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Entdeckungsreise nach Tahiti und in die Südsee 1772-1775

Georg Forster: Entdeckungsreise nach Tahiti und in die Südsee 1772-1775 - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
titleEntdeckungsreise nach Tahiti und in die Südsee 1772-1775
authorGeorg Forster
publisherErdmann
year1979
editorHermann Homann
senderwww.gaga.net
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9. Kapitel

Aufenthalt in der Matavai-Bai

Kapitän Cook hatte schon bei seiner vormaligen Anwesenheit auf dieser Insel bemerkt, daß es, wenn man hier in der Matavai-Bai ohne Gewalt zu gebrauchen einen ausreichenden Vorrat an Lebensmitteln erhalten wollte, unumgänglich nötig sei, sich das Wohlwollen des Königs zu erwerben. Um dazu noch heute den ersten Schritt zu tun, machte er Anstalten, nach O-Parre abzugehen, wo König O-Tu sich aufhalten sollte. Doch wartete er mit der Abreise, bis die Maratata ihrem Versprechen gemäß an Bord gekommen waren. Diese brachten ihm einige Stücke ihres besten Zeuges mit und bildeten sich nicht wenig darauf ein, daß sie in die große Kajüte kommen durften, während die übrigen Landsleute draußen bleiben mußten. Sobald auch Kapitän Furneaux angelangt war, begab sich Kapitän Cook mit ihm, Dr. Sparman, meinem Vater und mir in die Pinasse. Maratata und seine Frau kamen ohne Umstände auch mit und nahmen sogleich die besten Plätze ein. Wir ruderten nun quer über die Bai und näherten uns dem Ufer bei einer Landspitze, auf welcher aus dichtem Gebüsch ein steinernes Marai hervorragte. Kapitän Cook kannte diesen Platz als Tutahas Marai, als er ihn aber so benannte, fiel ihm Maratata ins Wort, um ihm zu sagen, daß es Tutaha nach seinem Tode nicht mehr gehöre, sondern jetzt O-Tus Marai genannt werde. Eine herrliche Moral für Fürsten und Könige, sie an die Sterblichkeit zu erinnern und sie zu lehren, daß nach ihrem Tode nicht einmal der Ruheplatz ihres Körpers ihnen zu eigen bleibt. Maratata und seine Frau entblößten im Vorbeifahren ihre Schultern – eine Ehre, die alle Einwohner ohne Unterschied des Standes dem Marai bezeigen. Vielleicht halten sie dafür, daß die Gottheit an solchen Stellen besonders gegenwärtig sei, wie denn von jeher ein jedes Volk etwas Ähnliches von seinen heiligen Versammlungsorten geglaubt hat.

Wir kamen auf dieser Fahrt an einem der schönsten Teile von Tahiti vorüber. Die Ebenen schienen von beträchtlichem Umfang zu sein. Das Ufer, das mit dem schönsten Rasen bewachsen und bis an den Strand herab von Palmen beschattet war, wimmelte von Menschen, die ein lautes Freudengeschrei erhoben, als wir aus dem Boot stiegen. Man führte uns zu einigen Häusern, die unter Brotfruchtbäumen versteckt lagen, und vor einem der größten Häuser fanden wir einen Platz, der mit hohem Gitterwerk aus Rohr umzäunt war. Mitten auf diesem Platz saß der König mit übereinandergeschlagenen Beinen auf der Erde. Um ihn her stand ein großer Kreis von Leuten beiderlei Geschlechts, die ihrer Statur und Farbe und ihrem Betragen nach zu den Vornehmsten des Landes gehören mußten. Sobald die Matrosen unsere Geschenke vor dem König niedergelegt hatten, traten wir alle näher und wurden gebeten, uns um Seine Majestät herumzusetzen. Obschon das Volk viel Achtung für seinen Herrscher zu haben scheint, reichte diese nicht so weit, daß man sich nicht doch von allen Seiten mit der ungestümsten Neugier um uns drängte. Da die Menge der Menschen und damit auch das Gedränge hier ungleich größer war als während unserer Audienz bei Aheatua, mußten es sich die königlichen Bedienten rechtschaffen sauer werden lassen, die Leute nur einigermaßen in Schranken zu halten. Einer von ihnen, der für uns Platz machen sollte, schlug ganz unbarmherzig drauflos und mehr als einen Stock auf den Köpfen entzwei.

Demungeachtet drängten sie sich ebenso hartnäckig wieder herbei, wie der ärgste englische Pöbel nur tun kann, jedoch mit dem Unterschied, daß sie die Insolenz der königlichen Bedienten ein gut Teil geduldiger zu ertragen schienen. Der König hatte während Kapitän Cooks erstem Aufenthalt unsere Leute nie zu sehen bekommen, vermutlich aus politischen Absichten seines Onkels Tutahah, der befürchten mochte, in den Augen der Europäer sein Ansehen zu verlieren, wenn sie erfahren hätten, daß er nicht der erste und größte Mann der Insel sei. Es ist wohl nicht auszumachen, ob Tutahahs Ansehen und Gewalt usurpiert war oder nicht. Es scheint jedoch wider ihn zu sein, daß O-Tu schon vier- bis fünfundzwanzig Jahre alt, gleichwohl aber erst kürzlich zur Regierung gelangt war. Nicht nur als Regent, sondern auch der Statur nach war er der größte Mann auf der Insel, denn er maß 6 Fuß 3 Zoll. Er hatte starke und wohlproportionierte Gliedmaßen und auch vorderhand noch keinen Ansatz zu übermäßiger Korpulenz. Unerachtet etwas Finsteres und vielleicht Schüchternes in seinem Wesen war, leuchteten doch Majestät und Verstand daraus hervor, wie auch in seinen lebhaften schwarzen Augen viel Ausdruck war. Er trug einen starken Knebelbart, der gleich dem Haupthaar pechschwarz war. Durch eine ähnliche Leibesgestalt und gleichen Haarwuchs, der wie eine dicke, gekräuselte Perücke um den Kopf stand, zeichneten sich auch seine Brüder und Schwestern aus. Von ersteren mochte der ältere sechzehn und der jüngere etwa zehn Jahre alt sein. Seine älteste Schwester aber, die diesmal nur allein anwesend war, schien fünf- bis sechsundzwanzig Jahre alt zu sein. Da die Frauen hierzulande das Haar kurzgeschnitten zu tragen pflegen, war der Haarputz dieser Dame vielleicht ein Vorrecht der königlichen Familie. Ihr hoher Rang befreite sie jedoch nicht von der Etikette, die Schultern in Gegenwart des Königs zu entblößen, ein Brauch, der dem Frauenzimmer Gelegenheit gab, ihre zierliche Bildung vorteilhaft sichtbar zu machen. Ihr ganzes Gewand besteht aus einem langen Stück weißen Zeuges, so dünn wie Musselin, das auf verschiedene Weise um den Körper geschlagen wird, je nachdem es der Bequemlichkeit, dem Talent und dem guten Geschmack der Schönen am zuträglichsten scheint. Sie wissen nichts von allgemeinen Moden, die nur einigen wenigen Personen gut stehen und die übrigen mehr entstellen als putzen.

Da dies nur eine Zeremonienvisite war, wollten wir uns nicht lange aufhalten und waren eben im Begriff, Abschied zu nehmen, als wir durch die Ankunft von E-Happai, dem Vater des Königs, noch eine Weile aufgehalten wurden. Er war ein langer, magerer Mann mit grauem Bart und grauem Kopf. Wir waren zwar schon von der sonderbaren Verfassung unterrichtet, vermöge welcher der Sohn noch bei Lebzeiten des Vaters die Regierung übernimmt, doch wunderte es uns, daß der alte Happai sich überdies noch der Landessitte unterwerfen und in Gegenwart seines Sohnes die Schultern entblößen mußte. Unerachtet aber Happai die Herrschaft nicht mehr in Händen hatte, ließ ihm das gemeine Volk doch große Ehre widerfahren, und auch der König hatte ihn mit einem anständigen Unterhalt versorgt. Die Provinz O-Parre stand nämlich unmittelbar unter seinen Befehlen, und aus dieser zog er für sich und seine Bedienten, was er nötig hatte. Wir hielten uns des alten Herrn wegen nur wenig länger auf, als wir zuvor willens gewesen waren, beurlaubten uns sodann von Vater und Sohn und kehrten zu unserer Pinasse zurück.

Während unserer Abwesenheit waren auf Point Venus für die Holzhauer, die Wasserträger und die Kranken einige Zelte aufgeschlagen worden. Auch hatten die Astronomen ihre Sternwarten auf eben der Stelle errichtet, wo von Herrn Green und Kapitän Cook auf der vorigen Reise der Durchgang der Venus vor der Sonne beobachtet worden war. Bei unserer Rückkunft an Bord fanden wir das Schiff voller Insulaner und unter ihnen auch verschiedene Personen von hohem Range. Sie hatten im ganzen Schiff freien Zutritt, aber eben deshalb war man auch vor ihrer Bettelei in keinem Winkel sicher.

Am nächsten Morgen kam eine Menge Kanus von O-Parre ans Schiff, und in einem der kleinsten befand sich der König, der Kapitän Cook seine Gegengeschenke überbringen wollte. Es waren allerlei Lebensmittel, ein Schwein, einige Fische und eine Menge von Körben mit Brotfrucht und Bananen. Dies alles wurde eins nach dem anderen aufs Schiff gereicht. Kapitän Cook stand an Bord und bat seine Majestät heraufzukommen. Diese blieben aber unverrückbar sitzen, bis der Kapitän sich der tahitischen Etikette gemäß in eine unglaubliche Menge des tahitischen Zeuges hatte einkleiden lassen und auf diese Art zu einer ungeheuer dicken Figur geworden war. Sobald dieser Teil der Zeremonie erledigt war, wagte O-Tu sich aufs Achterdeck und umarmte den Kapitän. Weil das Deck von den Verwandten des Königs überall gedrängt voll war, so bat man ihn, in die Kajüte zu kommen, allein auf einer Treppe hinabzusteigen, das dünkte ihn wohl zu gefährlich. Er schickte also seinen Bruder, einen Jüngling von sechzehn Jahren, voraus. Diesem gefiel die Kajüte, und er stattete davon einen so vorteilhaften Bericht ab, daß der König sich nun auch hinunterwagte. Hier überreichte man ihm von neuem allerlei kostbare Geschenke. Das hohe Gefolge drängte nun dermaßen in die Kajüte, daß wir uns kaum darin rühren konnten. Kapitän Cook war hierbei am übelsten dran, denn ihm war unter dem tahitischen Zeremonienkleid ohnehin schon zu warm. Unterdessen war auch Kapitän Furneaux an Bord gekommen, und wir setzten uns zum Frühstück nieder. Der König staunte uns nicht wenig an, daß wir heißes Wasser (Tee) tranken und Brotfrucht mit Öl (Butter) aßen. Er selbst war nicht zum Essen zu bewegen, einige von seinem Gefolge hingegen aßen und tranken nach Herzenslust, was ihnen vorgesetzt wurde.

Nach dem Frühstück fiel O-Tu meines Vaters schwarzer Pudel in die Augen, der sonst ganz leidlich, jetzt aber ziemlich schmutzig aussah, denn er war von Pech und Teer recht matrosenmäßig besudelt. Trotzdem wünschten Se. Majestät ihn zu besitzen und taten auch keine Fehlbitte. Hocherfreut darüber beorderten sie auch gleich einen Kammerherrn, den Hund in Verwahrung zu nehmen, und ließen ihn sich auch nachher überall nachtragen. Es währte nicht lange, so äußerte er gegenüber Kapitän Cook, daß er wieder an Land zu sein wünsche, und ging mit seinem ganzen Gefolge wieder an Deck. Kapitän Furneaux schenkte ihm hier noch einen Bock und eine Ziege, die er in dieser Absicht von seinem Schiff mitgebracht hatte. Es kostete uns wenig Mühe, dem König die Nutzbarkeit dieser Tiere begreiflich zu machen, denn er versprach sogleich, sie nicht schlachten und die Jungen aufziehen zu wollen. Die Pinasse war nun fertig und ging nach O-Parre ab, wo Se. Majestät damals residierten. Auf der Überfahrt war O-Tu ungemein vergnügt, tat mancherlei Fragen und schien seine Furcht abgelegt zu haben. Das ganze Ufer war von Insulanern bedeckt, die ihren König mit lautem Freudengeschrei empfingen. Unter dem Haufen befand sich auch Tutahas Mutter, eine ehrwürdige, graue Matrone, die dem Kapitän entgegenlief und ihn als den Freund ihres Sohnes umarmte.

Abends erlebten wir einen Auftritt, der uns neu und sonderbar, denen aber etwas Bekanntes war, die schon zuvor auf Tahiti gewesen waren. Unsere Matrosen hatten nämlich eine Menge Weibsleute von niedrigstem Stand aufs Schiff eingeladen, die nicht nur sehr bereitwillig gekommen waren, sondern auch nach Untergang der Sonne an Bord blieben. Wir wußten zwar schon von unserem vorigen Ankerplatz her, wie feil die tahitischen Mädchen sind, doch hatten sie dort ihre Ausschweifungen nur bei Tage getrieben, des Nachts hingegen nie gewagt, auf dem Schiffe zu bleiben. Hier aber, zu Matavai, hatte man den englischen Seemann schon besser ausstudiert, und die Mädchen mußten wissen, daß man sich ihm anvertrauen könne, ja, daß dies die herrlichste Gelegenheit von der Welt sei, ihm an Korallen, Nägeln, Beilen oder Hemden alles abzulocken. Es ging also heute abend zwischen den Decks so ausschweifend zu, als ob wir nicht zu Tahiti, sondern zu Spithead vor Anker gelegen hätten. Ehe es ganz dunkel wurde, versammelten sich die Mädchen auf dem Vorderdeck. Eine von ihnen blies die Nasenflöte, die übrigen tanzten allerlei Tänze, worunter verschiedene waren, die mit unseren Begriffen von Zucht und Ehrbarkeit nicht sonderlich übereinstimmten. Wenn man aber bedenkt, daß ein großer Teil dessen, was nach unseren Gebräuchen tadelnswert zu nennen wäre, hier wegen der Einfachheit der Erziehung und Tracht wirklich für unschuldig gelten kann, so sind die tahitischen Buhlerinnen im Grunde weniger frech und ausschweifend als die gesitteteren in Europa. Sobald es dunkel wurde, verloren sie sich zwischen den Verdecken, und konnten ihnen ihre Liebhaber frisches Schweinefleisch vorsetzen, so aßen sie davon ohne Maß und Ziel, obgleich sie vorher in Gegenwart ihrer Landsleute nichts hatten anrühren wollen, einer hier eingeführten Gewohnheit zufolge, wonach Manns- und Frauenspersonen nicht miteinander speisen dürfen. Es war erstaunlich, was für eine Menge Fleisch diese Mädchen verschlingen konnten, und ihre Gier dünkte uns ein deutlicher Beweis, daß ihnen dergleichen zu Hause selten oder niemals vorkommen mochte. Die zärtliche Wehmut von Tutahahs Mutter, die Gutherzigkeit unseres Freundes O-Wahau und die vorteilhaften Begriffe von den Tahitiern überhaupt waren in so frischem Andenken bei uns, daß der Anblick dieser Kreaturen um so auffallender sein mußte, die alle Pflichten gesellschaftlichen Lebens hintansetzten und sich lediglich viehischen Trieben überließen. Die menschliche Natur muß freilich sehr unvollkommen sein, daß eine sonst so gute und glückliche Nation zu solcher Verderbnis und Sittenlosigkeit hat herabsinken können.

Am folgenden Morgen sandte Kapitän Cook den Leutnant Pickersgill nach dem südwestlichen Teil der Insel, um frische Lebensmittel, besonders aber einige Schweine einzukaufen. Wir unseresteils blieben den ganzen Tag an Bord, um die eingesammelten Pflanzen zu beschreiben. Abends um 10 Uhr entstand auf dem Strand ein gewaltiger Lärm. Die Kapitäne vermuteten sofort, daß dies von unseren Leuten herrühren müsse, und sandten einige Boote dorthin, die denn auch die Täter bald an Bord brachten. Es waren verschiedene Seesoldaten und ein Matrose, die sich von dem befehlshabenden Offizier bei den Zelten die Erlaubnis erbeten hatten, spazieren zu gehen, aber über die Zeit geblieben waren und einen Insulaner verprügelt hatten. Der Kapitän ließ sie sogleich in Ketten legen, weil es wichtig war, ihr Vergehen exemplarisch zu strafen, um mit den Eingeborenen in gutem Einvernehmen zu bleiben.

O-Tu hatte versprochen, am nächsten Morgen mit seinem Vater an Bord zu kommen, dieser Lärm aber, wovon er sogleich Nachricht erhalten hatte, machte ihn mißtrauisch gegen uns. Er schickte also E-Ti, einen seiner vornehmsten Hofbedienten, als Boten ab, um sich wegen seines Wegbleibens entschuldigen zu lassen. Ehe dieser aber ans Schiff kam, waren Dr. Sparman und ich nach dem Lande gegangen, und zwar dorthin, wo gestern abend der Lärm gewesen war. Der alte O-Whaa kam uns am Strande entgegen und gab uns sein Mißvergnügen über den gestrigen Vorfall zu erkennen. Wir versicherten ihm, daß es uns nicht minder unangenehm sei, daß aber die Verbrecher schon in Eisen gelegt seien und streng bestraft würden, und dies stellte ihn völlig zufrieden.

Wir baten O-Whaa, uns jemanden mitzugeben, dem wir unsere Geräte anvertrauen könnten. Er wählte einen starken, tüchtigen Kerl aus, dem auch gleich ein Sack für die Pflanzen und einige Körbe mit tahitischen Äpfeln eingehändigt wurden, die wir soeben erhandelt hatten. Nun wanderten wir mit unserem Begleiter über One-Tree-Hill weg und gelangten in eins der vorderen Täler von O-Parre. Hier war uns das Glück hold, und wir machten eine botanische Entdeckung. Wir fanden nämlich einen Baum, der das prächtigste Aussehen von der Welt hatte. Er prangte mit einer Menge schöner Blüten, die so weiß wie Lilien, aber größer und mit einer Menge Staubfäden versehen waren, die an den Spitzen eine karmesinrote Farbe hatten. Es waren ihrer bereits so viele abgefallen, daß der ganze Boden voll davon lag. Diesen schönen Baum nannten wir Barringtonia, in der Landessprache aber heißt er Huddu, und die Einwohner versicherten uns, daß die nußartige Frucht, wenn sie zerstoßen und mit dem Fleisch von Muscheln vermischt ins Meer geworfen wird, die Fische auf einige Zeit betäubt, so daß sie an die Oberfläche kommen und sich mit den Händen fangen lassen. Wir waren über unsere botanischen Funde viel zu sehr erfreut, als daß wir mit der näheren Untersuchung bis zur Rückkehr aufs Schiff hätten warten können. Wir sprachen in einem hübschen Hause vor, um welches wohlriechende Stauden und einige Kokosbäume gepflanzt waren. Der Eigentümer ließ gleich bei unserem Eintritt einen Knaben auf eine der höchsten Palmen steigen, um Nüsse für uns zu holen, und der junge Bursche richtete seinen Auftrag mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit aus. Er befestigte nämlich ein Stück von der zähen Pisangrinde an beiden Füßen. Es war so lang, daß es gerade rings um den Baum reichte, und es diente ihm als fester Punkt oder Tritt, während er sich mit den Händen höher hob. Der Stamm der Palme, die alle Jahre einen dicken Ring ansetzt, erleichterte zwar diese Art des Aufsteigens, doch blieb die Geschicklichkeit, mit der er dazu zu Werke ging, sehr bewundernswert.

Von hier aus gingen wir das Tal weiter hinauf. Zur Linken war es von einem Berg begrenzt, den wir, so steil er auch war, zu besteigen gedachten. Es wurde uns aber herzlich sauer, und unser tahitischer Begleiter lachte uns aus, daß wir alle Augenblicke niedersitzen mußten. Wir hörten, wie er hinter uns mit offenem Munde sehr stark schnaubte. Wir versuchten also nachzumachen, was ihn vermutlich die Natur gelehrt hatte, und fanden diese Methode auch wirklich besser als das öftere kurze Atemholen. Endlich erreichten wir den Gipfel des Berges. Die Aussicht war vortrefflich, wir sahen tief auf die Ebene von Matavai hinab, die alle ihre Reize gleichsam zu unseren Füßen ausbreitete. Davor lag die Bai mit den Schiffen, von einer Menge Kanus bedeckt und von dem Riff eingeschlossen, das Tahiti umgibt. In einer Entfernung von etwa sechs Seemeilen erblickte man die niedrige Insel Tetiaroa. Sie besteht aus einem kleinen Ring von Felsen, die mit einigen Palmen besetzt sind. Die Insel wurde nur hin und wieder besucht, und es kamen soeben zwei Kanus mit aufgesetzten Segeln von dort zurück. Der Tahitier sagte, sie würden vermutlich auf Fischfang aus gewesen sein, der in dem dortigen geschlossenen See recht ergiebig sei.

Nachdem wir uns ein wenig ausgeruht hatten, ging es auf die im Innern der Insel gelegenen Berge, wo wir manche neue Pflanze zu finden hofften. Wir wurden indessen bald das Gegenteil gewahr, es waren nämlich von hier aus eine Menge dürrer Berge und Täler zu passieren, die uns keine Hoffnung ließen, heute noch dorthin zu kommen. Wir gedachten deshalb, die Nacht hier zuzubringen, allein das war keineswegs ratsam, weil wir nicht wußten, wann unsere Schiffe abgehen würden. Überdies sagte unser Begleiter, wir würden unterwegs weder Menschen, noch Wohnungen finden und daher besser nach Matavai zurückkehren, wohin man auf einem schmalen Fußsteig geradenwegs hinabkommen könne. Wir folgten also seinem Rat, fanden aber das Heruntersteigen gefährlicher als das Heraufsteigen, strauchelten alle Augenblicke, und an manchen Stellen mußten wir uns gar niedersetzen und hinabrutschen. Als wir ungefähr halb herunter waren, rief er einigen Leuten im Tal zu, und es währte nicht lange, so sahen wir einige davon geschwind den Berg heraufkommen, und in weniger als einer halben Stunde waren sie bei uns. Sie brachten frische Kokosnüsse mit, die uns ungleich besser schmeckten als irgendeine, die wir je gekostet hatten. Wir machten uns wieder auf den Weg und gingen mit neuen Kräften vollends nach dem Tal hinab. Mittlerweile kam ein gut aussehender Mann mit seiner Tochter, einem Mädchen von sechzehn Jahren, herbei und bat uns, in seinem Hause eine Mahlzeit einzunehmen. Wir wollten solche Höflichkeit nicht verschmähen und folgten ihm. Der Weg ging etwa zwei Meilen weit an den herrlichen Ufern des Matavai-Flusses entlang, durch schöne Pflanzungen von Kokos-, Brotfrucht-, Apfel- und Maulbeerbäumen, die mit Feldern von Pisang und Arumwurzeln abwechselten. Endlich kamen wir bei dem Hause unseres Wirtes an, und die Anstalten zur Mahlzeit waren bald gemacht. In einer Ecke des Hauses breitete man eine Matte aus, und die Verwandten unseres Freundes setzten sich um uns her. Seine Tochter sowohl als ihre Gespielinnen ließen es an nichts fehlen, sich beliebt zu machen. Das wirksamste Mittel, das sie außer ihrem Lächeln anwandten, um unsere Müdigkeit zu vertreiben, bestand darin, daß sie uns mit ihren weichen Händen die Arme und die Schenkel gelinde rieben und dabei die Muskeln zwischen ihren Fingern sanft zusammendrückten. Diese Behandlung bekam uns vortrefflich. Wir spürten nach kurzer Zeit nicht mehr die geringste Ermüdung, hatten nun keine Ursache mehr, über Mangel an Appetit zu klagen, und sobald das Essen aufgetragen wurde, fielen wir herzhaft darüber her. Nachdem wir wohl zwei Stunden bei der gastfreien Familie zugebracht hatten, beschenkten wir sie so reichlich, als es unser Vorrat an Korallen, Nägeln und Messern zulassen wollte, und schieden alsdann gegen drei Uhr von ihnen.

Auf dem Rückwege kamen wir an vielen Häusern vorüber, deren Bewohner sich truppweise im Schatten ihrer Fruchtbäume hingelagert hatten und den schönen Nachmittag gemeinschaftlich genossen. Wir verabschiedeten und belohnten unseren treuen Gefährten, der uns mit größerer Treue und Redlichkeit gedient hatte, als man bei der herrschenden Neigung des Volkes hätte erwarten sollen. Sein Betragen war um so verdienstlicher, da er mehr als einmal Gelegenheit gehabt hatte, mit allen unseren Nägeln und Flinten auf und davon zu laufen. Für ein paar Korallen ließen wir uns dann nach dem Schiff übersetzen.

Der Kapitän und mein Vater, die einen Ausflug nach Westen unternommen hatten, waren eben erst wieder an Bord zurückgelangt. Sie erzählten uns, daß E-Ti als Gesandter des Königs zu ihnen gekommen sei und dem Kapitän ein Schwein und Früchte zum Geschenk gemacht, dabei aber gemeldet habe, daß O-Tu des gestrigen Vorfalls wegen »matau«, das heißt in Furcht gesetzt und zugleich übel auf uns zu sprechen sei. Um ihn nun zu überzeugen, daß wir selbst die Ausschweifungen unserer Leute nicht guthießen, wurden die Verbrecher an Deck gebracht und bekamen in seiner Gegenwart zum Schrecken aller anwesenden Tahitier ein jeder zwölf Streiche. Nach dieser Exekution ließ Kapitän Cook drei Schafe, die von den am Kap eingekauften noch übrig waren, ins Boot schaffen und ging in Begleitung des Kapitäns Furneaux und meines Vaters an Land, um das Vertrauen des Königs zurückzugewinnen. Als sie nach O-Parre kamen, sagte man ihnen, der König sei von hier nach Westen aufgebrochen. Sie folgten ihm also vier bis fünf Meilen weiter und landeten in einem Distrikt, Tittahah genannt, wo sie einige Stunden auf ihn warten mußten. Aus Furcht vor uns hatte er sich wirklich in aller Eile neun Meilen weit von der Matavai-Bai entfernt. Es wurde drei Uhr nachmittags, ehe er mit seiner Mutter bei den Kapitänen ankam, er voll Furcht und Mißtrauen, sie mit Tränen in den Augen. Sobald ihm aber E-Ti Bericht erstattet hatte, daß die Verbrecher in seiner Gegenwart bestraft worden seien, wurde er ruhiger, und der Anblick einer neuen Art von Tieren, die ihm Kapitän Cook schenkte, stellte das gute Einvernehmen bald wieder her. Auf Seiner Majestät Verlangen mußte nun auch wieder der Bergschotte auf seinem Dudelsack spielen, und die geringe Kunst dieses Virtuosen war hier so wirksam wie Davids Harfe, deren harmonischere Töne Sauls Schwermut zu vertreiben pflegten. Die gute Wirkung der Musik zeigte sich bald. Der König ließ ein Schwein kommen und schenkte es Kapitän Cook. Bald darauf ließ er noch ein zweites für Kapitän Furneaux bringen. Da die Herren bald von der Insel abzusegeln gedachten und daher glaubten, dies sei die letzte Gelegenheit, von Seiner Majestät Geschenke zu erhalten, verlangten sie, daß er auch für meinen Vater eins hergeben möchte. Dies geschah, es war aber nur ein kleines Ferkel. Als unsere Leute darüber einiges Mißvergnügen zu erkennen gaben, trat einer von des Königs Verwandten aus dem Gedränge hervor, redete den König mit lauter Stimme an und zeigte bald auf unsere Leute, bald auf die erhaltenen Schafe und bald auf das kleine Ferkel. Kaum hatte der Redner zu sprechen aufgehört, als letzteres wieder weggenommen und an dessen Stelle ein großes Schwein herbeigebracht wurde. Man belohnte diese Freigebigkeit mit allerhand Eisengeräten und anderen Kleinigkeiten. Die Insulaner erwiderten dies durch mancherlei »Ahau!« und Stücke von tahitischem Zeug, in die sie unsere Leute einkleideten, worauf diese sich vom Hofe beurlaubten und gegen fünf Uhr auf die Schiffe zurückkamen.

Da der Kapitän am folgenden Tag die Insel gänzlich zu verlassen gedachte, wurden Vorkehrungen zur Abreise gemacht. Die Insulaner, die diese Zurüstungen von ehemals her kannten, kamen zu guter Letzt haufenweise mit Fischen, Muscheln, Früchten und Zeug herbei und wurden alles los. Der Leutnant Pickersgill, der zwei Tage vom Schiffe abwesend war, kam gegen drei Uhr nachmittags zurück. Er war noch jenseits der fruchtbaren Ebenen von Paparra gewesen, wo O-Ammo, der ehemals als König über ganz Tahiti geherrscht hatte, mit seinem Sohn, dem jungen T'Eri Derre, sich aufhielt. Die erste Nacht hatte er an der Grenze eines kleinen Distrikts zugebracht, der gegenwärtig der bekannten Königin O-Purea (Oberea) gehörte. Sobald ihr die Nachricht von seiner Ankunft war überbracht worden, kam sie und begrüßte ihn als einen ihrer alten Bekannten. Indessen hatte sie sich nicht lange nach des Kapitäns Wallis Abreise von ihrem Gemahl getrennt und war nun von jener Größe, die ihren Namen ehemals so berühmt gemacht hatte, gänzlich herabgesunken. Hieran waren vornehmlich die inneren Kriege zwischen den beiden Halbinseln schuld, denn durch sie war der ganze Distrikt Paparra in gänzlichen Verfall geraten. Sie klagte dem Leutnant, daß sie »tihtih« (arm) sei und ihren Freunden, den Europäern, nicht einmal ein Schwein schenken könne. Da auf solche Weise von ihr nichts zu erwarten war, ging er am folgenden Morgen nach Paparra zurück und besuchte dort den vorigen Gemahl der O-Purea, namens Ammo, der seitdem eines der hübschesten jungen Mädchen im Lande genommen hatte, selber aber alt und untätig geworden war. Seine Schöne schenkte unseren Leuten ein Schwein und gesellte sich nebst einigen ihrer Bedienten zu ihnen, fuhr auch den ganzen Tag über mit in unserem Boot, während ihr eigenes Boot nebenher lief, um sie zurückzubringen. Mit dieser ihrer Begleiterin landeten sie endlich in Attahuru, wo ein angesehener Befehlshaber, namens Potatau, sie gut aufnahm und die zweite Nacht über in seinem Haus beherbergte. Auch dieser hatte sich von seiner Frau geschieden und eine jüngere genommen, während jene sich ebenfalls einen neuen Liebhaber zugelegt hatte, doch lebten beide Teile friedlich unter einem Dache.

Am folgenden Morgen ließ Potatau verlauten, daß er den Leutnant gern begleiten würde, um Kapitän Cook zu besuchen, wenn er nur gewiß wäre, gut aufgenommen zu werden. Das konnte Leutnant Pickersgill ihm ganz gewiß versprechen, und er machte sich in Begleitung seiner Gemahlinnen und einiger Bedienten, die ein paar Schweine und eine Menge Zeug mitnehmen mußten, auf den Weg nach dem Boot. Kaum war er aber unter einem großen Volksgedränge bis ans Ufer gekommen, als ihn die Leute insgesamt baten, sich nicht unter uns zu wagen. Einige fielen ihm sogar zu Füßen und umfaßten seine Knie, um ihn zurückzuhalten. Verschiedene Frauen schrien weinend, Tute werde ihn umbringen, und ein alter Mann zog ihn an den Kleidern zurück. Potatau war gerührt, ermannte sich aber bald wieder, stieß den Alten zurück und rief mit entschlossener Stimme: »Tute aipa matte te tayo!»« (Cook wird seinen Freund nicht umbringen!) Mit diesen Worten sprang er ins Boot.

Sobald er bei uns auf dem Schiffe war, eilte er nebst seiner Gemahlin, desgleichen mit seiner vorigen Gemahlin und deren Liebhaber in die Kajüte hinab, um Kapitän Cook seine Geschenke zu überbringen. Potatau war einer der größten Männer, die wir auf der Insel gesehen. Der ganze Körper dieses Mannes war ungemein ansehnlich und stark von Gliedern. Sein Schenkel war zum Beispiel so dick wie unser stärkster Matrose am Leibe. Seine weitläufige Kleidung und sein weißer Turban schickten sich sehr gut zu dieser Figur, und sein edles Betragen gefiel uns, besonders im Vergleich zu O-Tus mißtrauischem Wesen, über die Maßen. Polatehera, seine erste Gemahlin, war ihm an Größe und Korpulenz ähnlich. Ihr Anblick und ihr Betragen waren ungemein männlich, und der Begriff von Gewalt und Herrschaft schien in ihrer Gestalt personifiziert zu sein. Als das Schiff »Endeavour« hier vor Anker lag, nannte sie sich Kapitän Cooks Schwester, und als man sie eines Tages nicht in das Fort auf Point Venus hineinlassen wollte, schlug sie die Schildwache zu Boden und beklagte sich bei ihrem adoptierten Bruder über die schimpfliche Behandlung, die ihr widerfahren sei. Als sie erfuhren, daß wir alsbald unter Segel gehen wollten, fragten sie uns mit Tränen in den Augen, ob wir jemals wieder nach Tahiti kommen würden. Kapitän Cook versprach, in sieben Monaten wieder hier zu sein. Dies stellte sie völlig zufrieden, sie verabschiedeten sich ganz gelassen und fuhren in ihren Booten nach ihrem Wohnsitz zurück.

Mittlerweile kam ein junger Tahitier von geringem Stande, der ungefähr siebzehn Jahre alt war, mit seinem Vater ans Schiff. Er hatte schon vor einigen Tagen dem Kapitän gesagt, daß er mitgehen wolle »no te whennua tei bretane« – nach dem Lande Britannien. Seine ganze Ausrüstung bestand aus einem Stück Zeug, das um die Hüften geschürzt war, und in diesem hilfsbedürftigen Zustande überließ er sich unserer Fürsorge gänzlich unbesorgt. Der Kapitän gab dem Vater ein Beil und einige andere Sachen von geringem Wert, worauf er gefaßt und ruhig wieder in sein Boot stieg, ohne bei der Trennung von seinem Sohn die geringste Betrübnis zu zeigen. Kaum waren wir aber zum Riff hinaus, als ein Kanu mit zwei oder drei Insulanern nachkam, die den Burschen im Namen des Königs O-Tu zurückforderten und einige Stücke Zeug im Boot hatten, die sie dem Kapitän zurückgeben sollten. Da sie aber das Eisengerät, das für den armen Schelm gegeben worden war, nicht vorzeigen konnten, mußten sie unverrichteterdinge wieder abziehen. Der Bursche, dessen Name Porea war, sprach vom Hinterteil des Schiffes aus lange mit ihnen und sie ließen es an nichts fehlen, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, sie prophezeiten ihm den Tod, aber alle Drohungen machten ihn nicht wankend. Als aber das Kanu nach der Insel zurückkehrte, konnte er sich doch nicht enthalten, seinen Landsleuten lange nachzuschauen, und endlich wurde er so wehmütig, daß er sich durch einen Strom von Tränen Luft schaffen mußte. Um diese traurige Stimmung zu unterbrechen, ließen wir ihn in die Kajüte kommen, wo er uns vorjammerte, daß er nun gewiß sterben müsse, Kapitän Cook und mein Vater trösteten ihn und versprachen ihm, daß sie Vaters Stelle an ihm vertreten wollten. Darauf fiel er ihnen um den Hals und geriet mit einem Male aus der äußersten Verzweiflung in einen hohen Grad von Freude und Lustigkeit. Beim Untergang der Sonne aß er sein Abendbrot und legte sich alsdann auf dem Boden der Kajüte nieder.

Der Wind, mit dem wir absegelten, war so schwach, daß wir die Inseln den ganzen Abend noch in Sicht behielten und die überschwenglich schöne Aussicht vor uns hatten, die selbst in dieser Winterjahreszeit den schönsten Landschaften der Welt zur Seite gesetzt werden kann. Der fruchtbare Boden und das wohltätige Klima bringen so vielerlei Arten nahrhafter Gewächse hervor, daß die Bewohner auf eine sorgenfreie Glückseligkeit rechnen können, und insofern es nirgends unter dem Mond etwas Vollkommenes gibt, dürften schwerlich mehrere Völker der Erde sich einer so erwünschten Lage rühmen. Da nun alle Lebensmittel leicht zu haben und die Bedürfnisse dieses Volkes sehr bescheiden sind, ist natürlicherweise auch der Endzweck unseres Daseins, die Hervorbringung vernünftiger Kreaturen, hier nicht mit so vielen drückenden Lasten überhäuft und beschwert wie in zivilisierten Ländern, wo Not und Kummer den Ehestand oft so mühselig und sauer machen. Die guten Leute folgen hier dem Trieb der Natur ganz ungehindert, und daraus entsteht eine Bevölkerung, die im Verhältnis zu dem angebauten Teil der Insel sehr groß ist. Bis jetzt sind nur die Ebenen und die Täler bewohnt, obschon der Beschaffenheit des Erdreichs nach auch viele Berge bebaut werden und noch eine ungeheure Menge von Einwohnern ernähren könnten.

Das Volk lebt in einer Verfassung, die sich mit dem alten europäischen Feudalsystem vergleichen läßt. Es steht unter einem allgemeinen Oberherrn und ist in die drei Klassen von Erihs, Manahaunas und Tautaus geteilt. Unerachtet zwischen diesen drei Klassen ein wesentlicher Unterschied besteht, wird die Glückseligkeit des Volkes dadurch im ganzen genommen weniger beeinträchtigt, als man glauben sollte, denn die Lebensart der Nation ist überhaupt zu einfach, als daß die Verschiedenheit des Standes einen merklichen Unterschied zulassen könnte. Zwar sind hier fast ausnahmslos die Vornehmeren im Besitz von Schweinen, Fischen, Hühnern und Kleidungsstoffen, allein der unbefriedigte Wunsch, den Geschmack mit ein paar Leckerbissen zu kitzeln, kann höchstens einzelne Menschen, nicht aber ganze Nationen unglücklich machen. Dies kann nur gänzlicher Mangel an den unentbehrlichen Notwendigkeiten, und gerade dieser pflegt in zivilisierten Staaten das Los des gemeinen Mannes und eine Folge der Üppigkeit der Großen zu sein. Zu Tahiti hingegen ist zwischen dem Höchsten und dem Niedrigsten im ganzen genommen nicht einmal ein solcher Unterschied, wie sich in England zwischen der Lebensart eines Handwerkers und eines Tagelöhners findet.

Das gemeine Volk auf Tahiti zeigte bei allen Gelegenheiten gegen die Vornehmeren der Nation so viel Liebe, daß es scheint, als sähen sie sich insgesamt nur für eine einzige Familie und die Befehlshaber gleichsam nur als ihre älteren Brüder an, denen nach dem Recht der Erstgeburt Vorzug gebührt.

Der geringste Mann kann so frei mit dem König sprechen wie mit seinesgleichen und ihn so oft sehen, wie er will. Dies würde schon manchen Schwierigkeiten unterworfen sein, sobald der Despotismus Grund fassen sollte. Auch beschäftigt sich der König zur Zeit auf die gleiche Art wie seine Untertanen, noch unverdorben von den falschen Begriffen eitler Ehre und leerer Vorrechte, rechnet er es sich keineswegs zur Schande, in seinem Kanu selbst Hand ans Ruder zu legen. Wie lange aber diese glückliche Gleichheit noch dauern wird, kann man wohl nicht bestimmen, doch scheint die Faulheit der Vornehmen ihr eben nicht die längste Dauer zu versprechen.

Vorderhand ist zwar die Feld- und Landarbeit den Tautaus, die sie verrichten müssen, noch nicht lästig, aber da die gänzlich arbeitslosen Vornehmen sich in einem stärkeren Verhältnis vermehren müssen als jene, so wird die dienstbare Klasse künftig immer mehr mit Arbeit beschwert werden und von dem Übermaß allerhand üble Folgen zu gewärtigen haben. Das gemeine Volk wird davon ungestalt und kraftlos werden, die Notwendigkeit, mehr in der brennenden Sonne zu sein, wird ihre Haut schwärzen, und sie werden durch die häufigen und frühen Ausschweifungen ihrer Töchter mit den Großen des Landes endlich zu kleinen, zwergigen Gestalten ausarten, während jene vornehmen Müßiggänger die Vorzüge einer großen Leibesgestalt, einer schönen Bildung und einer hellen Hautfarbe ausschließlich beibehalten werden, weil sie allein ihrem gefräßigen Appetit ohne Einschränkung folgen und stets in sorgloser Untätigkeit leben können. Endlich wird das gemeine Volk diesen Druck empfinden und der Ursachen gewahr werden, alsdann aber wird auch das Gefühl der gekränkten Rechte der Menschheit in ihnen erwachen und eine Revolution veranlassen. Dies ist der gewöhnliche Kreislauf aller Staaten. Vorderhand steht freilich für Tahiti noch lange keine solche Veränderung zu befürchten, ob aber die Einführung des fremden Luxus die Ankunft dieser unglücklichen Periode nicht beschleunigen werde, das muß man den Europäern zur ernstlichen Erwägung anheimstellen. Wahrlich, wenn die Wissenschaft und Gelehrsamkeit einzelner Menschen auf Kosten der Glückseligkeit ganzer Nationen erkauft werden muß, so würde es für die Entdecker und Entdeckten besser sein, wenn die Südsee den unruhigen Europäern ewig unbekannt geblieben wäre.

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