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Victor von Scheffel: Episteln - Kapitel 1
Quellenangabe
typeletter
authorVictor von Scheffel
titleEpisteln
editorJohannes Proelss
correctorreuters@abc.de
senderh.guhl@stafag.ch
created20080105
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Säkkinger Episteln.

Erste Epistel in die Heimat.

Säkkingen, den 6. Januar 1850.

Also in Säkkingen! – Heute vor acht Tagen um Mitternacht habe ich meinen Einzug gehalten.

Nachdem ich Sonnabend in Offenburg beim wackern Alexander, dem aber die Einquartierung und die Steuerlast schwer auf dem Herzen liegen, Mittag gemacht und abends von Langendenzlingen auf nach Waldkirch hinübergefahren war, wo ich schöne Simonswälder Strohhüte und Taillen, gutes Bier und den Rechtspraktikant Kammein Mitschüler und Freund des Verfassers, derzeit Oberlandesgerichtsrat in Karlsruhe. antraf, der mich mit germanischer Gastfreundschaft aufnahm, brachte mich der letzte sonntägliche Bahnzug durch die in trüber Schneebeleuchtung sich im Rheine spiegelnden Isteiner Felsen nach Efringen, und von da ward ich – ohne zu wissen wie – in verschiedenen Omnibus und Eilwagen nächtlicherweise nach Säkkingen befördert und in mitternächtlicher Stunde auf der Landstrasse vor dem Postgebäude an die Luft gesetzt.

Das erste Wesen, was ich allhier ansichtig wurde, war ein biederer Hausknecht, der sich nach einigen Pausen meiner erbarmte und mich mit dem Koffer in die Stadt Säkkingen herein auf den Marktplatz vor das Gasthaus zum »Chnopf« führte.

Hier hatte ich ebenfalls wieder eine Zeit in frischer Luft zu stehen, bis des Knopfes Pforten sich öffneten. Während dieser erwartungsvollen Pause erschien, nachdem von den Glocken der Stiftskirche der zwölfte Stundenschlag dumpf erklungen war, das zweite Wesen, das ich allhier erblicken sollte, – der schnöde Nachtwächter.

»Loset, was i euch will sage!
D'Glocke het zwölfi g'schlage,«

sang derselbe krähend – oder krähte derselbe singend (ich lasse euch vollkommen freie Wahl), aber den schönen Zusatz

»Un wo no in der Mitternacht
E Gmüet in Schmerz und Chummer wacht,
Se geb der Gott e rüeihige Stund
Un mach di wieder froh und g'sund,«

diesen sang der schnöde Nachtwächter nicht; er schien ihm nicht in sein System des Nachtwächterns zu passen, was ich ihm sehr verübelte. Allmählich fand sich auch noch ein fernernes Wesen, was mir ein kühles Gastzimmerchen im Knopf zur Verfügung stellte.

Wenn einer einen Tag lang bei schneidender Kälte und tiefem Schnee teils Eisenbahn- teils Omnibusweise in der Welt herumgefahren ist, dann weiss er den tiefen Zauber des Spruches, den Marie leichtsinnigerweise auf den Oberflächen weisser Zipfelkappen anbringt, zu würdigen: – »Schlafe, was willst du mehr!« – Ich tat's.

Geträumt habe ich übrigens sowohl das erste Mal dahier als seithero lediglich nichts; ist auch gar nicht nötig, hab' ich doch seit dem März 1848 so viel geträumt, dass ich noch geraume Zeit an dem Vorrat zu zehren haben werde. Wenn ich hier ein Tannenbaum wäre, in diesem ungeheuerlichen Schnee, dann würde ich es sehr passend finden, von einer Palme zu träumen im heissen Morgenland. –

Nach dieser unjuristischen Abschweifung von Träumen komme ich in die realste Wirklichkeit zurück, nämlich aufs Amtshaus zu Säkkingen. Dorthin verfügte ich mich am Montagmorgen, ward vom Oberamtmann, meinem Herrn und Meister, günstig aufgenommen und gleich in meinen Geschäftskreis eingewiesen, den übrigen Beamten vorgestellt, bestehend aus einem Assessor Losinger und einem vorsündflutlichen, uralten Rechtspraktikanten Gamber, der einmal hier vergessen worden und seitdem auf der Amtsstube stehen geblieben ist; übrigens ein treffliches Gemüt; – den Neujahrs-Abend brachte ich sang- und klanglos bei den Honoratioren auf dem Leseverein zu und zog mich bald in meine Stube zurück und las noch im alten Hebel, der mir überhaupt noch manchmal eine Medizin sein wird.

Von Freud' und Becherklang ist, glaube ich, in ganz Säkkingen nicht viel die Rede gewesen am Neujahrstag; die Schlussrechnung fürs Jahr 1849 war zur Hervorbringung anderer Stimmungen viel geeigneter.

Den 1 ten Januarii 1850 ist Neujahr gewesen. An diesem Tag hab' ich mir eine Wohnung gesucht und selbe auch beim Bürgermeister Leo dahier gefunden, und ist sie auch kein Salon, so kostet sie hiergegen auch nur 4 fl. monatlich und ist, wie ich von allen Seiten versichert worden, eines der »nobelsten« Zimmer dahier. Alsdann hab' ich ein paar Besuche gemacht, – unter andern auch beim Posthalter Malzacher, der sich Vater bestens empfiehlt, – und nachmittags in Begleitung mehrerer Biedermänner und deren Gemahlinnen einen ehrsamen Spaziergang nach Steinen in der Schweiz unternommen, der zu allgemeiner Befriedigung ausfiel. Seit Mittwoch sitze ich nun »festgemauert in der Erden« d. h. in meiner Amtsstube, und helfe mit an der Weltverbesserung durch Vermehrung der Akten-Fascikel, und wenn mir hie und da ein Skrupel kommt, so denke ich an das alte Lied:

Vorm Schreiber muss sich biegen
Oft mancher stolze Held
Und in den Winkel schmiegen,
Ob's ihm gleich nicht gefällt.

und schreibe wieder weiter im Gefühl meiner Würde, dass die Feber knarrt und das Papier rauscht und braust. In diesen Mittelpunkt meines hiesigen Lebens, in diese Schreibstube, wo alle Wurzeln meiner Kraft liegen, muss ich euch aber noch des nähern einführen. Gebt mir also euren Arm und folgt mir.

Seitab vom Marktplatz in Säkkingen, von der Kirche weg nach dem Rhein hin, steht eine Reihe hochgiebliger alter Gebäude mit spitzbogigen Türen, vergitterten Fenstern etc. In diesen haust der Staat, das heisst: das Amtsrevisorat, die Bezirksforstei und das Bezirksamt. Das stattlichste der Gebäude, ein dreistockiges Haus, ist das Amthaus. Durch eine alte Bogentüre tritt man ein in die Vorhalle, die, mit Gewölbestellungen versehen und auf zwei Säulenpfosten ruhend, den Weg nach den verschiedenen Amtsstuben eröffnet. Wir gehen aber noch nicht so schnell weiter, sondern verweilen eine Zeitlang bei den sinnigen Inschriften der Halle. Bei den Türken ist's eine schöne Sitte, die Wände der Moscheen und öffentlichen Gebäude mit Sprüchen aus dem Koran zu versehen. Der deutsche bureaukratische Staat kennt nur einfach geweisselte Wände. Aber der biedere Sinn des Volkes hat hier glänzend gewirkt und mit zarten Sprüchen aus dem Hauensteiner Koran die kahlen Mauerwände geschmückt.

Ich lege einige bei, wie ich sie aus der bunten Sammlung noch im Gedächtnis habe. Also z. B.:

»Wenn doch nur ein heiliges Kreuzdonnerwetter das ganze Amthaus verschlüge!« oder

»Allmächtiger Vater, schenk doch den Amtsherren einen besseren Verstand, dass sie bürgerliche Rechtspflege besser führen!« oder

»Lange warten müssen macht zornig« – oder

»Heute ist Johann N. von Herrischried hier gewesen und hat dem Amtmann tüchtig die Wahrheit gesagt!« – oder

»Eine Republik wär' halt doch das allerbeste!« – oder

»Wenn sich alles von selbst erledigte, dann wäre gut Oberamtmann sein!« u. a. m.

Nachdem wir den Duft aus diesen Blüten des Volksgeistes eingesogen, treten wir links zur zweiten Tür ein. (Die Damen werden gut tun, beim Eintritt ihren Flaçon vorzuhalten.) Hier ist meine Höhle. Aber ich hause nicht allein in ihr. Das Bezirksamt Säkkingen hat sich jene Hauptregel der Historienmalerei, nämlich die möglichst »ökonomische Verteilung der Figuren im Raume« grünlich zu eigen gemacht. In dieser Stube gehört nur ein Schreibtisch, ein Aktenfach und ein geringer Flächenraum mir. In einem andern Drittel der Stube haust der eigentliche Herr und Gebieter derselben, der Amtsdiener, und im Reste derselben halten sich in Winterszeit die vorgeladenen Parteien auf, die Gerichtsboten gehen ab und zu, die Gendarmen pflegen der Privatunterhaltung mit Seiner Hochwürden dem Amtsdiener – kurz es geht hie und da äusserst gemütlich zu. Ich bin eigentlich mehr geduldet, als dass ich etwas zu befehlen habe; im Volksbewusstsein ist der Amtsdiener der Haupt-Insasse. Wenn einer hereinkommt, so heisst es zuerst mit einem Bückling: »'fel mich Ihnen, Herr Hauser, wie geht's?« u. s. w. Dann noch so beiläufig zu mir und dem Aktuar: »Guten Morgen, ihr Herren.« Das ist übrigens von jeher die soziale Position des Säkkinger Rechtspraktikanten gewesen – warum sollte ich's anders verlangen? Im Frühjahr hat mir der Herr Oberamtmann eine Übersiedelung versprochen; bis dahin tut mir's vielleicht leid, auszuziehen; denn die Gewohnheit bringt ja dahin, dass einer in einer Mühle Pandekten studieren kann und dass ihm etwas fehlt, wenn er das Geklapper der Räder nicht hört. Ebenso bin ich jetzt so vollständig in meine Umgebung eingebürgert, dass ich meine, es könne gar nicht anders sein. Dazu hat nicht wenig der Grundsatz des Aktuars beigetragen, den ich mir alsbald angeeignet habe.

Der pflegt nämlich zu seiner Beruhigung bei jeder Tageszeit und bei jeder Gelegenheit, mag er nun ein und dieselbe Verfügung 33mal abzuschreiben haben, oder mag ihm ein biederer Gastfreund eine Flasche Rheinwein anbieten, den Spruch anzuführen: »Sei mir heute nichts zuwider!« und mit dieser Parole habe ich denn auch beschlossen, mich frisch und unbeirrt durch alles Liebsame und Unliebsame durchzuschlagen.

In dieser Höhle nun pflege ich der Kriminal- und Polizeijustiz und sitze des Tags meine 7-8 Stunden, und wenn eine Untersuchung einzuleiten ist, weil einer sein Brot um 2 Lot zu leicht gebacken oder schnöder- und unbefugterweise in stiller Verborgenheit Schnaps ausschenkt – oder wenn einer seinen Hund ohne Maulkorb laufen liess, so denke ich: Sei mir heute nichts zuwider! und untersuche frisch darauf los, als wenn sonst die Welt aus ihren Fugen gehen müsste. –

Ist dann das Tagewerk vorüber, so geht die arme Seele ins Gasthaus zum Knopf zu Herrn Broglie, trinkt ruhig ihr Bier aus und wenn die oktroyierte Polizeistunde um 10 Uhr abends eingebrochen ist, so geht sie mit ihrem Hausherrn, dem jungen Bürgermeister, nach Haus und legt sich aufs Ohr, um morgen da fortzufahren, wo sie heute stehen blieb.

Von Elementen der Gesellschaft habe ich bis jetzt entdeckt: einen Assessor, einen preussischen Offizier, einen Advokaten, einen Bürgermeister und ein paar Schweizer Kaufleute, die hier eine Fabrik haben. Anderes bleibt vielleicht noch fernerer Entdeckung vorbehalten. Von Politik habe ich noch kein Sterbenswörtchen reden hören, es denkt hier wohl mancher dabei: »Vorüber, ihr Lämmer, vorüber, dem Schäfer wird's gar zu weh!« und schweigt. Dagegen bringt hier und da einer oder der andere Hebels Gedichte oder den rheinländischen Hausfreund mit, und dann wird ein Tisch an den Ofen gerückt, und alles lauscht den prächtigen alemannischen Weisen oder lacht sich bei den Zundelfrieder- und Zirkelschmieds-Geschichten den Buckel voll, so dass sich der alte Hebel im Grab noch vor Freude umdrehen würde, wenn ihm eine Portion des unsterblichen Gelächters daselbst zu Ohren käme.

Das Amthaus und der Gasthof zum Knopf sind bis jetzt die beiden Pole gewesen, um die sich meine hiesige Existenz drehte; – dass ich noch nicht weiss, wie es 100 Schritte von Säkkingen in der Welt aussieht, das habe ich diesmal nicht mir selbst, sondern dem ungeheuerlichen Schnee zuzuschreiben.

Wenn ich neue Entdeckungen an Land und Leuten gemacht haben werde, dann schreib' ich Euch meine zweite Epistel. Für heute ist der Stoff erschöpft. Ich hoffe, dass Ihr mir bald einen schriftlichen Gruss sendet und alle Briefe, die etwa an mich angekommen sind, vor allem aber die Münchener. Sodann bitte ich, für den langen Braun eine italienische Empfehlung auszuwirken.

Ich selbst bedarf vor der Hand hier nichts weiter, als dessen, was ich mitgebracht habe, und erlasse Euch jede weitere Zusendung von Kleidern und Ähnlichem.

Das ganze Haus wolle sich als herzlichst von mir gegrüsst betrachten. Ich schliesse mit der Versicherung meiner unveränderten Hochachtung und einem einfachen: Leben Sie gefälligst wohl!

In treuer Liebe

Joseph.

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