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England. Zweiter Band

James Fenimore Cooper: England. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorJames Fenimore Cooper
titleEngland. Zweiter Band
publisherVerlag von Joh. David Sauerländer
year1837
translatorC. F. Nietsch.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
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Achtzehnter Brief

Lügenverkäufer. – Periodische Presse. – Einfluß des Geldes. – Die Englische Presse. – Einfluß der Aristokratie. – Persönliche Beleidigungen. – Beleidigungen gegen Amerika. – Englische Kritiken. – Amerikanischer Unternehmungsgeist. – Einfluß der Mittelmäßigkeit. – Literarische Aufschneiderei. – Literarische Betrügerei. – Parteilügen bei Wahlen. – Preßmißbräuche. – Die Presse in England und in Amerika.

 

An Herrn William Jay.

Neulich Abends spazierte ich ganz ruhig nach einem Hause, wohin ich zum Diner eingeladen war, als ein Kerl in meiner Nähe in das schrecklichste Straßengeschrei ausbrach, das jemals menschlichen Ohren zu ertragen zugemuthet ward. Die Worte lauteten: »A-bendcou-rier! – große Neu-igkeit – Herzog von Wellington – A-bendcou-rier!« Das ging so fort, ohne Unterbrechung in einer zitternd-gebrochenen Stimme, aus einer Lunge hervor, die durchaus unverwüstlich schien. Ein solches Geschrei, das Jemanden so plötzlich übertäubt, konnte keine andere Wirkung haben, als daß man dadurch zu glauben verleitet wurde, es habe sich eben etwas vorzüglich Unheilbringendes ereignet, das alle Welt mit Erstaunen erfüllen müsse. Ich stand stille und war schon im Begriff, dem Kerl nachzugehen, um eins von den Zeitungsblättern zu kaufen, als mit einem Mal eine tiefe Baßstimme, die mit der vorigen in schrecklicher Dissonanz collidirte, von der andern Seite der Straße herüberbrüllte; »Widerlegung des Abendcourier – bessere Thatsachen – wahrhafte Aufklärung – Widerlegung des Abendcourier!« So schwärmten und lärmten diese rabenkehligen Lügenverkäufer durch die Straßen, bis die Entfernung ihre schrillenden und trillernden Laute allmählig verschlang – würdige Verbreiter der Falschheiten und Thorheiten, deren jede Stunde neue hervorbringt!

Dieser kleine Vorfall erinnerte mich an das verschiedentliche Treiben in der täglichen und periodischen Presse, wie überhaupt in der englischen Literatur, und sofern ich mich verpflichtet halte, Ihnen einige faktische Mittheilungen zu machen über alle die sich hier durchkreuzenden Interessen, welche in diesem Zweige menschlicher Bestrebungen sich offenbaren, so will ich Sie auf Einiges aufmerksam machen, was Ihnen in der Entfernung leicht entgehen kann, und welches blos der genauer kennen lernt, der die Dinge, welche der äußere Schein oft ganz unkenntlich macht, längere Zeit in der Nähe zu betrachten im Stande ist.

Ich möchte wohl annehmen, daß der Geschmack, die Intelligenz, die Grundsätze, der Ton und der Bildungszustand einer Nation sich in den am meisten gelesenen öffentlichen Blättern am treuesten abspiegeln; wozu ich auch wohl die Produkte der periodischen Presse in allen Nuancen zählen kann. Der einzige Umstand, der diese Regel einigermaßen besonders qualificirt, muß aus den Institutionen des Landes hergeleitet werden. Sind die Institutionen hinreichend populär, so wird die von mir aufgestellte Regel kaum eine Ausnahme gestatten; weil alsdann die Presse, ihre Mittheilungen dem durchschnittlich bestehenden Bildungszustande anpassend, in diesem Falle die Ueberzeugung behält, daß sie auf gleicher Höhe mit dem konstitutionellen Fortschreiten sich behaupte. In dieser Beziehung betrachtet, und mehr mit dem übrigen Treiben der Welt verglichen, als mit den Folgerungen aus abstrakt moralischen und philosophischen Grundsätzen, erscheint die amerikanische Presse der amerikanischen Nation höchst achtungswürdig, so Vieles auch in derselben als verkehrt, unverdaut und gemein, eine strenge Rüge verdienen möchte. Sehen wir uns hingegen nach einem höhern Standpunkte um und betrachten wir die Presse zugleich als Mittel der Belehrung und Aufklarung, dann haben wir weit weniger Ursache, uns derselben zu rühmen. Wenn in ersterer Beziehung unsere Presse eine vorzüglichere Haltung zu behaupten scheint; so ist dies keineswegs dem Publikum in unserm Vaterlande als besonderes Verdienst anzurechnen, sondern vielmehr den weniger vortheilhaften politischen Zuständen anderer Völker; wenn dagegen in letzterer Beziehung unsere Presse keine vergleichungsweise höhere Stufe einnimmt, so liegt der Grund davon in einer Folge von Ereignissen, die eine durchschnittliche Beschaffenheit der Ansichten hervorgerufen haben, gegen welche alle gewöhnlichen Kräfte, ihnen zu widerstreben, unzureichend gewesen sind. Daher ist der durchgängige Charakter Amerikas der der Mittelmäßigkeit.

Obschon es in England genug örtliche politische Gegenstände zu besprechen gibt, welche dem geringsten Maß von Urtheilskraft und Sachkenntniß zugänglich sind, so dienen diese mehr den öffentlichen Blättern als Aushülfe, als daß sie den Ideengang derselben beherrschten. Die Presse findet kein Motiv, diese Gegenstände als Hauptsachen zu berühren, und setzt sich mithin höhere Gegenstände zum Ziel. Während aber die genaueren politischen Erörterungen kaum irgend dem gewohnten Gang der englischen Regierung förderlich sein möchten; so gibt es dagegen eine öffentliche Meinung in England, die sich unabhängig von den bestehenden Satzungen behauptet, die man daher extraconstitutionell nennen könnte, und welche man für wichtig genug hält, um sich gedrungen zu fühlen, sie mit richtigem und schonendem Takt zu leiten, zu dämpfen, zu befeuern, nachdem es die Umstände zu fordern scheinen. Dieser gewöhnliche Kunstgriff wirkt nun durch verschiedene Kanäle, und ein einzelnes Beispiel mag hinreichen, meine Meinung zu erläutern.

Es kann einer auf der Börse ein reicher und einflußreicher Mann sein, ohne daß er irgend eines einzigen politischen Rechts außer den persönlichen Freiheiten, die er mit allen englischen Unterthanen theilt, sich erfreuen könnte; er hat bei den öffentlichen Angelegenheiten keine Stimme, und so weit unmittelbare Repräsentation in Betracht kommt, steht ihm keinerlei Macht im Staate zu.

Dies ist der Zustand, in dem sich Tausende in England befinden; denn, während im eigentlichen Sinne die öffentliche Macht nur eine Geldmacht ist; – denn, man kauft die Sitze im Parliament eben so rückhaltlos, als Anstellungen in der Armee, – so ist doch das gangbare System von der Art, daß es dem Gelde keine Macht durch Qualifikation, sondern nur durch Mitbewerbung mit großen Summen zugänglich macht. Aber während ein solcher Staatspapierspekulant auch keine Stimme in einem so gekünstelten Verwaltungssystem hat, das aber so sehr von der Industrie abhängt, so sehr verschuldet ist, so geneigt zu neuen Anlehen und so verletzlich in Allem, was mit Geldangelegenheiten in einiger näheren Beziehung kommt, so kann doch die Ansicht eines solchen Mannes und seine Gesinnung oft von der größten Wichtigkeit sein.

Ich habe grade dieses Beispiel gewählt, weil die schlimmsten Eigenheiten der englischen Presse aus den Mystifikationen, falschen Grundsätzen, Entstellungen von Thatsachen, Verläumdungen, sowohl nationalen als persönlichen Anfeindungen, schreienden Widersprüchen u. s. w. hervorgehen, welche absichtlich ausgesprochen werden, um die wechselnden und schwankenden Interessen zu einem bestimmten Ziel zu vereinigen, so fern eben diese mannigfachen und veränderlichen Interessen von den Fluktuationen und Zufälligkeiten des Handelsverkehrs, den öffentlichen Fonds und allen den schwebenden Erfordernissen des Staatslebens abhängen, welche ihrer Natur nach größern und öftern Veränderungen unterworfen sind, als der Landbau und die mit ihm zunächst verbundenen Gewerbe, und daher den vollständigsten Beweis für die Wahrheit des tiefbegründeten Ausspruchs liefern: »daß die Liebe zum Gelde die Wurzel alles Uebels sei.«

Um Beispiele von der Wirkung des Geldeinflusses aufzusuchen, braucht man nicht erst nach England zu gehen; denn die Pressen in unsern eignen Städten zeigen diese Wirkung in einem hohen Grade, so daß sie blos durch die näheren Verhältnisse unseres gesellschaftlichen Zustandes in einer etwas veränderten Beziehung sich kenntlich macht, so fern unser socialer Zustand weniger verwickelt ist und weniger in seinem geordneten Gang gestört werden kann, daher weniger Wachsamkeit und folglich auch weniger schriftstellerische Bravour nöthig macht.

Im Ganzen möchte ich daher wohl behaupten, daß der vorherrschende Charakter der englischen Presse von der Nothwendigkeit beherrscht wird, daß sie hauptsächlich die Gunst derer sich erhalte, auf welche sie wirken will, derjenigen nämlich, welche die so künstlich in einandergreifenden Interessen allein zu fördern im Stande sind, und ohne deren Unterstützung sie später oder früher immer weniger Zusammenhalt erringen würden, und welche zu gleicher Zeit unter den obwaltenden Umständen für die Macht und Wohlfahrt der ganzen Nation von der größten Wichtigkeit sind. Wo solche Zwecke das Hauptziel sind, da müssen alle politischen Parteikämpfe als Nebendinge weichen, weil eben bei jenem höhern Ziel nicht blos das Wohl einer Partei, sondern das der ganzen Nation auf dem Spiele steht. Wenn man nicht mit Unrecht gesagt hat, daß die Sonne bei ihrem täglichen Weg um die Erde immerfort von der englischen Reveilletrommel begleitet werde, so hätte man mit eben so viel Recht hinzusetzen können, und überall folge der Sonne in ihrem täglichen Weg um die Erde das Heer von Sophismen, die aus der Durchkreuzung so verschiedenartiger Interessen hervorgehen.

In der ängstlichen Bewachung und Bewahrung dieser Interessen sind alle Parteien ganz einsgesinnt. In dieser Beziehung besteht keine abweichende Meinung weder der Times von dem Courier, noch zwischen der Edinburger und der Quarterly Review. Sie pflegen über die Früchte dieser Nationalvortheile miteinander bisweilen in Streit zu gerathen; aber mit vereinten Kräften stehen sie gegen die ganze Welt auf, wo es gilt, für das englische Interesse zu kämpfen. Wir brauchen uns nur dessen zu erinnern, daß Herabsetzung und Verläumdung die gewöhnlichen Wege sind, wo man sich der Schwäche seiner Gründe und der Werthlosigkeit seiner Beweisführung bewußt ist, eben so wie Knaben sich mit Steinwürfen und Knittelwerfen zu wehren pflegen. Demnach möchte ich wohl behaupten, daß theils schamlos hervortretender, theils schlecht verhehlter Nationaleigennutz die vorherrschende Eigenthümlichkeit der englischen Presse bezeichnet. Damit behaupte ich nicht, daß der einzelne Engländer mehr als der einzelne Amerikaner oder einzelne Franzose, selbstsüchtig sei; sondern ich behaupte, daß der Engländer sich in einem solchen Zustande von Geldreichthum befindet, daß er sich überall gefährdet sieht, und daß er, in einem beständigen Kamps eigentümlicher Art gegen alle, die er als Mitbewerber betrachtet, von immerwährender Eifersucht angeregt wird, welche die bösen Neigungen und schlechten Handlungen des unersättlichen Geldhungers fortwährend in Bewegung setzt.

Das mechanische Treiben der englischen Presse kennen Sie schon. Viele Talente finden Sie mit viel gemeiner Unwissenheit durcheinander gemengt im Fach der mitzutheilenden Neuigkeiten; in dieser Hinsicht scheinen die englischen Tagblätter einen weiteren Kreis von Gegenständen des Geschmacks und der Gelehrsamkeit sich zum Ziel gesetzt zu haben, als solches bei uns der Fall ist. Mehre unserer Tagblätter, selbst in Städten, erheben sich nicht wesentlich über das ganz Gewöhnliche in Styl und Ausdrucksweise, indem sie hierin einen ganz alltäglichen Geschmack und einen sehr zweifelhaften Grad von Bildung vor Augen haben. Doch kaum erinnere ich mich, jemals in amerikanischen Journalen, die nur den geringsten Anspruch auf Achtungswürdigkeit machen könnten, solche niedrige und durchaus gemeine Paragraphen angetroffen zu haben, als hier häufig sogar in denjenigen Tagblättern vorkommen, die in dem höchsten Ruf stehen. Die gewöhnlichen Laden-Ausdrücke, wie »ganze Figur«, »guter Artikel«, »aufgeputzt«, »ausgeschält«, nebst andern Pearl-Street-Ausdrücken, kommen häufig vor in den Hauptartikeln der New-Yorker Blätter, während die entsprechenden Aufsätze in den Londoner Zeitungen in der Regel weit besser stylisirt sind. Dagegen findet man täglich die gemeinsten und niedrigsten Spießbürgereien mit den gröbsten Sprachfehlern durchmengt, kein Versehen der Eile und Unachtsamkeit, sondern unverkennbare Gemeinheiten, in den Nebenartikeln der englischen Zeitungen. Von dieser Art sind die gemeinen Ausdrücke: »Denken Sie, mich (statt: daß ich) einen Brief schreiben (statt: schreibe).« – »Er war angenehm (statt: bereitwillig) zu gehen.« – »Ich bin empfohlen (statt: man räth mir) da zu bleiben« u. d.  gl. Think of me (my) writing a letter – he was agreeable (he agree'd) to go – I am recommended (advised) to stay.

Man ist gewohnt, die Talente der Mitarbeiter an den Times zu überschätzen. Ich bin seit mehren Jahren ein aufmerksamer Leser dieser Zeitung gewesen und kann nicht anders sagen, als daß es mir oftmals aufgefallen ist, wie wenig dieses Blatt seinen hohen Ruf verdiente. Daß darin gelegentlich recht stark ausgedrückte, sogenannte schlagende Artikel vorkommen, ist wahr, denn seine weite Verbreitung sichert diesem Blatt allerdings tüchtige Beiträge von geschickten Mitarbeitern; aber im Ganzen kann ich dieser Zeitung nur einen sehr untergeordneten Rang neben manchen andern englischen und nur einen sehr tiefen Rang neben manchen französischen Journalen zugestehn. Es heißt, dieses Blatt sei ein Spiegel der Zeiten und der Name entspreche daher dem eigenthümlichen Charakter desselben. Doch die Lösung des Räthsels seiner Berühmtheit führt zu nichts Anderem, als zu der Ueberzeugung, daß die Unternehmer dieser Zeitung ihren Vortheil gut verstanden, daß ihnen die häufige Verbreitung des Blattes selbst mehr am Herzen liegt, als die Verbreitung der darin ausgesprochenen Grundsätze, und daß sie es mit der Schonung der Vorurtheile, da solches Vortheil bringt, weit lieber zu thun haben als mit der Widerlegung derselben, weil solches einem vielgelesenen Blatte leicht seine Popularität nehmen könnte. Das in den Times die Namen grade zu genannt sind, daß die persönlichen Angriffe in denselben durch ihre Keckheit sich bemerklich machen, ist grade kein Beweis größern Talents der Mitarbeiter, sondern höchstens dazu geeignet, dem alltäglichen Menschenverstande zu imponiren.

Unter allen scheint mir das Morning-Chronicle dasjenige Londoner Journal zu sein, in welchen das vorzüglichste Talent entwickelt wird. Doch diese Erscheinung geht wohl meist daraus hervor, daß dieses Journal liberalen und gerechten Grundsätzen sich zuwendet; denn ebendeßhalb braucht es nicht, gleich andern gleichzeitigen Blättern, zu verwickelten Mystifikationen und fein ausgeklügelten Sophismen seine Zuflucht zu nehmen um an sich verkehrte und rechtswidrige Zustände zu vertheidigen. Man sollte überhaupt bei der Betrachtung aller der Lieblingstheorien, die in England auskommen, nie vergessen, daß man dort die Theorie im faktisch Bestehenden, aber nicht das faktisch Bestehende in der Theorie angefaßt hat. Seit 1828 ist das Journal, genannt ›The Examiner‹in andere Hände übergegangen, und wiewohl ich wenig Gelegenheit hatte, dies Blatt selbst genauer zu lesen, so pflegte ich doch die in ›Galignani's Messenger‹ vorkommenden Auszüge daraus jedesmal durchzusehen. Dürfte ich aus diesen auf den Werth des Blattes schließen, so bin ich der Meinung, das in nachdrücklicher, gründlicher, wahrheitgetreuer, deutlicher und bestimmter, männlicher und treffender Schreibart diesem Journal die vorzüglichste Stelle in diesem Fach von Literatur gebührt. Anm. d. Verf.

Gelegentlich sind mir Artikel aus dem Journal, genannt: the Scotsman, zu Gesicht gekommen, welches ganz in der graden einfachen Weise geschrieben ist, wie man es von der wahrhaftigen und redlichen Gesinnung der Verfasser erwarten kann. In diesem Blatte macht sich eine so klare, gesunde Lebensansicht bemerklich, daß man notwendig demselben eine hohe Stelle unter den jetzigen Zeitschriften zuerkennen muß.

Ich erinnere mich nicht, jemals in einem der beiden letztern Blätter irgend Etwas gefunden zu haben, was die gierige Kralle der Geldwuth verrathen hätte, wovon ich vorhin gesprochen habe, und doch will ich nicht gradezu in Abrede stellen, daß beide durchaus rein von diesem Vorwurf dastehen. Doch scheint es, daß die Leitung dieser beiden Journale mit zu viel Talent geschieht, als daß sie sich entwürdigenden Maßregeln zu illiberalen Zwecken hingeben sollten, wodurch sie den bessern und edlern Gefühlen aller rechtlich gesinnten und rechtlich handelnden Männer leicht anstößig werden könnten.

Mr. Canning hat noch kurze Zeit vor seinem Tode öffentlich den moralischen Einfluß Englands auf die übrige Welt gepriesen, durch welchen es ihm möglich werde, seinen politischen Maßregeln den erforderlichen Nachdruck zu geben. Es ist auch Nichts offenbarer, als der faktische Umstand, daß in den englischen Zeitungen oftmals Artikel vorkommen, welche irgend eine Wirkung in andern Staaten hervorzubringen bezwecken. Ich glaube indessen, daß die Engländer diesen Einfluß auf andere Staaten durchaus zu hoch anschlagen; und es scheint mir nicht, daß die in den englischen Zeitungen geäußerten Meinungen in irgend andern Ländern als wichtig angesehen werden können, als höchstens in Amerika. Die Engländer stehn als Volk in keiner sonderlichen Gunst bei den Europäern; letztere machen sich weit eher lustig über ihre Ansichten, als daß sie sich von ihren Täuschungen willig blenden ließen. Die englische Aristokratie übt dagegen durch Reichthum, Macht und Denkungsart einen großen Einfluß auf die Wünsche aller europäischen Aristokratien aus, die ganz natürlich darnach trachten, es ihnen in allen Stücken gleich zu thun, aber die in diesem Stande herkömmlichen Zwecke dürften schwerlich geeignet sein, in öffentlichen Blättern ohne Hehl ausgesprochen zu werden. Damit will ich nicht sagen, daß die englischen Blätter diese Klasse der Gesellschaft gar nicht berücksichtigen, daß sie deren Interessen nicht förderlich wären; vielmehr suchen sie insonderheit sich im Interesse der englischen wie aller übrigen Aristokratien wirksam zu beweisen; dieses geschieht indessen durch verstecktere Maßregeln, nicht auf dem Wege der Beweisführung und nicht durch die Aufregung der menschlichen Leidenschaften. Die englische Presse fördert nämlich das aristokratische Interesse, indem sie die freigebigen und großmüthigen Handlungen einzelner Individuen der ganzen Körperschaft öffentlich bekannt macht, indem sie die Geldsummen berechnet, womit solche die eingekerkerten Schuldner losgekauft, und die Anzahl der Decken berechnet, welche sie an arme Leute vertheilt haben. So läßt man die linke Hand immerfort wissen, was die rechte gethan, wenn sie dem Arm der Großen und Vornehmen angehört, während man der Bescheidenheit der Niedrigeren und nicht Vornehmen durchaus nicht zu nahe tritt und das von ihnen ausgehende Gute wie billig mit Stillschweigen übergeht. Damit noch nicht zufrieden, benachrichtigt man alle Welt recht genau, welche prächtige Gastmähler die Großen von Zeit zu Zeit veranstalten, mit namentlicher Erwähnung der dabei anwesenden Gäste und sorgfältiger Beschreibung, in welchen Anzügen die Damen dabei erscheinen. Der Heißhunger der niederen Stände, immer etwas Neues von dem Thun und Treiben der höhern Stände zu erfahren, wird täglich auf die eine oder die andere außergewöhnliche Weise befriedigt – ich glaube kaum, daß dergleichen sonst irgendwo vorkommt – und tausende von träumenden Jünglingen und heirathsfähigen Jungfrauen bringen ihre Tage in dem Hochgenuß zu, aus der Ferne sich in Betrachtungen zu verlieren, die sie einem Zustande andichten, den zu erreichen ihre Verhältnisse nicht gestatten, und dessen wirkliches Erreichen das ganze eingebildete Glück zerstört. Scherzhaft sagt der Verfasser wenige Zeilen vorher: »ich glaube kaum, daß dergleichen sonst irgendwo vorkommt.« Wir wissen, wie allgemein das Glück der Vornehmen von den Nichtvornehmen beneidet wird; während nur das Glück des wahrhaft Gebildeten diesen Namen in jedem Stande verdient. Wie öde und leer ist das Leben der Reichen und Mächtigen, die ihren Ueberfluß nicht zum Besten ihrer Nebenmenschen, ihre Macht nicht zum Glück der weniger Vermögenden zu benutzen verstehen. Der Vorzug der Vornehmen, daß sie mehr Gutes stiften könnten, wird nicht blos von ihnen selbst, sondern auch von andern Leuten übersehen. Um mehr selbst genießen zu können, wünschen die Meisten vornehm zu sein, und drängen sich in die Nähe der Großen in eigensüchtiger Absicht, und verknechten in der Bewunderung unverdienten Genießens, statt selbstständig durch gediegene Thatkraft sich ein verdientes Glück zu erringen, welches der vornehme Müssiggang nicht kennt.

Ich erinnere mich, daß, als ich um das Jahr 1826 London besuchte, ich über einen solchen Bericht, wie Lord A. und Lady B. und Sir Thomas C. ihre Morgenzeit hingebracht hätten, der hier in den gewöhnlich vorkommenden Darstellungen aus dem fashionablen Leben mitgetheilt wurde, recht herzlich lachen mußte, als ein Amerikaner, der lange Zeit in England gewesen war, mich ernstlich versicherte, Tausende würden das Blatt weder kaufen noch lesen, wenn diese wichtigen Mittheilungen daraus weggelassen würden. Dieses Anstaunen des Treibens der Vornehmen trägt viel zur Verachtung bei, mit welcher Standespersonen öfter auf ihre Mitmenschen herabsehen. Die Vornehmen würden besser sein, wenn die niedern Stände ihnen nicht schmeichelten; sondern sie nicht mehr achteten, als sie durch ihre Tugenden gerechten Anspruch auf Achtung machen können. So gibt es Bücher, welche die Stammbäume, die Titel, die Beförderungen, die Familienverbindungen der Peers enthalten, und Hunderten von inbrünstigen Verehrern des vornehmen Standes hohen geistigen Genuß gewähren. Diese Bücher, welche ihren eignen Nutzen haben könnten, um etwas genauer mit denen bekannt zu werden, die, als die ersten Männer des ansehnlichsten Reichs, die öffentlichen Angelegenheiten unter ihrer besonderen Leitung verwalten, sind erst neulich auch auf die weniger wichtigen Baronets und Knights ausgedehnt worden, und letzthin auch auf alle anständige und wohlhabende Leute im ganzen Lande. Das Ganze kann zu einem merkwürdigen Studium führen, wenn Jemand sich damit abgeben will, genau der Grundlage aller bestehenden Macht sorgfältig nachzuspüren, und die Mittel kennen zu lernen, durch welche die einzelnen Familien zu Macht und Einfluß gelangt sind; Unter der Regierung der Königin Anna gab es unter etwas über zwanzig Herzögen im ganzen Königreiche derer sechs, die in grader Linie in männlicher Nachfolge von den natürlichen Söhnen König Carl's des Zweiten abstammten, nämlich die Herzöge von Richmond, Grafton, Cleveland, Northumberland, Saint-Albans und Buccleugh. Die Herzoglichen Häuser von Northumberland und Cleveland starben aus; aber die Titel lebten später in andern Geschlechtern wieder auf; nur die Herzogtümer von Richmond, Saint-Albans, Grafton und Buccleugh sind noch im Besitz der Nachkommen Carl's. Georg der Erste besann sich nicht, seine Geliebte in den Adelstand zu erheben, er machte sie zur Herzogin von Kendal; ebenso machte Georg der Zweite die seinige zu einer Gräfin von Yarmouth. Diese beiden Frauen gelangten zur Peerschaft, weil sie königliche Liebschaften waren; doch von den natürlichen Kindern wurde keins geadelt. Georg der Dritte war noch behutsamer in seinen Liebeshändeln, und wenn er auch, wie man behauptet, mehre natürliche Kinder hatte, so wurde doch keins von ihnen öffentlich anerkannt. Dasselbe gilt von Georg dem Vierten, der weit weniger behutsam war. Die Macht der Aristokratie war zu solchem Ansehen gelangt, daß ihr nicht wohl zugemuthet werden konnte, daß natürliche Kinder des Königs gleichen Rang mit ihnen erhielten. Doch im Jahr 1831 entstand ein Kampf zwischen den verschiedenen Casten des englischen Volks, wodurch das königliche Ansehen aufs Neue stieg. Um ihn für ihre Partei zu gewinnen, sorgten die Whigs dafür, daß der älteste seiner natürlichen Söhne zum Peer des Reichs ernannt wurde, und daß seine übrigen natürlichen Kinder, die er von Mrs. Jordan hatte, sämmtlich geadelt wurden. aber man liest sie in England mit Begierde, wie es scheint, aus keinem andern Beweggrund, als um etwas mehr von den Wesen kennen zu lernen, die in Beziehung auf die übrige Menschenmasse gleichsam wie Geschöpfe einer höhern Ordnung betrachtet werden.

Indem aber die Journale auf diese Weise beitragen, das Ansehen der Aristokratie dadurch aufrecht zu halten, daß sie diese krankhaften Gelüste der Nichtbevorrechteten immer noch vermehren helfen; so bewirken sie dagegen auf andere Weise den Sturz derselben, grade jetzt, durch ihre offenen und rohen Angriffe. Zwar kann ich nicht sagen, daß ich jemals mit einem Engländer zusammengetroffen wäre, der nicht einigermaßen dem Einfluß jener die englische Nation charakterisierenden Verehrung der Vornehmen sich hingäbe – denn, um offenherzig zu reden, ich kenne sogar kaum zwanzig Amerikaner, die ganz frei von dieser Schwäche sind; – aber es gibt doch eine bedeutende Anzahl, die, indem sie ihre eigne Vernunft und ihre Lebenserfahrung zu Rathe ziehen, im Stande sind, die Täuschungen eines blendenden Systems zu entdecken, und die kein Bedenken tragen, diese Täuschungen in ihrer Blöße in den öffentlichen Blättern darzustellen. Von dieser Art kenne ich wenigstens ein Dutzend achtungswürdiger Männer, die mich daran erinnern, welchen dauernden Eindruck die Spukgeschichtchen aus der Kinderstube auf die menschliche Seele hervorzubringen im Stande sind. Wir verschlingen solche Ammenmährchen im zarten Kindesalter mit der größten Begierde, und wenn auch im spätem Alter die ruhige und vernünftige Ueberlegung uns von ihrer Ungereimtheit überzeugt, so gehen doch Wenige von uns in dunkler Nacht über einen Kirchhof, ohne daß uns ein Grauen überfällt, als könnten vielleicht, in ihre Leichentücher gehüllt, ihre Insassen aus den Gräbern steigen. So pflegen selbst die kühnsten Männer in England, während sie tiefgründlich über das Ungerechte und Unzweckmäßige der aristokratischen Einrichtungen philosophiren, bisweilen verstohlen umzublicken, als hätten sie jählings einen Lord erblickt. – Wie fest diese Eindrücke hier in den Menschen wurzeln, können Sie schon daraus abnehmen, daß selbst bei uns Amerikanern noch mancher Ueberrest davon geblieben ist. Gewiß bekümmert sich die Masse des amerikanischen Volks nicht mehr um einen Lord, als um einen hölzernen Keil; vielleicht sind auch die Ansichten der wahrhaft Gebildeten in unserem Lande so weit fortgeschritten, als sie es in diesem Punkte sein sollten, um einen hohen englischen Adlichen für Nichts mehr anzusehen, als für einen Mann aus den höhern Ständen. Steigen Sie aber zu derjenigen Klasse bei uns herab, die derjenigen höhern, welche sich bereits in unsere höchsten Ansichten hineingelebt haben, am nächsten steht, so werden Sie bei dieser noch viele schneidermäßige Begriffe in der Art bemerken, wie sie einen englischen hohen Adlichen gleichsam als ein höheres Wesen anstaunen. Ach! es ist bei weitem leichter, einen Krieg anzufangen, Siege auf dem Schlachtfelde zu erringen und eine politische Unabhängigkeit zu begründen, als einen vollständigen Sieg über ererbte Vorurtheile geistig zu erkämpfen. Es ist ein außerordentliches Glück für Amerika, daß das factisch Bestehende so fest begründet ist, daß es durch nichts mehr rückgängig gemacht werden kann. Wäre unser Schicksal den schwankenden Meinungen preis gegeben, dann fürchte ich, würden wir manche Dinge erleben, welche unsre Weisheit nicht durchaus bewähren würde!

Es hieße nicht der englischen Presse vollständiges Recht wiederfahren lassen, wenn wir ihre Geneigtheit, in gemeine nationale und persönliche Verlästerungen auszuarten, mit Stillschweigen übergehen wollten. Die Gewohnheit, zu dem verwerflichen Mittel zu greifen, daß man sich zu niedrigen persönlichen Verunglimpfungen herabläßt, gegen Alle, welche den Maßregeln der bestehenden Regierung Hindernisse in den Weg zu legen scheinen, oder die sich mit männlichem Muthe ausgerüstet fühlen, um ihre Meinungen über alle das Vaterland betreffende Gegenstände offenherzig zu äußern; mögen sie auch so gerecht, so bescheiden, so redlich, als irgend thunlich, dabei zu Werke gehen, ist Alles nur zu sehr bekannt, als daß darüber noch irgend ein Zweifel bestehen könnte. Es ließe sich vielleicht als menschliche Schwäche entschuldigen, wenn man seine Feinde lächerlich zu machen sucht; aber die Engländer verläumden und verlästern sie gradezu. Sie haben jeden ausgezeichneten Mann unserer Revolution verläumdet: kein Heerführer darf es wagen, sie zu besiegen, ohne daß sie ihn verlästern; und die Napoleon zugeschriebenen Schändlichkeiten gingen sämmtlich aus dieser nationalen Verlästerungssucht hervor. Manche Engländer, mit welchen ich über diesen Gegenstand gesprochen habe, läugneten diesen Hang zu beleidigenden Ausfällen in ihren öffentlichen Blättern durchaus nicht, versuchten aber, solche den Gefühlen der Nation zuzuschreiben, dessen beleidigtem Ehrgefühle diese Aeußerungen entsprängen! Das heißt mit andern Worten, der Sünde die christliche Liebe als Beweggrund unterschieben, oder die Sünde aus christlicher Gewissenhaftigkeit ableiten. Gewiß, zum Anwalt der persönlichen und politischen Moralität Napoleon's fühle ich mich keineswegs berufen. Was seinen moralischen Charakter betrifft, so glaube ich, stand er mit den meisten Franzosen seiner Zeit und unter ähnlichen Verhältnissen auf ziemlich gleicher Stufe; aber wenn das englische Ehrgefühl sich dadurch so innig verletzt fühlte, wozu suchten sie denn aller Orten immerfort Dinge aufzuraffen, die es immer noch mehr verwunden mußten? Ich zweifle, ob man Napoleons Privatleben irgend eine ähnliche Intrigue zur Last legen kann, wie die, welche zwischen der »schönen Quäkerin« und Georg dem Dritten vorfiel, oder irgend etwas Schlimmeres, als jeder wohlunterrichtete Mann von dem gegenwärtigen Treiben am Hofe von Windsor erzählen könnte. Haben Sie noch nie das bekannte französische Liedchen gehört?

» Malbrouk s'en va-t-en guerre
u s.w. u.s.w. u.s.w.

Malbrouk war, wie Sie wissen, jener berühmte Herzog von Marlborough und das französische Volksliedchen ist im Sinne des französischen Volks eine Rache, welche es an dem großen Feldherrn für die öftern Niederlagen übte, welche es durch seinen tapfern Arm erlitt. Die Erfindungskraft, auf diese Art einen Feind zu besiegen, ist nicht weit her; es ist lächerlich, einem Feind mit schlechten Versen auf den Leib zu rücken, den man weder aus dem Felde schlagen, noch niedermachen kann. Jetzt stellen Sie sich aber einmal vor, wäre Wellington und sein Kriegsglück auf französischer Seite gewesen, welche Verlästerungen er hätte erdulden müssen! Ich habe noch nie einen Franzosen angetroffen, der nicht einen aufrichtigen Widerwillen gegen Wellington geäußert hätte; gräuliche Geschichten vom Bois de Boulogne und andere ähnliche Ungereimtheiten werden erzählt, worin der beleidigte Kriegerstolz der Franzosen sich Luft macht; aber noch nie hörte ich in Frankreich eine persönliche Verleumdung über diesen Mann aussprechen, wenn es nicht die Rüge einer öffentlich verübten Handlung war. Die Franzosen sagen ihm nach, er habe zugelassen, daß die einzelnen Punkte der Pariser Capitulation verletzt worden seien; aber das Privatleben dieses Mannes lassen sie durchaus unangetastet.

Bisweilen war ich nicht weit davon entfernt, anzunehmen, diese Sucht zu klatschen liege in der angelsächsischen Natur; denn auch in unseren eigenen Zeitungen gibt sie sich öfter zu erkennen; und zwar finde ich diese Eigenschaft vorzüglich bei den Publicisten von New-England, welche nicht nur weit mehr von dem ungeschlachten gesunden Menschenverstand und den derben männlichen Eigenschaften aus dem Lande ihrer Väter herübergebracht, sondern auch weit mehr von ihren verläumderischen Neigungen geerbt zu haben scheinen, als ihre mehr südlich angesiedelten Zeitgenossen. Ich habe mir Mühe gegeben, nach dem Grund dieser Eigenheit zu forschen, und einmal fühlte ich mich durchaus geneigt, sie aus einem niedrigen Bildungszustande der Masse der Nation abzuleiten, die ich dann wieder aus den bestehenden Institutionen ableiten wollte; so wie es bei uns unter den Schwarzen für ein arges Schimpfwort gilt, wenn einer seinen Kameraden einen »Nigger« heißt; doch längere Beobachtung hat mich gelehrt, daß jener von mir vorausgesetzte niedrige Geschmack oder Bildungszustand höchstens als eine Nebenursache betrachtet werden könne. Die Ironie, als habe der Verf. den Grund der Gemeinheiten amerikanischer Blätter in der demokratischen Verfassung gesucht, ist, wie man aus andern Stellen abnehmen kann, ebenfalls ein Seitenhieb auf die englischen Ausfälle wider die Amerikaner. Anm. d. Uebers. Die Presse zieht jetzt über diesen schlechten Geschmack los, liefert aber selbst einen starken Beitrag dazu, und sie ist es, die ihn eigentlich recht in Aufnahme gebracht hat. Ich bin jetzt ziemlich überzeugt, daß der wahre Grund dieser Lästerungssucht nur in der dem Wuchergeiste einwohnenden Gemeinheit gefunden werden kann, in dem wühlenden und raffenden Streben launiger und habgieriger Handelsinteressen, diesem eingebildeten Ziel der Nationalwohlfahrt, das in den unverholenen Ausbrüchen unersättlichen Geldhungers sich kenntlich macht. Blicken Sie um sich, wie man es bei uns treibt, und Sie werden gewahr werden, wie die öffentlichen Blätter fast einzig denen zu Gebot stehen, welche den meisten Einfluß in der Handhabung jener fluctuirenden Interessen behaupten, die alle aus derselben habgierigen Quelle entspringen. »Die Liebe zum Geld ist die Quelle aller Uebel,« und die Neigung, alle diejenigen zu verlästern, welche der Raubsucht der Geldmenschen im Wege stehen, ist eine ihrer unschuldigsten Abscheulichkeiten.

Es ist ganz offenbar, daß in England gar Vieles geschrieben wird, dessen Hauptzweck kein anderer ist, als uns den Markt zu verderben. Die Engländer, welche die Leitung der Review's und Journale übernommen haben, wissen recht gut, welchen Einfluß sie auf die öffentliche Meinung in Amerika ausüben; und Sie können versichert sein, daß eine Nation, die ihre Stärke in der Combination und in der Methode findet, kein sich ihr offen darbietendes Mittel unversucht läßt, um ans Ziel zu gelangen. Es leidet kaum einen Zweifel, daß solche Artikel, die besonders ungünstig für Amerika lauten – niedrige, entwürdigende Verunglimpfungen, welche blos bei den gemeinsten Neigungen der Engländer Anklang finden – unter der Leitung der Regierung vorbereitet und zugerichtet, in den Quarterly Review eingerückt werden. Mr. Gifford, der mich genau von der Sache unterrichtet hat, wie dergleichen eingeleitet zu werden pflegt, hat dies auch einem andern Amerikaner mitgetheilt. Daraus vermuthe ich, daß dasselbe bei den täglich erscheinenden Blättern statt findet. Wenigstes fünfzig Artikel sind mir während meines jetzigen Aufenthalts hier zu Gesicht gekommen, deren Verfasser ordentlich ihre Freude daran haben mochten, mit welchem Uebergewicht sie die Gemüther der Amerikaner verletzen würden. Dieses Uebergewicht im Verlästern hat keinen andern Zweck als die Förderung des englischen Interesses und die Behinderung des unsrigen, und dies Treiben übersteigt alle Vorstellungen, die Sie sich davon machen könnten. Ob die englische Regierung auch in diesem Augenblicke noch ihre Leute hält, die in unsern eignen Blättern im Interesse Englands thätig sind, darüber kann ich mit Gewißheit keine Auskunft geben; doch auf dem europäischen Festlande hält die englische Regierung dergleichen Leute, worüber kein Zweifel besteht, und es ist mir wahrscheinlich genug, daß es ihr an solchen Agenten selbst in Amerika nicht fehlt.

Man spricht zwar von der fatalistischen Prädestination der Türken, aber ich möchte wohl fragen, ob es auf der ganzen Erde ein Volk gibt, welches seine theuersten und wichtigsten Interessen so unbekümmert dem Ungefähr ganz überläßt, als das Unsrige. Sowohl unser Volk als unsre Regierung scheinen mir beide sich einzig auf die Vorsehung zu verlassen, dazu in Dingen, die unsre künftige Wohlfahrt betreffen; sie übergeben die öffentliche Stimmung durchaus der Leitung ihrer nimmer rastenden Feinde; sie versäumen und vernachlässigen es ohne Scheu, selbst für die Förderung unseres allgemeinen Vortheils zu sorgen; selbst diejenigen, die uns nützlich werden können, überläßt man ihrem Schicksal und gestattet vielmehr, daß sie jener feindlichen Partei sich anschließen. Der Führer einer politischen Faction darf bei uns ungestraft sein Wesen treiben; wer aber für das Beste seines Vaterlands auftritt, wird der Barmherzigkeit des gemeinschaftlichen Feindes gradezu überliefert. In dieser Beziehung gleichen wir von einer Anzahl Landleuten, die einer Schaar von Taschendieben in die Hände fallen, – ganz voll von uns selbst, aber durchaus unwissend über die mögliche Gefahr, welche uns von allen Seiten bedroht.

Wenn ein junger Engländer sein Glück machen will, so kann er sich auf diesem Felde üben und seine Feder für oder wider das gemeinschaftliche Interesse in Thätigkeit setzen. So kann er sich gegen das demokratische Princip aussprechen, das englische System des freien (Allein-)Handels herausstreichen, Vorurtheile wider Amerika anregen und befestigen, Neid und Widerwillen gegen Rußland unterhalten, beweisen, daß Antwerpen ja nicht im Besitz der Franzosen bleiben dürfe, oder er kann irgend ein anderes Interesse der Nation zu befördern suchen; – ist er dabei ein anstelliger Mensch, so wird ihn die Regierung sicherlich beachten und zu seiner Zeit belohnen. Manche der ausgezeichnetsten Männer in England haben auf solchen Wegen sich ihre Celebrität erzwungen.

Wir wollen uns einmal vorstellen, ein Amerikaner suche auf ähnliche Weise den Weg zu seinem Fortkommen. Die amerikanische Nation ist so wenig ein Gegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit der europäischen Welt, daß man hundert gegen Eins wetten könnte, daß man hier ihn gar nicht beachten würde. Wir wollen aber einmal voraussetzen, es gelänge einem Amerikaner, in Europa Aufmerksamkeit zu erregen, und er besäße wirklich das Geschick, seinen Behauptungen ruhiges Gehör zu verschaffen. Sobald er sich irgend erlaubte, England in seinen Vorurtheilen oder in seinen Interessen anzugreifen; sogleich würde er, wie sich das von selbst versteht, heruntergesetzt und verlästert werden; denn, wen hat wohl die englische Presse jemals unter solchen Verhältnissen verschont? Ohne Zweifel würden sogleich Tausende von ehrlichen und gebildeten Publicisten sich bereit halten, ihre Landsleute auf alle mögliche Weise zu rächen; und ohne Zweifel würde die Regierung sogleich ihren weiten Mantel um ihren Freund hüllen und der Welt die Anerkennung des Vertreters ihrer Würde und ihres Interesses nachdrücklich empfinden lassen? Weit gefehlt; vielmehr würde der Mißbrauch der englischen Presse zur Verunglimpfung derjenigen, die das Beste unseres Landes vor Augen haben, in Amerika noch weit stärker, als selbst in England, unterstützt werden; ihre lügenhaften Berichte, so elendes Machwerk, so unerhörtes Zeug sie auch enthalten dürften, würden bei uns mit Heißhunger verschlungen werden, wie man wohl allerlei Residenzgeklatsch in den fernen Provinzen verschlingt, und was unsere Regierung betrifft, die steht längst schon in dem Ruf bei den Engländern, daß sie denen das meiste Vertrauen schenkt, welche öffentlich ihre vaterländischen Gesinnungen verläugnen! Wohl haben Manche Ursache zu sagen, daß wir Gott den innigsten Dank für die Segnungen schuldig sind, die er uns gespendet hat; denn wenn Gott sich unserer nicht vorzugsweise erbarmte, so würden wir völlig ohne Schutz unseren Feinden preisgegeben sein.

Recht auffallend ist es mir gewesen, wie wenig hier die Reviews beim Publikum gelten. Es gibt zwar einige Ausnahmen; im Ganzen aber könnte man es als Regel annehmen, daß diejenigen kritischen Blätter, die hier fast gar keinen Werth haben, bei uns gerade von außerordentlichem Einfluß zur Bestimmung unseres Urtheils über literarische Erzeugnisse sind. Jedermann, der einigermaßen sich über das Gewöhnliche erhebt, scheint recht gut einzusehen, daß »die Uebersichten (reviewing) nichts als eine fortgesetzte allgemeine Mystifikation des Urtheils der Menge« darstellen.

Bei allen diesen Vergleichungen übersehen wir nur zu leicht die statistischen Fakta von Amerika. Eine kleine Abschweifung wird Ihnen meine Ansicht erläutern. Wenn wir von der englischen Zivilisation in abstraktem Sinne reden, dann brauchen wir uns zu keinen Uebertreibungen verleiten zu lassen, die englische Zivilisation nöthigt uns ohnehin Bewunderung ab. Doch wenn wir die englische Zivilisation mit der unsrigen vergleichen wollen, dann dürfen wir diesen Gegenstand nur mit Rücksicht auf die näheren Umstände betrachten. Wenn die ganze Bevölkerung der Vereinigten Staaten in dem einzelnen Staat New-York zusammengedrängt wäre, so würde ungefähr dasselbe Verhältniß der Bevölkerung zu dem Raum, den sie einnehmen würde, herauskommen, wie es gegenwärtig in England besteht. Wenn man eine Weile diesen Umstand erwägt, so wird nothwendig vor allen Dingen uns dasjenige am meisten auffallen, was mit den physischen Folgen dieses Unterschiedes zwischen beiden Völkern zunächst zusammenhängt. Die Mittelzahl der Bevölkerung des Staats New-York betrug während der letzten dreißig Jahre weit unter einer Million; doch hätte sie während derselben Zeit auch vierzehn Millionen betragen, und nähme man dabei gar keine Rücksicht auf den Unterschied im Reichthum, wie wenig würde England alsdann noch Ursache haben, sich über uns zu erheben! Wir wollen gar nicht von den allmähligen Fortschritten reden, welche nothwendig vorhergehen mußten, ehe unsere Bevölkerung die verschiedenen Veränderungen seit ihrer ersten Ansiedlung durchleben konnte, die vielleicht als größere Fortschritte erscheinen, als sie wirklich sind; doch haben wir schon ziemlich ebenso viel zu Stande gebracht, als England während dieser ganzen Zeit ausgeführt hat; in Kanälen, Eisenbahnen, Brücken, Dampfböten und allen andern Dingen, meine ich, wodurch sich eine weitfortgeschrittene Volksbildung kund zu geben pflegt. Auf diese Dinge dürfen wir mit Recht stolz sein; sie erläutern die Grundsätze, nach welchen wir den Bau unserer künftigen Größe und Macht auf die Belebung der allgemeinen Industrie immer weiter fortführen sollen. Diese Fortschritte sind recht eigentlich aus unsern Institutionen hervorgegangen.

Wenn wir dagegen Anspruch auf seine Geschmacksbildung, auf künstlerische Fortschritte in Gegenständen der Verfeinerung und des Luxus machen wollen, welche nur in einem ältern Staate, oder in einem solchen, wo die gedrängte Bevölkerung eine Häufung von Bedürfnissen erzeugt, recht eigentlich entwickelt werden kann, dann freilich kehren wir unsere schwächste Seite heraus. Denn die Klasse von Gebildeten letzterer Art ist bei uns vergleichungsweise nur klein. Und doch scheint es mir, daß die Zahl derselben bei uns unter einer gleichen Anzahl Menschen fast noch größer ist, als bei jedem andern Volke, wiewohl meine letztere Meinung sich auch nur in einzelnen Beziehungen rechtfertigen läßt. Von Musik, Malerei, Bildnerei oder andern schönen Künsten, deren Erzeugnisse längeres Studium erfordern, um empfunden und verstanden zu werden, wissen wir wenig; aber in vielen wesentlicheren Dingen haben wir Vieles vor Andern voraus; so wie wir in andern Dingen unserer einfachern Ansiedlergewohnheiten wegen, wenig Ursache haben, uns zu brüsten.

Um diese Umstände auf unsern Gegenstand anzuwenden, so ist es nicht schwer zu ermitteln, wie eine Nation in solcher Lage dem Einfluß von Ansichten und Meinungen, die an sich wenig Werth haben, nachgeben könne. Ueberall, wo Menschen eine für sich bestehende Gemeinde bilden, richten sie sich nach denen, die ein merkliches Uebergewicht erstreben, und die Wirkung der Meinungen Einzelner wird desto nachhaltiger, je beständiger sie fortwirkt und jemehr Nebenumstände sie unterstützen, um in der Gesammtheit sich geltend machen zu können. Unsre Art des Benehmens, unsre Sitten und Gewohnheiten, unsere fortschreitende Bildung, unsere geselligen Formen sind in einer noch dünngesäeten Bevölkerung über eine so weit ausgedehnte Fläche zerstreut, so daß sich nicht in dem Grade eine überwiegende Volkseigenthümlichkeit entwickeln konnte, um einer übermächtigen Mittelmäßigkeit die Spitze bieten zu können. Als die Grundlage, auf welche die Masse der Nation in achtunggebietender Haltung sich erhoben hat, verdient diese Mittelmäßigkeit allgemeine Bewunderung; aber es ist noch zu früh an der Zeit, diese Mittelmäßigkeit andern Nationen als ein nachahmungswürdiges Beispiel aufzustellen. In den Städten vorzüglich überschattet diese Mittelmäßigkeit größtentheils alle auszeichnungswürdigen Eigenschaften. Der Einfluß derselben ist wirklich fruchtbringend; denn auf einer so weit ausgedehnten Grundlage wird nothwendig früher oder später ein angemessener Bau sich erheben; aber bis dieser aufgeführt werden kann, wird er etwas zu sehr von bloßen Wagehälsen und Glücksuchern überfluthet. Dieser Umstand, wozu noch die Achtung hinzukommt, welche jede Provinz vor der Hauptstadt bewahrt, trägt viel dazu bei, daß Zeitungen und Kritiken oft weit mehr hemmenden Einfluß äußern, als dies in England möglich ist. Hier in England sind es die höher gebildeten Klassen der Gesellschaft, durch welche Ruf begründet oder befördert wird; in Amerika sind es die mittlern Klassen, deren mittelmäßige, schwankende, beschränkte Urtheile durch Unterhändler gleichsam bearbeitet werden, welche leicht als eine so anmaßende, schamlose, feile Rotte literarischer Quaksalber sich einschwärzt, als man jemals in einem civilisirten Lande geduldet hat. Auch in England werden dergleichen Versuche gemacht, auf die Masse des Volks einzuwirken, aber man richtet höchstens bei Müllersburschen und Ladendienern etwas damit aus. Zwar ist ja England durchaus nicht von Nationalvorurtheilen freizusprechen, von denen bei ihnen keine Ausnahme stattfindet, die sich vom Könige auf seinen Thron bis zum Stallknecht herab in seinen Stall erstrecken; doch, abgesehen von eben diesen Vorurtheilen, steht die Bildung der Engländer so weit über der Mittelmäßigkeit, daß nur in den gemeinen Klassen dieses Volks eine willkürliche Einwirkung schlechter Scribler möglich wird.

Es hat einmal Jemand mehr witzig als wahr in Beziehung auf unsre Zeitgenossen gesagt: kein Schriftsteller werde »niedergeschrieben« als blos durch sich selbst. Dagegen möchte ich wohl einwenden, daß wenigstens auf kurze Zeit mancher Schriftsteller durch andere in die Höhe geschrieben worden sei. Ich kann ihnen gleich eine Probe von der Wahrheit des letztern mittheilen.

Ganz kürzlich ist hier ein Werk von ungewöhnlichen Ansprüchen erschienen. In den Londoner Cirkeln wird dies Buch für eine mißrathene Arbeit erklärt. Ich kenne den literarischen Werth desselben gar nicht, denn ich habe es nicht gelesen; doch über den Unwerth desselben kann ich nicht getäuscht worden sein, denn ich habe fast jeden literarisch gebildeten Mann, von Walter Scott an, darüber reden hören, den ich kenne; nur einer von allen meinen Bekannten hat von diesem Buche gut geurtheilt, und, als Freund des Verfassers, hat er es weit mehr »mit verstelltem Lob getadelt« als daß er sonst eine Bemerkung darüber hätte laut werden lassen. Der Buchhändler hatte aber das Manuscript viel zu theuer bezahlt, als daß er seinen Verlust gutwillig hätte tragen können; es wurde daher ein wohl überlegter und verwickelter Plan ins Werk gesetzt um das Buch in die Höhe zu bringen. In England haben diese Umtriebe, so vorbereitet und ausgearbeitet sie auch sein mochten, keinen sichtbaren Erfolg gehabt; während ich aus den Zeitungen unseres Vaterlandes erfahre, daß dort auf die Auctorität der in Thätigkeit gesetzten belobenden Beurtheilungen der Ruf dieses Werks feststeht!

Man hat mir erzählt, daß die Art und Weise der Schriftsteller, ihre eignen Werke zu recensiren, hier weit mehr im Schwung ist, als man dies auf dem ersten Blick für möglich halten sollte. Man kann dergleichen Dinge als Scherz wohl durchgehen lassen; aber hier ist doch ein verdächtiger Boden, auf dem sich Nichts bauen läßt. Die Menschen lassen sich leider nur zu leicht gutwillig täuschen. Derselbe Mann, der aufbrausend und abweisend gegen Jedermann sich benehmen würde, der freimüthig und männlich einen Schriftsteller belobt und vertheidigt, indem er seinen Namen nennt, würde sich vielleicht ganz dem Urtheile desselben Recensenten hingeben, wenn er sein Lob unter einem erdichteten Namen oder ganz versteckter Weise spendet; selbst die Bescheidenheit des Schriftstellers, der sich selbst auf eine verwerfliche Weise seinen literarischen Ruf erzwingt, wird weit weniger in Zweifel gezogen, als wenn er selbst, aller Täuschung feind, seinen Gegnern öffentlich entgegentritt.

In der englischen Presse läßt sich daher weit weniger falsche oder verstellte Ansicht nachweisen, als in der unsrigen, was, wie ich meine, dieser einzigen Ursache zugeschrieben werden muß, daß die Ansicht des Publikums hier weder so allgemein um sich greifend ist, noch überhaupt so leicht getäuscht werden kann, wie bei uns. Die immer wiederholte, oftmals mißbrauchte Berufung auf die öffentliche Meinung, auf das amerikanische Publikum, hat zu den niedrigsten Täuschungen dieser Art Veranlassung gegeben, deren Folgen nicht klein sind. Will man bei uns das Publikum zu irgend einer Ansicht bewegen, so ist bei uns das Erste, daß man demselben den Glauben beibringe, die bezeichnete Ansicht sei bereits allgemein verbreitet, indem man im Voraus darauf rechnet, daß die gewohnte Fügsamkeit in die allgemeine Ansicht diese beabsichtigte Wirkung dennoch hervorbringen werde. Mir sind dergleichen Täuschungen hinreichend bekannt, bei denen persönliche Bosheit im Spiele war, welche, wenn sie offen hervorgetreten wäre, die Verachtung aller redlichen Männer der Nation auf die herabgewälzt hatte, welche dergleichen anzetteln, die aber zum Theil als die achtungswürdigsten Charaktere jetzt dastehen. Es ist kaum nöthig, zu sagen, daß Leute, welche sich die öffentliche Achtung auf diese Weise erschleichen, nichts anders, als Diebe der öffentlichen Meinung sind.

Es gibt noch einen wichtigen Punkt, in welchem wir, vermöge unseres Nachahmungstriebs, durch die englische Presse uns haben täuschen und leiten lassen. Nichts ist offenbarer, als daß in einem gesunden und natürlichen Zustande der öffentlichen Stimmung jede Lüge, die in Beziehung auf eine bevorstehende Wahl oder auf eine politische Maßregel in Umlauf gesetzt wird, weit mehr gerügt werden müsse, als eine Lüge, die blos ein einzelnes Individuum betrifft; da Alles, was die Nation selbst als solche angeht, von weit wichtigern und einflußreichern Folgen sein muß, als was blos den einzelnen Bürgern wiederfährt. In Amerika ist eine Wahl, wie es nicht anders sein kann, und wirklich in den meisten Fällen ist, immer nur als der Ausdruck des Volkswillens über einen großen die Nation allgemein betreffenden Gegenstand zu betrachten; in England dagegen ist eine Wahl nichts weiter, als ein Kampf um persönlichen Einfluß zwischen denen, die als die reichsten Besitzer sich allein in die Macht theilen. Bei uns gehört Jeder, der seine Stimme abgibt, der Gesammtheit an, welche den Erfolg der Wahlen zu leiten hat; in England dagegen steht jeder Abstimmende unter dem besondern Einfluß einer Körperschaft, welche von persönlichen Interessen geleitet wird. Es kann daher kein ärgeres Verbrechen, sowohl im moralischen gegen das öffentliche Wohl überhaupt gedacht werden, als das Publikum in Dingen zu täuschen, die auf die öffentlichen Wahlen Bezug haben; und doch betrachtet man eine Lüge bei Wahlen in Amerika noch immer wie ein Vergehen der Bestechlichkeit; weil solche hier in der Art betrachtet werden, da man hier einmal daran gewöhnt ist, daß Alles durch persönlichen Einfluß und Bestechung durchgesetzt wird.

In Amerika bestehen übrigens manche ganz falsche Ansichten über die Freiheit der Presse. Wir dehnen nämlich den Begriff von Preßfreiheit etwas zu weit aus, wohl nicht so sehr in unsern gesetzlichen Bestimmungen, als vielmehr in unsern Meinungen über diesen Gegenstand, so wie in der Auslegung der diesen betreffenden Gesetze. Die allgemeine Meinung ist für die ausgedehnteste Freiheit der Veröffentlichung aller Dinge; erstlich, weil die Menschen von Natur selbstsüchtig sind und sich wenig darum kümmern, welche besondere Uebel daraus entstehen können, wenn der krankhaften Verlästerungssucht der Menge auf jede Weise gefröhnt wird; zweitens, weil man das Heilmittel mit der gesunden Kost zu verwechseln pflegt. Wo eine unrechtmäßige Gewalt gezügelt werden soll, da wird die Presse ein heilsames Werkzeug, und selbst die Mißbräuche derselben können alsdann einigermaßen entschuldigt werden, wo es gilt die unschätzbaren Güter der Freiheit vor allen Eingriffen der Gewalt sicher zu stellen; doch sobald man den Besitz der Freiheit erlangt hat, sollte man auch nie vergessen, daß selbst Arsenik in manchen Fällen große Uebel zu heilen im Stande ist, aber, als tägliche Nahrung genossen, unvermeidlichen Tod bringen müßte. Jeder redliche Mann muß in Amerika zugeben, daß die durch nichts beschränkte Ziellosigkeit der Presse bald nicht mehr zu ertragen sein wird. Von der Zwingherrschaft fremder Aristokraten haben wir uns frei gemacht, und haben in unserer Mitte den Grund zu einer Zwingherrschaft gelegt von solchem unerträglichen Charakter, daß eine Veränderung in dieser Hinsicht auf irgend eine Weise zu unserm Frieden notwendig geworden ist. Es scheint beinah, als hätten wir von der Presse keine Wahrheit mehr zu erwarten.

Dies ist aber nicht die einzige Folge, sondern offenbar bemeistert sich durch die Zügellosigkeit der Presse ein unredlicher Hang der gesammten öffentlichen Aeußerung, welche immer mehr veranlaßt wird, das schlechte Benehmen einzelner Menschen mit gefährlicher Gleichgültigkeit zu betrachten – selbst Handlungen gleichgültig anzusehen, welche den Charakter, die Sicherheit und die gerechte Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten näher angehen – man fängt nach und nach an, politisches Jockeywesen wie jedes andere Jockeywesen zu betrachten, wie dies bei allen Denen, die sich damit abgeben mögen, um sich greift. In dieser Beziehung hat England einen großen Vortheil vor uns voraus; denn von Engländern werden die politischen Ränke mit weit mehr Mäßigung betrieben, weil dort nur ein kleiner Theil der Nation sich mit solchen Ränken befaßt; in Amerika aber, wo die Gesammtheit in solcherlei Treiben hineingezogen zu werden droht, ist dazu die Geschicklichkeit Einzelner nicht hinreichend, sondern die Demoralisation des Ganzen muß dazu den Weg bahnen. So fern aber eine solche Demoralisation des Ganzen schon deßhalb unausführbar ist, weil die Verunglimpfung der Bessern immer an dem Zusammenhalten der Bessern ebenfalls mittelst der Presse einen bleibenden Widerstand erfahren wird, so möchten die emphatischen Befürchtungen des Verfassers leicht ungegründet befunden werden. Der gesunde Menschenverstand der Nordamerikaner wird ihnen, wenn auch nicht in Beschränkung der Presse, doch auf gerichtlichem Wege durch Verantwortlichkeit der Injurianten die Mittel zur Abhülfe zeigen, wie schon zum Theil geschehen ist.

In Rücksichtlosigkeit und Ungebührlichkeit jeder Art zeigt sich die englische Presse, in Fällen außerordentlicher Aufgeregtheit, noch weit tadelnswürdiger, als die unsrige; während letztere der ersteren in gewöhnlichen Fällen in männlichem Ton bei weitem nachsteht. Sowohl in England als bei uns wird der bessere Theil der menschlichen Gesellschaft den rohen und beleidigenden Angriffen Derjenigen bloßgestellt, welche den schlechtesten Theil derselben ausmachen. In England wird das Publikum gewöhnlich mit den Unziemlichkeiten persönlicher und namentlicher Streitigkeiten – ein Fehler, der nur bei gänzlicher Rohheit stattfindet – verschont, und nur selten wird dort die Presse als Werkzeug persönlicher boshafter Anfeindungen mißbraucht; in Amerika ist aber die Presse oft ein ganz gemeines Mittel, das unter dem Vorwande, dem allgemeinen Besten zu dienen, wobei man überdieß dem Gelderwerb vorzüglich nachstrebt, nur zu oft mißbraucht wird, um der Ehr- und Eifersucht oder den persönlichen Feindschaften und Streitigkeiten des Herausgebers öffentlichen Eingang zu verschaffen, der auf diesem Wege nach Einfluß und Ansehen trachtet, wo ihm jeder andere Weg dazu verschlossen blieb. Der letztere Unterschied hat seinen Grund darin, daß in England die Pressen ein Kapital bilden, dessen Eigenthümer nicht die Herausgeber sind; während in Amerika der Herausgeber zugleich der Eigenthümer seines Blattes, von weit weniger ausgedehnter Wirksamkeit, ist, als daß dazu so große Fonds, wie in England erforderlich sein könnten.

Hiermit ist noch ein Umstand verbunden, durch den wir eine tiefere Herabwürdigung unserer öffentlichen Blätter, als in irgend einem andern Lande, erfahren. Jede abgesonderte Gemeinde ist genöthigt, die bestehenden Unannehmlichkeiten ihrer eignen Lage zu ertragen; wir werden aber auch noch mit dem behelligt, was sich am meisten gekünstelt und ausgebügelt und folglich am verderbtesten in der ganzen Christenheit auftreiben läßt. Dies ist ebenfalls ein Uebel, das aus dem Mangel an Nationalstolz und Nationalcharakter hervorgeht – eines Volks, welches in Verzückungen geräth über die werthlosen Kritiken eines fremden Reisenden über Gegenstände der Eleganz und des Geschmacks, und dagegen zugibt, daß die Verderbniß fremdländischer Schlechtigkeiten sich bei ihm eindränge und das gesunde Mark zerstörend durchdringt!

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