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England. Erster Band

James Fenimore Cooper: England. Erster Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
authorJames Fenimore Cooper
titleEngland. Erster Band
publisherVerlag von Gottfr. Basse
year1837
translatorA. von Treskow
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20130918
modified20140825
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Fünfter Brief.

Herrn Richard Cooper Esq. in Cooperstown.

Englische Gesellschaft. – Continental-Gesellschaft. – Adel von England. – Geselliger Ehrgeiz. – Geselliger Zustand von England. – Aristokratisches Anklopfen. – Gekünsteltes Betragen. – Tyrannei der Gewohnheit. – Zwanglose Impertinenz. – Lord John Russel. – Sir James M'Intosh's Meinungen über Amerika. – Herrn Rogers Déjeuners.

Nachdem das Eis einmal gebrochen war, zeigten sich häufig Besuche an meiner Thür; und seit meinem letzten Briefe habe ich mir den Theil der Welt näher und näher betrachtet, den man gewöhnlich die Gesellschaft nennt. Einer meiner Freunde, welcher wußte, daß ich nach England reiste, sagte mir, ehe ich Paris verließ: »Sie gehen von einer Stadt, wo wenig Versammlung und viel Gesellschaft ist, nach einer, wo keine Gesellschaft und viel Versammlung ist.« Wie in allen solchen Redensarten findet sich auch in dieser etwas Wahrheit mit einer großen Uebertreibung gemischt. Es ist sehr leicht, zu sehen, daß die Gesellschaften aller Art in London gezwungener, weniger graziös und weniger durch die Regeln des gesunden Menschenverstandes geleitet sind, als in Paris. Man sagt gewöhnlich, wenn von uns und den Engländern die Rede ist, die höheren Classen der letzteren seien weniger eifersüchtig auf ihre Stellung oder auf Eingriffe in ihre Rechte, als in Amerika, und die Gesellschaft sei in Folge dessen bei uns steifer als bei ihnen. Was uns anbetrifft, so liegt in dieser Behauptung etwas Wahres; wenn man jedoch England in Verbindung mit andern europäischen Nationen betrachtet, so wird das Resultat ganz bestimmt anders ausfallen.

Auf dem Continent von Europa hat der Adel lange eine besondere gesellige Kaste gebildet, deren Privilegien feststanden. Alles dies, es ist wahr, weicht allmählich dem Geiste der Zeit und den Folgen der Industrie; doch bemerkt man die Wirkungen davon noch überall. In den meisten Hauptstädten von Europa hätte man nicht mehr ein Eindringen der niedern Classen in die höhern zu fürchten, als in Amerika das Eindringen der Schwarzen in die Gesellschaft der Weißen. Frankreich macht vielleicht eine Ausnahme von dieser Regel; aber das durch die Revolution hervorgebrachte pèle-mèle ist so vollständig, daß man jetzt aus reiner Nothwendigkeit gar nicht mehr von Geburt oder Herkommen spricht. Es ist noch nicht Zeit genug vergangen, als daß in diesem Lande die Dinge schon wieder in ihre alten Canäle zurückgeflossen sein könnten; geschieht dies jedoch, so werden wir bestimmt die Wirkungen einer Reaction erleben. Nichts kann die Gesellschaft in diesem Zustand erhalten, als ein fortwährender und schneller Wechsel der Vermögenszustände; und, Revolutionen abgerechnet, ist Frankreich eben nicht ein Land, wo dieser Wechsel so häufig vorkommen möchte.

In England bestehen gesetzliche Unterschiede zwischen den Rechten der verschiedenen Classen; doch muß man sich erinnern, daß der wirklichen Pairs von England eigentlich nur sehr wenige sind. Als eine Corporation haben sie weder Vermögen, Herkunft, noch das numerische Uebergewicht auf ihrer Seite. Vor nicht langer Zeit traf ich auf dem Continent einen englischen Edelmann Namens G–, das Haupt einer alten und in seinem Vaterlande sehr einflußreichen Familie. In demselben Ort befand sich auch ein Lord G–, der Nachkomme von drei bis vier Pairs-Generationen. Es war für uns sehr spaßhaft, zu bemerken, daß Lord G– äußerst bemüht war, als zur Familie des Herrn G– betrachtet zu werden, während der letztere geneigt schien, ihn zu verläugnen. Es bedarf daher keiner Erklärung, um zu beweisen, daß der Pair nur eines sehr zweideutigen geselligen Vorranges über seinen Namens-Vetter, ein Mitglied des Hauses der Gemeinen, genoß. Wenn wir annehmen, daß sie Beide eines Stammes sind, so war doch der Letztere das Haupt der Familie; er hatte das älteste und größte Gut, und war, seine politische Stellung abgerechnet, der gewichtigere Mann. Es ist unter solchen Umständen sehr einleuchtend, daß in geselliger Beziehung der gesetzliche Unterschied nur wenig in Betracht kommt.

Die Sache ist diese, daß der Adel von England als eine Classe den europäischen Begriffen gemäß ist. Ihm fehlen zwar die schriftlichen Beweise seines Ranges, da dergleichen in England nur selten ertheilt werden; aber er hat sonst jedes Requisit, welches vom bestimmten Gesetz unabhängig ist. Von allen Howards, die von dem » Jockey von Norfolk« abstammen, – und ihre Anzahl ist in England und Amerika bedeutend groß, – hält man nur vier oder fünf für wirklich adelig, weil nicht mehr wie diese die Pairswürde besitzen; wenn wir jedoch ihre Abstammung betrachten, so würde es eine Narrheit sein, sie nicht alle für gleich edel zu halten.

Sie sehen demnach, daß England mit Leuten angefüllt ist, welche alle die gewöhnlichen Ansprüche auf Geburt und in vielen Fällen sogar auf die Erstgeburt haben, ohne – außer dem Besitz ihres Vermögens – irgend ein gesetzliches Privilegium zu genießen. Der Earl von Surrey, der Erbe des ersten Pairs von England, ist vor dem Gesetz eben sowohl ein Mitglied der Gemeinen, wie sein Haushofmeister. Es ist demnach nicht der gesetzliche Unterschied allein, der, wie auf dem Continent von Europa, die Leute in gesellige Kasten theilt, sondern Meinung, Gewohnheit und Thatsachen sind es, die mit Herkommen, Besitzthum u. s. w. in Verbindung stehen. Ein Pair genießt freilich eines gewissen politischen Vorzuges, den er nur seiner Würde verdankt; und nur diese Classe allein ist vermöge ihrer Privilegien über jegliche Eifersüchtelei erhaben. Diesem Umstande schreibe ich es zu, daß ein Amerikaner durch den Adel von England stets höflicher behandelt wird, als durch die niedrigeren Classen. Aber die Anzahl der wirklich Noblen ist zu klein, um einer so großen Bevölkerung wie der Englands ihren Charakter aufzuprägen; sie bilden nur eine Ausnahme von der Regel.

Wenn wir den Adel aus der englischen Gesellschaft entfernen, so sind die Grundbestandtheile ihrer Zusammensetzung dieselben wie die von unserer Gesellschaft. Der Umstand, daß sich eine kleine Gesellschaft, die durch Gesetze geschützt wird, auf der höchsten Stufe der geselligen Leiter befindet, trägt zwar dazu bei, das ganze System etwas künstlicher und gezwungener zu machen, als es sonst sein würde; doch ist es dennoch dem unsrigen immer noch sehr ähnlich. Obgleich diese Privilegirten nicht zahlreich genug sind, um der Gesellschaft ihren Ton zu geben, so bilden sie doch das Ziel, wonach der Ehrgeiz strebt. Die Sucht, mit ihnen in Verbindung zu sein, die Nothwendigkeit, in ihren Zirkeln zu leben, und ihr wirkliches Uebergewicht sind die Ursachen des Abstoßenden in dem Charakter der Engländer. Die willkürliche Absonderung zwischen den Adeligen und Nichtadeligen macht in dem übrigen Theile von Europa dies Abstoßen ganz überflüssig; aber nirgend bemerkt man dies mehr, als bei uns in Amerika.

In England wird die Gesellschaft dadurch verdorben, daß ein Jeder den Wunsch hat, mit den privilegirten Classen umzugehen. Eine gute Folge davon ist auf der andern Seite wieder die sorgsame Erziehung, welche diejenigen bekommen, die unter andern Umständen in der Bildung zurückbleiben würden. Jemand hat den geselligen Zustand in England mit dem einer Menge verglichen, die bemüht ist, eine Leiter zu erklimmen, und wo die Hintersten die Vordersten fortwährend am Rockschoß zurückhalten wollen, während die Höheren immer auf die Schultern der Niedrigeren treten. Dies Bild hat sehr viel Wahres, und natürlich muß eine solche Gesellschaft sich in einer fortwährenden Gährung befinden.

Der englische Edelmann ist nicht stets so natürlich und einfach, wie man ihn gewöhnlich schildert. Einfach ist er ohne Frage in seinen Manieren, denn dies gehört durchaus zur guten Erziehung; er ist auch einfach in seiner Kleidung aus eben diesem Grunde; aber er ist nicht ganz so einfach in seinen Gewohnheiten und Ansprüchen. Ich will Ihnen ein paar lächerliche Beispiele davon anführen.

Innerhalb der letzten vierzehn Tage mögen etwa ein Dutzend Edelleute ihre patrizischen Hände auf meinen Thürklopfer gelegt haben. Da ich in meinem Eßzimmer schreibe, so bin ich kaum fünfzehn Fuß von der Hausthür entfernt, und nichts entgeht meinem Ohr. So lächerlich es klingen mag, so besteht doch eine gewisse Etiquette, nach welcher ein Pair lauter klopft, als ein Mitglied des Hauses der Gemeinen. Ich will damit nicht sagen, das Parlament habe ein Gesetz in dieser Beziehung erlassen; doch meine ich nur, mein Ohr ist so fein geworden, daß ich einen Lord an seinem Klopfen, wie etwa Velluti an seinem Anschlag, erkenne.

Vor zwei bis drei Tagen fuhr ich mit zwei Damen auf das Land. Bei unserer Rückkehr bat die eine um Erlaubniß, an einigen Thüren auf unserm Wege Karten abgeben zu dürfen. Der Bediente wurde ganz besonders über sein Klopfen instruirt, wobei man mir sagte, der Bursche habe sich während seines letzten Dienstes bei einem Lord ein sehr lautes Klopfen angewöhnt.

Vor kurzer Zeit sah ich einen Artikel in dem Courier, in welchem man sich über das laute Klopfen der Aerzte beklagte. Man sagte, die Aerzte klopften so laut wie die Edelleute, und störten dadurch ihre Patienten.

Bei dieser Gelegenheit kann ich auch anführen, daß in London nur die Hausbewohner die Klingel ziehen, deren es in jedem Hause eine giebt. Der Briefträger, der Bettler, der Bediente, der Besuchende, alle haben ihre besondere Art zu klopfen, woran man sie sogleich erkennt.

Gestern ging ich nach dem Berkeley-Platz, um bei Lord und Lady G– Karten abzugeben. Da ich ein Experiment machen wollte, klopfte ich so leise wie möglich, jedoch nicht so leise wie ein Bettler. Um diese Zeit befanden sich stets zwei Bedienten auf dem Hausflur, und ich erblickte den Arm des einen am Fenster, ganz nahe der Thür. Er rührte sich nicht. Ich wartete zwei Minuten, und klopfte etwas stärker, jedoch mit keinem bessern Erfolg. Hierauf klopfte ich wie ein Pair, und meine Hand war noch an dem Drücker, als der faule Schlingel schon die Thür öffnete.

Ich glaube, ich könnte noch viel mehr Beispiele dieser Art aufführen; doch will ich damit noch warten, bis sich meine Behauptung durch längere Erfahrung mehr bestätigt hat. Diese Kleinigkeiten haben mich jedoch von der Hauptsache abgeführt.

Eine Hauptwirkung des geselligen Strebens in England ist ein gekünsteltes und gezwungenes Benehmen. Die höheren Classen und die, welche mit ihnen umgehen, sind weniger förmlich; je weiter man jedoch nach unten geht, desto schlimmer wird es in dieser Beziehung. Anstatt gewisse allgemeine Regeln anzuerkennen, die auf Vernunft und Schicklichkeit beruhen, benehmen sie sich auf das Unnatürlichste. Die Masse des Volks beträgt sich in der Gesellschaft wie Kinder, denen man das Haar kämmte und das Gesicht wusch, um sie einmal dieser oder jener Tante vorzustellen; oder sie zeigen eine Steifheit, die fortwährend beweist, wie wenig frei ihnen zu Muthe ist, und wie sie fortwährend der Regeln eingedenk sind, die sie von ihren Ammen erhielten.

Ich habe acht bis zehn Herren zwei Stunden lang die Hände im Schooß und so aufrecht wie Grenadiere bei Tische sitzen sehen, wobei sie nur einige Worte zwischen den Zähnen murmelten, – wahrscheinlich aus keinem andern Grunde der Welt, als weil man ihnen gesagt hatte, die höhern Classen sprächen mit unterdrückter Stimme. – Dieses schulknabenartige Benehmen geht in London weiter als man sich einbildet; überflüssig ist es jedoch, anzuführen, daß man es in den feinern Zirkeln weniger trifft als irgend wo.

Etwas von diesem gekünstelten Benehmen findet man jedoch selbst in der ersten Gesellschaft, da sich auch ein Theil von dieser bemüht, sich durch ein besonderes Betragen auszuzeichnen. Daher kommt es, daß man oft sehr große Wichtigkeit auf Dinge legt, über die man in andern Länder lachen würde, und die, nachdem sie eine Zeit Mode gewesen, in Vergessenheit sinken. Von diesen Narrheiten findet man in jedem Lande etwas; in diesem jedoch so viel, daß man es einen bestimmten Zug im Charakter des Volkes nennen kann.

Während diese Tyrannei in vielen kleinen Dingen herrscht, bemühen sich jedoch die Engländer auf der andern Seite, so ungezwungen und natürlich wie möglich zu erscheinen. Die Vereinigung dieser beiden Dinge bringt oft große Inconsequenzen und Lächerlichkeiten im Betragen hervor; sie ist vielleicht Schuld daran, daß man das Volk für äußerst launisch hält. Ich habe einen Besuch von einem vornehmen jungen Mann gehabt, der sich gänzlich nach den conventionellen Regeln richtet, und sich dennoch bei seinem ersten Besuch in Gegenwart von Damen rittlings auf den Stuhl setzte, und diesen den Rücken zukehrte. Trotz dem gehört dieser Mensch einer der ersten Familien an und ist ein Parlamentsmitglied. Das Sitzen mit einem Fuß in der Hand, oder in einer schneidermäßigen Stellung ist durchaus nichts Ungewöhnliches.

In zwei oder drei Beispielen bemerkte ich in den Häusern, wo ich den ersten Besuch machte, junge Männer der Länge nach auf den Sophas liegen, die sich kaum die Mühe gaben, aufzustehen. Ein solches Betragen gegen Fremde ist durchaus unschicklich, es ist jedoch ganz englisch. Sie müssen indeß nicht glauben, daß dies eine ganz allgemein verbreitete Sitte ist; man findet es nur häufiger, als man wünscht.

Was die Behauptung anbelangt, daß man in London keine Gesellschaft finde, so ist sie vielleicht im Allgemeinen richtig; man trifft jedoch auch rühmliche Ausnahmen. Ein Amerikaner ist indeß so sehr ein Engländer, daß ich hierin meinem Geschmack vielleicht mißtrauen sollte; demnach muß ich sagen, daß man gesellige und intellectuelle Vergnügungen in London eben so gut kennt, wie in der Hauptstadt von Frankreich. Die Diners sind etwas steif, besonders so lange die Damen noch bei Tische sind; doch haben mir die Dejeuners das größte gesellige Vergnügen gewährt, was ich bisher kannte. Es würde sich für einen Amerikaner durchaus nicht schicken, wenn er die Londoner Gesellschaften verachtete, – stellt sich auch die Sache mit einem Franzosen ganz anders.

Herr Rogers, der, wie Sie wissen, mein Nachbar ist, lud mich im Verlauf von einigen Tagen zum zweiten und dritten Male ein, und bei jeder Gelegenheit hatte ich das Vergnügen, einige der ersten Männer des Landes kennen zu lernen. Am ersten Tage traf ich Lord John Russel, und am zweiten Sir James M'Intosh. Man hört selten etwas von einem ausgezeichneten Manne, ohne sich ein Bild von seinem Aeußern zu entwerfen, gleichviel, ob richtig oder unrichtig. Ich wußte wenig mehr von dem ersten dieser Herren, als daß er zur Opposition gehörte und etwas schriftstellerte; doch hatte man ihn mir als äußerst hartnäckig in der Durchführung seines Gegenstandes bezeichnet. Dies und andere Gerüchte hatten mich verleitet, einen Mann von starken Knochen und Muskeln zu erwarten; nichts konnte jedoch falscher sein als diese Vorstellung. Lord John Russel ist ein kleiner, ruhiger Mann von kränklichem Aussehen, der mich durch seinen Mund und seine Art und Weise zu sprechen etwas an den Capitain Ridgley von der Marine erinnerte. Er klagte über seine Gesundheit und sprach nur äußerst wenig. Ich erinnere mich indeß einer seiner Bemerkungen; er sagte nämlich, das Parlament würde jetzt zu »dünnfellig« für einen gesunden Zustand der Dinge. Wollte er vielleicht die jetzige Zeit mit derjenigen vergleichen, in welcher sein berühmter Vorfahr den Kopf verlor?

Sir James M'Intosh hatte ich mir als einen robusten, sonnverbrannten, nachlässigen Schotten mit einem breiten Accente und vielen National-Eigenthümlichkeiten vorgestellt. Statt dessen trat er mir in einer angenehmen Gestalt, mit einem graziösen Benehmen und mit so wenig aus Schottland entgegen, wie nöthig war. Seine Stimme klang sanft und gefällig, und es war äußerst schwierig, wenn auch nicht ganz unmöglich, seine Abstammung aus seiner Sprache zu entnehmen. Es war dies bei ihm noch weniger der Fall, als bei Sir Walter Scott. Er bewies sich als der beste Sprecher, den ich jemals hörte. Ich kenne einen Neapolitaner, der in der Unterhaltung mehr beredt ist, und der Oberst C– aus Georgia ist vielleicht netter und abgerundeter in seiner Ausdrucksweise; doch entfaltet keiner von beiden auf eine so einfache und verständliche Weise einen so ausgedehnten Ideenkreis. Sir James M'Intosh ist ein freier, aber durchaus kein beschwerlicher Redner in einer Gesellschaft. Er hat viel Material und das Bestreben, sich mitzutheilen; doch hört er auch eben so gern zu. Ich ziehe seinen Redestyl dem seiner Schriften bei weitem vor. Könnte man seine Worte schnell niederschreiben, während er spricht, so würde man sich von der Wahrheit meiner Behauptung überzeugen. Er neigt sich zur Philosophie hin, und es ist mir, als verstände er sich besser mündlich als schriftlich verständlich zu machen. Daß er dies von sich selbst glaubt, schließe ich aus einer Bemerkung, die er machte, als wir gestern den Tisch verließen. Wir hatten von der Gewalt der verschiedenen ausgezeichneten Redner von England und Amerika gesprochen, und einige Vergleichungen zwischen Pitt, Fox, Burke und Sheridan waren gemacht worden. »Uebrigens,« bemerkte Sir James, als wir mit einander fortgingen, »die Rede ist der Prüfstein der Gewalt eines Mannes. Wenn er etwas in sich hat, so kann er es zu Tage fördern, und ein Jeder ist Zeuge der Art und Weise, wie er dies thut.« Eine zu große Wichtigkeit ist zwar einer solchen zufälligen Bemerkung nicht beizulegen; aber die Meinung überraschte mich als in sonderbarem Widerspruch stehend mit Addisons berühmter Antwort über seine Unfähigkeit, einen Schilling auf der Stelle zu bezahlen, während er sich im Stande erklärte, einen Wechsel auf 1000 Pfund auszustellen. Auf diese Weise stehen wir Alle unter dem Einfluß persönlicher Eigenschaften: Addison konnte besser schreiben als M'Intosh, und dieser besser sprechen als Addison. Sicher kann es ein Mann in sich haben, ohne wie Addison, im Stande zu sein, es aussprechen zu können.

Ich fand Sir James M'Intosh besser über Amerika unterrichtet, als irgend einen andern Europäer; seine Ideen über unsere Zustände sind genauer und bestimmter. Er sprach von mehreren unserer Juristen mit Achtung; jedoch nicht in jener übertriebenen Weise, wie es bei uns Mode ist; sondern ganz offen und gemäßigt. Aus seiner Unterhaltung über Amerika ging jedoch hervor, daß er uns nicht für ein Volk hielt, welches bereits viele Wunder gethan, sondern diese erst noch zu verrichten hat. Herr Rogers leitete das Gespräch auf die amerikanische Poesie. Durch eine stillschweigende Uebereinkunft wurde Alles, was vor den letzten zehn Jahren erschienen war, so betrachtet, als hätte es niemals existirt. Ich nannte ihnen Halleck und Bryant; von keinem von beiden schienen sie jedoch etwas zu wissen. In Folge einiger Aeußerungen unseres Wirthes hatte ich eine nicht eben allzu correcte Sammlung amerikanischer Gedichte vom Buchhändler Miller erhalten. Alnwick Castle und mehrere Sachen von Bryant standen darin. Ich ließ ihnen das Buch, und man war sehr mit seinem Inhalte zufrieden. Besonders hatte Alnwick Castle großes Glück gemacht; das Buch selbst ließ jedoch Bryant selbst keine Gerechtigkeit widerfahren.

Da ich von Herrn Rogers spreche, kann ich mich nicht enthalten, der Weise zu gedenken, mit welcher die Londoner Pressen ihn behandeln. Eine ganz besonders redet nie anders von ihm, als von einem Spaßmacher. Ich habe gehört, dem Dinge läge ein gewisser Neid zum Grunde, und man stelle ihn als einen Spaßmacher dar, weil er gerade allen Späßen am meisten abgeneigt sei. Der Grund davon ist ganz klar, und er sichert die andere Partei gegen jegliche Mühe der Widerlegung. Damit Sie jedoch keine irrige Meinung von einem Mann bekommen, dessen Name in ganz Amerika bekannt ist, so möchte diese Notiz wohl nicht ganz überflüssig sein. Herr Rogers ist weder ein Spaßmacher, noch ein Mann, dem ein geschicktes Wort zuwider wäre. Kein Mensch kann einen besseren Ton haben als er, und Niemand hat eine gefälligere Weise, gefällige Dinge zu sage. Er lebt in den ersten und feinsten Cirkeln der Residenz, wo er sehr geachtet zu sein scheint. Obgleich er weit davon entfernt ist, ein Spaßmacher zu sein, so kenn' ich doch Niemand, der gelegentlich eine schärfere Bemerkung machte als er. In seinem Hause versammelt sich die beste literarische Gesellschaft von ganz London; und trotz dem er in der Politik äußerst liberal ist, so scheint er doch mit allen Parteien gut zu stehen.

Die petits déjeuners des Herrn Rogers haben mit Recht einen Ruf in der Stadt. Wenn man Alles zusammen nimmt, das Haus, den Wirth, die Seltenheiten, die Lage, die Gesellschaft und den Ton, so ist es nicht leicht, sich etwas Besseres der Art vorzustellen. Sie werden sowohl von Damen als von Herren besucht; und durch den richtigen Takt des Wirthes bei der Auswahl seiner Gesellschaft, oder durch die Atmosphäre der Wohnung, oder durch irgend eine Ursache, die ich nicht angeben will, geschieht es, daß man hier weder jemals etwas hört, noch sieht, was ungehörig wäre. Nicht nur für den Geist ist gesorgt, sondern auch dem Tische wird die gehörige Aufmerksamkeit gewidmet. Dabei will man jedoch einer französischen Gesellschaft durchaus nicht nachahmen, sondern Alles ist in dieser Beziehung äußerst einfach, und man möchte sagen nationell. Ich lobe mir in jeder Beziehung ein Frühstück am St. James-Platz!

 

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