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Johann Heinrich Voß: Epigramme - Kapitel 1
Quellenangabe
typepoem
booktitleWerke in einem Band
authorJohann Heinrich Voß
year1966
publisherAufbau Verlag
addressBerlin und Weimar
titleEpigramme
pages285-291
created20041219
sendergerd.bouillon
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Johann Heinrich Voß

Epigramme


Druckfehler

Rolf, rüge doch des Setzers Fehler nicht,
Druckfehler ist dein ganz Gedicht.

Erbetenes Urteil

Dein Lied ist Morgentau, der über Rosen fließt.
Doch weißt du, Freund, daß Tau – auch Wasser ist?

Leser oder Kritiker?

Mein Lied gefällt, was Meister Feil auch spreche.
Für Gäste kocht ich zu, was kümmern mich die Köche!

Mein Barbier

Mein Herr Barbier hat eigne Gaben:
Er tut so gravitätisch langsam schaben,
Daß, während er zur Linken ist,
Der Bart zur Rechten wieder sprießt.

Verschiedener Stolz

Still, ohne Pracht, doch sicher, daß man's merke,
So schreiten Prinz und Dogg einher in ihrer Stärke.
In Seid und Schellen prunkt und bellt und flucht mit Zeter
Der Junker und sein Köter.

Lilie und Rose

Warum trägt Frau Cäcilie
Im Antlitz nur die Lilie? –
Die Rose schlich bei vollem Glase
Sich auf des Herrn Gemahles Nase.

Sprachanmerkung

Des Pöbels Einfalt hält Gemahl
    Und Mann für einerlei;
Doch manche Dam hat ihren Herrn Gemahl
    Und einen Mann dabei.

Auf einen Witzling

Dein Witz
Schärft Pfeile nadelspitz;
Selbst keine Zauberrüstung schützte,
Wenn er den Stahl der Wahrheit spitzte.
Doch witzelnde Sophisterei
Prallt ab wie spitzes Blei.

Der fette Prediger

Wenn Pastor Schmidt
Mit schwerem Schritt
Die Straße tritt:
»Gott segn euch, Herr!«,
Schrein um ihn her
Die Pflasterer
Und sehn in Ruh
Dem Rammeln zu.

Stand und Würde

Der adlige Rat
Mein Vater war ein Reichsbaron!
Und Ihrer war, ich meine . . . ?
Der bürgerliche Rat
So niedrig, daß, mein Herr Baron,
Ich glaube, wären sie sein Sohn,
Sie hüteten die Schweine.

Auf eine Lobrede

Aller Schmeicheler ist der verworfenste, wer mit des Freimuts
Unbiegsamer Gebärd unter dem Herrscher sich bläht.
Also, gespannt vom Stahle mit Schnellkraft, hebt sich des Polsters
Leerer Schwulst und umwallt weicher des Sitzenden Last.

Der beißige Kritiker

Geifernd in Wut verreckte der Kritiker. Wenn er vorbeirennt,
Zerberus, krieche geschwind unter dein Schauer; er beißt.

An einen Knicker

Wart, ich werde mich rächen, Freund Luperkus,
Daß du, ohne mich einzuladen, schmausest!
Künftig nötige, fleh und schicke neunmal!
Neunmal werd ich im Zorn – und was denn? – kommen!

Heraklits Sinnspruch

Ferne von Menschen zu sein, wenn dies dir Seligkeit scheinet,
    Bist du entweder ein Gott, Einsamer, oder ein Vieh.

Die Brotverwandlung

Lächelnd wog in der Hand ein römischer Pfaff die Oblaten;
»Welchen«, sprach er, »von euch, Dingelchen, mach ich zum Gott?«

Die Menschlichkeit

Mehr denn der Mensch verlanget die Menschlichkeit. Jeglicher Becher
Kühlt dem Menschen den Durst; Menschlichkeit bildet ihn schön.

Auf mehrere Bücher

Dein redseliges Buch lehrt mancherlei Neues und Wahres.
Wäre das Wahre nur neu; wäre das Neue nur wahr!

Beim Trunk

Komm hervor aus der Flasche, du tückischer Wein, du Verderber!
    Viele verderbtest du schon: jetzo verderben wir dich!

Der Widerspruch

Widerspruch ist vielen Gebrauch bei allem, was auffällt;
    Treffender Widerspruch, selten ist dieser Gebrauch.
Gegen jene genügt die einzige Rede der Alten:
    Dir mag dieses, mein Freund, scheinen, das andere mir.
Kundige nur gewinnt man sogleich durch Worte der Wahrheit,
    Weil die Kundigen stets auch die Gelehrigsten sind.

Die Interpreten

Interpret, was ist das? »Ein Dolmetsch.« Aber ein Dolmetsch?
»Läßt die Gedanken in Ruh, Worte zermetscht er für toll.«

Der geadelte Schmeichler

Wär ihm der Scham nur weniges geschenket,
Längst hätt er sich erhenket.
Doch einem Hund an Unverschämtheit gleich,
Lebt er und bellt und kriecht sich adelig und reich.

Der Beförderte

Nicht aus Gunst erhob das Geschick dich; sondern zu zeigen,
    Daß es sogar aus dir etwas zu machen verstand.

Homer

Kaum schuf ihn die Natur und ruhete nach der Geburt aus,
    Weil sie die ganze Kraft wandt auf den einen Homer.

Trefflichkeit

Treffliche nennt hier einer mit Lob, dort einer mit Tadel;
    Doch der Gemeine versinkt, weder genannt noch bemerkt.

Edel und adelig

An Stolberg

Edlere nennst du die Söhne Gewappneter, die in der Vorzeit
    Tugend des Doggen vielleicht adelte oder des Wolfs?
Was dich erhob vom Adel, die edlere Menschlichkeit, schmähn sie
    Als unadligen Tand. Nenne sie Adlige, Freund.

Fürstenspiegel

(Der Tragiker Agathon an den König Archelaus)

Drei Lehren faß ein Herrscher wohl ins Herz.
Die eine: daß er über Menschen herrscht;
Die andre: daß er nach Gesetzen herrscht;
Die dritte: daß er nicht auf immer herrscht.

Schicksal der Schriften

Wer auf gemeiner Bahn gemeine Werke treibet:
Leicht macht er's allen recht;
Gemacht in kurzem hat er's schlecht.
Wer neue Bahnen wählt, kühn denkt und edel schreibet:
Leicht macht er's allen schlecht,
Gemacht in kurzem hat er's recht.

An einen Versmacher

Unter den Musen auch sind Strafgöttinnen, die dich begeistern.
    Schreib! Nicht ärgere Wut kann ich dir wünschen! O schreib!

Beifall des Älteren

Verse des Jünglinges pries der Ältere, Werke des Mannes
    Tadelt der Greis. Dank dir, Guter, dein Tadel ist Lob.

Das Hirtenopfer

Leicht wird Hermes gespeist: er nimmt, ihr Hirten, mit wenig
    Süßer Milch und des Baums rinnendem Honig vorlieb.
Aber Herakles nicht! den stattlichsten Widder der Herde
    Oder das fetteste Lamm wählt sich der Leckre zum Schmaus.
»Aber den Wolf verscheucht er!« – Was frommet es, wenn das Bewachte
    Umkommt, ob es der Wolf, ob's der Bewachende raubt!

Grenze der Duldung

Unduldsam heißen wir, weil uns der Päpstler Lehre,
Wir andern sein verdammt, wenn sie uns nicht bekehre,
Abscheulich dünkt? Du irrest weit.
Wir dulden alles gern – drum nicht Unduldsamkeit.

Würde und Wert

Mein Guter, zwischen Würd und Wert
Ist eine große Kluft.
Dein Ehrenamt nur wird geehrt;
Dich selber nennt man – Schuft.







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