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England. Zweiter Band

James Fenimore Cooper: England. Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
authorJames Fenimore Cooper
titleEngland. Zweiter Band
publisherVerlag von Joh. David Sauerländer
year1837
translatorC. F. Nietsch.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140704
modified20150422
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Siebenundzwanzigster Brief

Besorgniß vor Rußland. – Anglomanie. – Auswärtige Politik. – Recolonisations-Projekt der Demagogen. – Anekdote. – Mr. Huskisson. – Mr. Cobbett. – Englische Kritik und Englischer Einfluß. – Schwächen der Nation. – Englische Eifersucht. – Administration von Mr. Adams.

 

An Herrn Jacob Sutherland in Genf.

Mitten unter dem affektirten verachtenden Benehmen, mit welchem die englischen Publicisten und Redner, sobald sich eine Gelegenheit darbietet, auf Amerika anzuspielen, sich breit zu machen pflegen, entdeckt man die lebhafte leidenschaftliche Eifersucht über die wachsende Macht unserer Republik nur zu leicht. Wer aber, wie Sie, weit von dem Schauplatz entfernt ist, kann nicht ganz ausführlich die Dinge übersehen, um zu gewahren, wie genau dieser Neid gegen uns mit den Besorgnissen vor der russischen Politik zusammenhängt. Die kluge Voraussicht Alexanders hat Annäherungen zwischen den Regierungen von Rußland und der Vereinigten Staaten eingeleitet, welche den Engländern bedrohlich erscheinen, und dazu sehen sie uns von den Russen mit freundlichem und zuvorkommendem Benehmen begrüßt, so daß die Engländer nicht anders als sich darüber ärgern können, und daß ihre Staatsmänner nach und nach die Folgen ihrer frühern Mißgriffe auszugleichen suchen.

Der Himmel segne die Quarterly-Review, sag' ich! So wenig ich auch über die geistige Selbstständigkeit der Republik mich zu freuen Ursache habe – denn wenig Leute können von dem gefährlichen Charakter mehr überzeugt sein, den die allgemein überhand nehmende Weise, nicht wie Amerikaner, sondern wie Engländer über politische Gegenstände zu urtheilen und darnach zu handeln, bei uns hervorgebracht hat, als ich, – und doch glaube ich, die Quarterly-Review hat weit mehr dazu beigetragen, die Voreingenommenheit der Nordamerikaner für Großbritannien zu schwächen, als die beiden Kriege, die Handelseifersucht, die Senatsbeschlüsse, das Matrosenpressen, das Complot von Henry und alle übrigen Gegenstände des nationalen Zwistes zusammengenommen. Das klingt freilich wie Uebertreibung; aber ich bin nicht der Einzige, der diese Ansicht hat; es ist auch gewiß, denn die faktischen Umstände lassen keinen Zweifel darüber bestehen, daß manche unserer angesehensten Männer, die vorher am meisten der Anglomanie ergeben waren, sich nun um so mehr zu weit vernünftigeren Ansichten hinneigen, jemehr sie früherhin zufällig von den Verunglimpfungen mitbetroffen wurden, welche so reichlich über die ganze Nation ausgeschüttet worden waren. Ich habe recht herzlich über die schriftlichen Aeußerungen eines Lehrers gelacht, von dem wir beide als Knaben genöthigt wurden, alles was englisch war, bis zu den Wolken erheben zu hören; der aber, nachdem ihn besagte Quarterly-Review als Schriftsteller mächtig herunter gemacht hatte, seit jener Zeit sich männlich erhoben hat, für das Vaterland zu streiten, wie man sagt, oder in andern Worten, für die vaterländischen Dinge, und um es grade heraus zu sagen, für sich selbst.

Dies ist ein Zug von geistiger Selbstständigkeit, an dem es uns nie fehlen wird. Doch wir wollen dies mit Dank hinnehmen, und nicht weniger der günstigeren Wendung der Dinge danken und der Quarterly-Review obendrein. Wenn ich mich darüber freue, daß sich Amerika von England in seinen Ansichten etwas mehr entfernt, so geschieht es nicht, weil ich wünsche, daß unsere Nation mit der englischen in einem gespannteren Verhältnisse stehen solle, als wie mit allen anderen Nationen, sondern weil ich mich überzeugt halte, daß eine solche vorübergehende Entfremdung wirklich vorhergehen müsse, ehe wir dahin gelangen, die Engländer aus dem einzig richtigen Gesichtspunkt zu betrachten, wie es einerseits die Sicherheit, andererseits die Ehre eines unabhängigen Volkes einem andern gegenüber erfordert. Die beständige Einschwärzung neuer Vorurtheile und Parteilichkeiten durch die Einwirkung von Auswanderern, und die Weise, in welcher wir in unserer Literatur uns dem englischen Einfluß hingeben, hat eine Veränderung in diesen Dingen nur langsam herbeiführen können; auch bin ich noch gar nicht überzeugt, daß man nach diesem empfangenen Impuls wirklich auf dem richtigen Wege bleiben werde. Es ist zwar richtig, daß wir uns nicht mehr aufheften lassen, ein englischer Apfel sei besser, als ein amerikanischer, oder ebenso ein englisches Schwein oder ein englisches Pferd durchaus besser, als ein amerikanisches; nichts desto weniger glauben wir an die ausschließliche Vortrefflichkeit englischer Grundsätze, so sehr auch nichts offenbarer ist, als daß diese Grundsätze lediglich zur Unterstützung eines künstlichen und einigermaßen zufälligen geselligen Zustandes aufgestellt werden, eines geselligen Zustandes, von welchem der unsrige weit mehr, als irgend ein anderes sociales System der Christenheit, abweicht.

Abgesehen von unserer moralischer Abhängigkeit von den Meinungen der Engländer, und mit näherer Beziehung auf das Frühergesagte, so glaube ich, daß die Eifersucht gegen Rußland wohl England dahin bringen kann, seine bisher gegen uns beobachtete Politik zu ändern. Für Jemand, der nie aus Amerika gekommen ist, bleibt es durchaus unmöglich, die Natur und den Umfang des Interesses zu ermitteln, welches sämmtliche höhere Stände an den auswärtigen Beziehungen ihres Landes nehmen.

In Amerika befinden wir uns in dieser Beziehung fast noch ganz im Naturzustande; denn die Welt hat vielleicht kein einziges Beispiel von einem Volke aufzuweisen, welches alle große Interessen, die ihm nicht handgreiflich vor Augen liegen, so durchaus vernachlässigt Man wird sich einen Begriff von dem Zustande der auswärtigen Politik in unserm Lande machen können, wenn man folgendes Faktum erwägt, wovon der Verfasser Kunde erhielt, und zwar unter Umständen, welche über die Authenticität desselben keinen Zweifel lassen konnten. Ein Amerikaner befand sich in Washington, der um eine Anstellung im diplomatischen Fach nachsuchte, als gerade im Congreß die Verhandlung über die französische Schadlosstellung vorkam, nachdem solche vom Präsidenten vorgelegt worden war. Jener Diplomat nun betrachtete die Sache einer auswärtigen Macht um so viel mehr der Unterstützung benöthigt, als die Sache seines eignen Vaterlandes, daß er nach Paris schrieb und seine dortigen Freunde versicherte, weder die Nation noch der Congreß werde den Antrag des Präsidenten in dieser Angelegenheit unterstützen! Einer oder mehre dieser Briefe fielen Amerikanern in die Hände und wurden nach Washington zurück geschickt. Zweimal fand der Verfasser, während er in Europa war, Engländer um geringe Vergütung bei unsern Gesandtschaften angestellt; so wurden also die Geheimnisse unserer Regierung der Disposition fremder Söldlinge anvertraut!. Wenn das Volk der Vereinigten Staaten seine wahre Lage begreifen könnte, wenn es die Bestrebungen, die Erwartungen, die Wünsche der europäischen Staaten durchschauen könnte, so würde unsere Regierung sogleich eine tüchtige Seemacht aufstellen, welche den Zufälligkeiten einer feindlichen Bewegung den geeigneten Widerstand entgegensetzen würde.

Manche unserer früheren Diplomaten, welche wir zu einer Zeit in Europa besaßen, als man noch gewohnt war, keine andere, als talentvolle und charakterfeste Männer zu solchen Sendungen zu wählen, haben ihre Gründe dargelegt, weshalb sie den englischen Absichten in Beziehung auf unsere politische Unabhängigkeit mißtrauten; aber neulich hörte ich zu meinem Erstaunen hier die Aeußerung, daß die englische Regierung noch gar nicht den Plan aufgegeben habe, uns wieder zu einer englischen Kolonie umzugestalten. Es ist wahrscheinlich, daß diese Aeußerung in diesem Augenblick höchstens eine Uebertreibung oder eine bloße Prahlerei ist; aber daß dieser Plan wirklich bestand bis vor etwa fünfzehn oder zwanzig Jahren, daran zweifele ich ganz und gar nicht. Ein merkwürdiger Ausdruck war in dieser Beziehung in einem Artikel der Edinburgh Review kurz nach dem Friedensschluß von 1815 zu lesen. Ich führe die Stelle nur aus dem Gedächtniß an, doch entsinne ich mich der Worte noch ziemlich genau, und der Sinn ist mir noch ganz deutlich erinnerlich, weil der Artikel Amerika betraf: »Wir vermuthen, daß das Projekt der Recolonisation für jetzt aufgegeben ist.« Eine solche Bemerkung würde nicht gemacht worden sein, wenn keine Veranlassung dazu vorhanden gewesen wäre. Indessen war ich selbst zugegen, als dieser Gegenstand in Paris zur Sprache gebracht wurde von Männern, welche in die Geheimnisse der Kabinette eingeweiht waren, und ich erinnere mich noch recht gut des Erstaunens, das mich ergriff, als ich die Möglichkeit erörtern hörte, daß die Vereinigten Staaten wieder zur Kolonie gemacht werden könnten. Als ich bei dieser Gelegenheit die Fehlschlagung der im Jahr 1776 beabsichtigten Maßregeln, als einen Beweis für die Unausführbarkeit eines solchen Plans, nachdem so Manches sich geändert hätte, anführte, gab man mir zu verstehen, ich dürfte mich nur der hundert Millionen erinnern, welche England in Indien unterjocht habe.

Das ist gewiß, daß wir unsere Sicherheit mit ganz verschiedenen Augen betrachten, als man diese in Europa beurtheilt. In Europa erwartet man allgemein, und ganz besonders erwartet man es in England, daß wir unsern Bund auflösen werden. Und diesem Ziel gemäß leitet man die Bestrebungen derer, welche darnach trachten müssen, uns unter einander zu entzweien, damit man mit uns desto leichter fertig werde. Wenig, oder ich möchte fast sagen, gar Nichts weiß man in Amerika von den Mitteln, welche die privilegien Klassen in Europa in's Werk setzen, um ihr Ansehen zu behaupten. Wir haben gar Manches von den treulosen Machinationen und von den berüchtigten Planen der Demagogen vernommen, welche die Ordnung des Bestehenden in diesen Ländern hätten umstürzen wollen; aber man hat kaum gewagt, auch nur leise-flüsternd die geheimen Intriguen und die unverzeihlichen Missionen anzudeuten, welche im Allgemeinen den Freunden des Despotismus und der Aristokratie von den Freunden der Freiheit zugeschrieben werden. Wenig daran gewöhnt, selbstständig über uns selbst nachzudenken, und dem Einfluß einer verdorbenen und parteisüchtigen Publicität hingegeben, haben wir den parteiischen Berichten aufmerksames Gehör gegeben, und immer bereit uns mit dem Zeitalter der Vernunft und der Aufklärung in Opposition zu setzen, haben wir den wesentlichen Umstand übersehen, daß alle jene so greulich geschilderten Dinge blos die Reaction ungeheurer Mißbräuche waren, und daß die Wurzel aller dieser Uebel weit tiefer liege, als alle die ekelhaften Excesse, die man so eifrig bemüht war, unsern staunenden Blicken mit den grellsten Farben zur Schau zu stellen. Ich kann von vergangenen Ereignissen nichts weiter berichten, als was ich davon gehört habe; aber Männer von den edelsten Gesinnungen haben mich versichert, daß sie die innige Ueberzeugung hätten, daß eben die Machinationen ihrer Feinde die Haupttriebfedern gewesen seien, die in den Gang der Revolution die abscheulichsten Greueltaten verwebt hätten. Keiner von ihnen hat jemals geleugnet, daß es natürlich sei, daß diejenigen, welche unter unmenschlichem Drucke geseufzet hatten, in gewaltthätige Handlungen ausbrechen mußten, als sie sich plötzlich frei von ihren Banden fühlten, aber sie sind auch davon überzeugt, daß man Leute gedungen hat, um die Leidenschaften bis zur Wuth zu steigern; und als die privilegirten Klassen hier die Unmöglichkeit fühlten, dem Strom der Revolution den gehofften Widerstand leisten zu können, so änderten sie ihre Plane dahin ab, die Revolution in bösen Ruf zu bringen, indem sie die Masse des Volks zu Handlungen aufwiegelten, welche alles menschliche Gefühl empören mußten.

Eine Anekdote, welche mir von General Lafayette persönlich mitgetheilt worden ist, ist mir so merkwürdig gewesen, daß ich sie hier mittheilen will, doch indem ich Anfangsbuchstaben benutze, die den Namen, die wirklich genannt wurden, nicht entsprechen, weil manche dabei interessirte Personen noch am Leben sind. Ich wähle unter Hunderten, die ich anführen könnte, gerade diese Anekdote aus, weil ich bei dieser von der Reinheit der Quelle durchaus überzeugt bin, und sie daher mit der Gewißheit wieder erzählen kann, daß hier keinerlei Uebertreibung, keine Ausschmückung statt fand, und weil ich überdies glücklicherweise die erforderlichen Beweise in Händen habe, daß ich sie vom General Lafayette fast in denselben Worten erzählen hörte, mit welchen ich sie hier mittheile:

Es war die Rede davon, ob wirklich die Monarchen und Aristokraten Europa's sich geheimer Agenten bedient haben könnten, um die Greuel der französischen Revolution recht in Gang zu bringen. Da sagte unser ehrwürdiger Freund: »Graf N – – befand sich während des Friedens von Amiens in England, und speiste unter andern bei Lord G – –, einem aus Pitt's Cabinet. Beide standen grade an einem Fenster eines nicht weit von ihnen entfernten Hauses, indem jener sagte: »Das ist das Fenster des Zimmers, welches F – – bewohnte, als er noch in England sich aufhielt.« – »F – –!« rief der Graf N – – verwundert aus; »wie wäre es möglich, daß Sie, Mylord, einen Menschen, wie F – – gekannt hätten?« Der englische Minister aber lächelte bedeutsam und erwiederte: »Warum nicht? wir haben ihn ja nach Frankreich geschickt

Wenn Sie, statt: »Graf N – –« den Namen eines Franzosen setzen, der fast unter jeder Regierung während der letzten vierzig Jahre Minister gewesen ist, und dessen Privatleben wie dessen öffentliche Wirksamkeit ihn den ausgezeichnetsten Männern Frankreichs zugesellt, und eben so, statt Lord G – –, den Namen eines bekannten englischen Staatsmannes setzen wollen, und unter F – – sich eins der ärgsten Ungeheuer vorstellen, welche je die Schreckensregierung hervorbrachte, so haben Sie diese Geschichte fast in den nämlichen Worten, wie mir General Lafayette dieselbe mittheilte und mir dabei sagte, er habe sie vom Grafen N – – selbst gehört.

Wenn diese Anekdote in einem der müssigen Zeitungsberichte mitgetheilt worden wäre, wie sie täglich uns zu Gesicht kommen, so würde ich sie gar keiner Erwähnung werth gehalten haben; doch da sie von einem ausgezeichneten Franzosen herrührt, der eines bessern und verdienteren Rufs sich erfreut, als die meisten Politiker seiner Zeit, und von einem Mann wie Lafayette erzählt worden ist, der so vollkommen frei von dem Gebrechen ist, selbst seinen Feinden niedrige Absichten zuzutrauen, und zwar in einer freien geselligen Unterredung, wo gar kein Grund zur Entstellung von Thatsachen vorlag, so muß ich bekennen, daß sie mir einer mehr als gewöhnlichen Aufmerksamkeit werth geschienen hat.

Bedenken wir, wie natürlich es ist, daß man sich der bereitwilligsten Leute zu Unterhändlern bedient, um irgend ein Geschäft abzumachen, so darf es uns nicht wundern, daß die Maßregel, die Leidenschaften der Masse auf's Aeußerste zu treiben, sich in solchem Falle als die wirksamste darbieten mußte, und bedenken wir, daß da, wo feste Grundsätze keinen Einhalt gebieten, die Menschen so sehr geneigt sind, ihre theilweise Verantwortlichkeit von ihren eigenen Schultern auf andere zu wälzen, und eben so geneigt sind, in Zeiten auf ihre mögliche Rechtfertigung zu denken, und daß in der Politik ein gemachter Fehler weit unverzeihlicher als ein wirkliches Verbrechen erscheint, so halte ich die Geschichte für wahr, wenn auch die Moralität mancher Betheiligten durch dieselbe in schlimmen Verdacht kommen muß. Man könnte einigermaßen über ein solches Bekenntniß erstaunen; doch dergleichen Dinge gelten in der Politik nicht anders, als wie, wenn zwei alte Krieger sich über Kriegslisten unterhalten, die sie in ihren früheren Feldzügen ausübten, und auf diese Weise kommen bisweilen wirklich erstaunliche Dinge ans Licht.

Mr. Huskisson studierte die Heilkunde in Paris, als die französische Revolution ausbrach. Die Franzosen beschuldigen ihn öffentlich, er habe die rothe Mütze getragen und zu den übertriebensten Jacobinern gehört. Sie sagen, plötzlich sei er verschwunden gewesen, und dann hätte man erst wieder Etwas von ihm gehört, als er in Diensten der englischen Regierung aufgetreten sei. Das kann Alles seine Richtigkeit haben und dennoch nichts weiter als Folge jugendlicher Uebereilung und Unerfahrenheit gewesen sein. Wenn Mr. Huskisson weniger zweideutig in seiner kaufmännischen Moral gewesen, und in den von ihm selbst aufgestellten Grundsätzen fest geblieben wäre, so würde ich auf jene Nachrede gar kein Gewicht legen; denn nichts ist natürlicher, als daß ein Jüngling sich von Gefühlen, die etwas Großartiges enthalten, zu Unbesonnenheiten hinreißen läßt. Dagegen halte ich es für eine feste Regel, den, welchen ich bei Einem Faktum auf jesuitischen Wegen ertappe, auch in andern Dingen mißtrauen zu dürfen. Daß Mr. Huskisson sich selbst widerspricht und unredlich zu Werke ging in seinen Deklamationen über die Handelsfreiheit, liegt so klar vor Augen, als irgend eine mir bekannte Wahrheit.

Doch zugegeben, diese beiden Fälle seien erdichtet, so wäre es doch thörigt, wenn ein Amerikaner seine geistigen Augen vor der Zuversichtlichkeit verschließen wollte, mit der selbst Frauen hier in London von der bevorstehenden Auflösung unserer Union sprechen. Das ist der Punkt, worauf unsere Feinde ihre Machinationen hinlenken; und wenn wir die Wichtigkeit dieses Umstandes für uns gehörig würdigen wollen, gleichsam »den Werth desselben calculiren,« dann haben wir blos nöthig, zuzusehen, welche Wichtigkeit unsere Feinde auf denselben legen. Stellen Sie sich mein Erstaunen vor, als ein junges Mädchen unter zwanzig Jahren mir zur Erwiederung auf einige Scherze, die bei einer Unterredung über die Macht der Nation vorfielen, ganz treuherzig in's Gesicht sagte: »Nun, ihre Union wird doch bald aufgelöst werden!«

Mr. Cobbett, nichts weniger als ein sicherer Gewährsmann, wo es Thatsachen gilt, dazu ein scharfer Denker und gewandt in der Schätzung der den einzelnen Mächten zu Gebote stehenden Wege und Mittel, hat eben erst in seinem Blatte erklärt, daß: »wenn die Vereinigten Staaten ihre abwehrende Politik nicht aufgeben wollten, so werde England seine wahre Macht zeigen und ihre gepriesene Union nach allen Windgegenden zerstieben.« Hier haben wir eine Probe von der Moral und dem Mittel zum Zweck, deren sich die Politiker zu bedienen keinen Anstand nehmen. Sobald wir also eine gerechte Politik, die wir zu befolgen gesonnen sind, nicht aufgeben wollen, so soll die Fackel des bürgerlichen Kriegs bei uns entzündet werden. Dies hat wirklich etwas Aehnliches von den Grundsätzen, welche die Anekdote des General Lafayette andeutet. Doch muß man zugeben; daß eigentlich Mr. Cobbett gar keine Auctorität zu nennen ist. Andere Journale haben dagegen im Wesentlichen dasselbe behauptet; und ich meine, daß die meisten Politiker hier in diesen Ton einstimmen.

Ich sagte vorhin: wir überschätzten die Sicherheit unserer Lage. Ein Volk, das sich so viel in seinen Meinungen nach den Meinungen eines andern Volks bequemt, wie unser Volk, kann nicht anders als einigermaßen von der Gnade oder Ungnade desjenigen Volks abhängig sein, dessen Einfluß es sich freiwillig hingibt. Niemand wird leugnen, daß wir von England mit vielen Dingen versehen werden, welche ausgezeichnet gut und nützlich sind; es gehört aber an sich zur Geschicklichkeit derer, die zu unserm offenbaren Nachtheil ihren Einfluß bei uns durchsetzen wollen, daß sie ihr Gift recht künstlich mit gesunder Nahrung durchkneten, damit wir beides mit einander desto bereitwilliger verschlucken. Neben den aufgeblasenen Lobeserhebungen der amerikanischen Literatur in den Journalen sehen wir wiederholte Berichte, wie dieses oder jenes Werk nochmals in England erschienen sei, oder daß es dort bereits eine zweite Auflage erlebt habe, welches alsdann das höchste Lob ist, das man unsern Schriftstellern geben kann. Daher zeigen unsere meisten Schriftsteller noch immer eine große Abhängigkeit von den Meinungen der Engländer, eine große Angst vor ihrer Kritik und ein Verlangen, die englische Kritik auf eine Weise zu bestechen, welche nicht leicht mißverstanden werden kann. Wir wollen hoffen, daß keiner sich zu niedrigen Verläumdungen herablassen wird, welche sowohl die Unkunde als die Gemeinheit ihrer Urheber verrathen! Aber peinlich ist es zu sehen, in welcher auffallenden Weise man die Schmeichelei und Huldigung England's in so manchen unserer Werke verwebt findet, wie deutlich die Absicht durchleuchtet, den Beifall eines Volks zu erlangen, welches sich nicht im Geringsten scheut, uns mit offenbarer Verachtung zu begegnen. Was mich selbst betrifft, so hatte ich oft die Gelegenheit, den Einfluß dieses Geistes zu bemerken, indem man mir höhnend in's Gesicht gesagt hat, diese oder jene Herabsetzung sei in einem englischen Journale erschienen – oder auch schmeichelhaft dieses oder jenes belobenden Berichtes erwähnte. In diesem Augenblick gibt es keinen amerikanischen Schriftsteller, der nicht von der Gnade oder Ungnade der englischen Kritik abhinge, sobald er derselben irgend beachtungswerth erscheint; und alle Anzeigen sind vorhanden, daß England mit Ernst daran denkt, wenn es nicht schon seit langer Zeit daran gedacht hat, auch auf unsere Staatsbeamten Einfluß zu gewinnen. Daß sie selbst diese Meinung von ihrer Macht hegen, ist hinreichend klar; denn sie rühmen sich dessen öffentlich in den Zeitungen. Offenbar hat man auch Versuche gemacht, auf die öffentliche Meinung in Frankreich einzuwirken, in einem Lande, welches vorzüglich taub gegen fremde Einflüsterungen ist; und wenn sie in Frankreich einen besonderen Ton anzuregen im Stande sind, so sind sie noch vielmehr im Stande, in Amerika Unordnungen zu erregen.

Wenn man diesen Gegenstand genauer betrachten will, so muß man die Ansichten und Neigungen der Nation selbst weniger betrachten; denn die menschlichen Beweggründe der Masse der Nation sind von keinem Belang, wo es sich von solchen besonderen Interessen handelt. Diejenigen, welche das Räderwerk in Gang bringen, halten sich hinter der Scene verborgen, und auf die Masse des Volks wird in England wie in Amerika auf eine Weise eingewirkt welche nur äußerst wachsamen und scharfbeobachtenden Blicken nicht entgehen kann. Unter diesen Umständen ist es ein desto entwürdigenderes Benehmen, daß die Engländer sich ihres Einflusses bewußt sind und uns, während sie denselben fortwährend ausüben, überdies eben deßhalb verhöhnen.

Manche physische Ursachen tragen dazu bei, daß die Fremden ihre Herrschaft über die Ansichten der Amerikaner immer fort behalten. Unsere Bevölkerung ist so sehr zerstreut, daß, außer in Fällen, welche ein Lokalinteresse besonders in Anspruch nehmen, bei uns keine Meinung mit gehörigem Nachdruck auftreten kann, um derjenigen: mit überwiegender Festigkeit zu begegnen, welche sich in den größeren Städten bildet; und diese Städte, und zwar die am meisten einflußreichen Städte sind fast eben so sehr von Fremden als von Eingeborenen besetzt. Eine große Anzahl unserer öffentlichen Blätter in den großen Seestädten steht sogar unter der unmittelbaren Leitung von Männern, die geborene britische Untertanen waren, und es ist eine Eigenheit dieser Leute, daß sie kaum vergessen können, daß sie keine Engländer mehr sind. In diesen Dingen sind die Amerikaner öfter so sehr mit Blindheit geschlagen, daß Derjenige, welcher diesem Treiben aus der Ferne zusieht, solches kaum zu glauben sich getraut. Wenn wir aber alle diese Ursachen in der Nähe betrachten, so kann es uns gar nicht mehr verwundern, daß die Nation sich fast mehr noch um den Beifall der Ausländer als ihrer Mitbürger bekümmert, daß unsere Diplomaten unsern Feinden, statt ihren eignen Landsleuten, Vorschub leisten, und daß die öffentliche Meinung bei uns mehr dem Interesse des Auslandes als des eignen Vaterlandes gemäß sich ausspricht.

Was aus diesem Allen noch werden wird, das steht in Gottes Hand! Es ist möglich, daß wir noch aus diesem kränkelnden Zustande herauswachsen, wie Kinder aus der Knochenverkrümmung (Rickets, englische Krankheit) sich bisweilen mit graden Gliedern entwickeln, oder wir können auch der Krankheit unterliegen, wie solche Kinder, die oft schon früh daran sterben. Aber es kann nur wenig nützen, dies Uebel mit übermäßiger Schonung zu behandeln; denn eben die Sentimentalität ist es, die durch Verzärtelung das Uebel bis zu seiner jetzigen Höhe gesteigert hat, und nichts kann dies Uebel mit so viel Erfolg heilen, als die Zeit und außerdem ein schicklich angewandtes ätzendes Mittel (causticum). Ich weiß wohl, daß man gesagt hat, der Krieg von 1812 habe die Vorstellungen der Amerikaner von ihrem alten Knechtsinn befreit, und eine Zeitlang mag dies wahr gewesen sein; dieselbe Wirkung hatte der Revolutionskrieg auch gehabt; aber kaum war in beiden Fällen wieder Alles in den früheren ruhigen Gang gekommen, so stellten sich die gewohnten Vorstellungen wieder ein. Etwas sind wir ohne Zweifel weiter gekommen. Niemand glaubt jetzt mehr daran, daß eine britische Fregatte einer amerikanischen blos die Zähne zu zeigen brauche, damit die letztere die Flagge streiche; aber selbst das männliche Benehmen im Felde kann diese Tendenz bezeichnen, immer wieder in die alte Denkweise zu verfallen; denn, aller im Jahr 1776 gemachten Erfahrungen ungeachtet, so glaubten doch Tausende und Zehntausende, wir seien unvermögend, weder zu Wasser noch zu Lande den Engländern die Spitze zu bieten, als der Krieg von 1812 erklärt war! Ich glaube zwar nicht, daß man damals meinte, die amerikanische Macht könne der englischen Macht nicht widerstehen, sondern man glaubte vielmehr, daß der einzelne Amerikaner nicht im Stande sei, gegen den einzelnen Engländer, Mann gegen Mann, zu kämpfen; denn so weit hatte die ununterbrochene Leserei der von den Engländern sich selbst gehaltenen Lobreden die öffentliche Meinung überwältigt. Da nun keine Nation einen so trefflichen kriegerischen Geist gezeigt hat, als man ihren Dienst im Felde wirklich in Anspruch nahm, so frage ich, ob nicht der Muth eine ganz convenientielle Sache ist, und ob es nicht nothwendig ist, sich vor einschüchternden Meinungen zu bewahren?

Es gibt eine Art englischer Eifersucht, die mir besonders auffiel. Jedermann urtheilt hier so, als ob man in beständiger Besorgniß vor unserer Regierung schweben müsse, sie werde vermöge der zügellosen demokratischen Leidenschaften zu Kriegen gereizt werden! Ich möchte wohl sagen, daß diese Vorstellung gleich einem Gespenste die Einbildungskraft der Engländer plagt, wiewohl sie vergeblich nach einem triftigen Grund suchen würden, um die Furcht vor einem Krieg von Seiten der amerikanischen Regierung zu rechtfertigen. Der Krieg von 1812 kam vermuthlich unsern Feinden unerwartet; aber es geschah nicht, weil das Volk von Amerika sich übereilter Weise in einen Krieg gestürzt hätte; sondern weil sie vielmehr so lange Alles geduldig ertragen hatten, daß jede Besorgniß vor einem bewaffneten Auftreten völlig grundlos erscheinen mußte. Man hegt besonders gegen den General Jackson ein solches Mißtrauen. Sie denken, oder stellen sich so, als dächten sie, weil er Soldat sei, so werde er im Sinne der Freistaaten des Alterthums, desto leichter auf einen Eroberungskrieg sinnen, in der Aussicht, seine Ruhmsucht und seine kriegerischen Neigungen befriedigen zu können. Manche gehen sogar so weit, zu sagen, es gelüste ihm nach einer Krone, wie Napoleon! Als General Jackson noch allein Mr. Adams gegenüber stand, da zeigte sich in England, vermöge der oben berührten Voraussetzungen und vermutlich auch wegen noch nicht vergessener Dinge aus früherer Zeit, eine starke Abneigung gegen den Erfolg seiner Bewerbung. Doch war man gegen Mr. Adams eingenommen, weil man vermuthete, er sei den englischen Interessen feindlich gesinnt und werde sich dem System der Beschützung des amerikanischen Handels zuwenden. Und plötzlich änderte daher die englische Presse ihre Sprache in Beziehung auf ersteren, und statt ihrer gewöhnlichen Spottsucht den Zügel schießen zu lassen, fing sie an, mit Achtung von ihm zu sprechen. Man sagt, daß damals die englischen Agenten an ihre Regierung geschrieben hätten, man streite sich bei uns über Brod und Butter, und darauf sei jene veränderte Politik ins Werk gesetzt worden. Aus dergleichen kleinen Begebenheiten können die Amerikaner lernen, wie sie Lob und Tadel, die aus solcher käuflichen Quelle kommen, zu beurtheilen haben. Mr. Adams verstand wahrscheinlich die wahre auswärtige Politik unserer Regierung weit besser, als irgend einer, der seit der Zeit von Mr. Jefferson an der Spitze stand. Das protektive System, der Congreß von Panama, obschon durch feindlichen Einfluß gestört, und der Protest gegen die Administration von Mr. Monroe, welcher, wie man weiß, ursprünglich von Mr. Adams ausging, sind die drei ehrenvollsten, am richtigsten berechneten und staatskundigen Blick am meisten bekundenden Maßregeln, welche Amerika jemals ergriffen hat. Und wie wohl die Engländer den erstern durch ihren Einfluß verdrängt haben, so kann es doch leicht der Fall sein, daß binnen der nächsten fünfundzwanzig Jahre selbst diejenigen Staaten, die jetzt gegen ihn sind, sich für ihn erklären. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Constitution ein Amendement erfahren wird, blos um hierin sicherer zum Ziel zu gelangen, und daß die Baumwolle bauenden Staaten sich in dieser Sache am meisten regen werden. Was aber das ehrenhafte Benehmen des Präsidenten betrifft, daß er dem Congreß empfahl, gegen Frankreich Repressiven zu ergreifen, darüber kann der Verfasser, sofern er damals näher von dieser Sache unterrichtet war, so viel sagen, daß der Charakter der Nation im Auslande während der Administration von Mr. Adams weit weniger im Auslande gering geschätzt wurde, als während der Administration seines Nachfolgers, obschon die politische Haltung und der Ton unserer Diplomaten während keiner von beiden von der Art war, wie sie hätte sein sollen. Wir legen etwas zu viel Gewicht auf die Gewandtheit, mit welcher unsere Nation sich in einem schwierigen Fall benommen, während wir den Hauptmißgriff übersehen, ohne den sie nicht in denselben hätte kommen können. Statt daß man den rohen Geist der Demokratie anklagt, er nöthige unsere Regierung zu unbesonnenen Kriegen, sollte man vielmehr den habsüchtigen und zögernden Handelsgeist beklagen, dies einzige concentrirte Interesse einer in sonstigen Fällen nichtswürdigen Geldmacht, durch welche unsere Regierung abgehalten worden ist, für die wahren Interessen des Landes mit Nachdruck aufzutreten, obschon sich wohl ein Dutzend gute Gelegenheiten zur Behauptung derselben während der letzten zwanzig Jahre darboten.

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