Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > James Fenimore Cooper >

England. Zweiter Band

James Fenimore Cooper: England. Zweiter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
typereport
authorJames Fenimore Cooper
titleEngland. Zweiter Band
publisherVerlag von Joh. David Sauerländer
year1837
translatorC. F. Nietsch.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140704
modified20150422
projectidf8aa33d7
Schließen

Navigation:

Achtundzwanzigster Brief

Physischer Unterschied zwischen den Engländern und Amerikanern. – Moralische Unterschiede. – Auflehnung gegen das Gesetz. – Englischer und Amerikanischer Stolz. – Empfindlichkeit gegen Tadel. – Statistische Facta. – Eigenthümlichkeiten von Nordamerika. – Amerikanische Civilisation. – Das Amerikanische System. – Englische Selbstständigkeit – Ungesellige Gewohnheiten. – Englischer Geschmack. – Mrs. Butler und Mrs. Trollope. – Englische Intelligenz.

 

An Herrn Richard Cooper in Cooperstown.

Wohl möchte es eine interessante Beschäftigung sein, die moralischen und physischen Veränderungen zu untersuchen, welche Zeit, Klima und verschiedne Institutionen zwischen dem Volk von England und Amerika bewirkt haben.

Ich glaube nicht, daß zwischen beiden ein besonders auffallender physischer Unterschied sich entwickelt hat, wie man sich es gewöhnlich vorstellt. Die Kleidung trägt viel zum verschiednen Aeußern bei, und ich finde, daß die Amerikaner, so wie sie den englischen Schneidern in die Hände gerathen, sich nicht auffallend von Engländern unterscheiden lassen. Die Hauptverschiedenheiten scheinen mir diese zu sein: Wir sind schlanker und weniger fleischig, unsere Haltung ist etwas mehr nach vorn geneigt, unsre Züge sind schärfer ausgedrückt und unsre Gesichter weniger völlig; unsre Gesichtsfarbe spielt aus dem Weißen weniger ins Röthliche, eher ins Gelbbräunliche, unsre Hände und Füße sind kleiner, so antidemocratisch dies auch sein mag, und unser Gang ist mehr schlendernd. Natürlich gibt es unzählige Ausnahmen; doch dürften die eben erwähnten als Nationalverschiedenheiten gelten. Doch ist ein durch den Anzug europäisirter Amerikaner in der That von dem, wie er zu Hause erscheint, so durchaus animalisch verschieden, daß man auf jene oben angeführten Unterschiede nicht zu viel Gewicht legen darf. Weil übrigens die große Ausdehnung unseres Gebiets in unserer eignen Bevölkerung wiederum manche Abweichungen hervorbringt, so unterliegen begreiflicher Weise alle Vergleichungen der Art außerordentlich vielen Qualificationen.

Was Wuchs und Leibesstärke betrifft, so sehe ich nicht, daß unsre animalische Natur in Amerika sich verschlimmert hätte. Zwischen England und den alten Atlantischen Staaten ist der Unterschied nicht auffallend, wenn man dort auf die ungleich vertheilte Bevölkerung und auf die hier dicht gedrängte Volksmasse achtet, wo das Auge mühsam nach Ausnahmen späht; doch möchte ich der Meinung mich hinneigen, daß unsre südwestliche Bevölkerung durch Größe und Stärke vorzüglich ausgezeichnet ist; es scheint, daß die Stammväter in jenen Landstrichen weit größere und kräftigere Menschen waren, als die Vorfahren der nördlichen Ansiedler.

Unter den Engländern selbst gibt es auffallende Verschiedenheiten. In einer Grafschaft, sagt man, sehe man unverhältnißmäßig viele Rothköpfe, in einer andern fast nur langgewachsene Leute, in einer dritten seien sie fast durchgängig klein von Wuchs, so daß sich bei Allen die Spuren ihrer frühern Abstammung noch jetzt zeigen. Wahrscheinlich sind manche von diesen Eigenthümlichkeiten auch auf uns übergegangen, obschon sie durch die ungewöhnliche Durchkreuzung der aus allen möglichen Gegenden geschehenen Einwanderungen weit gemischter und daher weniger kenntlich erscheinen.

In moralischer Beziehung leben wir unter dem Einfluß einander so völlig entgegengesetzten Einrichtungen, daß es sehr zu verwundern ist, daß beide Völker einander in so vielen Dingen noch immer ähnlich sind. Die unmittelbare Tendenz des englischen Systems ist, die äußerste Ehrerbietung aller untergeordneten Klassen der Gesellschaft vor den ihnen übergeordneten auf jede mögliche Weise zu unterhalten und zu befestigen; während das amerikanische System grade dem Gegentheil am förderlichsten ist. Die Wirkung beider Tendenzen machen sich ebenfalls bemerklich, doch auf verschiedene Weise, bei uns nämlich weniger als bei den Engländern. Zu Originalitäten gibt es hier weit mehr Gelegenheit als bei uns.

In England findet man, daß die mit der Regierung Unzufriedenen gerade diejenigen sind, welche in Amerika wirklich die größte Stütze der Regierung sind, und die in Amerika Unzufriedenen – wenn überhaupt ein solcher Ausdruck bei den eingebornen Amerikanern nicht zu stark ist – gehören dagegen einer Klasse an, deren Interesse es ist, die Regierung von England zu unterstützen Als der Vf. nach Europa reiste, war es ganz ungewöhnlich, etwas wider die Verfassung von Amerika äußern zu hören, so daß man hätte sagen mögen, alle Unzufriedenheit sei gänzlich erloschen gewesen. Doch als der Vf. nach einer Abwesenheit von kaum acht Jahren wieder heimkehrte, erstaunte er über die öffentliche Aeußerung monarchischer Grundsätze; auch glaubt er, daß Jedermann zugeben müsse, daß solche Aeußerungen jetzt weit offener und dazu öfterer gehört werden, als dies zu irgend einer Zeit im jetzigen Jahrhundert geschah. Hier ist der Ort nicht, die Ursachen dieser auffallenden Erscheinung zu besprechen; aber diese Erklärung war der Vf. sich selbst schuldig, damit nicht eine bei andern Leuten stattfindende Sinnesänderung etwa ihm selbst zur Last gelegt werde. Niemand braucht sich dessen zu schämen, der in redlicher Absicht seine früheren Ansichten ändert, wenn er ehrliche Gründe dafür angeben kann, und seine Sinnesänderung demnach die Frucht reiferer Ueberlegung ist; – doch seit der Druck dieser Briefe begonnen hat, ist der Vf. öffentlich beschuldigt worden, er habe seine Meinung in Dingen geändert, von denen es Thatsache ist, daß dieser Vorwurf ganz andere Leute betrifft. Bei einer andern Gelegenheit wird der Vf. ausführlich darüber reden.. Diese Facta reichen hin, die socialen Verhältnisse in beiden Ländern ganz verschieden zu modificiren.

Als ich neulich durch Regent-Street ging, war ich Zeuge, wie Polizeibeamte einige Miethkutscher zwingen wollten, ihre Sitze zu verlassen und mit ihnen sich zu einer obrigkeitlichen Person zu begeben. Sogleich versammelte sich ein Haufe von etwa tausend Menschen, und ihre Gemüther schienen offenbar wider die Diener des Gesetzes eingenommen, und zwar in solchem Grade, daß ich fast zweifelte, ob man nicht vielleicht gar die Kutscher, deren Vergehen offenbar war, den Händen der Obrigkeit mit Gewalt entreißen wollte. In Amerika würde, wie ich überzeugt bin, die Stimmung eines Volkshaufens sich gerade im entgegengesetzten Sinne geäußert haben. Es würde sich bei uns vielmehr eine Bereitwilligkeit gezeigt haben, den öffentlichen Beamten Beistand zu leisten, anstatt sich denselben zu widersetzen. Dies war, wie ich Sie bitte zu bemerken, nicht etwa ein Volksauflauf, in welchem die Leidenschaft über die Vernunft siegte, sondern ein gewöhnliches Begebniß, wo die Polizei irgend thätig einschreitet. Dergleichen Beispiele könnte ich in Menge anführen, welche beweisen, wie beide Völker nach einander schnurstracks entgegenstehenden Beweggründen zu handeln pflegen.

Dagegen sind die Engländer in den höhern Ständen sehr anhänglich an ihr System, sie fühlen die Vorzüge desselben wie dessen Fehler gleich stark, und sind immer bereit, es zu vertheidigen, wenn es angegriffen wird, wenige Ausnahmen abgerechnet, welche aber blos auf politische Parteiungen sich beziehen. Die Amerikaner in den höheren Ständen verlachen die demokratischen Grundsätze, spotten über die Vorzüge derselben, und entstellen oder übertreiben die Fehler, welche sie darin zu entdecken wähnen. Letzteres rührt meistens von dem Umstande her, daß alle Vorzüge einer Verfassung nur durch die Vergleichung mit andern recht erkannt und richtig beurtheilt werden können, und daß unsere Landsleute wenig oder gar keine Gelegenheit hatten, solche Vergleichungen aus eigener Erfahrung anstellen zu können. Dazu ist es natürlich, daß man dem widerstrebt, was uns am meisten hinderlich scheint, so wenig die Annahme eines andern, als des bestehenden Systems, dazu beitragen würde, uns völlig zufrieden zu stellen. Im Ganzen aber möchte wohl die allgemeinere Tendenz des aristokratischen Systems einerseits und des demokratischen andererseits den großen Unterschied der Gesinnung in den verschiedenen Klassen des Zusammenlebens an sich selbst hervorbringen.

Sowohl die Engländer, als die Amerikaner, werden beschuldigt, beide äußerten sich in ihrem Nationalhochmuth auf eine beleidigende Weise, und beide seien nur zu sehr geneigt, bei Vergleichungen mit andern Nationen sich selbst alle möglichen Vorzüge zuzueignen. Ich bin aber noch in keinem Lande gewesen, wo ich nicht eine ähnliche Neigung angetroffen hätte, und da alle menschlichen Vereine eine größere oder geringere Anzahl von Menschen umfassen, so meine ich, daß die Neigungen der verschiedenen Völker, ihre eigenen Vorzüge besonders hoch zu stellen, nichts weiter ist, als eine Ausdehnung des allgemeinen Grundübels, der individuellen Eitelkeit, auf die Gesammtheit aller Einzelnen. Die Engländer, sowie wir ebenfalls, unterscheiden sich vielleicht, oder vielmehr, wir beide unterscheiden uns wahrscheinlich in dieser Beziehung von andern Nationen in einem wesentlichen Umstande. Die Masse ist in beiden Völkern weit mehr gebildet, sie zählt mehr, als bei andern, wo sie fast gar nicht beachtet wird; ihre Ansichten bilden einen Theil der öffentlichen Stimmung, während sie bei andern Völkern fast gar keine Meinung hat. Wo aber der ungebildete Theil irgend eines Publikums sich vernehmen läßt, da darf nicht jene zarte, schonende Berücksichtigung anderer Menschen, jene bescheidene Anspruchlosigkeit gebildeter Menschen erwartet werden. Ich halte die Engländer für eine nicht eitlere Nation, als die Franzosen, obschon man im gewöhnlichen Verkehr sowohl bei den Engländern als bei uns mehr Selbstlob antrifft.

Die Engländer sind darin von den Amerikanern ganz besonders unterschieden, daß sie ein eingebildetes Volk sind. Stolz ist eine bisweilen zuträgliche, ja sogar veredelnde Eigenschaft, wenn er auf etwas Faktisches gegründet ist, aber hochfahrendes Benehmen kann ein Volk überall unbehaglich machen, wenn der Ruhm, auf den sie sich etwas einbilden, nicht mehr besteht. Uns fehlt es fast durchaus an Nationalstolz, dagegen plagt uns öfters eine empfindliche Eitelkeit, die bis zum Stolz gesteigert werden könnte, wenn wir größeres Vertrauen auf unsere Angelegenheiten haben wollten. Die meisten verständigen Engländer gestehen bereitwillig die offenbaren Unannehmlichkeiten ihres Klima's, ja selbst die Fehler ihres geselligen Zustandes ein; aber es muß ein ganz ungewöhnlicher Amerikaner sein, der irgend ein materielles Gebrechen der Art eingesteht, es mögte denn Etwas sein, was der Demokratie zur Last gelegt werden kann. Wir haben die Empfindlichkeit von Provinzbewohnern, welche von dem Bewußtsein noch vermehrt wird, daß wir allerdings unsere Sporen noch verdienen müssen in allen Dingen, welche uns das Lob der Zeitgenossen und den Ruhm der Nachwelt erwerben sollen, und deßhalb erheben wir eifersüchtig in Ermangelung besserer Dinge die Vorzüge unserer Katzen und Hunde. Es ist auch kein sonderliches Kompliment gegen menschliche Schwachheit, wenn ich hinzufüge, daß dieselben Leute, welche die Spöttereien von Fremden über unsere Institutionen und selbst über unsere Nation geduldig, und ich möchte fast sagen, einfältig mit anhören, jedoch sich selbst und ihres Gleichen als Ausnahme gelten lassend, wie diese nämlichen Menschen so ganz in Feuer und Flammen gerathen, wenn man auch nur auf entfernte Weise ihr Rindfleisch zu tadeln wagt, oder in ihrer Gegenwart behauptet, der viertausend Fuß hohe Round-Peak komme der dreizehntausend Fuß hohen Jungfrau nicht gleich. Von dieser Schwäche sind die Engländer ziemlich frei, und durch ihre öfteren Reisen nimmt ihre liberale Denkart in dieser Hinsicht wenigstens immer mehr zu. Ich glaube, daß eben der Umstand, daß England als Insel und unser Land, wegen seiner Entlegenheit, mit der übrigen civilisirten Welt weniger Berührungen gestattet, viel zu dieser Voreingenommenheit, für geringfügige Dinge in der Heimath beiträgt. Doch kann man annehmen, es liege in der menschlichen Natur eine Vorliebe für das Eigene, vermöge welcher wir Alles, was uns eigenthümlich gehört, überschätzen, und gegen alles Andere, was den Nachbaren gehört, ohne weitern Grund eingenommen sind. Der Bischof Heber zum Beispiel schaltet in seinem Brief an Lord Grenville an der Stelle, wo er von den höchsten Spitzen der Himalayakette redet, die Worte ein: »welche, ein Entzücken erfaßt mich, daß ich es sagen kann, völlig innerhalb der Grenzen des britischen Reichs sich erheben;« ein Gefühl, wovon ich wohl behaupten möchte, daß weder Sanct Chrysostomus noch Sanct Polycarp sich völlig frei fühlen konnten.

Doch eben in Beziehung auf diese Empfindlichkeit gegen fremden Tadel vaterländischer Gewohnheiten und Neigungen, ist weder Frankreich noch England so philosophisch und so gleichgültig, als man es vermuthen könnte. Man kann als Regel annehmen, wie ich glaube, daß alle Leute weit mehr sich ärgern, wo man ihre wirklichen Fehler rügt, als wo man ihre guten Eigenschaften bezweifelt, und wenn der gerügte Fehler gar ein solcher ist, der nicht vermieden werden kann, oder über den eine freimüthige Verantwortung unmöglich ist, so wird die Beleidigung doppelt schmerzlich empfunden, als wie, wenn sie ein selbstverschuldetes Gebrechen betrifft. Der einzige Unterschied der in dieser Beziehung zwischen den Engländern und uns statt findet, kommt daher auf Rechnung unserer Provincialität, unseres noch jungen Staates und unseres Bewußtseins, wie sehr wir unserm künftigen Ruhm vorgreifen müssen, um uns andern gleichzustellen. Ich könnte auch sagen, die Engländer seien »dünnhäutig«. Beide ärgern sich über ehrliche, freimüthige, mannhafte Rüge mit derselben Ungebärdigkeit, wie über Verläumdung, Herabwürdigung und Erniedrigung. Witzige und scherzhafte Erwiederung würde wirksamer und verständiger sein, und noch verständiger, seine Fehler einzusehen und sie zu bessern.

Diese Eigenheiten beider Nationen kann ich mir vorzüglich dadurch erklären, indem ich annehme, daß ihre Institutionen und politische Begebenheiten oftmals Menschen von gemeiner Sinnesart zu größerem Einfluß verhalfen, als es sonst der Fall gewesen sein würde, und daß ihr Einfluß eben es war, der eine öffentliche Meinung in Gang brachte, welche weder geläuterteren Grundsätzen noch anständigerem Betragen in dem Grade entsprechen konnte, als solches in Ländern statt findet, wo die größere und weniger ausgebildete Volksmasse mehr zurückgesetzt ist. Daß die Sache selbst nicht anders sich verhält, darüber besteht kein Zweifel.

Um die Folgen feinerer Bildung auf die englische Nation richtiger beurtheilen zu können, ist es nöthig, auf einige faktische, statistische Besonderheiten etwas Rücksicht zu nehmen. England mit Einschluß von Wales enthält nicht völlig 58,000 Quadratmeilen Land; dagegen das Gebiet des Staats New-York 43,000 Quadratmeilen. Ersterer Flächenraum enthält eine Bevölkerung von etwa 15 Millionen Seelen, letzterer nicht ganz 2 Millionen. Ersteres gibt ein Verhältniß von 260, letzteres von nicht ganz 40 Seelen auf die Quadratmeile Nämlich englische. Neun deutsche Quadratmeilen sind 196 englische.. Schon diese Prämissen allein zeigen, welch ein ungeheures Uebergewicht jedes gegebene Stück des englischen Gebiets über eine gleichgroße Fläche des unsrigen, in allen den Künsten und Fortschritten, die von physischer Kraft abhängen, haben müsse. Gegen zehn Menschen von Erziehung, Bildung und Vermögen in irgend einer Grafschaft des Staats New-York müßten in einem gleichgroßen Bezirk von England sich deren mehr als sechszig finden von gleichen ausgezeichneten Eigenschaften. Bei dieser Annahme wird weiter nichts vorausgesetzt, als daß obige Prämissen nichts zu unserm Nachtheil sonst enthalten, als das Verhältniß der geringeren Volkszahl auf einer gleichgroßen Bodenfläche; dagegen wird das ungleiche Verhältniß durch das größere Alterthum, die reicheren Hilfsquellen und die ältere Civilisation, die England voraus hat, wenigstens vervierfacht; und damit ist das Endresultat des Uebergewichts noch lange nicht erreicht; denn wenn England auch nur fünfzehn Millionen zählt, so umfaßt das Reich, über welches es gebietet, doch fast zehnfach diese Volkszahl, und eine unverhältnißmäßig große Einwirkung so ungeheurer physischer Hülfsmittel concentriren sich sämmtlich in diesem kleinen Raum.

Die nähere Betrachtung solcher Thatsachen leitet zu manchen wichtigen Folgerungen. Vor allen Dingen geht daraus hervor, daß, wenn auch nicht durchaus unmöglich, es dennoch höchst unwahrscheinlich sei, daß die Civilisation, die höhere Ausbildung, die fortschreitende Intelligenz, die Wohlhabenheit, die feine Lebensart in den ausgezeichnetesten Orten von Amerika denen in England gleichkommen könne, und daß wir daher genöthigt sind, unsern Stolz auf andere Vorzüge zu begründen. Ich habe schon gesagt, daß beide Länder unter einem Einfluß von ganz entgegengesetzter Natur sich befinden. Die Concentration der Fortschritte in allen Gewerben, wie im Landbau, ist hier so groß, daß selbst die Grundlage alles socialen Verhältnisses dadurch modificirt wird und daß diese Concentration alles menschlichen Aufstrebens sich selbst in den äußern Erscheinungen offenbaren muß. Bei uns dagegen sind diese besondern Resultate des Fortschreitens auf eine weit größere Bodenfläche so sehr zerstreut, daß selbst diejenigen, welche glücklich genug waren, sich in den Besitz solcher Vortheile zu setzen, auf Schwierigkeiten stoßen, das Erworbene zu erhalten, indem sie die errungene Bildung vor dem Einfluß roherer Elemente schützen müssen, anstatt im Stande zu sein, verhältnißmäßig zur Förderung des socialen Aufschwungs beizutragen. Unser Ideal in allen Dingen, so weit solche populär sind, ist nothwendig nichts mehr als höchstens Mittelmäßigkeit; eine recht achtungswürdige und mit Rücksicht auf alle Umstände eine vorzüglich rühmliche, aber doch nur Mittelmäßigkeit. Dagegen hat die verschiedene Lage des englischen Volks dasselbe in den Stand gesetzt, ein Ideal aufzustellen, das, obwohl es ihm an den bessern Elementen guten Geschmacks fehlt, doch in ausgedehnterem Sinne vor dem unsrigen in allen Dingen hervorragt, in Allem, was zur Verannehmlichung des Lebens gehört. Meist alle Eigenthümlichkeiten Amerika's, für welche man gewöhnlich den Grund in den Institutionen nachzuweisen gesucht hat, blos weil diese ebenfalls eigenthümlich sind, – fast alle diese Eigenthümlichkeiten sind vielmehr einzig den angegebenen Ursachen zuzuschreiben, oder in andern Worten, sie hängen von dem Mißverhältniß der Volkszahl zur Bodenfläche, von dem Mangel an anderen als blos handeltreibenden Städten und von unserer Entfernung von der übrigen civilisirten Welt ab.

Jede Art geselligen Zustandes hat ihre besondern Nachtheile und Vortheile. Irgend einem geselligen Zustande eine größere Vollkommenheit andichten wollen, hieße die menschliche Natur durchaus verkennen. Ihre verschiedenen größeren oder geringeren Vortheile lassen sich allein durch die Vergleichung ihrer Resultate in größern Zeiträumen und Massen ausmitteln, und in diesem Sinne streite ich für den Vorzug unseres Zustandes vor den Zuständen anderer Völker. Die Meinungen der Utilitarier, wie man solche in Volkseinrichtungen hat verwirklichen wollen, sind nicht nach meinem Geschmack; denn nach meiner Meinung liegt in der Anmuth und Annehmlichkeit des Lebens eine große Utilität, und Niemand kann daher mehr, als ich, einem System widerstreben, welches diese mir wesentlich scheinenden Dinge als unwesentliche verwerfen will. Daß uns beide fehlen, gebe ich bereitwillig zu; doch ich suche die Ursache davon ebenfalls in Umständen, die gar nicht mit unsern Institutionen zusammenhängen; und ich denke, es wird eine Zeit kommen, wann die Civilisation von Amerika auf die Civilisation irgend eines andern Gebiets dieser Welt herabsehen wird, sobald sie den Zustand der Prüfung wird durchlebt haben, in welchem sie immerwährend den geheimen Verbindungen alles Schlechten, das sich zu ihrer Vernichtung verschworen hat, Widerstand leisten muß, und während welcher Zeit sie auf eigenthümliche Weise sich dem Einfluß angeerbter Meinungen hingibt, die aus einem System hervorgehen, das so viel von den Formen, aber äußerst wenig oder gar nichts von den Grundsätzen unseres Systems in sich faßt, so daß es blos unwissenden und der Ueberlegung unfähigen Leuten einfallen kann, beide mit einander zu verwechseln.

Wir überschätzen die Wirkungen der Intelligenz bei der Vergleichung der Engländer mit uns selbst. Die Masse von Kenntnissen, die sich hier in der gedrängten Bevölkerung zusammenhäuft, übersteigt wahrscheinlich die Masse der unsrigen, die überdies auf einen größern Raum vertheilt und weniger gleichförmig verbreitet ist. In allgemeiner Verstandesbildung, die mehr in das geschäftige Leben eingreift, in praktischer Bildung kann sich kaum irgend ein Volk mit uns messen. Aber in Kenntnissen, die außer dem Nutzen auch das Angenehme bezwecken, gibt es wenige europäische Nationen, die uns darin nicht weit überlegen wären, vorzüglich in allen solchen Dingen, die recht eigentlich zur Verschönerung des Lebens dienen. Zu dieser Ueberlegenheit kommt noch der Vorzug hinzu, den die europäischen Nationen in den gebildeteren Ständen vor uns haben, daß sie in ihrem weit freundschaftlicherem Verkehr die Mittel besitzen, einander einen großen Theil der gangbaren Erkenntnisse und nützlicher Erfahrungen gegenseitig mitzutheilen, welche den entsprechenden höhern Ständen Amerika's fast durchaus unzugänglich sind, oder die sie höchstens durch Bücher sich zum Theil verschaffen können. In der gesellschaftlichen Besprechung über solche Kenntnisse und Erlebnisse erlangen die Europäer diejenige Gewandtheit des Umgangs mit Leuten aller Art, jeden Standes, jeder Beschäftigung, und eingeweiht in alle verschiednen Beziehungen des Lebens verlangen sie das, was man vorzugsweise Welt nennt; und der Unterschied zwischen einem gebildeten Amerikaner ist in dieser Hinsicht gleich dem Unterschied eines Mannes, der sein Leben in guter Gesellschaft zubringt, von einem Manne, der die Welt blos aus Büchern und Schauspielen kennt.

In der richtigern Beurtheilung der Regierungsmaßregeln und in der genauern Bekanntschaft mit dem Gang der öffentlichen Angelegenheiten übertreffen uns die Engländer bei weitem, wir pflegen mehr die Einzelheiten als das Allgemeinere aufzufassen. Die Ursache davon ist, daß die persönlichen Rechte der Engländer in nicht viel mehr als in bloßen Vergünstigungen bestehen, welche gar keine tiefen Untersuchungen erfordern, um richtig verstanden zu werden; während die Rechte der amerikanischen Bürger auf Grundsätzen beruhen, welche eine tiefere Einsicht voraussetzen und welche beständig den widerstrebenden Einwirkungen von Ansichten ausgesetzt sind, die sich unter einer denselben völlig fremden Verfassung entwickelt und ausgebildet haben. Denn die englische Monarchie ist, wie sie, den eigentlichen Begriffen von einer Monarchie zuwider, jetzt beschaffen ist, zwar eine bloße Mystifikation, doch sofern die Oberherrlichkeit des Parliaments nun durchaus anerkannt ist, so kann die Interpretation der Principien der öffentlichen Administration keine weitere Schwierigkeit haben. Das amerikanische System ist im allgemeinen verwickelter und hat seine zwei verschiedenen Seiten, und die einzig wahren Whigs und Tories, welche möglicherweise bestehen können, sind es vermöge dieses ursprünglichen Verhältnisses. Hierzu kommt nun noch die praktische Eigenheit hinzu, daß der gebildete Engländer über seine Institutionen nur als Engländer zu urtheilen pflegt; während der Amerikaner auf ähnlicher Bildungsstufe weit öfter über die Institutionen der Republik ebenfalls wie ein Engländer, als blos wie ein Amerikaner, zu denken gewohnt ist. Ich kann Ihnen zur Erläuterung meiner Ansicht hundert Dinge anführen, doch eins mag genug sein.

 

In England ist der Theorie gemäß die Regierung aus drei Grundlagen und einem Gipfel zusammengesetzt; in Amerika dagegen aus einer Grundlage und drei Gipfeln. In der erstern wird das Bestehen eines Gleichgewichts der Gewalten vorausgesetzt, und da dieses praktisch unmöglich ist, so ist das Resultat eine consolidirte Auctorität gewesen, welche die Wirkung dieser Gewalten leitet. In der letztern besteht blos Eine Gewalt, die des gesammten Volks, und das Gleichgewicht wird durch das Vereintwirken erwählter Beamten bezweckt. Es bedarf nur weniger Aufmerksamkeit, um einzusehen, daß die Maximen zweier so verschiedener Systeme, wie diese selbst, verschieden sein müssen.

 

Die Engländer unterscheiden sich von den Amerikanern noch dadurch, daß sie weit selbstständiger und unabhängiger in ihren persönlichen Gewohnheiten sind. Nicht bloß unsere Verfassung, sondern auch die physische Beschaffenheit unseres Landes führt zu dem Resultat, uns alle auf gleicher Höhe der geselligen Gewöhnung zu stellen. Die Dampfböte, die ungeheuern Gasthäuser, der spekulative Charakter der großen Unternehmungen, und die daraus hervorgehende Neigung, Alles gemeinschaftlich zu thun, unterstützen die in unsern Einrichtungen liegende Tendenz zu einem solchen Ziel. In England ist Jedermann für sich allein in einem Saal, der mit ähnlichen Einsiedlern dicht angefüllt ist; er ißt nach seiner Bequemlichkeit, trinkt seinen Wein in der Stille, liest seine Zeitung eine ganze Stunde lang, und benimmt sich in allen Stücken auf seine Weise und richtet sich blos in seine eignen Launen. Der Amerikaner sieht sich gezwungen, einer allgemeinen Regel nachzuleben; er ißt, wenn andere essen; schläft, wenn andere schlafen, und kann von Glück sagen, wenn er seine Zeitung in einem Wirthshause lesen kann, ohne daß über jede Schulter ihm ein Fremder ins Blatt sieht. So übertrieben dies lauten mag, so ist es doch wahr, daß der Verfasser nicht weniger als eilf Mal in zwölf Monaten sich aus Astorhouse wegbegeben mußte, weil er es nicht länger ertragen konnte, wie sich Fremde über ihn hinlehnten, wenn er eben mit Lesen der Zeitung beschäftigt war. Ein Engländer würde über den bloßen Vorschlag erstaunen, der ihn in seinen Gewohnheiten stören wollte, damit den Wünschen einer ganzen Gesellschaft genügt werden könne. Dagegen pflegt der Amerikaner sich stillschweigend in den allgemeinen Wunsch zu fügen, der oft weiter nichts ist, als eine kecke Behauptung eines Einzelnen, der unter dem Vorwande, der Gesellschaft gefällig sein zu wollen, seine eignen Wünsche durchsetzt. Der Engländer beharrt so sehr auf seine persönliche Freiheiten auch im gesellschaftlichem Verkehr, daß er instinktmäßig jeder Bemühung, diese anzutasten, widerstrebt, und Nichts kann ihn zu größerer Beharrlichkeit bei seiner Meinung vermögen, als daß man ihm sagt, die Menge denke Anders, als er; der Amerikaner ist immer bereit, seine Meinung dem aufzuopfern, was ihm die Meinung des Publikums zu sein scheint. Ich sage: »zu sein scheint,« denn so steht es mit der Macht der öffentlichen Meinung bei uns, daß eines der gewöhnlichsten Hülfsmittel Aller, die auf die öffentliche Meinung zu wirken Veranlassung haben, in Nichts anderem besteht, als in dem Kunstgriff, den Leuten glauben zu machen, so und nicht anders denke das Publikum, und der Erfolg ist, daß dann das Publikum wirklich so denkt. Wenn der Engländer oftmals durch närrischen Eigensinn lächerlich wird, so macht sich der Amerikaner durch eine feige Nachgiebigkeit verächtlich. Ein Theil dessen, was man wohl die »Gemeinheit« des Charakters und Betragens im Amerika nennen könnte, rührt ohne Zweifel von den dörfischen Gewöhnungen her; denn es läßt sich in einer großen Hauptstadt weit leichter nach eigenem Gefallen leben, als in einem Dorfe; doch die Hauptursache liegt in der vorwaltenden Fügsamkeit der Einzelnen in den Willen der Gesammtheit.

Man pflegt zwar das absonderliche und ungesellige Benehmen der Engländer einer natürlichen Disposition dieses Volks zuzuschreiben, aber, wie ich meine, mit Unrecht. Das Klima ist überdieß dazu geeignet, um der Meinung vieler Leute als eine Hauptursache jener Eigenheit zu gelten. Wirklich hat das Klima keinen geringen Einfluß auf alle Menschen; jeder fühlt sich aufgelegter und geselliger gestimmt bei heiterem freundlichen Wetter, als wie in beengender schwüler Luft; doch im Ganzen bin ich geneigt zu glauben, daß die Eigenheit der Engländer mehr eine Folge ihrer Institutionen, als irgend natürlicher Ursachen ist.

Ich kenne keinen Gegenstand, keine Vorstellung, durchaus Nichts, was einen Engländer, in der Regel dahin zu bringen vermöchte, alle bessere Eigenschaften seines Charakters ganz und gar zu verleugnen, worin er so durchaus unlenksam und ungerecht wäre, so bereitwillig jeder Entstellung von Thatsachen, jeder schlimmsten Auslegung Gehör zu geben, und so hartnäckig der Wahrheit ihr Recht verweigert – die er übrigens selbst im Allgemeinen so wenig festhält – als einzig und allein Alles, was sich auf Amerika bezieht.

Als Resultat dieser flüchtigen und unvollständigen Vergleichung bekenne ich mich zu der Meinung, daß ein Nationalcharakter, der zwischen dem englischen und amerikanischen die Mitte hielte, sowohl dem einen wie dem andern vorzuziehen sein dürfte, wie jeder derselben jetzt besteht. Dies drückt in der That nichts weiter aus, als daß der Mensch nicht in einem vollkommenen Zustande lebe; doch wenn auch die Charakterunebenheiten, von welchen bisher die Rede war, bei beiden Völkern abgeschliffen werden könnten, so würde ein genialer Kritiker gewiß noch manche Gebrechen bei Beiden nachweisen können, welche an die Allgemeinheit menschlicher Schwächen erinnern; dagegen würde er aber auch hinreichend preiswürdige Eigenschaften an ihnen entdecken, um beide den größten Nationen der neuern, wo nicht auch der alten Zeit gleichzustellen.

In den meisten Sachen des Geschmacks übertreffen uns die Engländer ohne Zweifel, wiewohl eigentliche Geschmacksbildung nicht die stärkste Seite des englischen Charakters ist. Ueber diesen einzigen Punkt ließ sich ein ganzes Buch schreiben; doch werden Sie sich hier mit wenigen Bemerkungen genügen lassen. Diese Ueberlegenheit der Engländer zeigt sich ganz vorzüglich in der Einfachheit, und besonders bemerkt man dies in der Einfachheit ihrer Ausdrucksweise. Sie nennen die Dinge bei ihrem Namen, ohne allen Wortschwall. Ich weiß recht gut, daß in Amerika weder Männer noch Frauen, die eine bessere Erziehung gehabt und in den bessern geselligen Cirkeln ihre Bildung erlangt haben, sich auf irgend eine Weise hierin von den Engländern unterscheiden; doch auch in diesem Punkte, wie in allen Dingen, wo man den nationalen Eigenheiten bei uns nachforscht, wird der bessere Ton in Amerika auch von der Mittelmäßigkeit verdrängt. Mrs. Butler hat in ihren bisweilen beißenden Bemerkungen diese Neigung zum Hochtrabenden bei uns nicht übel bezeichnet. Wo diese Frau irgend aus den ihr gebührenden oder dem Geschlecht geziemenden Grenzen heraustritt, da haben ihre Bemerkungen das Eigene, wie man es von einer jungen Engländerin erwarten kann, die Amerika besucht, ganz in ihren anerzogenen politischen Meinungen befangen, und wie es nicht anders sein konnte, völlig unbekannt mit dem wirklichen Treiben, wie mit den geheimen Triebfedern der einzelnen Regierungen. Auch in dieser Schriftstellerin tritt die Hoffnung, um nicht zu sagen die Sehnsucht, nach der baldigen Auflösung der amerikanischen Union, deren oft schon in diesen Blättern erwähnt worden ist, hinreichend deutlich hervor. Eben so ist sie in den allgemeinen Irrthum hineingerathen, manche Dinge, wie etwa die affektirte Nachlässigkeit der Handwerker und Krämer, das lärmende, kreischende und vorlaute Benehmen beider Geschlechter, welches bisweilen bei uns geselliger Ton genannt wird, unsern demokratischen Institutionen zur Last zu legen; während ersteres nur der in einem beispiellos wohlhabenden Lande stattfindenden persönlichen Unabhängigkeit und letzteres dem schwankendem Zustande der Bevölkerung der Städte, die sich alle zwanzig Jahre und deren Wohlstand, der sich alle zehn Jahre verdoppelt.
Mrs. Butler hat ohne Frage manche andere Mißgriffe begangen, da sie sich von irrthümlichen Eindrücken auf eine auffallende Weise hinreißen ließ. Von dieser Art sind alle Bemerkungen über Sitten und Gewohnheiten, die man verkehrter Weise als Zeichen demokratischer Rohheit auslegt. Jeder, der unsere Verhältnisse genau kennt, weiß sehr wohl, daß wir in allen Gewohnheiten, die vor vierzig Jahren bestanden, allmählich immermehr abgewichen sind. So sind Lakeien, Livreen, Wappen, Leibfarben u. s. w. jetzt weit weniger bei uns anzutreffen, als im Anfang des Jahrhunderts. Mrs. Butler aber verwechselt die Abenddämmerung mit der Morgenröthe, und nimmt den Schatten des Vergangenen für die Vorbedeutung des Künftigen. Das ist ein gewöhnlicher englischer Mißgriff, weil man bei ihnen die Dinge nicht sieht, wie sie wirklich sind, sondern wie sie sich vorstellen, daß sie sein könnten.
Die Behandlung, welche diese Frau erfahren hat, kann nicht genug gerügt werden. Man hat sie verspottet, karrikirt, wenn auch nicht gradezu, doch mittelbar verlästert, weil sie sich eingebildet hatte, sie schildere uns ganz wahr! Aehnliche Verunglimpfung hat Mrs. Trollope erfahren; doch wenigstens scheinbar verdienter Weise, weil Mrs. Trollope gegen ihr eignes Geschlecht in Amerika tadelnd aufgetreten ist! Dazu bemerkt man in der Schrift der Mrs. Trollope einigermaßen boshafte Züge und einen nicht undeutlichen Berechnungsgeist; während das Buch der Mrs. Butler in einem so redlichen als furchtlosen Styl abgefaßt ist. Sie hat zwar manche Personen vielleicht etwas zu deutlich geschildert, und ihre Bemerkungen enthalten mitunter etwas zu starke Ausdrücke; aber alle diese Fehler lassen sich als arglose Einfälle eines noch sehr jungen Frauenzimmers entschuldigen.
In einem Dinge hat sich Mrs. Butler gar sehr geirrt, indem sie nämlich behauptet, weder die Engländer noch die Franzosen äußerten die geringste Empfindlichkeit in Rücksicht der Bemerkungen der Reisenden! Die Franzosen verstehen gewöhnlich die Bemerkungen der Engländer nicht, und die Engländer nicht die der Franzosen. Keine von beiden Nationen pflegt die Bemerkungen amerikanischer Reisenden zu lesen, oder weiß nicht einmal, ob es deren gibt. Es ist nichts leichter, als gegen Dinge sich gleichgültig zu beweisen, die man nicht kennt, oder von denen man nie etwas gesehen oder gehört hat. Was die Engländer zunächst betrifft, so braucht blos Pillot d'Haussey und Pückler-Muskau genannt zu werden, um zu zeigen, wie sehr sie geneigt sind, Schimpf und Verlästerung auf Diejenigen zu häufen, deren Aeußerungen ihnen mißfallen. Die Geschichten, die man sich in London unter andern von letzterem erzählt, um das Vergeltungsrecht gegen ihn wegen seines Buchs zu üben, kann man füglich mit den Bemerkungen der Mrs. Trollope über Amerika auf eine Linie stellen. Beides macht dem jetzigen Standpunkt der Civilisation nicht viel Ehre.

Obgleich mir die englische Regierung wie ein ungewöhnliches Schaustück von Taschenspielerkunst vorkommt, in dem fast keinerlei Maßregel eingeleitet oder durchgeführt wird, ohne daß man von den theoretisch festgestellten Ansichten sich entfernt oder solche gradezu verletzt, so bin ich doch überzeugt, daß man in England seine Meinung öffentlich weit ehrlicher heraussagt, als in Amerika. So fern bei uns zu Hause hierin gefehlt wird, glaube ich, daß die gemeinschaftliche Ursache mancher anderer Uebelstände auch hier zu Grunde liege; in Amerika äußert Unwissenheit und Habsucht einen thätigern und weniger gehemmten Einfluß, als solches in England statt finden kann. In Amerika besteht nirgends eine innige Anschließung einer hinreichenden Anzahl höher gebildeten Männer an einander, um diesem inneren Feind nachdrücklichen Widerstand zu leisten.

Es ist ein ansteckendes, ein entwürdigendes Gebrechen der Amerikaner, diese moralische Feigheit, mit der sich die Menschen dem unterwerfen, was bei ihnen die öffentliche Meinung heißt; obschon diese Meinung so unbeständig sich erweist, obschon in allen Fällen, wo der Geist der Faktionen sich regt, zwei öffentliche Meinungen, bisweilen auch wohl zwanzig von einander abweichende Meinungen zu gleicher Zeit bestehen, und obgleich diese Meinungen sämmtlich nichts weiter sind, als, in neun Fällen unter zehn, ersonnene Machinationen, die von den verdorbensten und verachtungwerthesten Menschen der ganzen Gemeinde aus nichtswürdigen Absichten in Bewegung gesetzt werden. In dieser Hinsicht sind die Engländer eine weit achtungswürdigere und selbstständigere Nation, und zwar, wie sich denken läßt, aus dem öfter erwähnten Grunde, weil die condensirten Massen von höherer Einsicht und festeren Charakters die höheren Stände der Gesammtheit befähigen, weit mehr auf den Ton der Wenigergebildeten gemeinschaftlich einzuwirken. Daher sind sie in festgewurzelten Vorurtheilen auch weit hartnäckiger und unzugänglicher, als wir; aber in vorübergehenden und veränderlichen Meinungen stehen sie weit über uns.

Die Ursache aber, weßhalb die feststehenden Vorurtheile, der höhern Bildung der einflußreichern höhern Stände ungeachtet, nicht weichen wollen, finde ich in dem Umstand, daß diese Vorurtheile mit einem System in genauer Verbindung stehen, welches nur durch Irrthümer aufrecht gehalten werden kann, welche hinweg zuräumen, ganz und gar dem Interesse eben dieser höhern Stände entgegen ist, und welche diese daher bei den Weniggebildeten und Geringern nicht zu schwächen, sondern vielmehr noch zu befestigen, suchen.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.