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England. Erster Band

James Fenimore Cooper: England. Erster Band - Kapitel 8
Quellenangabe
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authorJames Fenimore Cooper
titleEngland. Erster Band
publisherVerlag von Gottfr. Basse
year1837
translatorA. von Treskow
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20130918
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Sechster Brief.

An Madame J– in Neu-York.

Einladungen. – Die Schreibsucht. – Holland House und Garten. – Diner. – Holländische Häringe. – Sonderbarer Irrthum. – Pünktlichkeit. – Bischof von London. – Das Beten. – Dr. Hobart. – Das Ballotiren. – Fashionabler Kutscher. – Gesellschaftsjäger. – Coup de politesse. – Vorurtheile gegen die Amerikaner.

Wer London nach meinen Einladungen beurtheilt hätte, die während der Saison auf meinem Tische lagen, würde es für eine essende und trinkende Stadt erklärt haben; man muß jedoch keinen zu übereilten Schluß machen, sondern bedenken, daß in dieser Stadt auch Leute genug zum Essen und Trinken sind. Westminster ist eine große Stadt, gänzlich mit den Reichsten der größten Monarchien neuerer Zeit und mit ihren Dienern angefüllt. Obgleich man in den Gesellschaftssälen von London nur wenig Fremde sieht, so versammeln sich doch in ihnen zu gewissen Zeiten die Fröhlichen und Müßigen des ganzen Königreichs. Wenn von den unzählichen Einladungen, die während der Saison abgefeuert werden, einige zufällig auf einen umherziehenden Amerikaner, wie ich bin, fallen, so ist dies weiter nicht zu verwundern; denn wenn man uns auch eigentlich auf der brittischen Insel nicht liebt, so entzieht man uns doch nicht auch die Lebensmittel.

Ich weiß sehr wohl, daß meine Erfahrungen zu beschränkt sind, um Ihnen ein richtiges Bild von der fröhlichen Welt Englands zu geben; doch kann ich wohl einen Theil dessen erzählen, was ich gesehen; und wenn Sie dies zu den Berichten Anderer fügen, so werden Sie im Stande sein, sich richtigere Begriffe von diesen Dingen zu machen, als sich aus den neueren Romanen entnehmen lassen.

Da ein Reisender ein Zeuge ist, so ist es nicht mehr wie billig, daß er die Umstände anführt, unter denen es ihm möglich ward, seine Thatsachen einzusammeln, und zwar deßhalb, damit man daraus entnehme, was auf sein Zeugniß zu geben. Seit meiner Ankunft in London bin ich nun etwa in fünfzig Häusern gewesen, und zwar von denen der Herzöge an bis zu denen der Kaufleute. Vielleicht ein Drittel davon wurde von Leuten vom Stande bewohnt; ein großer Theil gehörte zu einer Mittelklasse zwischen dem Adel und Kaufmann und der Rest schmeckte bedeutend nach dem Krämer. Dazu muß man etwa ein Dutzend von Leuten rechnen, die ohne persönlichen Rang als Schriftsteller, Schauspieler oder Künstler einen Ruf erlangt haben. Ich sage Schriftsteller ohne Rang; denn in diesen bücherreichen Zeiten haben auch die meisten feinen Leute der Stadt entweder wirklich das Verbrechen der Schriftstellerei begangen oder wenigstens beabsichtigt. Die Schreibewuth ist indeß hier noch nicht so groß als in Paris, woselbst Jung und Alt, Hoch und Niedrig, vom König auf dem Throne bis zum Kutscher auf dem Cabriolet davon befallen ist; denn – wie Sir Walter Scott, der jetzt hier ist, mir einst zuflüsterte, als ich ihm einen jungen Edelmann als Schriftsteller bezeichnete, – »die Pairs werden jetzt alle verrückt.«

Einer meiner ersten Versuche in einem großen Hause – einige Morgenvisiten abgerechnet – war ein Diner bei Lord Holland. Holland-House liegt außerhalb London, oder vielmehr am Rande desselben, und wurde als ein Landsitz erbaut; das schnelle Wachsen der Riesenstadt hat es jedoch beinahe schon in Rauch und Geräusch hineingezogen.

Ich nahm einen Miethwagen, und fuhr bis zum Eingange; der Garten ist von der Chaussee oder vielmehr von der Straße durch eine hohe Blendmauer getrennt. Hier stieg ich ab und ging bis zum Hause. Das Gebäude ist aus Backsteinen aufgeführt, und stammt wahrscheinlich aus den Zeiten der Elisabeth; obgleich seine Architektur nicht so zierlich wie sonst aus dieser Periode ist. Lady Holland erzählte mir, daß man in dem Zimmer, wo wir aßen, dem Sully während seiner Gesandtschaft im Jahre 1603 eine Gesellschaft gegeben hatte. Dieses Gebäude gehörte früher einer andern Familie, und ist auch berühmt als ehemaliger Wohnsitz Addisons nach seiner Vermählung mit Lady Warwick. Früher gab es Carls von Holland von einem andern Stamm; doch weiß ich Ihnen von ihrer Geschichte nichts zu erzählen. Die jetzigen Besitzer von Holland-House sind aus einer zu wohlbekannten Familie, als daß es nöthig wäre, noch irgend etwas über sie zu sagen. Lord Holland ist der Enkel des Mannes, der so lange gegen den ersten Pitt kämpfte, wie sein Sohn gegen den zweiten.

Die Nähe von London und der große Werth des Landes schließt die Idee eines Parkes aus; der Garten war jedoch groß genug, und sehr geschmackvoll eingerichtet. Es ist kaum nöthig, dies in einem Lande noch anzuführen, wo Ordnung, Schicklichkeit und Sauberkeit fast einen Theil der Moral ausmachen. Der Garten hat etwa die Größe Ihres eigenen zu Rye, und das Haus enthält vielleicht noch einmal so viel Raum, wie das Ihres dortigen Wirthes. Die Zimmer waren altmodisch und in einiger Beziehung affectirt, mir schienen sie alle zu lang. Das, in welchem wir aßen, hatte eine im Styl der Elisabeth verzierte Decke, die aus vergoldetem Schnitzwerk bestand. Es war nicht so groß wie die Halle zu Albany im Gutshause, und in keiner Beziehung ausgezeichneter; nur war es höher als dies. Holland-House gehört als Landsitz in England nur zu denen zweiter Klasse; als Stadtwohnung würde es jedoch zu denen erster Klasse zu rechnen sein.

Wer es nach funfzig Jahren besitzen wird, möchte sich um diese Zeit mitten in dem fashionablen Stadtviertel befinden. Wir würden jedoch das Gebäude niederreißen, wenn wir es in New-York hätten; und zwar, weil es nicht an einer großen Straße liegt, wo man nach Belieben Staub schlucken kann, – weil ihm die beiden Zimmer mit den Flügelthüren fehlen, und weil es keine eiserne spanische Reiter vor seiner Front hat.

Zum Diner wird man hier zu sechs und ein halb bis sieben Uhr eingeladen. Es ist nicht gewöhnlich, Leute zu einer früheren Stunde bei sich zu sehen; auch ißt die vornehme Welt in der Regel nicht später als um sieben Uhr. Da diese Partie eigentlich halb ländlich war, so hatte man mich ersucht, früh zu kommen, und Sir James M' Intosh hatte die Güte gehabt, beim Portier zu hinterlassen, daß man ihn rufen möchte, wenn ich angelangt wäre. Ich hatte daher das Vergnügen, vor der Versammlung der übrigen Gesellschaft eine halbe Stunde mit ihm zu verplaudern. Er führte mich in die Gärten hinter dem Hause, die für die Nähe der Stadt noch ausgedehnt genug sind; ich glaube jedoch, Kensington, welches sich dieser Seite anschließt, hat dieses Grundstück bereits etwas beschnitten. Man erzählte mir, es sei dem Besitzer kürzlich der Vorschlag gemacht worden, einen Theil seines Grundstückes zu verpachten; er ziehe jedoch Luft und Raum einem jährlichen Zuschuß an Einkommen vor. Hinter dem Hause befinden sich eine große Allee und ein Garten, welcher unbedeutend ist.

Wir begaben uns nach der Bibliothek; dies ist ein schönes Zimmer im zweiten Stockwerk, welches die ganze Tiefe des Hauses einnimmt. An einer Seite waren kleine Gemächer zum Lesen und Schreiben, so wie auch einige Kammern zum Unterbringen alter Geräthschaften. Mein Begleiter zeigte mir Tische an den verschiedenen Enden des Zimmers, und erzählte mir, Addison sollte, wenn er schriftstellerte, zwischen ihnen auf- und abgegangen sein, und sich durch häufige Züge aus den Flaschen begeistert haben, die zu diesem Zwecke auf beiden Tischen standen.

Die Tischgesellschaft war nicht groß. Außer der Familie und wenigen Damen waren Hr. Rogers, Sir James M' Intosh, Hr. Tierney und ein alter Lord B. mit seinem Sohne gegenwärtig. Der Tisch war viereckig, und wir saßen um denselben ohne irgend eine Rücksicht auf Rang; der Herr vom Hause hatte seinen Platz an einem Ende, die Frau in der Mitte. Das Diner war sehr gut.

Ich halte jedoch den Tisch von London eben nicht für ausgezeichnet; die Fleischspeisen sind in der Regel besser als in Paris, aber die Zubereitung und das Arrangement halte ich für weniger elegant und graziös, während sie doch anspruchsvoller sind. Es scheint für einen Pair durchaus zur Etiquette zu gehören, von Silber zu essen, so wie Equipage zu halten. Reiche Mitglieder vom Hause der Gemeinen haben auch zuweilen Silbergeschirr; bei Dingen dieser Art ist die öffentliche Meinung in England jedoch so mächtig, daß es nicht stets hinreicht, sich einen Luxusartikel kaufen zu können, um ihn in Frieden zu genießen. In England gehören gewisse Dinge durchaus nur zu einer gewissen Stellung; und man hält es für unschicklich, sich dieselben ohne die gehörige Qualifikation dazu anzumaßen. Etwas von diesem Gefühl muß sich überall finden, wo Rangunterschiede gemacht werden; da aber der Rang in diesem Lande so feststeht, während die Erwerbung desselben Allen offen ist, so bewacht stets Einer den Andern, und man hält es fast für Diebstahl, sich irgend ein Privilegium anzumaßen, oder sonst etwas herauszunehmen.

»Sehen Sie jenen albernen Menschen?« fragte mich –, als wir mit einander gingen, und zeigte dabei auf einen vorübergehenden Mann; »sein Vater war ein Kaufmann, und hinterließ ihm ein großes Vermögen; und nun fährt er in der Stadt umher wie ein Nabob. Er hat seit kurzer Zeit sogar die Frechheit, seinen Bedienten Kokarden zu geben!« Das war ein alberner Mensch! –

Nichts verstößt mehr gegen die feine Lebensart, als wenn man bei Tische viel von den Speisen und Weinen redet; man darf jedoch später für die genossenen guten Dinge dieser Art seine Dankbarkeit bezeigen, ohne die Schicklichkeit zu verletzen. Ich glaube, der Tisch in Holland-House ist für London etwas eigenthümlich, wenigstens scheint es mir nach meiner geringen Erfahrung so zu sein. Was Essen und Trinken anbelangt, so ist New-York eine bessere Stadt als London. Wir arrangiren im Ganzen auch den Tisch besser, mit Ausnahme der Form desselben (unsere Tische sind in der Regel zu klein), des Silberzeugs und der Bedienung. Was Porzellan, Glas, Stahlsachen, Tischzeug und die Speisen anbelangt, so glaube ich, daß ein feines Diner in New-York allemal ein Diner in London übertrifft. Dann und wann findet sich vielleicht hier ein Mann von hohem Range, der uns bei einer außerordentlichen Gelegenheit aussticht; diese Fälle gehören jedoch zu den Ausnahmen, und ich spreche hier von der Regel. An Silberzeug ist sicher mehr in London allein, als in den ganzen vierundzwanzig Provinzen der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika zusammengenommen.

Während des Diners hatte ich als Fremder die Ehre, neben Lady Holland zu sitzen. Sie bot mir zwischen den Gerichten einen Teller mit Häringen an. Da ich mich eben unterhielt, lehnte ich sie ab, welches ich nach der strengen Etikette nicht hätte thun sollen, zumal, da die Herrin vom Hause selbst sie mir anbot. Ich richtete mich jedoch nach der modernen Regel, welche gebietet, bei solchen Gelegenheiten ganz nach Belieben zu handeln; außerdem ahnte ich auch die Wichtigkeit nicht, welche diese Sache hatte.

»Sie wissen nicht, was sie thun,« sagte sie gutmüthig; »es sind holländische Häringe

Ich glaube, ich sah etwas überrascht aus, obgleich die Herrin einer so einfach eleganten und doch so ausgesuchten Tafel zu mir sprach. »Holländisch, Holländisch!« wiederholte ich unwillkürlich, und machte dazu eine Miene, als würden mir überhaupt nur Häringe angeboten.

»In der That – wir können sie nur durch den Gesandten bekommen,« schloß Lady Holland.

Welch' ein großer Leckerbissen würde eine Kartoffel sein, wenn man sie zur Contrebande machen könnte. Von jetzt an werde ich, so lange ich lebe, einen holländischen Häring höher achten.

Zum Unglück ist in Amerika nichts verboten, und es ist doch so süß zu sündigen!

Es giebt tausend Dinge im menschlichen Leben, welche vor dem scharfen Auge der Philosophie nicht bestehen, von denen jedoch kein geringer Theil unserer täglichen Genüsse abhängt. Ich habe diese kleine Anekdote nicht angeführt, weil sie dem Hause besonders angemessen ist, in welchem ich zu Mittag aß, – welches sehr impertinent gewesen sein würde, – sondern weil sich darin ein Zug ausspricht, den man durch die ganze englische Gesellschaft wiederfindet. Die Dinge werden hier, wie es mir scheint, um so höher geachtet, je mehr Schwierigkeit es macht, sich dieselben zu verschaffen, und durchaus nicht immer nach ihrem eigentlichen Werth. England ist nach dem, was ich bemerkt habe, ein höchst neidisches Land. Die Engländer führen stets einen Ausdruck im Munde, der einen großen Sinn hat, und den ich bisher in keinem andern Lande angetroffen habe. Sie sagen: »diese oder jene Sache ist lächerlich wohlfeil.« Wenn man nun eine Sache darum für lächerlich hält, weil sie wohlfeil ist, so steht es mit dem gesunden Menschenverstand sehr schlecht. Dies ist eine menschliche Schwäche, die wir weniger haben als andere Völker; und vielleicht rührt dies bei uns von der großen Handelsfreiheit her.

Die Herrin vom Hause fragte mich, wo ich so gut englisch sprechen gelernt hatte; dies überraschte mich eben so sehr wie die holländischen Häringe.

Der alte Lord, den ich bereits erwähnte, hatte die Gefälligkeit, mich in seinem Wagen mit nach der Stadt zu nehmen; und ich wurde um zehn Uhr glücklich am St. James-Platz abgesetzt.

Da Lord Holland ein bedeutender Mann ist, so kann ich wohl noch hinzufügen, daß er ein sehr wohlwollendes Gesicht hat, und daß sich in seinem Betragen viel Gutmüthigkeit ausspricht. Es schien mir, als hegte er gute Gesinnungen für Amerika; und er war mehr geneigt davon zu sprechen, als viele Engländer, mit denen ich bisher umgegangen bin. Seine Frau hat eine Besitzung in Neu-York, und er klagte etwas über die dortigen Zustände. » Das Gut,« sagte er zu mir, » liegt am Genessee in Connecticut.« – Wenn nun ein Mann mit seinem eigenen Gut solchen Irrthum begehen kann, so mögen Sie sich aus diesem Umstande die Aufmerksamkeit entnehmen, welche man uns zollt. Der Tag ist nicht mehr fern, wo die Ländereien am Connecticut sowohl als in Neu-York seinem Erben mehr sein werden, als der Garten von Holland-House. In England muß man rasch zu Reformen schreiten, oder es wird eine Revolution entstehen Diese Worte sind im Jahre 1828 geschrieben worden..

Sir James M' Intosh ist der einzige Mann, der klare und bestimmte Begriffe über uns zu haben scheint. Die Engländer werden uns so lange unbeachtet lassen, bis wir eines ihrer politischen oder pecuniären Interessen bedrohen, und dann wird das Licht sie plötzlich und zu ihrem Erstaunen überströmen. Der Tag ist nicht mehr fern.

Nach dem Häring und vor dem Dessert trat ein Page in einem sehr verdächtigen Anzuge mit einem Rauchfäßchen ein, wie sie vor dem Altar gebraucht werden, und erfüllte das Zimmer mit Weihrauchdämpfen. Dies roch etwas nach protestantischer Emancipation.

Mein nächstes Diner nahm ich in –-House ein. Dies liegt im Herzen der Stadt, und die Einladung lautete auf ein Viertel nach sieben Uhr, ganz pünktlich. Die Engländer haben in Amerika den Ruf des zu spät Kommens, und ich kann mir dies jetzt erklären. Wer gewohnt ist, so spät wie sie zu essen, muß eine Abneigung fühlen, mit uns schon um fünf oder sechs Uhr zu Tische zu gehen.

Vor einigen Tagen frühstückte ich mit Herrn Rogers, der noch fünf bis sechs Personen dazu geladen hatte. Ich kam nun eben pünktlich, und noch fand ich keine Seele. Als ich über diese Saumseligkeit der Gäste lachte, sagte der Poet: »Sie sollen aber auch mit vollem Recht lachen,« und befahl sogleich, das Frühstück aufzutragen. Wir setzten uns allein zu Tische. Jetzt erschien der Stewart Newton, dann der Dramatiker Kenney; nach ihm Hr. Luttrell, und ihm folgte endlich der Rest. Wir kümmerten uns wenig um sie, und aßen ruhig weiter. Ein Mensch, der vorsetzlich einen Theil dieses herrlichen Frühstücks versäumt, verdient kein Mitleid.

Ich schickte meinen Bedienten nach dem Schlosse, um meine Uhr nach der Schloßuhr stellen zu lassen; und da die Entfernung nur kurz war, so zog ich wenige Minuten vor der bereits erwähnten Stunde meine Handschuhe an, und ging langsam der Thür zu. Es war genau ein Viertel nach Sieben Uhr, als ich klopfte; und im Gesellschaftszimmer angelangt, fand ich dasselbe schon voller Leute. »Sehr pünktlich« heißt daher wohl, ein wenig früher als die bezeichnete Stunde.

Unter den Gästen befanden sich Sir –, einer der modernsten Aerzte von London, und Dr. –, kürzlich zum Bischof von – ernannt. Er war der erste hohe Geistliche, den ich bisher gesehen hatte, und so unehrerbietig es klingen mag, seine Erscheinung ergötzte mich über die Maßen. Er trug erstens eine Perrücke, die Natur und Kunst verhöhnte; und hiermit noch nicht zufrieden, einen kleinen seidenen Rock, den man, wie ich glaube, eine Stola nennt. Man kann sich an diese geistliche Maskerade eben so gut gewöhnen, wie an alles Andere; doch behaupte ich, die Perrücke und der jupon sind dem natürlichen Geschmacke eben so sehr zuwider, wie Oliven, obgleich mancher Geistliche ihn darum beneiden mag.

Der Bischof und der Arzt benahmen sich höchst gemessen gegen einander; dies bewies, wie groß in diesem Lande die Kluft zwischen den Kasten und den Professionen ist.

» Mon tailleur m'a dit, que les gens de qualité étaient comme cela le matin.«

Wir wollten eben Platz nehmen, als sich der Bischof, der zu meiner Linken stand, über den Tisch bog und einen Ton ausstieß, der dem glich, welchen ein Hund von sich giebt, wenn er gähnt. Er wandte sich hierauf mit einer Entschuldigung an Lady –, die ihm antwortete: »Sie thaten ganz recht, Mylord.« Zu meinem großen Erstaunen erfuhr ich, daß er ein Gebet gesprochen hatte!

Dieses Diner bot außer einer kurzen Unterhaltung, die ich mit meinem Nachbar, dem Bischof, hatte, nichts Merkwürdiges.

»Kennen Sie Dr. Hubbart?« fragte er mich.

»Nein,« war ich genöthigt zu antworten.

»Aus welchem Theile von Amerika kommen Sie?«

»Aus Neu-York.«

»Ich glaubte, Dr. Hubbart wäre in jenem Staate sehr bekannt. Ist er nicht der Bischof desselben?«

»Sie meinen wahrscheinlich Dr. Hobart, der, wie ich glaube, kürzlich in England war.«

» Hubbart oder Hobart; wir haben eine adeliche Familie mit Namen Hobart in diesem Lande, die wir Hubbart aussprechen; und wir nannten Ihren Bischof auch Hubbart, weil wir glaubten, es würde ihm schmeicheln.«

Das nenne ich eine Feinheit für einen Nachfolger St. Peters und St. Pauls!

Der Bischof fing hierauf von einer wohlbekannten Predigt an zu sprechen, die Dr. Hobart nach seiner Rückkehr aus Europa gehalten hatte, – eine Predigt, die eben einer eingeführten Kirche nicht günstig war, wie Sie sich erinnern werden. Ich sagte etwas zu Vertheidigung derselben, bemerkend, er habe wahrscheinlich nach seiner Ueberzeugung gesprochen, und eine Pflichterfüllung dürfe nie getadelt werden. Hiergegen machte mein Nachbar keine Einwendung; er beklagte sich nur darüber, daß Dr. Hobart während seines Aufenthaltes in England eine ganz andere Sprache geführt, als später in Amerika. Sie bemerken wohl, daß man unserem guten Bischof das gemeine Laster der Scheinheiligkeit anhing, und eben dasselbe hat man auch in einigen Schriften gethan.

Alle diejenigen, welche Dr. Hobart kennen, werden ihn von dem Vorwurf der Scheinheiligkeit und Doppelzüngigkeit freisprechen. Sein Fehler, wenn man es überhaupt Fehler nennen darf, läge wohl eher nach der entgegengesetzten Seite hin. Dennoch glaube ich, der Wunsch, allen Unannehmlichkeiten auszuweichen, hat ihn vielleicht bei gewissen Gelegenheiten zum Schweigen verleitet, wo es vielleicht besser gewesen wäre zu reden. Es bedarf jedoch einiger Zeit und einer langen Uebung, bevor sich ein Engländer mit einem Amerikaner gänzlich versteht, obgleich beide dieselbe Sprache reden. Ich habe an demselben Abend einen Beweis davon erlebt, und will den Vorfall erzählen.

Am Abend vorher war ich mit Lord N– und Hrn. B– in Gesellschaft; beide sind Mitglieder des Hauses der Gemeinen, und Whigs. Der Erstere fragte mich sehr genau aus, wie wir es möglich machten, beim Ballotiren Betrug zu vermeiden. Ich erklärte den beiden Herren den Hergang der Sache, den ich hier wiederholen will, da Sie nie einer Wahl beigewohnt haben. Er ist ganz einfach dieser:

Die Kugel oder das Zettelchen wird den Händen eines Beamten übergeben, den das Volk selbst erwählte, und der genöthigt ist, sie auf eine Weise zu halten, die jegliche Verwechselung unmöglich macht; und so wirft er sie öffentlich in die Vase. Der Wähler ist daher nicht im Stande, zwei Kugeln oder zwei Zettel zugleich hinein zu werfen, und der Beamte kann die Kugeln oder Zettel nicht verwechseln; finden sich beim Durchzählen der Stimmen zwei Zettel in einander gerollt, so werden beide verworfen.

Diese Erklärung schien mir vollkommen deutlich; meinen Zuhörern kam dies jedoch anders vor. Als wir nach dem Diner in –House in das Wohnzimmer zurückgekehrt waren, kamen Lord A–, der Sohn des Herrn vom Hause und Lord John Russel, beide bedeutende Mitglieder der Opposition, zu mir, und der Erstere, der günstiger für das Ballotiren gesonnen ist, als man dies sonst in England findet, sagte, er habe mich als Jemand nennen hören, der gegen das Ballotiren eingenommen sei. Ich antwortete, ich sei durchaus für dieses Verfahren, und erinnerte mich nicht, jemals bei einer andern Gelegenheit über diesen Gegenstand gesprochen zu haben, als gestern Abend zu Lord M– und Hrn. B–, als nicht von dem Nutzen des Ballotirens, sondern von der Art und Weise, Betrug dabei zu vermeiden, die Rede gewesen. Man ersuchte mich, die Beschreibung des Verfahrens noch einmal zu wiederholen; aber keiner von den beiden Herren schien vollständig befriedigt. Dieser Umstand veranlaßte mich natürlich zum Nachdenken, und durch vieles Forschen, Beobachten und Nachfragen glaube ich endlich hinter die Wahrheit gekommen zu sein. Diese Herren hatten nämlich die Absicht, mich zu fragen: »In welcher Weise verhindern Sie, daß die Wähler bei dem Ballotiren selbst nicht einen Andern wählen, als sie früher in den Wahlbezirken zu thun versprochen hatten?« Da nun in England stets der Abhängige seinem Schutzherrn, der Kaufmann seinen Kunden, und der Bauer seinem Herrn dergleichen Versicherungen giebt, so wollten sie nur wissen, ob wir irgend ein Mittel hatten, die Wähler zu zwingen, ihre Versprechungen zu halten, oder sie beim Ballotiren zu controliren.

Sie sehen demnach, wie leicht wir uns mit den Engländern mißverstehen, und wie viel Sorgfalt und Erfahrung einem Engländer nöthig ist, um über die Meinungen eines Amerikaners einen correcten Bericht abzustatten, und natürlich vice versa.

Was Dr. Hobart anbelangt, so versteht es sich von selbst, daß er sich, so wie viele Geistliche unserer Kirche, die nach England gingen, um hier einige Zeit zu verleben, genöthigt sah, manche seiner bisher gehegten Lieblingsideen aufzugeben.

Er sagt in seiner Predigt, er seinerseits würde lieber die verfolgte Kirche der eingeführten vorziehen, und dies ist sicher eine Meinung, die er noch nicht hatte, als er Amerika verließ. Dr. Hobart muß daher wohl in England Dinge gesehen und erlebt haben, die eine solche Sinnesänderung in ihm hervorbrachten.

Ich würde jedoch jeden Amerikaner dringend bitten, wenn er die Institutionen seines Vaterlandes liebt, sich durch die Höflichkeit durchaus nicht zum Schweigen bringen zu lassen. Die Höflichkeit muß zurückstehen, wenn es sich um Grundsätze handelt; und man trifft äußerst selten in Amerika oder irgend einem andern Lande einen Engländer, der sich veranlaßt fühlte, solchen Rücksichten nur eins seiner Vorurtheile zu opfern.

Es giebt noch eine andere Seite, von welcher aus man die Anklage gegen Dr. Hobart betrachten muß. Es herrscht in England nämlich ein geheimes Mißtrauen gegen die Richtigkeit des jetzigen politischen und religiösen Systems, und man fürchtet, es möchte nicht mehr lange damit dauern. Ein jedes Ding nutzt sich ab, selbst der harte Fels, und die Zeit ist die Mutter des Wechsels. Selbst diejenigen, welche behaupten, unser System sei nur einen Schritt vom Despotismus entfernt, wissen, daß England bei der nächsten großen Veränderung den Hauptsachen nach in unsern Zustand gerathen muß; und sie sind bemüht, Zeugnisse gegen ihr System von denjenigen einzusammeln, die eine Zeit unter demselben lebten, und mit ihm bekannt wurden. Darum wird ein Amerikaner, der nur einigermaßen mit ihrem Widerspruch gegen das jetzige System übereinstimmt, sogleich fleißig citirt. Dies ist der Fall mit Dr. Hobart, der in der Wärme des Gefühls für eine Kirche, welcher seine eigene entlehnt ist, wahrscheinlich Aussprüche gethan hat, denen man zu viel Bedeutung beimaß.

Von – -House begab ich mich mit Herrn – nach dem Berkeley-Platz, um einen Besuch zu machen. Als wir uns auf der Hausflur befanden, hörte Lord – unsere Absicht, und erbot sich, uns in seinem Wagen hinzufahren. Ich war mit Lord nicht bekannt, und überließ die Entscheidung daher meinem Gefährten, der die Einladung annahm. Es stand noch eine Equipage vor der Thür, und als ich sie zu Gesicht bekam, war ich fast zu glauben geneigt, der Bischof habe sich in irgend einer komischen Anwandlung auf den Bock gesetzt. Der Kutscher war ganz dunkelblau angezogen, trug einen dreieckigen Hut und eine Perrücke, die der des Bischofs so ähnlich sah, daß mein unerfahrenes Auge sie für die seinige hielt. Aehnlich muß es Lord – ergangen sein; denn wir hatten kaum in seinem Wagen Platz genommen, als er von Kutscherperrücken an zu reden fing.

Es schien, als wäre die Mode, den Kutschern des Adels ein so widernatürliches Möbel auf den Kopf zu setzen, erst kürzlich aufgekommen; denn bis jetzt war die Perrücke nur ein Monopol der Gerichtspersonen. Lord – entschied sich gegen dieselben.

Als wir das Haus erreichten, in welchem wir unsern Besuch abstatten wollten, stiegen wir in der Ordnung aus, wie wir im Wagen gesessen hatten, wodurch Lord – den Vortritt erhielt. Auf diese Weise gingen wir natürlich auch die Treppe hinauf. Als wir diese halb erstiegen hatten, hielt Hr. – an, um eine mit Rosenblättern angefüllte Vase zu betrachten, ein Luxusgegenstand, den man gewöhnlich in den vornehmen Häusern der Residenz trifft. Bald darauf entdeckte ich jedoch, daß dies nur geschah, um Lord –, einem starken alten Manne, der nur sehr langsam ging, Zeit zu geben, die Treppe vor uns zu ersteigen. Dies that er; dann ließ er sich anmelden, und betrat das Zimmer allein. Es war sehr gütig von diesem Lord, einem Fremden seinen Wagen anzubieten; nun ich jedoch die Bedingung kenne, unter der dies geschieht, werde ich künftig danken, und wenn er seinem Kutscher auch eine Perrücke geben sollte.

Ich entschuldige den Mangel an Höflichkeit, den die Engländer gegen uns beweisen; wir sind in gewisser Beziehung selbst Schuld daran. Wir haben den Ruf, bedeutende Gesellschaftsjäger in England zu sein, und die Sache hat etwas Wahres. Nichts ist jedoch natürlicher, als daß Jemand, der in Amerika erzogen wurde, eine Neugierde fühlt, die höheren Classen in England zu besuchen. Ein solches Gefühl würde unter gewöhnlichen Umständen vielleicht bei einem Amerikaner, der an die feine Gesellschaft seines eigenen Landes gewöhnt ist, stärker sein, als bei einem Andern; und es dürfte vielleicht auch zur Verfeinerung seiner Manieren beitragen. Namen und Titel machen wenig Unterschied bei Leuten, die Zutritt zur gebildeten Gesellschaft haben, und die gewohnt sind, sich als das Haupt derselben zu betrachten. Es wird nichts dadurch erreicht, die Gemeinde in Kasten zu theilen, als ein gewisser Zwang; denn Erziehung, Gefühl und die Gebräuche des gebildeteren Lebens sind doch für Alle gleich zugänglich. Wenn man einem Mann Erziehung, Manieren, Grundsätze, Geschmack und Vermögen giebt, so würde man seine positive Stellung durchaus nicht wesentlich ändern, fügte man auch noch einen Titel hinzu; man änderte sie jedoch auf eine relative Weise, und zwar auf Kosten derjenigen, die niedriger stehen. Diese Letzteren werden dadurch nur gezwungen, beim Erklimmen der Leiter in der Mitte anzuhalten, während jener durch seinen Titel nicht um einen Zoll erhoben wird. Ich langte mit meinem Gefährten durch diesen coup de politesse etwas später in den Gesellschaftssaal an, Lord – erreichte ihn jedoch an und für sich nicht eine Secunde früher.

Wenn es aber für Jemand, der in unserm Lande erzogen wurde, wünschenswerth ist, die höheren Stände anderer Nationen zu besuchen, so ist es unnatürlich, wenn er es auf eine Weise thut, die ihn vor sich selbst herabwürdigt. Nur sehr wenig Amerikaner sieht man in den englischen Gesellschaftssälen, und noch weniger in denen der Großen; wenn jedoch diese Wenigen einstimmig den Ton angenommen hatten, den sie annehmen mußten und durften, so bin ich überzeugt, daß man längst eine bessere Idee von uns haben würde, als man sie jetzt antrifft.

Alle unsere Traditionen sprechen von der geringen Achtung, die unsern Vorvätern im Mutterlande zu Theil geworden. Die Nachkommen derselben Vorfahren blicken auf ihre amerikanischen Vettern mit noch mehr Kälte, als » Vettern vom Lande« in der Regel erdulden müssen. Vielleicht war dies die natürliche Folge der politischen Verhältnisse zwischen beiden Ländern. Die gewaltsame Trennung hat noch Mißtrauen und Abneigung hinzugefügt.

Ich weiß sehr wohl, daß es sentimentale Philanthropen giebt, welche die Wahrheit meiner Behauptung und selbst die von mir aufgeführten Thatsachen in Abrede stellen werden. Was die Thatsachen anbelangt, so werden Sie wenigstens dieselben gewiß glauben; und ich frage, ob irgend eine Anekdote mehr beweist, wie wir in diesem Lande stehen, als die so eben angeführte. Philanthropie und Gefühl sind zwei sehr schöne Sachen, um davon zu reden; diejenigen jedoch, welche sich viel damit befassen, sind gewöhnlich nicht die hellsten Köpfe. Die gesundeste und beste Philanthropie ist diejenige, welche irgend ein Uebel am schnellsten zu heilen weiß; und dies kann nur dadurch geschehen, daß wir von Andern dasjenige für uns verlangen, was wir ihnen selbst im vollen Maße gewähren.

Ohne eine genaue und lange Beobachtung ist es einem Amerikaner durchaus nicht leicht, sich die Ausdehnung der Vorurtheile zu denken, die in England gegen sein Vaterland bestehen. Eine Folge davon ist, daß sich unsere Landsleute häufig dadurch bewegen lassen, während ihres Aufenthalts in England ihre Abstammung gänzlich zu verleugnen. Zwei Anekdoten, die mit diesem Gefühle in Verbindung stehen, sind mir zu Ohren gekommen, und ich will sie erzählen.

Ein Edelmann aus einer unserer wohlbekannten Familien wurde als ein junger Mensch in englische Dienste geschickt. Die Umstände begünstigten ihn durch Avancement, so daß er sich bald zu einer hohen Stellung mit einem bedeutenden Gehalt emporschwang. Als er sich vor einiger Zeit mit einem seiner nahen Verwandten, von welchem ich diese Anekdote habe, über seine Aussichten in die Zukunft unterhielt, wünschte er sich selbst zu seinem schnellen Avancement Glück, und fügte hinzu, » er würde der glücklichste Mensch von der Welt sein, wenn er kein Amerikaner wäre

Ein Engländer heirathete eine Amerikanerin, und ihr erstes Kind wurde in dem Vaterlande der Mutter geboren. Mit Bezug auf diesen Umstand, sagte ein Amerikaner eines Tages im Verlauf einer Unterhaltung zu dem Sohne dieser Eltern: »Aber Sie sind ja unser Landsmann, denn Sie sind in Amerika geboren.« Da er bemerkte, daß dieser die Farbe wechselte, fragte er ihn, ob ihm dies etwa nicht recht sei; er antwortete ihm hierauf ganz offen, – »gegen Amerika herrschten so viele Vorurtheile, daß er in der That nur mit Widerwillen gestehe, in diesem Lande geboren zu sein.«

Alle in London wohnende Amerikaner sprechen sich eben so über diesen Gegenstand aus, was sie auch sonst von England denken mögen. Capitain Hall führt, wie ich sehe, dasselbe an; und wenn man auch gelegentlich einen Engländer trifft, der dies leugnet, so stellen doch Wenige ihren Widerwillen in Abrede, wenn sie ganz offen sprechen. Ich bringe diese Sache hier ins Reine, weil ein jeder Irrthum von unserer Seite sehr ungeschickt sein würde, und weil die Kenntniß der Wahrheit in dieser Beziehung uns sogleich über mehrere andere Dinge die Augen öffnet.

 

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