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England. Erster Band

James Fenimore Cooper: England. Erster Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typereport
authorJames Fenimore Cooper
titleEngland. Erster Band
publisherVerlag von Gottfr. Basse
year1837
translatorA. von Treskow
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20130918
modified20140825
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Zehnter Brief.

Herrn William Jay, Esquire in Bedford (Newyork).

Das englische Parlament. – Lord Althorp und Herr Peel. – Sir Francis Burdett. – Herr Hume. – Parlamentarische Debatten. – Herr Sadler. – Macht des Parlaments. – Das Recht der Petition.

Ich erinnere mich noch sehr wohl, daß ich vor fünfundzwanzig Jahren mit Ihnen einen Streit über die Vorzüge des Parlamentes und unsers Congresses hatte, beide als gesetzgebende Körper betrachtet. Sie waren damals noch nicht in England gewesen, und ich, trotz dem ich London bereits zwei Mal besucht hatte, war noch so jung, daß ich eigentlich von diesen Sachen eben so wenig wußte als wie Sie. Es ist wahr, wir hatten Beide Reden gelesen, die Lord Chatham und Herr Burke, so wie Fox und Pitt und andere berühmte Redner gehalten haben sollten, die jedoch alle Dr. Johnson und seine Nachfolger verfaßt hatten. Dies ist aber noch sehr weit von der eigenen Anschauung und von dem eigenen Zuhören entfernt, nach denen man erst ein gültiges Urtheil fällen kann. Genug, wir thaten das, was viele junge Leute gethan haben würden: wir sprachen sehr werthlose Meinungen aus, die Niemand etwas nützten, und nur uns selbst überzeugten.

Als ich das Zimmer betrat, in welchem sich die Mitglieder des Hauses der Gemeinen in England versammeln, dachte ich sogleich an diesen Streit, der länger dauerte, als eine Rede im Congreß; er kostete uns einen ganzen Weihnachtsabend.

Ich ging etwa um sechs Uhr nach der St. Stephens-Kapelle; und nachdem ich durch verschiedene Kreuz- und Quergänge gedrungen war, kam ich endlich an eine Stelle, wo ein Mann in einem kleinen Verschlag saß, wie etwa der Kassirer in einem Theater, und ganz öffentlich Plätze für die Gallerie des Hauses der Gemeinen verkaufte, die doch eigentlich einem Publikum unentgeltlich offen steht.

Als ich meine halbe Krone bezahlt hatte, wurde mir gestattet, in ein kleines, sehr hohes Zimmer zu treten. Aus diesem gelangte ich durch eine enge Treppe in einen kleinen Gang, der durch zwei Thüren in der Front mit der Gallerie des Sitzungssaales, und durch zwei andere mit einem kleinen Zimmer in Verbindung stand. Zwischen den beiden Thüren in der Front befand sich noch eine kleine Pforte, durch welche die Referenten aus dem Sitzungssaal in die erwähnten kleinen Zimmer gelangen konnten, die eigentlich nur für sie bestimmt waren.

Ich fand die Kapelle sehr schlecht erleuchtet, (wenigstens schien es mir so von oben aus). Es waren vielleicht fünfzig bis sechzig Mitglieder gegenwärtig; mehr als die Hälfte davon gehörte zur ministeriellen Seite, und nicht wenige kamen und gingen äußerst fleißig zwischen Bellamy – dem Restaurateur – und ihren Sitzen.

Der Sprecher saß in einem hohen Stuhl, einer Art Kanzel, unter einem Baldachin, und eine riesenmäßige Perücke bedeckte ihm Kopf und Schultern. Er sah bei dem trüben Licht wie ein erschöpfter alter Mann, oder wie ein altes Weib aus; denn es war in der That schwer zu entscheiden, wem von Beiden er mehr glich; sein » Order, Order!« wurde jedoch mit einer mächtigen Baßstimme ausgestoßen. Ob diese sonderbare Weise, zur Ordnung zu rufen, durchaus zum Amte gehörte, oder nur dem Manne eigen war, kann ich Ihnen nicht sagen; wahrscheinlich ist jedoch das Erstere der Fall; denn in solchen Dingen herrscht vor dem Herkömmlichen eine eben so große Ehrfurcht, wie vor den erblichen Perücken.

Die Mitglieder hatten sämmtlich ihre Hüte auf, der Sprecher saß jedoch im bloßen Kopfe, wenn man dies von einem Manne sagen darf, der einen halben Centner Werg auf demselben hatte. Sie sitzen auf Bänken mit Lehnen von gewöhnlicher Höhe, und ich zählte sechs Mitglieder, die einen Fuß auf die Lehne der Bank vor sich, und drei, welche beide Beine ausgelegt hatten. Die Letzteren befanden sich in besonders anmuthigen Stellungen. Ich führe diese Kleinigkeiten nicht an, um irgend einen moralischen oder politischen Schluß daraus zu ziehen, sondern nur, weil man ähnliche Dinge von unserm Congreß erzählt, und sie dem demokratischen Princip zugeschrieben hat. Ich bin der Meinung, politische Systeme haben nichts mit diesen tours de forces zu thun; sicher findet sich jedoch in den Angelsachsen ein Bestreben, die Fersen höher zu halten als die Köpfe.

Hinter dem Stuhle des Sprechers lagen zwei Mitglieder ihrer ganzen Länge nach ausgestreckt, und schliefen. Ich glaube, die Bänke, auf denen sie lagen, waren weicher als die andern; denn zwei oder drei Mitglieder sahen dem Augenblicke ihres Erwachens mit Ungeduld entgegen, wahrscheinlich, um alsdann die Plätze der Schläfer einzunehmen. Einer stand auf, und sogleich hatte er einen Nachfolger. Um diesen Gegenstand hiermit völlig abzuthun, will ich noch hinzufügen, daß während des Abends drei junge Männer auf die fünfzehn Fuß von mir entfernte Seitengallerie kamen, und sich auf die Bänke streckten, wo sie von den übrigen Mitgliedern des Hauses der Gemeinen nicht gesehen werden konnten. Sie wollten hier oben natürlich ausschlafen; einer von ihnen zupfte jedoch die beiden Andern so lange an den Rockschößen und Beinen, bis sie endlich ihren Vorsatz aufgaben, und lachend davon gingen. Ich glaube, keiner von allen Dreien war über fünfundzwanzig Jahr alt.

Ich habe Ihnen nun eine vollständige Beschreibung vom Hause der Gemeinen gegeben, wie ich es bei meinem ersten Besuche fand, und wie ich meine Bemerkungen darüber sogleich an Ort und Stelle, oder vielmehr in dem Gange aufschrieb, auf welchen wir im Laufe des Abends einmal hinausgetrieben wurden. Ich will nun noch hinzufügen, daß diese Beschreibung eigentlich auf alle Sitzungen des Hauses der Gemeinen paßt. Die einzige Gelegenheit, bei der ich die Mitglieder in schicklicheren Stellungen fand, ist die, wo das Haus so überfüllt war, daß es Niemand möglich machen konnte, seine Beine von sich zu strecken.

Was das Geschrei anbelangt, wovon so viel gesprochen wird, so klingt dies freilich oft drollig genug. Von dem » Hört, hört!« will ich nichts weiter sagen; man weiß diese Wörter so zu moduliren, daß sie eine verschiedene Bedeutung ausdrücken. Es sind jetzt einige Mitglieder im Hause der Gemeinen, die wie die Hähne krähen können; auch habe ich gehört, daß Jemand den Versuch machte, wie ein Schaf zu blöken; es mißlang jedoch.

Ganz unvorbereitet war ich auf eine Art von Unterbrechung, die eine neue Erfindung ist, und wahrscheinlich alle andern verdrängen wird. Es wurde irgend etwas gesagt, was den Whigs mißfiel; dies veranlaßte sie, ein Geräusch zu machen, welches dem Schnattern einer Heerde Enten glich. Eine Zeit lang wußte ich durchaus nicht, wofür ich es halten sollte, denn ich glaubte, man schreie » Barre, Barre, Barre!« und bildete mir ein, man verlange, daß irgend ein Verbrecher vor die Barre gebracht werden solle; doch war es nichts als ein Ausbruch des Mißvergnügens, dem französischen » Bah!« gleichbedeutend. Das Wort ist so hochklingend, daß zwanzig bis dreißig Mitglieder mit einiger Kraftanstrengung schon ein ziemliches Geräusch damit hervorbringen können.

Sie fragen, was der Sprecher zu diesen Unterbrechungen sagt? Er ruft: » Zur Ordnung – zur Ordnung!« – und damit endet die Sache. Ich will gegen diesen Gebrauch nichts sagen; denn ich glaube nicht, daß er den Interessen des Landes Abbruch thut; und, wie Fuseli zu seiner Frau zu sagen pflegte, wenn sie in Zorn gerathen war: »Fluch! meine Liebe, fluch! – es wird Dir gut thun!« – so mag es auch eine Erholung für ein Mitglied sein, gelegentlich in ein solches Geschnatter auszubrechen, zumal wenn es sonst nichts zu sagen weiß.

Kein Gegenstand von Belang kam an dem Abend meines ersten Besuches vor; man discutirte über zwei finanzielle Punkte. Lord Althorp sprach einige Minuten, und zwar in einer so stockenden und peinlichen Weise, daß ich über die ehrfurchtsvolle Aufmerksamkeit des Hauses erstaunt war. Man sagte mir jedoch, dies rühre davon her, weil man von der Aufrichtigkeit seiner Absichten überzeugt sei, und wisse, daß er einen großen Schatz von praktischen Kenntnissen in sich habe, wenn es ihm auch schwer werde, denselben zu Tage zu fördern. Er ist einer der mühsamsten und verlegensten Sprecher, die ich jemals zu einer Versammlung reden hörte. Herr Peel sagte einige Worte als Entgegnung, die hinreichten, mir eine Idee seiner Weise zu geben; später habe ich ihn noch öfter bei wichtigeren Gelegenheiten reden hören.

Die Stimme des Herrn Peel ist angenehm und modulirt; er spricht mit Leichtigkeit, obgleich in einer förmlichen Weise und mit einer gemessenen Betonung, die ihn oft zu falscher Prosodie verleitet, ein Fehler, der fast allen – nur nicht den wirklich Beredten – eigen ist. Wenn es ein Wort zwischen überredend und überschmeichelnd gäbe, so würde ich dies anwenden, um die Beredtsamkeit des Herrn Peel damit zu bezeichnen. Mit dem letzteren würde man ihm Unrecht thun, da ihm die Würde und Kraft fehlt; mit dem ersteren würde man der Wahrheit zu nahe treten, da man ein zu großes Bestreben herausfühlt, sich in die Gunst der Zuhörer zu setzen. Einer solchen Art von offenkundigen Ueberredung leistet man in der Regel nur Widerstand. Diese Weise schmeckt mehr nach Neu- als nach Alt-England, und es ist nur seiner Beredtsamkeit beizumessen, daß man ihm mit so vieler Achtung zuhört; denn wie viel politische und religiöse Mystifikation man auch in England finden mag, – (es würde nicht leicht sein, einen von beiden zu übertreffen), – so besteht doch in der öffentlichen Denkweise eine Rechtlichkeit, die sehr wenig geneigt ist, Kunstgriffe irgend einer Art günstig aufzunehmen.

Die Stimme des Herrn Peel ist der des Herrn Wirt nicht unähnlich, doch ist sie nicht so melodisch, während seine Beredtsamkeit weniger vollkommen und ihm nicht dieselbe Aufrichtigkeit eigen ist. Dennoch kenne ich keinen amerikanischen Redner, mit welchem er so gut zu vergleichen wäre.

Sir Francis Burdett sprach im Laufe des Abends einige Minuten. Er ist schlank und mager, mehr ultra an Größe als in seinen Gesinnungen, und hat einen sonderbar langen Hals. In seiner persönlichen Erscheinung ist er so sehr von allem Hergebrachten entfernt, wie John Randolph von Roanoke. Er hatte weniger Fluß und parlamentarische Rundung, als ich von einem Mann mit seiner Uebung erwartet hatte. Ich weiß nicht, ob Sie jemals unsern alten Freund Herrn James Morris von Morrisania öffentlich reden hörten; war dies jedoch der Fall, so haben Sie die beste Idee von der Weise des Sir Francis Burdett. Sie haben Beide dieselbe anständige Deliberation, dieselbe ruhige Weise sich zu äußern, denselben feinen Gesellschaftston, und eine Aehnlichkeit in Stimme und Aussprache, die mich vollständig überraschte.

Sir Francis Burdett, dessen Name einst ganz England füllte, erregt nicht länger die politische Aufmerksamkeit. Er stimmte wahrscheinlich seinen ersten Ton zu hoch an, um nicht vor der Beendigung des Liedes eine Octave fallen zu müssen. Luther begann seine Reformation mit geringen Mitteln, die er nachher immer vergrößerte; er würde bestimmt selbst zurückgebebt sein, hätte er die große Umgestaltung vorhersehen können, die er dadurch bewirkte. Es ist auch noch die Frage, ob Sir Francis Burdett Verstand genug besitzt, eine Reform, wie England sie bedarf, zu entwerfen oder durchzuführen; und er würde vielleicht früher oder später eine Revolution veranlassen.

Herr Hume hatte während dieses Theiles der Debatte etwas zu sagen, was sich auf die Minderausgaben der Regierung bezog. Man hörte ihm mit Achtung zu; denn er hatte eine sehr praktische Weise, die ganz dazu geeignet war, die Aufmerksamkeit derjenigen in Anspruch zu nehmen, die sich über den Gegenstand genau zu unterrichten wünschten. Er schien ernst und ehrlich zu sein, und hat in seinem Aeußeren weniger von einem Demagogen, als irgend ein Mitglied vom Hause, auch sogar weniger als Herr Peel, der auf der Schatzbank saß. Er hat nicht den geringsten Anspruch auf Beredtsamkeit, sondern spricht wie ein Mann, der sich um nichts in der Welt bekümmert, als um seinen Gegenstand, mit welchem er sich durch ein mühsames Forschen bekannt gemacht zu haben scheint. Man mag ihn wohl in seinem rednerischen Laufe sehr leicht einholen können, doch in einer Regierung, wie die englische, sind dergleichen Naturen äußerst nützlich. Man bemerkt an diesem Mitgliede eine schottische Beharrlichkeit und einen Fleiß, die äußerst achtbar sind, während sie den Beobachter persönlicher und nationeller Züge unterhalten.

Als die Hauptgeschäfte des Tages abgemacht waren, kam ein Gegenstand zur Sprache, der sich ganz dazu eignete, den echten und vorherrschenden Charakter des britischen Parlaments ins volle Licht zu setzen. Es war ein Gesetz, das sich auf die Dienstboten des Landes bezog, und welches natürlich das Interesse aller derer in Anspruch nahm, die sich Dienstboten hielten. Die Gesetzgeber des Landes beschäftigen sich zwar mit den wichtigsten Interessen des Volkes, aber dies geschieht unter der Leitung weniger Mitglieder, denen die andern nur nachbeten. Entsteht jedoch eine Frage, die sich auf die Speisekammer, die Jagd oder das Eingemachte bezieht, so wird eine Saite angeschlagen, die in den Herzen aller Gesetzgeber mittönt. Natürlich rief dies Gesetz eine Classe von Rednern auf, die sonst nur zuhören.

Ich bin weit davon entfernt, ein Gesetz in Bezug auf die Dienstboten für unwichtig zu halten, denn diese stehen in einer genauen Beziehung zu ihren Herrschaften, und es würde für alle Theile gleich gut sein, wenn in dieser Beziehung Alles festgestellt wäre. Doch hatte es etwas Lächerliches, die würdige Versammlung der Gesetzgeber plötzlich durch eine Sache in Bewegung gesetzt zu sehen, die sich eigentlich nur auf häusliche Interessen bezog, und das mit einem Eifer, der während der Verhandlung wichtiger Staatsangelegenheiten geschlummert hatte. Einige Mitglieder vom Lande stammelten Reden voller Genauigkeit und Gelehrsamkeit her, und eins derselben ließ sich durch die Begeisterung über den vortrefflichen Zustand von England so weit hinreißen, daß es dreist erklärte, man könne jetzt England nach einer Richtung durchreisen, welche man wolle, und man würde überall silberne Messer und Gabeln finden! Beiläufig gesagt, wenn dies wahr ist, so habe ich auf jeden Fall die Richtung verloren; denn zwischen Dover und London sah ich nichts der Art.

Es würde ungerecht sein, diese Sitzung für ein Beispiel von denen auszugeben, was das Haus der Gemeinen fortwährend bietet, obschon viele von den angeführten Dingen in der Regel vorkommen. Ich glaube eben nicht, daß hier im Durchschnitt besser gesprochen wird, als in Newyork; ich wünsche jedoch durchaus nicht, unsern alten Streit mit Ihnen wieder aufzunehmen.

Wenn Vergleiche dieser Art aufgestellt werden, so kommt es häufig vor, daß man wichtige und bedingende Umstände ganz übersieht. Der amerikanische gesetzgebende Körper ist genau der Repräsentant der Nation. Die Mitglieder desselben haben in Bezug auf Ton, Bildung, Erziehung und Betragen nur wenig vor ihren Landsleuten voraus, oder vielleicht gar nichts, wenn man eine geringe Classe ausläßt, die niedriges und verworfenes Gesindel einschließt. Das Parlament repräsentirt hingegen nur die Reichen und die Ansässigen oder Grundbesitzer, und ist gänzlich aus Männern zusammengesetzt, die den höheren Classen entnommen sind. Die Folgen, welche hieraus entstehen, sind sehr leicht wahrnehmbar. Die Mitglieder des englischen Parlaments sind im Ganzen, wenn gleich nicht fehlerfrei, doch besser wie die Mitglieder des Congresses, welches durchaus nicht anders sein kann. Die Reibung des fortwährenden Verkehrs ist es, welche der Gesellschaft ihre Politur giebt. Die englische Nation wohnt eng neben einander, die Reibung ist daher bei ihr größer. Wir hingegen wohnen in unserm Lande sehr weitläufig, und wir würden stets ungeschliffen bleiben, wenn nicht eine so lebhafte Circulation unter uns stattfände.

Das Haus der Gemeinen enthält mehr als sechshundert und vierzig Mitglieder 1828., wohingegen unser Haus der Repräsentanten nur zweihundert und zwanzig enthält; jenes muß daher schon drei Mal so viel gute Sprecher haben als dieses, und ich glaube kaum, daß dem so ist. Gewiß würde man im Congreß hundert Leute finden, die im Nothfall eine bessere Rede aus dem Stegreif halten möchten, als hundert der besten Sprecher im Hause der Gemeinen. Zwischen dem Hause der Lords und dem Senat ist in Bezug auf Anzahl gar kein Vergleich anzustellen.

Die Sache hat jedoch noch eine andere Seite, die nicht übersehen werden darf. Ein großer Theil der Mitglieder des englischen Hauses der Gemeinen besteht aus Laien oder Privatleuten, die nicht Jura studirt haben, wohingegen die meisten Mitglieder des Congresses einem Stande angehören, der die Kunst des Debattirens anbauen muß, um davon zu leben, d. h. dem Rechtsgelehrten-Stande. Auf diesen Umstand legt man hier eine große Wichtigkeit, wie Sie aus folgender Anekdote sehen werden.

Die Tories haben vor kurzer Zeit eine große Acquisition dadurch gemacht, daß ein gewisser Herr Sadler in das Parlament getreten ist. Er hat eben eine Rede gehalten, die viel Aufsehen gemacht. Als ich am Tage nach der Rede des Herrn Sadler die St. James-Straße hinaufging, begegnete ich Lord –, einem Whig-Mitgliede des Hauses der Gemeinen. Er fragte mich, ob ich am Abend vorher die Sitzung besucht, und ging dann auf Herrn Sadler über. »Die Tories machen ein großes Aufheben von ihm,« sagte Lord –, »aber wir haben jetzt herausbekommen, daß er ein Rechtsgelehrter ist! Jeder glaubte zuerst, er sei ein Landedelmann; jetzt hat sich die Sache jedoch entschieden, – er ist ein Rechtsgelehrter!« Es war zuerst gar nicht so leicht, die Verbindung zwischen dem Verdienst und Nichtverdienst der Rede des Herrn Sadler und seinem Stande herauszubekommen, oder zu verstehen; die weitere Unterhaltung gab mir jedoch Aufschluß darüber.

In einer geselligen Organisation, die so künstlich wie diese ist, werden die Dinge endlich nach ihren Beziehungen geschätzt, in der sie zu den verschiedenen Phasen der Gesellschaft stehen. Wenn ein Herzog ein Gemälde ausstellte, welches an und für sich gar keinen Kunstwerth hätte, so würden Tausende hineilen, es zu sehen, und es für einen Herzog immer noch gut genug finden. Dies ist ganz besonders in der Literatur bemerkbar. Ein von einem Lord verfaßtes Buch verkauft sich allemal; denn diejenigen, welche weniger sind wie er, lieben es, auch nur auf diese entfernte Weise mit einem Lord in Verbindung zu kommen. Byron verdankt keinen kleinen Theil seiner Popularität seinem Range; denn der bessere Theil seiner Werke ist dem gewöhnlichen Geschmack der Engländer durchaus nicht entsprechend.

Während man vielleicht über diese Unterscheidungen lächelt, muß man durchaus nicht vergessen, daß sie bei der Vergleichung der Redefähigkeit zwischen dem Parlament und dem Congreß mit in Anschlag komme. Wenn wir auf der einen Seite zugeben, daß man von einem Amerikaner nicht dasselbe conventionelle Betragen und die Reinheit der Aussprache wie von einem Engländer verlangen kann, so ist es doch nicht zu leugnen, daß das englische System eine Menge Menschen vom Parlament ausschließt, die zu öffentlichen Rednern gebildet wurden, während unser System dieselben gern aufnimmt.

Vielleicht sind Sie neugierig, die Wirkung des erwähnten Schreiens, Hustens und Schnatterns in dem Parlament zu erfahren. Sicher öffnen diese Mittel vielen Mißbräuchen sehr ernster Art die Thür. Die schnatternden und schreienden Mitglieder sind im Stande, die Vernunftgründe anderer Mitglieder zum Schweigen zu bringen und vieles Gute zu unterdrücken, während außerdem noch eine kostbare Zeit verloren geht. Beim Congreß ist die Zeit viel weniger wichtig als beim Parlament, da sich die Gewalt des erstern nur auf gewisse große Interessen erstreckt, während das Letztere sich sogar mit den Dienstboten befaßt.

Man würde sehr viel Zeit gewinnen und die Gerechtigkeit bedeutend fördern, wenn man zu Washington ein immerwährendes Tribunal errichtete, dessen einziges Geschäft es wäre, die Ansprüche zu entscheiden, welche Privatpersonen an die Regierung machen. Dies Tribunal würde alle Fälle abmachen, die jetzt vor den Congreß gebracht werden und den Geschäftsgang nur aufhalten. Einen solchen Gerichtshof werden wir erst bekommen, wenn wir anfangen, uns weniger als Engländer und mehr als Amerikaner zu fühlen.

Wir sind nur zu sehr geneigt, das Parlament und den Congreß für gesetzgebende Körper mit gleichen Gewalten zu betrachten, und ihnen demnach im Allgemeinen dieselben gesetzlichen Maximen zuzuschreiben. Dieser Irrthum hat bereits zu den ernsthaftesten Uebeln Anlaß gegeben, die, wenn ihnen nicht bald abgeholfen wird, zum Ruin der Grundsätze unserer eigenen Regierung führen werden.

Was auch früher die alten Dogmen der britischen Constitution gewesen sein mögen, so ist doch das Parlament jetzt unumschränkt. Es ist wahr, daß die executive Gewalt der Theorie nach einen integrirenden Theil des Parlaments bildet; doch durch allmählige und fortwährende Eingriffe in das Ansehen der Krone sind die Minister die Kreaturen des Parlaments geworden, wenn es dasselbe für angemessen hält, sein Ansehen geltend zu machen; in einem andern und beschränkteren Sinne sind die meisten Parlamentsmitglieder auch wieder Kreaturen der Minister. Man muß sich erinnern, daß man die Mitglieder erkauft, weil sie die Gewalt besitzen; derjenige jedoch, welcher mit seiner Autorität auf diese Weise handelt, entschlägt sich derselben nicht gänzlich, sondern verwendet sie nur zu seinem eigenen Vortheil. Die einzige Gewalt in England, die im Stande ist, dem Parlament zu widerstehen, ist die Masse der Nation. Von hier aus ist der einzige directe Stoß gegen das Parlament zu erwarten; auf allen andern Wegen kann man ihm nur durch List und Intrigue beikommen.

Der Congreß besteht eigentlich nur aus Sachwaltern; denn seine Macht ist nicht allein ausdrücklich beschränkt, sondern sie ist auch von der Art, daß jeder Versuch, dieselbe zu überschreiten, ein Angriff auf die Nation ist. Die executive Gewalt ist bei uns eben so repräsentativ als die legislative; denn die ertheilte Gewalt geht eigentlich nur direct vom Willen des Volkes aus.

Dies sind im Allgemeinen die Hauptunterschiede, die schon an und für sich hinreichen, zur Entstehung ganz verschiedener legislativer Maximen Veranlassung zu geben, und dies auch thun würden, wenn die Traditionen in solchen Sachen nicht wirksamer wären als die Grundsätze. Es giebt jedoch unwichtigere Punkte, die uns häufig in Aufregung bringen, und die man gewöhnlich nach englischen Grundsätzen abmacht, welche recht eigentlich den Unterschied beider politischer Systeme recht scharf herausheben. Ich will meine Meinung durch ein Beispiel klar machen.

Das Recht der Petition wird mit Grund für ein wichtiges englisches Recht gehalten, wohingegen es bei uns zu einem Instrument gemacht werden könnte, wodurch sich viel Unheil anstiften ließe, während es die Frage ist, ob ein einziger Fall nachzuweisen, wo es uns besonders nützlich wäre.

In England ist das Recht der Petition die einzige gesetzmäßige Weise, durch welche sich die Nation in die Angelegenheiten des gesetzgebenden Körpers mischen kann. Einer dieser gesetzgebenden Körper ist erblich, und die Mitglieder des andern werden durch eine auffallende Minorität der Nation erwählt, und zwar auch noch gänzlich unter dem Einfluß der Reichen. Bei so bewandten Umständen ist das Recht der Petition doppelt nützlich; denn während es der Masse als Hebel dient, so dient es ihren Beherrschern als Leuchte. Eine mäßige und richtige Einbringung von Petitionen kann dem Staate häufig eine Revolution ersparen.

Das Recht, Petitionen beim Congreß einzureichen, bestand nur noch als eine Tradition, bis die Constitution verbessert wurde. Es konnte zwar ein Jeder Petitionen einreichen, dem dies nur irgend beliebt; es gab jedoch keine Bestimmung, die den Congreß nöthigte, die Petitionen in Erwägung zu ziehen, bis Herr Jefferson eine solche Bestimmung oder ein Amendement in dieser Beziehung durchbrachte. Da das amerikanische Volk durch den Congreß immer direct und vollständig repräsentirt wird, so ist es gar nicht nöthig, ihm noch einen Weg zu eröffnen, auf welchem es, wie in England, seine Wünsche vor den gesetzgebenden Körper bringen kann. Bei einem solchen Systeme ist keine Gefahr vorhanden, daß, wie in England, Gesetze durchgehen werden, um Volksversammlungen zu verbieten, wenn nicht ein Beamter der Regierung seine Erlaubniß dazu giebt; und das Volk hat hier das Recht, sich überall und in jeder Zeit zu versammeln, um seine Wünsche kund zu thun. Der Congreß hat keine Macht, ein Gesetz dagegen durchzubringen. Das Parlament kann die Presse unterdrücken, aber der Congreß ist in dieser Beziehung ohnmächtig. Er war auch ohnmächtig, ehe Herr Jefferson sein Amendement durchbrachte, und seine Maßregel war ganz überflüssig.

Sie möchten vielleicht fragen, warum Herr Jefferson, ein Mann, der die Unabhängigkeit liebte, die Verfassung des amerikanischen Freistaates so sehr mißverstehen konnte, um eine Clausel in die Constitution aufnehmen zu lassen, durch welche man dem Volke das Recht zuerkannte, Petitionen einzureichen. Niemand ist allwissend, und Herr Jefferson, der seine Erziehung in einer Monarchie genossen hatte, hing mehr den Grundsätzen derselben an, als er gethan haben würde, wenn er später gelebt hätte. General Lafayette hat mir jedoch den Grund erklärt, warum unserer Constitution im Jahre 1801 mehrere überflüssige Clauseln eingeschoben wurden. Herr Jefferson befand sich in Europa, als die Constitution entworfen wurde. Dies Instrument erregte bei den Liberalen in diesem Theile der Welt großes Interesse, die nur wenig von der Freiheit wußten, deren wir in unserm Staate genießen. Es wäre eine ungeschickte Sache gewesen, zu erklären, daß der Congreß keine Gewalt besitze, die ihm nicht ausdrücklich übertragen wäre, als man ihn fragte, wo sich unsere Garantie für die Freiheit des Gewissens und der Presse, und für das Petitionsrecht befände, welches die Nationen in Europa für ein höchst wichtiges Recht halten, da sie sich nicht nach Belieben versammeln dürfen, und auch nicht gehörig repräsentirt werden. Die Gedanken, welche die fortwährenden Nachfragen über diese Dinge bei Herrn Jefferson veranlaßten, verleiteten ihn später zur Einführung des erwähnten Amendements. So hat es mir wenigstens General Lafayette erzählt.

Von hundert Petitionen führen neunundneunzig bei uns kein größeres Unheil als eine Zeitverschwendung herbei. Sie werden in der That jetzt schon sehr ungewöhnlich, denn das Volk hält sie für überflüssig, da es ja doch eigentlich der Herr und Meister ist. Doch können Petitionen unter einem System, welches dem unsrigen gleicht, auch sehr viel Unheil stiften. Erkennt man das Einreichen derselben als ein Recht an, so kann der Congreß mit Fragen über Dinge bestürmt werden, von denen er selbst nur eine sehr oberflächliche Kenntniß hat, und diese Fragen würden nichts thun, als die Einigkeit stören. Ein einziges Mitglied ist zwar auch im Stande, dies zu thun, doch hat dies immer nicht dieselben Folgen.

Petitionen sind eine Art halbamtlicher Berathung; und außerdem, daß sie die Wünsche des ganzen, oder eines Theiles des Volks aussprechen, welches auch eben so gut auf eine andere Weise bewerkstelligt werden könnte, so bahnen sie sich doch unvermerkt den Weg in die Debatten, und regen die Leidenschaften über Dinge auf, die vielleicht erst später hätten zur Sprache gebracht werden müssen. Man sollte sich stets erinnern, daß unsere Regierung, anstatt immer nur mit Bürgern zu thun zu haben, auch häufig aufgefordert wird, sich mit Staaten zu befassen. Es liegt ein so starker Zug im Menschen, die Geschichte zu lesen, um sich warnende Beispiele daraus zu entnehmen, trotz dem ein Jeder die Ueberzeugung hat, daß die menschliche Natur doch immer dieselbe bleibt. Daher geben sie sich häufig auch kaum die Mühe, bei Anwendung ihres Lieblingssatzes: » gleiche Ursachen erzeugen gleiche Wirkungen« zu untersuchen, ob die Thatsache, von der die Rede ist, mit dem geschichtlichen Factum übereinstimme.

Ich habe natürlich hier nur von Petitionen über politische und allgemeine Gegenstände, und nicht von solchen gesprochen, durch welche Privatzwecke erlangt werden sollen. Das Wort paßt schon eigentlich gar nicht zu unserer Regierungsform, und würde sich selbst für Privatfälle am besten durch » Memorial« oder » Vorstellungsschrift« ersetzen lassen.

 

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