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England. Erster Band

James Fenimore Cooper: England. Erster Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
authorJames Fenimore Cooper
titleEngland. Erster Band
publisherVerlag von Gottfr. Basse
year1837
translatorA. von Treskow
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20130918
modified20140825
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Achter Brief.

Dem Herrn Edward Floyd de Lancey, Esquire.

Plätze und Parks. – Norfolk-House. – Häuser des Adels. – Regent-Street. – Regents-Park. – Klima von London. – Die Themse. – Klima von England und Amerika. – Der Frühling in England. – Hyde-Park. – St. James-Park. – Ausschließlichkeit. – Vorrecht des Eintritts. – Aufnahme der Amerikaner.

London rühmt sich mit Recht seiner Plätze und Parks. Die ersteren sind zahlreicher und schöner als man sie irgend wo findet; und während Wien seinen Prater, Paris sein bois de Boulogne, und Berlin, München, Dresden, Brüssel und fast alle europäischen Hauptstädte ihre öffentlichen Gärten haben, so hat doch keiner von allen diesen jene Mannichfaltigkeit, Ausdehnung und jenes kostbare Grün der Parks dieser großen Stadt. Was die Größe anbelangt, so mögen die kleineren Hauptstädte Deutschlands diesen Vortheil vielleicht in demselben Maße wie London besitzen; aber die Bewohner von Leipzig, Dresden oder München können sich nicht des Umfanges und der Ausdehnung der großen Felder rühmen, die man hier trifft. In dieser Riesenstadt sollen allein achtzig Plätze sein, der Parks gar nicht zu erwähnen.

Sie sind zu jung, um viel von dem neueren London zu wissen; aber die Plätze, die durch die neueren Romane fast classisch geworden, sind bis auf eine Ausnahme nicht mehr Mode. Ich erinnere mich noch des Soho-Platzes, als ihn die Leute von Stande noch bewohnten; dieser jedoch und Leicester-Square, so wie Lincoln's-Inn-Fields, der größte Platz in London, sind jetzt durch die feine Welt der geschäfttreibenden Classe überlassen. Der St. James-Platz behauptet immer noch seinen Charakter, wahrscheinlich wegen seiner Lage dicht beim Schloß. Norfolk-House, die Stadt-Wohnung des ersten Pairs aus dem Königreiche, liegt an diesem Platz, so wie auch die des Herzogs von St. Albans. In einem Lande, welches so aristokratisch ist, wie dieses, und in welchem es kaum zwanzig Adelige von hohem Range giebt, reicht die Gegenwart eines einzigen Herzogs hin, eine ganze Gegend anständig zu machen. Auf diese Weise dient Northumberland-House, welches an den äußersten Grenzen des Verkehrs steht, als ein Vorposten, um die östliche Flanke des fashionablen Stadtviertels zu schützen.

Norfolk-House Georg III. wurde in diesem Hause geboren. bietet von den Straßen aus – niemals habe ich das Innere betreten – eine Front von neun Fenstern, und weicht nur sehr wenig von einem unserer Wohnhäuser ab. Eine Eigenthümlichkeit findet man jedoch in unserer Bauart, die sie von allen übrigen in Europa unterscheidet; die Häuser und Zimmer haben bei uns nämlich immer dieselben Dimensionen. Ein Haus von neun Fenstern würde z. B. nicht gerade drei Mal so lang sein, als eins von drei Fenstern, sondern gewöhnlich etwas länger. Häuser mit drei oder vier Fenstern in der Front, deren man in London viele sieht, sind gewöhnlich, wenn sie gute Wohnungen abgeben sollen, in einem größeren Maßstabe gebaut, als unsere eigenen. Man versteht es hier besser, auch einem kleinern Gebäude ein edles Ansehen zu geben. Wir vervielfältigen zwar die Zimmer, doch geben wir ihnen keine größeren Dimensionen, obgleich dies doch unumgänglich nöthig ist, um eine gute Wirkung hervorzubringen.

Norfolk-House hat weder einen Hof noch einen Thorweg; und man kann es daher nur wie bei uns von einem Seitengange aus betreten; ein solcher Umstand raubt dem Gebäude schon viel von seinem Ansehen. Ein Privatpalast in Florenz, der mir sehr wohl bekannt ist, hat dreiunddreißig Fenster in der Front, und ist um einen Hof gebaut.

Ich habe am St. James-Platz nur ein Haus betreten; dies gehört dem Lord Clanricarde, und wird jetzt vom Lord Wellesley bewohnt. Es ist ein Haus von der Größe, dem Styl und Aussehen eines unserer bessern Wohnhäuser in der Stadt, nur mit dem Unterschiede, daß es nach edleren Verhältnissen erbaut ist. Die Gewohnheit der Engländer, das Erdgeschoß zu bewohnen, macht es ihnen möglich, zu ihren Zimmern die ganze Weite des Gebäudes zu nehmen. Diese Sitte herrschte bei uns vor dreißig Jahren, als unsere Architektur, so wie unsere Gesellschaft, noch weniger ehrgeizig und darum besser wie heut zu Tage waren.

Es mag vielleicht in London hundert Häuser geben, die man in Paris Hôtels nennen würde, und die man hier für ansehnlich genug hält, um ihnen besondere Namen zu geben. Sie gehören hauptsächlich den ersten adeligen Familien; denn ich glaube, es würde für ein Mitglied aus dem Hause der Gemeinen Hochverrath sein, sich ein solches Haus zu erbauen. Dergleichen sind Northumberland-, Devonshire-, Norfolk-, Apsley-, Landsdowne-, Marlborough-, Westminster-, Bridgewater-, Spencer-, Burlington-Houses, u. s. w. Keine einzige dieser Wohnungen würde man auf dem Continent, und ganz besonders in Italien, zu den Häusern erster Classe zählen; auch ist keine so groß, wie das Haus des Präsidenten; das Palais des Herzogs von Norfolk macht vielleicht allein eine Ausnahme. Das unvollendete und für den Herzog von York bestimmte Gebäude, welches nach dessen Tode der Marquis von Stafford gekauft hat, verspricht eines der schönsten Gebäude zu werden, und ist ein wahrer Palast. Jetzt Sutherland-House genannt, da der Marquis von Stafford zum Herzog von Sutherland erhoben worden.

Es überrascht mich, eine Art von willkürlicher Grenzlinie zwischen den Stadtvierteln von London hinlaufen zu sehen, die der Richtung der Regent-Street folgt. An der Ostseite dieser Straße finden sich mehrere Plätze und einige gute Straßen; aber Rang und Mode scheinen diese zu vermeiden. Als ich 1826 hier war, fragte Herr Canning mit vieler Malice, ob irgend Jemand wisse, wo der Russell-Platz liege, und die Beantwortung der Frage wurde für unanständig gehalten. Dennoch gehören Russell-, Bedford-, Bloomsbory- und mehrere Plätze in der Nähe zu den schönsten in London. Sie werden hauptsächlich von Gelehrten und Kaufleuten bewohnt. Cavendish-, Hanover-, St. James-, Grosvenor-, Portman-, Berkeley- und Manchester-Square sind diejenigen Plätze, die von Standespersonen am meisten geliebt werden. Ich glaube, ein Parvenu, der eine Wohnung an diesen Plätzen zu haben wünschte, würde mit großer Vorsicht zu Werke gehen müssen; nicht etwa, weil er dort kein Haus zu kaufen bekommen würde, sondern weil die öffentliche Meinung in allen diesen Dingen bestimmte Grenzen gezogen hat. Ein Gefühl dafür ist dem Menschen angeboren, und wir sind weit entfernt, frei davon zu sein. Wenn irgend ein Mann aus einer unserer ältesten, aber verarmten Familien plötzlich reich würde, so würde sich Niemand darüber wundern, wenn er sich sogleich Equipage hielte und im großen Styl lebte; denn man würde es für ganz hergebracht halten; während man über einen Parvenu sicher reden und spötteln würde. In solchen Dingen sind die Meinungen stärker als die Gesetze.

Die Menschen zollen, ohne daß sie es wissen, denjenigen Dingen und Personen Hochachtung, denen sie dies von alter Zeit her gethan haben. In diesem Gefühl mischt sich das Nützliche mit einer Menge von Vorurtheilen; und es sollte das Ziel derjenigen sein, welche auf die öffentliche Meinung einwirken, zwischen beiden einen Unterschied zu machen.

Die englischen Plätze weichen in der Hauptsache nicht von unsern eigenen ab, obschon die Häuser an denselben gewöhnlich größer und imposanter und mit mehr Geschmack angelegt sind; sie haben aber auch sehr nette und sauber eingehegte Gartenanlagen.

Auf dem Continente von Europa ist mir nichts Aehnliches dieser Art bekannt; denn die Plätze sind daselbst fast immer ohne Grün, ohne Bäume und ohne Umfassung.

Es giebt in London vier Parks: der St. James-, der Green-, der Hyde- und der Regents-Park. Die beiden erstern liegen neben einander, und ihre Enden werden durch die Piccadilly vom Hyde-Park getrennt, so daß man, wenn man von einem nach dem andern geht, stets auf freiem Felde bleibt. Die Kensington-Gärten, die sich von den Parks nur durch die Natur ihrer Anpflanzungen unterscheiden, liegen wieder an den äußersten Enden des Hyde-Parks. Dieser letztere enthält allein über vierhundert Acres Land, und ich glaube, es liegt hier eine Fläche von sieben- bis achthundert Acres von ununterbrochenen Gärten und Feldern zusammen, die mit einem Grün bedeckt sind, welches man fast ein ewiges nennen könnte.

Der Regents-Park befindet sich in einiger Entfernung von den andern, aber auch noch in einem Stadttheile, der von den höheren Klassen bewohnt wird; während London jedoch so viele Tummelplätze für die Vergnügungen der Reichen hat, ist in den Stadtvierteln der Armen schlechter dafür gesorgt, als in allen andern Städten. Eine Verbesserung hat vor kurzer Zeit einen Theil der Hauptstadt gänzlich verändert. Carlton-House, die frühere Residenz des Prinzen von Wales, ist niedergerissen worden, und man hat von hier aus auf französische Weise einen Eingang in den Park gebahnt. Hier befindet sich ein Platz ohne Grün, welcher Waterloo-Platz heißt, und von schönen Klubhäusern umgeben ist. An diesem Punkt fängt die Regent-Street an, und läuft in einer Länge von beinahe zwei englischen Meilen, jedoch nicht in gerader Linie, durch die Stadt. Die Abweichungen von derselben erhöhen aber die Wirkung der Straße eher, als daß sie sie minderten. Der Coup d'oeuil dieser Straße ist edel und fast unerreicht; und dennoch ist sie in ihren Einzelheiten fehlerhaft und ihre Häuser bestehen aus schlechtem Material. Diesen letztern Vorwurf kann man fast allen Gebäuden der neuesten Zeit machen; denn man führt sogar öffentliche Bauwerke von Backsteinen auf, und putzt diese ab. Wenn der Putz festsitzt, – welches in London ziemlich der Fall ist, – so sieht es besser aus, als die nackten Backsteine. Wirkliche Pracht trifft man eigentlich in dieser Beziehung nur in Italien; aber auch hier selbst findet man abgeputzte Häuser; in Paris jedoch sind die besten Hotels alle aus gehauenen Steinen erbaut.

Die ganze Regent-Street hat ihre Häuser immer in Gruppen oder Abtheilungen vereinigt, so daß drei bis vier derselben, aus denen eine solche Abtheilung besteht, wie ein Hôtel oder ein Palais aussehn. Die Bauart ist griechisch, die einzelnen Abtheilungen sind alle verschieden von einander, und viele haben Säulen, die jedoch nicht hervorspringen, und auch nicht von der Erde aufgehen. Die Gebäude sind hauptsächlich zu Läden, Kaffeehäusern, Restaurationen und andern Geschäftslocalen benutzt, und gewöhnlich nicht tief, da sich Alles nach der Straße drängt. Der allgemeine Eindruck, den sie machen, ist jedoch sehr großartig, und er wird noch durch die Breite, Schönheit und Festigkeit des Steinpflasters erhöht. Der Fahrweg ist macadamisirt.

Die Regent-Street ist durch eine angenehme Windung mit dem Portland-Platz in Verbindung gesetzt; dies ist eine kurze schöne Straße, an welcher gute Wohnungen liegen. Der Portland-Platz endet wieder am Regents-Halbmond oder Regents-Crescent, wo eine Reihe schöner Einfassungen beginnt. Hier stehen die Häuser in runden Colonnaden, und an ihnen vorüber gelangt man in den Regents-Park. Dieser Park sollte eigentlich ein Garten genannt werden, da er mehr wie ein solcher angepflanzt und eingerichtet ist. Er verspricht einmal sehr schön zu werden, doch ist er für jetzt noch zu neu, um schon alle seine ländlichen Reize zu entfalten. Gewissen Günstlingen hat man gestattet, sich in dem Park anzubauen; und so lange man mit diesen Bewilligungen in den gehörigen Grenzen bleibt, so wird der Park dadurch eher gewinnen als verlieren. Der zoologische Garten befindet sich ebenfalls innerhalb seiner Umfassung.

Da man durch den ersten Anblick von Gegenständen in der Regel den stärksten Eindruck empfängt, so sollte ich hier vielleicht meinem Urtheil nicht recht trauen; dennoch halte ich dafür, daß der zoologische Garten in Bezug auf Geschmack, Einrichtung und Seltenheit der vorhandenen Thiere dem jardin des plantes weit nachsteht. Er wird sich jedoch bestimmt schnell verbessern; denn keiner Nation stehen wohl in dieser Beziehung mehr Mittel zu Gebote, als der englischen. Der ganze Regents-Park, eine Erstreckung von mehr als anderthalb englischen Meilen, ist von einer schönen, breiten Fahrstraße umgeben, und an dieser stehen wieder Reihen von Häusern in Terrassen. Diese sind etwas von dem Fahrwege entfernt, haben Gesträuch und Bäume vor sich, und sind so erbaut, daß immer zehn bis zwölf Häuser einen großen Palast bilden. Das Material ist wie das der Häuser in der Regent-Street, der Maßstab jedoch noch großartiger. Dann und wann unterbricht ein einzeln stehendes Haus die langen Massen, um Einförmigkeit zu vermeiden.

Das Klima von London ist, wenige Sommermonate ausgenommen, in seiner Wirkung auf die Nerven durchaus nicht angenehm. Der Nebel, wenn er nicht in einen dicken feuchten Dampf ausartet, hat jedoch den Vortheil, daß er der landschaftlichen Scene einen milden und sanften Anstrich giebt. Ich bin in dem Regents-Park umhergefahren, als die Felder, die ihre Farben zurückstrahlten, die Reihen von Häuser, durch den Dunst gesehen, die dämmerigen Hügel in der Ferne, und die Equipagen, welche in einem unermeßlichen Raume umherzulaufen schienen, das Ganze zur außerordentlichsten Erscheinung machten, die man nur in dieser Stadt finden kann.

Es giebt auch einen Punkt in der Nähe von Whitehall, wo ich oft stand, um mir die Kuppel der Paulskirche anzusehen, die sich mit ihren riesengroßen Umrissen in dem Nebel ganz mystisch und feenartig ausnimmt. An solchen Tagen sehe ich London am liebsten, denn sie lassen die Stadt noch größer erscheinen, als sie eigentlich ist, und geben ihr das Ansehn einer unendlichen Wildniß von menschlichen Wohnungen, menschlichen Interessen und Leidenschaften.

Viele Ansichten von den Brücken aus sind noch überraschender, obgleich Paris hierin wieder den Vorzug hat. Neulich besuchte ich einen Bekannten, ein Mitglied von der Admiralität, und fand ihn in Somerset-House, dessen Fenster die Themse beherrschen. Der Tag war klarer als gewöhnlich, und mein Wirth zeigte mir einige Blicke, welche die Windungen des Flusses, die edlen Brücken, die Felder von Dächern und Schornsteinen mit dem Hintergrund der grünenden Hügel von Surrey umfaßten, die man in der That für eine Stadt schön nennen mußte. Dennoch sind es die ewige Bewegung, der Reichthum, die endlosen Linien der Straßen, die Plätze und Parks, und nicht die Ansichten, welche London charakterisiren. Es giebt hier noch eine andere Eigenthümlichkeit, die man während des größten Theils des Jahres empfindet; ich meine die kalte Trockenheit des Wetters, die so sehr mit dem Comfort und dem Behagen in den englischen Häusern contrastirt. Von dem letztern findet man zwar vielleicht hier nicht mehr als bei uns; doch ist von dem erstern so viel hier, daß die Teppiche, die Kohlenfeuer und alle häuslichen Einrichtungen dadurch im Preise bedeutend steigen. Wie man gewöhnlich den besten Ackerbau in den Ländern mit dem unwirthbarsten Klima, und die geistreichsten Erfindungen bei Menschen trifft, die unter Umständen leben, welche sie am meisten zur Anstrengung ihrer Geisteskräfte auffordern: so verdankt das englische Behagen in den Häusern seine Entstehung dem großen Mißbehagen außerhalb derselben.

Von dem Klima weiß ich nicht ein günstiges Wort zu sagen. In Amerika haben wir sehr heißes und sehr kaltes Wetter; vier Monate im Jahre sind durch die eine oder andere dieser Ursachen entschieden unangenehm, obgleich man die Kälte, die gewöhnlich trocken ist, ganz wohl ohne schädliche Folgen ertragen und sich auch dagegen schützen kann; auch ist sie auf andere Weise anregend und gesund. Die übrigen acht Monate sind von einer Beschaffenheit, daß sie in Bezug auf Klima von keinem Theile Europa's, den ich besuchte, übertroffen, ja fast kaum erreicht werden. Ich möchte unser Wetter in Newyork etwa auf folgende Weise eintheilen. Zwischen November und März findet man vielleicht im Ganzen einen unangenehmen, kalten Monat; zwischen März und Mai abermals einen Monat mit unangenehmem Wetter; zwischen Mai und October fünf oder sechs Wochen erschlaffendes oder heißes Wetter; dann aber hat es mit dem schlechten Wetter ein Ende; denn der übrige Theil des Jahres ist bei der gehörigen Abwechselung der Jahreszeiten gut zu nennen.

Es ist die Frage, ob England sich so viel guten Wetters rühmen kann. Ich bin überzeugt, daß es eines langen Aufenthaltes und vielfältiger Vergleiche bedarf, um über ein Klima richtig zu urtheilen; und vielleicht lassen sich die Reisenden in keiner Sache mehr durch ihr eigenes Gefühl täuschen, als in dieser. Wenn ich jedoch nach den Berichten derjenigen, die das Klima kennen, und nach meiner eigenen Erfahrung urtheile, so glaube ich, der Fremde würde nur im Ganzen vier Monat herausfinden, während welchen ihm das Wetter nicht unangenehm scheinen möchte.

In Bezug auf den Frühling in England habe ich mich sehr geirrt. Ich sage nicht, daß er nicht besser wäre als der Frühling unserer nördlichen Provinzen, – denn nichts kann daselbst übler sein als er; – der Frühling in London kommt mir nur viel weniger angenehm vor als der, welchen wir in Paris verlebten, obgleich auch er durch das verdorben wurde, was die Franzosen » la lune rousse« nennen. Es giebt zu jener Zeit schöne Blumen, ein saftiges Grün und herrliches Laubwerk in den Parks; doch sind der Tage äußerst wenige, an denen man sich dieser Dinge freuen könnte. Das englische Wetter scheint mir die Feuchtigkeit der Seeluft, ohne dabei ihre stärkende Eigenschaft zu haben. Es ist zu oft rauh, durchdringt Herz und Mark, und läßt das Gefühl menschlichen Elendes zurück. Dem neapolitanischen Cicerone ist die Empfindung, welche das Wetter in England einflößt, sicher unbekannt.

In Paris rückt das Jahr schneller und graziöser vor; man findet daselbst drei Monat immerwährenden Fortschreitens, ungestörter Ruhe und einer ununterbrochenen Steigerung des Entzückens, bis man alle Grade der Vegetation zwischen Knospe, Blüthe und Blatt genossen hat. Bei uns sind die Verwandlungen zu rasch; in England werden sie von einem Wetter begleitet, das stets eine Rückkehr des Winters fürchten läßt.

Der Juni ist der eigentliche Monat für diesen Theil von Europa. Die Pariser loben ihren Herbst, doch hält er keinen Vergleich mit dem unsrigen aus. Was diese Insel anbetrifft, so sollte sie eigentlich zwischen October und Januar gar nicht bewohnt sein. Die Natur hat mich mit einer Fröhlichkeit und heitern Laune begabt, die sich nicht so leicht durch irgend eine Kleinigkeit stören lassen; doch bin ich bei gewissem Wetter in den Straßen dieser Stadt umhergegangen, und mir war zu Muthe, als müßte jeder Mensch mit Fingern auf mein verdrießliches Gesicht zeigen.

Um die jetzige Zeit laden das Grün und die Bäume der Parks fortwährend zum Spazierengehen ein; und dennoch vergeht kein Tag, wo man nicht lieber wünschte, sich im warmen Sonnenschein ergehen zu können. Dennoch ziehe ich bis zum Monat Mai den englischen Frühling dem unsrigen vor; alsdann aber wird es bei uns besser. Herr M' Adam, der siebzehn Jahre in Amerika zubrachte, sagte, er habe in Newyork häufig gefroren, in England hingegen sei er fast erfroren. Der Unterschied ist, was die schlechte Jahreszeit der beiden Länder anbetrifft, bezeichnend.

Da sich die Stadt an den Parks hinzieht und so viele Plätze enthält, so ist es möglich, von irgend einem Wohnsitz in Westminster zwei bis drei englische Meilen weit zu fahren oder zu reiten, ohne auf Steinpflaster zu gerathen, und fast ohne das Grün aus dem Gesicht zu verlieren. Ein Jeder darf den Hyde-Park zu Pferde oder zu Wagen betreten, Mieth- und Postwagen ausgenommen. Gewöhnlich ist dies der Ort, wo man Luft schöpft. Es ist kaum nöthig anzuführen, daß zu gewissen Zeiten die Welt keinen zweiten Ott bietet, an welchem sich so viel Schönheit, Geschmack und Pracht vereinigt finden, wie hier. Equipagen mit vier Pferden habe ich jetzt jedoch seltener gesehen als in meiner Jugend. Ich glaube, die Sucht, mit solchen Dingen Aufwand zu treiben, hat sich in England gemindert.

Die Straße um den Regents-Park scheint Allen offen zu stehen; den St. James-Park dürfen jedoch nur die Privilegirten zu Wagen oder zu Pferde betreten; den Andern ist nur der Besuch zu Fuß gestattet. Der Green-Park ist nur für Fußgänger, denn er ist eigentlich nichts mehr als ein ausgedehnter Spielplatz für Kinder. Die Kensington-Gärten können von jedem anständig Gekleideten betreten werden.

Die Parks stehen unter Oberaufsicht der Krone, und das Privilegium, den St. James-Park zu Pferde oder Wagen besuchen zu dürfen, wird sehr gesucht. Gleich allen andern Dingen, die exclusiv sind, bemühen sich die Leute sehr, dies Vorrecht zu besitzen. Neulich wurde mir erzählt, Lord –, der in Folge seiner hohen Geburt viel wichtige Staatsämter im Ministerio verwaltet hat, dürfe nicht durch den St. James-Park fahren, wenn er sich nach dem Parlaments-Hause begiebt, oder wenn er dasselbe verläßt, weil er zu stolz sei, um diese Gunst zu bitten, und diejenigen, welche über dieses Recht verfügen, zu selbstsüchtig und engherzig seien, um es ihm unerbeten zu gewähren. Dies ist jedoch die Geschichte der Gunstbezeugungen durch die ganze Welt; der kriechende Schmeichler gewinnt sie stets, während diejenigen, welche sich auf ihre Dienste verlassen, übersehen werden, bis die Leute ihrer bedürfen, welche die Macht in Händen haben.

Man erzählt sich hier eine Geschichte, daß man einem Manne von Ansehn, der dies Privilegium nachgesucht, dasselbe verweigert habe; der Freund, durch welchen er diese Erlaubniß zu erlangen gesucht, soll ihm die Antwort überbracht haben, »es sei unmöglich, für ihn die Erlaubniß zu erlangen, durch den Park zu fahren oder zu reiten; er könne ihn jedoch zum irischen Pair erheben lassen, wenn er dies wünsche.«

Als ich mich eines Tages mit einem Freunde erging, der in diesen Dingen sowohl als in Sachen von höherer Bedeutung eine Autorität ist, erzählte er mir folgende Anekdote, indem er mir den Helden der Geschichte dabei zeigte:

Es ritt eine Gesellschaft durch den Hyde-Park, von denen Alle die Erlaubniß hatten, durch den St. James-Park zu reiten bis auf Einen. Der Ausgeschlossene verwettete zwanzig Guineen, daß er durch den Platz der Garde zu Pferde, – den Ort, wo die Unprivilegirten angehalten werden, – gelangen wolle, während die Uebrigen aufgehalten werden sollten. Die Wette wurde angenommen; er betrat mit den Privilegirten das verbotene Terrain und blieb bei ihnen, bis sie sich den Garden zu Pferde ziemlich genaht hatten. Hier ritt er vorauf, und flüsterte der Schildwache ins Ohr, »keiner von den ankommenden Herren habe das Recht, den Park zu betreten; sie beabsichtigten jedoch, unter falschen Namen zu passiren, und er rathe ihm daher, auf seiner Hut zu sein.« Der Soldat merkte sich dies, ließ den Schelm vorbeireiten, und hielt natürlich die Andern an.

Es ist nicht leicht, die Wirkung zu berechnen, welche diese Ausschließlichkeiten auf ernsthaftere Dinge üben. Der Nationalcharakter leidet durch dergleichen Privilegien. Die Fremden sagen, und ich glaube mit Recht, dies System habe bereits den englischen Ton verdorben; denn es macht die Eingebornen unempfindlich gegen die Ansprüche der Menschlichkeit und ganz besonders gegen die Verpflichtung der Gastfreundschaft.

Mir ist erzählt worden, daß Madame –, die Frau des amerikanischen Gesandten, in einer Gesellschaft durch eine Dame von Stande einst von einem Ehrenplatz verdrängt wurde; denn diese sagte, obgleich die Frau des Gesandten am Hofe privilegirt sei, so fände doch dies hier in der Privatgesellschaft nicht statt. Alle Ausschließlichkeiten, die sich nicht auf Geschmack und Gesinnung gründen, machen ein Volk unhöflich und gemein; denn sie unterdrücken nur immer die Masse, ohne die Privilegirten zu heben. Ich habe selbst bemerkt, daß eine englische Dame von Stande ihre Kleider über einen Stuhl breitete, als – und – sich ihr näherten, um sie zu verhindern, neben ihr Platz zu nehmen.

»Waren Sie in der letzten Hofgesellschaft?« fragte mich Sir – vor vierzehn Tagen. Ich war nicht dort gewesen. »Es war in der That sehr klug von Ihnen; denn es sind jetzt so wenig Gesellschaften dieser Art, daß das Gedränge unglaublich war. Viele waren genöthigt, stundenlang in ihren Wagen zu warten, und Viele sahen sich gezwungen, zu Fuß anzukommen und wieder eben so nach Hause zu gehen.«

Ich entgegnete, man habe mir erzählt, dies Gedränge hätte vermieden werden können, wenn man durch die weniger angefüllten Zimmer gegangen wäre.

»Sie meinen, durch den Privat-Eingang. – O! das ist ein Privilegium, welches man nur mit den größten Schwierigkeiten erreichen kann. Lady –, die diesen Weg einschlug, hatte ihren ganzen Einfluß aufzubieten, um durchzukommen; und so etwas darf man ohne einen ganz lächerlichen Grad von Gunst nicht wagen.«

»Unser Chargé sagte mir,« entgegnete ich, »wenn ich hinginge, so wollte er mich durch einen Privat-Eingang mitnehmen, den das diplomatische Corps hat. Sie werden sich erinnern, daß ich vorgestellt werden sollte.«

»Ah – richtig! auf diese Weise würde es wohl gegangen sein.« Und er sah einen Fremden höchst neidisch an, der ein so kleines Vorrecht genießen sollte.

Es giebt eine diplomatische Tradition, nach welcher unsere Gesandten sich bei ihrer Regierung über die schlechte Behandlung beklagt haben sollen, welche ihren Frauen bei Hofe zu Theil geworden; und es ist eine Anekdote über die Art und Weise im Umlauf, wie sich Herr Jefferson gerächt haben soll. Man kann sich nicht leicht die Art und Weise vorstellen, wie es ein Gesandter anfangen möchte, um sich an der Gesellschaft zu rächen; vielleicht müßte er seine Familie nach Paris senden, wo diese ganz bestimmt gute Lebensart antreffen würde; von hier aus müßte er die Gesellschaft um Erlaubniß bitten, sie dann und wann zu besuchen; man würde alsdann die Ursachen dieses Betragens schon merken. Eine Vernachlässigung von Seiten des Hofes müßte jedoch auf der Stelle gerügt werden. Wenn bei einer solchen Gelegenheit schriftliche Vorstellungen nicht ausreichten, so müßte der Gesandte sogleich um Abberufung bitten, und der Regierung seine Gründe dafür angeben. Trüge sich ein solcher Fall einmal ganz klar und deutlich zu, so dürfte unsere Regierung künftig keine Gesandtschaft mehr an diesen Hof schicken, weil sie von keinem Bürger verlangen könnte, seine Familie in irgend einem Lande zu exponiren; und die Sache wäre alsdann ein für allemal abgethan.

Wenn es irgend ein Volk auf der Erde giebt, welches auf diese Weise verfahren könnte, so ist es das unsrige; denn wir sind über alle Furcht erhaben, wir bedürfen der Gunst nicht, und können keine Belohnung annehmen. Keine Nation war jemals der That nach so unabhängig wie die unsrige; wollte der Himmel, sie wäre es auch der Gesinnung nach! Wenn sich ein Fall dieser Art zutragen sollte, so würde die handeltreibende Classe einen Schrei ausstoßen, besorgt, daß ihr Handel darunter leiden möchte; – die Regierung würde sich wahrscheinlich dadurch schrecken lassen, und man würde vielleicht die Ehre der Republik preisgeben, obgleich alle Kräfte der Nation bereit sind, dieselbe aufrecht zu halten. Dennoch sind die Ehre und die Politik eines Landes unzertrennlich.

 

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