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England. Zweiter Band

James Fenimore Cooper: England. Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
authorJames Fenimore Cooper
titleEngland. Zweiter Band
publisherVerlag von Joh. David Sauerländer
year1837
translatorC. F. Nietsch.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140704
modified20150422
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Zwanzigster Brief

Der Tower. – Alte Waffenrüstungen im Waffensaal. – Englische Unhöflichkeit und Französische Höflichkeit. – Regeln des Vortrittes. – Amerikanische Aussprache. – Nationaleigenthümlichkeit. – Das Recht des Matrosenpressens. – Erfolg eines Winkes. – Anekdote.

 

An Herrn Richard Cooper in Cooperstown.

Vielleicht sollte ich diese menschliche Schwäche nicht eingestehen; doch eben sind wir hingegangen, um den Tower zu sehen. Glücklicherweise sind die Löwen verkauft, und so wurden wir des Alltäglichen der Schaulust überhoben.

Der Tower selbst ist ein viereckiger Bau mit vier Eckthürmchen oder vielmehr Thürmen; der Umfang des Gebäudes ist unbedeutend, und das Ganze soll so alt sein, als die normannische Eroberung; von den Römern wird behauptet, sie hätten an dieser Stelle oder in der Nähe derselben eine Veste besessen. Als Zugabe kommen noch mehre, einen kleinen Flecken bildende Nebengebäude um den Tower hinzu, meistens von Ziegeln erbaut, und das Ganze ist mit Mauern und Graben umgeben. Die Mauern haben regelmäßige Bastionen; der Graben ist breit, tief und mit Wasser angefüllt, welches mit der Ebbe und Fluth fällt und steigt; denn das Ganze befindet sich nahe am Ufer des Flusses.

Dieser Ort ist so oft beschrieben worden, daß ich blos die allgemeinern Eindrücke, welche er auf uns machte, mittheile. Wir fanden ihn weniger imponirend, als Vincennes, doch hatte er ein durch Alter und Erinnerung ehrwürdiges Ansehen. Der eigentliche Tower (Thurm) könnte mit dem Donjon (Verließ) von Vincennes keinen Vergleich aushalten, seinem umfangreichen französischen Gegenstück; und die Nebengebäude stehen ebenfalls denen der Pariser Burg weit nach.

Die Waffensammlung ließ uns gänzlich unbefriedigt; sie war im Ganzen weit weniger interessant, als die schöne Auswahl im »Musée de l'Artillerie« in der Kirche von Saint-Thomas d'Aquin, ein Museum, dessen Dasein von zehn Franzosen kaum einer zu kennen scheint, obschon es eine der seltensten Sammlungen von ganz Europa darbietet. Unglücklicherweise hat erst kürzlich irgend ein schimmlicher Alterthumsstöberer die Waffenkammer des Towers aller Ansprüche der Aechtheit beraubt, indem er vielfältig in Zweifel gestellt hat, ob etwa die einzelnen Gegenstände wirklich jenen großen Männern angehören, unter deren Bildnissen solche aufgestellt sind, und dadurch hat er dem ganzen Schatz alterthümlicher Waffen viel von der ihnen sonst zu Theil gewordenen Bewunderung entzogen. »Wo Unwissenheit Segen bringt, da ist es thörigt, weise zu sein.« Ich wünschte von ganzem Herzen, der Mann möchte lieber nicht halb so gelehrt gewesen sein, denn, gleich einer Scott'schen Novelle oder gleich einem Shakspeare'schen Schauspiel, macht ein solcher Schauplatz einen weit angenehmern Eindruck durch die Täuschung als durch die Wirklichkeit. Doch haben wir keine Ursache, uns über die Wahrheit zu beschweren, da wir solche nicht erkennen können.

Wie gewöhnlich zeigte man uns auch die königlichen Kleinodien, was uns kein sonderliches Interesse gewährte; denn schön waren sie nicht und viele Steine schienen unächt zu sein. Man gebraucht die Vorsicht, sie bei Lampenlicht betrachten zu lassen. Dem ungeachtet ist eine Krone für einen Haufen Engländer immer noch ein ergreifender Anblick. Ich ließe mir dagegen, wenn ich die Wahl hätte, weit lieber eins von den Kästchen voll Kostbarkeiten im Louvre oder im Jardin des Plantes, als die Herrscherkrone von Großbritannien gefallen. Was die königlichen Zierrathen derer betrifft, die zwischen den Stuarts und einigen späteren Fürsten herrschten, so mögen wohl ihre vermeintlichen Edelgesteine von Stahl gewesen sein, um ihre Raubsucht nicht zu reizen. Ich wenigstens bin der Meinung, daß, wenn die Krone einen gediegenen Werth gehabt hätte, Jakob der Zweite sie sicher mitgenommen haben würde, obgleich er aus seinem Königreiche entfloh.

Dort sind manche merkwürdige Schaustücke von Waffenrüstungen; aber auf keinen Fall so viele und so auserlesene, als die Pariser Sammlung enthält. Man zeigte uns sogar das Beil, mit welchem Anna Boleyn geköpft worden war, und gewiß, es war ein Waffenstück, um mit einem niedlichen Hals bald fertig zu werden. Einige Schwerter fielen mir auf, die ich mit ausgestrecktem Arm nicht heben könnte, und welche einen Beweis geben konnten, wie sehr unsere Körper einschrumpfen, je mehr unser geistiges Vermögen wächst. Kommt vielleicht ein Tag, wo alle Masse einschwindet, um dem ätherischen Wesen des Geistes freien Raum zu gestatten? Der Anblick dieser Schwerter und mancher Rüstungen gibt eine der Prämissen, aus denen man die Existenz von Riesengeschlechtern erweisen könnte – und wo sind sie jetzt?

Als wir zurückkehrten, ging ich zu – –, um mit ihm zu speisen. Dieser Herr war so höflich gewesen, mich zwei bis dreimal einladen zu lassen, und ich überschritt deßhalb ein wenig meine Gewohnheiten, um mich gegen seine beharrliche Höflichkeit nicht unempfindlich zu zeigen. Es war das erste Mal, daß ich mich in seinem Hause befand; und unmittelbar nach mir strömte eine große Gesellschaft zusammen; von all den Leuten hatte ich bis dahin noch Niemand gekannt. Der alte Graf – –, der Graf – –, der Sohn des Befehlshabers der irischen Freiwilligen und dessen Gattin, Lord – –, Sir – – – und mehre andere wurden schnell hinter einander angemeldet. Da mir es nicht behaglich war, in einem Gedränge zu stehen, ohne mich mit Jemand unterhalten zu können, so betrachtete ich die Gemälde, deren eine große Menge da war. Bei dieser Beschäftigung näherte sich mir ein junger Mann und redete mich an. Es war höflich von ihm, denn er schien es zu bemerken, daß ich ein Fremder sei, – der einzige Fremde in der Gesellschaft, – und demnach wollte er sich gegen mich höflich benehmen. Wir sprachen einige Minuten mit einander in einer Fenstervertiefung, etwas entfernt von der übrigen Gesellschaft.

Man wird allmählig pünktlicher in London; es mochten kaum fünfzehn Minuten seit meinem Eintritt verflossen sein, so meldete man, es sei angerichtet. Jedermann gab einer Dame den Arm, denn es waren deren etwa zehn zugegen und begab sich in's Speisezimmer; mich und meinen Gesellschafter ließ man, wo wir waren, in der Fenstervertiefung stehen. Er schien betroffen, und mir kam das ganze Benehmen wie ein seltnes Beispiel zartsinnigen Betragens vor. Den einzigen Fremden und ihn selbst, alt genug, um der Vater einiger der jüngeren sein zu können, die vor ihm her hinausgeströmt waren, ließ man im Gesellschaftszimmer stehen, als ob wir zum Hausrath gehörten! Ich blickte meinen Gesellschafter scharf an, um zu sehen, ob er vielleicht Familienzüge an sich hätte; er gehörte aber nicht dazu; und darauf erlaubte ich mir zu sagen, »wenn wir wirklich mit der übrigen Gesellschaft speisen sollten, so möchte es wohl an der Zeit sein, ihnen zu folgen.«

Da wir schon öfter Nationalsitten besprochen haben, so will ich eine Anekdote erzählen, welche einen Vorfall in Paris berührt, der sich kurz vor unsrer Abreise zutrug. Madame de – – hatte G – – zu einem großen Diner eingeladen, wo er, mit Ausnahme eines unerwarteten Gastes, der einzige Fremde war; letzterer war zufälliger Weise der Graf Capo d'Istrias, der erwählte Präsident von Griechenland. Als man eben melden wollte, es sei angerichtet, zog sich G – – ein wenig von der Herrin des Hauses zurück; denn die Einladung hatte so gelautet, daß er fast glauben konnte, das Diner sei größten Theils eine ihm selbst bewiesene Aufmerksamkeit, und doch konnte er sich keinen Augenblick träumen lassen, daß er wagen dürfe, neben dem Grafen Capo d'Istrias auf irgend eine Auszeichnung Anspruch zu machen. Madame de – – nahm den Arm des Präsidenten, und sich ihm nähernd, stellte sie ihn höflich der Mme. de Talleyrand vor, die sich in der Gesellschaft befand, und überließ ihm die Ehre, sie zur Tafel zu führen. Das sind freilich Kleinigkeiten, aber sie bezeichnen den Unterschied des geselligen Takts in London und in Paris.

Ich konnte mir nicht anders vorstellen, daß, wäre ich irgend jemand anders, nur kein Amerikaner gewesen, diese abstoßende Vernachlässigung nicht hätte stattfinden können. Als ich nun gar bemerkte, daß wirklich der unterste Platz mir aufgehoben war; so erinnerte ich mich unwillkürlich jener Stelle in der Heiligen Schrift, wo der Sitz zu unterst am Tische, als der für die Seele heilsamste bezeichnet wird. Obschon wir in Amerika keine herrschende Religion haben, so möchte ich doch behaupten, daß keinem Andern bei Tische der Text eingefallen sein mochte.

Mein Gesellschafter in der Fenstervertiefung mußte doch mit der Familie des Hauses verwandt sein, denn auch ihm war ein Sitz unten am Tische aufbehalten worden. Am andern Ende saß der Hausherr, und die Hausfrau saß in der Mitte nach französischer Weise. Auf diese Weise befand ich mich bei diesem Festmahl buchstäblich in extremis. Da für mich so gut gesorgt war, so war ich neugierig zu sehen, wie man für die übrigen gesorgt hatte. Ein schwarzgelblicher, dunkelhaariger junger Mensch von ganz gemeinem Aeußern, saß der Dame des Hauses zur Rechten, während der alte Lord – –, ein tüchtiger General in der britischen Armee sich mit einem weit bescheidneren Platz begnügen mußte. Dieser junge Mann war ebenfalls ein Krieger; denn ich hörte ihn von einem Feldzug erzählen, den er mitgemacht habe; doch seinen Jahren nach konnte er höchstens Oberster sein, wenn er wirklich solch hohen Rang bekleidete. Folglich mußte er von höherm politischen oder socialem Rang sein, als die beiden anwesenden Grafen; und das würde freilich in England ihm den Vortritt vor seinem eignen Vater geben! Ich glaube, es war der Herzog von – –.

Ein schöner, artiger, junger Mensch saß zu meiner Linken. Unser Tischende war in der That fast von lauter Jünglingen besetzt, und ich fürchtete schon, ein wenig »geröstet« zu werden, da die Zeit einige graue Haare über meine Schläfe verbreitet hat. Doch sie waren wohlgezogene Jünglinge; sie benahmen sich recht artig, vermuthlich, weil sie Mitglieder des Parlaments waren, wie ich aus ihren Reden abnehmen konnte. Sie hatten sich sämmtlich an demselben Morgen mit Rudern auf der Themse belustigt; und da ich zu meiner Zeit mich ebenfalls viel mit Rudern abgegeben habe, so hatten wir doch Stoff genug, um mit einander zu plaudern.

Der schwarzhaarige, vornehme, junge Mann erzählte den Tod eines Officiers, den er von einem Schuß in der Schlacht fallen sah. Nach dem Gefecht hatte er selbst den Leichnam aufgefunden, und, fügte er hinzu; »die französischen Soldaten hatten ihn ausgezogen.« – »Vielleicht gar unsre eignen Leute?« fiel mein Nachbar lebhaft ein. »Ich glaube nicht, daß einer der unsrigen in seine Nähe gekommen ist,« war die Antwort; doch sie lautete, als ob sie erst hinterher überlegt worden wäre.

Mein Nachbar fand für gut, die Sache zu bezweifeln, und so kamen wir mit einander in's Gespräch. Durch eine Bemerkung meines rechten Nachbars, war er inne geworden, daß ich ein Amerikaner sei, denn dieser wußte es, und so begann er sogleich über den Unterschied der Sprache der Engländer und Amerikaner zu reden. Er erzählte, er sei vor Kurzem erst aus Paris zurückgekommen, und als er dort durch den Palaisroyal spaziert sei, wäre ihm die Aussprache von drei Männern aufgefallen, die vor ihm her gingen. Ihr Dialekt wäre provinzial gewesen, und er habe hin und her gerathen, aus welcher Gehend von England sie wohl her sein möchten, bis er endlich aus ihren Reden gemerkt habe, daß sie Amerikaner waren. Ich sagte ihm, wir hätten in Amerika wie in England verschiedene Stände, wiewohl sie bei uns weniger streng von einander geschieden wären, als in andern Ländern; und daß die Menschen die Klasse, mit der sie täglichen Umgang pflegen, durch nichts leichter verriethen, als durch die Art und Weise, wie sie sich in gewöhnlicher Unterredung ausdrücken. Er gab die Richtigkeit dieser Bemerkung zu, doch ich zweifle beinahe, daß er unter den Amerikanern sich etwas Anderes gedacht habe, als ein wildes Durcheinander von allerlei Gesindel, das irgendwo zufällig zusammenströmt. Dann machte er eine Bemerkung, die ich ganz richtig fand, und ich möchte wohl, daß diese Bemerkung zu den Ohren aller derer gelangte, welche die Verordnungen unseres Präsidenten oder unserer Gouverneure vorarbeiten, so wie zu den Ohren unserer Kritiker und der Publicisten unseres ganzen Volks. Er sagte, er wundere sich über die Art, wie wir uns des Wortes: »Unser« bedienen. Wir sagten nicht etwa »Amerika,« sondern: »unser Land,« »unser Volk,« »unsere Gesetze,« und so immerfort. Es ist wahr, daß es auch auf mich oftmals einen unangenehmen Eindruck gemacht hat; denn diese Eigenheit ist offenbar nicht sonderlich zu verteidigen; denn die Ausdrücke: »das Land,« »das Volk,« »die Gesetze,« »die Institutionen« können kein anderes Land, Volk, keine andere Gesetze, Institutionen u. s. w. bezeichnen, als die, von denen in unsern Bekanntmachungen die Rede ist, und würden gewiß besser lauten, als jene. Ich gab aber die Richtigkeit seiner Bemerkung nicht zu; denn man hatte mich unseres Landes wegen unten an sitzen lassen, und Niemand läßt sich eine vernachlässigende Behandlung, selbst wegen eines Gebrechens oder eines Unglücks, woran man nicht Schuld ist, gradezu gefallen, ohne sich bei erster Gelegenheit zur Wehr zu setzen. Ich sagte zu meinem jungen Kritiker, wir brauchten das Wort: »unser« in Ermangelung eines andern bezeichnenden Wortes, da der Ausdruck: »die Vereinigten Staaten« wegen der Länge nicht immer passend angebracht werden könne, und weil unsere Institutionen einem solchen Worte günstig seien, dessen Bedeutung das Eigenthum Aller an Allem, was die Nation betreffe, zu erkennen gibt. Diesen Gründen widersprach er nicht, da sie ohne Zweifel die wahren sind; doch schien er deßhalb den guten Geschmack in dieser Sitte nicht anerkennen zu wollen, und in dieser letzteren Beziehung werden, unter uns gesagt, ihm noch andere Leute beistimmen.

Dieser junge Mann belustigte mich wegen der treuherzigen Art, mit der er mir das Kompliment machte, daß mein Englisch so gut sei, als man es gewöhnlich findet. Diese Leute sind so daran gewöhnt, uns als ein im Vergleich mit ihnen unbedeutendes Volk zu betrachten, daß sie die Unhöflichkeit gar nicht zu bemerken scheinen, wenn sie Jemanden in Gesellschaft sagen: »Wahrhaftig, wie ich Sie da vor mir sehe, ich merke nicht anders, als daß Sie sich recht gut auszudrücken wissen; Sie halten Ihre Gabel, trinken Ihren Wein und wissen sich in allen Dingen nach, den Regeln des guten Tons zu benehmen, wie wir ebenfalls zu thun gewohnt sind.« Dergleichen verdächtige Komplimente werden uns in England oft genug zu Theil. Mein junger Tischgenosse war ein bescheidner und gutgearteter Mann, aber er beging dennoch einen solchen Fehler.

Mein Nachbar aus der Fenstervertiefung begann von Amerika zu sprechen, und seine Nachbarn rechts hörten etwas verächtlich zu, als Männer, die sich ohne alle Umstände brüsteten; und ich paßte daher auf eine Gelegenheit, ihnen den Weg zu weisen, wo Amerika liege, und wie es darin aussehe. Der Zufall begünstigte einigermaßen mein Vorhaben, als mein Nachbar einige Besorgnisse äußerte, die Mißverhältnisse in Europa könnten vielleicht zu einem Kriege führen, worin Amerika verwickelt werden könnte.

»Ich war sehr besorgt damals,« sagte er, »als der Vorfall mit Navarino sich ereignete; denn der Ausbruch eines Kriegs hätte uns genöthigt, Matrosen zu pressen! und die Nordamerikaner hätten sich dann vielleicht veranlaßt gefühlt, sich dem zu widersetzen.«

Ich sagte ihm, daß das Matrosenpressen von amerikanischen Schiffen, ihnen binnen einer Woche ohne Zweifel einen Krieg von Seiten Amerikas zuziehen würde.

»Warum sollten denn nicht beide Regierungen sich freundschaftlich darüber verständigen können, das gegenseitige Durchsuchen der Schiffe zu gestatten?«

»Durchaus nicht. Denn eine solche gegenseitige Vergünstigung würde für uns nur dem Namen nach bestehen, weil wir für uns keinen Vortheil daraus ziehen könnten, da unsere Landesgesetze das Matrosenpressen verbieten.«

»Es ist wirklich recht sehr zu bedauern, wenn darüber keine gegenseitige Uebereinkunft möglich ist.«

»Wir halten dafür, daß die Sache an sich abgethan sei, vermöge der Forderungen des allgemeinen Völkerrechts und des gesunden Menschenverstandes. Das Recht des Matrosenpressens kann nur von Gemeinden desselben Staates, aber nicht von selbständigen Staaten gegen einander ausgeübt werden; ein solches Recht kann daher nur innerhalb der Jurisdiktion desselben Staates, wo solches gesetzlich eingeführt ist, ausgeübt werden. England hat nicht mehr Recht, nach Seeleuten in unserm Gebiet zu suchen, als es berechtigt sein würde, seine Verbrecher bei uns zu verfolgen. Wenn wir es wagen wollten, unsre Constables nach London zu schicken, um Diebe festzunehmen oder sie auf die Schiffe auf dem Meer auszusenden, um sie dort anzugreifen; so würden wir bald das Nöthige darüber hören. Keine Jurisdiktion darf jemals in die eines andern Landes eingreifen wollen, wenn nicht aller völkerrechtliche Schutz aufhören und alle Selbstständigkeit der Nationen zu Grunde gehen soll.«

»Was ist aber da zu machen?«

»Die Engländer verlangen von uns eine Vergünstigung, eine große Vergünstigung, daß wir unsere Mitbürger allerlei Quälereien und Mühsalen blos zu ihrem Vortheil preisgeben sollen. Nun, ich meine, es ließe sich eine Bedingung stellen, wobei die Sache zur gegenseitigen Zufriedenheit ausgeglichen werden könnte.«

Jetzt horchten Alle, und ihre Aufmerksamkeit wendete sich einzig unserem Gespräche zu. Ich fuhr also fort:

»Daß Englische Officiere als Schiedsmänner in dieser Sache auftreten, davon darf keine Rede sein. Diesen Punkt können wir nie zugeben und wir brauchen ihn auch nie zuzugeben. Gäbe uns aber England eine ausgleichende Vergünstigung, so könnte dies uns wohl bewegen, ein Gesetz zu erlassen, um unsere Schiffe, so weit solches nur einigermaßen thunlich ist, von englischen Seeleuten rein zu halten.«

»Was könnten wir den Amerikanern dagegen anbieten?«

»Da ist die Insel von Bermuda; die Engländer halten dieselbe blos als eine feindliche Station wider uns besetzt; ich meine, daß gegen die friedliche Besitznahme dieser Insel unsere Regierung sich wohl zu einem Opfer verstehen dürfte; und –«

Hier hielt ich einen Augenblick inne, im Kampf zwischen der Vorstellung, vielleicht die Eigenliebe meines Fenstervertiefung-Gefährten zu verletzen, und der peinlichen Erinnerung, wie ich selbst dort neben ihm gestanden, und letztere siegte –

»und was die Engländer wohl bewegen könnte, eine solche Uebereinkunft abzuschließen, so dürfen Sie blos bedenken, daß etwa zwanzig Jahre weiter, England ohnehin nicht mehr im Stande sein dürfte, diese Insel gegen uns zu behaupten.« Es sind noch nicht zehn Jahre her, daß ich diese Meinung äußerte. Wenn das Geld, welches die Regierung der Vereinigten Staaten in diesem Jahre unter die einzelnen Staaten, als Ueberfluß der Einnahmen, vertheilte, mehr als Acht Millionen Pfund Sterling, zur Ausrüstung einer Flotte verwendet worden wäre, so hätten damit fünfzig Linienschiffe gebaut und ein Jahr lang in See gehalten werden können. Es ist wirklich »zu arg,« daß eine Nation mit solchen Mitteln sich so sehr unter die Herrschaft falscher Vorstellungen begeben sollte, um es zu dulden, daß ein anderes Volk eine Insel, wie die von Bermuda, grade vor der Schwelle besetzt halte, ohne dabei einen andern Zweck haben zu können, als zu belästigen. – Aber die innere Verfassung unseres Landes gehört ohne Zweifel zu den besten in der Welt, die es in praktischem Sinne geben kann; dagegen die auswärtigen Angelegenheiten, – die werden wahrlich nicht anders geleitet, als nach einer Art mahomedanischen Princips von Fatalismus.

Diese Pille that besonders gute Wirkung. Einer zum andern, neigten sich die Köpfe der Anwesenden, bis diese Aeußerung ihren Weg aufwärts fand, weit jenseits des Salzfäßchens. Da hörte ich Lord E – – ausrufen: »Das ist zu arg!« Ich hielt es indessen für noch lange nicht so arg, als daß man seinen Fuß auf den Nacken eines Fremden setzt; und noch dazu war meine Aeußerung ganz wahr.

Der Erfolg dieses Winks zeigte sich unverweilt; denn kaum waren wir im Gesellschaftszimmer angekommen, so sammelten sich bald ein halbes Dutzend Lords um mich, und ich möchte wohl behaupten, daß wenn jetzt das Mahl von neuem begonnen hätte, man alsdann gewiß für eine schicklichere Anordnung der Plätze gesorgt haben würde. Ich schüttelte indessen den Staub von meinen Füßen und verließ das Haus.

Ein anderes Abenteuerchen in einem andern Hause habe ich Ihnen, wie ich glaube, auch noch nicht erzählt. Das war nämlich bei einem Diner, welches ein Kaufmann gab. Es war ein Mann aus der City, der aber nicht in der City wohnt; denn Gegenden der City werden von den Bewohnern des West-End wenig besucht. Als man gemeldet hatte, es sei angerichtet, verbeugte sich der Herr des Hauses förmlich gegen mich, indem er meinen Namen aussprach. Dies ist in der ganzen Welt eine Einladung, daß man vorantreten soll. Ich trat also vor und bot der Dame vom Hause meinen Arm; sie schlug ihn aber aus, indem sie mich einer Mrs., ich weiß nicht mehr, welcher, vorstellte, die neben ihr saß, und nahm den Arm Der deutsche Fürst (von Pückler-Muskau) sagt, es sei englische Sitte, einer Dame den Arm statt der Hand anzubieten. Der Verfasser brachte fünf Winter in Paris zu und sah nichts anders, als daß man ihnen den Arm bot. eines Andern. Da dieser Herr keinen hohen Rang hatte und jünger als ich und ein Engländer war, so wußte ich mir seine größern Ansprüche nicht zu erklären. Es wäre wirklich besser gewesen, wenn der gute Mann und seine Gattin sich darüber verständigt hätten; denn dieß Benehmen konnte nichts weiter bezwecken, als mich einigermaßen eine lächerliche Rolle spielen zu lassen.

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