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England. Zweiter Band

James Fenimore Cooper: England. Zweiter Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
authorJames Fenimore Cooper
titleEngland. Zweiter Band
publisherVerlag von Joh. David Sauerländer
year1837
translatorC. F. Nietsch.
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.7et
created20140704
modified20150422
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Vierundzwanzigster Brief

Mr. Coleridge. – Sonderbare Anekdote. – Phrenologie. – Joanna Baillie. – Faustkampf. – Vorurtheile der Engländer wider Amerika. – Ungeheure Größe von London. – Mangel einer Hauptstadt.

 

An Herrn Richard Cooper in Cooperstown.

Mr. Sotheby hat die Gefälligkeit gehabt, mich nach Highgate zu Mr. Coleridge mitzunehmen. Wir fanden den Barden in einer Art new-engländischen Landhauses, welches, wie man in New-England sagen würde, im Grünen lag. Doch in der nächsten Umgebung waltete der unruhige Geist der Gewinnsucht und verunzierte die Gegend umher durch Gruben, Zimmerholz und Backsteinhaufen.

Unsere Bewillkommung war freimüthig und freundlich; der Dichter kam uns in seinem gewöhnlichen Morgenanzug entgegen, ohne alles geziertes Wesen, und benahm sich ganz prosaisch. Als ich in dem Zimmer ein schön colorirtes Gemälde bemerkte und aufstand, es näher zu betrachten, sagte mir Mr. Coleridge, sein Freund Alston habe es gemalt. Es war eine Gesellschaft zu Pferde, auf der Rückkehr von der Jagd begriffen; den Lichtpunkt des Gemäldes bildet ein schönes graues Pferd. Mr. Alston hatte dies Pferd in einem Gemälde von Titian schön gefunden und es als Studium nachgezeichnet; weil aber Mr. Coleridge dieses Pferd sehr gerühmt hatte, so hatte Mr. Alston noch einige Figuren dazu gemalt, mit noch einigen Pferden, so daß es das Ansehen eines historischen Gemäldes gewann, und seinem Freunde ein Geschenk damit gemacht. Von diesem kleinen Gemälde erzählte Mr. Coleridge folgende sonderbare Anekdote:

Ein Gemäldehändler, sehr bewandert in seinem Geschäft, pflegte den Dichter häufig zu besuchen. Eines Tages war er eben eingetreten und hatte kaum einen Blick auf das kleine Gemälde geworfen, als er ausrief: »So wahr ich lebe! ein ächter Titian!« Darauf bestürmte er Mr. Coleridge mit vielen Fragen, wo er dies Kleinod aufgefunden habe, wie lange er es schon besitze, und durch welche Mittel er in dessen Besitz gekommen sei. Plötzlich schwieg der Mann, betrachtete das Gemälde mit angestrengter Aufmerksamkeit, kehrte ihm den Rücken zu, um die Wirkung des Anblickes zu schwächen, hob seine Hand in die Höhe, um über seine Schultern weg die Oberfläche des Gemäldes befühlen zu können, und dann brach er in eine Extase des Erstaunens aus: »Es ist wirklich noch nicht zwanzig Jahre her, daß es gemalt ist!« Vermuthlich fühlte er das Unebene eines nicht alten Gemäldes, was durch die lange Uebung erklärlich wird. A. d. Ueb.

Diese Geschichte wurde mit großer Lebhaftigkeit und dazu passenden Geberden erzählt und mit Versicherungen bekräftigt, welche ein Puritaner fast einem Fluch gleich geachtet hatte. Darauf begaben wir uns in die Bibliothek. Hier saßen wir eine halbe Stunde, und während fast der ganzen Zeit unterhielt uns unser Wirth mit dem natürlichen Fluß seiner Beredsamkeit. Mich ergötzte der auffallende Gegensatz zwischen den beiden Dichtern; denn Mr. Sotheby benahm sich eben so sanft, ruhig, gelassen, einfach und geregelt in seiner Unterhaltung, als Mr. Coleridge laut und gesprächig, erfinderisch, umfassend und überfließend sich ausdrückte. Mir kam es bisweilen vor, als ob der Erstere gelegentlich das unwillkürliche Uebersprudeln des Letzteren hemmte, ihn gleichsam als Freund auf seinen Fehler aufmerksam machte. Unter anderm kam etwas vor, das mir nicht wenig auffallend und beachtungswerth schien.

Die Rede kam auf die Phrenologie, und Mr. Coleridge erzählte uns Wunderdinge von dem, was ein Professor dieser Lehre an seinem Kopfe entdeckt haben wollte, und ging dabei so sehr in's Einzelne ein, daß Mr. Sotheby anfing, sich ganz unbehaglich zu fühlen. Um ihn von seinem Gegenstande abzubringen, erzählte ich eine Anekdote, welche ich kurz vor meiner Abreise von Amerika erlebt hatte.

Ich traf eines Tages einen Bekenner dieser Lehre bei einem Buchhändler an, wo er sich weitläufig über die Vorzüge derselben ausließ. Von der Theorie ging er zur Praxis über, indem er anfing, die Erhabenheiten an meinem Kopfe zu untersuchen. Da mir seine Berührungen lästig fielen, so verwies ich ihn an den Kopf des Buchhändlers, indem ich sagte, ich könne weit eher die Fähigkeiten eines anderen Menschen beurtheilen, als meine eignen. Dieser Buchhändler war ein gar frommer Mann, und der Phrenologist fühlte instinktmäßig nach der Erhabenheit, welche den »Hochsinn,« den Sinn für religiöse Betrachtungen andeuten soll, und zwar sogleich, wie der Mann seinen Kopf neigte, um sich von ihm betasten zu lassen. In dem Augenblicke aber, wo der Phrenologist den Kopf des Buchhändlers berührte, bemerkte ich, daß etwas nicht recht sein müsse, und ich streckte daher meine Hand ebenfalls nach seinem Kopf aus. An der Stelle, wo der Theorie gemäß sich eine Erhabenheit des Schädels zeigen sollte, fand sich ganz deutlich eine Vertiefung. Ich sah den Phrenologisten an und er mich. In diesem Augenblicke wurde der Buchhändler in den Laden zu einem Kunden abgerufen, und nun wandte ich mich zu meinem neuen Bekannten: »Nun, was sagen Sie dazu?« fragte ich ihn. – »Was ich sage?« antwortete er: »daß ich an die Frömmigkeit dieses Mannes nicht recht glauben kann!«

Beide Männer lachten über dies Geschichtchen; aber Mr. Sotheby gab ihm auch noch eine Spitze, welche ich nicht vorher bedacht hatte, indem er, zu Mr. Coleridge sich wendend, sagte: wenn Jemand sich mit ihm über Phrenologie unterreden wollte, so würde er seinen eignen Schädel nicht zum Befühlen anbieten, um daran Versuche anzustellen. Ungeachtet zwei oder drei dergleichen kleine Zurechtweisungen statt fanden, vertrugen sich doch die beiden Dichter mit einander recht gut; und da ich bemerkte, daß sie einige Reime mit einander in Ordnung zu bringen hatten, so ließ ich sie beide die Sache untereinander allein abmachen.

Dies war ein poetischer Morgen; denn nachdem wir von Mr. Coleridge uns verabschiedet hatten, fuhren wir nach dem Hause von Miß Joanna Baillie in Hampstead; dies Dorf liegt an derselben Kette von niedrigen Hügeln. Glücklicherweise war dies geistreiche, achtungswürdige und einfache Frauenzimmer zu Hause, und unser Besuch wurde angenommen. Ich habe noch nie eine Person von wahrem Genie gekannt, welche irgend Etwas von der Ziererei kleiner Geister an sich gehabt hätte, vorzüglich in der Art, ihre Ansichten und Empfindungen andern Menschen mitzutheilen. Wenn Coleridge sich etwas pedantisch und weitläufig ausdrückte, so war es, weil ihm die Gewohnheit des geselligen Umgangs fehlte, und weil er dem Erguß seiner Empfindungen nicht zu wehren vermochte; er war, um mich eines Vergleichs aus der Küche zu bedienen, wie ein Topf, der, wegen zu starken Feuers von unten, überkocht.

Es ist öfter mein beklagenswerthes Glück gewesen, mit Damen zusammen zu treffen, die einen mittelmäßigen Roman zu Stande gebracht, oder, welche eine Julia oder eine Mathilda für ein literarisches Magazin verfaßt hatten und es daher in der Folge immer für schicklich hielten, ihren schriftstellerischen Beruf durch einen hochtrabenden und didaktischen Ton zu bekunden; von dem allen fand ich bei Miß Baillie nichts. Sie ist ein kleines, stilles, weiblich-bescheidenes Frauenzimmer, von der man glauben sollte, sie müsse zusammenschaudern, wenn sie an die Schrecken eines Trauerspiels erinnert wird, und welche man weit eher für die einfache Schwester eines unscheinbaren Predigers halten möchte, die sich blos mit häuslichen Beschäftigungen abgibt. Ungeachtet ihres einfachen Aeußern sprach sich in ihrem ganzen Wesen ein tiefer Ernst aus, welcher die Aufrichtigkeit und Lauterkeit ihrer edlern innern Empfindungen verbürgte.

Im Ganzen sind es wohl weniger die Empfindungen und die daraus hervorgehenden Impulse, was die Welt Genie heißt? Alle Menschen haben Gefühl für Wahrheiten, wenn sie ihnen auf eine geschickte Art beigebracht werden, und ist der Unterschied zwischen den auserlesenen Wenigen und der Menge wohl etwas mehr, als eine lebendigere Anregung von Kräften, durch irgend einen physischen Brennstoff erhitzt, der alles in Bewegung bringt und alles in ein stärkeres Licht versetzt, als gewöhnlich, – das Erfinderische, das Schöne, das Erhabene?

Möge dies nun sein, wie es wolle. Miß Joanna Baillie erschien mir wie eine ruhige Enthusiastin. Sie ging mit uns durch das Dorf, und während sie vorausspazierte, um uns die Sehenswürdigkeiten zu zeigen, in ihrem einfachen dunkeln Hut und Mantel, hätte gewiß Niemand auf den ersten Blick vermuthet, daß diese niedliche Gestalt die Elemente eines Trauerspiels einschließe.

Es kam die Rede auf eine Skizze über Napoleon von Dr. Channing, ein Werk, das mir unbekannt war. Miß Baillie gab zu, daß das Werk gut sei, aber über einige Behauptungen in demselben machte sie die Bemerkung, wenn sie auch einem Amerikaner gefallen könnten, so könnten sie doch einem Engländer nicht behagen. Da ich diese Skizze nie gelesen habe, so kann ich die Stelle nicht bezeichnen, auf welche sie anspielte, und ich erwähne des Umstandes blos, um zu zeigen, wie man hier öfters zu urtheilen pflegt, und daß es also nach den hier üblichen Vorstellungen zwar eine abstrakte Wahrheit gibt und daneben eine den Umständen angemessene Wahrheit in allen Dingen, welche politische Systeme betreffen. Diese Eigenheit ist mir öfters auffallend gewesen, und ich halte sie für hinreichend charakteristisch, um besonders darauf zu merken. Ich bin überzeugt, es sei dies eine unmittelbare Folge aller Systeme, in welchen das Urtheil dem Faktischbestehenden und nicht das Faktische dem gesunden Urtheil angepaßt ist.

Als wir zur Stadt zurückkehrten, kamen wir an einem Haufen Menschen vorüber, in deren Mitte ein Kreis gebildet war, um einem Faustkampf Raum zu geben, – nicht etwa ein Wettkampf um den Preis der größern Geschicklichkeit, – sondern ein ernstliches Gefecht aus gegenseitiger Erbitterung. Mr. Sotheby drückte seinen ganz natürlichen Abscheu gegen diese menschliche Tendenz aus – wohl zu merken, nicht unmenschlich – und dabei stimmte er mir mit eigenthümlicher Naivetät völlig bei, indem ich ihm mittheilte, wie wir uns in Amerika bei solchen Veranlassungen benähmen, wobei es an ziemlich deutlichen Anspielungen auf das Wiedervergeltungsrecht nicht fehlte! Obschon ich während meines viermaligen Besuchs kaum zehn Monate zusammen in England zugebracht habe, so bin ich doch hier weit häufiger Zeuge von solchen Klopffechtereien zwischen erwachsenen Männern gewesen, als ich deren jemals in Amerika gesehen habe. – Doch wozu soll das abzwecken, daß ich dies hier erzähle? Wir sind Demokraten, und demgemäß sind wir nach den monarchischen und aristokratischen Meinungen gleichsam gesetzlich verbunden, grob und streitsüchtig zu sein, sowie wir nothwendig irreligiös sein müssen, da wir keine Staatsreligion haben, – und weit entfernt, daß man meinen Worten Glauben schenke, gebührt es sich vielmehr, daß man mich als einen empfindlichen Menschen verhöhne, der durchaus die Gebrechen seines Vaterlandes nicht erkennen will.

Vor einigen Tagen unterhielt ich mich mit einem geistreichen Frauenzimmer über Jagdvergnügungen; mit einmal schauderte sie und rief aus: »Aber, Ihre Klapperschlangen!« – Ich lachte und sagte zu ihr, ich hätte noch nie eine Klapperschlange im Freien gesehen, und daß, wenige Stellen, ausgenommen, diese Thiere in einem Landstriche, fast so groß wie Europa, gar nicht bekannt wären. Doch sie schüttelte ungläubig den Kopf und sagte: »in einem Lande, wo es Klapperschlangen gebe, könne es kein Vergnügen sein, spazieren zu gehen.« – Was können solchen Meinungen tausend Stunden Weges entgegensetzen?

Dergleichen Vorstellungen werden hier den Amerikanern immer wieder aufgetischt, nicht blos täglich, nein stündlich kann man sie vernehmen, und sogar unaufhörlich, wenn man sich unter die Leute in Masse begibt. Die Vorurtheile der Engländer wider uns, wider das Land, worin wir wohnen, wider die ganze Nation, in moralischer, physischer und politischer Beziehung, alle diese Vorurtheile treiben sich in ihren eingebildeten Vorstellungen um, wie das Blut in ihren Adern, bis sie endlich sich mit ihren Gedanken und Empfindungen so innig verschmelzen und ihnen so unentbehrlich werden, als das Blut zum Leben unentbehrlich ist. Ich sage dies nicht in Aerger, sondern in Betrübniß, wenn ich behaupte, daß ich nicht glaube, daß die Geschichte des menschlichen Geschlechts irgend ein anderes Beispiel von einem Volk aufweisen könne, das eben so verblendeter, unwissender und selbstverschuldeter Weise eine ihr befreundete Nation heruntersetzt, als eben die Art und Weise, wie England in allen Stücken beinahe uns herabsetzt. Und obschon uns diese Dinge offenbar vor Augen liegen, obschon sie jedem bekannt sind, der dies Land betritt, einige servile Menschen ausgenommen, – obschon diese Dinge von jedem Fremden uns bestätigt werden, und obschon sie klar sind, wie die Sonne am hellen Mittage, – so gibt es doch keinen einzigen Amerikaner, etwa einige Politiker, die von ihrer Partei gehalten werden, ausgenommen, der einen solchen Namen oder hinreichenden Ruf hat, so daß man von ihm hier vernimmt, welcher die Aufrechthaltung seines Rufes nicht einzig und allein der Gnade dieses Englands, sondern selbst der Gnade jedes wohl- oder übel wollenden Mannes in diesem Lande verdankte, der es für gut findet, drei oder vier Paragraphen zu seinem Vortheil oder Nachtheil in ein periodisches Blatt einrücken zu lassen! Wahrlich, man fühlt sich versucht, wie jener Bauer, als er den Gruß der Kanonen eines Linienschiffes von 74 Kanonen vernahm, auszurufen: »Jetzt erkenne ich erst recht, daß wir ein großes Volk sind!«

Meine Bewunderung des Zunehmens und der ungeheuren Größe London's vermehrt sich, so oft ich ihre Grenzen überschreite. Ich erstaunte über eine Bemerkung des Lord G – –, der hier einmal zu mir sagte: »der Mangel einer Hauptstadt ist eines der größten Hindernisse, womit sie in Amerika zu kämpfen haben.« Er meinte nämlich unter dem Mangel einer Hauptstadt nicht den Mangel eines Sitzes der Regierung, sondern eine große Stadt, in welcher die gebildetsten und einflußreichsten Männer des Landes von Zeit zu Zeit zusammen sich einfinden sollten, um von diesem Mittelpunkt aus, gleich den leuchtenden und wärmenden Strahlen der Sonne, erleuchtend und heilbringend wirken zu können.

Nur denjenigen, welche zu genauern Beobachtungen Gelegenheit hatten, ist es möglich, den Einfluß solcher Städte, wie London und Paris, gehörig zu würdigen. Sie tragen wesentlich zur Beförderung nationaler Identität, nationalen Tons, nationaler Bildung bei; kurz zur Nationalität überhaupt – dieser Vortheil entgeht uns wirklich durchaus. Unter dieser Nationalität verstehe ich keine Nationalempfindlichkeit, welche manche Leute mit Vaterlandsliebe verwechseln, wenn auch nicht mehr dahinter steckt, als provinzieller Neid gegen den nächsten Nachbar; ich verstehe unter Nationalität jene umfassende Einheit in Gesinnungen und Grundsätzen, welche ein Volk mit seiner wahren Würde und mit seinen wirklichen Interessen vertraut macht, und welche es jederzeit bereit sein läßt, diese Würde aufrecht zu erhalten und diese Interessen zu verteidigen, und sie in der Unabhängigkeit und Selbstständigkeit ihrer Meinungen beharren läßt. Wir sind selbst noch schlimmer daran, als andere Nationen es selbst dann wären, wenn sie keine Hauptstadt hätten; denn bei uns besteht ein völlig abweichender Grundsatz nicht der Einigung, sondern – der Zerstreuung mittelst der Einzelhauptstädte unserer einzelnen Staaten« Es scheint nicht, daß Deutschland bei den zahlreichen Einzelhauptstädten sich übel befinde. Eine Gesammthauptstadt wäre der vielseitigen Bildung in unserem Vaterlande gewiß weniger förderlich gewesen, wodurch dieses so hoch über England und Frankreich steht. Es ist schlimm, wenn ein Volk nur in Einer großen Stadt sein höheres Leben lebt! Nehmt London den Engländern, oder den Franzosen Paris, was bleibt ihnen? A. d. Ueb..

An keinem Dinge fehlt es der amerikanischen Regierung auffallender, als an energischer Haltung in ihren Verhältnissen zum Auslande. Welcher Amerikaner kann, sobald er sich außerhalb seines Landes befindet, mit Zuversicht sich auf den Schutz seiner Regierung verlassen? Keiner, der nur einigermaßen die Stellung der amerikanischen Regierung zu den Regierungen anderer Staaten kennt. Es muß erst des Unrechts so viel zugefügt werden, bis der ganze Staatenbund die Folgen davon spürt, ehe sie sich erhebt, um den der Gesammtheit widerfahrenen Beleidigungen die Spitze zu bieten. Der Einzelne aber, welcher es wagen wollte, in der ihm selbst widerfahrenen Beleidigung eine Beleidigung seiner Nation zu erkennen, würde von den widerstrebenden kaufmännischen Interessen zermalmt werden, welches jetzt das einzige verbindende und durchgreifende Interesse unserer Nation darstellt. Ein Engländer oder ein Franzose kann in jedes Land sich begeben, in dem Bewußtsein, daß er ein einigendes und mächtiges Gefühl von Nationalität zurückläßt, auf dessen Schutz er sich selbst an den äußersten Grenzen der Civilisation zuversichtlich verlassen kann; mit dem Amerikaner verhält es sich ganz anders. Wenn er ein Mann von Einsicht und Urtheil ist, so weiß er, daß zu Hause kein einigendes Gefühl besteht, auf dessen Schutz er sich verlassen kann; so weiß er, daß, in demselben Augenblicke, wo seine gerechten Ansprüche den Handelsinteressen widerstreiten, er auch sogleich der plastischen Moral der Handelsinnung preisgegeben ist, und daß er auf keine einsgesinnte Bevölkerung vertrauen darf, welche der Regierung in der Erfüllung ihrer unbestreitbaren Pflicht beizustehen bereit wäre und hierin ihren eignen Wünschen zuvorkommen würde. Die öffentliche Meinung bildet sich in Amerika nur zu häufig durch geradezu erlogene Mittheilungen. Zu solchen Täuschungen ist kaum mehr erforderlich, als daß man behauptet, daß man so oder so in Boston und Philadelphia denke, um sogleich auch New-York zu vermögen, in denselben Ton einzustimmen. Dergleichen kann in einer Hauptstadt, die solches für das ganze Land ist, nicht so leicht bewirkt werden, wo sich die Intelligenz der ganzen Nation auf einem Punkte vereinigt, wo sich der Brennpunkt aller Thatkraft befindet, und wo die Menschen durch die Gewöhnung an das Treiben der Ränkesucht und des Eigennutzes befähigt werden, ihre Kunstgriffe klar zu durchschauen.

Ich glaube, daß Lord H – – Recht hat, und daß der Mangel einer Hauptstadt, die in einem richtigen Verhältnisse zu der Ausdehnung und Bevölkerung unsers Landes stehen müßte, eines der größten Hindernisse ist, mit welchem wir zu kämpfen haben. Wir werden nie wirklich eine Nation werden, bis wir eine Hauptstadt haben. Diese Ansichten mögen vielleicht Manchem sonderbar, und Ihnen wenigstens neu erscheinen, sowie sie mir ebenfalls neu sind; doch es ist nicht gerade die beste Weise, um richtige Ansichten über sich selbst zu bekommen, daß man nie aus dem beschränkten Kreis seiner häuslichen Gewöhnungen hinaustritt.

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