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England. Zweiter Band

James Fenimore Cooper: England. Zweiter Band - Kapitel 16
Quellenangabe
typereport
authorJames Fenimore Cooper
titleEngland. Zweiter Band
publisherVerlag von Joh. David Sauerländer
year1837
translatorC. F. Nietsch.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140704
modified20150422
projectidf8aa33d7
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Neunundzwanzigster Brief

Das Fremden-Bureau. – Paß-Verdrießlichkeiten. – Noth um's Brod. – Einschiffung. – Ankunft in Holland. – Holländische Wagen. – Abschied von England.

 

An den Capt. B. Cooper auf der Flotte der Verein. Staaten.

Da ich wegen eines, längere Zeit aufgeschobenen Geschäfts Anfangs Juni in Amsterdam sein mußte, so waren wir genöthigt, London vor Ablauf der lebhaften Jahreszeit zu verlassen. Ich hätte gar sehr gewünscht, länger verweilen zu können, aber Noth bricht Eisen, wie man sagt.

Das Abreisen aus England ist keineswegs eine so leichte Sache für einen Fremden, als das Abreisen aus jedem andern europäischen Lande. Zuerst mußte ich in's Fremden-Bureau (Alien-Office) nicht weit von Westminsterhall, und darnach in's Zollhaus, mehre Meilen davon, um die nöthige Erlaubniß einzuholen. Wenn alle diese Förmlichkeiten nothwendig sind, und daß sie es nicht seien, darüber darf ich mir kein Urtheil anmaßen, so könnte man doch den Leuten die Mühe und den Weg ersparen, wenn alles in derselben Amtsstube oder doch in demselben Gebäude abgemacht würde.

Meine Bemühungen um die Erlaubniß zum Einschiffen zu erhalten und einen Reisepaß zu bekommen, haben mich ein Geheimniß kennen gelehrt, in Beziehung auf den Vorzug, den wir vor den Engländern im Segeln voraus haben. Der Ueberfluß an Menschen macht, daß alle Geschäfte übersetzt sind, und da jeder Angestellte von seinem Amte leben muß, so erhöhet er die Kosten des Geschäftsverkehrs. Wenn ein Engländer sich mit einer Knoblauchschlotte und wenigen Kastanien begnügten könnte, so würde das nicht viel ausmachen; er ist aber ein Rindfleisch essendes und Bier trinkendes Geschöpf, und kleidet sich gern rein und anständig; daher muß Handel und Wandel schon Etwas hergeben, um die Angestellten zu ernähren.

Als ich an Bord des Dampfboots gegangen war, um die nöthige Ueberfahrt zu machen, war ich ebenfalls genöthigt, wieder an's Land zu gehen und einen Weg von wenigstens einer halben Meile zu machen, um meinen Zweck zu erreichen. Der Beamte, an welchen ich gewiesen war, empfing mich recht höflich; so bald er aber sein Kompliment gemacht, steckte er die Hände in die Taschen und befahl zwei oder drei Schreibern, mein Geld zu empfangen, meinen Namen einzuschreiben, und alles sonst Nöthige zu besorgen. In Amerika hätte der Kapitän das alles selbst gethan und hätte keine Zeit übrig gehabt, seine Hände in die Hosentaschen zu stecken.

Sie können sich kaum vorstellen, wie viele Intriguen und Betrügereien in diesen alten Ländern vorfallen, blos wegen der Noth um's tägliche Brod. Wenige Leute von Rang verkehren sich unmittelbar mit den Handelsleuten und Krämern, und es ist ganz gewöhnlich, daß alle Einkäufe durch die Hände der Dienerschaft gehen. Der Käufer bekommt gewisse Procente für seine Mühe, welche der Verkäufer auf die Waare schlägt. Auch aus diesem Grunde ist ein Bedienter eine weit wichtigere Person in Europa, als bei uns, denn die Kundschaft des Herrn erhält man nur vermittelst der Gunst des Bedienten. Ein solcher Fall kam unter meinen eignen Augen vor. Der Eigenthümer eines der berühmtesten Weinberge in Frankreich entschloß sich, in der Ueberzeugung, daß eine große Menge verfälschter Weine unter dem Namen seiner Weinlagen verkauft würden, seine reinen Weine bekannter zu machen, was übrigens eine schwierige Sache ist; denn wenn sich der Gaumen an einen verdorbenen Geschmack einmal gewöhnt hat, so ist es eben so schwer, ihn wieder für das Bessere empfänglich zu machen, als andere Verwöhnungen abzulegen. Mein guter Freund entschloß sich zu gleicher Zeit, seinen Wein auf die königliche Tafel zu bringen, als den sichersten Weg, ihn in Ruf zu bringen. Sie werden nun, wie ich mir vorstelle, nicht anders denken, als daß der Mann nichts weiter zu thun hatte, als einen der Hoflieferanten zu ersuchen, er möchte erlauben, daß von seinem Weine dem Könige vorgestellt werde, und dann das Resultat abzuwarten. So einfach war aber die Sache nicht abzumachen; man rieth ihm vielmehr, eine Dame von Rang dafür zu interessiren, um sie zu bewegen, einen ihrer Bekannten, welcher nämlich einer der ausgezeichnetsten Männer war und bei dem Könige in hohen Gnaden stand, dazu zu vermögen, dem Könige eine Kiste von diesem Wein zum Geschenk zu machen, und zwar auf eine so vorsichtige Weise, daß letzterer auch versichert sein könne, daß dieser Wein wirklich vom Könige selbst gekostet würde. Ich weiß nicht, ob das Experiment gelungen ist, ich habe vielmehr Grund zu glauben, daß es gänzlich fehlschlug, und höchst wahrscheinlich durch die Intriguen derer, welche bei der Weinlieferung für die königliche Tafel zunächst interessirt waren.

So weit sind wir in Amerika mit unserer Civilisation noch nicht vorgerückt, obschon wir in den handeltreibenden Städten einen rühmlichen Anfang gemacht haben, da sie in ihrer Art so sehr verderben, als andere Handelsstädte irgend sonst verdorben sind. So habe ich eine Menge Proben von der Hinneigung unserer Kaufleute in fremden Ländern erlebt, ebenfalls allerlei Mittel in Bewegung zu setzen, um ihren Zweck zu erreichen, ohne auf Wahrheit, Redlichkeit und Gerechtigkeit Rücksicht zu nehmen, so daß ich fürchte, wir werden in einiger Zeit, wie in andern, so auch in diesen Dingen nicht besser sein, als andere Leute.

Ich habe dieß nicht deshalb angeführt, weil ich glaube England verdiene mehr als irgend ein anderes europäisches Land die Beschuldigung, daß man daselbst Nebenwege einschlage, um irgend einen Gewinn zu erhaschen; denn vermuthlich verdient England einer solchen Rüge weit weniger; gewiß nicht so sehr als Frankreich; sondern mir fiel die Sache blos bei, als ich eben von der großen Anzahl von untergeordneten Angestellten in allen Geschäftszweigen sprach.

Unsere kleinen Vorbereitungen waren bald gemacht, und am bestimmten Tag gingen wir an Bord des Schiffes, welches nicht weit vom Zollhause lag. Während wir sämmtlich auf dem Verdeck standen und das Dampfboot eben sich in Bewegung setzen wollte, ging der Kapitän umher, nach ihren Erlaubnißscheinen das Land zu verlassen, zu befragen. »Sie brauchen keinen«, sagte er zu mir im Vorbeigehen. »Doch, ich habe einen«, sagte ich. Der Mann blickte mich starr an, als wünschte er nähere Erläuterung. Ich sagte ihm, daß ich auch ein Fremder, nämlich ein Amerikaner sei. »Ich bin in Amerika gewesen«, sagte er, »aber wir sehen Ihre Landsleute nicht als Fremde an.« Weit mehr von den Gefühlen, die bei uns gegen England herrschen, lag in den Worten und Benehmen dieses Mannes, als ich jemals in England gefunden habe. Er war ein ruhiger und anständiger Mann, und er schien gar nicht abgeneigt, einige unsrer bessern Einrichtungen auch in seinem Boot einzuführen.

Eine Gesellschaft von Spießbürgern befand sich an Bord, welche des Spasses wegen bis nach Gravesand mitfuhren. Sie waren recht lustig in ihrer, wie gewöhnlich, mit Bemerkungen über Brod, Käse und Bier durchwürzten Unterhaltung, und wir wurden nicht böse darüber, daß sie uns bald verließen.

Das Wetter war schön, und die Nordsee so eben wie ein Tisch. Die ganze Nacht durch plätscherten wir immer weiter, und am andern Morgen sah ich mich vergeblich nach Land um. Unser Boot war ein dauerhaftes, gutes Fahrzeug aber es ging langsam; vielleicht ist die Berücksichtigung des Ungestüms des Meeres in der Bauart derselben daran Schuld, daß diese Dampfböte nicht so schnell gehen, als die unsrigen; obschon diejenigen welche Point Judith umfahren und durch den Sund gehn ebenfalls solcher Eigenschaften bedürfen. Mit den amerikanischen Dampfböten verglichen, machen diese Fahrzeuge zwei Schritte, während die unsrigen drei Schritte vorwärts kommen.

Endlich erhob sich vor unsern Augen ein niedriger Sandküstenrand; hier und da blickte ein Baum oder ein Kirchthurm empor, gleichsam aus der Wasserfläche heraufsteigend. Das war nun Holland, ein Land, das man in der Schiffersprache ein »Wash« (Anschwemmung) nennen könnte. Je mehr wir uns der Küste näherten, desto deutlicher sahen wir erst die Thurmspitzen mit den Kirchen, dann die Dächer mit den nachfolgenden Häusern heraufsteigen, sowie man zuerst die Topsegel, dann die Untersegel und endlich den Rumpf des Schiffs gewahrt. Als wir zwischen den Inseln anlangten, da that ich, nachdem wir einige Schaufelumschwünge weiter gekommen waren, einen Blick in die Weideplätze hinab, die bedeutend tiefer als die Fläche des Meeres liegen, vor dessen Eindringen sie durch hohe breite Dämme geschützt werden. Das ganze Land kam mir wie ein Schiff vor, in dessen untere Kammern man hinunterblickt.

Auch sah ich einen Wagen über einen Dammweg hinstolpern, ein wahres Facsimile der Wagen, die wir in New-York unter dem Namen »holländische Wagen« kennen; selbst die gekrümmten Seitenwände fehlten nicht. Der einzige Unterschied, den ich an demselben wahrnehmen konnte, war, daß ich ihn nicht rumpeln hörte! Das Land ist so durchaus eben, daß das Anziehen der Zügel unnöthig wird, und eine hakenförmige Stange, durch den Fuß des Fahrenden bewegt, dient zur Lenkung des Fuhrwerks. Das ist holländische Sparsamkeit, die sich selbst straft; der Unterschied der Kosten würde keinen Gulden betragen; während der Unterschied an Sicherheit, Zeit und Bequemlichkeit wohl zwanzig Gulden werth wäre. Sie werden leicht einsehen, daß, wenn es nöthig ist, ein solches Fahrzeug in seinem Lauf plötzlich einzuhalten, man alsdann frühzeitig mit der Eile nachlassen muß, wenn nicht das Uebergewicht das ganze Fuhrwerk über die Fersen des Gespannes hinstürzen soll.

Auf einmal standen die Thürme von Rotterdam vor uns, und die Aussicht ward durch Baumgruppen erheitert. Aber das Grün machte einen etwas grellen Eindruck; die Landschaft hatte das Ansehen, als würde sie durch eine grüne Brille betrachtet. Bald legte das Dampfboot am Boomkaai an, und wir mußten uns sämmtlich ans Zollhaus begeben, um unsre Koffer durchsuchen zu lassen. Die meinigen wurden blos auf- und wieder zugemacht. Man warf einen Blick in den Paß, und so entließ man uns ins Gasthaus. Ehe wir letzteres betraten, hatte ich Zeit, mich ein wenig umzusehen, und da erblickte ich denn hundertlei Dinge, die mich an Albany und New-York erinnerten, wie sie in ihrem frühern ächtholländischen Aeußern sich ausnahmen.

Und hier nehmen wir also für eine Zeitlang Abschied von England; England, ein Land, das mir außerordentlich gefallen könnte, dessen Vorurtheil und Widerwillen gegen unsere Nation aber meine Anhänglichkeit erkalten macht; ein Land, welches ohne Frage in tausend Dingen oben an steht durch seine überwiegende Civilisation, aber ganz vorzüglich die von uns alle anerkannte Wahrheit beweist, wie viel leichter es sei, große, nützliche und selbst edle Eigenschaften zu besitzen, als diejenigen Eigenschaften auszubilden, wodurch man sich Freunde macht und erhält; ein Land, welches Alle hochachten, aber Wenige lieben.

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