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Friedrich Huch: Enzio - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleEnzio
authorFriedrich Huch
year1911
firstpub1911
publisherMartin Mörikes Verlag
addressMünchen
titleEnzio
pages513
created20080923
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Es war ein weites, bequem eingerichtetes Gemach, das noch soeben von zwei Stimmen erfüllt gewesen war, die lebhaft, hoffnungsvoll und heiter redeten, befreit von einem schweren Druck. Eine verstaubte Flasche alten Weines stand auf dem Flügel, der schräg die Mitte des Zimmers beherrschte, neben ihr zwei halbgeleerte Gläser, undeutlich beleuchtet von einer elektrischen Stehlampe mit grünem Seidenschirm. Ihr Schein fiel voll auf eine Partitur, deren Zeichen vielfach durchstrichen, verbessert und noch nicht vollendet waren. An den Wänden hingen sehr große Lorbeerkränze mit goldbedruckten roten Bändern.

Jetzt öffnete sich die Tür wieder, und der Kapellmeister trat herein. Er stieß einen langen Seufzer der Erleichterung aus und ließ sich in einen Sessel fallen, wie jemand, der nach langem Kranksein, nach schließlicher Operation endlich aus dem Hospital entlassen, sich auf diesen Augenblick mit einem abschließenden: Gott sei Dank schon tagelang gefreut hat.

Alles glücklich überstanden! murmelte er für sich, alles am Ende noch gut abgelaufen, aber es hat 6 meine Nerven doch sehr heruntergebracht. – Er starrte in einen Winkel, fühlte eine leise Übelkeit, der sich sogleich der Wunsch anreihte, sich zu stärken, und sah verlangend nach der Weinflasche. Aber sollte er schon wieder aufstehen von seinem schönen weichen Sitze? Nach kurzem Schwanken erhob er sich, trat langsam zum Flügel, sah die beiden Gläser an und wußte nun nicht mehr, welches sein eigenes und welches das Glas des Arztes gewesen sei. Mit leidendem Gesicht füllte er sie beide, trank das eine aus und stellte das andere vor sich auf die Flügelplatte, auf der er dann selber mit beiden Ellenbogen für seinen Kopf einen Stützpunkt fand. Sein Mähnenhaar fiel herab und spiegelte sich mit dem Gesichte undeutlich auf dem schimmernden Grund. – Und wenn ich dieses alles hätte persönlich aushalten sollen, dachte er wieder, das hätte ich ganz sicher nicht überstanden. Wie nur eine Frau das durchmachen kann! Und später steht sie wohl und gesund wieder auf und weiß doch, daß ihr so etwas vielleicht noch öfter geschehen wird. Ich hätte kein Talent zur Frau, zur Mutter; Schmerzen sind etwas Entsetzliches.

Ob der Junge ihm wohl selber ähnlich werden würde? Dann konnte er sich nur freuen. – Er verschob etwas den grünen Lichtschirm und trat zum Spiegel. Das war ihm ein gewohnter Gang. Er galt als einer der schönsten Männer in der Stadt und 7 liebte es, sich dieses manchmal vor sich selber zu bestätigen.

Die Stirn war ohne Zweifel fest, stark, schön gebaut, bedeutend; sie paßte gut zu dem eben geformten, großen Mund und zu seiner untersetzten, breiten Gestalt. Auch die Nase gefiel ihm ausnehmend gut: Sie sah geradezu edel aus und bog auch nicht um die kleinste Linie nach links oder nach rechts ab. Dann begegnete er seinen Augen: Groß, schön und sanft . . . Leider etwas zu verschwommen! murmelte er wieder und seufzte leise.

Unwillkürlich sah er zum Flügel hin, auf dem seine letzte Komposition stand. Er war längst in den Reifejahren und sein Name ragte kaum über die Grenzen seines Orts hinaus. Sollte er sich mit den verkannten Genies trösten, oder war es wirklich so, wie er in heimlichen Momenten dachte: daß er zwar ein ganz guter Kapellmeister, aber kein guter Tondichter sei?

Mit halbem Widerwillen trat er zum Flügel, blätterte hie und da in dem beschriebenen Heft, und alle die ihm bis zum Überdruß bekannten, halb wirklich erfundenen, halb ausgedachten Motive starrten ihn so entsetzlich breitspurig und anspruchsvoll an! Er las weiter und immer weiter, stets im Wunsche, abzubrechen, ohne den Zeitpunkt zu finden, denn all dies Zeug hing doch innerlich zusammen, und wenn einmal ein Abschluß kam, so 8 folgte wieder etwas Neues, das dem Vorangegangenen erst die richtige Beleuchtung gab.

Ganz so schlimm, wie ich glaubte, ist es aber doch nicht! so dachte er mehrere Male, – hier die Stelle da ist sogar ohne jede Einschränkung schön, wie? Er las sie mehrmals, und sah sie schließlich doch wieder unschlüssig an, als erwarte er, daß sein Gefühl einen letzten, endgültigen Stoß bekäme, der alle Zweifel aus dem Wege räume. Dann versuchte er, um seinem Urteil noch mehr Sachlichkeit zu geben, sich einzubilden, diese Erfindung stamme von einem andern, und schloß die Augen, alles nur noch mit dem innern Ohr hörend.

Man ist so nah, so gräßlich nah zu seinen eignen Sachen! Mir kommt es vor, als könnten diese Takte von einem allerersten Meister stammen!

Rasch ging er auf den Flügel zu und spielte sie stehend. Eine Wendung in der Harmonie störte ihn plötzlich, ihm war, als müsse es anders heißen. Er fand die andere Wendung, und nun erschienen ihm die Takte erst in ihrer wirklichen Vollendung.

Wie, wenn ich hieraus ein Hauptthema zu einem späteren Satze entwickelte?

Er sang die Töne halblaut in Gedanken. Sein musikalischer Einfall erschien ihm so frisch und ursprünglich in der Erfindung, daß er in der Freude seines Herzens wieder ein Glas Wein trank. Dann dachte er neu gestärkt: Wir werden die ganze 9 Geschichte noch wunderschön zusammenbekommen! Dies wird etwas Gutes, und auch Caecilie wird sich freuen! – Der Wein war stark und rollte glutig durch seinen Körper.

Plötzlich erfaßte ihn eine große Dankbarkeit gegen seine Frau. Sie war doch der einzige Mensch, der an ihn glaubte, mit aller Kraft! So sehr, daß er fast ein Schuldbewußtsein gegen sie empfand, mit seinem schlapperen Temperament und seiner Liebe zur Bequemlichkeit, wie sie sich in der letzten Zeit herangebildet hatte. Wie war sie zielbewußt und ehrgeizig für ihn! Sie hatte durchgesetzt, daß er hier am Hoftheater die angesehene Kapellmeisterstelle bekam; es war nur eine mittlere Residenzstadt, aber immerhin war er ein kleiner König. Vorurteilslos hatte sie mit ihm zusammen gelebt, noch ehe sie verheiratet waren, und sich dadurch ihrer Familie entfremdet, in der es hieß: Sie hat sich in sein schönes Gesicht verliebt! Später, als er diese gute Stelle bekam, zog sich der Riß zwar wieder etwas zusammen, sie waren ja auch nun verheiratet, und als bald darauf ihr Vater starb, hinterließ er ihr einen großen Teil seines beträchtlichen Vermögens, aber die Entfremdung blieb, Caecilie sah sich auf ihren Mann allein angewiesen, und mit um so größerer Liebe hing sie an ihm, mit dem sie lange Zeit hindurch freiwillig alle Entbehrungen getragen hatte. Ihre Liebe war zum halben Teil 10 ein Glaube an seine Berufenheit. Damals schrieb er noch seine schönen Lieder, die sie so gefangen nahmen, später hatte er sich einer ernsteren Kunst zugewendet.

Gemütlich betrachtete er jetzt die Zeit ihres Zusammenlebens und ihrer Ehe: Eigentlich hatte sie ihn geheiratet und nicht er sie. Ohne sie saß er vielleicht noch heute irgendwo als kümmerlich musizierender Junggeselle.

Und doch! Auch diese Jahre waren schön gewesen! Er unterdrückte einen leichten Seufzer. Aus dieser Junggesellenzeit hatte er ihr früher manches erzählt. Ganz zu Anfang lachte sie darüber, später liebte sie nicht mehr davon zu hören, und schließlich tat sie so, als seien jene Zeiten nie gewesen, als habe er von Anfang an nur sie geliebt.

Sein Verkehr am Theater brachte manche Leichtigkeit und Freiheit mit sich. Aus diesen Freiheiten wurde zwar niemals Ernst, aber Caecilie bekam doch langsam eine Abneigung gegen die Frauen von der Bühne, und allmählich mied sie die Berührung mit ihnen, so gerne sie das Theater an sich hatte. So kam es, daß ihr Haus mit der Zeit ein stilles wurde, und daß sie selber in den Ruf einer etwas hochmütigen Frau geriet. Am Theater sagte man, ihr Mann stehe gänzlich unter ihrem Einfluß und sie verfolge ihn mit Eifersucht. Dies letzte war nicht richtig, obgleich er zuweilen sagte: 11 Kind, wir sind doch keine Brautleute mehr; du kannst nicht verlangen, daß ich mich gänzlich von allem abschließe!

Der Kapellmeister seufzte leise, wie er an dies alles dachte. Und wie sollte sein Sohn genannt werden? Diese Frage würde wohl langwierig und ernsthaft werden. Einen gewöhnlichen Namen bekommt er nicht! hatte Caecilie gesagt, die sich von allem Anfang an einen Knaben, nicht ein Mädchen wünschte. – Er lächelte in sich hinein: Was sie sich da wohl wieder ausdenken würde!

Wie wäre es, schoß es ihm durch den Kopf, wenn ich mein Thema zu einer Festmusik für die Taufe meines Sohns verwendete? Das gäbe eine wunderschöne Überraschung für Caecilie! Wieder sang er es, indem er mit dem rechten Arme dazu dirigierte, aber plötzlich stutzte er, dachte nach, ging endlich zu dem großen Wandschrank, holte eine gewisse Partitur und schlug sie auf.

Wahrhaftig! Da stand sein schönes Thema, schon vor über fünfzig Jahren erfunden und gedruckt, fast genau so wie sein eigenes, nur rhythmisch noch konziser und viel besser in der Linie. Er ließ sich wieder in seinen Sessel fallen. Schumann! Schumann! rief er: Muß ich denn immer und ewig wieder gegen diesen Kerl anrennen! Ich hatte so felsenfest geglaubt, dieser Einfall sei von mir! Ist das nun Diebstahl? Nein, es ist viel schlimmer! 12 Ein unbewußtes Nachschleichen! Diebstahl wäre wenigstens noch ehrlicher und offener!

Jetzt versank er in eine Stimmung, wie sie selten, dann aber auch mit größter Wucht über ihn kam, wo ihm das Leben nichtig und er sich selber überflüssig auf der Welt erschien. Er stand wieder auf und drehte das Licht aus, um sich ganz seiner schwarzen Verzweiflung zu überlassen. Und dann, wie immer am Schlusse solcher finstren Stimmungen, zeigte sich das Lichtchen einer neuen Hoffnung, beschworen durch lange Monologe.

War alles, was er anstrebte, verfehlt? Befand er sich in einem fremden Fahrwasser, in dem er nichts zu suchen hatte? Sollte er wieder, so wie in ganz früheren Jahren, graziöse, zierliche und oberflächliche Musik schreiben, auf die er jetzt verachtend herabsah? Davon, so dachte er, habe ich mich freigemacht, ein für allemal, es wäre ein Verbrechen an mir selbst, wollte ich zu dieser Art von Kunst zurückkehren! Es muß anders werden, ganz anders werden! Ich weiß: ich habe auf dem Grunde meiner Seele vieles, was nach Ausdruck ringt! Ich muß es an das Licht befördern, mit ungeheurer Anstrengung herausheben aus mir selber! Es muß gelingen, und dann wird ein Kunstwerk entstehen, das nur ich geschaffen haben kann! Ich habe kein Selbstvertrauen, es fehlt mir die eiserne Energie, das ist die ganze Ursache.

13 Manchem wurde es leicht, Gott warf ihm die Musik in den Schoß. Mozart, Schubert! Die wußten gar nicht, was es heißt, ein Kunstwerk mit Schmerzen gebären! Ja, ja, auch er hatte Schmerzen, Wehen durchzumachen, schlimmer wahrscheinlich noch als seine Frau am heutigen Tage! Viel schlimmer sogar! Ihm ging es wie Beethoven, der so unendlich schwer geschaffen hatte und der doch der Größte war. In der Art des Schaffens hatte er Ähnlichkeit mit Beethoven, wenn er auch wußte, daß er mit ihm verglichen nur ein Zwerg war.

Er stand im Dunkel auf, tastete nach dem Weine und trank im Stehen ein Glas nach dem andern, bis die Flasche leer war.

Und mein Thema? dachte er, soll ich nun mein Thema fallen lassen, weil ein anderer vor mir ein ähnliches erfunden hat? Weil die Musiker sagen können: Das hat er gestohlen? Nun grade, nun erst recht nicht! Ich will schon zeigen, was ein selbständiger Kopf aus einem selbständigen Einfall machen kann, der nur mit einem andern auf gleichem Boden gewachsen ist!

Er drehte wieder an dem Lichtknopf, daß das Zimmer von neuem hell ward, und ging auf seine Partitur zu:

Mag sie doch schlecht sein! Ich mache eben Besseres!

14 Sein Blick, noch halb verachtend, ging schon wieder in Aufmerksamkeit über: Was er da grade ansah, war nicht so schlecht, nicht ganz in Grund und Boden zu verdammen! Gute Ansätze waren überall vorhanden, aber jetzt wollte er einmal das Ganze einer wirklichen, erbarmungslosen Kritik unterziehen.

Er begann die ersten, vollen, einleitenden Akkorde anzuschlagen. – Nicht übel! Dies Schwanken zwischen zwei nicht verwandten Tonarten war geistreich, originell! Aber in reinen, leisen Posaunen instrumentiert, würde es noch besser wirken, viel eindringlicher. Er spielte weiter, und mehr und mehr vergaß er, daß er kritisieren wollte.

Wie falsch und übertrieben war doch sein gänzlich vernichtendes Urteil gewesen! Er begann sich an seinen eignen Tönen zu berauschen. Da gab es Stellen, allerdings, die blieben dürr und unsympathisch, aber wenn ihm nichts Besseres einfiel, so hoben sie um so mehr das Folgende. Unwillkürlich griff er einzelne Stimmen in Oktaven, brach er feste Akkordganze in brandende Harfenarpeggien, hörte er Trompeten anstatt der vorgeschriebenen Hörner; allmählich ging sein Spiel über in eine freie Phantasie. Und nun kam ein ungezügeltes, uferloses Schwelgen in rauschend süßen Kadenzen, bis die Musik schließlich übergehen zu wollen schien in eine vorläufig noch fragwürdige Attacke. Immer 15 wieder ertönten pathetisch aufsteigende, vorbereitende Passagen, in immer dringlicherer Stärke, da er gar nicht wußte, wie es weitergehen sollte – und plötzlich schwieg das Klavier, wie verdutzt; die letzten Töne verklangen unter seinen ratlosen Händen. Dann war Totenstille um ihn her.

Halb beschämt starrte er auf die Tasten, und dann in die Dunkelheit der Zimmerwinkel. Ihm war, als müsse dort jemand sitzen, der ihn ansah mit steinernem Gesicht. Er lauschte.

Auf einmal drehte er sich auf seinem Stuhl zurück und blickte nach der Tür. Es klopfte ziemlich stark, dann öffnete sie sich und eine Frau im Pflegerinnenkostüm stand auf der Schwelle: Herr Kapellmeister, sagte sie, ich möchte doch aus Rücksicht auf Ihre Frau Gemahlin bitten, daß Sie etwas leiser spielen! Wir hören es durch alle Türen!

Der Kapellmeister erhob sich, und wie er jetzt aufrecht im Zimmer stand, fühlte er einen leichten Schwindel. Mit einem vollen, halb sanften, halb leeren Blick aus seinen feuchten, blauen Augen sagte er: Sie haben recht, liebe Frau! Diese Musik klang mir selbst abscheulich in den Ohren, und da sie uns allen nur zum Kummer dient, so ist es wohl das bestem sie verschwindet ganz und gar. Damit ergriff er das Heft und riß es durch. Aber mittendrin durchfuhr ihn der Gedanke: Was mache ich denn da? Halb war es doch Phantasie, vorhin! –

16 Die Pflegerin sagte jetzt, seine Frau wünsche ihn zu sehen. – Ach so, ganz recht! nickte er und folgte ihr sofort. Er fühlte die Wirkung des Weines in sich und wußte gleichzeitig, daß er niemand etwas davon merken lassen dürfe, daß jetzt alles darauf ankomme, fest und sicher zu erscheinen. Geben Sie mir das Licht! sagte er, ich will Ihnen leuchten, ich kenne meine Räume besser als Sie! Und er schritt voraus, ohne irgendwo anzustoßen, sein Gang war sicherer, elastischer als sonst. Halt! sagte sie endlich, wo wollen Sie denn hin? Hier ist doch die Tür! – Der Kapellmeister stand einen Augenblick wie im Nachsinnen, dann legte er seine Hand auf die der Frau, welche bereits die Türklinke leise gefaßt hielt, und sah ihr eine Zeitlang in die Augen. Dann sprach er: Sagen Sie mir eines, liebe Frau: Kann man auch das Kind schon ansehn? – Sie nickte beruhigend. – Nein, so meine ich es nicht, wie Sie zu glauben scheinen! Ich möchte fragen: Ist der Anblick nicht gar zu erschreckend? Sie müssen bedenken: Ich bin darauf gefaßt, ein junges Menschenkind zu sehen, das sein Leben mir verdankt, und in dem ich schon Ähnlichkeiten mit mir selbst zu finden hoffe! Wenn ich statt dessen so ein kleines Äffchen sähe, das gar nicht wie ein Mensch aussieht, wissen Sie: haarig und wie aus Pergament, oder violett und aufgedunsen – – es gibt solche Fälle, nicht nur im Tierreich – – mir kommt da 17 eine Erinnerung aus meiner Kinderzeit, aus dem zoologischen Garten. Stellen Sie sich vor: Ich gehe da ganz harmlos, setze nur immer Schritt vor Schritt, so wie man eben als Junge tut, wenn man die netten, possierlichen Tierchen sehen will, nicht wahr – –

Die Frau unterbrach ihn etwas ungeduldig und flüsterte noch schnell: Treten Sie leise ein und seien Sie ganz behutsam!

Da war er auch schon drinnen. Ich sehe nichts! murmelte er beunruhigt. Dann aber unterschied er sogleich die Gestalt seiner Frau, und er ließ sich sanft und vorsichtig auf dem Bettrand nieder. Caecilie! sagte er leise und blickte ihr mit stummer und eindringlicher Zärtlichkeit in die Augen. Sie lächelte ganz schwach und bewegte ein wenig ihren rechten Arm. Er nahm und streichelte ihn leise, diesen Arm, der so schlank und fest, so voll und gedrungen war in seiner Form, viel männlicher als sein eigner, über den sie früher manchmal so gelacht hatte. Wie war sie jetzt verändert! War das dieselbe zierliche Caecilie, die sonst so herzlich, so kurz und klingend lachen konnte? Die noch gestern früh, als er ihr dringend riet, sich niederzulegen, ihm sorglos antwortete: Mein Kind, ich glaube, du bist verrückt? – Die Wärterin machte ihm ein Zeichen. Er erhob sich leise von seinem Platz, trat zu dem kleinen Wagen und sie schlug die Vorhänge 18 zurück, lüftete das Deckbett, so daß er auch den umwundenen kleinen Leib und jetzt auch die nackten, zarten Füße zu sehen bekam. Da versank er in innige Bewunderung, faltete die Hände und sah das Kindchen an, als wäre es der Heiland. So stand er minutenlang, und als ihn die Wärterin endlich bedeutete, er möchte nun hinausgehn, nickte er ihr langsam, mit inbrünstigem Blicke zu, als höre er in ihren Worten etwas ganz, ganz anderes. Und wie sie ihm wieder hinausleuchten wollte, sagte er leise: Lassen Sie, lassen Sie, meine liebe Frau, Sie sind sowieso schon viel zu gütig gegen mich!

Dieses Kind, o dieses Kind! murmelte er schmachtend, indem er langsam wieder zu seinem Zimmer zurückschritt – und diese sonderbare, mystische Ruhe da drinnen! Mir war, als säße ich wie in einer Gondel, die ganz von selber vorwärts ging, durch ein stilles, tiefes Gewässer! –

Wie er wieder in sein Zimmer trat, starrte er einen Moment wie geistesabwesend auf die zerrissene Partitur, die noch an derselben Stelle lag, wo er sie hingeworfen hatte. Merkwürdig! dachte er, wenn das nun ein Tier wäre, so hätte es sich wahrscheinlich in meiner Abwesenheit in irgendeinen Winkel verkrochen! Wo wäre sie wohl jetzt? Er bückte sich und hob sie auf; und wie er wieder aufrecht stand, dachte er: in was für einer sonderbaren Stimmung bin ich denn? Macht das der 19 Wein, oder liegt es an allem zusammen? – Er öffnete ein Fenster und beugte sich eine Zeitlang in die kühle Nachtluft. Dann trat er zurück, bemerkte, daß er das Heft noch immer in der Hand hielt, und dachte: Etwas muß doch nun damit geschehn! Und dann sprach er laut: Heute, an dem Geburtstag meines Sohnes, will ich in mich gehn und den Abend mit einem Opfer beschließen. Er ging zum Ofen, öffnete die kleine Tür und hob die Hand. Aber dann zögerte er wieder. Wer verbürgt mir denn, so dachte er, daß ich morgen nicht die gräulichsten Gewissensbisse empfinde, daß mir all das vernichtete Zeug nicht auf einmal viel besser erscheint, nachdem es nicht mehr da ist? Und ist es nicht von vornherein ganz unvernünftig, irgend welche Spuren unseres Ringens – mag es nun zu Gutem oder Üblem führen – zu vernichten? Sind sie nicht unter allen Umständen wenigstens Dokumente unseres Strebens? Mir fällt ein Ausweg ein: Dies Werk soll leben und doch tot sein! – Er schritt zum Schreibtisch, wickelte um die Papiere sorgsam einen Umschlag, versiegelte ihn und schrieb darauf: Nach meinem Tode uneröffnet zu verbrennen.

Dann ging er zu Bett, und sein letzter Gedanke war: Wenn ich mein Leben noch einmal beginnen könnte, so wie dieses Kind jetzt, aber mit der Erinnerung an mein eigenes, – würde ich wohl 20 später noch einmal denselben Beruf erwählen?– Undeutliche Orchestermusik klang in ihm, zwischen Traum und Wachen, von unerhörter Schönheit, wie es seinem schon umnebelten Sinne schien, und dann schlief er ein.

*

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