn er ihm also mundet wie mir selber, wird er sich nicht zu beklagen haben, wiewohl ich hier eine schlimme Geschichte erlebt.

Hatte nämlich in Deutschland ein feierlich Gelübde getan, den ersten Menschen italienischen Stammes, der mir auf dieser Reise begegnen würde, in solenner Weise zu begrüssen, und zwar wenn es ein Wesen weiblichen Geschlechtes wäre, sie zu umarmen und küssen, was, wie ich glaube, als ein der Madonna geweihtes voto nicht verübelt werden kann, – wenn aber ein Mann, ihm sofort eine Mass vom Besten zu bezahlen und mit ihm anstossend zu rufen: evviva l'Italia! Und hat dieses Gelübde seinen Grund in vielen, mir seitens der Eingeborenen des bel paese dove il »si« suona, zugeflossenen Wohltaten bei meinem ersten Aufenthalt, und stellte ich mir vor, dieser erste Italiener werde etwa auf einsamer Gebirgshöhe auftauchen, wie damals, da wir den Splügen überschritten und ihn in Gestalt eines jungen Hirten trafen, der sein entflohenes Zicklein auf dem Rücken trug.

Diesmal aber kam's anders. »Ah, signor Gerolamo!« rief der Kaufmann Ringler aus Bozen, dem wir die Notifikation des Ottener Weines verdankten, einem blassen Mann mit rotem Bart zu, »come stà?« Der Manu hatte sein Haupt auf beide Hände gestützt und sass im Schatten des Ottener Wirtshäusleins, und stand eine grosse Wasserflasche vor ihm. Er gab aber keinen Appell, und wie ihn sein Bozener Freund am Kragen schüttelte und ihm sein Glas Roten entgegenhielt, schüttelte er schmerzlich sein blasses Antlitz und sprach: »O Schluppwirt, maledetto Sluppwirt ... impossibile!« Und seinen weiteren, im starken Dialekt gemachten Mitteilungen war – ausser der allgemeinen Tatfache, dass gestern Pfingstmontag gewesen – zu entnehmen: Sluppwirt ... 25 bottiglie di vino rosso e 12 Asti spumante ... musica e ballo sino alle 3 dopo mezzanotte ... grog americano al café ... und das Vorhandenseins eines Jammers in solcher Ausdehnung, dass ihm heute jeder Tropfen Wein wie Gift vorkam ... Und somit war die Lösung meines Gelübdes vereitelt, denn der blasse Mann war wirklich der erste Italiener, der mir bei diesmaliger Fahrt begegnete, und war Ingenieur beim Bozener Eisenbahnbau und hiess Gerolamo Pescatore, was dem deutschen »Hieronymus Fischer« etwa entsprechen würde, und war sonst ein recht respektabler Mann, aber in einem alle Möglichkeit des Weintrinkens ausschliessenden Zustand von Elendigkeit, dass wir ihm mitleidig einen Platz im Stellwagen einräumten und mir nichts übrig blieb, als mir von ihm die Lage jenes Schluppwirts beschreiben zu lassen, um dort allein die ihm zugedachte Flasche ex voto zu trinken. Der Schluppwirt aber liegt jenseits der Eisackbrücke vor Bozen an einer Bergwand und ist eine so vergnügliche Herberge mit herzwärmendem Rotwein, dass ich niemals in jenem Landstrich mehr durchpassieren werde, ohne meinen Fuss zu ihm hinüberschlüpfen zu lassen.

Aber so angenehm es mir auch war, die Bekanntschaft des Herrn Gerolamo Pescatore zu machen, so hätt' ich doch beinah mit dem Schicksal gegrollt, dass es mir als erste Versinnbildlichung Italiens nicht das reizende Bild entgegengeführt, das ich tags darauf vor Trient zu erschauen die Ehre hatte. Da hielt ein eleganter Reisewagen auf der Heerstrasse, und drinnen sass neben einem ältlichen Herren eine verschleierte Dame, und ich weiss nicht wie es kam, aber ich rückte meine Brille zurecht, und mein lockiger Freund Anselm schoss aus freiem Aug seine Blicke nach dem Schleier ... siehe da hob sie majestätisch ihren elfenbeinweissen Arm und lüftete den Schleier und schaute in strahlender Schöne zu uns herüber und lächelte, als wolle sie sagen: »Sehet euch nur recht satt an mir, ich weiss, dass ich schön bin!« Und nach zwei Minuten zog sie den Schleier wieder zusammen, als sollten wir nicht gänzlich geblendet werden, und ihre Pferde fuhren dem Brenner entgegen, und wir hatten, die Türme von Trient vor uns ... Ein löblicher Engerer hätte es mir gewiss nicht vergönnt, wenn ich hier mein Gelübde zu lösen gehabt, und wäre hinausgesprungen aus dem schundigen Stellwagen und hätte mich emporgeschwungen bei der schönen Unbekannten und ihren Schleier zitternd zum zweitenmal emporgehoben und gesagt: Scusi, Madonnina, non è per me e non per lei, ma per un voto fatto alla bellezza, fatto all' Italia ...! und ich bin überzeugt, sie hätte gelächelt, wie jetzo, da sie im gütigen Reichtum der Schöne den Schleier vor uns hob, und hätte auf die Bitte um den Votivkuss geantwortet: piglia pur' due, se c'è un voto! ...

Dank und Segen auf deinen Weg, schleierlüftende Tochter des Südens!

Als hätt' aber die deutsche Heimat noch einen tüchtigen Gedenkstein für alle die aufrichten wollen, die gen Welschland fahren, auf dass ihnen die Traulichkeit und stille Poesie und der Traum alter Zeit in deutschen Lettern lebhaft ins Herz geschrieben bleibe, steht im felsigen Thale der Talfer bei Bozen die Feste Runglstein aufgebaut, und es verlohnt sich wohl, dass uns die Mitglieder des Engeren auf einem Gang nach jenen ehrwürdigen Mauern begleiten.

Also verliessen wir nach einem tapferen Mittagsmahl die solide Herberge »zum Mondschein« in Bozen und schritten unter Führung eines demütigen Studentleins, das bei den Franciskanern dort Latein lernte, durch die rebumrankten Gelände, aus denen schon einzelne Cypressen als italische Schildwachen aufragen, und kamen am Hause des unter die Heiligen, unbekannt warum, aufgenommenen »Armen Heinrich« vorüber und freuten uns des Blickes hinab in das reiche Etschtal und auf die hohe Mendola, und seitwärts nach den zackigen Kuppen und weiten Schneefeldern des hohen Schlärn, und bogen in ein enges, liebliches Seitental ein, ähnlich dem der Passer, wo sie an der Zenoburg vorüber den Mauern Merans entgegenströmt. Und war schon allerhand Schlinggewächs und südliche Vegetation um die Felsen, die deutsche Eiche zu unansehnlichem Strauch zusammengeschrumpft, aber üppig blühender Flieder und wilde Rosen rings umher, und die Talfer brauste lustig in grünweisschäumenden Wellen in der Tiefe. Auf senkrecht aufsteigendem Felsen hob sich der Runglstein mit Turm und Mauern, die zumeist noch überdacht sind, vor uns empor, während genüber der alte Ravenstein hoch in die Lüfte ragt und in der Tiefe noch manch ein ander schlossartig Gebäu sein Haupt aufstreckt. Ein verfallen Thor mit Brücke öffnet den Eingang, und schon im Hof schauen verwitterte Gestalten den fremden Gästen entgegen; da zieht sich ein Söller mit hölzerner Galerie um die Wand des Wohngebäudes, riesige Rittersmänner sind dort in Fresko gemalt, Helden der Geschichte und Dichtung, der alte Hagen stützt sich grimmig auf sein Schwert, und Dietrich von Bern und Dietlieb von Steyer und fabelhafte Riesen und Ungetüme des Heldenbuchs ... und wenn man eintritt in den verrauchten Saal und sich zur Linken wendet, tut sich ein Gemach auf, dort scheint die Sonne durchs Rundbogenfenster auf wohlerhaltene, graugrün gemalte Schilderungen zu Gottfried von Strassburgs trefflichem Sang von Tristan und Isolt – hier die Werbefahrt Tristans nach Island, dort der König Mark, wie er dem Schiff entgegengeht und aus seines Neffen Hand die Gemahlin empfängt ... und Tristan mit Isolden im Wald schlafend, das Schwert zwischen ihnen, und die Vermummung als Pilgersmann, wie sie zu dem Gottesgericht ziehen muss – und die treue Brangäne ... und neben diesem Gemach, das einst zugleich die Bücherei der Burg war, eine trauliche, mit altem Gewaffen und Rüstung geschmückte Trinkstube ... und dann wieder ein umfangreicher Saal mit prächtigen Erkerfenstern senkrecht über der Talfer und grossen, farbigen Darstellungen ritterlichen Lebens und Treibens – ernst und reich wie die Miniaturen in Tschachtlans Chronik auf der Wasserkirche zu Zürich – und säulengetragenem Kamin und prächtiger kleiner Seitenkapelle mit einem Flügelaltärlein und bemalten Glasscheiben und einer unaussprechlich wehmütigen Stimmung ... Alles zusammen ein Platz wie gemacht für Menschenkinder unseres Schlages, und würd' ich mir's gern gefallen lassen, vom Bischof zu Trident, dessen itzt die Burg ist, zur Strafe für meinen Ekkehard auf Jahr und Tag im Runglstein eingesperrt zu werden, um mit etlichen alten Chroniken und altem Wein, mir zur Busse und Gott zur Ehr, einen besseren historischen Roman zu verfassen, als jenen ersten. Und auch dem Meister Anselm schwebte es wie grosse Historienbilder – und einsam betende, schwarze Frauen und reiche Hochzeitszüge vor dem Sinn, und während er das schmucke Altärlein seinem Skizzenbuch einverleibte, setzte ich mich in einem Erkerfenster fest und liess einen Trunk Weines kommen, nachdem mir das Studentlein zum Abschied für eine Gabe von zehn Kreuzer Münz die Hand hatte küssen wollen – und trank einen mächtigen Schluck zu ehrendem Angedenken des Ritters Conrad Vintler, der kurz vor des Mittelalters Torschluss sich hier das Köstliche und Unvergängliche der Vergangenheit in stattlichem Denkmal erhalten und seinen Geist am Sang der alten Meister erquickt – und wenn er, durch sie angeregt, vielleicht selber auch einige schlechte Minnelieder gemacht, so mögt's ihm verziehen sein in alle Ewigkeit.

Und hat nicht viel gefehlt, so hätt' ich mir um Herrn Conrad Vintler herum gleich die Gestalten eines ganzen Romans ersonnen, denn er war ein Freund Herrn Oswalds von Wolkenstein, dessen trutzige Lieder und Abenteuer in aller Herren Landen mir wohl bekannt sind, und Herzog Friedrichs mit der leeren Tasche, dessen Kostüm ich aus eigener Erfahrung auch genau kennen gelernt, und auf seinen Besitzungen brach, wie es bei einem poetisch gesinnten Rittersmann ganz naturgemäss ist, das »Pfandübel« aus, das schliesslich die schöngemalten Hallen in ganz nüchternen Kreditorenbesitz brachte ... und für Tracht- und Bewaffnungsstudien war noch eine ganze wohlgefüllte Rüstkammer vorhanden, in welcher ein zur Vexierung der Feinde schlau ersonnener Helm mit doppeltem Kopfe (dem also in Hitze des Gefechts der leere gespalten werden konnte) an das Hereinbrechen Don Quixotischer Ideen ins alte Rittertum gemahnte ... aber schon warf die Abendsonne ihr warmes Licht in den gebräunten Saal, und der Wein ging zu Ende, und wir mussten notwendig den Abend noch beim Schlupfwirt sein, so dass der edle Runglsteiner vor der Hand vor der Gefahr sicher ist, durch meine Feder aus seiner Grabesruhe wieder heraufbeschworen zu werden.

Item einen halben Tag nach den Runglsteiner Träumen standen wir in der Kirche Maria Maggiore in Trient vor einem Bild, das der grossen Konziliums letzte Sitzung darstellt, wobei mir jedoch nur der eine Gedanke kam, wie es sich etwa ausgenommen haben würde, wenn hier, wie vor etlicher Zeit im Kloster S. Agnese fuori le mura, der Fussboden hätte einbrechen können und die ganze Versammlung um eines Stockwerks Tiefe landabwärts befördert worden wäre.

Der Charakter von Trient ist schon ganz südlich, was wir bei der Abfahrt aus der »Europa« deutlich wahrzunehmen Gelegenheit hatten, denn eine grössere Heerschar trinkgeldfordernden Gesindels hätte sich kaum in Neapel auftreiben lassen. Ich aber rief dem facchino di piazza, der für das Zeigen eines Caféhauses noch seine nachträgliche buona mano wollte, und dem, der die Pässe gebracht, und dem, der den Staub vom Rock ohne Auftrag gebürstet, und dem, der zwischen uns und dem Kutscher den Kuppler gemacht, und dem, der den Koffer, und dem, der den Regenschirm in Wagen getragen, und den drei Bettlern und selbst ihm, dem Tiroler Hausknecht, ein grimmiges anathema sit! zu – und avanti cocchiere! und fröhlich ging's über das Steinpflaster durch den trinkgeldlosen Haufen, der in einem wahrhaft konziliumsartigen Skandal seiner Indignation über die fremden Reisenden Luft machte.

Der welschtirolische Fuhrmann aus Riva, der es 1848 mit den Österreichern gehalten, »weil die Deutschen ihre Pferde menschlicher behandeln als die Italiener,« tat seine Schuldigkeit und führte uns die Klause des heiligen Vigilius hinauf in das wunderbar schöne und grossartige Sarcatal, das man seit kurzem auf bequemer Strasse durchfährt. Da wär' denn viel zu erzählen von riesigen, kahlen Bergwänden und wild übereinander gehäuften Trümmerstürzen, die wie Hobelspäne vom ersten Schöpfungstag herumliegen, von grünen, stillen Seen, deren schönster der lago di Doblino mit seinem finstern, schilfumwachsenen Kastell, von ächt italienischen, steingemauerten Dörfern mit schlanken Glockentürmen und trotzig aussehenden Menschen drin, von der durch die Einöden tosenden Sarca und von der abenteuerlich hohen Form, mit der die Berge von Arco das Tal sperren, bevor's dem Gardasee entgegengeht ... genug, das war wieder ein echtes, nobles Stück Italien, und wie wir in stiller Mitternacht auf dem Balkon des albergo del Sole zu Riva standen und der Mond das leise Gewölk, das auf den Spitzen des Monte Baldo sich lagerte, in Duft zerküsste, und seine flimmernden Strahlen in den dunklen See herabzitterten, und aus ferner Barke der Gesang des Fischers herübertönte ... da jauchzte die Seele einen Gruss dem wiedergefundenen Land ihrer Sehnsucht entgegen ... und wenn sie auch alle zusammt auf uns einstürmen werden, die hohen Zechen und die bösen Insekten und die unsäglichen Gerüche und die schreckerregenden Cigarren und die unabtreibbaren Facchini – sie sollen uns die Freude nicht verderben an der Heimat der Schönheit und Kunst!

Die Fahrt über den schönen Gardasee war durch Regen und Sturm verdüstert, ein Witterungswechsel, den der östreichische Steuermann lediglich dem Umstand zuschrieb, dass wir zwei barfüssige Kapuziner an Bord hatten, was mich veranlasste, ihm zu bemerken, dass dies Wetterzeichen nicht überall zutreffe, indem man anderwärts die Erfahrung gemacht, dass die Männer in Kutten und langen, schwarzen Röcken erst dann recht zum Vorschein kommen, wenn der Sturm vorüber ...

In Peschiera muss der Mensch fünf Stunden auf die Eisenbahn warten, was dazu dient, ihn die oft über die Achseln angesehenen heimischen Zustände von Rastatt oder Germersheim hochschätzen zu lehren, denn wie in diesem, von den sumpfigen Niederungen des Mincio umdufteten Nest die Zeit mit Anstand vertötet werden könne, ist mir annoch ein ungelöst Problem.

Und nachdem das über alte Massen scheussliche Gabelfrühstück eingenommen und die reaktionäre Brescianer Zeitung von vorn nach hinten und dann hinwiederum von hinten nach vorn durchgelesen war, und der Schlaf durch Mücken und Schnaken unmöglich gemacht, blieb nichts übrig, als mit langen, spitzen Schilfrohren in einem zum Tanzvergnügen der Garnison eingerichteten Saal sich des Speerwurfs zu üben, was auch soweit gelang, dass bis zu Ankunft des Omnibus sämtliche Transparente über der Musikantenbühne, vom »Walzer« bis zur »Mazurka« durchbohrt in Fetzen hinabhingen. –

Verona erstreckt sich mit seinen alten Architekturen und schlanken Türmen und der zertrümmerten Dietrichsburg stattlich längs der mächtigen Etsch dahin und erinnert beinahe an das prächtige Florenz. Was wir im Gegensatz zu allen reisenden Engländern nicht besuchten, war die Casa Capuletti, wo Romeo einst Julien fand; es war mir aus dem Tagebuch des Engländers Box erinnerlich, dass er dort lärmende Vetturini antraf, die sich mit schmutzigen Markrkärrnern um den Besitz des Hofes stritten, und eine Herde Gänse, die durch knöcheltiefen Kot watschelte – was mit des trefflichen Ernst Foerster einfach plastischer Notiz: »Casa Capuletti itzt eine Fuhrmannsherberge,« völlig übereinstimmt. Und da mir ein gütiges Schicksal im Lauf eines bunten Lebens vielleicht wenige seiner Gaben so reichlich gewährt als die Kenntnis von Fuhrmannsherbergen, gedachte ich, dass es wahrhaft eine Beleidigung für den ehrenwerten Ritterwirt zu Heidelberg sein möchte, so man nie bei ihm einen Schoppen getrunken, hingegen in der ersten Stunde veronesischen Aufenthalts zur Casa Capuletti gestiegen, und wandte meinen Fuss anderwärts.

Und da meine Phantasie gottlob auch noch in so leidlichem Zustand, dass sie sich ohne Beschwer einen steinernen Wassertrog zu vergegenwärtigen vermag, blieb auch die tomba di Giulietta la sfortunata gänzlich unbesichtigt. Aber Romeos Sehnsucht und ungestillter Liebeswunsch schwebt immerdar noch träumerisch über dem alten Verona, denn wie wir in später Nachtstunde von der ehrwürdigen piazza dei Signori heimschritten, wandelte ein einsamer Fähndrich melancholifch über den Gemüfemarkt und spitzte die Lippen seines pausbackigen Antlitzes so romeoartig und sang die Arie »dein Geliebter harret dein! dein Ge-e-e-liebter ha-a-a-arret dein!« so schmelzend, dass der alte Carové selig an ihm seine Freud' gehabt hätte und wir nicht umhin konnten, ihm zu wünschen, er möge in der Casa Capuletti eine handfeste friulaner Stallmagd entdecken, die des alten Zwistes der Väter vergessend sein sehnsüchtiges Lied erhöre.

Wer aber wirklich einen Hauch aus den Zeiten der Montecchi und Capuletti verspüren will, der muss vom alten Platz der Signori weg zur Kirche S. Maria l'Antica sich wenden, wo die Grabdenkmale der Skaliger mit ihren riesigen Sarkophagen und Reiterstatuen und heiligenbildgeschmückten Spitzbogen in marmorner Pracht emporragen. Dort, vor dem Mausoleum des Cangrande, bei dem Dante dereinst das Brot der Verbannung gegessen und empfunden, wie schwer es einem Sänger wird, fremder Leute Treppen auf- und abzusteigen – und bei dem üppigen, vier Stockwerke hohen Mal des Cansignorio steht eine verklungene, längst zu den Toten und Vergessenen geworfene Zeit leibhaftig vor uns, und es würde kein Staunen erregen, wenn sich der enge Raum wieder füllte mit Gepanzerten und mit ernsten Gestalten im roten Faltentalar, und wenn er selber zu uns träte, der Mann aus Florenz, der die Schatten des Inferno einst durchwandelt, und uns auf die Schulter klopfte und fragte: »Was singt ihr gegenwärtig in Deutschland?« ...

In der colomba d'oro, wo wir uns der süssen Nachtruhe zu freuen hofften, rächten die Infekten Veronas den dem Angedenken der Julia angethanen Unglimpf; knatternd zog's heran, geflügelte und ungeflügelte, ... quis cladem illius noctis, quis funera fando explicet? ...

Und mit bittersüsser Erinnerung an jenen Tag, dessen aufgehende Sonne mich statt im Bett schmerzlich in Shawl eingehüllt auf dem backsteingepflasterten Fussboden vorfand, sei denn diese Epistel beschlossen, und mögen mit ihr meine herzlichsten Grüsse ins Heidelberger Museum wandern und der Engere mir itzt und fürderhin seinen Segen und ein freundschaftliches Angedenken bewahren, so wird, so Gott will, auch die Cholera der Fortsetzung meiner Berichte keinen Eintrag tun. In alter Freundschaft Giuseppe.

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