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England. Zweiter Band

James Fenimore Cooper: England. Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorJames Fenimore Cooper
titleEngland. Zweiter Band
publisherVerlag von Joh. David Sauerländer
year1837
translatorC. F. Nietsch.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140704
modified20150422
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Fünfzehnter Brief

Umgebung von London. – Englische Landschaften. – Parks. – Richmond Hill. – Twickenham. – Strawberry Hill. – Windsor-Castle. – Saint Georges-Kapelle.

 

An Herrn Richard Cooper in Cooperstown, N. Y.

Was man auch von der Schönheit des Landes in einzelnen Gegenden Englands sagen mag, so verdient es im Ganzen kaum einen solchen Ruf. Ich habe keine Gegend von England gesehen, die gradezu häßlich wäre, nur etwa einiges Heideland ausgenommen; doch habe ich im Ganzen mehr Mittelmäßiges gesehen, als irgend Etwas, das man in landschaftlicher Hinsicht ausgezeichnet nennen könnte. Doch sagte man, ich hätte noch durchaus nicht die schöneren Gegenden gesehen. In der nächsten Nachbarschaft von London gibt es durchaus Nichts, was Bewunderung verdiente, so weit ich mit den umliegenden Gegenden bekannt geworden bin, und wir sind doch seither fast in jeder Richtung zur Stadt hinaus, und wieder hineingekommen.

Wenn ich unser Dorf zum Mittelpunkt nähme und mit einem Halbmesser von fünf Meilen einen Kreis darum beschriebe, so möchte ich wohl fragen, ob ganz England ein gleiches Gefilde in natürlichen Schönheiten aufweisen könne. Auch unsere Landschaften gewähren einen ziemlichen Parkscenerie-Anblick, wie die englischen, der noch besonders gewinnt, durch die einzelnen anmuthigen Waldpartien, die zu jedem Meierhofe geboren, so wie durch die nachlässige Art, die Wälder zu lichten, wovon die berühmte Landschaftgärtnerei blos eine künstliche Nachahmung ist. Aber dieses Land hier hat einen großen Vorzug sowohl durch die größere Cultur des Bodens, als durch die interessanten künstlichen Zuthaten. Blos aus einer Ferne von ein paar Meilen betrachtet hat unsre ländliche Scenerie überhaupt das Park-ähnliche Ansehen; aber der Vordergrund des Gemäldes entbehrt dagegen des ländlichen Schmucks, den nur der sorgfältigere Anbau zu geben im Stande ist. Ich kann mir noch deutlich einen Theil des Weges von Cooperstown nach Utica vorstellen, welcher ungefähr einen gleichen Umblick wie eine anmuthige ländliche Scenerie in England gewährt, solche aber in den Hauptzügen wie in den Laubpartien weit übertrifft, dagegen wieder in mancher Hinsicht nachsteht, wegen der fehlenden Landhäuser und malerischen Hütten, Brücken, Kirchen und andern Gegenständen der Art. Ich erwähne jener Stellen, weil Sie Ihnen bekannt sind; nicht weil in unserm Lande es deren nicht mehre gibt; denn ich glaube, man könnte als Regel annehmen, daß das häufige Vorkommen und die nachlässige Bewirthschaftung unsrer Gehölze unsre amerikanischen Landschaften in einiger Entfernung den englischen weit ähnlicher machen, als man gewöhnlich glaubt.

Es gibt indessen eine Grenze, welche von der bei Betrachtung einer gewöhnlichen englischen ländlichen Scene sich einprägenden Vorstellung von Anmuth und Zierlichkeit einen Uebergang zum bezeichnenden Kontrast des traurig-öden Anblicks der flachen, durch Nichts gehobenen Fluren Frankreichs hervorruft. Hierin liegt der charakterische Unterschied der Landschaftsscenerie beider Länder. Die Natur des Festlandes scheint nach einem ausgedehnteren Maßstabe gewirkt zu haben, als die Natur dieser Insel. Fügen Sie noch den Nebenumstand dazu, daß hier dem Anblick überall Umzäumungen und Hecken begegnen, die man dort nirgends gewahr wird, so können Sie sich eine ziemlich deutliche Vorstellung von dem abweichenden Charakter der Gegenden in beiden Ländern entwerfen.

Ich habe mich aus London hinaus und zu diesen Betrachtungen verlocken lassen, da wir ohnehin schon von dem schönen Wetter Vortheil ziehen und einige Ausflüge aufs Land machen wollten; und gleichwohl bin ich fast geneigt zu behaupten, daß die Stadt in ihrer Mitte weit schönere ländliche Schönheiten darbietet, als man sie irgend in ihren näheren Umgebungen antrifft. Es hat mir großes Vergnügen gemacht, mit dem allmähligen Vorrücken der Jahrszeit die wechselnden Ansichten der Parks zu beobachten, die auf Augenblicke manchen vorzüglich schönen Anblick gewähren. Das Helldunkel in diesen Gemälden macht keine sonderliche Wirkung, das gebe ich zu, denn die Dunkelungen überwiegen die Hellungen etwas zu viel. Das ist freilich ein kecker Tadel, wenn ich bedenke, daß der Künstler hier die Natur selbst ist; ich meine aber eigentlich nur, daß der Wechsel von Schatten und Licht hier keine so zarte Uebergänge bildet, wie in milderen Himmelsstrichen; und doch hat dieser Anblick wieder etwas mehr Dichterisches, als der Eindruck einer grellen Beleuchtung durch Sonnengluth, die von keinen sanfteren Gewölke gemäßigt wird.

Die Groupirungen in den Parks tragen viel zu ihrer Schönheit bei. Die wechselnden Eindrücke truppweise grasender Kühe oder vorüber ziehender Rudel Wildprett muntrer Häuflein spielender Kinder dazwischen, plötzlich erscheinender und wieder verschwindender Reiter und durch die ganz ebenen und verschlungenen Wege vorüberrollender stattlicher Kutschen fügen den Reiz eines beweglichen Panorama's den Schönheiten des Laubgrüns und Wiesenschmelzes, der Bäume, Blumen, Pfade und Gewässer hinzu. Ich rede nicht vom kleiderprunkenden Sonntagsgewühl, denn dies gewährt einen spießbürgerlichen Anblick, der die ganze Scene ins Kleinliche und Erbärmliche verkehrt; sondern von der gewöhnlichen Lebhaftigkeit in den Wochentagen, wo Alles im gewohnten Gleise bleibt. Sie können sich kaum vorstellen, wie schön sich Scharlachröcke einzeln hier ausnehmen, wenn sie in der Ferne durch die weiten grünen Auen vorüberziehn. Wie oft sieht man in Paradeschritt daher prunkende Schwadronen, aber die Förmlichkeiten der Linearbewegung machen eher eine störende als wohlthuende Wirkung; dagegen ein halbes Dutzend Kriegergestalten, absichtlos im Grase lagernd, gleichen eben so vielen Lichtpunkten in einem schönen Gemälde.

Einer unserer ersten Ausflüge war nach Richmond Hill. Unsere Erwartungen einer vorzüglich schönen Ansicht blieben unerfüllt; dieser Punkt verdankt seinen Ruf mehr der Nähe der großen Stadt, wie ich mir vorstelle, als den wirklichen Vorzügen seiner Lage. Die schönste Hauptstadt erhält ihren Ruf gewiß meistens nur durch die Ueberzahl der Lobpreisenden; und die Engländer haben den gemeinschaftlichen Fehler mit uns, welcher aus demselben Grunde entspringt, – der vereinzelten Lage beider Nationen. Dieser köstliche Umstand bringt unfehlbar kleinstädtische und spießbürgerliche Voreingenommenheit hervor, nur was bei ihnen gebräuchlich ist, dünkt ihnen das Beste, – besser, als das Beste anderer Leute. Reisen bringen aber große Veränderungen in dieser Eigenschaft mißverstandener Vaterlandsliebe hervor, und so dünkt mich, verliert allmählig Richmond viel von seinem kirchensprengelmäßigen Ruf.

Die Terrasse von Richmond gewährt indessen doch einen anmuthigen Ueberblick über einen ausgezeichneten Vordergrund, durch welchen die Themse eine reizende Krümmung macht; dagegen ist der fast nirgends begrenzte Hintergrund überladen, verworren, ohne irgend einen das Gemüth erhebenden Ruhepunkt. Als Mr. Mathews, der Schauspieler, in Amerika war, nahm ich ihn mit auf die Höhe des Kapitols in Albany, damit er durch die Rundsicht eine genauere Vorstellung von den Oertlichkeiten bekommen möchte. Da stand er eine Minute lang in Staunen vertieft, dann rief er aus: »Ich weiß wirklich nicht, warum man bei uns so viel Lobeserhebungen von Richmond macht; nach meinem Urtheil ist diese Aussicht ungleich schöner als die von Richmond-Hill.« Mr. Mathews dachte vermuthlich nicht daran, daß diejenigen, welche so viel Aufhebens davon machen, keine Andere sind, als die sonst noch keinen Hügel gesehen haben. Man sagte uns, aus einem obern Fenster des Wirthshauses sei die Aussicht noch schöner, als von der Terrasse; doch kann ich mir kaum vorstellen, daß fünfzehn oder zwanzig Fuß höhere Erhebung einen merklichen Unterschied in dieser Beziehung machen können. Wir begaben uns in den Park, der aber keinen sonderlichen. Eindruck auf uns machte. Wir sahen einen zahlreichen Rudel von Rothwild, ich hätte sagen sollen eine Heerde, denn sie hatten ein ruhiges, schaafmäßiges Ansehen. Diese Geschöpfe verlieren viel von ihrem charakterischen Reiz, wenn uns ihre regsame, aufhorchende springfertige Munterkeit und Gewandtheit nicht gleich ins Auge fällt.

Wir kamen an Kew und Twickenham vorüber, in dem wir vom Wege abwichen, um beide Orte zu sehen. Das Schloß im erstern Ort soll niedergerissen werden, denn es ist ein altes deutsch aussehendes Gebäude, das als Palast dieses Königreichs unwürdig erscheint und auch kein hinreichendes historisches Interesse gewährt um erhalten zu werden. Die Gärten behalten ihren Werth durch ihre botanischen Schätze.

Twickenham ist ein unregelmäßiges altes Dorf längs den Ufern der Themse, deren Schönheiten ihm einigen Reiz verleihen. Wir sahen Pope's Wohnung von außen, sie sieht ziemlich einem Hause ähnlich, wie in Amerika ein Mann von mäßigen Mitteln und einfachen Lebensweise sich eine bauen würde. Strawberry-Hill war der Zweck unseres Besuchs, aber man verwehrte uns den Eingang. Der Weg, eng und buchtig wie ein Nebenweg, an sich eine Schönheit, führt nahe am Hause vorbei, aber die Anlagen sind von einer hohen Mauer umgeben. In dergleichen Einrichtungen haben die Engländer oder vielmehr die Europäer viel vor uns voraus. Wir haben Raum genug im Vergleich zu unsern größern Wohnungen hier aber kennt man die Mittel, sich Zurückgezogenheit und Stille in Lagen zu sichern, die wir verzweifelnd aufgeben würden, weil sie zu sehr mitten im geräuschvollen Treiben liegen. Zwar würden bei uns nur Wenige zu finden sein, die gern »ihr Licht unter einem Scheffel verbergen«, und der Landstraße den Rücken zuwendend sich anbauen und nahe an derselben sich mit Mauern umgeben, und ihre Pracht für sich und ihre nächsten Freunde behalten möchten, statt vor aller Augen damit zu prunken. Ich weiß wirklich nicht, ob man einen Mann, der sich bei uns herausnehmen wollte, gleichsam der Welt den Rücken zu kehren, solches nicht als eine öffentliche Beleidigung auslegen und sich dadurch rächen würde, daß man ihn ebenfalls und zwar nicht im figürlichen Sinne den Rücken zukehrte. Doch eine solche Lage hat Strawberry-Hill, von dem Wege, der an demselben vorbeiführt, betrachtet, und sonst Wenig mehr, was in die Augen fällt, als die Rückseite, die keinen sonderlich erfreulichen Anblick gewährt.

Unsere Erwartung fand sich durch diesen Anblick des Schlosses sehr getäuscht; denn es schien mir blos aus Holzwerk und Mörtel zu bestehen, wenigstens zum Theil. Es ist ein unbedeutendes Gebäude, und doch schien es mir nicht ohne Sinn für baukünstlerische Verhältnisse aufgeführt zu sein. Auch die Engländer, die sich doch auf dergleichen Dinge ziemlich verstehen, sprechen mit Achtung von diesem Bau; obgleich es kein Volk gibt, bei dem »ein Heiliger in Flor nicht zwiefach einen Heiligen in Leinen ausmacht,« zumal bei diesen ernsten Insulanern; und es ist sogar möglich, daß sie da einen Witz des Horace Walpoole entdecken, wo ich nichts auffinde, als seine Narrheit. Lady – –, die selbst ein hübsches Haus besitzt, versichert mich, das Innere dieses Gebäudes sei gleichsam ein Juwel, und die Anlagen seien, wie die Engländer sagen, »deliciös;« daher sei es ihre Gewohnheit, sagte sie, zweimal jährlich dorthin zu pilgern. Uebrigens wette ich, daß sie nicht auf Erbsen dahin pilgert.

Wir wählten einen andern Weg, um nach Windsor zu fahren, welches zwanzig Meilen von der Stadt entfernt ist. Hier ist die Themse kaum breiter als der Susquehannah bei Cooperstown; sie fließt ganz nahe am Schlosse vorbei. Das Städtchen ist freundlich aber unregelmäßig gebaut, und gleicht Versailles so wenig als Frankreich überhaupt England ähnlich ist. Es ist dies ein Niedliches, gedrängtes »Rindfleisch- und Bier«-Oertchen, wo man sich bei einem Steinkohlenfeuer und warmen Mittagsessen recht gütlich thun kann, während man der Ankunft der Postkutsche (Stage-Coach) entgegensieht; dagegen erinnert Versailles an Burgunder, seine Kochkunst und vornehme Tafel. An letzterem Ort ist man jeden Augenblick gewärtig, ein königliches Gefolge die stattlichen Alleen herabkommen zu sehen, während die Beschaffenheit der Straßen in Windsor dergleichen Erwartungen gar nicht aufkommen läßt. Versailles erinnert an einen übermüthigen Alleinherrscher, der im Wahn lebt, zu seinem Nießbrauch allein sei das Reich vorhanden, ihm müsse die Natur sich fügen und die menschliche Kunst, um seiner Prachtliebe zu gnügen; Windsor zeigt das Bild eines bescheidenen Staatsoberhauptes, dem der Zufall eine bequeme Wohnung in der Mitte zahlreicher historischer Erinnerungen anwies.

Die Engländer sagen, das Schloß Windsor sei der einzige eigentliche Palast im ganzen Lande; mir kam es aber kaum so vor, als verdiene es diesen Namen. Unsere Erwartung von seiner äußern Erscheinung aus der Ferne täuschte uns, und eben so ward unsere Erwartung vom Innern des Schlosses getäuscht. Gleich den meisten alten Schlössern bildet es eine unregelmäßige Masse von Gebäuden, auf dem Rande eines Abhanges erbaut, und umfaßt mehrere mit einander verbundene Vesten und Gehöfe. Mit den Nebengebäuden und Terrassen scheint das Ganze etwa zwölf Acres einzunehmen. Die Tuilerien und der Louvre zusammen nehmen wenigstens einen Raum von vierzig Acres ein. Die Gebäude von Versailles, blos des Schlosses, ohne die Gehöfe, umfassen weit mehr, als die Mauern von Windsor, und mit den Gehöfen mögen sie einen zwei- bis dreifachen Raum einschließen. Weit passender ließe sich Vincennes mit Windsor, als letzteres mit Versailles vergleichen, von dem Umstand abgesehen, daß Windsor noch immer als königliche Wohnung benutzt wird. Der runde Thurm oder die alte Veste hält keinen Vergleich mit dem Donjon von Vincennes aus; aber die Kapelle und Wohngemächer des letztern lassen sich dagegen nicht mit denen im ersteren vergleichen.

Windsor ist ein malerischer und niedlicher, aber keineswegs prächtiger Ort. Er gewährt einen charakteristischen Eindruck fortschreitender Macht und Civilisation, welcher das Gemüth durch eine lange Reihe geschichtlicher Denkwürdigkeiten erfreut und es mit weit innigerer Theilnahme erfüllt, als eine bloße glänzende Pracht solches vermöchte. Wenig befindet sich hier, das wegen seines vorzüglichen Geschmacks und Glanzes auf Bewunderung einigen Anspruch machen kann, wie man es von der vorzüglichen Residenz eines der größten Monarchen unserer Zeit erwarten sollte, – groß, in Beziehung auf die Macht der Nation, wenn auch nicht in persönlicher Macht. Es wäre eine stattliche Zugabe des königlichen Glanzes, ehrwürdig durch das Alterthum und an merkwürdigen Erinnerungen reich; aber als Hauptresidenz hat der Ort nur wenig Bedeutung. Bei allem Fehlerhaften im Baustyl und dem Abweichenden desselben in den einzelnen Theilen, hatte das Schloß so manches Poetische in seiner Wirkung auf mein Gemüth, daß ich unwillkürlich auf allerlei Ideen geleitet wurde, die mir die Geschichte und Verfassung des Landes in mannigfachen Bildern veranschaulichte; denn, wie diese, war das Gebäude auf den Unterbauten lehensherrlicher Grundpfeiler aufgeführt, mehr aristokratisch als königlich aufgemauert, und unter den einzelnen Abtheilungen hatte auch hier die Kirche sich die vortheilhafteste Stellung ausgewählt; denn die Kapelle nimmt sich wirklich in Pracht und Ausdehnung, in keinem Vergleich zu den übrigen Bauten, am schönsten und stattlichsten aus.

Ich begnüge mich mit dieser summarischen Schilderung, da es so viele ganz ins Einzelne eingehende Beschreibungen dieses ehrwürdigen, alterthümlichen Gebäudes gibt, und da überhaupt dergleichen Beschreibungen von dem vergleichungsweisen Werth der Gegenstände keine deutliche Vorstellung geben können, wenn die Schilderung derselben nicht bis auf Kleinigkeiten genau durchgeführt wird, welche die Geduld zu sehr in Anspruch nehmen und doch am Ende nur von Eingeweihten ganz verstanden werden können. Demungeachtet muß ich bemerken, daß Windsor in einzelnen Abtheilungen manches Merkwürdige darbietet, was bei einem königlichen Schlosse eigenthümlich genannt zu werden verdient. Dahin gehört zunächst die Lage, welche man ohne Bedenken zu den schönsten zählen kann, die es gibt. Die Aussicht von der Höhe finde ich weit schöner, wenn auch weniger ausgedehnt als von Richmond Hill. Es ist grade keine Lage, die besonders für einen Palast ausgewählt werden dürfte; doch wenn man sich erinnert, daß Wilhelm der Eroberer hier anfänglich blos eine Burg erbauen ließ, so gewinnt diese Stelle durch die Idee der Kühnheit und Abgeschlossenheit, welche sich mit der Vorstellung von einer Veste verbindet. Das kriegerische und gewaltige Ansehen ist gemildert und verannehmlicht worden durch die späteren Veränderungen und Verschönerungen, und eine gut eingerichtete Terrasse umgibt jetzt den Hügelrand von drei Seiten.

Von der Stadtseite ist der Eingang, und so wendet das Schloß von Windsor, wie Strawberry Hill die Rückseite dem Publikum zu. Der Weg zum Eingang ist etwas steil und rauh, doch nicht ohne gothische Pracht. Sobald man durch das Thor eintritt, befindet man sich in einem unregelmäßigen Hof, nicht besonders schön, aber geräumig, und darin befindet sich die Kapelle, Windsors Stolz. Die Gehöfe liegen nicht gleich hoch, die natürliche Bildung des Hügels hat man unverändert gelassen und so ragt ein Hof etwas über dem andern hervor.

Man führte uns durch die Staatsgemächer; auch diese entsprachen unsern Erwartungen nicht, sie standen denen der meisten französischen Paläste nach, die ich gesehen habe. Einige ziemlich große Gemächer waren darunter; sie hatten aber alle ein frostiges deutsches Ansehen, und die Ausschmückung derselben war im Ganzen plump und wenig geschmackvoll. In keinem Dinge zeichnet sich der bessere Geschmack der Franzosen mehr aus, als in den Decken- und Wandverzierungen und in ihrer Art prächtiger und zierlicher Ausstattung; und nirgends wird man diese Ueberlegenheit der Franzosen mehr gewahr, als wenn man Saint-Cloud mit Windsor vergleicht. Hier fanden wir wirklich manche gewichtige Pracht, die sich sogar auf geringfügige Gegenstände, wie silberne Feuerböcke und andere Kleinigkeiten erstreckt; aber von zierlichem und klassischem Geschmack war zum Erstaunen wenig zu finden. Selbst die Farben der verschiedenen Geräthe hatten etwas allgemein Frostiges und Erstarrendes.

Das Schloß erfährt indessen jetzt manche kostspielige und umfassende Veränderungen, und da Georg dem Vierten guter Geschmack nicht abzusprechen ist, wenn er sonst auch keine außerordentlichen Fähigkeiten besitzt, und da man ihn öffentlich beschuldigt, er habe wegen der neuen Ausrüstung Bestellungen in Paris machen lassen, so dürfte Windsor bald ein anderes Ansehen bekommen, so daß es seinen jetzigen Beschreibungen durchaus nicht ähnlich sehen möchte. Wir sahen einige der beabsichtigten Verbesserungen, welche viel Gutes versprechen; und besonders ein Gemach, die Halle, welche zu den Festlichkeiten der Ritter des Hosenbandordens bestimmt ist, scheint eins der schönsten zu werden, das man in seiner Art in der ganzen Christenheit antreffen möchte. Es soll im gothischen Geschmack eingerichtet werden, um mit dem alten Baustyl übereinzustimmen und ein dem Plan des Ganzen gemäßes gleichförmiges Ansehen zu bekommen. In seinem jetzigen Aussehen könnte ich nicht angeben, wie weit die Verschönerung sich erstrecken dürfte.

Der Eindruck der Staatszimmer war im Ganzen, wie ich bereits angegeben habe, nicht besonders günstig. Sie hatten etwas Steifes und eine Armuth an gefälligem Aeußern, wenn ein solcher Ausdruck erlaubt ist, der gleich beim ersten Blick ins Auge fiel. Einige recht schöne Gemälde waren da, und außer ihnen mehre ganz gleichgültige. Sir Peter Lely ist hier hochangesehen, das Schlafgemach der Königin enthält, für eine musterhafte Dame wie Charlotte von Mecklenburg auffallend genug, eine wunderliche Sammlung von weiblichen Bildnissen von diesem Corydon unter den Künstlern. Unter ihnen befanden sich Mrs. Middleton, Lady Denham und die Herzogin von Cleveland! Die Geizigen von Quintin Messys befinden sich hier. Doch Sie können bessere Schilderungen von den Gemälden aus den regelmäßigen Beschreibungen erhalten, als mir der beschränkte Raum und meine beschränkte Kennerschaft solches erlaubt.

Die Kapelle ist ein edles Werk der Baukunst. Sie rührt aus dem Zeitalter Eduard des Vierten her, besitzt ein Kirchenschiff, einer Kathedrale würdig, und ein prachtvolles Spitzbogenfenster. Das Dach ist von Stein und wird durch Ribben und Buchten in schönen Verhältnissen unterstützt. Diese Kapelle führt den Namen »Saint George's Chapel« und ist unter andern den religiösen Ceremonien des Hosenbandordens gewidmet. Im Chor werden die Ritter installirt, welches daher die Banner, die Zierden und Waffen der jetzigen Ritter dieses Ordens enthält; so wie die Kapelle Heinrich des Siebenten in der Westminster-Abtei die der gegenwärtigen Mitglieder des Bathordens enthält.

Die Sinnbilder des blauen Hosenband-, wie des goldnen Vließ-Ordens führen unsern Geist zurück in die Zeiten der Ritterspiele und interessanten Abenteurer des Mittelalters, aber sie erfüllten mich doch nicht mit jenem Gefühl von Hochachtung, wie die Insignien der Ritter des Bathordens. Persönlicher Rang ist gewöhnlich ein unerläßliches Erforderniß, um in die erstern Orden aufgenommen werden zu können, und wenn noch ein persönliches oder ministerielles Interesse hinzukommt, dann sind alle Bedingungen erfüllt. Doch Ein Umstand erhebt die Bedeutung der englischen Orden, daß die festgesetzte Anzahl der Ritter nur klein ist. Die Namen der Souverains von Oestreich, Spanien, Dänemark, Frankreich, Preußen und der Niederlande prangten über ebenso vielen Wappenschilden; auch fanden sich daselbst die Namen der Herzoge von Dorset, Newcastle, Montrose, Beaufort, Rutland, Northumberland und Wellington. Haben Sie jemals, den letzten ausgenommen, etwas von allen diesen Hosenband-Rittern gehört?

Auch viele Denkmäler sieht man in dieser Kapelle; eins derselben zu Ehren der Prinzessin Charlotte ist wegen der Bedeutung merkwürdig und, wie ich meine, recht imposant, wiewohl es nicht sonderlich gerühmt wird. West erscheint hier wieder auch in einer andern Kunstgattung ausgezeichnet; er hat die Skizzen zu mehren Fenstermalereien geliefert.

Eton-College befindet sich am Fuß des Hügels, unterhalb des Schlosses, am Rande des Flusses; es ist ein ehrwürdiges schmuckes Gebäude, und ich gestehe, daß es mich fast noch mehr ansprach, als das berühmte nachbarliche Schloß. Es war kein übler Gedanke von Heinrich, eine solche Bildungsanstalt zu errichten, um die zarte Jugend seines Königreichs hier gleichsam unter dem Schatten seines Thrones aufzuziehen. In Windsor gilt der König alles Mögliche, und wenn Knaben schon frühe von dergleichen Vorstellungen durchdrungen werden, so müssen sie, in einer solchen Umgebung heranwachsend, nothwendig mit einer unerschütterlichen Ehrfurcht vor dem Königthum ins Leben eintreten. Doch kann man wohl keine englische Schule dessen beschuldigen, daß sie ihren Zöglingen andere als loyale Gesinnungen einpräge, denn die Engländer nähren eine Hochachtung vor dem Thron, welche ganz genau ihrem systematischen Streben angepaßt erscheint, das Niemanden gestattet, diese Hochachtung auch ehrlich zu bethätigen; sie ehren und füttern ihren König ungefähr, wie die alten Aegyptier ihren Götzen Apis. Und, wenn man die Dinge näher ins Auge faßt, ähneln nicht einander vielleicht die mannigfaltigen Mystifikationen der Völker aller Zeiten und Himmelsstriche?

Es sollen daselbst nahe an fünfhundert »Oppidan's« oder solche Zöglinge sein, deren Angehörige für den Unterricht zahlen, und etwa Einhundert sich befinden, welche freien Unterricht erhalten.

Wir machten einen Spaziergang durch den »Long Walk,« einen von Bäumen eingefaßten Weg, wohl eine Stunde lang. Diese Allee hat rücksichtlich ihrer Länge etwas Königliches, aber sie paßt wenig zum Uebrigen. Der Park ist, wie ich glaube, ziemlich ausgedehnt und vermuthlich recht schön angelegt; wir hatten aber keine Zeit mehr, ihn zu besuchen. Nach einem leichten Mahl kehrten wir auf einem andern Wege, als auf dem wir gekommen waren, wieder nach London zurück.

Wir verließen Windsor, in mancher Hinsicht in unsern Erwartungen getäuscht und in anderer Hinsicht aber auch recht befriedigt. Ich hatte mir ein Schloß vorgestellt, welches die gewöhnliche Nettigkeit und Anmuth des äußern Ansehens besäße, das man selten an stattlichen englischen Bauten vermißt, dabei aber in dem Verhältnisse ausgedehnter und großartiger sein müsse, als ein König höher steht als ein Peer, und daß ein solches Schloß sich mitten in weitläufigen Gärten und herrlichen Parkanlagen befinden müsse, wie ich solches häufig bei königlichen Wohnungen anderswo gesehen hatte. Statt alles dessen fand ich die Wohnung der königlichen Familie wenig besser als eines der vornehmsten Pariser Hotels, ja nicht einmal besser. Statt des Großartigen und Prachtvollen fanden wir Zierlichkeit und alterthümliche Erinnerungen; und manche anmuthige Scenerie ländlicher Umgebung bis in die Nähe der Mauern an die Stelle weitläufiger Parks und kunstgerechter Alleen. Der große Park von Windsor ist vom Schlosse getrennt, und als ein Theil der Landschaft gehört er eben so wohl jedem Andern als dem Könige allein. Kurz, Windsor kam mir vor wie eine schöne mittelalterliche Burg, und in dieser Hinsicht war es eines Königs nicht ganz unwürdig. Doch als Palast war es weder hinreichend prachtvoll noch im eigentlichen Sinne königlich zu nennen.

Wir kamen auf unsern Rückwege nach London an manchen hübschen Gebäuden vorüber. Sie waren im Ganzen nicht größer als unsre bessern Landhäuser; doch hatten sie weniger Mißverhältnisse in ihrem Bau; die dazu gehörigen Anlagen schienen besser benutzt. Alles war sorgfältiger unterhalten. Eines von diesen Landhäusern erregte unsere besondere Aufmerksamkeit durch seine Umgebung von Gebüsch und Gehölz. Eine kleine Aue dabei sah fast wie Sammt aus, und ein Flüßchen, im Lichte der untergehendes Sonne zur Hälfte beleuchtet, zur Hälfte in Schatten verhüllt, brachte eine Wirkung hervor wie der schimmernde Farbenton eines gelungenes Landschaftgemäldes. Es war die schönste Farbenschattirung, die ich in England gesehen.

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