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England. Erster Band

James Fenimore Cooper: England. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorJames Fenimore Cooper
titleEngland. Erster Band
publisherVerlag von Gottfr. Basse
year1837
translatorA. von Treskow
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20130918
modified20140825
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Dritter Brief.

Dem Herrn Richard Cooper Esq. in Cooperstown.

Eine Londoner Saison. – Liebe zum Reisen. – Empfehlungsbriefe. – Doppelgängigkeit. – Besuchsliste. – Unterredung mit Herrn Godwin. – Seine Meinungen. – Eine literarische Dame. – Herr Rogers. – Amerikanische Aussprache. – Haus des Herrn Rogers. – Wohnungen an den Parks. – Bibliothek des Herrn Rogers. – Der Bildhauer Chantrey.

Eine Londoner Saison dauert so lange wie die Sitzung des Parlaments, wenn nicht die Politik länger währt, als die Sucht nach Zerstreuung. Dies ist absolut richtig, da beide Häuser zuweilen ganz unerwartet zusammenberufen werden; die gewöhnlichen Verwaltungsgeschäfte des Landes beginnen jedoch bald nach Weihnachten, und ziehen sich mit einer Erholungszeit um Ostern bis zum Juni oder Juli hin. Diese Eintheilung scheint uns unnatürlich; von den wenigsten Nationalgebräuchen ist man jedoch im Stande, die Ursachen anzugeben. Die Jagd nimmt den Herbst und die ersten Wintermonate ein, und ihr folgen die Weihnachtsfeierlichkeiten; denn das Land ist während des Winters, abgesehen von seinen Vergnügungen, in England weniger wüst, als in irgend einem anderen Lande der Erde, – das Grün ist vielleicht selbst schöner als in den warmen Monaten; und London, ein höchst unangenehmer Aufenthalt vom November bis zum März, ist äußerst reizend vom April bis zum Juni.

Die Regierung befindet sich ausschließlich in den Händen der höheren Classen, und diese bewohnen einen Theil der Stadt, in welchem man die Schönheiten des Landes weit weniger vermißt, als in den meisten anderen Residenzen. Das Westende hat so viele Parkanlagen und Gärten und so viel Plätze, daß in Folge seiner geschützten Lage und der hohen Cultur die Vegetation in Westminster nicht nur früher hervorkeimt, als in den vorliegenden Feldern, sondern auch dem Auge und dem Gefühl reizender erscheint. Die Herren reiten sehr fleißig des Morgens aus, und die Damen fahren in den Parks umher, die eben so angenehm sind, wie ihre Landsitze.

Die Saison hat nach und nach immer länger gedauert, obschon Bath, Brighton, Cheltenham und andere Badeörter immer noch zu Anfange des Winters die Müßigen anziehen. Seit dem Frieden haben die Engländer nach dem Monat Juni den Continent immer sehr besucht; denn Paris, die deutschen Bäder und die Schweiz sind fast eben so leicht zu erreichen, wie ihre Güter. Man macht es für die höheren Classen in England zu einem Gegenstand des Vorwurfs, daß sie so viel im Auslande wohnen; ohne jedoch von dem theuren Leben in ihrem Vaterlande und dem gezwungenen geselligen Zustande zu reden, – zwei starke Gründe, welche eine Menge Leute zu reisen veranlassen, – so bilde ich mir ein, daß wir es eben so machen würden, wenn wir in einem so kleinen Lande zusammengedrängt wären, welches so gute Straßen hat, daß man es in achtundvierzig Stunden von einem Ende zum andern durchfliegen kann, und dem alles auswärtige Schöne so nahe liegt. Reisen schadet Niemand, und es hat den englischen Charakter auffallend verbessert.

Einige Tage nach unserer Ankunft in London fragte mich ein englischer Freund, ob mir die Belebtheit der Straßen, und besonders das Gewirr der Equipagen nicht auffielen. Da ich von Paris kam, so war dies durchaus nicht der Fall; denn während des ganzen März ist es in der französischen Hauptstadt lebhafter als in London.

Wie gewöhnlich, so kam ich auch diesmal ohne einen Empfehlungsbrief nach London. Es mag unrecht sein; doch habe ich in dieser Beziehung niemals den Widerwillen dagegen überwinden können, einen direkten Anspruch auf persönliche Höflichkeiten zu machen. Ich glaube während meines ganzen Lebens, so viel ich auch gereist bin, kaum ein halbes Dutzend Empfehlungsbriefe abgegeben zu haben. Ich bin von ihrer Nothwendigkeit vollkommen durchdrungen, wenn man nämlich bemerkt werden will; doch recht oder unrecht, ich habe es lieber vorgezogen, unbemerkt zu bleiben, als andere Leute in Anspruch zu nehmen, die man vielleicht dadurch belästigt.

Die gedankenlose und unzarte Weise, auf welche man in Amerika Empfehlungsbriefe verlangt und ertheilt, haben vielleicht meine Abneigung gegen dieselben erweckt oder befördert. Kurz vor meiner Abreise von Amerika trug sich ein kleines, mit diesen Dingen in Verbindung stehendes Ereigniß zu, das auf keine Weise meine Abneigung schwächte, mir von Fremden Höflichkeiten zu erbitten. Ich war zufällig gegenwärtig, als man sich auf eine ganz unschickliche Weise an den Sohn eines unserer Gesandten in Europa wendete, und ihn um Empfehlungsbriefe an seinen Vater bat. Ueberrascht zu sehen, daß man eine solche Bitte erfüllte, wurde mir nie gesagt, dies werde abgeschlagen; jedoch seien zwischen Vater und Sohn gewisse Zeichen verabredet, die nur auf die Empfehlungsbriefe derer gesetzt würden, welche man in der That zu recommandiren wünschte.

Diese hassenswürdige Doppelzüngigkeit war allein durch die Gewohnheiten eines Landes entstanden, dessen Bewohner so sehr geneigt sind, ihre Privilegien zu verkennen. Die Gewohnheit der Willfährigkeit führt in der Politik zur List, und in der Moral zur Verstellung. Mancher wird sagen, dieser Fall sei eine Folge der Demokratie; er schmeckt jedoch mehr nach einem aristokratischen Kunstgriff; und für einen solchen waren Vater und Sohn gemacht. Der Demokratie ist bei diesem Ereigniß kein anderer Vorwurf zu machen, als daß sie sich auf eine so plumpe Weise täuschen läßt.

Ich hatte in Paris die Bekanntschaft des Hrn. William Spencer gemacht, eines Mannes, der in England als der Verfasser von » A Year of Sorrow« »Ein Jahr des Kummers.« und von mehreren kleinern Gedichten bekannt ist. Als er meine Absicht, London zu besuchen, erfuhr, erbot er sich freiwillig, mir Empfehlungsbriefe an einen großen Kreis literarischer und fashionabler Freunde mitzugeben. Indem ich meine zurückgezogene Lebensweise vorschützte, versuchte ich, ihn dahin zu vermögen, sich die Mühe des Schreibens zu ersparen; mich nicht verstehend, beharrte er jedoch darauf, sich auf diese Weise freundlich gegen mich zu beweisen. Seiner bekannten Faulheit eingedenk, dachte ich weiter nicht mehr an diese Sache, als sich am Tage meiner Abreise dieser Herr bei mir einfand. Statt der Briefe übergab er mir eine Liste mit den Namen derjenigen seiner Bekannten, deren Umgang er mir verschaffen wollte, und ersuchte mich, nur nach meinem Eintreffen in London Karten bei ihnen abzugeben, da er seine mir versprochenen Empfehlungsbriefe selbst an diese Leute schicken wollte. Ich steckte die Liste in meine Tasche, und hielt, wie Sie sich denken können, diese Einrichtung für äußerst sonderbar. Es fanden sich auf derselben die Namen von einigen Leuten, deren Bekanntschaft ich gern gesucht, wenn die Schicklichkeit es nur gestattet hätte, unter andern die von Rogers, Campbell, Sotheby, Lord Dudley u. s. w.

Unter diesen Umständen bezog ich ruhig das Haus auf dem St. James-Platz, durchaus nichts von der sogenannten Gesellschaft erwartend, und zufrieden, von der englischen Hauptstadt so viel zu sehen, wie sich der Außenseite abgewinnen läßt, so wie meinen gewöhnlichen Beschäftigungen nachgehen zu können. Diese Einrichtung war um so weniger zu beklagen, da wir in London die unwillkommene Nachricht von dem Tode des Herrn von – vorgefunden hatten. Es war daher der Wunsch Ihrer Tante, so zurückgezogen wie möglich zu leben.

Während die Sachen auf diese Weise standen, begab ich mich eines Morgens zu einem Buchhändler, bei welchem sich die Amerikaner gewöhnlich einfinden; und man sagte mir zu meinem Erstaunen, mehrere von den Herren, deren Namen auf Spencers Liste standen, seien hier gewesen, um sich nach mir zu erkundigen. Dies sah so aus, als hätte er wirklich geschrieben; und dieser Güte von seiner Seite und einem ungeschickten Mißverständniß, nach welchem man glaubte, ich sei der Sohn eines Engländers desselben Namens und des Titels Ihres Großvaters, verdanke ich fast alle Bekanntschaften, die ich in England machte, von denen mehrere der Art waren, daß es mir unbeschreiblich leid gethan haben würde, wenn ich sie versäumt hätte.

Der erste Besuch, den ich bekam, – die des kleinen Zirkels unserer Landsleute ausgenommen, – stellte sich vierzehn Tage nach unserer Niederlassung am St. James-Platze ein. Ich war eben mit Schreiben beschäftigt und achtete nicht besonders auf den Namen, als man ihn meldete; da ich den Mann jedoch für einen Geschäftsmann hielt, befahl ich, ihn hereinzulassen. Ein kleiner alter Mann erschien im Zimmer; wir standen uns fast eine Minute gegenüber, uns nur ansehend, ohne ein Wort zu sagen, – er, wie er mir später erzählte, um irgend eine Aehnlichkeit mit meinem vermeinten Vater zu entdecken, – und ich, darüber nachdenkend, wer diese kleine Person wohl sein möchte. Sein Kopf war ziemlich kahl, und das ihm noch gebliebene Haar schneeweiß. Er hatte ein wohlwollendes Gesicht und eine frische Farbe, überhaupt war sein Kopf schön. Nachdem er mich einen Augenblick angesehen und meine Ungewißheit bemerkt hatte, sagte er ganz einfach:

»Ich bin Herr Godwin. Ich kannte Ihren Vater, als er in England lebte; und da ich hörte, daß Sie sich in London befanden, bin ich ohne Umstände gekommen, Sie zu besuchen.« Nachdem ich meine Freude ausgedrückt, seine Bekanntschaft auf irgend eine Weise gemacht zu haben, gab ich ihm zu verstehen, daß hier ein Irrthum obwalten müsse, da mein Vater niemals in England gewesen. Dies führte zu einer Erklärung; dann nahmen wir Platz, um mit einander zu plaudern. Er war sehr neugierig, etwas über amerikanische Literatur zu hören, mit der man, wie ich bald entdeckte, in England äußerst unbekannt ist. Er wünschte ganz besonders zu wissen, ob wir einen Dichter hätten.

»Ich habe etwas von Dwight, Humphrey und von Barlow gehört,« sagte er, »doch kann ich eben nicht sagen, daß nur irgend einer von ihnen mir sehr gefallen hätte.«

Ich lachte und erzählte ihm, wir hätten jetzt bessere Dichter aufzuweisen. Er bat mich, irgend etwas herzusagen, und wenn es auch nur ein einziger Vers wäre. Er hätte sich nicht leicht an einen schlechteren Declamator wenden können; denn mein Gedächtniß reicht eben hin, Thatsachen zu behalten, für welche es ziemlich treu ist; doch habe ich nie vermocht, jemals ein Citat anzuführen. Da er eine kindische Begierde zeigte, nur mindestens ein Dutzend Verse zu hören, so versuchte ich, etwas aus »Bryant,« und etwas aus »Alnwick Castle« herzusagen, welches ziemlich meinen ganzen Vorrath an Poesie erschöpfte. Die geringe Achtung, welche er vor unserer Dichtkunst bewies, ergötzte mich nicht wenig; ich las deutlich auf seinem Gesicht – »aus Amerika kann nichts Gutes kommen.«

Herr Godwin saß über eine Stunde mit mir, und während der ganzen Zeit unterhielten wir uns über Amerika, seine Aussichten, Literatur und Politik. Es war nicht möglich, trotz der liberalen Tendenz seiner Schriften zu glauben, daß er günstig für das Land gestimmt sei; denn aus allen seinen Begriffen blickte Vorurtheil, verbunden mit einigen schlauen und halb richtigen Bemerkungen hervor. Er hatte in seinem Betragen fast eine ländliche Einfachheit, die man, wie ich glaube, eben so sehr der niedrigen Sphäre, in der er gelebt hatte, als seinem Charakter zuschreiben muß; denn der Theil seines Betragens, der nicht ungeschickt war, schien nur das Ergebniß seines Verstandes zu sein, während noch genug übrig blieb, was Mangel an Lebensart verrieth. Diesen Eindruck hat er wenigstens auf mich gemacht, und nichts als meine Eindrücke theile ich Ihnen mit.

Da Herr Godwin eine lange Zeit hindurch sich eines großen Rufes erfreut hat, und die Engländer von Rang die Gewohnheit haben, literarischen Männern Aufmerksamkeit zu erweisen – (wenn gleich auf eine eigenthümliche Weise) –, so kann ich nur vermuthen, daß die Tendenz seiner Schriften, welche der Aristokratie durchaus entgegen ist, ihn um den Genuß der Vortheile brachte, die gewöhnlich mit literarischem Ruf verbunden sind.

Es würde sehr anmaßend sein, zu behaupten, bei einer Unterredung von einer halben Stunde die Tiefen eines Charakters ergründet zu haben; doch lag in dem Benehmen von Herrn Godwin etwas, das mich vollkommen von der Aufrichtigkeit seiner Philosophie und von dem redlichen Bestreben überzeugte, seinen Mitmenschen zu nützen. Mir war mehrmals während seines Besuchs zu Muthe, als müßte ich ihm seinen kahlen Kopf streicheln und zu ihm sagen – »Du bist ein guter Mann.« Ich kann mich in der That keines Menschen erinnern, der mir in einer so kurzen Zeit so vollständig den Eindruck eines Philanthropen gemacht hätte; und dies rein nach seinem Aeußern, denn er war gänzlich frei von Verstellung und Charlatanerie. Diese Meinung drang sich mir fast gegen meinen Willen auf, da sich Herr Godwin so entschieden gegen uns aussprach, daß ich ihn durchaus nicht für einen Freund halten konnte. Er hielt uns mehr für ein speculirendes als ein speculatives Volk, und dies ist kein Charakter, den ein Philosoph besonders achtet.

Obgleich ich den Besuch des Herrn Godwin nur einem Mißverständniß verdankte, so machte ich ihm doch nach einigen Tagen einen Gegenbesuch, und fand ihn unter seinen Büchern, wo er mit großer Einfachheit lebte. Bei dieser Gelegenheit zeigte er dieselben bereits erwähnten Eigenthümlichkeiten und dasselbe Mißtrauen gegen die »Zwölf Millionen.« Vielleicht hat ihm mein Vater eben keine günstige Schilderung von uns gemacht.

Wenige Tage später erhielt ich eine Einladung zu einer Abendgesellschaft, die ein literarischer Mann gab, mit welchem ich schon oberflächlich bekannt war. Bei dieser Gelegenheit sagte man mir, eine in der literarischen Welt etwas bekannte Dame wünsche mich kennen zu lernen; natürlich hatte ich nur vorzutreten und mich ihr vorstellen zu lassen.

»Ich hatte das Vergnügen, Ihren Vater zu kennen,« sagte sie, sobald ich meine Verbeugung gemacht hatte. Herrn Godwin und seinen Besuch vergessend, entgegnete ich, sie sei demnach wahrscheinlich in Amerika gewesen. Dies war nicht der Fall; sie wollte meinen Vater in England gesehen haben.

Ich sagte ihr hierauf, sie verwechsele mich mit einem Andern, da mein Vater ein Amerikaner sei, und sein Vaterland niemals verlassen habe. Dies brachte eine außerordentliche Veränderung in dem Gesicht und Betragen der Dame hervor, die von diesem Augenblick an kein Wort mehr mit mir sprach, ja mich kaum eines Blickes mehr würdigte. Da ihr erster Empfang ganz offen und verbindlich gewesen, und sie selbst die Bekanntschaft gesucht hatte, so hielt ich dies Betragen für etwas sehr entschieden. Ich kann mir die Sache nur dadurch erklären, daß ich annehme, ihre angeborne Abneigung gegen die Amerikaner habe plötzlich ihre gute Lebensart besiegt; denn die Dame konnte unmöglich glauben, daß ich mich nur vorstellte, um sie besonders zu unterhalten. Dies mag Ihnen sonderbar vorkommen; doch habe ich seit meinem Aufenthalte in Europa viele Beispiele erlebt, wo sich der Nationalhaß dieses Volkes auf eine eben so starke Weise aussprach. Ich führe diese Dinge nur an, weil sie zu sonderbaren Betrachtungen Anlaß geben.

Im Laufe derselben Woche erhielt ich durch die Aufmerksamkeit des Herrn Spencer einen abermaligen Besuch, der jedoch angenehmere Folgen hatte. Der Verfasser der » Pleasures of Memory« »Die Freuden der Erinnerung.« war auf dem St. James-Platz mein naher Nachbar, und, veranlaßt durch Herrn Spencer, suchte er mich sehr freundlich auf. Er war der erste von den Männern meiner Liste, der mir eine Visite machte, und Alles, was ich von dem innern Verkehr Londons gesehen habe, verdanke ich ihm. Er lud mich für den folgenden Morgen zu einem Frühstück ein.

Ich habe auf keinen Fall die Absicht, die vielfache Güte des Herrn Rogers dadurch zu vergelten, daß ich ihn und seine Freunde zum Gegenstand meiner Bemerkungen mache; in einem gewissen Grade muß er jedoch die Unbequemlichkeiten der Berühmtheit büßen; denn weder er, noch irgend Jemand hat das Recht, in einem so ausgesucht schönen Hause zu leben, und von Jedermann zu verlangen, den Mund darüber zu halten.

Die Entfernung von meiner Thür bis zu der des Herrn Rogers betrug nur einen Schritt, und Sie können denken, daß ich mich zur verabredeten Stunde pünktlich einstellte. Ich fand bei ihm Herrn Carey, den Uebersetzer des Dante, und seinen Sohn. Die Unterhaltung während des Frühstücks war allgemein. Als sich das Gespräch zufällig auf Amerika gelenkt hatte, erzählte unser Wirth in seiner ruhigen und besonderen Weise einige literarische Anekdoten, denen er eine gute Wendung zu geben wußte. Man fragte mich, ob der Accent der Amerikaner sehr von dem der Engländer abweiche. Ich sagte, dies sei nicht so sehr der Fall in den Worten und in der Aussprache, als in der Betonung und Bedeutung gewisser Ausdrücke; trotz dem aber erklärte ich, nach einer Unterhaltung von fünf Minuten sogleich einen Engländer von einem Amerikaner unterscheiden zu können. Die beiden ältesten der anwesenden Herren bekannten sich außer Stand, in meiner Art und Weise zu sprechen, irgend etwas herauszufinden, wonach man mich für einen Fremden halten könnte; der junge Herr dachte jedoch anders. Er glaubte etwas Besonderes, etwas Provinzielles – er wußte selbst eigentlich nicht zu sagen was, in meiner Sprache zu finden. Ich hätte es ihm leicht sagen können – er vermißte etwas Londonsches.

Der junge Mann hatte jedoch in der Hauptsache Recht; denn ich hörte sehr wohl, daß meine drei Gefährten keine Amerikaner waren; und eben so konnten sie heraushören, daß ich nicht zu ihrem Stamme gehörte. Der Unterschied in der Aussprache zwischen Herrn Rogers und Carey und unsern Leuten von Erziehung aus den Mittelstaaten ließ sich – es ist wahr – kaum bemerken, oder erforderte, um bemerkt zu werden, ein feines Ohr und eine genaue Bekanntschaft mit neuen Ländern; der junge Mann konnte jedoch keinen Satz aussprechen, ohne seine Abkunft zu verrathen.

Herr Rogers hatte die Güte, mir nach dem Frühstück das Innere seines Hauses zu zeigen. Es befindet sich am oberen Ende des Platzes, und bildet mit meinem Hause einen rechten Winkel; seine hinteren Fenster gehen nach dem Green-Park hinaus. In jedem Lande, wo die Leute mit Genuß zu leben verstehen, ist es eine Hauptsache, sich eine Wohnung zu verschaffen, die dem Lärm und dem Geräusch einer großen lebhaften Straße fern liegt. Wer intellectuelle Hülfsquellen und geistige Beschäftigungen hat, die ihre Zuflucht und Genuß gewähren, sehnt sich gewiß nicht nach der Aussicht auf die Straße; und ich nehme es stets für ein günstiges Zeichen, wenn sich die höheren Classen eines Volkes zurückziehen. Man kann es wohl begreiflich finden, daß sich ein Kaufmann in eine gute Gegend wünscht; aber hier ist nur die Rede von Leuten von Bildung und Geschmack.

Auf dieser Seite des Green-Parks ist keine Straße zwischen den Häusern und dem Felde; sondern die Häuser haben kleine Gärten zwischen sich und dem Park. Natürlich liegen die Fenster aller guten Zimmer nach diesem hinaus. Der Green-Park und der St. James-Park bilden eigentlich nur einen einzigen Raum, der nur durch einen Zaun in zwei Theile getheilt wird. Der Green-Park ist nichts als ein großer Rasenplatz mit unregelmäßigen Baumgruppen, aber ohne Fahrwege. Natürlich winden sich Fußpfade hindurch, hier und dort sieht man Kühe weiden, und wenn der Tag schön ist, trifft man eine Menge Ammen mit kleinen Kindern. An einer Seite befindet sich ein Haus und ein Garten für den Forstmeister; und das Gesträuch und die Blumen dieses Gartens, so wie die der bereits erwähnten kleinen Privatgärten tragen dazu bei, ihm das Ansehen der Mannichfaltigkeit zu geben. Ich glaube, der Green-Park wird sechzig bis achtzig Acres enthalten, während der St. James-Park bedeutend größer ist. An der einen Seite öffnet sich der Green-Park nach der Piccadilly, an der andern wird er durch einen Fahrweg des St. James-Parks begrenzt, die dritte hängt mit diesem Park zusammen, und die vierte ist die, an welcher das Haus von Herrn Rogers steht.

Es überrascht mich nicht, zu erfahren, daß die Wohnungen, welche an diesen beiden Parks liegen – denn mehr als die Hälfte des James-Parks ist von solchen umgeben, – zu den gesuchtesten in ganz London gehören. Sie liegen in der Nähe aller öffentlichen Gebäude, – nahe dem Hofe, den Clubs und den Theatern, – und demnach sind sie ruhiger als alle anderen. Es führen gewöhnlich ruhige Straßen oder nur abgeschlossene Plätze zu ihnen, während ihre Fenster eine schöne, ländliche Scene, untermischt mit den herrlichsten Bauwerken der Residenz, übersehen. An der Seite des Green-Parks liegt der Sitz von Sir Francis Burdett, ferner liegen hier Spencer-House, Bridgewater-House, so berühmt durch seine Gemälde, und viele andere; während ein edler neuer Palast an dem Punkte steht, wo sich beide Parks vereinigen, der für den Herzog von York, den damaligen präsumtiven Thronerben, erbaut wurde.

Das Haus des Herrn Rogers ist ein Meisterstück von einem Etablissement für einen Unverheiratheten. Er erzählte mir, es nehme einen Theil des Grundstückes ein, wo die Wohnung eines früheren Herzogs von St. Albans gestanden; und es ist so wohl proportionirt, daß ich es für viel größer hielt, als seine Maße nach Fuß und Zoll eigentlich angeben. Seine Länge kann kaum mehr als achtzehn Soll wohl achtzig heißen. Fuß betragen, während seine Tiefe kaum fünfzig Fuß übersteigt. Das Haus, in welchem wir wohnen, ist noch kleiner; überhaupt zeichnet sich der größte Theil der Stadthäuser eben nicht durch Größe aus. Die Durchschnittsgröße der gesuchtesten Logirgröße ist vielleicht noch geringer, als die der Wohnung des Herrn Rogers.

Das Wohn- und Eßzimmer dieses Herrn sind mit Gemälden, hauptsächlich von alten Meistern, geziert, von denen mehrere die Studien zu größeren Werken sind. Seine Bibliothek enthält die kostbarsten Werke; Curiositäten, die hauptsächlich mit der Literatur, Kunst und Geschichte in Verbindung stehen, findet man durch das ganze Haus zerstreut, und selbst Reliquien ägyptischer Sculptur trifft man in dieser geschmackvollen Wohnung. Unter andern Dingen dieser Art besitzt er den Buchhändler-Contract zum Verkauf des »verlornen Paradieses,« für welches Werk der Buchhändler, wie ich glaube, nur fünfundzwanzig Pfund gegeben hat. Man wundert sich gewöhnlich über dieses billige Honorar; es ist jedoch die Frage, ob irgend einer der jetzigen Buchhändler von London so viel dafür geben möchte.

Die kleinen, mit diesen Seltenheiten verbundenen Umstände interessirten mich sehr. In dem Wohnzimmer steht eine kostbare antike Vase auf einem schönen, in Holz geschnitzten Piedestal. Chantrey war bei dem Dichter zu Mittag, als sich eine Gruppe vor der Vase versammelte, um sie zu betrachten.

»Wissen Sie, von wem diese Holzschnitzerei ist?« fragte der Bildhauer, indem er seine Hand auf das Piedestal legte.

Herr Rogers nannte den Bildschnitzer, bei dem er es bestellt hatte.

»Ja ja, er handelte damit, aber ich machte die Arbeit.« Er war damals in der Lehre bei diesem Holzschnitzer.

 

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