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Gutenberg > Wilhelm Müller >

Epigramme

Wilhelm Müller: Epigramme - Kapitel 1
Quellenangabe
typepoem
booktitleDie Winterreise
authorWilhelm Müller
year1994
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-32601-4
titleEpigramme
pages145-157
created19991007
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wilhelm Müller

Epigramme

 

 

Recht und Liebe

      Das Recht sagt: Jedem das Seine!
Die Liebe: jedem das Deine!

 

 

Jedem das Seine

        Ist nach Gottes Willen nicht Wein und Kuchen für die Frommen,
Warum laßt bei Brot und Wasser die Verbrecher ihr verkommen?

 

 

Des Menschen Seele und der Tautropfen

        An des Lebens voller Blüte hängt des Menschen Seele fest,
Wie des Taues Perlentropfen in der Rose süßem Nest.
Aber wann er auf die Erde mit den welken Blättern sinkt,
Folgt er gern dem Strahl der Sonne, der ihn liebend in sich trinkt.

 

 

Doppelte Drehung

        Wie die Welt um ihre Achse, dreht der Mensch sich um sein Ich.
Jene kreist auch um die Sonne: Mensch, die Sonne kreist um dich!

 

 

Zeit und Mensch

    Was heißt das, über die Zeit zu klagen?
Wie jeder sie macht, so muß er sie tragen.

 

 

Adams Erdenkloß

      Wie vergoldet und bemalt sich der Mensch so lange schon,
Und noch immer guckt er durch, Vater Adams alter Ton.

 

 

Das Glück

      Laß dich von dem Glücke suchen:
Fehlt's den Weg, so mag es fluchen.
Aber suchst du selbst das Glück,
Kömmst du fluchend oft zurück.

 

 

Der seligste Glaube

      Der seligste Glaub auf dieser Welt,
Der nur das glaubt, was ihm gefällt.

 

 

Die Reisenden

        Auf einem Esel reitest du, dein Vordermann auf einem Roß,
Und hinter deinen Fersen keucht zu Fuß ein ungezählter Troß.
Du siehst mit Neid dem einen nach, wie viele sehn dir hintendrein,
Und wenn die Herberg ist erreicht, gehn alle doch zu Fuß hinein.

 

 

Hülfe ohne Frage

        Willst du aus der Flut mich retten, frag nicht, wo hinein ich fiel,
Wo ich jetzt zu Grunde sinke, das sei deines Auges Ziel.
Reicher, frage nicht den Armen, wie er arm geworden ist.
Willst du fragen, frag dich selber, wie du reich geworden bist.

 

 

Was er weiß, macht ihn heiß

Viele lange Jahr es währt,
Daß ein Tag den andern lehrt,
Wird der jüngste Tag zu heiß,
Ist's von allem, was er weiß.

 

 

Schreiber und Leser

    Schreiber, was bemühst du dich, immer gut zu schreiben?
Liest dich denn ein jeder gut? Treib's, wie's alle treiben!

 

 

Einer und zwei

        Ein Narr und ein Weiser in Verein,
Die wissen mehr als ein Weiser allein.

 

 

Die helle Stirn

      In dem Bach sind wenig Fische, welcher immer klar und licht.
Stirn, die immer heiter lächelt, viel Gedanken hast du nicht.

 

 

Höllenerweiterung

      Wenn die Menschen werden gescheiter,
Macht der Teufel die Hölle weiter.

 

 

Die Beter nach der Mode

        Das nenn ich mir doch Heilige! Sie beten ohne Rast und Ruh,
Und wenn sie Christum kreuzigen, sie beten Kyrie dazu.

 

 

Der alte Adel

        Jüngst sprach zu mir ein faules Holz: »Ich bin des Pfirsichstammes Sohn,
Der viel der edlen Früchte trug vor mehr als tausend Jahren schon.«
Ich warf es lachend ins Kamin. Was tu ich mit dem leeren Wicht,
Der prahlerisch zu seinem Ruhm von alter Ahnen Taten spricht?

 

 

Geldstolz

        Es ist kein Stolz so erdentoll, wie der auf deines Beutels Last.
Speis alle Bettler heut, und sieh, was für das Geld du morgen hast!

 

 

Der beste Posten in Hungersnot

        Sag, wer wird zum letzten mager, wann im Land ist Hungersnot?
Spitz, der Hund der Fürstenküche, denn er frißt nur Zuckerbrot.

 

 

Wer gibt die Haare dazu?

        Wenn die großen Herrn sich raufen und verlieren Schopf und Zopf,
Preise glücklich sich der Bürger, welcher hat den kahlsten Kopf.

 

 

Wir müssen's alle tragen

      Gegen den Löwen und Elefanten
Sind zu brauchen die Leibtrabanten;
Aber der Mücke wehren sie's nicht,
Daß sie des Königs Nase zersticht.

 

 

Arbeitsregel

      Faulenz und schrei,
Du bekömmst für zwei.
Arbeit und schweige,
Dir bleibt die Neige.

 

 

Schätzung des Lebens

    Kein schönes Leben wird gefunden,
Zerlegst du es in Tag' und Stunden.

 

 

Menschenfreiheit

        Wie ein Kind, das von dem Vater ließ auf einen Gaul sich heben,
Also reitest du, o Bruder, also reit ich durch das Leben.
Weil des Rosses Zaum wir halten, glaubst du, daß wir es regieren?
Sich, dein Vater geht daneben, an der Halfter es zu führen.

 

 

Die Hoffnung

        Die längste Hoffnung kommt doch an dasselbe Ziel,
Das auch nach kurzem Lauf noch keiner wohl gefiel.

 

 

Der Wille

        Des Menschen Will ist sein Himmel auf Erden:
Jenseits wird seine Höll er werden.

 

 

Teufelsflecken

        Gäb's schwarze Flecken überall, wo Satan hat gesessen,
Du sähest manche Kirchen an für alte Schmiedeessen.

 

 

Gottes Livrée

      Wer von milden Gaben lebt, dieser steht in Gottes Sold:
Darum trägt er als Livrée schlechte Kittel ohne Gold.

 

 

Das plattierte Zeitalter

        Aus Gold und Silber, Blei und Eisen, hat Zeus die Zeiten fabriziert.
Von welchem Erz ist mein Jahrhundert? Man sieht es nicht, es ist plattiert.

 

 

Zwiefache Staatskunst

        Das Volk zu hassen und zu fürchten, das lehrt als Staatskunst der Tyrann.
Den Fürsten nenn ich gut und weise, der's liebt und doch verachten kann.

 

 

Der Mensch denkt, Gott lenkt

    Laß nur den Menschen denken,
Gott wird es dennoch lenken.
Nein, mag auch Gott es lenken,
Der Mensch soll dennoch denken.

 

 

Der fromme Teufel

        Herr Satan, einst ein böser Christ,
Ist nun geworden ein Pietist.
Für fromme Sünder schickt sich's wohl,
Daß sie ein frommer Teufel hol.

 

 

Aufgabe der Menschheit

    Strebe, Mensch zu sein auf Erden,
Nicht eines Engels Aff zu werden!

 

 

Die Nachtigall

        Dein Gesang, o Nachtigall, ist ein Wunder dieser Welt,
Weil ihn keiner kann verstehn, und er jedem doch gefällt.

 








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