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England. Erster Band

James Fenimore Cooper: England. Erster Band - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
authorJames Fenimore Cooper
titleEngland. Erster Band
publisherVerlag von Gottfr. Basse
year1837
translatorA. von Treskow
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20130918
modified20140825
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Zwölfter Brief.

Herrn William Jay, Esquire. Bedford in Neu-York.

Das Haus der Lords. – Deputirten-Kammer. – Marquis von Salisbury. – Parlament von England. – Der König und das Parlament. – Pairs und Gemeine. – Oeffentliche Meinung. – Die Kaufleute. – Die Presse. – Die Kirche. – Englische Aristokratie. – Herr Brougham.

Obgleich ich zu wiederholten Malen in der St. Stephens-Kapelle gewesen bin, so war ich doch immer noch nicht in das Haus der Lords gelangt. Endlich habe ich indeß mit einem meiner Bekannten, der jetzt in Europa reist, einen Besuch in diesem Hospital der Unheilbaren abgestattet. Mehrere Mitglieder aus diesem Hause hatten sich früher schon erboten, mir die Erlaubniß zum Eintritt auszuwirken; doch war dies stets auf eine Weise geschehen, welche diese Höflichkeit eher zu allem Andern als zu einer Gunst machte. Es ist ein großer Fehler im Charakter der Engländer, daß sie es bei jeder Höflichkeit, die sie einem Fremden erweisen, stets so zu drehen wissen, als hätte man sich von ihnen eine Gunst erbeten Der Verfasser hatte später in Italien einen lächerlichen Beleg zu dieser Behauptung. Die Frau eines englischen Gesandten gab nämlich einen großen Ball, und man bat von allen Seiten um Billets zu demselben. Da die Stadt nur klein war, so machte diese Gesellschaft großes Aufsehen, und Jedermann sprach davon. Es gehörte eben von Seiten der Familie des Verfassers keine große Ueberwindung dazu, nicht um Billets zu bitten, sondern die Achtung vor sich selbst zu bewahren. Man begann endlich zu fragen, ob wir mit Billets versehen wären. Um acht Uhr Abends erhielten wir an dem Tage der Gesellschaft – also kaum eine Stunde vor derselben – die wichtigen Billets, ohne darum gebeten zu haben, und gingen natürlich nicht hin..

Dies findet auch Anwendung auf meinen Besuch des Hauses der Gemeinen. Man hatte mir nämlich zu verschiedenen Malen Billets zur Galerie angeboten, doch nur ein einziges Mal auf eine Weise, daß ich mich durch die Annahme derselben nicht erniedrigt fühlte. Diese Ausnahme war eine Aufmerksamkeit, die mir so wohl that, daß ich mich ihrer noch mit Vergnügen erinnere.

Da ich in der Absicht schreibe, die National-Sitten mit einander zu vergleichen, so will ich etwas erzählen, was sich kürzlich in Paris zutrug. Eine Gesellschaft von reisenden Amerikanern stellte sich bei der Thür des Saales ein, wo sich die Deputirten versammeln; und in Ermangelung anderer Mittel, in den Saal zu gelangen, schritten sie zu der gewagten Maßregel, ihre Karten an den Präsidenten zu schicken, und ihn um Einlaß zu bitten. Unmittelbar darauf wurden ihnen sehr bequeme Plätze angewiesen. Ich will eben nicht sagen, daß ich es eben so machen würde; doch ist es unmöglich, nicht die Höflichkeit zu bewundern, mit welcher man hier den Mißgriff übersah.

Es giebt Leute, welche sich an den Thüren der beiden Parlamentshäuser aufhalten, um den Fremden den Weg in dieselben zu zeigen; denn man kann nur durch Bestechung in die St. Stephens-Kapelle gelangen. Wir schlossen mit einem Manne an der Außenthür einen Contract ab, nach welchem er uns für drei Schilling die Person sicher in das Haus der Lords führen wollte. Der Gauner brachte uns nicht weiter als bis zur ersten inneren Thür, wo er uns einem anderen Manne übergab, indem er noch ganz kaltblütig einen Schilling für seine Mühe verlangte. Unser neuer Führer geleitete uns zwei bis drei Thüren weiter, bis wir den Ort erreichten, wo die Eintrittskarten regelmäßig verkauft werden. Wir mußten auch ihm einen Schilling für seine Mühe geben, und bezahlten jetzt erst den Preis für das Eintritts-Billet.

Ich bin weit davon entfernt, mich darüber zu beklagen, daß man sich den Eintritt bezahlen läßt; der Preis ist jedoch zu hoch. Die Mitglieder können die Erlaubniß zum Eintritt ertheilen, wie Sie wissen; die Entrichtung der halben Krone mag jedoch Manchen von dem Besuch des Hauses abhalten. Der gesetzgebende Körper, welcher nicht die Macht hätte, den Sitzungssaal einmal vom Publicum säubern zu lassen, würde verächtlich sein. Die Oeffentlichkeit des Congresses wird nur durch seine Journale befohlen, die Zulassung eines Fremden ist jedoch immer nur eine Begünstigung. In der Hauptsache findet das Verfahren des Congresses und des Parlaments nach denselben Grundsätzen statt, einen Hauptunterschied abgerechnet. Im Congreß werden die Stimmen öffentlich abgegeben, im Parlament nicht.

Sie wissen bereits, daß die Halle des Hauses der Lords in drei Felder getheilt ist, nämlich in das um den Thron, in das für die Pairs, und in das für das Publicum. Das letztere, welches man den Raum » unter der Barre« nennt, kann vielleicht dreihundert Personen enthalten, die stehen müssen. Es sind keine Sitze in demselben angebracht, und selbst die Berichterstatter müssen auf ihren Knieen oder auf der Erde sitzend schreiben. Zum Glück ist in der Regel nur wenig zu berichten Diese Einrichtung wurde später geändert.. Um den Feuerherd ist ein kleiner freier Platz, der für Niemand zu sein scheint. Die Mitglieder des Hauses der Gemeinen stehen in der Regel um den Thron. Herr Wortley, ein Mann, den ich in Amerika gesehen hatte, stand an diesem Abende auf den Stufen des Thrones, während sein Vater, der Lord Wharncliffe, eine Rede hielt.

Wir fanden ein wenig besuchtes Haus, und viel Raum » unterhalb der Barre.« Der Herzog von Wellington saß auf der Ministerial-Bank; und nicht weit von ihm erblickte ich den Bischof mit seinen leinenen Aermeln, dessen Bekanntschaft ich beim Diner gemacht hatte. Mit dieser Ausnahme sah ich, außer dem Kanzler und den anderen Beamten des Hauses, kein Mitglied, welches nicht seinen gewöhnlichen Anzug angehabt hätte. Sie hatten alle ihre Hüte auf, bis auf den Bischof und den Kanzler, die große Perücken trugen. Der Letztere sah wie ein Müller aus, der den Kopf durch den Rock seiner Frau gesteckt hat. Der Bischof war sehr unruhig, und schien durchaus nicht am rechten Platze zu sein.

Lord Lansdowne, Lord Grey und Lord Holland befanden sich alle gegenwärtig, aber nur der erstere sprach einige Minuten. Als wir das Haus betraten, waren kaum zwanzig Pairs auf ihren Plätzen; später verdoppelte sich diese Anzahl jedoch. Die zwanzig Pairs waren alle um den Tisch gruppirt, und ihre Sitzung glich mehr einer gewöhnlichen Gesellschaft. Der Marquis von Salisbury, ein Abkömmling Burleigh's, war eben aufgestanden, als wir eintraten, und sprach über einen Punkt des Jagdgesetzes. Ich glaube nicht, daß sein großer Vorfahr halb so viel von diesem Gegenstande gewußt haben mag. Der Ton war conversationsmäßig und ruhig; und im Ganzen habe ich niemals eine öffentliche Versammlung gesehen, die so wenig das Aussehen einer solchen hatte. Ich konnte mich der Idee eines Familienrathes nicht entschlagen, der sich versammelt hatte, um sich auf eine ganz vertrauliche Weise über gewisse Interessen zu besprechen, während die Mitglieder des Hauses, welche zuhörten, den Kindern der Familie glichen, die durch ihre Jugend noch vom Mitsprechen ausgeschlossen wurden.

Obgleich man sonst das Wort » Mylord« nur selten in der Welt hört, so wurde es doch hier sehr häufig ausgesprochen, aber man sagte statt dessen auf eine affectirte Weise » Mylurd.« Lord Salisbury schien eine Kenntniß von dem Gegenstande zu haben, um welchen es sich handelte, der jedoch kaum wichtig genug war, um die Zeit eines Pairs von Groß-England in Anspruch zu nehmen. Ich meine damit nicht, die Jagd sei überhaupt nicht der Erwähnung werth, sondern ich will nur sagen, daß sich eine Autorität von geringerem Range, vielleicht die Localbehörden, darum bekümmern sollten, und zwar deßhalb, weil das, was für die eine Gegend paßt, nicht auch immer auf jede andere anwendbar sein möchte.

Sie wissen vielleicht nicht, daß nach einem bereits bestehenden Gesetz in ganz England kein Wild verkauft werden darf. Kürzlich war meine Frau krank, und ersuchte die Wirthin, ihr etwas wildes Geflügel holen zu lassen; die gute Frau hob ihre Hände empor, und erklärte, es sei unmöglich, dergleichen zu erhalten, da eine gesetzliche Strafe von fünfzig Pfund auf das Kaufen oder Verkaufen stehe. Das Gesetz wird jedoch umgangen; denn man soll in London fortwährend Hasen unter dem Namen von » Löwen« verkaufen.

Ich erinnere mich, wie sich einst bei einer Reise auf unsern Grenzen ein Gastwirth bei mir entschuldigte, daß er nichts habe, was er mir vorsetzen könne, denn in seinem Hause befände sich nur Wildpret und wildes Geflügel. Ich fragte ihn, was er mehr verlange. Er wußte es nicht, antwortete mir jedoch: »Der Herr ist vielleicht an Schweinefleisch gewöhnt.« So abgeschmackt dies scheinen mag, so erinnere ich mich doch, daß ich mir, nachdem ich eine Zeit lang an den großen Seen gedient hatte, Schweinefleisch und Rüben als ein Festmahl bestellte. Unsere physischen Genüsse sind mehr Sache der Gewohnheit, während die intellectuellen auf Felsen basirt sind. Die übelste Tendenz, die wir haben, ist die Begierde nach Geld, welches wir nach der Erwerbung hauptsächlich in Essen und Trinken verthun.

Lord Carnarvon sagte einige Worte, und Lord Wharncliffe hielt eine Rede; doch geschah dies Alles nur im Conversationston. Die Pairs wenden sich nicht an den Kanzler, wenn sie reden, sondern an ihre Collegen; und daher rührt die beständige Anwendung des Wortes » Mylord.« Der Kanzler hat keinen Platz an dem einen Ende des Raumes, wie der Sprecher, sondern er sitzt auf seinem Wollsack dem Tische bedeutend näher.

Ich würde die Mitglieder des Hauses nicht gekannt haben, hätte nicht ein handwerksmäßig aussehender Mann neben mir gestanden, der unter den Pairs gut Bescheid zu wissen schien, und gekommen war, einem Freunde vom Lande, die Löwen zu zeigen. Die Bemerkungen dieses Mannes unterhielten mich sehr; sie waren ein sonderbares Gemisch von der gewöhnlichen englischen Hochachtung vor Rang und Geburt, und von natürlicher Kritik. »Dies ist Lord L–,« sagte er, »und er sieht wie ein Zimmergesell aus.« Sein Freund hatte jedoch viel zu viel Ehrfurcht vor einem Lord, als daß diese Bemerkung ihm viel Vergnügen gemacht hätte.

Ich täuschte mich etwas in Bezug auf die äußere Erscheinung der Pairs, die in dieser Beziehung durchaus keine würdige Repräsentanten des englischen Adels sind. Vielleicht habe ich niemals eine hinreichend große Anzahl bei einander gesehen, um ein richtiges Urtheil zu fällen. Ein Lord A., den ich in Paris traf, erzählte mir, sein Vater habe sich die Mühe gegeben, bei dem Verhör der Königin die Zöpfe der Lords zu zählen, und mehr als hundert gefunden. Daß dieser gesetzgebende Körper in gewissen Hauptsachen noch sehr hinter der Zeit zurück ist, habe ich wohl gewußt; daß dies aber auch noch mit solchen Kleinigkeiten der Fall, hätte ich nicht geglaubt.

Die Pairs von Großbritannien sind im eigentlichsten Sinne des Worts Usurpatoren; das Ansehen, welches sie haben, und die Macht, mit der sie es behaupten, sind weder die Resultate einer freien Eroberung, noch einer gesetzlichen Uebertragung; sondern sie haben sich dieselben unter dem falschen Vorwande, die Freiheit zu schützen, angemaßt. Sie waren die Haupt- und zu Zeiten die natürlichen Agenten der Nation, welche sie von der Tyrannei der Stuarts befreiten; von ihrer Stellung jedoch Vortheil ziehend, haben sie die Institutionen nach und nach verdreht, und zur Vergrößerung ihrer Macht umgewandelt. Dies ist in der Hauptsache die Geschichte aller Aristokratien, die damit anfangen, die Macht eines Despoten zu brechen, und damit enden, ihre eigene an die Stelle zu setzen.

In der Theorie der britischen Regierung befindet sich ein großer Fehler, dies ist die Annahme von drei Ständen mit gleicher gesetzgebender Gewalt. Eine solche Zusammensetzung des politischen Körpers ist moralisch unmöglich. Auf jeden Fall würden sich zwei vereinigen, um den dritten zu unterdrücken, und diese würden sich dann wieder um die Frucht des Sieges streiten. Die Art und Weise, wie sich das Volk früher in England seine Rechte erwarb, zeigt ganz deutlich, daß an nichts der Art bei der Zusammensetzung der Regierung gedacht wurde. Die Flecken und Städte entstanden durch einen königlichen Erlaß. Selbst die Pairs wurden durch den königlichen Willen ernannt, und waren anfänglich nur seine Kreaturen. Im Verlauf der Zeit wurden die Diener für ihre Herren zu mächtig. Sie setzten unter dem Scheine des Rechts eine Dynastie ab, und eine andere ein; und seit der Zeit ist ihre Macht stets im Wachsen geblieben. Das Parlament ist unumschränkt geworden, und durch die Einführung der Doctrine von der ministeriellen Verantwortlichkeit hat es so viel Herrschaft über die executive Gewalt bekommen, daß es auch über diese ganz nach Belieben gebietet.

Ein Engländer giebt sehr gern zu, der Präsident der Vereinigten Staaten habe mehr Macht als der König von England. Er bildet sich ein, darin bestehe die größere Freiheit seines Vaterlandes. Er hat der Sache nach Recht, aber der Folge nach Unrecht. Die Regierung der Vereinigten Staaten macht keinen Anspruch auf eine Dreieinigkeit in ihren Elementen, doch spricht sich dieselbe in ihren Handlungen aus; die Regierung von Großbritannien macht Anspruch darauf in ihren Elementen, und in ihren Handlungen spricht sich nur die Einigkeit aus. Der Präsident hat mehr wirkliche Gewalt als der König, weil er wirklich die Macht handhabt, welche die Constitution ihm zuerkennt; und der König hat weniger Autorität als der Präsident, weil er nicht die Macht handhabt, die ihm von der Constitution zugesprochen wird.

Wenn der König von England ein Ministerium ernennen wollte, welches dem Parlament nicht gefiele, so würde es sich nicht eine Woche nach dem Zusammentritt des Parlaments halten. Wenn die beiden Parlamentshäuser aus Leuten mit verschiedenen Interessen, oder nur von verschiedenen geselligen Elementen beständen, so würde doch eine Art von Gleichgewicht in der Zusammensetzung des Staates stattfinden; dies ist aber durchaus nicht der Fall. Die Pairs haben im Lande ein so bedeutendes politisches Uebergewicht, daß sie, was die Staatsinteressen anbelangt, eigentlich beide Häuser beherrschen. Fände dies nicht statt, so würde der Regierung die Harmonie fehlen; denn wo in einem Staate gesonderte Körper von gleicher Macht existiren, da muß nothwendig einer den andern beherrschen, oder alle müssen heimlich nach demselben indirecten Einfluß handeln. Die Pairs von England und das Haus der Gemeinen sind also eigentlich nur zwei Benennungen für eine und dieselbe Sache.

Indem ich die Liste der Namen von den Mitgliedern des Hauses der Gemeinen durchlaufe, sehe ich hundert und sechzig mit Titeln, welche andeuten, daß sie die Söhne von Pairs sind; und wenn man sich der Ausdehnung und des Einflusses der Verbindungen unter diesen Familien erinnert, so kann man wohl dreist behaupten, daß über die Hälfte der Mitglieder des Hauses der Gemeinen mit dem der Lords durch die Bande des Bluts verknüpft sind Selbst in dem Parlament von 1832 sehe ich nicht weniger als vierundsiebzig ältere Söhne von Pairs im Hause der Gemeinen. Unter ihnen befinden sich die Lords Surrey, Tavistock, Worcester, Douro, Graham, Mandeville und Chandos, lauter älteste Söhne von Herzögen..

Aber die Regierung hat eigentlich nicht eine Geburtsaristokratie, sondern eine, die sich auf Landbesitz basirt. Unter den Mitgliedern des Hauses der Gemeinen befinden sich vierundsiebzig Baronets, die gewöhnlich sehr große Ländereien besitzen. Wenn wir die ganze Liste nehmen, so finden wir kaum hundert Namen heraus, die nicht gänzlich mit dem Hause der Lords harmonirten. So lange beide Parlamentshäuser doch nur für dieselben Interessen handeln, ist es sehr gleichgültig, ob man durch Geburt oder Wahl in dieselben gelangt.

Die Aristokratie von England wird weniger durch eine Bemühung von Seiten des Staates in Zaum gehalten, als durch die extra-constitutionelle Macht der Volksmeinung. Dies ist ein vierter Stand in England, und vielleicht in jedem Staat, der heut zu Tage mächtiger wirkt als geschriebene Statuten.

Die öffentliche Meinung hat den größten Theil des Despotismus in Europa überwunden. Da dieselbe immer den Stempel der moralischen Civilisation eines Volkes tragen wird, so steht es mit den Engländern in dieser Beziehung besser, als mit den meisten ihrer Nachbarn; und wahrscheinlich ist dies der Grund, warum seine Aristokratie das Land nicht noch mehr unterdrückt hat, wie dies bereits geschehen.

Das Uebergewicht der englischen Aristokratie wird jetzt häufig von allen Seiten beleuchtet, und ich habe oft in Privatunterhaltungen sehr scharf darüber urtheilen hören. Es giebt meiner Ansicht nach drei Dinge, welche bald eine große Veränderung in dem englischen Systeme hervorbringen werden. Indem man den Plan durchgeführt hat, das Haus der Gemeinen durch die Pairs zu beherrschen, sind einzelne Individuen zu mächtig geworden. Der Einfluß und die Macht sind in zu wenig Hände gerathen, und diejenigen, welche bereits viel Macht besitzen, möchten sie gern ganz in Händen haben. Dies ist ein Uebel; und ich glaube nicht, daß sich die Reform, wenn sie einmal eingetreten ist, mit der Abstellung dieses einen begnügen wird.

Aber es giebt noch einen weit mächtigeren Feind der gegenwärtigen Ordnung der Dinge. Das System der englischen Regierung basirt sich auf Grundbesitz; denn mit einem Könige ohne Ansehn würde die Gewalt der Lords, wenn die Gemeinen sie nicht unterstützten, in der gegenwärtigen Zeit nicht einen Strohhalm werth sein. In den letzten fünfzig Jahren hat sich eine furchtbare Geldmacht ausgebildet, die man bisher in diesem Lande nicht kannte. In dem verflossenen Jahrhundert wurden Individuen reich, wo es jetzt ganze Classen werden; und wenn sonst die Aristokratie die Reichgewordenen absorbirte, so ist sie jetzt in Gefahr, von diesen absorbirt zu werden.

Es liegt nicht in der Natur des Menschen, daß eine Classe, die reich ist, nicht auch den Wunsch hegen sollte, an der Macht Theil zu haben. Wenn nicht ein natürlicher Haß zwischen dem Handelsstande und der Demokratie stattfände, so würden die Kaufleute und Manufacturisten mit dem Volke gemeinschaftliche Sache machen, und das Regierungssystem auf der Stelle ändern. Aber die Reichen fürchten die Revolutionen, die englische Staatschuld hält sie im Zaum; und die handeltreibende Classe verachtet am meisten die Rechte des Volkes; sie bildet in sich selbst eine Geld-Aristokratie. Wenn die Stunde aber schlagen sollte, so wird man sie dennoch dafür kämpfen sehen, dem Gelde sein Recht zu verschaffen.

Die dritte Gefahr entsteht aus den Fictionen des Regierungssystems. Keine Gewalt der Erde vermag den Angriffen der Vernunft zu widerstehen, wenn sie ihnen fortwährend ausgesetzt ist. Freiheit der Presse verträgt sich nicht mit Exclusion in der Politik, wenigstens nicht mit einer Exclusion, welche die Mehrzahl ausschließt.

Während nun die Aristokratie fortwährend und in aller Stille ihr Netz über England zusammengezogen hat, ist dies immer hinter dem Deckmantel der Monarchie geschehen. Es war ein Verbrechen, vom Könige schlecht zu sprechen, während es keins war, es von der Aristokratie zu thun. Das Gesetz beschützt eine Fiction, während es die Sache selbst übersah. Zu einem Wechsel ist es zu spät. Da die Presse Gleichgültigkeit gegen eine Macht bewies, die eigentlich nur eine Ohnmacht ist, so gestattete man ihr, selbst gegen den Thron zu schreiben; und England würde bestimmt kein Gesetz dulden, welches ihm das Privilegium nehmen wollte, seine Aristokratie zu kritisiren. Der Sinn des Publicums scheint in dieser Beziehung unter dem Einfluß einer Reaction zu stehen. Die französische Revolution machte die englische Regierung so eifersüchtig, daß unter Pitt die größten Vorsichtsmaßregeln gegen Aufstände getroffen wurden; und jetzt, da die Gefahr vorüber, ist eine große Sorglosigkeit eingetreten.

Die Kirche wird mehr thun, das gegenwärtige System aufrecht zu halten, als die Aristokratie; obgleich die Folgen des Einflusses der Kirche zwei Seiten haben. Sie erhält und schwächt die Regierung durch Meinungsverschiedenheit. Sie erhält dieselbe, indem sie die Vorurtheile der Geistlichen für sich gewinnt, – und sie schwächt dieselbe, indem sie große Massen in die Opposition versetzt. Im Ganzen trägt sie jedoch sehr zur Aufrechthaltung des gegenwärtigen Standes der Dinge bei. Einer der ausgezeichnetsten Staatsmänner dieses Landes sagte kürzlich zu mir, wir genössen des großen Vortheils, keine herrschende Kirche zu besitzen. Ich glaube, er wollte damit sagen, die herrschende Kirche von England sei ein Mühlstein am Halse der Reform.

Jemand, der den Charakter der englischen Aristokratie nach Schlüssen beurtheilen wollte, die er aus dem politischen System und aus der Geschichte gezogen, würde zu keiner richtigen Ansicht gelangen als derjenige, welcher den Zustand der Demokratie in Amerika nach den griechischen und italienischen Republiken beurtheilte. Dennoch findet sich manches Tüchtige und Aussöhnende in dem englischen Regierungssystem, wie z. B. die Oeffentlichkeit des Tadels, die rein daher rührt, daß man die Regierung für eine Monarchie hält, welches sie der That nach durchaus nicht ist. Während dieser Tadel die Machthaber allen Angriffen preisgiebt, und vielleicht endlich ihren Ruin veranlassen wird, so warnt er sie doch vor Gefahr und vor noch ärgeren Eingriffen.

Die Kasten sind sich in allen Ländern gleich; eine jede hat die Laster und Tugenden ihres Standes; und wenn Reichthum zum mäßigen Lebensgenuß führt, so führt er auch zu den höheren geistigen Vergnügungen, die eben so viel gegen alle Mängel wirken, wie jegliches Predigen dagegen. Natürlich mißbrauchen einzelne Individuen ihre Privilegien, und Andere gewinnen durch ihre Unbedeutsamkeit; – auch giebt es unter dem englischen Adel manche Lasterhafte; – doch bildet er im Ganzen eine äußerlich eben so decente und moralische Classe als irgend eine im Königreich.

Wir verkennen den Charakter der Aristokratie eben so sehr, wie diese den der Demokratie. Beide sind bedeutend durch den Geist der Zeit temperirt. Die Gewohnheit, nach weltlichen Rücksichten zu heirathen, führt unter den Engländerinnen mehr Scheidungen herbei, als sonst vorfallen würden; dennoch aber sind sie in dieser Beziehung bestimmt besser, als viele europäische Nationen. Ausgemacht ist, daß unter dem englischen Adel stets mehr Scheidungen vorfallen, als unter einer gleichen Anzahl anderer Protestanten. Auch sind die Scheidungen a mensa et thoro verhältnismäßig sehr zahlreich.

Ich bin von Anfang bis zu Ende mit vielen Personen vom hohen Adel in persönliche Berührung gekommen; ich habe sie fast alle wohlerzogen, artig und zu gefallen bemüht gefunden. Sie besitzen gewisse conventionelle Kenntnisse, die zu ihrer besondern geselligen Stellung gehören, und die man bei Allen ziemlich gleichmäßig antrifft. Ich möchte sie mit dem angebornen Geschmack und Takt vergleichen, durch welche sich die Kinder des Adels von denjenigen unterscheiden, die zwar eben so gut erzogen worden sind, jedoch den Vortheil der Association nicht gehabt haben, der sie oft gesellig und angenehm macht, wenn auch sonst nicht viel unter der Oberfläche verborgen ist. Nach einem strengen Maßstabe beurtheilt gleichen sie nur eben allen andern Leuten von Erziehung; ihr fortwährender Umgang mit den höchsten Classen einer durch Gelehrsamkeit und Geschmack ausgezeichneten Nation giebt ihnen jedoch einen Anstrich von Bildung, der sie gleichsam über den gewöhnlichen Standpunkt der Intelligenz erhebt. Von allen, mit denen ich mich unterhalten habe, hat nicht ein Einziger den Eindruck eines Dummkopfes auf mich gemacht, was mir jedoch in unsern Zirkeln so häufig vorgekommen ist. Auf der andern Seite kann ich kaum ein halbes Dutzend Edelleute erwähnen, die mir den Eindruck von Männern mit außergewöhnlichem Talent gemacht hätten.

Lord Grey hat unter den Pairs eines der männlichsten und kräftigsten Gemüther; und wenn Lord Stanley jemals ins Oberhaus gelangt, so wird er wahrscheinlich beweisen, daß er den schärfsten Verstand besitzt.

Die Engländer scheinen mir in ihren Reden einen Fehler zu hegen, den man auch in ihrer Literatur und ihren Manieren findet. Das unablässige Studium der römischen Classiker hat ihnen einen Geschmack für eine Strenge des Stils und Betragens eingeflößt, die sich besser für die gedrängte Ausdrucksweise der Alten, als für unsern Sprachreichthum paßt. Aus dieser oder irgend einer andern Ursach treiben sie die Einfachheit bis zur Affectation, oder bis zur Kälte, wenn sie unbewußt handeln sollten. Der Parlaments-Beredtsamkeit fehlt durchaus die nöthige Wärme, um das Mitgefühl zu erwecken. Im Hause der Lords wird Alles nur conversationsmäßig verhandelt; die Pairs scheinen sich zu fürchten, in den rednerischen Ton zu fallen, um nicht für Leute vom Fach gehalten zu werden.

Der englische Edelmann steht jedoch beständig höher, als die affectirte gedrillte Classe von Automaten, die eine besondere Schule bilden. Er scheint etwas von dem angenehmen Ton der feineren Gesellschaft des Continents angenommen zu haben. In dieser Beziehung sind die Männer besser als die Frauen, wie unsere Frauen besser sein sollen als die Männer. Ich glaube, man würde nur wenige Engländerinnen graziös nennen, während die Engländer von Stand öfter liebenswürdig genannt zu werden verdienen, als man es thut. Ich habe oft Engländerinnen mit einem gewinnenden Aeußern getroffen; aber es hat mir geschienen, als wäre ihr Betragen stets die Folge ihrer Gesinnungen gewesen.

Einige Tage nach meinem ersten Besuch begab ich mich abermals in das Haus der Lords, um Hrn. Brougham zu hören, der eine Appellations-Rede hielt. Ich fand nur zwei Pairs gegenwärtig, – den Kanzler und Lord Carnarvon, wie ich glaube. Der Erstere saß wie gewöhnlich in Flachs vergraben auf seinem Wollsack, und der Letztere auf einer der letzten Bänke mit dem Hut auf dem Kopf. Herr Brougham appellirte gegen eine Entscheidung des Kanzlers, der bestimmt hatte, daß ein Vater nicht die Vormundschaft über seinen Sohn führen solle. Die ganze Sitzung nahm sich äußerst sonderbar aus, obgleich die Ueberlegung das Abgeschmackte derselben etwas minderte. Da von dem Kanzler oder gegen seine Entscheidung appellirt wurde, so war er eigentlich nicht derjenige, welcher jetzt den Vorsitz hatte. Herr Brougham sprach mehrere Stunden; und es mußte ihm unangenehm sein, eine Sache noch einmal vom Anfang bis zu Ende durchzusprechen, die dem Kanzler längst bekannt war. Die Abwesenheit der Lords bei solchen Gelegenheiten schadet eigentlich der Sache nichts; die meisten haben sie in ihren Wohnungen bereits durchgelesen, und sind, wenn es zum Spruch kommt, dennoch wohl davon unterrichtet. Die Sitzung war daher nur der Form, aber nicht der Sache nach mangelhaft; doch sollte sich die englische Regierung am meisten vor Verletzung der Form hüten.

 

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