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England. Erster Band

James Fenimore Cooper: England. Erster Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorJames Fenimore Cooper
titleEngland. Erster Band
publisherVerlag von Gottfr. Basse
year1837
translatorA. von Treskow
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20130918
modified20140825
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Vierter Brief.

Dem Herrn Thomas James de Lancey Esquire.

Westminster-Abtei. – Dichter-Ecke. – Kapelle Heinrichs VII. – Monumente in der Abtei. – Andrés Monument. – Englische Kunst. – Das Parlamenthaus. – Westminster-Halle. – St. Stephens-Kapelle. – Das Haus der Lords. – St. Pauls-Kirche. – Statur der Königin Anne. – Aussicht von der Kuppel. – Englische Cicerones. – Katholische Kathedralen. – Das Innere der Paulskirche. – Die Peters- und Paulskirche. – Geistliche Officiale.

Ich will Sie nicht mit Beschreibungen von Merkwürdigkeiten unterhalten. In dieser Beziehung kennen wir England besser als in vielen andern, wichtigeren Stücken. Wenn ich mich jemals von dem mir vorgeschriebenen Wege entferne, so wird es nur geschehen, um auf irgend etwas ganz besonderes aufmerksam zu machen, oder Ihnen richtigere Begriffe von Dingen zu geben, über welche bei uns irrige Meinungen stattfinden. Dennoch kann man kaum London besuchen, ohne etwas über seine Gebäude und Merkwürdigkeiten zu sagen; und ich will diese Gelegenheit benutzen, um nur gleich davon anzufangen.

Da Ihre – bisher nie in London war, und auch vielleicht nie wieder hinkommen möchte, so wurde es zu einer Art Pflicht, die hauptsächlichsten Merkwürdigkeiten zu besehen, und wir begannen daher mit der Westminster-Abtei. Ich habe bereits über das Aeußere dieses Gebäudes geredet, und werde jetzt nur noch einige Worte über sein Inneres hinzufügen.

Man betritt die Kirche, gewöhnlich durch eine kleine Thür in der Poeten-Ecke; und es machte einen sonderbaren Eindruck, als wir uns plötzlich von Marmorplatten umgeben sahen, welche die Grabschriften von denjenigen enthielten, deren Namen am meisten in der englischen Literatur und Kunst gefeiert sind. Ich kann diesen Eindruck nur mit der Empfindung vergleichen, die man haben würde, wenn man sich plötzlich und unerwartet mit den ausgezeichnetesten Zeitgenossen in einem Zimmer befände. Es war überraschend, solche Namen wie Shakspeare, Milton und Ben Johnson selbst auf einem Grabsteine zu sehen; und wie romantisch es auch klingen mag, so fühlte ich doch ein eigenes Leben meiner Nerven, als ich sie las.

Die Abtei ist sehr vollgepfropft von ungeschickten Denkmälern der edlen und großen Politiker; sie liegen jedoch in verschiedenen Gruppen an der andern Seite der Kirche, oder dicht am Schiffe derselben, während die geistig Großen sich in einer Art von Vestibüle zusammen befinden. Es ist, als hätten sie sich, als sie einzeln das Gebäude betraten, immer einer durch die gute Gesellschaft des Andern festhalten lassen. Trotz der pomphaften Monumente des Adels fühlt man sich doch in der Poeten-Ecke wie in der besseren Gesellschaft.

Nach meinem Urtheil ist das Innere der Westminster-Abtei schöner als das Aeußere; dennoch hat jenes große Fehler, da es ihm an Einheit und einer freien Uebersicht fehlt. Die Abtei hat ein sehr nettes und bequemes Chor, in welchem der gewöhnliche Gottesdienst gehalten wird, und welches in eben dem Verhältniß zum ganzen Innern steht, wie dies in der Regel auch der Altarplatz zum Innern einer amerikanischen Kirche thut. Der Chor steht wie gewöhnlich in einer Reihe mit dem Transept. Der Chor unterbricht jedoch die Aussicht, und thut der Größe der Flügel Abbruch.

Das Innere der berühmten Kapelle Heinrichs VlI. ist ebenfalls noch schöner als das Aeußere, obgleich dieses zu den seltensten Musterbildern der gothischen Baukunst gehört. Die Chorstühle der Ritter vom Bath-Orden befinden sich in dieser Capelle, und ihre schöne Decke wird durch Wolken von alten verblichenen Fahnen verdunkelt. Dies ist ein sehr edler Ritterorden; denn seine Register enthalten nur wenige Namen, die nicht auch in der Geschichte berühmt waren. Ungleich dem Orden der Ehrenlegion, der allen gereicht wird, die ihn verlangen, und dem Hosenband-Orden, zu welchem nur die Geburt berechtigt, erhalten die Ritter des Bath-Ordens die Sporen nur durch wichtige Dienste, die sie dem Staate bei der Verwaltung von Aemtern mit großer Verantwortlichkeit leisteten. Bei der Vertheilung von Orden wird es gewiß stets parteiisch zugehen; doch bin ich überzeugt, daß nie ein Ritterorden gestiftet worden, bei welchem so unveränderlich nur das Verdienst und nicht die Gunst die Wahl leitete, wie bei dem des Ordens vom rothen Bande.

Unter den reichen Monumenten der Abtei befindet sich eins zu Ehren des Admirals Sir Peter Warren, der vor etwa siebenzig Jahren als Contre-Admiral starb, und dessen Frau ihm dies Denkmal errichten ließ. Lady Warren war in New-York geboren und ein Mitglied ihrer eigenen Familie; denn sie war die Schwester des Großvaters Ihres Vaters. Ihr Gemahl war eine lange Zeit Oberbefehlshaber an unserer Küste, und er ist in unserer Geschichte als einer der Eroberer von Louisbourg bekannt. Er war ein guter Offizier, und soll sich bei Anson's Siege, wo er die Avantgarde befehligte, bedeutend ausgezeichnet haben. Bei seiner Rückkehr nach England waren die würdigen Bürger von London dergestalt von seiner Tapferkeit hingerissen, daß sie ihn zum Alderman machen wollten. Sir Peter Warren war auch der Onkel von Sir William Johnson; und dieser berühmte Mann erschien zuerst in dem Innern unseres Landes als der Agent seines Verwandten, der damals ein Gut am Mohawk, an einem Ort hatte, der noch Warrensbush genannt wird.

Im Ganzen ist über die vielbesprochenen Monumente der Westminster-Abtei nur wenig zu sagen. Den meisten fehlt Einfachheit und Originalität, und sie erzählen ihre Geschichten sehr schlecht; einige der pomphaftesten Inschriften sind sehr elende Compositionen. Man findet indeß einige schöne Einzelheiten und gute Statuen darunter; diese rühren aus der neuesten Zeit her. Eine Bildsäule des Herrn Horner von Chantrey ist äußerst edel, obgleich im modernen Costum. Die Werke dieses Künstlers haben alle Verdienste, die Kunstwerken überhaupt eigen sein können, ohne daß sie das Ideal erreichen. Die Denkmäler sind äußerst zahlreich; denn wer sich nur irgend fühlt und im Stande ist, dies Vorrecht zu bezahlen, kann seinen Freunden eins errichten lassen, obgleich dies, wie ich glaube, in der Dichter-Ecke nicht gestattet ist. In der letzten Zeit ist es sehr Mode geworden, den ausgezeichneten Männern in der Paulskirche ein Denkmal zu setzen.

Sie haben wohl gehört, daß man die Köpfe Washington's und anderer amerikanischer Offiziere, die sich auf dem Basrelief von André's Monument befinden, abgebrochen hat. Diese Thatsache giebt an und für sich einen Beitrag zu den Gesinnungen, wie man sie hier für uns hegt; eine Antwort unseres Cicerones, der uns die Kirche zeigte, thut dies noch in einem höheren Grade.

»Wer hat diesen Schaden angerichtet?« fragte ich, neugierig, die Geschichte dieser Verstümmelung zu hören.

»O Sir, hier kommen so viel übelgesinnte Leute herein! – Auf jeden Fall hat es irgend ein Amerikaner gethan.«

Sie sehen, man klagt uns nicht allein an, daß wir unsere Feinde hängen; man sagt uns sogar nach, daß wir unsern Freunden die Köpfe abschlagen!

In einem Zimmer einige Stufen hinauf befindet sich eine kleine Sammlung von Wachsfiguren, die mit Flitterstaat aufgeputzt sind, so daß sie sich am besten für eine Bude auf der Bartholomäus-Messe paßten. Ich bin nicht im Stande, Ihnen anzugeben, was den Dechanten und das Capitel bewegen konnte, eine solche Entwürdigung dieses ehrwürdigen Gebäudes zu gestatten; wahrscheinlich ist es derselbe Grund, der Ananias zum Lügen und Sapphira zum Schwören veranlaßte. Auf diese entsetzliche Geschmacklosigkeit stößt man fortwährend in England. Zuerst glaubte ich, dies der niedrigen Bildung des Volkes zuschreiben zu müssen; doch ist es vielleicht richtiger, wenn man sagt, die niedern Classen dieses Landes, – da sie wohlhabender sind, und dergleichen Dinge gut bezahlen, – üben einen Einfluß auf alle öffentliche Ausstellungen, den man auf dem Continent nicht fühlt. Als mit religiösem Aberglauben in Verbindung stehend findet man in den schönsten Kathedralen aller katholischen Länder Geschmacklosigkeiten, die denen in der Westminster-Abtei fast gleich kommen.

Es giebt in der Westminster-Abtei viele alte Monumente, die, ohne einen besondern Kunstwerth zu besitzen, doch merkwürdig durch ihre Inschriften und als Zeichen des Geschmacks unserer Vorväter sind. Zu Gunsten dieses Geschmackes läßt sich wenig sagen; denn es ist ganz sicher, daß die englische Nation in allen diesen Dingen dem goldenen Zeitalter nie so nahe war, als eben jetzt. Alle Künstler, die das Land bisher besessen, waren Fremde; jetzt jedoch bildet sich eine einheimische Schule, und zwar eine, die, gebildet durch Reisen und durch Reichthum unterstützt, bald an der Spitze von allen übrigen stehen wird.

Die Westminsterabtei, – mit Ausnahme der Kapelle Heinrichs VII., welche kaum zum Gebäude zu gehören scheint, obgleich sie mit demselben zusammenhängt, – ist weder eine sehr reiche, noch sehr große Kirche ihrer Art. Dennoch ist es ein edles Gebäude; für mich liegt der Hauptfehler seines Aeußeren in dem gedrückten und gemeinen Aussehen ihrer Thürme, wovon ich früher schon einmal gesprochen; und der des Innern in der Art und Weise, in welcher der Raum unterbrochen ist. Die Kapellen haben einen Schenktisch-Charakter, der sich für die englische Nettigkeit wohl schicken mag. Der größte Reiz der Abtei liegt in ihren Erinnerungen an die großen Thaten der Männer, deren Hüllen sie aufbewahrt. In dieser Beziehung ist sie durchaus einzig in ihrer Art; nach einer Beschreibung des Ganzen müssen Sie sich jedoch wo anders umsehen. Wenn man in Europa reist, wird man gelegentlich durch die Namen von Erasmus, Galileo, Dante oder irgend einen großen Genius überrascht. Diese Denkmäler liegen jedoch zerstreut, und zwar nicht nur in verschiedenen Ländern und Städten, sondern oft in derselben Stadt in verschiedenen Kirchen. Die Einfachheit hingegen, welche diese anspruchslosen Marmorplatten hauchen, mit denen die Wände und der Fußboden der Poeten-Ecke prangen, veranlassen, daß sich der Beschauer unter diesen berühmten Todten, deren Namen er auf den Platten liest, wie heimisch fühlt. Der Name von Shakspeare kam mir so vertraulich vor, als hätte ich ihn unter einem Eibenbaum auf einem Dorfkirchhof angetroffen.

Nachdem wir die Abtei besehen, gingen wir nach den Parlamentshäusern und der Westminster-Halle. Diese Gebäude liegen in einer Gruppe auf der andern Seite der Straße an den Ufern der Themse. Sie bilden eine verworrene Masse, die jedoch in Betracht ihrer historischen Erinnerungen, ihres gegenwärtigen Gebrauchs und durch architektonische Schönheiten und Sonderbarkeiten von bedeutendem Interesse ist. Jetzt, da sich mein Auge an gothische Kathedralen gewöhnt hat, betrachte ich die Westminster-Halle mit mehr Gefühl als selbst eine alte Kirche.

Die Westminster-Halle bildet den ältesten und schönsten Theil dieser Gruppe. Sie rührt aus der Zeit Wilhelms II. her, obgleich sie später, besonders im Jahre 1400 bedeutend verbessert und verändert worden ist. Ihr Styl gehört eigentlich der letztern Periode an, obschon die rauhe Großartigkeit der Idee mehr zu der früheren paßt. Sie wissen, daß sie zur Banquet-Halle für den Palast bestimmt war. Wenn wir uns erinnern, daß das Zimmer 270 Fuß lang, 74 breit und 90 hoch ist, so müssen wir wohl einen bedeutenden Begriff von der Haushaltung eines alten Monarchen bekommen. Aber diese Größe erklärt sich leicht aus den Gebräuchen der damaligen Zeit. Die Halle oder die Ritterhalle nahm in den kleineren Sitzen der Edelleute mehr als die Hälfte der ganzen Wohnung ein. In vielen Fällen war das ganze Erdgeschoß in den Burgen dazu bestimmt, und nur die Räume in den Fensternischen wurden des Nachts zum Aufstellen von Betten benutzt. Obgleich wir keine Nachrichten mehr aus der Zeit haben, in welcher der englische Adel auf diese Weise lebte, so ist es doch ausgemacht, daß er einmal so lebte.

Diese Hallen waren früher für den Gebrauch und Aufenthalt des ganzen Hausstandes bestimmt; denn der Herr bewohnte mit seinen Dienern noch dasselbe Zimmer, und aß mit ihnen an einem Tische. Der Hof, an welchem die Edelleute nur immer mit einem sehr großen bewaffneten Gefolge erschienen, bedurfte daher nicht allein für diejenigen eines großen Raumes, welche kamen, um ihren Herrn zu schützen, sondern auch für Diejenigen, die beständig um den König waren, um darauf zu wachen, daß er keine Gewaltthaten ausübte.

Wenn man nun auch durch diese Halle eine große Idee von den Bedürfnissen der damaligen Könige bekommt, so erweckt sich doch nicht eben einen übertriebenen Begriff von der Bequemlichkeit der damaligen Zeit. Die Seitenwände bestehen aus nacktem Stein, der Fußboden ist weder gedielt noch gepflastert, und die netten gothischen Zierathen abgerechnet, gleicht die Decke nur der einer Scheune. Bei feierlichen Gelegenheiten ist ein bedeutender Aufwand nöthig, um der Halle nur einigermaßen das Ansehen eines Zimmers zu geben. An der einen Seite bemerkten wir eine Reihe von Ausgängen, die zu den Gerichtshöfen führen.

Die Westminster-Halle soll das größte Zimmer in Europa sein, dessen Decke nicht durch Säulen gestützt ist; denn das Dach wird nur durch die gewöhnlichen gothischen Balken oder Leisten getragen; dies mag wahr sein, doch überraschten mich die große Halle des Stadthauses von Amsterdam und des Palastes des Großherzogs von Florenz als viel schönere Zimmer. Auch zu Padua giebt es eine Halle, die ich der Westminsterhalle vorziehe, und sogar für größer halte; und in den Niederlanden sind außerdem noch viele, die sehr wohl eine Vergleichung mit ihr aushalten. Die große Gallerie zu Versailles, die Gallerie Ludwigs XIV. ist auf keinen Fall eben so groß; doch in Bezug auf Pracht und Glanz verhält sich die Westminster-Halle zu ihr wie eine Hütte zu einem Palast. Der Gebrauch dieser beiden Hallen war aber auch ein sehr verschiedener.

Ich will nicht versuchen, Ihnen eine genaue Beschreibung von den übrigen Gebäuden der angeführten Gruppe zu machen. An den Ufern der Themse befindet sich ein Garten und darin ein Haus, welches der Sprecher bewohnt. Wir besahen uns die St. Stephens-Kapelle, das Haus der Lords, die Sternkammer u. s. w.; doch brachte ich im Ganzen nur eine höchst verworrene Idee von der Localität mit nach Hause.

Die St. Stephens-Kapelle ist nur eine sehr kleine Kirche, die lediglich für den Gottesdienst erbaut wurde. Das Haus der Gemeinen hat sich früher in ihr versammelt, so wie man bei uns auch die Kirchen zu dergleichen Zwecken benutzt. Sie hat die regelmäßigen alten Seiten- und Endgallerieen; und der Stuhl des Sprechers steht an dem Ort, wo sich gewöhnlich die Kanzel befindet. Die Endgallerie ist dem Publikum offen; die Seitengallerien hat man jedoch für die Mitglieder des Hauses reservirt, wenn sie von diesen auch nicht oft benutzt werden. Die Barre liegt in einer Linie mit der Front der Endgallerie, und natürlich unter derselben.

Nach meiner Meinung ist das Innere der Kapelle etwa fünf und fünfzig Fuß lang und zwei und vierzig Fuß breit. Das Schiff habe ich abgeschritten, und ich berechne seinen Flächenraum auf vierzig Quadratfuß. Ein guter Theil dieses beschränkten Raumes ist noch durch eine schlechte Einrichtung von Sitzen hinter dem Stuhl des Sprechers verloren gegangen; diese erheben sich amphitheatralisch hinter einander. Die Clerks sitzen an dem einen Ende einer langen Tafel in der Mitte des Raumes; die Bänke laufen mit ihr parallel und sind in vier Abtheilungen getheilt. Sie haben Lehnen, doch vor sich keine Einrichtung, um zu schreiben. Die Entfernung von dem großen Tisch und den nächsten Bänken beträgt etwa drei Fuß. Sie ist so gering, daß die Mitglieder auf der ersten Bank ihre Füße gegen den Tisch stemmen, oder auf ihn legen können, welches sehr häufig bei den Unterhandlungen geschieht. Die Schatzbank steht dem Tische links am nächsten, – von der Gallerie aus gesehen, – und die Führer der Opposition sitzen zur Rechten.

Der Stuhl des Sprechers hat einen Baldachin, und bildet eine Art Thron. Alles Holzwerk besteht aus Eichen, und ist nicht angestrichen. Der Raum wird durch Kerzen beleuchtet, die auf gewöhnlichen Leuchtern von Messing stecken; und überhaupt macht das Ganze einen sehr düstern und unerfreulichen Eindruck. Dennoch ist es nicht möglich, ihn mit andern Gefühlen als denen der tiefsten Hochachtung zu betrachten, da die hier gefaßten Beschlüsse nun schon seit Jahrhunderten den größten Einfluß auf die civilisirte Welt geübt haben. Die Capelle ist schon seit der Regierung Eduards VI. zu den Versammlungen des Hauses der Gemeinen benutzt worden. Hundert und dreißig Fremde sollen in der Endgallerie sitzen können. Die Gallerieen werden von kleinen eisernen Säulen mit vergoldeten korinthischen Capitälern getragen.

Das Haus der Lords ist ein ganz verschiedener Ort. Das Versammlungszimmer hat vielleicht dieselbe Form wie das des Hauses der Gemeinen, obgleich ich es für etwas kleiner halte; auch giebt es hier keine Gallerie. Dies war im Jahr 1828. Bei der Rückkehr des Verfassers nach England, 1833, fand er in dem Hause der Lords eine Gallerie. Es ist kaum nöthig anzuführen, daß seit der Zeit beide Häuser abgebrannt sind. Der Thron – durchaus nichts Schönes – befindet sich etwas nach einer Seite hin, und die Pairs sitzen in der Mitte und innerhalb einer Umfassung auf Bänken, die mit rothem Tuch überzogen sind. Diese Bänke nehmen drei Seiten ein; und umschließen einen Raum, an dessen vierter Seite der Thron steht. Diesem gegenüber befinden sich die Wollsäcke, welches Divans sind, die den Wänden fern stehn. Alles in diesem Versammlungssaal ist roth vom Thron abwärts. In dem umschlossenen Raum befindet sich ein Tisch und Plätze für die Clerks. Für den Kanzler ist durchaus nicht so gesorgt, wie für den Sprecher. Der Sitz dieses letzteren ist äußerst luxuriös; der Kanzler würde sich jedoch höchst unbequem placirt finden, hätte man seinem Sitz nicht eine Art von künstlicher Lehne in Form eines Feuerschirms bereitet, der jedoch seinen Zweck erfüllt.

Die berühmten Tapeten sind nur ein sehr grobes Machwerk. Sie müssen in einer Zeit gewirkt worden sein, wo die Kunst noch in der Wiege lag; und es ist kein Wunder, daß sie keinen Beifall fanden. Sie sind sehr ausgebleicht, welches ihnen eher zum Vortheil als zum Nachtheil gereicht. Zur Anwendung der Phrase, »die Tapeten, welche die Wände zieren« gehört für diesen Fall ein Muth, wie ihn nur Chatham besitzt. Man blickt jedoch auch auf sie – wie auf Alles rings umher – mit Vergnügen.

Von den übrigen Zimmern und Räumen der beiden Parlamentshäuser kann ich Ihnen nur wenig sagen. In Bezug auf Dekoration sind sie ziemlich gewöhnlich, und das Merkwürdige an ihnen besteht nur in ihrer Bestimmung und den geschichtlichen Erinnerungen, die mit ihnen verbunden sind. Was die Einrichtung zum Essen und Trinken anbelangt, so sind sie in beiden Häusern äußerst bequem. Es steht mit ihnen ein regelmäßiges Kaffeehaus oder vielmehr eine Restauration in unmittelbarer Verbindung, wo man im Nu eine Tasse Thee, ein Beefsteak oder irgend etwas noch Substantielleres erhalten kann. In dieser Beziehung übertrifft das Parlament noch unsern Kongreß. Für einen Franzosen ist ein Diner ein zu wichtiges Ding, als daß er es so ohne alle Umstände einnehmen sollte; und er begnügt sich mit dem Amerikaner, nur bei Tage Gesetze zu geben. Die späten Stunden, bis zu denen die Geschäfte des englischen Parlaments zuweilen ausgedehnt werden, zwingt die Mitglieder oft, ein flüchtiges Mahl während der Debatten einzunehmen. Thee ist eine schöne Erfindung für solche Leute, und Bellamy eine gute Erfindung für den Thee.

Nach dem Westminster besuchten wir die Paulskirche. Dies ist in der That ein edles Gebäude. Noch sehr wohl erinnere ich mich des Eindrucks, den diese Kirche auf mich machte, als ich zum ersten Male – von Amerika kommend und ein unerfahrener Knabe – unter ihrer gewölbten Kuppel stand. Ich hatte fast eine Anwandlung von Schwindel, und mir war, als befände ich mich an dem Rande eines Abgrundes. Als ich in meine Heimath zurückkam, und meinen Freunden unter andern Reisewundern auch erzählte, daß der Thurm unserer Trinitätskirche unter dieser Kuppel stehen könne, und daß die Wetterfahnen noch nicht oben anstoßen würden, so wurde ich für einen Narren gehalten, weil ich mehr gesehen hatte als meine Nachbarn. Es ist sehr leicht, dies in Amerika zu erreichen, ganz besonders, wenn man keinen Anstand nimmt, die Wahrheit zu sagen. Ich hatte, was Fuß und Zoll dabei betrifft, durchaus nicht übertrieben; nur in der Weise, mich deutlich zu machen, hatte ich mich vergriffen. Hätte ich gesagt, die Kuppel der Paulskirche sei tausend Fuß hoch, so würde man mir sicher geglaubt haben; sobald ich jedoch eine unserer Kirchen in eine englische stellte, erwachte die Eigenliebe, und man lachte mich aus. Dies ist zwei und zwanzig Jahre her; haben wir uns seit der Zeit gebessert?

Obgleich ich die Paulskirche nicht mehr mit jenem unbegrenzten Erstaunen eines unerfahrenen Knaben betrachtete, so erschien sie mir doch als ein großes, imposantes Gebäude, denn ein solches ist die Kirche in der That. In vielen Beziehungen ist sie selbst schöner als die Peterskirche in Rom; als Ganzes betrachtet muß sie dieser jedoch nachstehn. Wenn man den Reichthum des Materials, die Dimensionen, die Einzelheiten und die Colonnade der Peterskirche in Erwägung zieht, so muß man gestehen, daß die Paulskirche durchaus nicht zu den Kirchen erster Classe gehört, und daß die Peterskirche unerreicht dasteht; doch bildet die Kathedrale von London bestimmt eine besondere, wenn auch untergeordnetere Classe.

Die Paulskirche ist in einem strengen und edlen Stil gebaut. Man bemerkt nichts Unzüchtiges in ihm, obschon die Verzierungen ihrer Natur sowohl als ihrer Vertheilung nach diesen reinen Charakter nicht haben. Eine elende Statue der Königin Anne in der Front des Gebäudes ist das werthloseste Ding an demselben, da sie durchaus hier am unrechten Orte ist, ohne von dem Unschönen einer Frauengestalt in einer Menge von Unterröcken, einer über dem andern, mit einer Erdkugel in der Hand und einer Krone auf dem Kopf zu reden. Ich glaube, sie hat einen Reifrock an. Wäre sie von einer Gesellschaft von Herren und Damen umgeben, angethan um zu Almacks zu gehen, so würde die schlechte Idee erst ganz ausgeführt sein.

Das Innere der Paulskirche war vielleicht zu kahl, ehe man begann, es mit Denkmälern zu schmücken. Ich habe es gesehen, wie kaum erst ein halbes Dutzend Statuen darin standen, als ich London zum erstenmal besuchte. Jetzt findet man deren viele; und da sie alle aus der neuen Schule stammen, so sind sie keusch und einfach. Diese Kirche läßt sich so an, als würde sie die Westminster-Abtei bald überflügeln.

Natürlich erstiegen wir auch die Flüster-Gallerie. Es ist eben nichts Anderes, als was man überall der Art in großen Kirchen trifft. Den Sir James Thornhill, der die Kuppel mit Scenen aus dem Leben des heiligen Paulus bemalte, halte ich eben für keinen Michel Angelo, oder nicht einmal für einen Baron Gros, obgleich er wie dieser in Oel malte. Die Farben sind schon sehr ausgebleicht, welches vielleicht kein großer Verlust ist.

Ich hätte noch anführen sollen, daß wir, wie unser Führer sie nannte, eine »geometrische Treppe« emporgestiegen waren, deren ganzes Geheimniß darin zu bestehen schien, daß die steinernen Stufen mit dem einen Ende in einer runden Mauer steckten. Diese geometrische Treppe setzte meinen Freund, den reisenden Herrn Carter, ganz in Erstaunen, der sie mit dem Cicerone für unerklärlich hielt. Dies Wunder kann sich der Schachmaschine an die Seite stellen; die Treppe macht sich jedoch recht nett.

Durch die Flüster-Gallerie noch nicht zufrieden gestellt, erstiegen wir noch eine Gallerie außerhalb des Thurmes, wo wir eine so ausgezeichnete Vogelperspective von einer Stadt bekamen, wie ich sie bisher noch niemals gesehen hatte. Der Tag war hell, kalt und ruhig, und natürlich schwebte der Dunst der Atmosphäre in einer gewissen Höhe über den Häusern. Das ganze Panorama unter uns bot ein Feld von dunkeln Ziegelsteinen, aus welchem tausend Rauchsäulen in senkrechten Linien zum weiten Baldachin des Dunstes emporstiegen, den sie zu tragen schienen. Dicht um die Kathedrale erblickte man ein Gewirr von Thürmen, die zu den Gemeinde-Kirchen gehören, deren London eine unendliche Menge hat, und die sich wie spanische Reiter ausnahmen. Dreihundert Thürme soll man von der Gallerie aus sehen; ich halte diese Anzahl durchaus nicht für übertrieben, und es überraschte mich, daß es nicht mehr sein sollten.

Auf diese Weise gesehen, bietet London im Vergleich mit Paris nur wenig, was der Erwähnung verdiente. Es hat keinen Hintergrund, ihm fehlen die grauen, scharfwinkligen Mauern, die durchsichtige Atmosphäre, und die Kuppeln und Monumente; denn wir befanden uns auf der einzigen Kuppel, die London hat. Es war nicht immer möglich, in die Ferne zu sehen, und die Gegenstände zeigten sich als eine verworrene Masse. Mir gefallen Wolken, und der Wechsel von Licht und Schatten; für Kohlendampf habe ich jedoch keinen Geschmack.

Die Bemerkung einer Frau, welche uns die Thüren öffnete, machte uns viel Vergnügen. Es sind hier gewisse Preise festgestellt, die man für die Besichtigung eines jeden Theiles der Kirche besonders zu zahlen hat. Alle englischen Cicerones haben eine gewisse ableiernde, eintönige Weise, mit welcher sie die Gegenstände erklären; diese ist oft das einzige Vergnügen, welches man bei der Besichtigung von Merkwürdigkeiten findet; aber sie läßt sich schwer beschreiben, und höchstens nur nachmachen. Ohne ihren Ton zu ändern, schloß die erwähnte Frau ihren Singsang, indem sie sagte: »Nach den Regeln der Kirche stehn mir für das, was ich Ihnen gezeigt habe, nur zwei Pence zu, und es ist uns streng verboten, mehr zu fordern; aber anständige Leute geben mir gewöhnlich einen Schilling.«

Man sagt hier sehr häufig, eine solche Handlung sei unenglisch; doch denk' ich, mit dieser hier wird man eine Ausnahme machen.

Wenn Sie nicht wissen sollten, wozu so große Kirchen eigentlich sind, so wird es Ihnen gewiß lieb sein, wenn ich die Sache hier etwas auseinandersetze. In allen katholischen Kathedralen befinden sich – wie Sie bereits wissen – verschiedene Kapellen, die mehr oder weniger vom Schiff der Kirche getrennt sind, und in denen häufig verschiedene Messen zu gleicher Zeit gelesen werden. In der Mitte, oder etwas nach dem Anfange des Kreuzes hin, – befindet sich das Chor. Gewöhnlich ist es etwas erhöht, und durch Gitterwerk von dem übrigen Theil der Kirche getrennt. In diesem Chor wird der gewöhnliche Gottesdienst abgehalten, während in der Regel an andern Stellen der Kirche an transportabeln Betpulten gepredigt wird.

In der Paulskirche findet sich dieser umgitterte Chor wie in der Kathedrale zu Canterbury; statt der Stühle für die Präbendarien findet man hier jedoch innerhalb des Gitters Sitze für die Gemeinde. Die Kathedralen von Westminster und Canterbury wurden beide für den katholischen Gottesdienst erbaut, und sie hatten ihre Privat-Kapellen; mit der Paulskirche, die unter einer protestantischen Regierung erbaut wurde, steht es jedoch etwas anders. Ich glaube, es giebt auch in ihr Privat-Kapellen, doch sind sie sehr abgesondert, und es sind ihrer sehr wenig. Wenn man das Chor und die Theile ausnimmt, welche mehr durch die Kirchenverwaltung in Anspruch genommen werden, so kann der Rest des Gebäudes nur bei sehr großen Ceremonien benutzt werden. Eine große Kirche in der übervölkerten Hauptstadt eines mächtigen Reiches ist nichts desto weniger überflüssig, und kann bei sehr vielen Gelegenheiten nöthig sein. Es liegt auch etwas Erhebendes darin, wenn man sieht, daß der Tempel Gottes alle profanen Gebäude rings umher an Pracht und Größe übertrifft.

Das Nichtvorhandensein von Seiten-Kapellen giebt dem Innern der Paulskirche einen edlen Ausdruck, der nur ihr allein eigen ist. Das Chor mit seinem Gitterwerk, welches die Seitenflügel zum Theil abschneidet, unterbricht zwar den Raum, und das Auge ist nicht im Stande, wie bei der Peterskirche, das ganze Innere mit einem Blick zu überschauen, wodurch diese mit ihren unermeßlichen Dimensionen zu einem unerreichten Wunderwerke wird; – aber dennoch zeigen wenige Kirchen einen so großen Transept und eine so bedeutende Kuppel. Abgesehn von den Dimensionen, – der Colonnade, des Vatikans und der Sakristei gar nicht zu erwähnen, – liegt der Unterschied des Anblicks beider Kirchen in folgenden Dingen: – wenn man die Peterskirche betritt, so übersieht man mit einem Blick das ganze Schiff von dem großen Eingange an der einen, bis zum Marmorthron des Papstes an der andern Seite; – in der Paulskirche wird der Blick durch das Gitterwerk gehemmt. In der Peterskirche findet man überall die vollendetesten Zierathen von dem reichsten Material; während die Ansprüche der Paulskirche auf Pracht nur in Form und Ausdehnung bestehen. In der Peterskirche sind alle Statuen, Monumente und andere hierher gehörige Dinge den kolossalen Verhältnissen des unermeßlichen Tempels entsprechend, denn die Cherubim von Marmor sind wahre Riesen; wo es hingegen in der Paulskirche einem jeden Bürger freisteht, seinen Freunden ein Denkmal zu setzen, welches natürlich stets ohne Berücksichtigung der Verhältnisse des Ganzen geschieht.

In manchen Einzelheiten übertrifft jedoch die Paulskirche, was Strenge und Reinheit des Stils anbelangt, sogar die große römische Basilika; aber das ist auch Alles; denn in Form, Material, und in der Vollkommenheit aller, selbst der untergeordneten Arbeiten, ist diese letztere wohl seit der Entstehung der Erde noch niemals erreicht worden. Der Paulskirche fehlt – wie allen protestantischen Kirchen – jene besondere Atmosphäre der Tempel; die Temperatur in ihr ist jedoch gemildert; im Sommer kühler und im Winter wärmer. Wenigstens hat es mir so geschienen.

Unser Besuch fiel in die Zeit der Feste, und mehr Officiale als gewöhnlich schlenderten in der Kirche umher. Wer sie waren, kann ich nicht sagen; viele von ihnen hatten jedoch das geleckte Ansehn von gut gefütterten Kutschpferden, – von Thieren, die nichts thun, als die Familie des Sonntags in die Kirche zu ziehen, und die dafür gemästet werden. Besonders war einer darunter widrig fett; er war im geistlichen Kleide, jedoch durchaus mit Unrecht; denn die Natur hatte ihn eigentlich zu einem Koch bestimmt.

 

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