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Engel mit Vergangenheit

Renate Franken: Engel mit Vergangenheit - Kapitel 1
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typefiction
authorRenate Franken
titleEngel mit Vergangenheit
publisherPabel
seriesJuwel
volume24
correctorreuters@abc.de
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Engel mit Vergangenheit

Renate Franken

... schrieb diesen packenden Roman

Die junge Architektin Birgit Sanders war von allen Damen, die zur Einweihung seines neuen, mit allem erdenklichen Luxus ausgestatteten Hauses von dem Fabrikanten Erich Geiger und dessen Frau eingeladen worden waren, zweifellos die attraktivste Erscheinung.

Der Hausherr tanzte den ersten Tanz mit ihr. Ein paarmal drückte er sie fester an sich, als notwendig war, was sie jedesmal veranlaßte, mit einer geschickten Bewegung zurückzuweichen.

»Sie sehen toll aus, Fräulein Sanders«, flüsterte er dicht an ihrem Ohr, an dem lange goldene Ohrringe schaukelten, »wäre ich nicht verheiratet, dann ...«

Wieder mußte sie zurückweichen, aber er sprach unbeirrt weiter. »Ihretwegen würde ich mich sogar scheiden lassen.«

Sie lachte.

»Oh, Herr Geiger, es stimmt, was man von den Männern sagt, daß in allen ein Kind steckt. Ein kleiner Junge, der seinen geliebten Teddybären wegwirft, weil ihn ein anderes Spielzeug reizt, das er aber sehr rasch wieder fallen läßt, um nach seinem Teddybären zu greifen.«

»Teddybär?« fragte Herr Geiger gedehnt und machte ein verdutztes Gesicht, seine Augen suchten nach seiner Frau.

Birgit Sander lachte hellauf.

»Herr Geiger, was denken Sie jetzt?« fragte sie belustigt, »der Vergleich hinkt, wie alle Vergleiche.«

»Das erleichtert mich ungemein«, gab er heiter zurück und dann wieder drängender: »Meine Frau ist zwar nicht so unwahrscheinlich grazil wie Sie, aber immerhin ...«

»Kein Teddybär«, versuchte die Architektin das Gespräch auf einer harmlosen Ebene zu halten.

Die Band, die zum Tanz aufspielte, brach ihr Spiel jäh ab. Birgit fühlte sich erlöst und meinte munter:

»Sagen Sie, Herr Geiger, gibt es an Ihrer wunderbaren Hausbar auch einen schlichten Orangensaft zu trinken?«

»Fräulein Sanders«, Geiger war förmlich entsetzt, »Sie werden doch nicht Abstinenzlerin sein?«

»Bestimmt nicht, aber der Abend hat ja erst begonnen. Und im Augenblick verlangt es mich, wenn es nicht zu unbescheiden ist, nach Orangensaft.«

Sie erreichte, was sie wollte, Herr Geiger bemühte sich höchstpersönlich, ihr den gewünschten Fruchtsaft zu besorgen.

Sie nützte die Gelegenheit, sich in einer der mehr dekorativen als behaglichen Sitzecken der riesigen Wohnhalle inmitten anderer Gäste nieder zu lassen. Hier war sie vor dem verliebten Hausherrn sicher.

Seine hübsche, lebenslustige, wenn auch nicht übermäßig intelligente Frau schlug gerade eine Polonaise durch Haus und Garten vor.

»Die beste Gelegenheit, dem staunenden Volk die neue Pracht zu zeigen«, raunte Birgit ihrem Kollegen, dem Architekten Jörg Niedeck zu, der schmunzelnd nickte.

»Genau. Darf ich Sie bei der Polonaise führen, Fräulein Sanders?«

»Von keinem der hier versammelten Herren lieber, als von Ihnen«, gab sie mit entzückender Offenheit zurück.

»Wir machen das Schlußlicht«, meinte Jörg Niedeck augenzwinkernd, »es ist so hübsch, wenn die ganze Gesellschaft an uns vorbei defiliert.«

»Spötter«, lachte Birgit Sanders, »Sie wollen ja doch nur lästern.«

»Das ist eine Unterstellung, gegen die ich mich heftig und mit aller Energie verwahren muß.«

Leichtfüßig schritt sie neben ihm her, über die Terrasse hinunter in den parkartigen Garten, in dessen schon herbstlich müden Bäumen bunte Lampions schaukelten, von einem lauen Wind bewegt.

Niedeck war stehengeblieben, seine Augen umfaßten im sanften Halbdunkel die gertenschlanke Frau, deren ebenmäßige Figur durch den in der Taille eng anliegenden und dann glockig ausschwingenden Kasack wundervoll zur Geltung kam.

Mit einem raschen Blick auf die vor ihnen Schreitenden, die gerade hinter einer Wegbiegung verschwanden, beugte, sich Niedeck schnell über Birgit Sanders und küßte sie. Für einen Augenblick lagen seine Lippen fest auf ihrem Mund.

»So schön sind Sie, daß ...« Er vollendete nicht. Er schaute sie nur mit einem ausdrucksvollen Lächeln an.

Birgit Sanders lachte ganz leise auf und sagte dann, die jähe Unruhe, die sein Kuß in ihr ausgelöst hatte, bezwingend:

»Jetzt werde ich es wohl glauben müssen.«

»Wenn nicht, dann müßte ich die Beweisführung wiederholen.« Auch seine Stimme klang nicht so ruhig wie sonst.

Es wurde ein rauschendes Fest, so, wie man in Kreisen, wo nur das Geld regierte, zu feiern verstand. Es gab die köstlichsten Delikatessen, man trank echten Champagner und harte Drinks und tanzte. Je weiter die Zeit vorrückte, desto ausgelassener wurde man.

Birgit Sanders und Jörg Niedeck hatten sich wieder zusammengefunden, nachdem Birgit dauernd hatte tanzen müssen.

Jetzt standen sie beide, von einer dekorativen Gruppe hoher Blattpflanzen verborgen, und schauten den grotesken Verrenkungen der Tanzenden zu.

»Köstlich! Überwältigend komisch«, amüsierte sich Birgit.

»Komisch, vielleicht, köstlich, nein«, erwiderte Niedeck angewidert. »Lassen Sie uns heimgehen, Fräulein Sanders. Die Leute sind so voll des süßen Weines und so sehr vom Tanz besessen, daß man sogar Sie nicht mehr vermissen wird. Es wäre schade um jede Minute, die Sie hier noch verschwenden.«

Da war er wieder, der etwas strenge, harte Ton, in dem er oft zu sprechen pflegte, wenn ihm etwas nicht behagte oder wenn er bei der Planung eines neuen Bauprojektes gerade einen harten Kampf mit dem Chef ausgefochten hatte.

»Sie haben recht, gehen wir, es ist nicht mehr schön.«

»Wo haben Sie Ihren Wagen?« erkundigte er sich, als sie auf der stillen Straße standen und atmete in tiefen Zügen die frische Nachtluft ein.

»Vorsichtshalber daheim gelassen, ich möchte meinen Führerschein nicht riskieren«, lachte sie, »Ich kam mit einem Taxi.«

»Und ich habe vorsichtigerweise nur wenig getrunken, seit zwei Stunden überhaupt nichts mehr. Also bitte.«

Er hatte sie zu seinem Wagen geführt, schloß auf und half ihr beim Einsteigen.

»Morgen bin ich den ganzen Tag mit dem Chef wegen des Rathausneubaus außerhalb. Es ist auch nicht abzusehen, wann wir zurückkommen werden. Aber übermorgen ist Sonnabend. Hätten Sie übermorgen am Abend Zeit?«

»Übermorgen?« Sie tat, als müsse sie überlegen, dann erwiderte sie zustimmend: »Nein, es liegt nichts vor, übermorgen bin ich frei.«

»Wunderbar. Ich freue mich.«

Er hielt vor ihrem Haus, das tief versteckt in einem großen Vorgarten lag. Ein großes Fenster war noch erhellt.

»Papa arbeitet noch«, sagte sie. »Er bevorzugt die Nachtstunden.«

»Was tut eigentlich Ihr Vater?« erkundigte er sich interessiert, während er ihr die Haustür aufschloß.

»Er ist Psychologe. Und zur Stunde arbeitet er an einem Buch über Tiefenpsychologie.«

»Aber Sie befassen sich doch hoffentlich nicht mit Seelenanalysen?«

Sie lachte leise.

»Fänden Sie das schlimm?«

»Jedenfalls fühlte ich mich nicht sehr wohl bei einer Frau, die mit psychologischem Scharfblick Seelen analysiert.«

»Dann kann ich Sie beruhigen, zu Papas größtem Bedauern habe ich mich nie für Psychologie interessiert«, gab sie heiter zurück. »Er hätte mich gern dafür eingespannt, aber ich wurde Architektin.

Er lachte erleichtert auf.

»Gut so. Und nun lassen Sie sich noch einmal anschauen, noch einmal bewundern.«

Er trat einen Schritt zurück.

Ruhig blieb sie stehen. In breitem Strahl fiel das Licht des Mondes auf sie, ließ das satte Gold ihres Gewandes in weichem Schimmer leuchten, erhellte ihr schönes Gesicht.

Still genoß sie seine offen gezeigte Bewunderung als etwas ganz Neues, was sie noch bei keinem Mann erlebt hatte.

Jörg Niedeck trat auf sie zu, nahm ihr Gesicht in beide Hände.

»Sie sind bezaubernd.«

Er neigte sich über sie und küßte ihren Mund, ihre Augen und ließ seine Lippen noch einmal auf ihrem weichen Mund ruhen, gab sie dann rasch frei.

»Übermorgen«, sagte er, tiefaufatmend. »Ich freue mich darauf.«

Dann wandte er sich ab und fuhr schnell davon.

Sie ging ins Haus. Einen Spaltbreit hielt sie die Tür noch offen, um ihm nachzuschauen.

Am nächsten Morgen erschien ihr das Erlebte wie ein unwirklicher Traum. Die Nacht war kurz gewesen, und Birgit hatte unruhig geschlafen. Während sie sich eiskalt duschte, um frisch zu werden, dachte sie mißmutig: Welche Schnapsidee von diesen Geigers, Ihre Einweihungsfeier auf einen Donnerstag zu verlegen, wo kein Mensch ausschlafen kann.

Später, als sie sich am Zeichenbrett abmühte, die genau begrenzte Quadratmeterzahl einer Vierzimmerwohnung für den sozialen Wohnungsbau so einzuteilen, daß kinderreiche Familien, für die diese Wohnungen vorgesehen waren, sich darin wohlfühlen konnten, irrten ihre Gedanken immer wieder ab.

Sie fühlte sich gefangen von der starken Persönlichkeit Jörg Niedecks, von der Art, wie er ihrer Schönheit huldigte und zugleich von ihr Besitz ergreifen wollte, und lehnte sich dennoch dagegen auf. Sie war ein sehr modernes Mädchen und skeptisch.

Man muß abwarten, wie es weitergehen wird, dachte sie und griff zum Zeichenstift.

Kein Zweifel, Jörg Niedeck war wunderbar und eigentlich genau so, wie man sich einen Mann wünschte.

Etwas moderner sollte er sein, wenigstens im Beruf, denn da würde er sonst scheitern. Aber vielleicht könnte man ihn etwas zurechtbiegen? Die Frau, die er liebte, würde auch Einfluß auf ihn haben.

Der fabelhaft aussehende Jörg Niedeck mit den hellen, klugen Augen, dem etwas strengen, aber sehr offenen Gesicht, der, trotz seiner unzeitgemäßen Anschauungen in seiner äußeren Erscheinung so männlich und durchaus modern wirkte, hatte ihr auf den ersten Blick gefallen. Und jetzt mehr denn je zuvor.

Es lohnte sich, dachte sie und spürte wieder die dunkle Erregung, die er in ihr ausgelöst hatte. Es lohnte sich wirklich, eine kluge Frau würde etwas aus ihm machen können.

Birgit war klug. Sie war die Tochter eines Psychologen, von dem sie mehr gelernt hatte, für dessen Arbeit sie sich mehr interessierte, als sie Jörg Niedeck zugegeben hatte.

Sie lächelte vor sich hin.

Es kann sehr schön werden zwischen uns, Jörg Niedeck.

Am Sonnabendvormittag kaufte sie sich das rehbraune Herbstkostüm mit dem Ozelotkragen, mit dem sie schon tagelang geliebäugelt hatte und immer wieder von dem Preis zurückgeschreckt war, obwohl sie als Tochter eines begüterten Vaters nicht ängstlich rechnen mußte. Dieses Modell war sagenhaft teuer, aber auch bezaubernd schön. Aufregend schön, zusammen mit der langärmeligen Georgettebluse, die am Hals mit einer großen Schleife gebunden wurde, und durch das leuchtende Orange ihre brünette Schönheit wirkungsvoll hervorhob.

Daheim fand sie Post vor. Unter anderem einen Brief von Dieter Wendling. Gut, daß er in Argentinien weit vom Schuß war.

Es war der erste Brief, den er ihr von drüben schrieb; ein bißchen verliebt, ein bißchen witzig und viel Sport. Gut so. Mochte er drüben Wolle für seine Kammgarnspinnerei einkaufen, reiten und Polo spielen, sich bei glühender Hitze auf den Tennisplätzen herumtreiben und, sofern ihn seine Geschäfte nicht auf einsamen Farmen festhielten, das Nachtleben von Buenos Aires genießen.

Dieter Wendling?

Sie schüttelte den Kopf, als sie den Brief wieder in den Umschlag steckte. Nein, sein Geld lockte sie nicht. Es reizte sie wirklich nicht, die Luxusfrau zu spielen, ihr Ehrgeiz ging in eine andere Richtung. Sie liebte ihren Beruf.

Birgit stand auf und ging zum Kleiderschrank, wo das neue Kostüm hing. Sie zog es noch einmal an, um sich erneut zu bestätigen, was sie schon wußte, daß sie schön darin aussah.

Jörg Niedeck hatte kurz Signal gegeben und stand wartend neben seinem Wagen, als sie abends herunterkam. Die Straßenlampe warf ihr helles Licht auf sie, als sie ihm lächelnd die Hand reichte.

»Wie schön Sie wieder sind, war ich denn bisher blind?« fragte er heiter und fuhr fort: »Ich habe mich den ganzen Tag auf den Abend gefreut und mich geärgert, daß wir uns nicht schon für den Nachmittag verabredet hatten. Bei dem wunderbaren Herbstwetter hätten wir noch hinausfahren können.«

»Ich habe die Sonne im Garten im Liegestuhl genossen und herrlich gefaulenzt.«

»Das hätte ich ahnen sollen«, bemerkte er und fuhr an. »Ich habe zwar dasselbe getan wie Sie und faul im Garten gelegen, aber mich abwechselnd über meine Faulheit geärgert, weil ich eigentlich in meinem Garten hätte arbeiten müssen.«

»Sie haben einen eigenen Garten?«

»Ja. Wußten Sie nicht, daß ich in meinem Elternhaus wohne?«

»Nein. Ich hatte keine Ahnung. Ich glaubte, Ihre Eltern lebten in einer anderen Stadt.«

»Meine Eltern leben nicht mehr. Ich habe den größten Teil der einst hochherrschaftlichen Villa vermietet und hause in der ersten Etage. Aber wohin wollen wir fahren? Was haben Sie für Wünsche, Fräulein Sanders?«

Sie überlegte kurz.

»Wäre es unbescheiden, wenn ich gern nach Schloß Waldhausen fahren würde?«

»Keineswegs. Es ist eigentlich genau das, was ich auch möchte«, lachte Niedeck und beschleunigte die Fahrt, denn das Schloßhotel lag zwanzig Kilometer von der Stadt entfernt.

Das Barockschloß, einst fürstlicher Besitz, ausgestattet mit kostbaren alten Möbeln, Gemälden und Teppichen, spiegelte noch den Glanz vergangener Zeiten wider. Schon beim Betreten des Vestibüls fühlte man sich in eine andere Welt versetzt.

Hinter einem Brokatvorhang verborgen war die Garderobe untergebracht. Niedeck nahm Birgit Sanders die Kostümjacke ab und trat dann einen Schritt zurück.

»Kann es möglich sein, daß Sie heute noch schöner sind als vorgestern?« fragte er und fügte sofort hinzu: »Dieses Orange ist wahnsinnig. Es sollte verboten sein, Sie werden allen Männern die Köpfe verdrehen.« Sie lachte, während sie mit leichter Hand vor dem Spiegel ihr Haar ordnete, was höchst überflüssig war, denn die schlichte Hochfrisur, die sie heute trug, saß tadellos und schmiegte sich weich um ihren Kopf.

»Herr Niedeck, es sollte verboten sein, daß ein Mann solche Komplimente macht, denn schließlich kann man auch damit Köpfe verwirren.«

»Das sollte mir nur recht sein.«

Sie fielen auf. Die Menschen, die dort schon saßen und speisten, betrachteten mehr oder weniger diskret das elegante Paar, vor allem die schöne Frau.

Sie fanden einen Platz an der Balustrade, einige Stufen höher, liegend als der große Speisesaal. Das matte Licht der Stehlampe wurde überstrahlt durch den fünfarmigen Silberleuchter, in dem Kerzen flammten. Goldgelbe Rosen schmückten den Tisch.

Leise gab Niedeck dem Kellner seine Anweisungen.

Der Schildkrötensuppe folgten köstliche Seezungefilets in Weißwein mit Champignons, danach kam Rehmedaillons mit Kastanien und vielerlei Zuspeisen; als Dessert eine Eisbombe, über die der Ober mit feierlicher Geste Kognak träufelte, den er anzündete.

»Wundervoll«, sagte Birgit, »die Lösung des schwierigen Problems ist Ihnen restlos gelungen. Ich bin von Ihrer Menschenkenntnis überwältigt, Herr Niedeck.«

»Ihr Lob beglückt mich«, lachte er, »aber angesichts der berühmten Küche des Hauses hätte ich schon ausgesprochen Pech haben müssen, wenn ich das Problem nicht gelöst hätte. Es sei denn, Sie hätten eine Abneigung gegen Fisch und Wild gehabt.«

»Ich werde mich hüten, mich um derlei Genüsse zu bringen. Ich liebe alles, was gut und schön ist.«

Sie tranken einander lächelnd zu.

Er knüpfte an ihre letzten Worte an und sagte, etwas ernster als zuvor: »Bei Ihrem ausgesprochenen Gefühl für alles, was gut und schön ist - es bezieht sich ja nicht nur auf die Tafelfreuden -, verstehe ich nicht ganz, daß Sie sich als Architekt für die modernen Scheußlichkeiten begeistern können. Da ist ein Widerspruch.«

»Finden Sie?« wich sie aus.

»Ja«, gab er unumwunden zu. »Schauen Sie sich diesen Raum, dieses ganze Schloß an, das Werk eines Baumeisters, der vor ein paar Jahrhunderten gelebt hat und ohne die Hilfsmittel arbeiten mußte, die uns Heutigen zur Verfügung stehen. Und schauen Sie sich dagegen unsere Betonklötze an. Aber«, er lächelte leicht, »ich glaube, der heutige Abend ist zu schön, um Fachgespräche zu führen. Dazu werden wir uns ein andermal zusammensetzen müssen.«

In leichten, unproblematischen Gesprächen verging der Abend.

Hatte Birgit Sanders sich schon bei der Einweihungsfeier des Geigerschen Hauses gewundert, wie leicht und schwerelos ihr älterer, sonst meist sehr ernster Kollege sich geben konnte, so wunderte sie sich heute noch mehr über die geistvolle und von köstlichem Humor durchsetzte Unterhaltung, die er mit ihr führte.

Sie sprach es offen aus.

»So, wie ich Sie bisher bei unserer Arbeit erlebte, sind Sie für mich kaum wiederzuerkennen, Herr Niedeck. Ich hielt Sie für ziemlich schwerblütig.«

»Schwerblütig, nein«, erwiderte er, »das bin ich nicht. Allerdings halte ich das Leben für eine recht ernste Angelegenheit und genieße deshalb frohe Stunden besonders intensiv. Vor allem aber pflege ich zwischen Beruf und Privatleben einen scharfen Trennungsstrich zu ziehen.«

Sie schaute ihn aufmerksam, mit verborgenem Forschen an und fragte langsam, tastend:

»Und der Trennungsstrich wurde immer eingehalten?«

Sein Blick war nicht weniger forschend, als er ernst fragte:

»Sollten Sie nicht bemerkt haben, daß dieser Trennungsstrich unterbrochen wurde?«

Birgit Sanders, diese selbstsichere Frau, fühlte sich in Verlegenheit versetzt. Sie wußte nicht, was sie antworten sollte und versuchte durch einen Scherz das Gespräch wieder auf eine leichtere, unverfängliche Ebene zu bringen.

Ein warmer Nachtwind, unwahrscheinlich warm für die Jahreszeit, umfing sie, als sie das Schloßhotel später verließen. Dunkel, aber von unzähligen Sternen übersät, wölbte sich der Himmel über ihnen.

Arm in Arm gingen sie zum Parkplatz.

In Birgit Sanders war eine ungeheure Spannung, ein drängendes Sehnen.

Sie hoffte und ersehnte seine Zärtlichkeit. Als sie am Wagen stand, während er aufschloß und Unruhe sie zittern ließ, fragte er besorgt:

»Ist Ihnen kalt?«

Und dann griff er nach ihrem kleinen Pelzkragen, schlug ihn hoch und hüllte ihre Wangen darein.

»Ist es besser so?« fragte er weich.

Sie nickte stumm.

Und Jörg Niedeck fuhr.

In mäßigem Tempo, aber unentwegt fuhr er hinunter in die Stadt, fuhr durch den verschwiegen rauschenden Wald, dessen welke Blätter sacht zu Boden taumelten.

Birgit Sanders fühlte sich grenzenlos enttäuscht.

Warum hielt er nicht an?

Warum nützte er seine Stunde nicht?

Ihr Stolz regte sich.

Sie brach das Schweigen.

»Sie haben mir gar nicht erzählt, ob sich der Chef vor dem Gemeinderat mit seinem Plan durchgesetzt hat. Man machte ihm da doch große Schwierigkeiten.«

»Ach, dieser Neubau«, antwortete er, sich mühsam auf ihre Frage konzentrierend, »Heller setzte sich nach hartem Kampf durch. Wann täte er das nicht? Aber lassen Sie uns doch jetzt nicht davon sprechen. Dazu ist dieser Abend, nein, es ist ja schon Nacht, zu schön. Schauen Sie, jetzt kommt der Mond hervor. Vielleicht ist es heute die letzte Nacht, die an den Sommer erinnert, vielleicht beginnt schon morgen der Herbst. Aber trotzdem ...«

Er sprach nicht weiter.

Fest und warm spürte sie seine Hand.

Sie hätte fragen mögen: Warum nützt du diese Nacht nicht?

Statt dessen zog sie vorsichtig ihre Hand zurück und zündete sich eine Zigarette an.

Ihre Enttäuschung wandelte sich in Zorn.

Was dachte sich Jörg Niedeck?

Trotz der zarten Zärtlichkeit, die in seinem Händedruck lag, fühlte sie sich zurückgewiesen.

Sie kannte die Männer, aber nicht den Mann, der sich bewahrte, wie Jörg Niedeck, der sich Zeit ließ.

Nicht einen Augenblick kam ihr der Gedanke, daß es noch Männer gab, denen die rasche Erfüllung ihrer Wünsche nichts bedeutete, sondern wertlos für sie war.

Und ebenso wenig dachte sie daran, daß es ein Zeichen seiner besonderen Achtung vor ihr war, wenn er sie nicht als leichte Beute begehrte. Während der letzten Wegstrecke sprach er manchmal und wies sie auf besondere Schönheiten der nächtlichen Landschaft in ihrem Wechselspiel von Licht und Schatten hin.

Er ging mit ihr durch den Gärten des elterlichen Hauses.

»Der Papa arbeitet noch«, meinte er lächelnd mit Blick auf die erleuchteten Fenster im Obergeschoß.

Wie vorgestern schloß er ihr die Tür auf.

»Dank für diesen Abend, Birgit«, sagte er weich.

Seine Hände umschlossen ihr Gesicht. Er küßte sie.

Sie hätte ihn zurückstoßen mögen und konnte es nicht.

Sie überließ sich seinem Kuß. Und als er sie in den Arm nahm, lehnte sie sich weich zurück. Noch einmal spürte sie seine festen Lippen. Dann schob er sie sanft ins Haus.

»Gute Nacht, Birgit.«

Sie verschloß die Tür und lehnte sich ermattet dagegen.

Jörg Niedeck war ein Rätsel für sie.

Und morgen war Sonntag.

Weshalb hatte er für morgen keine Verabredung mit ihr getroffen? Sie verstand das nicht.

*

Jörg Niedeck stieg in dieser Nacht noch in den Keller und holte sich eine Flasche Wein herauf.

Im dunklen Zimmer, bei weitgeöffneter Balkontür, saß er und dachte über seine so jäh erwachte Zuneigung zu Birgit Sanders nach.

Er suchte die Gefährtin, aber er ließ sich Zeit.

Zweiunddreißig Jahre war er alt. Die meisten seiner Freunde waren verheiratet, einige waren schon geschieden und einige hielten als Familienväter treu und brav aus.

Solche Ehe wollte Jörg Niedeck nicht.

Birgit Sanders.

Er sprach ihren Namen leise vor sich hin, hob das Glas und trank.

Sie war so schön, wie er sich seine Frau erträumte.

Und sie war klug, wie seine Frau sein sollte.

Sie hatte andere Ansichten als er, und auch das war gut.

Sie war so fraulich, so weich, so schmiegsam, auch wenn sie sich mühte, das zu verbergen.

Am anderen Morgen war der Himmel von dicken Wolken überzogen. Sie legten sich schwer über das Land und verhießen Sturm und Regen.

Jörg Niedeck ging nach dem Frühstück hinunter in den Geräteschuppen. Es wurde höchste Zeit, den Garten für den Winterschlaf vorzubereiten, bald würde der erste Frost kommen. Aber vorher mußten die verwelkten Sträucher weg, mußten alle die Zwiebeln gesetzt werden, die im Frühling zu prächtigen Blumen wurden.

Er war in bester Stimmung, die Arbeit tat ihm gut.

Er dachte an Birgit Sanders. Vielleicht, ja, vielleicht half sie ihm im nächsten Jahr, den Garten in Ordnung zu bringen.

Ob sie wohl Freude an Gartenarbeit hatte?

Er hielt inne und überlegte.

Er war seiner Sache nicht ganz sicher, als er sie in ihrem goldenen Abendanzug vor sich sah. Aber in ihrem weißen Arbeitsmantel sah sie aus, als könnte es ihr Freude machen, kräftig zuzupacken.

Jörg Niedeck arbeitete im Garten und erdachte Häuser, die er bauen wollte.

Jörg Niedeck vernichtete, was unfruchtbar und welk geworden war und hatte dabei gute, fruchtbare Ideen.

»Jörg, du verrücktes Huhn, am Sonntag arbeiten?«

Er schaute auf und sah in lachende Gesichter.

»Gerd, Inge, wo kommt ihr her?« fragte er verblüfft.

»Komische Frage«, lachte die junge Frau, »natürlich von zu Hause. Seit Wochen kam kein Anruf, kein Brief, wie hätten wir ahnen können, daß du hier so beschaulich gärtnerst.«

»Ließ ich so lange nichts von mir hören?« überlegte Niedeck laut.

Sein Freund lachte.

»Falls es dir entgangen sein sollte, uns fiel es auf. Und so beschlossen wir, einen heiligen, einem Arzt besonders heiligen Sonntag zu opfern um zu sehen, ob du noch lebst. Aber wie ich feststelle, bist du noch sehr lebendig. Gartenarbeit ist erfreulich und gesund.«

»Und vor allem ist euer Besuch erfreulich«, lachte Niedeck. »Seid nicht böse, wenn ich mich so lange, wie ihr behauptet, nicht meldete, aber weiß der Kuckuck, wo die Zeit bleibt. Und herzlichen Dank, daß ihr euch um mich armen Junggesellen kümmert.«


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»Gerd, er gibt mal wieder scheußlich an«, fiel ihm Inge Haffner ins Wort. »Armer Junggeselle! Könnte schon lange verheiratet sein, Weib und Kind haben, wenn er nur wollte.«

»Inge, höre auf! Du willst mich mit aller Gewalt ins Unglück stürzen!« verwahrte Niedeck sich lachend.

»Unglück?« Frau Inge warf ihm einen strafenden Blick zu und wandte sich an ihren Mann. »Gerd, bist du unglücklich?«

»Inge«, Haffner lächelte listig, »das ist eine Gewissensfrage.«

»Armer Gerd!« lachte Niedeck. »Da hast du es, Inge. Dein Mann kneift. Wo habt ihr übrigens eure Landplagen?«

»Landplagen?« Inge tat sehr erbost, aber ihre Augen funkelten vor Vergnügen, »die sitzen noch ganz brav draußen im Wagen und warten auf das Wiedersehen mit ihrem guten Patenonkel Jörg. Einem Rabenonkel.«

»Mache mich nicht schwärzer als ich bin, Inge. Laß die Landplagen 'reinkornmen. Schokolade habe ich immer im Haus.«

»Gerd, hole sie. Und Eva ...«

»Wer ist Eva?«

»Meine Kusine«, erklärte die junge, temperamentvolle Frau mit Nachdruck. »Ein Mädchen, um das sich die Männer reißen.«

»O Inge«, Niedeck lachte laut und herzlich, »ich höre die Nachtigall trampeln.«

»Inge, für die diplomatische Laufbahn bist du völlig ungeeignet«, lachte auch ihr Mann.

Trotzdem sah Niedeck dem Mädchen Eva mit einiger Spannung entgegen. Birgit Sanders war in diesem Augenblick vergessen.

Die Zwillinge kamen, angetrabt, Jörg und Hannes, und geführt vom Vater, die kleine Doris, die gerade erst Laufen lernte; und dahinter das Mädchen Eva. Lichtblond, die Augen von einem unwahrscheinlich tiefen Blau, und einem Teint, so hell, daß er zu leuchten schien. Bildhübsch, dachte Niedeck im stillen, während er sie begrüßte.

Kurze Zeit später saß die kleine Gesellschaft gemütlich beim Kaffee an dem runden Tisch in Niedecks Wohnzimmer. »Etwas eng«, meinte Frau Inge, »aber gemütlicher als in deinem sogenannten Speisezimmer. Jörg, das Zimmer ist eine Krankheit, gräßlich, diese kalte Pracht. Wie hältst du das bloß aus?«

»Sehr gut, Inge, ich benütze die kalte Pracht ja nicht. Aber weshalb bietest du uns nichts Besseres als Kaffee und dieses kümmerliche Gebäck, von dem kein Mensch satt wird. Im Kühlschrank stehen ...«

»Ja, im Kühlschrank stehen Dosen in jeder Menge, sehr lobenswert, deine Vorratswirtschaft, und wenn du auch genügend Brot im Hause hättest, müßtest du jetzt nicht Keks futtern. Aber ganze drei Scheiben Brot und ein trockenes Brötchen.«

»Höre auf, Inge, ich gebe mich geschlagen«, lachte Niedeck, »aber ich war auf eure Invasion nicht vorbereitet. Vielleicht kann ich dich versöhnen, wenn ich euch zum Mittagessen ins Gasthaus einlade. Den Kuchen für den Nachmittagskaffee holen wir uns dann in einer Konditorei, denn euer Nachwuchs wird kaum zweimal in einer Gaststätte still sitzen wollen.«

»Ein Vorschlag, der wohlwollend angenommen wird«, stimmte die junge Frau zu.

»Wann soll zum Essen gegangen werden?« mischte sich Eva Steiner ins Gespräch, deren warme, dunkle Stimme in überraschendem Gegensatz zu ihrem lichten Äußeren stand.

»Du kannst vorher noch deine Freundin besuchen«, entschied Haffner, »da du dich nicht angemeldet hast, triffst du sie jetzt mit größerer Sicherheit an.«

»Sie haben eine Freundin hier am Ort?«

»Ja«, lachte Eva und schaute ihn verschmitzt an, »sie wohnt Ihnen genau gegenüber.«

»Spaßig«, lächelte Niedeck, »in welchem Haus? Mir ist hier eigentlich nie ein junges Mädchen aufgefallen. Allerdings achte ich auch kaum auf die Nachbarschaft.«

»Na warte, das wird sich ändern«, lachte Haffner. »Jetzt kommt frischer Wind in eure vornehme, überalterte Gegend. Du wirst dich bald über den fröhlichen Lärm eines Kindergartens freuen können.«

»Wie, ein Kindergarten?«

Niedeck fragte es ganz erschrocken.

»Ja. Und haargenau gegenüber von dir. Das muß dich doch freuen, Jörg«, lachte Haffner schadenfroh.

Seine Frau und Eva stimmten lustig ein, als sie sein unzufriedenes Gesicht sahen.

»Das kann ja heiter werden«, meinte Niedeck dann. »Wie soll ich bei dem Kindergeschrei arbeiten können?«

»Aber du arbeitest doch nicht hier.«

»Und abends sind ja die Kinder, von denen Sie scheinbar schreckliche Angst haben, nicht da, Herr Niedeck. Da können Sie Ihre beschauliche Ruhe genießen«, neckte ihn Eva Steiner mit leichtem Spott.

»Sind Sie etwa Kindergärtnerin?«

Niedeck fragte es in einem Ton, der unleugbar mißtrauisch klang, und die anderen laut auflachen ließ.

»Sie scheinen eine starke Abneigung gegen Kindergärten und die Menschen, die damit zu tun haben, zu haben, Herr Niedeck«, gab Eva amüsiert zurück. »Aber selbst auf die Gefahr hin, Ihnen nun sehr unsympathisch zu sein, muß ich sagen, daß ich Kindergärtnerin bin. Und zwar mit dem größten Vergnügen.«

»Ich habe ja nicht das geringste gegen Kindergärten und Kindergärtnerinnen«, gab Niedeck nicht sehr überzeugend zurück, »aber können Sie mir verraten, weshalb ausgerechnet in dieser Straße ein Kindergarten eröffnet werden soll?. Hier, wo fast nur alte Leute wohnen?«

Eva Steiner lachte, während Haffner und seine Frau belustigt dem Gespräch folgten.

»Vermutlich sind Ihnen sehr wesentliche Veränderungen entgangen und Ihre Nachbarn nicht so alt, wie Sie glauben. Als meine Freundin das Haus drüben von ihren Großeltern erbte, hat sie sich sehr genau informiert, bevor sie sich dazu entschloß, hier einen Privatkindergarten aufzumachen. Es kamen mehr Anmeldungen, als sie annehmen konnte. Aber es wird jetzt höchste Zeit, daß ich gehe, sonst können wir kaum ein bißchen miteinander schwatzen, meine Freundin und ich.«

»Dann bitte ich nur, Ihrer Freundin nicht zu sagen, daß ihr Etablissement nicht meinen vollen Beifall findet.«

»Kein Wort. Ehrensache!« Zur Bekräftigung legte Eva ihren Zeigefinger vor ihren Mund und eilte lachend hinaus.

Einen Augenblick herrschte Schweigen.

Dann fragte Frau Inge mit listigem Augenzwinkern:

»Nun, Jörg, wie gefällt dir mein Kusinchen?«

»Inge, so etwas fragt man doch nicht«, meinte ihr Mann kopfschüttelnd, und Niedeck lachte.

»Sie ist reizend. Sehr hübsch, frisch und natürlich. Aber sie ist ja schließlich auch deine Kusine.«

»Diese faustdicke Schmeichelei sollte mir ja glatt eingehen, Jörg, wenn ich dich nicht zu gut kennen würde. Du willst dich elegant aus der Affäre ziehen.«

»Und du bist schrecklich, Inge«, stöhnte Haffner. »Jörg, entschuldige, ich kann nichts dafür, daß sie so ist. Ich habe das nicht geahnt, als ich sie heiratete. Die Ehe ist ja immer ein Risiko.«

Neugierig kamen jetzt die Zwillinge herbei, sie hatten sich bisher stillvergnügt mit Onkel Jörgs Büchern, unter denen viele Bildbände waren, amüsiert.

»Ihr lacht aber doll«, meinte der kleine Hannes.

Sein Vater fuhr ihm zausend durchs Haar.

»Die Mutti hat eben einen Spaß gemacht.«

»Mutti ist immer lustig«, stellte Hannes fest und wandte sich mit seinem Zwilling wieder den Büchern zu.

Niedeck war ernst geworden.

»Du meinst es gut, Inge, und unter Freunden soll man auch offen sprechen können. Vielleicht habe ich den Anschluß schon etwas verpaßt, heute ist man mit zweiunddreißig als Mann meist verheiratet. Aber nicht jeder hat das Glück, gleich die Richtige zu finden. »Wer schöpferisch tätig sein will, muß etwas gesehen haben. Nun, ihr wißt, wie ich herumzigeunert bin, die Zeit verging dabei. Ich möchte sie nicht missen, diese Freiheit war herrlich. Aber nun?« Er schaute die Freunde ernst an, »Nun will mir das Alleinsein nicht mehr behagen. Vielleicht überrasche ich euch bald mit einer Verlobungsanzeige.«

»O weh«, seufzte Frau Inge drollig, »ich sehe einen schönen Traum ins Wasser fallen.«

»Noch sind die Würfel nicht gefallen, Inge. Aber Ehen sollen ja bekanntlich im Himmel geschlossen werden, man kann da nichts beeinflussen wollen.«

Man sah es ihr an: Frau Inge hätte zu gern etwas über die Frau gewußt, mit der Niedeck sich vielleicht verloben würde, aber ein ernst mahnender Blick ihres Mannes hielt sie davon ab.

Eva Steiner kam kurze Zeit später zurück.

Angeregt erzählte sie, wie eifrig ihre Freundin damit beschäftigt sei, ihren Kindergarten einzurichten.

»Sie hat sich sogar einen Architekten gedingt«, lachte sie schelmisch, »allerdings die Konkurrenz von Ihnen, Herr Niedeck. Es werden einige bauliche Veränderungen und auch sanitäre Einrichtungen notwendig, aber es wird wunderschön sein, wenn sie erst fertig ist. Ich könnte sie um ihre Selbständigkeit beneiden.«

»Gelüstet es Sie so sehr nach Selbständigkeit?« fragte Niedeck und schaute das schöne Mädchen forschend an.

»Welche Frau möchte heute nicht selbständig sein?« antwortete sie mit einer Gegenfrage.

Ihre schönen Augen hielten seinem Blick mit ruhigem Selbstbewußtsein stand.

»Sie üben einen sehr weiblichen Beruf aus, bei anderen Frauen würde ich eher verstehen ...«

»Daß sie selbständig sein wollen?« unterbrach ihn Eva lebhaft. »Aber Herr Niedeck, gerade in meinem Beruf muß man sehr selbständig sein. Ganz abgesehen davon, daß ich Kinder sehr liebe, finde ich es herrlich, völlig frei arbeiten zu können, ohne ständig von einem Chef oder was weiß ich für Leuten kontrolliert zu werden.«

»Mir scheint, ich werde meine Vorstellungen von einer Kindergärtnerin stark korrigieren müssen«, meinte Niedeck lächelnd, und Frau Inge erklärte energisch:

»Aber bitte nicht jetzt, Jörg, sonst falle ich vor Hunger um.«

»Also dann los, es wäre nicht zu verantworten, ließe ich meine Gäste vor Hunger umkippen«, lachte Niedeck, und die junge Frau rief nach ihren Söhnen und war entsetzt.

»Hanns! Jörg! Ihr verflixten Gören, wie seht ihr aus?«

Die Zwillinge waren über Niedecks Flaschen mit farbiger Tusche geraten und hatten sich fürchterlich beschmiert.

»Da ist guter Rat teuer«, meinte Haffner und packte seine Lausbuben an den Ohren, »jetzt hättet ihr ja eine Tracht Prügel verdient.«

»Davon werden sie auch nicht sauber«, fiel Niedeck ihm rasch ins Wort.

»Allerdings kann man sich mit diesen Schmierfinken wirklich nicht zeigen. Halt, ich hab's, wir wechseln uns ab. Für die Kinder bringen wir das Essen mit. Also, Inge, los, du warst so hungrig.«

»Gute Idee, Jörg, die Kinder hier abzufüttern. Aber fahre du zuerst mit Eva.«

»Wäre es nicht besser, ich helfe dir bei der Säuberungsaktion, Inge?« wandte Eva ein.

»Danke, Mädchen, damit werde ich allein fertig. Ich finde es hübscher, wenn wir in Herrenbegleitung zum Essen gehen. Los, Jörg, freue dich, mit einer hübschen, jungen Dame ausgehen zu können. Ihr löst uns dann hier ab, bringt irgendwas für die Kinder mit, aber keine Leckereien, die haben sie nicht verdient.«

Lachend ging Niedeck mit Eva Steiner davon.

»Im Augenblick finde ich es nicht unangenehm, noch Junggeselle zu sein«, meinte er vergnügt, als sie nebeneinander im Auto saßen. »Eine Familie kann doch sehr anstrengend sein.«

Seine Augen waren auf die Straße gerichtet, während er sprach. Bei seinen letzten Worten schaute das Mädchen ihn verstohlen prüfend an.

Während sie in dem vornehmen Restaurant zusammen saßen, freute sie sich im stillen, daß sie durch die beiden kleinen Schmierfinken allein mit Niedeck sein konnte. Nie hätte sie sich so gut mit ihm unterhalten können, wenn sie mit der ganzen Haffner-Familie hier gesessen hätten.

»Der Lausbubenstreich der beiden Rangen war gar nicht so übel. Mit den Kindern hätten wir nicht so geruhsam essen und uns obendrein noch gut unterhalten können, meinen Sie nicht auch?«

»Im Augenblick bin ich geneigt, den Junggesellenstandpunkt zu vertreten«, erwiderte sie lustig.

Unbemerkt von Niedeck fuhr auf der anderen Straßenseite ein Auto vorüber. Die Dame am Steuer hatte Niedeck schon von weitem erblickt und verlangsamte unwillkürlich ihre Fahrt, schaute sehr interessiert seine hübsche Begleiterin an.

Birgit Sanders Stirn krauste sich, ihre Lippen preßten sich fest zusammen. Im Rückspiegel sah sie noch, wie Niedeck der jungen Dame ritterlich beim Einsteigen half.

Zweifellos war er mit ihr in der Weinstube gewesen, hatte mit ihr dort gegessen.

Am nächsten Tag regnete es in Strömen, ein kalter Wind fuhr peitschend durch die Straßen, zerrte die letzten Blätter von den Bäumen.

»Nun?« erkundigte sich Birgit Sanders lächelnd, ohne ihre starke Spannung spüren zu lassen. »Haben Sie gestern tüchtig gearbeitet und Ihren Garten winterfertig gemacht?«

»Leider blieb ich in den Anfängen stecken. Ich bekam Besuch«, erwiderte er etwas eilig. »Jetzt muß ich buchstäblich auf gut Wetter warten. Aber Fräulein Sanders, sind zufällig meine Pläne für das Bürohaus bei Ihnen gelandet? Ich hatte sie dem Chef gegeben, und jetzt verlangt er sie von mir.«

»Bedaure, Herr Niedeck«, erwiderte sie im dienstlichen Ton, »bei mir sind die Pläne auch nicht. Aber vielleicht schaut der Chef mal in seinem Wagen nach. Im Kofferraum fand sich schon oft ...«

Birgit Sanders schaute sinnend auf die Tür, die sich ziemlich unsanft hinter ihm geschlossen hatte, dann zündete sie sich eine Zigarette an und begann zu rauchen.

Hatte er die Arbeit in seinem Garten nur vorgeschoben, weil er Besuch, Damenbesuch, erwartete und ihr das nicht sagen wollte, oder war die Dame überraschend gekommen?

Seit gestern wurde sie von Mißtrauen und Eifersucht gequält und wurde eben noch darin bestärkt, weil er so flüchtig von seinem Besuch sprach, und völlig offen ließ, um was für einen Besuch es sich gehandelt hatte.

Ihr Stolz lehnte sich gegen den dienstlichen Ton auf, in dem er mit ihr gesprochen hatte, als habe er nie ein zärtliches Wort für sie gefunden. Als habe er sie nie geküßt.

Sie sprang auf und trat unruhig ans Fenster.

Wie soll ich mich jetzt ihm gegenüber verhalten, fragte sie sich gequält.

Sie konnte sich diese Frage nicht beantworten, das Telefon riß sie aus ihren Gedanken.

Ein Handwerksmeister wollte mit ihr sprechen. Sie mußte sich auf ihre Arbeit konzentrieren.

Der Mann war erbost, einem Bauherrn und dessen Frau gefielen plötzlich die teuren englischen Tapeten, die er für sie hatte bestellen müssen, nicht, und sie behaupteten, andere ausgesucht zu haben.

»Gut«, gab sie rasch zurück, »sagen Sie den Herrschaften, daß ich sofort komme. Ich habe mir ja die Musternummern auch notiert, also keine Sorge, Herr Weller, die Sache bringen wir in Ordnung.«

Sie atmete erleichtert auf, als sie den Hörer auf die Gabel legte und sich rasch anzog. Nichts konnte ihr in diesem Augenblick lieber sein, als aus der Enge ihres Arbeitszimmers herauszukommen und von ihren Sorgen abgelenkt zu werden.

Während des ganzen Tages bekam sie Jörg Niedeck kaum und nie allein zu sehen.

Das war durchaus nicht ungewöhnlich, aber heute neigte sie in ihrem Argwohn dazu, zu glauben, daß er Ihr bewußt auswich.

Sie tat ihm Unrecht, Niedeck wurde an diesem Montag von seiner Arbeit derart getrieben, daß für private Gedanken kein Raum, blieb. Selbst beim Mittagessen war er nicht allein. Er mußte mit einigen Herren essen und dabei mit ihnen über ein großes Bauprojekt sprechen. Abends mußte er den Chef bei einer Sitzung vertreten und anschließend an einer Zecherei teilnahmen.

Spät in der Nacht kam er heim.

Todmüde legte er sich ins Bett.

Birgit, vor dem Einschlafen dachte er an sie, Birgit, ich glaube, ich war heute nicht nett zu dir, flog es ihm flüchtig durch den Sinn, dann fielen ihm die Augen zu.

Am nächsten Morgen war sein erster Gang zu ihr.

Birgit Sanders stand schon an ihrem Zeichenbrett und schien so vertieft in ihre Arbeit zu sein, daß sie ihn etwas abwesend anschaute, ehe sie seinen Gruß erwiderte.

»Birgit, ich fürchte, ich war gestern gar nicht nett. Doch«, wehrte er ihren Versuch, zu widersprechen ab, »ich kam nur mal zu Ihnen angerast, und der übrige Tag war reinweg verhext. Ein typischer Montag, wo alle Leute sich stark fühlen und sofort in die Tat umgesetzt sehen wollen, was sie während des Wochenendes ausgebrütet haben.«

»War es gestern so schlimm?« fragte sie und lächelte, innerlich sehr erleichtert.

»Gräßlich«, er schüttelte sich leicht, »als Krönung des Tages mußte ich nach einer langen Besprechung noch mit einigen Herren, die das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden wollten, bechern. Und heute erwartet mich auch ein reichhaltiges Programm, das sich durch außerplanmäßige Ereignisse noch sehr erweitern kann. Aber wenigstens eine Zigarettenlänge möchte ich mir bei Ihnen sichern, bitte!« Er faßte nach ihrer Hand, nahm ihr den Zeichenstift fort und schob sie zu ihrem Schreibtischsessel. »Sie können nachher zeichnen, soviel Sie mögen, ich werde Sie leider nicht noch einmal stören können.«

Sie lachte. Unter seinem zärtlichen Blick verlor das Mädchen, mit dem sie ihn am Sonntag gesehen hatte, an Bedeutung.

»Was finge der Chef ohne Sie an? Er spannt Sie ja wirklich mehr als erlaubt ist ein.«

»Das hat er die längste Zeit getan. Ich habe zum Jahresende gekündigt und ...«

»Wie, Sie haben gekündigt?« fiel sie ihm lebhaft und voller Spannung ins Wort.

»Ja, habe ich. Nicht nur, weil mir die Arbeit hier über den Kopf wächst, sondern weil Heller und ich zu oft gegenteiliger Meinung sind und hart aneinandergeraten. Ich möchte selbständig sein.«

Birgit Sanders dachte nach und meinte dann zustimmend:

»Für Sie ist es bestimmt richtig. Ihre Arbeit hier konnte für Sie nur ein Anfang und ein Übergang sein. Aber was sagt Heller zu Ihrer Kündigung? Der Chef ...«

»Möchte Vogel Strauß spielen und den Kopf in den Sand stecken; Er bietet mir Gehaltserhöhung und sonstige finanzielle Vorteile an, aber er wird mich damit nicht halten. Wenn ich einmal einen Entschluß gefaßt und für richtig erkannt habe, bringt mich nichts mehr davon ab.«

Niedecks Gesicht wirkte in diesem Augenblick sehr streng und hart.

Da lachte er schon wieder.

»Der Chef wird sich damit abfinden müssen, daß mein Schädel mindestens so hart ist wie seiner. Aber nun sind es sogar zwei Zigaretten geworden, der Teufel hole die Hetzerei hier. Haben Sie morgen abend Zeit?« Er fragte es hastig, schon auf dem Sprung.

Sie tat, als müsse sie überlegen.

»Ich wollte eigentlich einen längst fälligen Besuch machen.«

»Dann verschieben Sie diesen Besuch noch einmal, denn morgen bin ich mit Sicherheit frei. Wie es an den anderen Tagen aussieht, weiß nur der Himmel und der Chef.«

Birgit Sanders lachte laut.

»Sie haben ein atemberaubendes Tempo, und die freie Willensäußerung anderer Menschen existiert scheinbar für Sie nicht, wie?«

»Birgit«, er hob beschwörend die Hände und schaute sie komisch verzweifelt an, »machen Sie jetzt keine Dummheiten, ich muß doch weiter. Morgen abend, ja?«

Seine Hand fuhr streichelnd über ihr Haar.

Sie schaute mit schimmernden Augen zu ihm auf.

»Also gut, morgen abend«, sagte sie leise.

An der Tür winkte er ihr noch einmal lächelnd zu, dann hörte sie draußen seinen eiligen Schritt verklingen.

Mit glücklichen Augen schaute sie vor sich hin.

Nein, sie hatte das blonde Mädchen nicht zu fürchten. Jörg Niedeck war ein Mann, der nie ein unehrliches Spiel treiben würde.

Sie sahen sich bis zum anderen Abend immer nur flüchtig. Aber das kurze Privatgespräch, das sie zum erstenmal während des Dienstes miteinander geführt hatten, hatte den Trennungsstrich endgültig durchbrochen.

Als Jörg Niedeck am nächsten Morgen sein Haus verließ, sah er auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Möbelwagen stehen.

Ein alter Herr, der sorgsam beobachtete, wie ein Klavier verladen wurde, grüßte zu ihm herüber. Niedeck ging schnell zu ihm.

»Sie ziehen aus, Herr Professor?« fragte er bedauernd. »Müssen Sie dem künftigen Kindergarten weichen?«

»Ja und nein, Herr Niedeck«, lächelte der alte Herr. »Die neue, noch sehr junge Besitzerin des Hauses hatte große Hemmungen, als sie mit uns über ihren Plan sprach und, wollte uns auf unsere alten Tage nicht vertreiben. Sie fürchtete, es würde uns schwerfallen, eine Wohnung aufzugeben, die uns viele Jahre ein Heim gewesen ist. Aber sie gab den Anstoß, einen Entschluß, den wir schon lange gefaßt hatten, endlich in die Tat umzusetzen. Für uns alte Leute ist die Wohnung viel zu groß, wir wollten uns schon immer kleiner setzen und etwas mehr Bequemlichkeit haben, aber wir drückten uns stets um den lästigen Umzug, obwohl Werner und Eberhard uns ständig drängten. Nun ist es endlich soweit. Wir müssen Fräulein Fröhlich dankbar sein, denn ohne sie hätten wir sicher noch lange gezögert.«

Eberhard und Werner! Niedeck dachte an die Gespielen der Kindheit, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Er erkundigte sich nach ihnen, sprach ein paar herzliche Worte mit dem alten Professor und ging schließlich ins Haus, um die alte Dame zu begrüßen und sich zugleich zu verabschieden.

Das junge Mädchen in den langen, dunklen Hosen, mit dem roten Pullover, dessen Ärmel sie hochgestreift hatte, wurde von ihm nicht beachtet.

Die alte Dame war etwas erregt und ein bißchen wehmütig.

»Ja, Herr Niedeck«, sagte sie lächelnd, bemüht, nichts von ihrem Abschiedsschmerz zu zeigen, »nun geht es ins Altenteil. Die große Wohnung wurde für uns allmählich zur Last. Die Neubauwohnung wird uns anfangs sehr eng vorkommen, aber wir werden uns darin bestimmt sehr wohl fühlen. Und in das alte Haus hier kommt bald frisches Leben. Ein Kindergarten. Die Kleinen werden in den großen Räumen und im Garten herrlich toben können.«

Niedeck fühlte wieder ein starkes Unbehagen. Er konnte von diesem Kindergarten nichts mehr hören, ohne an nervenzermürbendes Geschrei zu denken.

Ehe er sich zu einer Antwort aufraffen konnte, fuhr die alte Dame fort:

»Sicher kennen Sie Ihre neue Nachbarin noch nicht. Fräulein Fröhlich, darf ich Ihnen, bei dieser Gelegenheit Herrn Niedeck vorstellen? Er ist Ihr Nachbar von gegenüber. Fräulein Fröhlich ist so liebenswürdig, uns sehr tatkräftig beim Umzug zu helfen.«

Ursula Fröhlich hielt in ihrer Arbeit inne, schaute Niedeck mit zurückhaltender Freundlichkeit an und reichte ihm die Hand.

»Ich habe schon von Ihnen gehört, Herr Niedeck. Ich hoffe auf gute Nachbarschaft und - daß meine Schützlinge Sie nicht zu sehr stören, wenn sie im Sommer draußen herumtoben.«

Eine versteckte Schelmerei lag in ihren grauen, sehr ausdrucksvollen Augen, die er jedoch nicht bemerkte.

Seine Antwort klang ziemlich steif:

»Auch ich habe schon von Ihnen gehört, Fräulein Fröhlich, und ich hoffe mit Ihnen auf gute Nachbarschaft.«

Ursula Fröhlich wäre jetzt gekränkt gewesen, hätte sie nicht von ihrer Freundin erfahren, welche panische Angst dieser Junggeselle vor einem Kindergarten hatte.

Sie mußte ein Lächeln unterdrücken und wandte sich ab.

»Ich verpacke jetzt die Nachttischlampen und was sich noch im Bad befindet; dann dürfte es geschafft sein«, sprach sie zu der alten Dame.

»Wie lieb Sie sind«, erwiderte die Ältere gerührt, »ja, dann dürfte alles fertig sein.« Während Ursula Fröhlich hinauseilte, sagte sie dankbar: »Fräulein Fröhlich hat uns so tatkräftig geholfen.«

Ein komplettes Wundertier, dachte Niedeck, nachdem er nach herzlichem Abschied gegangen war, Eva Steiner hatte das Loblied auf ihre Freundin gesungen, eben hatte er es wieder gehört; soviel Vollkommenheit war ihm unsympathisch. Er schätzte supertüchtige Menschen nicht, und bei Frauen mochte er es schon gar nicht, wenn man von ihnen nicht mehr zu sagen wußte, als daß sie enorm tüchtig seien.

Er empfand regelrecht Sehnsucht nach Birgit Sanders, die zwar auch im Beruf tüchtig war, sich dabei aber ihren weiblichen Charme bewahrt hatte, die schön war und kleine Schwächen hatte, die sie reizvoll und liebenswert machten.

Er suchte Birgit sofort in ihrem Zimmer auf, blieb in der Tür stehen und schaute sie an.

»Wie gut, daß ich Sie auch anders kenne als in diesem weißen Kittel, der nach beruflicher Tüchtigkeit aussieht«, brummte er.

Bei dieser ungewöhnlichen Begrüßung schaute sie ihn verdutzt an. »Entschuldigen Sie, was haben Sie gegen berufliche Tüchtigkeit, Herr Niedeck?« fragte sie lachend.

Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und zündete sich eine Zigarette an. »Ich lernte eben meine neue Nachbarin kennen, die ein Wunder an Tüchtigkeit sein soll und...« Er berichtete kurz, mit ärgerlichem Lachen, was ihn an der neuen Nachbarin so störte.

Birgit Sanders lachte hellauf.

»Sie sind köstlich, Herr Niedeck. Die neue Nachbarin scheint ja für Sie das reinste Schreckgespenst zu sein. Dabei sind Sie höchst ungerecht. Sie vergessen nämlich, daß wir zwar im Büro sehr ruhig arbeiten, aber haben Sie schon daran gedacht, daß wir, wenn unsere Projekte in die Tat umgesetzt werden, mehr und gewaltigeren Lärm auslösen als ein Kindergarten? Und daß sich davon unzählige Menschen sehr belästigt fühlen?«

Niedeck schaute sie überrascht an. Dann lachte er herzlich.

»Gegen diese Logik ist nichts einzuwenden«, sagte er schließlich. »Ich werde mich zu gegebener Zeit daran erinnern. Also bis heute abend. Ich hole Sie um acht Uhr ab. Ist das recht?«

»Geht in Ordnung«, nickte sie lächelnd.

*

Abends einigten sie sich rasch, sich in der Weinstube Habicht zu einem guten Glas Wein zusammenzusetzen. Bewundernd schaute Niedeck seine Kollegin an, ehe sie sich setzte. Sie trug ein wollenes, mattweißes Wickelkleid, dessen einziger Schmuck eine Wollborte in sanftem Rot, Grün und Braun war, die sich vom Ausschnitt herunter bis zum Saum zog.

»Schön wie immer«, nickte er und legte seine Hand leicht auf ihre Schulter, während er ihr den Sessel zurechtschob.

Sie sprachen von seinen Zukunftsplänen. Birgit Sanders war lebhaft interessiert.

»Nun, wenn Sie schon die ersten Aufträge in der Tasche haben, kann ja nichts mehr schiefgehen. Aber wie haben Sie es nur fertiggebracht, noch für sich privat zu arbeiten? Das grenzt ja an ein Wunder, wenn ich bedenke, wie der Chef Sie einspannt.«

»Wenn, man ein festes Ziel vor Augen hat, bringt man sogar Wunder fertig«, gab er lächelnd zurück.

»Aber es sind nur Wohnhäuser, die auf Ihrem Programm stehen?«

»Zunächst ja. Die größeren Projekte kommen dann auch. Ich habe mich an einem Wettbewerb um den Bau eines großen Gemeindehauses beteiligt und stehe jetzt mit einem anderen Kollegen in der engeren Wahl. Gestern bekam ich, wenn auch noch inoffiziell, eine Information, die mich hoffen läßt, daß ich das Rennen machen werde.«

»Ich bewundere Sie, bewundere Sie restlos«, murmelte Birgit Sanders mit glänzenden Augen. »Sie müssen unerhört gearbeitet haben.«

»Das habe ich«, nickte er mit ruhigem Selbstbewußtsein. »Aber«, er schaute sie fest und prüfend an, »allein werde ich es nicht schaffen. Ich brauche eine tüchtige Hilfe. Birgit, ich dachte dabei an Sie.«

»An mich?« rief sie verblüfft und etwas erregt, während sie blitzschnell die große Chance erkannte, die er ihr bot.

»Ja«, nickte er, »an Sie. Ich könnte es mir schön vorstellen, wenn wir zusammen arbeiten würden. Ohne die wahnsinnige Hektik, die Heller für unerläßlich zu halten scheint und ohne seine krampfhaften Anstrengungen, durch ausgefallene und meist scheußliche Ideen Aufsehen zu erregen. Sie sind zwar an seine Arbeitsweise gewöhnt, aber ich bin überzeugt, Sie würden sich gern umstellen ...«

»Woraus wollen Sie das schließen?« fiel sie ihm gespannt ins Wort. Er umfaßte sie mit einem langen, guten Blick.

»Das verrät mir Ihr Schönheitssinn, das sichere Stilgefühl, mit dem Sie sich kleiden. Modisch, aber mit persönlicher Note und unter Ausnützung aller Möglichkeiten.«

Birgit Sanders spürte, wie es heiß in ihr aufstieg. Sie freute sich unbändig, sie war glücklich.

Sie konnte das Strahlen ihrer Augen nicht verbergen, sie mühte sich auch nicht darum, als sie sagte:

»Ich halte mit, Herr Niedeck. Hoffentlich überschätzen Sie mich nicht. Als Architektin habe ich bisher noch wenig zeigen können.«

»Dazu werden Sie Gelegenheit bekommen«, gab er ruhig zurück, »mir ist es sogar sehr lieb, daß Sie noch am Anfang stehen. Das erleichtert uns die Zusammenarbeit, denn Sie sollen ja meine Linie verfolgen, mit mir am gleichen Strang ziehen.«

Sie schaute ihn nachdenklich an. Ein dumpfes Unbehagen war in ihr. Ihr stark ausgeprägtes Selbstbewußtsein lehnte sich dagegen auf, für Jörg Niedeck nur Werkzeug sein zu sollen, denn darauf lief seine Forderung hinaus. Seine Linie sollte sie verfolgen, sagte er.

Sie wußte noch wenig um das, was er seine Linie nannte, nur daß er im Gegensatz zu Heller rückständig war und deshalb oft Differenzen mit dem Chef hatte, wußte sie mit Sicherheit, Und da war sie nicht immer seiner Meinung.

Er sah ihre Nachdenklichkeit und fragte ernst:

»Stört es Sie, wenn ich mir die Führung vorbehalte?« Sie schüttelte lebhaft den Kopf.

»Aber das ist doch selbstverständlich, denn«, ein schelmisches Lächeln glitt über ihr schönes Gesicht, »Sie werden ja mein Chef sein.«

Er unterbrach sie mit einem warmen Lachen und legte seine Hand fest auf ihre Rechte, die schön und schmal auf dem Tisch ruhte.

»O Birgit, ich möchte nicht Ihr Chef sein. Ich hoffe auf eine gute Kameradschaft mit Ihnen. An einem der nächsten Abende müssen Sie mich einmal besuchen, wir könnten dann schon gemeinsam überlegen, wie wir unsere künftigen Arbeitsräume einteilen werden. An Raumnot werden wir nicht leiden müssen.«

Es war ziemlich spät, als er sie heimfuhr.

Vor ihrem Haus angekommen, stellte er den Motor ab und nahm sie in den Arm.

Er küßte sie.

Als er ihren Mund freigab, fragte sie mit zärtlichem Lachen:

»Gehört das zu unserer künftigen Arbeitskameradschaft?«

»Ja. Du solltest doch inzwischen gemerkt haben, daß ich mehr will als nur eine Arbeitskameradin.«

»Es scheint so«, gab sie in betont trockenem Ton zurück, »aber wie stellt man sich das eigentlich vor?« Geschickt hatte sie die Anrede vermieden.

»Höchst korrekt«, gab er im gleichen Ton zurück, »oder hält man es für ausgeschlossen, eines Tages mit mir aufs Standesamt zu gehen?«

Im Widerspruch zu seiner Stimme standen seine Augen, deren zärtliches Leuchten sie erkannte. Und seine Hände umschlossen jetzt warm ihr Gesicht.

Sie legte die Arme um seinen Hals und schmiegte sich ganz fest an ihn, als er sie küßte.

Sie liebte diesen Mann, der so tatkräftig und zielbewußt im Leben stand und sich dennoch die Fähigkeit bewahrt hatte, um ihre Liebe einen Zauber zu spinnen, wie sie es nie für möglich gehalten hätte, denn Jörg Niedeck war nicht der erste Mann, der sie küßte.

Voller Schrecken fiel es ihr ein, zitternd lehnte sie ihren Kopf an seine Brust.

Jörg Niedeck hielt für zärtliche Anschmiegung, was wahnsinnige Angst war. Angst um ihr Glück.

Sie dachte an Michael. Kein Mensch in dieser Stadt wußte um seine Existenz. Nur ihre Eltern wußten, daß es ihn gab.

Erst hatten sie gehofft, der Vater hatte sehr energisch darauf gedrungen, daß Harald Jansen sie heiratete. Er dachte nicht daran! Dann war es ihr und ihrer Eltern Wunsch, daß das Kind nicht hier zur Welt kommen sollte. Vor allem ihre noch recht engherzige Mutter scheute sich, Bekannte und Freunde wissen zu lassen, daß ihre Tochter ein Kind bekam, dessen Vater sie nicht heiratete.

»Wenn das Kind da ist, sehen wir weiter«, hatte die Mutter damals gesagt und vielleicht sogar gehofft, daß es nicht leben würde.

Aber Michael lebte. Als Krüppel.

Das Kind kam während der ersten Jahre von einer Klinik in die andere. Wurde immer wieder operiert. Jetzt war er bereits im Schulalter. Er lebte in einem Heim.

Weder die Mutter noch sie hatten es vermocht, je über Michael zu sprechen. Und auch der Vater hielt es für richtiger, wenn das Kind, das so großer Fürsorge bedurfte, in einem Heim blieb. Er wurde nicht gern in seiner Ruhe gestört, und das kranke Kind hätte eine schwere Störung und Belastung bedeutet. Michael war in dem Heim viel besser aufgehoben, wo er auch Leidensgefährten hatte. Es war besser für ihn dort, viel besser.

Aber gerade deshalb bestand gar keine Veranlassung, von ihm zu sprechen.

Jörgs Worte enthielten einen regelrechten Heiratsvertrag. Er war übrigens bisher der einzige Mann, der sie heiraten wollte. Bei allen anderen Männern, die ihr bisher begegnet waren, hatte es stets nur zu einem Flirt gereicht.

Birgit Sanders spürte die Liebe, die ihr entgegengebracht wurde. Das war das Glück!

Sie wollte dieses Glück nicht preisgeben, sie wollte es festhalten! Sie gab sich seinen Zärtlichkeiten hin und erwiderte sie voller Inbrunst.

Als sie nach langem zärtlichem Abschied von Jörg Niedeck, erregt atmend, noch im Mantel, in ihrem Zimmer stand und ihre Gedanken zu ordnen suchte, gesellte sich zu dem Hunger nach Glück der kühl wägende Verstand, der ihr Gewissen vollends beschwichtigte.

Fast sieben Jahre war über Michael geschwiegen worden, weshalb sollte jetzt von ihm gesprochen werden? Er war doch völlig unwichtig, hatte nie eine Rolle in ihrem Leben gespielt.

Sie und ihr Vater und auch Harald Jansen, er war sogar sehr großzügig, was er sich allerdings auch leisten konnte, zahlten gemeinsam die Kosten für das Kind, dem es so gutging, wie es angesichts seines körperlichen Zustandes nur gehen konnte. Michael vermißte nichts. Weshalb also Jörg mit einer Beichte belasten, die sein Glück beeinträchtigen konnte? Es war besser für ihn, nichts zu wissen.

*

Jörg Niedeck war etwas früher als sonst und ziemlich durchfroren heimgekommen. Er hatte eine Großbaustelle, bei der mit Hochdruck mit Flutlicht gearbeitet wurde, besichtigen müssen und hatte es vorgezogen, nicht mehr ins Büro zu gehen.

Niedeck sehnte sich nach einem heißen Tee.

Er hatte gerade den Heißwasserbereiter angestellt, da klingelte es.

»Na, wenigstens sind Sie zu Hause«, sagte eine dunkle Mädchenstimme. »Ich hoffe, ich darf bei Ihnen warten, bis meine Freundin zurückgekommen ist. Hier, die Bücher gab mir Gerd für Sie mit.«

»Ah, Fräulein Steiner. Das ist eine Überraschung«, sagte Niedeck heiter.

»Oder ein Schreck in der Abendstunde«, gab das blonde Mädchen lustig zurück und betrat ungezwungen die geräumige Diele, sich leicht schüttelnd, »heute ist es ja schauderhaft kalt.«

»Dann haben Sie sicher nichts gegen einen Tee einzuwenden?«

»Wenn es Ihnen keine Umstände macht, bin ich sogar sehr dafür.«

»Im Gegenteil, ich war gerade im Begriff, mir einen zu brauen. Es ist tatsächlich unangenehm kalt geworden. Gehen Sie bitte schon ins Wohnzimmer, Sie wissen ja Bescheid, und wärmen Sie sich etwas auf. Ich komme gleich mit dem Tee.«

Wenig später saßen sie einander gegenüber, als wären sie gute Bekannte.

»Ich hatte mit Sicherheit angenommen, daß meine Freundin um diese Stunde zu Hause sein würde. Als ich mittags anrufen wollte, meldete sie sich zwar nicht, aber ich fuhr einfach los. Unser Kindergarten wurde heute geschlossen, weil die Masern grassieren.«

»Schade, daß es derartige Zwangsferien bei uns nicht gibt«, warf Niedeck lustig ein.

»Jedem das Seine«, gab Eva lachend zurück. »Dafür bleibt Ihnen ja auch der so sehr gehaßte Kinderlärm erspart. Nun, ich dachte, ich könnte mich während der Arbeitspause bei meiner Freundin ein bißchen nützlich machen, die Arbeit scheint ihr ziemlich über den Kopf zu wachsen. Andererseits stöhnt sie über das Alleinsein, sie ist ja noch völlig fremd hier, die Ärmste.«

»Es mag für sie gerade während dieser dunklen Jahreszeit nicht ganz leicht sein«, gab Niedeck zu. »Die Abende sind sehr lang, und unsere Stadt bietet nicht sehr viel.«

»Das glaube ich gern. Aber außerdem geht man als Mädchen auch nicht gern allein fort, man kommt sich dabei immer etwas verlassen vor.«

»Wie? Das sagen Sie, bei Ihrem Verlangen nach Selbständigkeit?«

»Ja«, lachte sie mit ihrer dunklen Stimme verschmitzt, »das ist eine sehr merkwürdige Sache. Wir wollen selbständig sein und sind es auch, aber da gibt es eine Grenze, an der wir steckengeblieben sind und genauso rückständig wie unsere Großmütter. Ursula, ich meine meine Freundin, und ich, wir haben darüber schon oft gelacht, kamen aber immer wieder zu dem Schluß, daß ohne Herrenbegleitung jedes Vergnügen nur halb ist.«

Sie wurde durch sein herzliches Lachen unterbrochen.

»Ich finde Ihr ehrliches Bekenntnis großartig.« Er lächelte noch immer amüsiert. »Also irgendwo werden wir Männer auch von den selbständigen Frauen noch gebraucht?«

»Lachen Sie nicht, es ist leider so«, verwies sie ihn mit heiterem Tadel. »Was zum großen Teil an den Herren liegt, die sich so gern als Beschützer anbieten, zum Teil auch an den Damen, die in Herrenbegleitung sind und jenen, die solo ins Theater oder in ein Konzert gehen, sehr deutlich ihre mitleidsvolle Überlegenheit zeigen.«

Niedeck war nachdenklich geworden.

»Ich stimme Ihnen zu, daß Ihre Argumente hinsichtlich der Grenze und der Verhaltensweise gewisser Herren und Damen ganz sicher Berechtigung haben. Nur sind mir bei allen möglichen Veranstaltungen auch Damen begegnet, die nicht den Eindruck machten, als fühlten sie sich im Alleingang gehemmt. Und da Ihre Freundin sich doch sehr mutig an eine schwierige Aufgabe wagt, nahm ich an...«

»Haben Sie Ursula Fröhlich schon einmal gesehen?« unterbrach Eva ihn lebhaft.

»Nur einmal und sehr flüchtig. Aber sie machte, als sie dem alten Ehepaar, in dessen Wohnung sie ihren Kindergarten einrichten will, beim Umzug half, einen sehr sicheren, tatkräftigen Eindruck.«

»Wie leicht Männer sich doch täuschen lassen«, meinte die blonde Eva kopfschüttelnd, »und dann wundern sie sich, wenn sie auf süße, weibliche Hilflosigkeit hereinfallen und schließlich mit einem Drachen verheiratet sind.«

»Sie haben eine geradezu niederschmetternde Art, zu überzeugen. Wir Männer schneiden dabei allerdings nicht sehr gut ab. Irgend etwas stimmt nicht mehr, aber was, das ist die Frage?«

Er war sehr nachdenklich geworden. Eva störte ihn nicht.

Sie saß gelassen in ihrem Sessel und schaute ihn nur manchmal prüfend und etwas belustigt an.

Er macht den Eindruck, als beiße er eine harte Nuß auf, dachte sie, als er so lange schwieg.

Tatsächlich hatte das Gespräch ihn angeregt, über Birgit Sanders nachzudenken. Sie war so vollkommen. Sie war beruflich enorm tüchtig und verstand, sich ausgezeichnet bei den schwierigsten Bauherrn wie auch bei den Handwerkern durchzusetzen. Und sie war so ganz weiblich, ganz Frau, bei der er immer das Gefühl hatte, sie schützen zu müssen. Er griff gedankenlos nach einer Zigarette, wurde sich bewußt, daß er nicht allein war, und lachte leise.

»Entschuldigen Sie, Fräulein Steiner, ich war eben geistig weggetreten. Aber das lag an Ihnen. Sie haben eine Art, ein Gespräch zu führen, die nachdenklich macht.« Eine fast respektvolle Anerkennung lag in seinen Worten.

Sie ging in ihrer leichten, sicheren Art darüber hinweg und erwiderte ruhig:

»Das ist kein Fehler. Ich meine, wenn man sich einmal Zeit läßt, um nachzudenken. Meist lassen wir uns treiben. Aber ich möchte doch wissen, ob sich die gute Ursula immer; noch herumtreibt oder endlich zu Hause ist«, sagte sie, sich rasch erhebend, und fragte: »Von diesem Fenster aus müßte man doch sehen, ob sie Licht hat oder ...«

Niedeck stand gleichfalls auf, schaute zum Fenster, das nur durch einen dünnen Store verhüllt war, und nickte.

»Ihre Freundin ist jetzt daheim, es brennt Licht.«

»Dann kann ich Sie ja endlich von mir erlösen«, lachte Eva froh, »womöglich ist sie schon ziemlich lange zu Hause, während ich hier...«

»Bitte, sagen Sie jetzt nicht, daß Sie mich gestört hätten«, fiel er ihr lebhaft ins Wort. »Ganz im Gegenteil, ich muß Ihnen dankbar sein. Das Gespräch mit Ihnen war so anregend, ich habe mich lange nicht mehr so gut unterhalten.«

Sie schaute ihn mit ihren hellen Augen kurz prüfend an und meinte dann lachend:

»Ich glaube, Sie meinen, was Sie sagen, Herr Niedeck.«

Er stimmte in ihr fröhliches Lachen ein.

»Genau«, sagte er dann mit Nachdruck, »und falls Sie während Ihrer Zwangsferien noch einmal ein Plauderstündchen für mich erübrigen können, würde mich das sehr freuen.«

»Gut, Herr Niedeck.« Eva ging ungezwungen auf seinen Vorschlag ein. »Ich werde mich gelegentlich melden. Oder noch besser, Sie rufen an. Vielleicht läßt sich auch ein freundschaftlicher Besuch drüben, bei meiner Freundin, arrangieren.«

»Auch das«, nickte er zustimmend. »Ich werde also in den nächsten Tagen einmal anfragen, wann ich kommen darf.«

*

Aus seinem Besuch im Haus gegenüber wurde nichts.

Er rief zwar an, aber Eva Steiner sagte ihm bedauernd, daß ihre Freundin an einer Grippe erkrankt sei.

»Ich bin froh, gerade jetzt hier zu sein, da kann ich sie doch ein bißchen pflegen. Aber ich komme noch zu einem kurzen Abschiedsbesuch zu Ihnen, ehe ich wieder abfahre.«

Mit leisem Bedauern legte er den Hörer auf. Er hätte sich gern noch einmal mit Eva Steiner unterhalten und war auch etwas gespannt, ihre Freundin kennen zu lernen. Die beiden Mädchen waren zweifellos nicht kleiner Durchschnitt, sondern hatten Niveau. Er schätzte Menschen, die über dem Durchschnitt standen.

Aber er hatte Birgit.

Birgit kam an einem dieser Abende zu ihm, scheinbar etwas scheu und gehemmt, auf keinen Fall war sie so sicher wie sonst.

Das gefiel ihm. Es schien ihm Beweis zu sein, daß sie trotz der freien, weit entfernt vom Elternhaus verbrachten Studienjahre ihre Freiheit nicht mißbraucht und nicht, wie viele Studentinnen, zwanglos ihre Kommilitonen besucht hatte.

Er fand sie bezaubernd in ihrer reizenden Verlegenheit.

Zärtlich legte er den Arm um sie. »Lieb, daß du gekommen bist, Birgit«, sagte er weich und küßte sie innig.

»Hm«, sie rieb ihr Gesicht an seiner Schulter und lächelte ihn dann an. »Ich freue mich doch auch, zu sehen, wie du lebst. Wenn ich künftig an dich denke, kann ich mir genau vorstellen, wie es bei dir aussieht.«

»Denkst du denn oft an mich, Birgit?«

»Du willst alles immer ganz genau wissen«, wich sie mit reizender Schelmerei aus, während ihre Augen ihm sagten, daß sie oft an ihn dachte. Aber rasch löste sie sich von ihm und schaute sich um.

»Also das ist die Diele. Sagenhaft, diese Raumverschwendung. In dieser Diele brächten wir eine moderne Dreizimmerwohnung unter. Aber herrliche, alte Möbel. Von deinen Eltern?«

»Ja. Und diese von ihren Eltern und die dann wieder von ihren.«

»Hör auf!« Sie lachte. »Also uralter Familienbesitz und hoch in Ehren zu halten. Hast du in den anderen Zimmern auch solche Kostbarkeiten?«

»Komm, sieh selbst.« Er schob sie durch die hohe Tür in sein Wohnzimmer.

Er freute sich, wie sie mit einer an ihr völlig neuen, kindlichen Freude bewunderte und sachkundig über die verschiedenen Stilepochen der einzelnen Möbel sprach.

Arm in Arm ging er mit ihr von Zimmer zu Zimmer.

»Jetzt verstehe ich, weshalb du neulich Budenangst hattest. In dieser Riesenetage muß sich ja ein einsamer Junggeselle ganz verloren vorkommen.«

»Ich war daran gewöhnt und habe die meisten Zimmer kaum betreten. Erst seit einer ganz bestimmten Zeit fühle ich mich hier nicht mehr wohl.«

»Und wann begann diese ganz bestimmte Zeit?«

Sie schaute ihn mit entzückender Koketterie an.

Er zog sie in seinen Arm.

»Du willst auch alles genau wissen, mein Süßes. Und noch schlimmer, du weißt es und fragst auch noch.«

Er küßte sie lange.

Birgit Sanders hatte gewußt, daß Jörg Niedeck einer alten, wohlhabenden Familie entstammte, aber auf diese Kostbarkeiten, die sie hier überall sah, war sie nicht vorbereitet gewesen. Sie hatte Mühe, ihm nicht zu zeigen, wie stark sie beeindruckt war.

»Es ist wirklich wunderschön bei dir, Jörg«, sagte sie nur und schmiegte sich wohlig in einen schweren, bequemen

Sessel, »hier kann man sich wohlfühlen.«

»Wenn du bei mir bist, ja«, sagte er zärtlich, während er auf einem kleinen Tisch den elektrischen Wasserkocher betätigte und dann sorgsam den Tee bereitete.

»Heute mache ich das noch, später mußt du mich verwöhnen«, meinte er, als er sich setzte, »und mit Tee wirst du mich jetzt versorgen. Ich denke, es genügt, wenn ich ihn aufgebrüht habe.«

Sie lachte und griff nach der Teekanne.

Birgit Sanders war nicht nur schön. Sie wußte auch, wie man Schönheit zur Geltung bringen mußte.

Ihre Haltung, Hände und Arme, waren voller Anmut und Grazie, als sie ihn hausfraulich mit Tee versorgte, ihm Gebäck auf den Teller legte, ihn fragend ansah, ob und wieviel Stückchen Zucker er wünschte, und ihm die prachtvoll geschliffene Rumkaraffe reichte und heiter sagte:

»Das muß ich nun dem Belieben des hohen Herrn überlassen, ob und wieviel Rum er in seinen Tee mischen will.«

Niedeck nahm ihr die Karaffe ab und küßte verliebt ihre Hand.

»Du bist bezaubernd, Birgit.«

Sie sah heute mädchenhaft jung aus in der weißen Georgettebluse mit den langen Ärmeln und dem winzigen runden Kragen. Er sprach aus, was er dachte.

»Du bist immer anders, Birgit. Als ich dich zum erstenmal sah, erschienst du mir sehr reif, dann, als wir das Geigersche Haus einweihten, warst du ganz die große Dame, als hättest du noch nie gearbeitet. Dann kommst du wieder sportlich, und heute bist du ein süßes, kleines Mädchen, immer bist du anders, in deinem Äußeren und in deinem Wesen. Ich glaube, wir werden uns nie langweilen, wie andere Ehepaare.«

»Das wäre ja auch schrecklich«, lachte sie. »Das hielte ich nicht aus. Aber du, Jörg«, sie schaute ihn eindringlich und zärtlich an, »bist auch nie langweilig. Ich habe noch keinen Mann erlebt, der so ist, wie du.«

Er schaute sie ernst an. Ernst und etwas unruhig.

»Sind dir schon soviel Männer begegnet, daß du diesen Vergleich ziehen kannst, Birgit?«

Sie erschrak, hatte sich aber sofort in der Gewalt und lachte.

»Aber Jörg, das sagt uns Frauen doch unser Instinkt«, erwiderte sie fast vorwurfsvoll. »Man braucht die Herren der Schöpfung doch nur zu beobachten, um zu wissen oder zu erspüren, wes Geistes Kind sie sind.«

Jörg Niedeck war sofort beruhigt.

Er zog ihren Kopf zu sich herüber und küßte sie auf die Schläfe, auf Stirn und Augen und auf den Mund.

»Ich bin glücklich, daß du auf den Richtigen gewartet hast und ich es sein soll.«

Sie streichelte ihn zärtlich.

Was sie gesagt, stimmte; denn weder Harald Jansen noch die anderen Männer, die in ihrem Leben gewesen waren, glichen Jörg Niedeck.

Ein leichtes, flüchtiges Bedauern war in ihr, daß sie ihm nicht schon früher begegnet war. Daß er nicht der erste Mann in ihrem Leben war. Aber rasch bekämpfte sie die, wie sie sich sagte, unzeitgemäße, altmodische Regung. Moderne Frauen nahmen sich das Recht, genauso nach den richtigen Partnern zu suchen, wie es sich früher die Männer als ihr ureigenstes Recht vorbehalten hatten.

Sie dachte es blitzschnell, und ebenso schnell ging sie über unangenehme Gedanken hinweg.

»Jörg, gibt es bei dir auch Musik?« fragte sie lächelnd.

»Was willst du hören?«

»Dasselbe, was du hören willst.«

Er überlegte, schaute sie prüfend an. Dann ging er zum Musikschrank, suchte unter den Platten.

Er hatte die Violinromanzen von Beethoven gewählt, die so unendlich beseelt und weich klangen.

»Gut so?« fragte er.

Sie nickte.

Sie hatte sich zärtliche Chansons erhofft, klassische Musik war ihr entsetzlich langweilig, aber sie tat, als lausche sie voller Andacht.

Sie hatten ihren Tee getrunken.

»Komm, Mädchen«, sagte Niedeck heiter, »gewöhne dich schon an deine künftigen Pflichten und hilf mir abräumen. Denn zu diesem ersten Abend, an dem du bei mir bist, gehört ein guter Wein.«

Bei den letzten Worten schwang wieder alle Liebe in seiner Stimme, die er für Birgit Sanders empfand.

Lächelnd, und behutsam trug sie mit ihm das kostbare Geschirr hinaus. Er stellte schön geschliffene Kristallgläser auf den Tisch, brachte im silbernen Kühler den Wein. Füllte sorgsam die Gläser.

Sie stießen miteinander an. Mit zartem Klingklang.

Sie schauten einander zärtlich in die Augen, tranken und küßten sich. Birgit Sanders fühlte sich wie berauscht. Nicht von dem wenigen Wein, den sie getrunken hatte, sondern von dem Mann, der sie in seine Liebe einspann wie in einen Zauber.

Dessen Leidenschaft sie spürte, nach der sie selbst verlangte, und der sich dennoch zurückhielt. Der seine Stunde nicht nützte, auch wenn es ihm schwer fiel.

Noch nie hatte sie Ähnliches erlebt.

Noch nie hatte sie ihr drängendes Sehnen verbergen müssen, umgekehrt war es sonst gewesen, ob wohl es meist wenig genützt hätte.

Er ließ jetzt voll und laut im Plattenspieler Händels Wassermusik aufrauschen, hielt ihre Hand und lauschte. Trank ihr hin und wieder zu. Und sonst?

Nichts.

Die Musik verklang, die Flasche war geleert. Und Jörg Niedeck sagte:

»Birgit, ich danke dir für diesen Abend. Es war so wunderschön, dich bei mir zu haben. Aber jetzt«, er zog sie zu sich heran, in seinen Augen war sehnendes Verlangen, »du, jetzt werde ich dich heimbringen. Am liebsten«, er raunte es dicht an ihrem Ohr, »du, am liebsten ließe ich dich nicht fort. Aber ich möchte die Sehnsucht nicht missen. Erfüllung ist so leicht, gerade heute so leicht. Und sie bringt uns doch um den vollen Genuß. Die modernen Menschen wissen nichts mehr von der Liebe. Ihnen ist rasche Erfüllung alles. Sie bringen sich um das Köstlichste. Komm, du mußt jetzt gehen.«

Birgit Sanders war erschüttert. Das hatte noch kein Mann zu ihr gesagt. Aber es hatte sie auch noch kein Mann so geliebt, wie Jörg Niedeck. Sie war weder selbstbewußt noch sicher, sie war in diesem Augenblick ein ganz junges Mädchen. Sie war hilflos und schwach und überließ sich der festen Führung des Mannes.

»Gibt es denn das noch?« fragte sie sich, als sie in ihrem Zimmer war und unruhig und, von sehnendem Verlangen erfüllt, auf und ab ging. »Gibt es denn das noch?«

Und dann meldete sich wieder ihr kühl wägender Verstand.

Sie hatte sich den Verlauf dieses Abends anders gedacht.

Sie hatte Angst vor Jörg Niedeck, der etwas in ihr sah, was sie nicht war. Sie dachte voller Skepsis an die Ehe mit ihm. Würde es nicht sehr unbequem sein, immer die Rolle zu spielen, die er ihr zugedacht hatte?

Sie waren doch so verschieden, wie Feuer und Wasser.

Ihr Verstand riet ihr, Jörg Niedeck aufzugeben. Er war im Beruf und im privaten Leben ein Phantast, ein Träumer. Er war wirklichkeitsfremd. Aber, auch das sagte ihr Verstand, er war ein wohlhabender, kultivierter Mann und wollte sie heiraten. Der erste Mann, der sie heiraten wollte.

Alle anderen, die sie bisher erlebt hatte, verstanden sich besser auf moderne Frauen. Da war nicht einer, der Skrupel gehabt hätte. Selbst Dieter, der der Erste gewesen war, nicht.

Sie hatte schöne Zeiten mit Männern gehabt. Aber einmal ...

Birgit Sanders schaute sinnend vor sich hin, einmal mußte es damit vorbei sein. Sie hatte keine Lust, einspännig durchs Leben zu gehen.

*

Es war am späten Vormittag des folgenden Sonntags, als Eva Steiner bei Niedeck anrief.

»Mein Zwangsurlaub ist beendet«, sagte sie in ihrer frischen Art, »ich bin zurückkommandiert worden. Falls Sie heute nachmittag frei sind, wären Sie uns willkommen. Andernfalls müßten wir es bei einer telefonischen Verabschiedung bewenden lassen.«

»Ich komme sehr gern«, gab Niedeck zurück.

Angesichts des trüben Wetters war er froh, Aussicht auf eine nette Unterhaltung zu haben. Die dunklen Wolken hingen so schwer vom Himmel herab, daß er sie auf dem Kopf zu spüren glaubte. Es war einer jener grauen Tage, an dem es ihm immer sehr schwer fiel, zu arbeiten.

Der Anruf wirkte wie eine Erfrischung.

Er schaute auf die Uhr und stellte fest, daß die Blumenläden um diese Stunde noch geöffnet waren. Er fühlte sich regelrecht beschwingt, als er in die Stadt fuhr, um noch ein paar Blumen zu besorgen. Ihm war zumute wie einem Schuljungen, der plötzlich frei bekommt. Gefiederte Chrysanthemen in einem zarten Rosa wählte er und ließ daraus zwei Sträuße binden.

Pünktlich um vier Uhr läutete er an der schweren, eichenen Haustür, an der sich nur noch ein Namensschild befand: Ursula Fröhlich. Er fand den Namen nett, und wenn die Trägerin dieses Namens auch so nett war ...

Er kam nicht mehr dazu, länger über Namen und Person nachzudenken, die Tür wurde geöffnet, lächelnd wurde er von Eva Steiner begrüßt.

Heiter nahm sie ihren Strauß entgegen.

»Wunderschön, diese zarten Chrysanthemen, besten Dank, Herr Niedeck. Ich werde sie heute abend mit nach Hause nehmen und mich noch lange daran freuen. Aber die Blumen hätten nicht unbedingt sein müssen.«

Auf der Treppe verhielt sie den Schritt und schaute ihn bittend an.

»Herr Niedeck, meine Freundin hat sich mit der Einrichtung des Kindergartens, dem Umbau und allem, was sonst damit zusammenhängt, doch eine ziemliche Last aufgeladen. Wenn alles fertig ist, ist es nicht mehr schwer, aber jetzt. Vor allem, weil sie hier ja völlig fremd ist. Könnten Sie sich gelegentlich ein bißchen um sie kümmern? Als guter Nachbar? Sie täten ein gutes Werk. Ich sorge mich ein bißchen um sie.«

Niedeck zögerte kurz. Dann sagte er ernst:

»Wenn es erwünscht ist und nicht als Einmischung empfunden wird, werde ich Ihrer Freundin gern behilflich sein.«

Sie lächelte ihm zu und ging weiter.

Die Diele und das Zimmer, in das er geführt wurde, erinnerten ihn etwas an sein eigenes Haus. Alles etwas kleiner als drüben, aber schöne alte Möbel und vielerlei andere Dinge schufen eine ähnliche Atmosphäre wie die, in der er lebte.

»In dieser alten Villengegend scheint die Zeit stehengeblieben zu sein«, meinte er, während er mit Eva Steiner auf die junge Hausherrin wartete.

»Ja, hier spürt man weder den Krieg und seine Bomben, noch das Wirtschaftswunder. Ah, Ursel ...«

Ursula Fröhlich streckte ihrem Gast mit einem netten Lächeln die Hand entgegen.

»Einmal haben wir uns ja, wenn auch nur flüchtig, schon gesehen, Herr Niedeck.«

»Tatsächlich sehr flüchtig«, erwiderte er, während er ihr die Blumen überreichte. »Ich hätte Sie nicht wieder erkannt, Sie sehen heute völlig verändert aus.«

»Kunststück«, lachte Ursel, »als wir uns sahen, war ich in Arbeitskluft. Aber wie schön, dieses zarte Rosa.«

Sie betrachtete bewundernd ihre Blumen und dankte.

»Zum Einstand, Fräulein Fröhlich.«

»Und wozu bekam ich meinen Blumenstrauß?« erkundigte sich Eva Steiner lustig.

»Zum Abschied.«

»Um Gründe scheinen Sie nicht verlegen zu sein«, meinte Eva heiter. »Ursel, rücke deine schönsten Vasen 'raus, damit die armen Blumen nicht länger dursten müssen. Und dann setzt du dich brav in die Sofaecke, ich mache inzwischen den Kaffee.«

Eva eilte hinaus.

Niedeck wandte sich Ursula Fröhlich zu und schaute sie forschend an. Sie war sehr zierlich und feingliedrig, und, wie er feststellte, sehr anziehend, obwohl ihr weich gerundetes Gesicht mit der Stupsnase nicht ausgesprochen schön war. Sehr schön fand er ihre klaren Augen und das seidige, dunkelblonde Haar, das zu einer kurzen Ponnyfrisur geschnitten war.

Sie hielt seinem Blick stand, ihn ebenfalls, wenn auch weniger offen, prüfend anschauend und fragte dann verschmitzt:

»Nun, sehe ich noch krank oder gesund aus, Herr Niedeck?«

Er lachte leise auf.

»Das frage ich mich, Fräulein Fröhlich, aber ich muß feststellen, daß ich mir kein Urteil erlauben kann, weil ich nicht weiß, wie sie in völlig gesundem Zustand ausschauen. Etwas blaß scheinen Sie zu sein, aber vielleicht sind Sie das immer.«

»Glauben Sie, daß man bei diesem Wetter anders als blaß aussehen kann, Herr Niedeck?«

Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt und wies ihm einen Sessel an.

»Kaum«, gab er zu, »es sei denn, man bedient sich der Höhensonne.«

Während er sprach, fiel ihm ein, daß Birgit trotz des schon lange andauernden häßlichen, sonnenlosen Wetters noch immer wundervoll braun aussah.

Folglich habe ich einen guten Grund, blaß zu sein«, setzte Ursel das Gespräch fort, »und nun Schluß mit der Grippe. Wir sind zum Glück noch nicht so alt, um uns mit Begeisterung über Krankheiten zu unterhalten. Aber da kommt der Kaffee. Wenn er so gut ist, wie er duftet, könnte er unseren Geist beflügeln.«

»Wie kannst du auch nur wagen, an der Güte meines Kaffees zu zweifeln?« entrüstete sich Eva. »Und wessen Geist muß hier beflügelt werden?«

Man klärte sie auf.

»Furchtbar einfach, der Themawechsel. Wetter und Krankheiten sind erledigt, letztere für dich de facto noch nicht ganz, mein Herz, daß du dir das ja nicht einbildest, aber nun könnten wir über das Essen sprechen, auch als Gesprächsstoff sehr beliebt.«

»Wenden wir uns also diesem Kuchen zu. Er sieht verlockend aus.«

»Meine Freundin hat ihn selbst gebacken, daher der zarte Wink, vom Essen zu sprechen. Sie will gelobt sein.«

»Dann schlage ich vor, wir sprechen über die Dankbarkeit. Finden Sie es dankbar, Herr Niedeck, wenn meine Freundin, die ich voller Hingabe und Aufopferung während schwerer Krankheit gepflegt habe, jetzt anfängt, über mich zu lästern?«

»Fräulein Steiner«, lachte Niedeck, der sich angesichts des frischen Tones, der zwischen den beiden Mädchen herrschte, köstlich unterhielt. »Sie bringen mich in Verlegenheit. Ich kann Ihnen unmöglich zustimmen. Fräulein Fröhlich ist hier Hausfrau, ist meine Nachbarin, andererseits sieht der Kuchen wirklich lecker aus, könnten wir ihn nicht probieren und uns dann überlegen, ob wir Sie loben können. Aber nein«, unterbrach er sich, »das geht auch nicht. Das klänge dann ja wirklich so, als wollten Sie gelobt werden. Also, ich halte das Thema für zu schwierig«, entschied er kurz. »Einfacher und auch interessant wäre es, wenn Sie mir etwas von dem künftigen Kindergarten erzählen würden.«

»Da kann ich Sie beruhigen«, sagte Ursel und schaute ihn spitzbübisch an. »Von dem Kinderlärm werden Sie nichts oder nur sehr wenig spüren.«

»Ah, Fräulein Steiner«, Niedeck wandte sich Eva zu, die gerade den Kaffee eingoß, »Sie haben geplaudert?«

»Sagen Sie getrost, geklatscht, denn das meinen Sie ja doch«, lachte das blonde Mädchen. »Aber ich war so sehr um Ihr Wohl und Ihre Ruhe besorgt, daß ich meiner Freundin von Ihrer Besorgnis Mitteilung machen mußte. Wir haben das Problem dann sehr eingehend untersucht und eine Lösung gefunden, mit der Sie zufrieden sein können. Der Spielplatz wird hinter das Haus gelegt, dann liegt zwischen Ihnen und den Kindern eine recht massive Schallmauer. Es werden ein paar Bäume geopfert werden müssen, aber das ist der nachbarliche Friede wert.«

Niedeck setzte hastig die Tasse ab, aus der er hatte trinken wollen.

»Auf gar keinen Fall möchte ich, daß meinetwegen ein paar von den schönen, alten Bäumen gefällt werden müssen«, sagte er mit Energie. »Ich habe das Problem Kinderlärm auch schon erwogen und eine bessere Lösung gefunden.«

»Und die wäre?« erkundigte sich Ursel gespannt.

»Ich verlege meine Arbeitsräume auf die Rückseite meines Hauses. Eine höchst einfache Sache und ebenfalls schallsicher.«

Ursula Fröhlich schien sich erleichtert zu fühlen, wie er merkte. Sicher hätte sie nur ungern die Bäume geopfert.

Jetzt kam das Gespräch leicht und gut in Fluß. Zwischendurch wurde der vorzügliche Kuchen und der nicht minder gute Kaffee heiter gelobt und dann weiter von Ursels Plänen gesprochen.

»Schade, daß es so dunkel und unten in der Wohnung kein Licht ist«, sagte Eva, »sonst hätten wir eine kleine Besichtigung machen können. Meine Freundin ist mit den Vorschlägen ihres Architekten nicht ganz einverstanden, hat aber die Ideallösung auch nicht gefunden.«

Niedeck spürte, das war das Stichwort für ihn.

»Aus kollegialen Gründen kann ich Ihrem Architekten natürlich nicht ins Handwerk pfuschen, aber als Nachbar dürfte ich Ihnen raten, wenn Sie das wollen, Fräulein Fröhlich? Ich könnte am Tage einmal hereinschauen.«

»Ach, wenn Sie das tun wollten, wäre ich Ihnen sehr dankbar. Es ist schade, daß ich nicht eher etwas von Ihrer Existenz wußte, sonst hätte ich ...«

»Vorsicht, Fräulein Fröhlich«, unterbrach sie Niedeck. »Ich weiß nicht, ob ich eine bessere oder Ihnen angenehmere Lösung finden werde, als mein Kollege, der sicher auch sehr tüchtig ist. Bei jedem Bau gibt es viele Möglichkeiten, gute wie auch schlechte. Ich weiß nur nicht«, er wurde jetzt sehr ernst, »ob sich der große Aufwand an Geld, das Sie in Ihr Unternehmen stecken wollen, auch rentiert. Vor allem ist es doch durchaus möglich, daß Sie bald heiraten. Dann haben Sie ...«

Ein doppelstimmiges Lachen unterbrach ihn.

Und dann kam es auch wieder wie aus einem Munde:

»Heiraten, Herr Niedeck?«

Er schaute die beiden Mädchen verblüfft an.

»Ja, warum sollten Sie denn nicht heiraten? Sie sind jung, hübsch, klug, Sie heiraten ganz bestimmt.«

»Nett, Ihre Wertschätzung unserer Personen«, sagte Eva lachend, »aber die Sache hat einen großen Haken.«

»Und der wäre?« erkundigte sich Niedeck gespannt.

»Mangel an Gelegenheit«, antwortete Eva trocken, und Ursel fügte hinzu:

»Sie meinen es gut, Herr Niedeck, aber auf Männerjagd zu gehen, ist nicht unser Fall. Brechen wir dieses Thema ab, es ist nicht so wichtig. Wenn wir einen Mann bekommen sollen, finden wir ihn vielleicht mal als Überraschung unterm Weihnachtsbaum. Vorläufig fühlen wir uns auch ohne Männer ganz wohl. Und vor allem haben wir durch unseren Beruf auch Einblick in viele Ehen, und was wir da manchmal erleben, ist nicht gerade verlockend. Einen Ehepartner zu finden, ist vielleicht nicht einmal so schwierig, aber auch den richtigen zu finden, das ist das große Kunststück. Oder das große Glück. Man kann es nicht erzwingen, es ist ein Geschenk.«

Ihr ausdrucksvolles Gesicht war sehr ernst.

Auch die lebhafte Eva war still, und Niedeck schwieg nachdenklich. Er dachte, daß er Birgit ohne große Schwierigkeiten gefunden hatte, aber wurde ihm mit ihr auch das Glück geschenkt? Würde sie, nicht nur jetzt, sondern immer die Richtige für ihn sein?

Eva brach den Bann.

»Du hast so schön gesprochen, Ursel, daß wir nun alle zutiefst erschüttert sind«, sagte sie betont lustig. »Und damit dürfte die Diskussion abgeschlossen sein, wir haben nichts mehr hinzuzufügen.«

Mit kühnem Schwung gab Niedeck dem Gespräch eine andere, weniger persönliche Richtung.

Als er gegangen war, sagte Ursel spontan:

»Es war eine gute Idee von dir, Herrn Niedeck einzuladen. Der Nachmittag war doch sehr unterhaltsam, nicht wahr?«

»An Gesprächsstoff hat es jedenfalls nicht gefehlt. Aber ich wußte, daß Niedeck dir genau so gut gefallen wird, wie mir. Von der Sorte laufen nicht mehr viel herum.«

»Kaum.« Ursel deckte den Tisch ab.

»Vor allem wird er dir sicher manchen guten Tip geben können, und das halte ich für sehr wertvoll. Aber nun, Kleine, möchte ich rasch noch etwas Herzhaftes futtern und dann abbrausen.«

»Du wirst mir sehr fehlen«, sagte Ursel, als sie die Freundin zum Abschied herzlich auf die Wange küßte.

Sie kam sich sehr verloren vor, als sie die Haustür abschloß und es so still, so beklemmend still in dem großen Haus war, sie hatte das bisher nie so stark empfunden, wie heute.

*

Niedeck war noch so angeregt von dem so unterhaltsamen Nachmittag, daß er Birgit von seinem Besuch bei den beiden Freundinnen erzählte.

Sie hatte ihm mit sehr gemischten Gefühlen gelauscht.

Jetzt fragte sie lächelnd:

»Jörg, ich muß doch wohl nicht eifersüchtig werden? Wenn ich dazu neigte, würde es jetzt schlimm für mich.«

Er lachte herzlich.

»Dazu besteht nicht die geringste Veranlassung, Birgit. Das weißt du auch sehr genau«, er griff nach ihrer Hand und drückte sie fest, während er sie liebevoll ansah, »und du wirst sicher nichts dagegen haben, wenn ich mich über ein hübsches und nettes Mädchen freue. Der Mann, der behauptet, das nicht zu tun, lügt oder ist ein ausgemachter Dummkopf. Stimmt's?«

»Genau«, lachte Birgit. »Man soll sich über die Schönheit freuen, wo immer sie einem begegnet.«

»Ja«, nickte er, während sein Gesicht sich entspannte, »eifersüchtige Frauen sind mir ein Greuel. Sie sind entweder seelisch nicht gesund oder kleinlich. Du, Birgit, bist großzügig.«

»Weißt du das so genau?« unterbrach sie ihn lebhaft.

»Aber Mädchen, man muß dich doch nur ansehen, um das zu wissen. Oder«, er zwinkerte ihr lustig zu, »wolltest du jetzt Komplimente hören? Denn du kennst dich selbst doch gut genug, um zu wissen, daß du nicht engherzig und kleinlich bist.«

Sie hätte bei seinen Worten, die für sie einen Doppelsinn hatten, von dem er nichts ahnte, aufschreien mögen vor Entsetzen. Wenn er ahnte, wie recht er hatte. Kleinlich und engherzig war sie wahrhaftig nie gewesen.

Leider nicht, wie sie in diesem Augenblick denken mußte. Sie hatte sich gut in der Gewalt.

»Findest du es schlimm, wenn ich mir von dir gern etwas Nettes sagen lassen will?«

»Es ist so weiblich, Birgit, und deshalb gefällt es mir. Die echten Frauen sind in manchen Dingen wie ein Kind, sie wollen gelobt werden. Aber etwas anderes, Birgit«, er wurde wieder ernster, aber seine Augen waren voller Zärtlichkeit, »wann möchtest du mich deinen Eltern vorstellen?«

»Wann du willst, Jörg.« Schmeichelnd zog sie seine Hand an ihre Wange.

»Sprich mit deinen Eltern. Wenn es Ihnen paßt, würde ich am nächsten Sonnabend kommen.«

»Ich glaube nicht, daß sie etwas vorhaben.«

»Und ich hoffe es nicht«, entgegnete er warm. »Denn ich sehe nicht ein, worauf wir noch warten sollen. Hochzeit im Januar, bis dahin mußt du ja noch bei Heller aushalten. Es geht nicht gut, daß du als meine Frau bei ihm arbeitest. Zum Glück hast du keinen langfristigen Vertrag.«

Als er sie heimfuhr, küßte sie ihn so leidenschaftlich, wie nie zuvor.

Beglückt von ihrer Zärtlichkeit bat er:

»Birgit, morgen bin ich dienstlich verhindert, aber wirst du übermorgen zu mir kommen? Ich möchte dich wieder einmal bei mir haben?«

»Ja«, flüsterte sie und schmiegte sich noch fester an ihn.

Drei Tage später konnte er sein Ursula Fröhlich gegebenes Versprechen wahrmachen. Um die Besichtigung bei Tageslicht vornehmen zu können, begnügte er sich mittags mit einem kleinen Imbiß und fuhr zu ihr.

Er klingelte und mußte etwas warten. Dann schaute Ursel zum Fenster hinaus und krächzte heiser:

»Ah, Herr Niedeck, wie nett, ich komme sofort.«

Was ihre Stimme ihm schon verraten hatte, bestätigte ihr Aussehen. Die Augen glänzten, die Wangen glühten fiebrig. Sie trug lange Hosen, eine dicke, braune Strickjacke und hatte sich einen roten Schal um den Hals geschlungen.

»Ihre Grippe ist wieder zurückgekommen, wie es scheint?«

»Ja, sie ist furchtbar aufdringlich«, erwiderte das junge Mädchen heiser und zwang sich zu lächeln. »Ich möchte Ihnen deshalb auch nicht die Hand reichen, mir ist, als bestünde ich nur noch aus Bazillen.«

Niedeck lachte.

»Sie Ärmste. Aber ich habe nicht die geringste Angst vor Ihren Bazillen.« Er griff nach ihrer Hand und drückte sie kräftig, schaute sie prüfend an und fragte: »Kann ich Ihnen eigentlich zumuten, in eiskalten Räumen ...«

»Sie können«, unterbrach sie ihn sehr rasch, »denn es muß ja endlich was geschehen.«

»Dann wollen wir uns nicht länger mit der Vorrede aufhalten.«

Niedeck betrat das erste Zimmer und blickte sich sinnend um.

»Hier bin ich als Junge ein- und ausgegangen. Dies war das Wohnzimmer, dahinter kamen Speise- und Herrenzimmer, schwer vorstellbar, wie gemütlich es hier einmal gewesen ist.«

Sie gingen durch alle Räume, durch Küche und Bad.

»Und wie hatten Sie es sich gedacht, Fräulein Fröhlich? Und was hat Ihnen Ihr Architekt vorgeschlagen?«

»Die Wohnräume wollten wir durch Wanddurchbrüche in einen großen Spielsaal umwandeln, in dem die Kinder bei schlechtem Wetter auch etwas Bewegungsfreiheit haben. Auch zwischen den Schlafräumen sollen die Wände fallen und ein Raum geschaffen werden, in dem am Tisch gemalt und gebastelt und das Frühstück gegessen werden kann. Diese beiden Zimmer ...«

»Früher Kinder- und Gastzimmer«, warf Niedeck ein und erinnerte sich flüchtig der vielen Stunden, die er hier spielend und später auch lernend mit seinen Freunden verbracht hatte.

»Also die Zimmer sollen bleiben, wie sie sind. Einige Kinder werde ich, weil die Mütter berufstätig sind, mittags hierbehalten müssen. Dann können sie hier Mittagsruhe halten.«

»Und worin besteht nun die Schwierigkeit? Mir scheint alles doch recht gut gelöst zu sein?«

»In den Nebenräumen. Wir brauchen, sanitäre Anlagen, einen Waschraum, eine Garderobe, und da kommen wir nicht klar. Ihr Kollege möchte die Küche durch eine Mauer unterteilen und den Spielsaal kleiner halten, um Raum zu gewinnen, aber das ist unmöglich. Ich brauche den großen Spielsaal und die Küche.«

»Aber könnte man die sanitären Anlagen nicht in das Untergeschoß verlegen? Da gibt es doch, wie ich weiß, eine riesige Waschküche und eine Bügelstube, sehr hell und ...«

»Herr Niedeck!« Ursulas rauhe Stimme überschlug sich vor Erregung, »das ist ja die rettende Idee. Daran haben wir ja überhaupt nicht gedacht. Oh, kommen Sie ...«

Er mußte über ihren frohen Eifer unwillkürlich lächeln, als er ihr, die trotz ihrer Krankheit so rasch in den Hausflur lief und eine Treppe hinuntereilte, folgte. Sie stieß eine Tür auf, die nur angelehnt war und blieb aufatmend stehen.

»Diese Waschküche ist ja nicht mit Gold zu bezahlen. Und die große Bügelstube. Herr Niedeck«, sie wandte sich ihm mit einer raschen Bewegung zu und schaute ihn in freudiger Dankbarkeit an, »Sie sind mir vom Himmel ins Haus geschickt worden. Ich bin ja so froh, so glücklich, so ...« Sie stockte und mußte dann husten.

Das zierliche Mädchen wurde regelrecht geschüttelt von diesem harten Husten, der nicht aufhören wollte. Sie rang nach Luft und schaute ihn dabei an, als müsse sie ihn um Entschuldigung bitten.

Er faßte sie leicht am Arm und zog sie mit sich fort.

»So, was nun noch zu besprechen ist, können wir oben im warmen Zimmer tun, Fräulein Fröhlich.«

Oben drückte er sie sanft auf das Sofa und schaute sie besorgt und mitleidig an.

»Sie brauchten Pflege.«

»Ja«, nickte sie mit einem kleinen Lachen, »meine Freundin sollte noch einmal kommen können. Aber es muß auch so gehen, und es geht auch.«

Sie sprach so nachdrücklich, als wolle sie sich selbst Mut machen.

Ehe er antworten konnte, wurde sie von einem heftigen Schüttelfrost gepackt.

Er sah, wie die Fieberschauer durch ihren Körper jagten, hörte, wie ihre Zähne aufeinanderklapperten.

»Nein, Fräulein Fröhlich«, sagte er energisch, »so geht es nicht, das ist Ihnen doch wohl klar. Haben Sie hier keinen bekannten Menschen, der sich um Sie kümmern könnte?«

Durch den Schüttelfrost jetzt entsetzlich elend geworden, brachte sie nur ein mattes »Nein« hervor.

»Haben Sie irgendwo eine warme Wolldecke?«

»Nebenan, auf der Couch. Ich habe dort gelegen, als Sie kamen.«

Er ging ins Nebenzimmer, sah, daß die Couch viel bequemer war als das Sofa und kam rasch zurück.

Ohne Zaudern nahm er die Zitternde auf den Arm und trug sie hinüber. Legte sie behutsam auf die Couch und deckte sie warm zu.

»Und nun sollten Sie etwas Heißes trinken.«

Er freute sich, daß ihm dieser Einfall gekommen war und fragte:

»Haben Sie Zitronen im Haus?«

»Eine muß noch dasein. In der Küche steht ein Korb mit Obst.

Niedeck mühte sich, die fremde Küche zu erkunden.

Es war nicht schwierig, denn alles war praktisch und musterhaft geordnet. Er brauchte nur die Schränke zu öffnen, um ihren Inhalt übersehen und sich herausnehmen zu können, was er brauchte.

Er fand die letzte Zitrone in dem Körbchen und preßte sie aus, gab Zucker hinzu und dann heißes Wasser.

Als er ins Zimmer zurückkam, lag die Kranke völlig teilnahmslos da.

Er richtete sie vorsichtig auf und hielt sie im Arm.

»Trinken Sie, Fräulein Fröhlich, möglichst in einem Zug, damit Sie warm werden«, redete er ihr sanft zu und hielt ihr das Glas an die Lippen.

Sie trank gierig, das warme Getränk tat ihr sichtlich wohl. Sie dankte ihm mit einem Blick, als er sie behutsam zugleiten ließ und sie fester in die Decke hüllte.

»Haben Sie noch ein Medikament, das Sie einnehmen könnten? Sicher hat Ihnen der Arzt bei dem ersten Grippeanfall etwas verordnet.«

»Im Schlafzimmer, drüben, auf dem Nachttisch«, flüsterte sie heiser. Auch hier, trotz ihrer Krankheit, mustergültige Ordnung, er fand sofort, was er suchte.

Eilig ging er zurück und reichte ihr die Tabletten. Zwei, wie es auf der Vorschrift stand.

Sie schluckte brav und trank noch einen Schluck.

Er betrachtete sie stumm. Was nun?

Ein Arzt mußte her und eine Pflegerin.

Ursel hielt die Augen jetzt geschlossen, sie atmete hastig und unregelmäßig.

»Welcher Arzt hat Sie behandelt?« fragte er.

»Herr Doktor Wiese.«

»Ah, ich kenne ihn. Ich werde ihn jetzt anrufen.«

Sie hörte schon nicht mehr und hatte die Augen wieder geschlossen.

Jörg Niedeck telefonierte mit dem Arzt, den er zum Glück sofort erreichte, und der auch gleich kommen wollte.

Ein Blick auf seine Uhr zeigte ihm, daß er seine Mittagspause schon weit überschritten hatte.

Rasch rief er im Büro an und meldete sich für diesen Nachmittag ab.

»Sagen Sie dem Chef«, sprach er nach kurzem Überlegen, »daß ich mich plötzlich wegen einer dringenden Familienangelegenheit beurlauben mußte.«

Er ging wieder zu der Kranken, setzte sich dicht neben ihr in einen Sessel und wartete auf den Arzt. Doktor Wiese kam.

»Ja, Herr Wiese«, begrüßte ihn Niedeck, »ich bin hier ganz unversehens zum Krankenpfleger avanciert. Ich kam, um Fräulein Fröhlich fachmännisch und nachbarlich wegen ihres Umbaues zu beraten, und fand eine Kranke vor. Sie war noch verhältnismäßig mobil, bis der Schüttelfrost einsetzte. Der Aufenthalt in den ungeheizten Räumen, die ich mit ihr besichtigte, muß ihr den Rest gegeben haben.«

»Ein Rückfall also«, meinte Doktor Wiese. »Keine schöne Sache und meist sehr langwierig.«

Niedeck wartete in der Diele, während der Arzt die Kranke untersuchte.

»Ein sehr heftiger Rückfall«, berichtete der Arzt kurze Zeit später. »Er könnte sich zu einer Lungenentzündung auswachsen. Wo ist denn die junge Dame, die sonst bei ihr war?«

»Leider wieder abgereist. Und da Fräulein Fröhlich hier völlig fremd ist, wäre es wohl zweckmäßig, wenn sie ins Krankenhaus eingewiesen würde und dort ...«

»Unmöglich, Herr Niedeck«, unterbrach ihn der Arzt lebhaft, »im Krankenhaus sind sämtliche Betten besetzt. Man würde mich für verrückt halten, wenn ich einen Grippefall einweise, während kaum für Schwerstkranke Platz ist.«

»Aber sie kann doch hier nicht allein und hilflos liegen«, entgegnete Niedeck bedrückt. Doktor Wiese überlegte.

»Es gibt doch meines Wissens auch sogenannte Hauspflegerinnen, Gemeindeschwestern oder sonstige ...«

»Daran dachte ich gerade«, unterbrach ihn der Arzt. Aber von diesen Helferinnen in der Not gibt es nicht viel, dafür aber gerade um diese Jahreszeit sehr viele Kranke. Ich habe mich heute schon in einem anderen Fall heiß bemüht, Hilfe aufzutreiben. Es war unmöglich. Und nun hier ...«

»Sie ist ja ganz allein im Haus«, sagte Niedeck noch beklommen, und dann schwiegen sie beide, in Gedanken nach einem Ausweg suchend.

Die Kranke ahnte nichts von den Sorgen, die sie den beiden Männern bereitete. Das hohe Fieber hatte sie denkunfähig gemacht.

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»Das wäre eine Möglichkeit«, sagte Niedeck plötzlich aus tiefem Sinnen, als spräche er mit sich selbst.

»Was?« Der Arzt hob fragend den Kopf.

»Die Frau, die meinen Haushalt betreut, könnte hier einspringen. Sie wohnt drüben in meinem Hause und ist eine rührende Seele. Wenn Sie noch einen Augenblick Zeit haben, gehe ich rasch zu ihr.«

»Rennen Sie!« sagte der Arzt, sichtlich erleichtert. »Hoffentlich bedarf es keiner langen Überredungskünste, denn viel Zeit habe ich nicht.«

Niedeck eilte davon. Es dauerte nicht lange, da kam er mit einer schmächtigen, versorgt wirkenden älteren Frau zurück. Er strahlte.

»Frau Lehnert kommt als rettender Engel«, erklärte er froh. »Sie ist sogar während des Krieges einige Zeit Hilfspflegerin gewesen.«

»Das nenne ich Glück«, rief Doktor Wiese froh. »So rasch sollte man immer Hilfe finden.«

Dann gab er seine Anweisungen, verschrieb noch Arzneimittel, Frau Lehnert und auch Niedeck lauschten ihm aufmerksam.

»Ja, Frau Lehnert«, sagte Niedeck, nachdem der Arzt gegangen war, »nun müssen wir sehen, wie wir fertig werden. Ich werde in die Apotheke fahren und schleunigst die Medikamente holen. Und Sie machen inzwischen Fräulein Fröhlich den verordneten Wickel.«

»Aber ich weiß hier doch gar nicht Bescheid«, antwortete die scheue Frau ängstlich.

»Hm«, Niedeck überlegte kurz, dann schmunzelte er, denn die Rolle, die ihm hier so urplötzlich zugefallen war, erschien ihm sehr merkwürdig. »Ja«, sagte er dann, »da werde ich mal auf die Suche gehen. Aber in diesem Musterhaushalt findet man alles, wenn man systematisch vorgeht. Sie kommen aber mit, denn Sie müssen auch allein etwas finden können, bis unsere Patientin wieder ansprechbar ist.«

Es war ein eigentümliches Gefühl für den Junggesellen, im Schlafzimmer eines ihm fast fremden Mädchens nach einem Nachthemd, Handtüchern und allem, was zu einem Wickel gehörte, zu suchen. Er kam sich vor wie ein Eindringling, und andererseits empfand er es wieder als komisch, als er zusammen mit Frau Lehnert unter den Nachthemden wählte.

»Da steht man plötzlich vor ungeahnten Problemen«, scherzte er.

Frau Lehnert meinte in ihrer kummervollen Art:

»Krankheiten kommen schnell.«

Und dann, nach kurzer Pause:

»Soll denn das Fräulein drüben liegen bleiben? Im Bett liegt sie besser.«

»Selbstverständlich«, stimmte er rasch zu, »warten Sie, ich hole sie gleich herüber, denn Ihnen wird sie zu schwer sein.«

Er ging und kam rasch mit der Kranken, sie wie ein Kind auf beiden Armen tragend, zurück.

»Fliegengewicht«, sagte er und legte sie auf das Bett, dessen gelbe Steppdecke mit dem hübschen Blumenmuster Frau Lehnert schon zurückgeschlagen hatte. Er zog der Kranken noch die dicke Strickjacke aus und hob sie hinauf.

Er ging hinaus und inspizierte die Vorräte und mußte, als er sich aufschrieb, was besorgt werden mußte, über sich selbst lächeln. Er kam sich plötzlich wie ein Familienvater vor.

»Es ging ganz gut«, sagte Frau Lehnert, als sie aus dem Schlafzimmer kam. »Sie können jetzt fahren.«

»Haben Sie auf irgend etwas Besonderes Appetit, Frau Lehnert? Sie müssen sich doch jetzt hier verpflegen.«

Ein rührend dankbares Lächeln glitt über das Gesiebt der alten Frau. »Ich esse alles, Herr Niedeck.«

Das klang so bescheiden, wie diese einsame Frau immer war.

Niedeck beschloß, ihr allerlei Leckerbissen zu besorgen, und dachte etwas beschämt daran, wie wenig er sich doch um die Frau gekümmert hatte, die seinen Haushalt so pünktlich und ordentlich betreute. Sie war regelrecht erschüttert, als er zurückkam und seine Schätze in der Küche vor ihr ausbreitete.

»Wohin soll ich das bloß alles essen?« murmelte sie kopfschüttelnd. »Ist doch viel zuviel für mich, Herr Niedeck. Und so teuer.«

»Genau richtig für Sie«, erwiderte er mit einem guten Lächeln, »und wie steht es mit unserer Kranken?«

»Da kann man noch nichts sagen, so rasch geht es nicht«, gab die alte Frau bekümmert zurück.

Er ging mit ihr ins Schlafzimmer.

Unruhig, mit hochrotem Gesicht, lag Ursula Fröhlich in ihrem Bett. Vielleicht spürte sie die sorgenden Blicke der beiden Menschen. Sie öffnete die Augen, ohne jedoch etwas zu sehen, und warf sich heftig, als wolle sie der Fieberhitze entfliehen, auf die Seite, um sich sofort wieder zu drehen, als suche sie nach Kühlung.

»Das sieht nicht ermutigend aus«, sagte Niedeck bedrückt und dann: »Sie müßten hier im Zimmer schlafen, damit Sie hören, wenn die Kranke Sie braucht. Wir müßten die Couch herüberholen.«

»Nein. Hier, der Sessel ist bequem«, unterbrach ihn Frau Lehnert mit ungewohnter Energie. »Diese Nacht muß ich wach bleiben.«

»Aber Frau Lehnert, Sie sind nicht mehr die Jüngste«, fiel ihr Niedeck ins Wort, »und es wird sicher ein paar unruhige Nächte geben.«

Niedeck sah sich vor ein neues Problem gestellt.

Er seufzte und sagte dann entschlossen:

»Also Frau Lehnert, daß Sie wachen, kommt nicht in Frage. Ich komme um neun Uhr herüber, Sie legen sich dann nebenan auf die Couch, und ich werde mich in diesen Sessel setzen. Still, mir macht eine schlaflose Nacht weniger aus als Ihnen. Und wenn ich Sie brauche, werde ich Sie wecken. Ja, so geht es.« Er atmete erleichtert auf und fuhr nach kurzem Überlegen fort: »Sie könnten sich inzwischen in der Küche schon das Abendessen machen. Ich bleibe so lange noch hier, denn unsere Patientin ist so unruhig, daß sie nicht längere Zeit allein bleiben sollte.«

»Nein, das soll sie nicht, man kann nie wissen.« Die alte Frau huschte in ihrer leisen Art hinaus.

Als Niedeck später in seiner Wohnung war, um ebenfalls etwas zu essen und sich etwas von den, für ihn so ganz außergewöhnlichen Ereignissen, er bezeichnete sie bei sich als Strapazen, auszuruhen, läutete das Telefon.

»Ah, Birgit«, sagte er erfreut.

»Jörg, Lieber, was ist los? Ich hörte, du hättest dich wegen dringender Familienangelegenheiten beurlaubt, es ist doch nichts ...«

Lachend unterbrach er die so besorgt klingende Stimme.

»Ach, Birgit, es ist nichts Aufregendes und auch keine Familienangelegenheit, das war eine Notlüge. Ich bin da nur ganz plötzlich in eine merkwürdige Situation geraten. Sie ist nicht ganz ohne Komik, allerdings auch recht ernst.«

Er berichtete.

»Jörg«, antwortete sie, als er geendet hatte, »du setzt dich ja gewaltig für dieses fremde Mädchen ein. Einfach toll. Ging es denn nicht anders?«

Auf seiner Stirn stand eine steile Falte. Birgits Antwort gefiel ihm nicht. Er vermißte das frauliche Mitgefühl.

»Wenn eine andere Möglichkeit bestanden hätte, wäre mein Einsatz ja überflüssig gewesen.«

»Und wenn du nicht zufällig gekommen wärest?«

Er überlegte kurz.

»Was dann geschehen wäre, kann ich dir nicht sagen, aber vermutlich wäre es für Fräulein Fröhlich sehr übel gewesen. Ich bin sehr froh, daß ich im richtigen Augenblick kam. Aber«, er zögerte und fragte dann ernst: »Birgit, bist du etwa doch eifersüchtig und ...«

Ein helles Lachen antwortete ihm.

»Nein, eifersüchtig kann ich überhaupt nicht sein. Ich bin nur in Sorge um dich. Du kannst doch nicht tagsüber angestrengt arbeiten und die Nächte am Krankenbett wachen. Deshalb.«

»Keine Sorge, Birgit, ein paar schlaflose Nächte machen mir nichts aus. Aber lieb, daß du so fürsorglich bist.«

»Jörg«, fiel sie ihm rasch ins Wort, um ihre Hilfsbereitschaft zu zeigen, »kann ich mich an der Pflege nicht beteiligen?«

»Birgit, Liebste«, Jörg Niedeck war gerührt und glücklich, »es ist so lieb, daß du mithelfen willst, aber es wird nicht notwendig sein.«

»Ich möchte aber gern«, beharrte sie, und er lachte zärtlich.

»Birgit, ich komme auf dein Angebot zurück, falls die Sache länger dauert und mir zuviel wird. Bist du nun beruhigt?«

»Nicht ganz, Jörg.«

Sie fanden noch viele zärtliche Worte füreinander, bis Birgit selbst mahnte:

»Jörg, wenn du ab neun Nachtwache halten willst, mußt du dich jetzt noch etwas ausruhen, denn es war doch reichlich viel, was du armer Junggeselle heute ausgestanden hast.«

Wenig später legte er den Hörer auf. Er sah sehr glücklich aus. Birgits warmherzige Fürsorge und Hilfsbereitschaft bestätigte ihm erneut, daß er die richtige Frau gewählt hatte.

Eine Stunde später ging er hinüber ins Nachbarhaus. Doktor Wiese war inzwischen noch einmal dagewesen.

»Er sagte, es hat sich nichts verschlimmert, mehr kann man nicht erwarten, meinte er. Er kommt morgen ganz früh und, wenn es nötig ist, sollen wir ihn rufen«, berichtete Frau Lehnert. Sie sah sehr erschöpft aus.

»Sie sehen müde aus, Frau Lehnert, legen Sie sich jetzt schlafen«, sagte Niedeck herzlich.

»Ach, es ist die Verantwortung, Herr Niedeck«, seufzte die alte Frau, »ich bin jetzt froh, daß Sie da sind.«

»Wir werden schon mit ihr fertig werden«, tröstete er und ging rasch mit ihr ins Wohnzimmer, um sich zu überzeugen, daß alles vorhanden war, was die alte Frau für die Nacht brauchte. Er selbst klappte ihr noch die Bettcouch auf, ehe er sich zurückzog.

Sinnend betrachtete er die Kranke, deren Gesicht im matten Schein der Nachttischlampe jetzt nicht so dunkelrot erschien, sondern rosig und fast gesund wirkte. Die langen, dunklen Wimpern warfen zarte Schatten, der weich geschwungene Mund war jetzt gerade und geschlossen. Er wollte sich abwenden, er schämte sich seiner Indiskretion und tadelte sich, weil er das kranke, hilflose Mädchen so ungeniert betrachtet hatte. Aber im gleichen Augenblick glitten ihre Hände wieder unruhig über die Steppdecke, sie wälzte sich ruhelos hin und her und murmelte abgerissene Worte, die schwer zu verstehen waren.

Er holte sich lautlos den wirklich bequemen Sessel herbei, stellte ihn dicht neben ihr hin und setzte sich, die Beine weit von sich gestreckt. Zwei Bücher, die er sich mitgebracht hatte, um während dieser langen Nacht lesen zu können, legte er auf den Nachttisch. Er mochte jetzt nicht lesen.

Die Sorge um die Kranke war zu groß, zu bedrückend die Verantwortung, die er für etwas übernommen hatte, wovon er nicht das Geringste verstand. Er merkte nicht, wie die Zeit verrann.

Als Ursula Fröhlich sich wieder aufbäumte, sich hoch aufrichtete und an der Steppdecke, die ihr zu warm sein mochte, zerrte, um sie abzuschütteln, war er wieder ganz da.

Saß wieder neben ihr auf dem Bettrand und hielt sie fest.

»Ursel, vernünftig sein, keine Dummheiten machen, Mädchen«, sprach er auf sie ein, sie, aus einem unklaren Gefühl heraus, daß sie ruhiger würde, wenn er sie mit ihrem Vornamen ansprach. »Es ist so heiß, ja, aber du mußt schön zugedeckt bleiben, sonst wirst du nicht gesund. Komm, trinken, ja, schönen kalten Saft, der tut dir doch so gut.«

Er sprach, hielt sie und ließ sie trinken.

Einmal öffnet sie die Augen, stöhnte, sichtlich wohlig. »Ah!« Sie machte eine Gebärde, als verlange sie nach mehr, und als er sie noch einmal trinken ließ, sank sie schwer in seinem Arm zusammen.

Für kurze Zeit hatte sie wieder etwas Ruhe.

Vor Erregung war ihm glühend heiß geworden, er mußte sich ein paar Schweißtropfen auf der Stirn trocknen. Und ein Blick auf seine Uhr zeigte ihm, wie lang diese Nacht noch sein würde.

Er hatte Verlangen nach einer Zigarette, aber hier im Zimmer konnte er nicht rauchen und ebenso unmöglich war es, die Kranke allein zu lassen.

Er fühlte sich in seiner Rolle als Krankenpfleger mehr als unbehaglich und schaute, die Kranke einmal in zorniger Aufwallung unfreundlich an.

Mußte ihn der Teufel ausgerechnet heute hierhergehen lassen? Wie auf böser Tat ertappt, sprang er unruhig auf, schaute hinunter in das fieberglühende Gesicht und dachte: Welch ein Glück, daß ich ausgerechnet heute kam! Welch ein Glück! Denn ob sie sich allein hätte helfen können, als der Schüttelfrost sie überwältigte und das Fieber ihr Denken verwirrte?

Er setzte sich wieder. Ein Gefühl dankbarer Freude war in ihm, daß er zur rechten Zeit in dieses Haus gekommen war. Nicht nur um zu raten, sondern um in schwerer Not helfen zu können.

Er wurde in seinen Gedanken jäh unterbrochen und kam stundenlang nicht mehr zur Ruhe.

Das Fieber mußte noch gestiegen sein, die Kranke bäumte sich stärker als zuvor gegen die innere Glut, die sie furchtbar peinigen mochte, auf, dazwischen quälten sie entsetzliche Hustenanfälle.

Er hätte Frau Lehnert nicht wecken müssen, sie wurde durch das Husten, das wie ein rauhes Bellen war, wach und kam ungerufen herbei.

Er fühlte sich etwas erleichtert, als er ihr altes, noch etwas verschlafenes Gesicht sah. Beklommen schaute er sie an.

»Was können wir nur tun, Frau Lehnert?«

»Das Thermometer wird sie nicht behalten«, meinte die alte Frau bekümmert und versuchte, den Puls zu zählen.

»Ich mache ihr eine kalte Kompresse auf die Stirn, und Sie rufen den Doktor an. Es scheint ihr schlechter zu gehen.«

Noch nie hatte Niedeck so oft auf die Uhr geschaut wie während dieser zwei Stunden, als sie verzweifelt auf den Arzt warteten, der in dieser Nacht noch andere Schwerkranke betreuen mußte.

Endlich, sie sahen einander erleichtert an, läutete es an der Haustür.

Und wie aus einem Munde sagten beide erlöst:

»Endlich!«

Er schickte die alte Frau hinunter, um dem Arzt zu öffnen, denn sie hätte die Kranke nicht halten können.

Er empfing ihn mit einem wahrhaft verzweifelten Blick.

Und ebenfalls grußlos, schnell ans Krankenbett tretend, sagte Doktor Wiese, sichtlich erschöpft:

»Heute nacht ist die Hölle los. Ich habe noch keine halbe Stunde im Bett gelegen. Aber wie steht es nun hier? Sie wird uns doch keinen Kummer machen?«

Jörg Niedeck wollte die Kranke dem Arzt und Frau Lehnert überlassen und hinausgehen. Aber der Versuch der alten Frau, die Kranke zu halten, damit der Arzt untersuchen konnte, scheiterte.

»Herr Niedeck, hier brauche ich stärkere Kräfte«, sagte Doktor Wiese hastig. »Wo es um ein Menschenleben geht, kann man nicht zimperlich sein. Das Mädchen muß ja nicht erfahren; daß Sie assistierten.«

Niedeck tat, was ihm geheißen wurde. Er hielt das zierliche, glühendheiße Mädchen und wandte sich diskret ab, währen der Arzt Herz und Lungen abhörte.

Er dachte nicht mehr an das Ungewöhnliche der Situation, die Stunden heißer Angst hatten ihm das fremde Mädchen vertraut werden lassen.

Und Angst lag auch in seiner gepreßten Stimme, als er fragte:

»Wie steht es, Herr Wiese?«

»Es hat sie schwerer erwischt, als ich annahm. Aber sie hat ein sehr gesundes Herz. Das Fieber können wir nicht messen, es dürfte bis einundvierzig gestiegen sein. Sie haben ihr die Medikamente gegeben, die ich verordnete?«

»Ja.«

»Also dann müssen wir schärfer schießen und ihrem gesunden Herzen vertrauen. Ich bin sonst nicht dafür, ein heftiges Fieber mit Gewalt zu bekämpfen, aber hier muß es jetzt sein.«

Er suchte schon in seiner Tasche und zog eine Spritze auf.

»Ich fürchtete eine Lungenentzündung, aber es ist nur ein, allerdings ganz infernalischer, grippöser Infekt. Vermutlich so schwer, weil es sich um einen Rückfall handelt.«

Nicht ohne Mühe konnte er der Kranken die Injektion geben. Niedeck mußte sie härter anpacken, als ihm lieb war.

Danach begann ein angstvolles Warten.

»Es brennt, es brennt ganz heiß. Holt doch Wasser, Wasser«, wimmerte die Kranke.

Ihre Klagen wurden leiser. Sie sank schwer in ihr Kissen zurück, sie verstummte. Ein paarmal war es, als setze der Atem aus.

Ursula Fröhlich lag jetzt ganz still, unheimlich still.

Immer wieder griff der Arzt zum Puls. Immer wieder hörte er das Herz ab.

Jörg Niedeck sah ihm zu. Er war so sehr hineingewachsen in das Ungewöhnliche und in die Aufgabe, die ihm zugefallen war, daß er keine Scheu mehr kannte. Daß er sich nicht mehr sorgte, wie unangenehm es der Kranken sein mochte, wüßte sie, daß er mehr von ihr sah, als ihr wünschenswert gewesen wäre.

Es dauerte sehr lange. Niedeck erschien es wie eine Ewigkeit, bis Doktor Wiese sagte:

»Ich denke, sie wird es schaffen. Das Herz macht sich gut. Wo haben Sie das Thermometer, ich möchte einmal messen.«

Niedeck reichte es ihm.

»Neununddreißigacht«, sagte Wiese. »Das ist ganz ordentlich. Ihr Herz ist brav, und es geht schon dem Morgen zu. Da sinkt das Fieber ohnehin. Sie müßte nach der schweren Attacke jetzt schlafen. Tut sie auch. Ich glaube, ich kann Sie jetzt mit ihr allein lassen.«

»Glauben Sie das wirklich?«

»Ich würde es sonst nicht sagen.« Doktor Wiese lächelte beruhigend. Sagte verständnisvoll: »Sie Ärmster sind ja da plötzlich in eine Verantwortung gekommen, die Ihnen unheimlich sein muß. Aber Sie halten sich tapfer, das muß ich sagen. Was Sie hier tun, hat mit Architektur nichts zu schaffen.«

»Wahrhaftig nicht«, gab Niedeck aus tiefstem Herzensgrunde zu. »Ich habe mich noch nie so klein und hilflos gefühlt, wie in diesen Stunden.«

»Glaube ich Ihnen unbedingt. Aber Sie dürfen überzeugt sein, daß auch wir Ärzte, Leute vom Fach, uns oft klein und hilflos fühlen, wenn uns ein Fall serviert wird, bei dem wir mit unserem Latein nicht weiter wissen. Der Mensch ist das komplizierteste Bauwerk, das es gibt. Mit dem Rechenschieber fangen wir da nichts an. Aber«, er beugte sich noch einmal über die Kranke, fühlte den Puls und richtete sich auf. »Ins Bett schicken kann ich Sie leider nicht, Herr Niedeck. Sie wird nach meinem Ermessen jetzt ruhig schlafen, aber man muß sie noch bewachen. Zur Sicherheit. Sie werden sich als Wächter den Lorbeer der Nächstenliebe verdienen. Aber erlauben Sie mir, daß ich nun gehe. In drei Stunden ist mein Wartezimmer voll. Seien Sie froh und dankbar, daß Sie als Architekt normalerweise nicht nachts aus dem Schlaf getrommelt werden.«

Der Arzt war gegangen.

Ursula Fröhlich schlief.

»Frau Lehnert, Sie können sich gleich ins Bett legen, ich möchte draußen nur eine Zigarette rauchen. Dann sind Sie erlöst.«

Jörg Niedeck setzte sich in das Zimmer, in dem er vor wenigen Tagen, ihm war, als seien Jahre seither vergangen, mit den Freundinnen gemütlich beim Kaffee gesessen hatte.

In langsamen, tiefen Zügen rauchte er. Er zündete sich noch eine zweite Zigarette an.

Dieses Zimmer war ihm plötzlich vertraut. Vertraut war ihm die Kranke und, seine Gedanken glitten weiter, vertraut war ihm Eva Steiner. Er mußte Gerd anrufen und von ihm ihre Adresse erfahren. Eva mußte wissen, wie es hier stand. Wie krank ihre Freundin war.

Hatte Ursula Fröhlich eigentlich noch Eltern?

Er wußte es nicht.

Aber wenn die Eltern lebten, mußten sie wissen, daß ihre Tochter sehr krank war.

Er schüttelte den Kopf und zerdrückte die Zigarette im Aschenbecher. Ging hinüber ins Krankenzimmer.

»Und nun rasch ins Bett, Frau Lehnert. Ich hoffe, Sie können gleich wieder schlafen. Ich werde Sie leider wecken müssen, wenn ich ins Büro gehen muß.«

»Aber ich kann bei Ihnen nicht putzen, Herr Niedeck«, wandte sie bekümmert ein.

»Wer verlangt denn das?« fragte er lächelnd. »Die Welt wird nicht gleich untergehen, wenn Sie bei mir einmal nicht putzen.«

Mit einem merkwürdigen Hochgefühl und völlig frisch ging Niedeck am Morgen ins Büro.

Es trieb ihn zu Birgit, die bei seinem Eintritt sofort aufsprang, ihn zärtlich küßte und gespannt ansah, während sie ihn streichelte und sagte:

»Die durchwachte Nacht sieht man dir aber nicht an, Jörg. Scheinbar war es doch nicht so schlimm, wie du gefürchtet hast.«

»Noch viel schlimmer«, erwiderte er und begann dann ernst zu berichten.

»Das ist ja furchtbar.« Birgit war sichtlich beeindruckt. »Was magst du Armer dabei ausgestanden haben?«

Er nickte.

»Soviel Angst habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht ausgestanden«, gab er zu und fuhr frisch, mit einem befreiten Seufzer, fort, während in seinen Augen ein helles Leuchten war: »Aber ich habe auch noch nie eine so starke innere Befriedigung verspürt, wie heute. Ich weiß nicht, ob du verstehst, daß ich dem Geschick dankbar bin, daß es mich gerade im rechten Augenblick zu Fräulein Fröhlich gehen ließ. Und daß ich mit der Aufgabe, vor die ich mich gestellt sah, fertig wurde. Du kannst dir nicht vorstellen, wie mühsam es war, mich zurechtzufinden, und dann die schreckliche Nacht, bis der Arzt kam.« Er brach ab und schaute sinnend vor sich hin, atmete tief auf und fuhr, froh bewegt, fort: »Aber es ist wunderbar, welche Kräfte sich da plötzlich regen, wenn sie gebraucht werden.«

Birgit nickte. Sie verstand ihn nicht, unmöglich konnte sie verstehen, wie ein Mensch sich darüber freuen konnte, plötzlich etwas tun zu müssen, von dem er keine Ahnung hatte und sich für ein fremdes Mädchen so einsetzte, wie Jörg es getan hatte.

Aber sie heuchelte Verständnis. »Du bist wunderbar, Jörg. Menschen wie dich kann man mit der Laterne suchen.«

Er lachte leise und glücklich, während er sie in den Arm nahm.

»Aber Birgit, da muß ich nicht viel suchen. Ich halte solch einen Menschen im Arm. Warst du nicht auch gleich bereit, zu helfen?«

Seine Worte setzten sie in Verlegenheit, dann faßte sie sich rasch und nickte.

»Das gute Beispiel, das du gabst, wirkte ansteckend«, antwortete sie schelmisch und bescheiden zugleich.

»Mache dich nicht kleiner, als du bist.« Er streichelte ihr seidiges Haar, ihre Wangen und küßte sie zart.

»So, Mädchen, und nun muß ich an die Arbeit. Ich muß ja noch nachholen, was ich gestern versäumte.«

Wieder allein, schaute sie nachdenklich vor sich hin.

Jörg war fabelhaft. In ihm schienen alle guten Eigenschaften vereint zu sein, man konnte sich auf ihn in jeder Lebenslage unbedingt verlassen. Aber ...

Sie schaute blicklos in die fahle Dämmerung dieses Spätherbstmorgens, Menschen wie Jörg, die an sich selbst höchste Ansprüche stellten, taten das meist auch bei anderen. Und das machte den Umgang mit ihnen äußerst schwierig. Man mußte sich ständig ganz gewaltig zusammenreißen, um nicht zu enttäuschen.

Birgit rauchte und stieß dann einen schweren Seufzer aus. Ein etwas weniger vollkommener Mann wäre bequemer und ihr lieber gewesen.

Sie zerdrückte die Zigarette und atmete tief auf.

Eine kluge Frau wurde auch mit einem Mustermann fertig.

Sie war wieder mit sich im Einklang und begann eifrig zu arbeiten.

*

Es erschien Niedeck ganz selbstverständlich, mittags zu Ursula Fröhlich zu gehen.

Frau Lehnert erhob sich aus ihrem Sessel und betrachtete mit ihm die Schlafende.

Er hatte am Vormittag einmal angerufen und gefragt, wie es stünde, jetzt sagte er:

»Ist sie überhaupt noch nicht aufgewacht?«

»Doch. Als der Doktor da war. Da hat sie auch mit ihm gesprochen.«

»Und?« drängte Niedeck und wünschte, Frau Lehnert wäre etwas mitteilsamer.

»Ach, viel hat sie nicht gesagt. Dazu ist sie ja viel zu schwach.«

»War Sie nicht verwundert, daß Sie hier sind?«

»Kein bißchen. Ich glaube, ihr ist alles egal.«

»Wie hoch ist die Temperatur?«

»38,8.«

»Das ist ja erfreulich.«

Niedeck strahlte vor Freude.

»Haben Sie schon gekocht, Frau Lehnert?«

»Bloß angefangen, ich lasse sie nicht gern allein.«

»Dann aber los.« Er legte seine Hand mit einer herzlichen Geste auf die Schulter der alten Frau. »Kochen Sie fix und braten Sie für mich ein Kotelett mit. Ich halte hier inzwischen Wache.«

»Hoffentlich sind Sie auch zufrieden, ich weiß ja nicht, wie Sie es mögen.«

Lachend schob er die Überängstliche zur Tür hinaus.

»Ich esse alles, nur muß es fix gehen, ich habe nicht viel Zeit.«

Er setzte sich neben das Bett, legte den Kopf gegen die Sessellehne und versuchte, ein wenig zu schlafen. Das Nachlassen der ungeheuren Spannung, in der er seit gestern gewesen war, machte ihn schläfrig.

Er schlief auch sofort ein.

Die Kranke weckte ihn durch ihr hartes Husten.

Sofort stand er neben ihr und stützte sie, die sich mühsam aufgerichtet hatte. Er reichte ihr zu trinken, als der Anfall abgeklungen war. Sie trank und schaute ihn über das Glas hinweg grenzenlos verwundert an.

»Herr Niedeck«, sagte sie dann mit ihrer kleinen, heiseren Stimme. »Wie kommen Sie hierher? Was ist denn eigentlich los?«

Sie wollte sich wieder aufrichten, sanft drückte er die offensichtlich sehr Erregte in ihr Kissen zurück.

»Erinnern Sie sich, daß Sie gestern, nachdem wir unten die Räume besichtigt hatten und danach in Ihre Wohnung gingen, fürchterlichen Schüttelfrost bekamen?«

Sie überlegte.

»Ja. Ich weiß, ich fühlte mich plötzlich sterbenselend.«

»Den Eindruck hatte ich auch. Und Sie ...«

»Sie gaben mir dann heißen Zitronensaft, stimmt das?«

»Ja. Und dann warf das Fieber sie völlig um. Es ging die ganze Nacht hindurch, aber nun ...«

»Waren Sie während der Nacht hier?« fragte sie erregt, während sich ihre Augen mit Tränen füllten. »Erzählen Sie mir, wie alles war. Es ist ja fürchterlich, keine Ahnung zu haben, nichts von sich selbst zu wissen.«

»Regen Sie sich doch bitte nicht so entsetzlich auf«, beschwor er sie voller Sorge, daß die Erregung ihr schaden könnte. Dann erzählte er in ruhigem, beschwichtigendem Ton und manchmal mit Humor gewürzt, von seinen verzweifelten Bemühungen, sich in ihrem Heim zurechtzufinden.

Ihre Augen ruhten unablässig auf ihm, während er sprach. Eine ganze Skala von Empfindungen spiegelte sich auf ihrem Gesicht. Staunen, Angst, Scheu, Verwunderung und unendliche Dankbarkeit wechselten einander ab.

»Dann verdanke ich Ihnen ja mein Leben«, meinte sie leise, als er geendet hatte, »denn was hätte aus mir werden sollen, wenn Sie nicht zufällig dagewesen wären? Es ist nicht auszudenken.«

Ihre Stimme versagte. Sie brach in heftiges Schluchzen aus, das sie nicht unterdrücken konnte, und das so besonders jammervoll klang, angesichts ihrer Heiserkeit.

Jörg Niedeck setzte sich auf den Bettrand, und während er beruhigend auf sie einsprach, fuhren seine Hände streichelnd durch ihr Haar.

»Aber Mädchen, es ist doch alles gut. Sie dürfen sich doch nicht so fürchterlich aufregen. Sie wollen doch schnell wieder gesund werden, Mädchen.«

Da sie nicht ruhiger wurde, richtete er sie, ohne zu überlegen, auf und nahm sie in den Arm, wiegte sie leicht hin und her und sprach mit weicher, dunkler Stimme auf sie ein.

Instinktiv hatte er das Richtige getan.

Das kranke Mädchen, das nachträglich von hellem Entsetzen gepackt wurde angesichts der Gefahr, in der sie geschwebt hatte, wenn Niedeck nicht zur Stelle gewesen wäre, das seine Verlassenheit und Schutzlosigkeit in dem großen Hause erst jetzt deutlich erkannte, fühlte sich in seinem Arm auf eine wunderbare Art beschützt und geborgen.

Ursula Fröhlich war so gefangen von ihrer inneren Not, daß ihr das Ungewöhnliche der Situation nicht bewußt wurde.

Erst als sie ruhiger geworden war, setzte, wenn auch schwach, das klare Denken wieder ein.

Durch das dünne Nachthemd spürte sie plötzlich den Arm, der sie so fest umfangen hielt, hörte sie ein Herz schlagen.

In jäh erwachender Scheu löste sie sich. Er begriff und ließ sie zurückgleiten, und während ihre Augen seinem Blick auswichen, zog sie sich die Steppdecke bis unter das Kinn.

»Es ist alles so schrecklich, es ist mir so peinlich, Ihnen soviel Mühe gemacht zu haben«, stammelte sie heiser und wagte immer noch nicht, ihn anzuschauen.

In raschem Entschluß nahm er ihr Gesicht in beide Hände und drehte es so, daß sie ihn anschauen mußte.

»Wie kann Ihnen peinlich sein, daß Sie plötzlich so krank wurden und ich zufällig da war, um Ihnen helfen zu können? Wäre es Ihnen lieber gewesen, ich hätte Sie allein gelassen?« fragte er ernst.

Da sie zwar seinem Blick standhielt, aber nicht antwortete, fuhr er etwas energischer fort:

»Spielt es eine Rolle, wer als Helfer kommt, wenn man in Not ist, Fräulein Fröhlich?«

Der freundliche, und dennoch mahnende Blick und die etwas strenge Stimme wirkten.

Unter Tränen nickte sie.

»Ich bin Ihnen ja so dankbar, nur ...« Sie brach ab und schaute ihn verständnisheischend an.

»Nur stört es Sie, daß ich als Mann Ihnen jene Hilfe angedeihen ließ, die Sie von einem Arzt unbedenklich angenommen hätten. Stimmt's?«

Sie nickte.

»Es ist ...«

Er unterbrach sie schnell.

»Es ist kleinlich, so zu denken. Und da Frau Lehnert, die Sie in allem betreut, was ich nicht tun kann«, er sah sie dabei fest und zugleich beruhigend an, »zu alt und unselbständig ist, um hier mit allem fertig zu werden, müssen Sie sich meine Hilfe noch gefallen lassen, so lange das notwendig ist. Ich wüßte keinen Menschen, den ich noch zur Hilfe herbeiholen könnte. Oder, das wäre natürlich eine Möglichkeit, haben Sie Angehörige oder Freunde, die wir verständigen könnten, damit sie die Pflege übernehmen. Gestern ging alles so überstürzt, daß keine Zeit war, große Nachforschungen anzustellen.«

»Außer Eva Steiner habe ich keinen Menschen, der mich pflegen würde. Meine Mutter ist seit Jahren tot, meine Stiefmutter hat mit meinen Stiefgeschwistern, die noch klein sind, zu tun. Und Eva könnte jetzt nicht kommen.«

»Also, Grund genug, daß Sie vernünftig sind, Fräulein Fröhlich. Und Vertrauen haben«, fügte er mit Nachdruck und sie fest ansehend hinzu.

Ihre Augen ruhten auf seinem Gesicht.

»Wem sollte ich nach allem, was Sie für mich getan haben, mehr vertrauen, als Ihnen?« fragte sie, und das war Antwort genug.

Sie schloß die Augen.

Das Gespräch hatte sie sichtlich erschöpft.

»So, Mädchen«, sagte er sanft und hielt ihre heiße Hand mit festem Druck, »und nun wird nicht mehr über etwas gesprochen, was selbstverständlich ist. Sie haben jetzt an nichts anderes zu denken, als daran, schnell wieder gesund zu werden.«

Sie nickte stumm, ohne die Augen zu öffnen.

»Ah, Frau Lehnert. Ist das Essen fertig?«

Für Niedeck kam die alte Frau gerade im rechten Augenblick.

»Ja. Ich habe für Sie im Wohnzimmer gedeckt. Ich esse, wenn Sie fertig sind, damit sie nicht allein ist.«

»Oh, sie ist erfreulich munter«, erklärte Niedeck betont frisch, und Ursel schlug die Augen auf und schaute die alte Frau an.

»Es ist so lieb, daß Sie mir helfen. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen das je danken soll.«

»Nana«, die ängstliche Frau zeigte sich plötzlich erstaunlich sicher, weil sie trösten konnte, »man muß nicht immer gleich von Dank reden. Das kann ich nicht leiden. Werden Sie erst mal gesund.«

»Das sage ich auch«, lächelte Niedeck. »Machen Sie unserer Patientin mal den Standpunkt klar, Frau Lehnert. Ich gehe inzwischen essen. Es ist höchste Zeit für mich.«

Nach kurzer Zeit kam er zurück, um sich zu verabschieden. Aber Frau Lehnert legte warnend ihren Zeigefinger auf ihre Lippen.

»Sie schläft«, flüsterte sie, »sie ist sofort eingeschlafen.«

»Das Beste, was sie tun kann. Sie können ruhig auch drüben essen, so rasch wird sie jetzt kaum aufwachen. Also bis zum Abend.«

Er nickte ihr freundlich zu und ging.

»Soll ich nicht doch diese Nacht bei deinem Schützling wachen?« fragte ihn Birgit, als er sich am Nachmittag von ihr einen starken Kaffee erbat.

Er hatte eine anstrengende Besprechung mit dem Chef hinter sich und fühlte sich jetzt etwas ermüdet.

»Nein, Birgit«, lehnte er ihr Anerbieten freundlich, aber entschieden ab, »es wäre schlimm, wenn ich nicht ein paar schlaflose Nächte aushielte. Außerdem wird diese Nacht bestimmt ruhiger werden.«

»Aber ich könnte trotzdem ...«

»Birgit, es würde die Kranke nur noch mehr aufregen, wieder ein neues Gesicht zu sehen. Ich sagte dir ja, wie sie aus der Fassung geriet, als sie mich sah.«

»Also füge ich mich deinem Beschluß«, gab Birgit zurück. »Wahrscheinlich hast du recht, wie immer«, schloß sie. mit einem Augenzwinkern.

»Du willst mich zum Tyrannen abstempeln«, sagte er heiter und sah ihr zu, wie sie selbst hier, in ihrem Büro und in dem schlichten weißen Kittel mit entzückender fraulicher Anmut den Kaffee bereitete und den kleinen, runden Tisch deckte, an dem sie mit Besuchern zu sitzen und Besprechungen abzuhalten pflegte.

»So, darf ich bitten?« fragte sie schelmisch mit einladender Geste. »Der Chef ist ja während der nächsten zwei Stunden nicht zu fürchten.«

Niedeck nahm in einem der beiden Sessel Platz und nickte.

»Vermutlich wird er den ganzen Nachmittag bei seinem Rathausbau sein. Und zwei Stunden werden wir hier nicht sitzen. Leider. Allmählich wächst mir die Arbeit hier über den Köpf.«

Er trank mit sichtlichem Genuß den starken Kaffee.

»Er nützt dich noch aus, so gut er kann«, stimmte sie ihm zu und fuhr dann mit zärtlicher Stimme fort: »Wenn ich mich schon nicht an der Krankenpflege beteiligen kann, könnte ich nicht wenigstens dir ein bißchen helfen? Du Armer bist doch jetzt auch ohne Wirtschafterin. Ich würde gern ...«

»Birgit, das Angebot nehme ich gern an«, fiel er ihr freudig ins Wort. »Mein Haushalt ist zwar noch in bester Ordnung, aber wenn du mich ein bißchen verwöhnen würdest, nähme ich das dankbar an.«

Schmeichelnd zog er ihre Hand an seine Wange, drückte einen Kuß darauf und nahm dann ihren Kopf, seine Lippen suchten ihren Mund.

»Ich werde daheim anrufen, daß ich heute später komme«, sagte sie, nachdem er sie freigegeben hatte.

»Ich freue mich, Liebste. Dein Kaffee und die Aussicht, dich nachher ein paar Stunden bei mir zu haben, sind der beste Ersatz für den fehlenden Schlaf.«

Während Birgit in seiner Wohnung das Abendessen richtete, ging er rasch hinüber zu seinem Schützling.

Er traf Doktor Wiese, der gerade wieder gehen wollte, noch an.

»Wie steht es, Herr Wiese? Sie hat die Attacke doch überraschend gut überwunden.«

»Sachte, Herr Niedeck«, warnte der Arzt. »So schnell schießen die Preußen nicht. Ich bin nicht unzufrieden, aber die Attacke ist keineswegs überwunden. Das Fieber steigt wieder. War auch zu erwarten, aber ich möchte nicht gleich wieder coupieren. Schließlich ist Fieber die gesunde Abwehrreaktion des Körpers bei Infektionen. Manche Kollegen tun es, aber ich bin nicht dafür, es gleich mit aller Gewalt zu unterdrücken. Machen Sie sich darauf gefaßt, daß die Nacht wieder etwas unruhig, wenn auch nicht so schlimm wie die vergangene werden wird. Im Notfall stehe ich ja zur Verfügung.«

»Gut, daß Sie mich vorbereitet haben. Ich wiegte mich schon in Sicherheit«, erwiderte Niedeck ernst. »Aber hoffen wir, daß ich Sie nicht wieder aus dem Bett holen muß.«

»Ein frommer Wunsch«, meinte der Arzt lächelnd und verabschiedete sich.

Niedeck betrat das Krankenzimmer.

Bekümmert schaute ihn Frau Lehnert an. Sie wies mit einer hilflosen Geste auf die Kranke.

Ursel war wieder sehr unruhig und stöhnte:

»Diese wahnsinnige Hitze, ich glühe.«

»Ja, Mädchen«, sprach er tröstend auf sie ein, wobei sie die Augen aufschlug und ihn mit wachem, aber gequältem Blick, ansah. »Das Fieber ist scheußlich. Aber es geht vorüber. Heute ist es schon besser als gestern, und morgen wird es wieder besser sein, und jetzt werden Sie schönen, kalten Saft trinken.«

Sie trank gierig.

»Das tut gut«, sagte er weich.

Sie nickte dankbar.

»So gut.«

Sie legte sich zurück. Ihr Atem ging wieder sehr hastig, und unablässig suchte sie der Hitze zu entfliehen, indem sie ihre Lage veränderte.

»Sie ist doch noch nicht über den Berg«, sagte Niedeck wenig später bedrückt zu Birgit und setzte sich mit besorgtem Gesicht an den von ihr so reizend gedeckten Tisch mit dem delikaten Essen, für das er jetzt aber keinen Blick hatte.

Sie zeigte sich verständnisvoll, während in ihr ein böser Zorn aufstieg, daß ihn das fremde Mädchen so stark beschäftigte und ihn von ihr ablenkte.

Das Abendessen verlief ziemlich schweigsam, und auch danach sprach er wenig.

Einmal sagte er ziemlich unvermittelt:

»Es ist doch merkwürdig, wie rasch Notzeiten Menschen miteinander verbinden. Ich sorge mich um das Mädchen, als stünde es mir nahe.«

Er hatte, während er sprach, dem Rauch seiner Zigarette nachgeschaut, als er plötzlich aufblickte, fing er einen bösen Blick von ihr auf. Ganz kurz nur, sie hatte sich sofort in der Gewalt, schaute ihn mit liebevollem Verständnis an und wußte auch ebenso zu antworten.

Aber er hatte den Blick gesehen, diese zornig funkelnden Augen und war beunruhigt. Er kämpfte dagegen an, aber das Unbehagen blieb. Als sie sich voneinander verabschiedeten, überwand er sich und versuchte, ihre zornige Aufwallung zu verstellen. Er entschuldigte sich.

»Birgit, ich glaube, ich war nicht sehr unterhaltsam. Aber ich hatte es mir auch hübscher vorgestellt. Du hattest alles so schön gemacht, aber sei mir nicht böse, ich war in Gedanken mehr drüben als bei dir. Nicht wahr, meine Birgit versteht das?«

Er hielt sie im Arm und schaute sie liebevoll und mahnend an.

Sie spürte, was in ihm vorging und antwortete:

»Und ob ich das verstehe, Jörg! Ich war nur etwas traurig, weil ich dir in deiner Sorge nicht helfen und dich auch nicht ein bißchen aufmuntern konnte.«

Das war es also, dachte er erleichtert und küßte sie innig.

Zu seiner Zufriedenheit war während seiner Abwesenheit keine merkliche Verschlimmerung eingetreten.

Das Fieber war hoch, aber nicht so hoch, um das Bewußtsein völlig zu trüben, wie in der vergangenen Nacht.

Die Kranke war unruhig, klagte über die Hitze und verlangte häufig zu trinken. Der Husten klang nicht mehr so hart, aber sie schlief nicht einen Augenblick.

Niedeck sprang, kaum daß er sich einmal gesetzt hatte, immer wieder auf, um ihr Erleichterung zu verschaffen.

Er drehte ihr Kopfkissen um, daß sie auf die kühlere Seite zu liegen kam, brachte ihr schließlich ein Sofakissen und wechselte die Kissen immer wieder aus. Er drehte sogar die Steppdecke um.

Ursel ließ alles mit sich geschehen, es war ihr völlig gleichgültig, daß es ein Mann war, der ihr half.

Es wunderte sie auch nicht, daß er sie beim Vornamen und Du nannte. Sie hatte nur einmal kurz gestutzt, das war alles.

Aber die Nacht verging, ohne daß der Arzt gerufen werden mußte. Selbst Frau Lehnert konnte bis zum Morgen schlafen.

Und als sie in ihrer leisen, vorsichtigen Art das Krankenzimmer betrat, fand sie zwei Schlafende vor.

Das Fieber war wieder gesunken. Die Kranke kam zur Ruhe und schlief den Schlaf der Erschöpfung.

Ihr treuer Pfleger war in seinem Sessel eingenickt.

Leise zog sich die alte Frau wieder zurück und kochte einen starken Kaffee, ehe sie Jörg Niedeck weckte.

Nach dieser Nacht ging es aufwärts, wenn auch sehr langsam. Einige Nächte hatte Jörg Niedeck wieder schlafend im Bett verbringen können. Aber er war doch unablässig um die Kranke bemüht und verbrachte fast seine ganze Freizeit bei ihr.

Je mehr Ursula Fröhlich wieder an ihrer Umgebung teilnahm, desto größer wurden ihre Scheu und Befangenheit, die sie jedoch nicht zu zeigen wagte, um Niedeck nicht zu kränken. Aber es wurde ihr immer peinlicher, wenn er ihr alle möglichen Dienste erwies und so selbstverständlich bei ihr ein und aus ging.

Sie bat ihn deshalb:

»Rufen Sie doch bitte meine Freundin an. Eva Steiner könnte doch am Wochenende kommen und Sie ablösen. Sie wird es bestimmt tun.«

»Ein guter Gedanke«, stimmte er zu, denn er hatte den geplanten Besuch bei Birgits Eltern mit Rücksicht auf Ursula um eine Woche verschieben müssen.

»Ich hätte schon eher daran denken können, schon vorige Woche.«

»Da waren Sie ja noch denkunfähig«, entgegnete er heiter, und sie meinte überlegend: »Ja. Aber es ist sonderbar, daß Eva sich so lange nicht gemeldet hat. Sie rief sonst öfter an.«

»Das werden wir gleich haben. Wie ist ihre Telefonnummer?«

Ursel nannte sie ihm.

Wenig später kam er lächelnd wieder ins Zimmer.

»Zunächst ganz herzliche Grüße von Fräulein Steiner und einen ganzen Sack guter Wünsche. Sie wird am Freitagabend kommen. Und daß sie sich nicht meldete, lag an dem Abschiedsgeschenk, das Sie ihr mitgegeben haben.«

»Abschiedsgeschenk?« wunderte sich Ursel und dachte angestrengt nach. Er lachte.

»Ihre Grippe! Aber wie Fräulein Steiner sagte, wurde es nur ein kleines Grippchen.«

»Das ist ja schrecklich«, erregte sich Ursel. »Herr Niedeck, ob sie wirklich schon wieder so gesund ist, um kommen zu können? Es darf ihr auf keinen Fall so gehen, wie mir und ...«

»Keine Sorge, Fräulein Steiner macht schon seit zwei Tagen wieder Dienst und hatte nur eine ganz leichte Grippe. Sie macht sich jetzt schwere Vorwürfe, wegen der heftigen Kopfschmerzen, die sie plagten, nicht angerufen zu haben. Mir erschien sie ganz munter.«

»Ist sie immer«, seufzte Ursel immer noch bedrückt und fügte dann mit ihrem reizenden Lächeln hinzu, »aber nun ist sie natürlich nicht mehr aufzuhalten. Wenn sie helfen kann, wird sie hemmungslos. Genau ...«

Sie brach verwirrt ab.

Er zwinkerte ihr lustig zu.

»Ich halte diese Art von Hemmungslosigkeit für die einzige, die man sich erlauben kann, finden Sie nicht auch?«

»Ich muß ja wohl«, gab sie mit einem spitzbübischen Lächeln zurück.

Erst in diesem Augenblick fiel ihm ein, daß sie genau so alt war wie Birgit Sanders.

Aber welch ein Unterschied, dachte er staunend und schaute das junge Mädchen verstohlen, aber zum erstenmal ganz bewußt an.

Birgit sah älter aus, wesentlich älter, stellte er fest. Und reifer, ja, auch viel reifer.

Der Gedanke an den erstaunlichen Unterschied zwischen den beiden, gleichaltrigen Mädchen verfolgte ihn.

Er war da, sowie er das nächste Mal mit Birgit zusammentraf. Es war im Arbeitszimmer des Chefs, wo wegen eines großen Bauprojektes, an dem Heller lebhaft interessiert war, eine Besprechung stattfand.

Birgit saß aufmerksam, sehr konzentriert, mit ruhigem Selbstbewußtsein am Tisch, und wenn sie sich äußerte, geschah das sachlich und klug überlegt. Und nicht nur er selbst und die Kollegen, auch der Chef folgte interessiert ihren Ausführungen.

Es sind die völlig verschiedenen Berufe, die die beiden Mädchen geprägt haben, überlegte er und fühlte sich irgendwie erleichtert. Birgit übte einen Männerberuf aus, mußte sich bei Männern durchsetzen können. Im Baugewerbe ging es hart zu, und wo es um Geld ging, wurde gekämpft. Es war also kein Wunder und verständlich, wenn Birgit älter und reifer wirkte als Ursula Fröhlich, die Kindergärtnerin. Im Umgang mit den Kindern brauchte sie zwar auch eine gewisse Energie, aber nicht jene Durchschlagskraft, mit der sich eine, Architektin behaupten mußte. Sie konnte deshalb auch jünger aussehen.

Und sah Birgit nicht sehr jung aus, als sie ihn später, als er sie ganz kurz in ihrem Zimmer aufsuchte, so zärtlich anlachte? Und war sie nicht ganz entzückend weiblich, als sie sich an ihn schmiegte und sich so sehr freute, daß er am Sonnabend nun ganz bestimmt kommen würde?

»Mädchen«, sagte er, und preßte sie fest an sich, »es wird höchste Zeit, daß du aus dieser Nervenmühle hier herauskommst.«

»Wieso?« fragte sie verdutzt.

»Weil Heller die Menschen verheizt. Und das ist nichts für eine Frau. Du sollst mir künftig etwas helfen, aber vor allem sollst du meine Frau sein.«

Sie verstand ihn nicht, aber sie küßte ihn, und das war ihm genug.

*

Er hatte den Besuch bei ihren Eltern gemacht und ihr Einverständnis zu seiner Verbindung mit ihrer Tochter erhalten. Der Form war genügt, dachte er, sich der etwas kühlen Atmosphäre in Birgits Elternhaus bei der Heimfahrt mit einem Gefühl des Unbehagens erinnernd.

Der Psychologe und seine Frau waren äußerst liebenswürdig gewesen, der Grund seines Besuches war rasch abgehandelt worden, ja, abgehandelt, bekräftigte er sich selbst, und danach hatte man sich beim Tee und später beim Abendessen sehr geistvoll unterhalten. Er hatte Wärme und etwas Humor vermißt.

Aber, langsam ließ er den Wagen auslaufen. Er hielt vor seiner Garage, zum Glück war Birgit anders, ganz anders. Sie hatte, wie ihm schien, wenig mit ihren Eltern gemein. Vermutlich hatte sich bei ihr das Erbgut irgendwelcher Vorfahren durchgesetzt. Er heiratete ja nicht die Eltern, sondern die Tochter.

Der Wagen stand in der Garage. Niedeck schloß ab und schaute unwillkürlich hinüber zum Nachbarhaus.

Im Schlafzimmer seines Schützlings brannte noch Licht. Dort würden vermutlich die beiden Freundinnen noch zusammensitzen, die Patientin brav in ihrem Bett und ihre Freundin daneben im Sessel und schwatzen. Am Vormittag war er drüben gewesen und hatte sich über die blonde Eva, die so köstlich erfrischend war, gefreut.

Und er freute sich, während er ins Haus und in seine Wohnung ging, auf den nächsten Vormittag. Da würde er hinübergehen und mit den beiden Mädchen plaudern.

Und mich von dem Besuch bei Birgits Eltern erholen, setzte er in Gedanken hinzu und hatte plötzlich ein schlechtes Gewissen.

Wie ungerecht von ihm, zwei Menschen gleich nach dem ersten Sehen beurteilen und sogar verurteilen zu wollen.

Sinnend stand er in seinem Wohnzimmer, ging dann in raschem Entschluß in den Keller und holte sich eine Flasche Wein herauf. Er spürte, daß es ihm unmöglich war, jetzt zu schlafen. Er war hellwach und äußerst unzufrieden mit sich selbst.

Der Wein machte ihn nicht zufriedener. Im Gegenteil, er stellte in ehrlicher Selbsterkenntnis fest, daß er in letzter Zeit öfter heimlich Kritik an Birgit geübt hatte. Und jedesmal hatte sie ihn, ohne es zu wissen, davon überzeugen können, daß er ihr unrecht tat.

Unruhig trat er ans Fenster.

Gegenüber brannte noch immer Licht, nur waren die gelben Vorhänge zugezogen. Aber er sah das Zimmer und die beiden Mädchen deutlich vor sich.

Ein leises, unklares Bedauern war in ihm, daß seine Aufgabe drüben nun beendet war. Die Schlüssel hatte er heute an Eva Steiner abgegeben. Frau Lehnert würde die kleine Ursel allein weiter pflegen und das sicher auch nicht mehr lange.

Er würde gelegentlich noch nach Ursula Fröhlich schauen, würde sie noch fachmännisch beraten. Sie hatten schon davon gesprochen, ehe die Krankheit sie dabei unterbrochen hatte, ja und dann?

Dann würde er heiraten, und manchmal würden sie zu dritt zusammensitzen, mal hüben, mal drüben.

Unruhig setzte er sich wieder und goß sich das zweite Glas Wein ein. Es fiel ihm schwer, sich Birgit und die junge Kindergärtnerin nebeneinander vorzustellen. Sie waren nicht nur im Äußeren, sondern auch im Wesen sehr verschieden.

Ob sie wohl Gefallen aneinander finden konnten?

Über diese Frage grübelte er nach, trank, ohne zu wissen, daß er es tat, und erst als schwere Müdigkeit ihn überfiel, stand er auf. Er sah die Weinflasche. Und lächelte. Sie war leer.

Er ging in sein Schlafzimmer. Eine ganze Flasche Burgunder in ziemlich kurzer Zeit, da mußte man ja müde werden.

Die Verlobungskarten waren verschickt worden. Eine große Feier sollte nicht erfolgen, weil die Hochzeit ja schon in allernächster Zeit stattfand und auch das Weihnachtsfest schon nahte und die Menschen beschäftigte.

Die Verlobten amüsierten sich königlich, weil im Büro niemand bemerkt hatte, wie es um sie stand. Die Überraschung war vollkommen.

Sie war auch bei Ursula Fröhlich vollkommen, als sie die Verlobungsanzeige erhielt.

Sie starrte auf das steife Büttenpapier, und ein Schmerz durchfuhr sie, so scharf und stechend, als schnitte jemand mit einem Messer in ihr Herz.

»Er hat sich verlobt, mein Gott«, murmelte sie fassungslos und sank in sich zusammen.

Sie wußte plötzlich, daß sie Jörg Niedeck liebte!

Sie sann und merkte die Tränen erst, als ihr Gesicht davon völlig überströmt war.

Sic trocknete ihr Gesicht, versuchte tapfer die Tränen zurückzuhalten und konnte es doch nicht.

Sie wußte nur, daß es nicht anders hatte sein können, als daß sie Jörg Niedeck liebgewinnen mußte nach allem, was er für sie getan und was sie mit ihm erlebt hatte.

Es mußte ja so kommen, wie es nun gekommen war, nur tat es weh, entsetzlich weh, daß ihre Liebe schon im gleichen Augenblick hoffnungslos war, als sie sich ihrer bewußt wurde. Ja, daß erst diese Hoffnungslosigkeit ihr gezeigt hatte, daß sie Jörg Niedeck liebte.

Sie saß im Sessel, seit zwei Tagen durfte sie stundenweise das Bett verlassen, stand mühsam auf und schaute hinüber zu dem Haus, in das er bald die Braut holen würde. Wie hieß sie doch?

Mit zitternder Hand griff sie nach der eleganten Doppelkarte und las, halblaut den Namen sprechend: »Birgit Sanders«.

Ob diese Birgit Sanders wohl ahnte, wie glücklich sie sein mußte, daß sie seine Frau werden durfte?

Das Herz des unglücklichen Mädchens krampfte sich schmerzhaft zusammen. Ihr war, als müsse jede Frau glücklich sein, wenn ein Jörg Niedeck sie liebte. Denn welcher Mann könnte sich mit ihm vergleichen: Sie hatte mit Eva viel darüber gesprochen, und auch Eva hatte gefunden, daß Jörg Niedeck einmalig war.

»Diese Männersorte ist nahezu völlig ausgestorben«, hatte Eva in ihrer burschikosen Art gesagt und hinzugefügt: »Und deshalb werden wir beide auch alte Jungfern bleiben, denn uns schwebt ja solch ein Exemplar wie dieser Niedeck als Heiratskandidat vor.«

Ja, die stille Hoffnung, doch noch einmal den richtigen Gefährten zu finden, würde sie nun für immer begraben müssen, dachte Ursel traurig, ein zweites Mal würde ihr kein Mann begegnen, der ihm glich.

Und vor allem, fügte sie in Gedanken hinzu und wehrte den Tränen nicht mehr, ich werde ihn immer, immer lieben müssen.

Als er abends bei ihr klingelte, um nach ihr zu sehen, ging sie rasch hinaus und empfing ihn in der Diele. Sie brachte es fertig, ein fröhliches Lachen zu zeigen.

»Olala«, sagte Niedeck heiter, »wir fühlen uns wohl schon stark, wie?«

»Sehr«, antwortete sie und führte ihn ins Wohnzimmer. Sie hatte das unklare Gefühl, jetzt Abstand zwischen ihm und sich schaffen zu müssen; die Zeit, wo er ungezwungen in ihrem Schlafzimmer ein und aus ging, war vorbei.

Mit herzlichen Worten gratulierte sie ihm zur Verlobung.

»Das Verlobungsgeschenk wird nachgereicht. Ich muß mir erst etwas Hübsches einfallen lassen. Und vor allem auch ausgehen können.«

»Damit werden Sie noch hübsch warten«, erwiderte er mahnend. Während er sie prüfend anschaute, fuhr er fort: »Ich glaube, Sie stehen schon länger auf, als Ihnen gut ist. Sie haben schon besser ausgesehen.«

»Bestimmt nicht«, widersprach sie rasch, »ich ...«

»Doch«, beharrte er, »diese dunklen Ringe unter den Augen hatten Sie sonst nicht.«

Er hatte mit dem Finger leicht die Ringe unter den Augen, die wirklich tief und dunkel waren, nachgezogen und schaute sie betroffen an, als sie heftig zurückwich und dunkel errötete.

In ihrer Angst, er könne erraten, weshalb sie heute nicht gut aussah, begann sie hastig zu sprechen und Fröhlichkeit zu heucheln.

»Sie sehen Gespenster, Herr Niedeck. Ich fühle mich pudelwohl und freue mich, endlich einmal wieder mein Wohnzimmer genießen zu können. Ja, ich habe hier ein bißchen gekramt, mal wieder die Schätze in meinen Schränken begutachtet, in den Büchern gestöbert, vielleicht hat mich das etwas angestrengt. Aber es machte mir soviel Spaß, es war alles so neu. Schauen Sie mich nicht so streng an, ich bin bestimmt ganz vorsichtig. Und jetzt erzählen Sie mir bitte von Ihrer Braut. Ich bin nämlich schauderhaft neugierig.«

Sie lachte, er stimmte, durch ihre muntere Art beruhigt, ein und meinte:

»Soll ich etwa wie ein verliebter Pennäler von den Vorzügen meiner Braut schwärmen? Sie ist so, wie ich mir meine künftige Frau immer gewünscht habe. In den nächsten Tagen werde ich sie mitbringen, dann«, er lachte wieder »können Sie Ihre Neugier befriedigen.«

Ursel war froh, als er gegangen war, daß sie sein geliebtes Gesicht nicht mehr sehen mußte, daß sie nicht lachen mußte, während ihre Augen von ungeweinten Tränen brannten.

Ich darf ihn nicht mehr jeden Tag sehen, dachte sie, es ist unmöglich. Ich muß rasch gesund werden, und immer unterwegs sein zu der Zeit, wo er kommen könnte.

Sie ging in ihr Schlafzimmer, warf hastig den Morgenrock ab und verkroch sich in ihrem Bett. Hier konnte sie weinen, hier sah es niemand.

*

Niedeck freute sich, als Dr. Haffner ihn am Freitagabend anrief, ihm zur Verlobung gratulierte und sich für den nächsten Vormittag zu einem kurzen Besuch anmeldete.

»Nur auf der Durchreise, Jörg, aber wenn ich schon in deiner Nähe bin, will ich doch rasch mal zu dir 'reinschauen.«

»Wunderbar. Ich werde meine Braut verständigen, damit du sie wenigstens einmal sehen kannst, Gerd.«

»Bitte nicht, Jörg«, erwiderte der Arzt rasch. »Ich habe nur sehr wenig Zeit und möchte die Bekanntschaft mit deiner Braut in Ruhe genießen können. Inge rechnet ohnehin damit, daß Ihr uns in allernächster Zeit besuchen werdet. Sie ist natürlich schrecklich neugierig.«

Lachend beendeten die Freunde das Gespräch.

*

Birgit Sanders lauschte unangenehm berührt der fremden, kalten Männerstimme.

»Entschuldigen Sie, Herr ... Wie war doch Ihr Name? Ich verstand nicht.«

»Haffner.«

»Also Herr Doktor Haffner«, fuhr sie kühl und hochmütig fort, »ich kenne Sie nicht und kann mir nicht vorstellen, in welcher privaten Angelegenheit Sie mich sprechen wollen. Da müßten Sie sich schon etwas deutlicher äußern.«

»Jörg Niedeck ist mein bester Freund, und mit Harald Jansen bin ich gleichfalls gut befreundet. Ist das deutlich genug?«

Birgit war, als schwanke der Boden unter ihren Füßen. Sie brachte kein Wort über die Lippen.

Der Mann am anderen Ende der Leitung fragte, als keine Antwort kam:

»Haben Sie mich verstanden?«

Sie riß sich zusammen.

»Ja. Wann und wo wollen Sie mich sprechen?«

»Gleich nach Tisch. Das &‹Wo&› überlasse ich Ihnen. Ich kenne die Lokale hier zu wenig.«

Sie vereinbarten, sich um zwei Uhr zu treffen. Birgit hatte eine kleine Konditorei, in der ein Zusammentreffen mit Jörg unmöglich war, vorgeschlagen.

»Ist als Erkennungszeichen eine rote Nelke oder eine Zeitung erwünscht?« fragte sie abschließend spöttisch.

»Danke. Ich werde Sie auch ohne Erkennungszeichen nicht verfehlen.«

Grußlos hatte Haffner den Hörer aufgelegt.

Rastlos, wie ein gefangener Tiger mit von Angst und Wut entstellten Gesicht rannte Birgit unablässig in ihrem Zimmer auf und ab. Zuweilen riß sie das Fenster auf, weil ihr war, als müsse sie an ihrer Wut ersticken und schloß es wieder, weil die eiskalte Luft sie frieren ließ.

Es war ihr völlig klar, daß dieser Haffner alles wußte. Von Harald Jansen, von Michael und vermutlich noch mehr.

Aber was wollte er von ihr? Weshalb sagte er seinem besten Freund nicht, was er wußte?

Sie hätte Jörg anrufen mögen und wagte es nicht. Vielleicht hatte dieser Haffner ihm doch schon alles gesagt.

Aber nein, finster grübelnd blieb sie stehen. Er hatte sicher noch nicht mit Jörg gesprochen, sonst wäre sein Anruf bei ihr überflüssig gewesen, überflüssig auch seine Forderung, mit ihr zu sprechen.

Also Jörg wußte nichts. Das war mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen.

Aber weshalb?

Sie suchte fieberhaft nach dem Grund und erwog und verwarf alle Möglichkeiten, die ihr einfielen.

Doktor Haffner hatte einen stichhaltigen, aber höchst einfachen Grund, zunächst mit Birgit Sanders zu sprechen, ehe er weitere Entscheidungen traf.

Er kannte seinen Freund Jörg gut genug, um zu wissen, daß er nie eine Frau heiraten würde, deren Vergangenheit nicht tadellos war.

Aber er wußte als Mann und als Arzt, daß die Liebe zu einer Frau Formen annehmen konnte, die auch den ehrenhaftesten und vernünftigsten Mann völlig verändern konnte.

Er war bei Jörg gewesen und hatte beruhigt festgestellt, daß er sich in seinem ganzen Wesen gleichgeblieben war. Er hatte mit ihm über seine Braut gesprochen und die feste Überzeugung gewonnen, daß er in bezug auf das Vorleben seiner Braut völlig ahnungslos sein mußte. Aus jedem seiner Worte sprach nicht nur die Liebe, die er ihr entgegenbrachte, sondern auch unbedingte Hochachtung.

Haffner hatte geschwankt, ob er nicht sofort ehrlich mit seinem Freund sprechen sollte. Aber er scheute davor zurück, den Henker zu spielen und womöglich die herzliche Freundschaft, die ihn mit Jörg Niedeck verband, zu erschüttern.

Er hatte nach einem Ausweg gesucht und ihn gefunden. Er führte über Birgit Sanders.

Er erkannte sie sofort nach den Bildern, die er bei Harald von ihr damals gesehen hatte, ehe Jansen sie vor seinen Augen zerriß und achtlos in den Papierkorb warf. Und selbst wenn er nie ein Bild von ihr gesehen hätte, glaubte er, daß er sie sofort, als sie elegant und mit deutlicher, selbstbewußt zur Schau getragener Unnahbarkeit die Konditorei betrat, identifiziert hätte.

Er erhob sich und ging auf sie zu.

Sie maß ihn mit einem Blick, in dem hochmütige Verachtung lag.

»Herr Haffner?«

»Ja. Darf ich bitten, Fräulein Sanders?«

Ihre Feindseligkeit glitt an ihm ab, er begegnete ihr kalt, aber korrekt. Sie folgte ihm an den Tisch, an dem er gesessen hatte. Wehrte ab, als er ihr den Pelzmantel abnehmen wollte, und legte ihn achtlos auf den leeren Stuhl neben sich. Langsam, als sei das von großer Wichtigkeit, streifte sie die Handschuhe ab und gab selbst der herbeieilenden Bedienung ihre Bestellung auf.

Haffner beobachtete sie stumm.

»Ich warte auf das, was Sie mir zu sagen haben, Herr Haffner«, eröffnete sie, durch sein abwartendes Schweigen nervös werdend, das Gespräch.

»Sie waren noch beschäftigt, ich wollte dabei nicht stören. Aber kommen wir nun zur Sache. Weiß Ihr Verlobter, daß Sie einen Sohn haben?«

Sie war auf diese Frage vorbereitet gewesen. Aber nun, als sie so unvermittelt gestellt wurde, schreckte sie doch zurück.

Sie hatte lügen wollen, hatte sich eine ganze Geschichte zurechtgelegt, daß sie Jörg von ihrem Sohn erzählt und er ihr verziehen habe; daß er wünsche, daß es sein und ihr Geheimnis bleiben solle, aber angesichts dieser durchdringenden Männeraugen wurde ihr klar, daß ihr die Lüge nicht geglaubt werden würde.

Ihr Zögern hatte ihm schon bestätigt, was er vermutete. Ihre Antwort, rauh und kalt, gab Gewißheit.

»Nein.«

»Das dachte ich mir«, gab er gelassen zurück. »Als Jörg Niedecks Freund muß ich aber verlangen, daß Sie ihm mitteilen, daß Sie einen Sohn haben.«

Sie überlegte. Also, sie sollte es Jörg sagen? Er selbst schien scheinbar davor zurückzuschrecken. Sie überlegte fieberhaft, sah eine schwache Chance für sich, fragte:

»Und wenn ich mir Ihre Einmischung verbitte und weiterhin schweige, daß da ein Kind existiert, dessen Mutter ich zufällig geworden bin? Ein Kind«, sie geriet in Erregung und sprach drängend und hastig, sie kämpfte um ihr Glück, »das in meinem Leben überhaupt keine Rolle spielt und deshalb auch meinen Verlobten nicht belasten kann. Was ist, Herr Haffner, wenn ich weiterhin schweige? Vielleicht aus Liebe zu meinem Verlobten schweige, was Sie vielleicht noch nicht in Erwägung gezogen haben, ebensowenig wie die Tatsache, daß Jörg Niedeck mich liebt. Wollen Sie es wagen, wollen Sie es verantworten, zwei Menschen unglücklich zu machen?«

»Ja, das werde ich wagen und verantworten«, gab Doktor Haffner hart zurück. »Sie gaben eben selbst zu, daß mein Freund unglücklich werden würde, wenn er die Wahrheit erfährt. Er wäre noch unglücklicher, erführe er sie nicht jetzt, sondern erst, wenn es zu spät ist. Denn einmal würde er es erfahren. Vor allem aber«, Haffner beugte sich weit vor und schaute die schöne Frau mit unerbittlicher Strenge an, »keine Frau wird zufällig Mutter. Und außerdem, Fräulein Sanders, dieser Zufall hätte Ihnen sehr oft passieren können. Jansen heiratete sie nicht, weil er nicht sicher war, wirklich der Vater Ihres Kindes zu sein und ...«

»Die Blutprobe hat ihn überzeugt und ...«

»Ich weiß«, wehrte Haffner ab, »Jansen hat dann lange mit sich gekämpft, ob er dem unglücklichen, verkrüppelten Kind zuliebe Sie nicht doch noch heiraten sollte. Er hat Sie beobachtet, Ihre Lebensführung machte ihm eine Verbindung mit Ihnen unmöglich.«

»Herr Haffner, ich verbitte mir,...«

Sie war empört aufgefahren, er wehrte gelassen ab und unterbrach sie.

»Fräulein Sanders, muß ich alle Namen aufzählen, soweit Sie Jansen und mir bekannt sind?« fragte er hart.

Ehrliches Entsetzen lag in ihren dunklen Augen. Dieser fürchterliche Mann schien ja alles oder fast alles zu wissen.

Ihr Widerstand zerbrach.

Sie wirkte plötzlich alt und hilflos, als sie schweigend, mit zitternder Hand ihrem Etui eine Zigarette entnahm.

Haffner reichte ihr Feuer.

Sie tat ein paar tiefe Züge. Ihre Haltung straffte sich, sie fand wieder zu ihrer hochmütigen Unnahbarkeit zurück.

»Ich werde meine Verlobung mit Ihrem Freund lösen. Damit dürfte die Angelegenheit erledigt sein.«

Sie wollte aufstehen.

»Wir sind noch nicht ganz zu Ende«, hielt Haffner sie unerbittlich zurück, »auf welche Art gedenken Sie Ihr Verlöbnis zu lösen?«

»Sie sind sehr gründlich«, sagte sie spöttisch. »Ich«, sie überlegte kurz, »nach altbewährter Methode schicke ich ihm den Ring zurück. Ich habe mich eben in meiner Zuneigung zu ihm geirrt.«

»Sie machen es sich zu leicht, Fräulein Sanders«, fiel Haffner ihr hart ins Wort. »Auf die Art könnte mein Freund sehr lange einem Mädchen, das er liebte und schätzte, nachtrauern. Er muß von Ihnen kuriert werden, und zwar gründlich. Und dazu muß er die volle Wahrheit wissen.«

»Dann sagen Sie ihm die Wahrheit, Sie edler Freund und Wahrheitsfanatiker!«

Ihr Gesicht war völlig entstellt, ihre Stimme schrill, am Nebentisch wurde man schon aufmerksam.

»Ich bitte um etwas mehr Beherrschung«, forderte Haffner und zog seine Brieftasche. Er entnahm ihr ein Rezeptformular und legte es ihr hin.

»Die Lüge fällt Ihnen leichter als die Wahrheit«, sagte er sarkastisch. »Ich werde also meinem Freund die notwendigen Aufklärungen geben.

Hier, schreiben Sie ihm ein paar Zeilen, durch die ich legitimiert bin.« Erbittert schaut sie ihren Gegner an. Sie hätte ihn schlagen, sie hätte ihn umbringen mögen! Sie haßte ihn, haßte ...

Haffner blieb ungerührt von dem abgrundtiefen Haß, der aus ihren Augen sprühte.

»Schreiben Sie!« befahl er.

Er reichte ihr seinen Füller.

Ehe sie schrieb, traf ihn noch ein haßerfüllter Blick, dann flog, nach kurzem Besinnen, die Feder über das Papier.

Er nahm das inhaltsschwere Papier entgegen. Schaute flüchtig darauf. Ohne Anrede hatte sie geschrieben:

»Herr Haffner wird die notwendigen Erklärungen geben, weshalb ich unser Verlöbnis auflöse. Eine etwa gewünschte, persönliche Auseinandersetzung lehne ich ab.

Birgit Sanders«

»Es ist gut«, sagte Haffner knapp, »wenn Sie mir den Ring noch übergeben würden, dann ...«

»Sie machen die Kur gründlich.« Sie zerrte den Ring vom Finger und warf ihn achtlos auf den Tisch. »Aber wie ich sehe, sind Sie Arzt und verstehen sich aufs Kurieren.«

Sie griff nach ihrem Mantel, den sie sich im Hinausgehen achtlos überzog. Es interessierte sie nicht, was die Menschen in der Konditorei von ihr denken mochten.

Auch Haffner war es gleichgültig, daß die Auseinandersetzung nicht unbemerkt geblieben war.

Sorgfältig verwahrte er Ring und den kleinen Zettel und blieb noch einige Zeit, in ernstes Nachdenken versunken, sitzen. Erhob sich dann schwerfällig, denn schwer war der Gang, den er vorhatte.

Jörg Niedeck empfing ihn lachend und verwundert zugleich.

»Mensch, Gerd, etwa schon zurück oder hast du bei mir etwas vergessen? Oder Autopanne?«

»Laß uns erst einmal hineingehen«, antwortete Haffner mit so schwerem Ernst, daß Niedeck ihm voller Unruhe folgte.

Im Wohnzimmer blieb Haffner stehen und schaute den Freund bewegt und voller Herzlichkeit an. Dann sagte er mit einer Stimme, die vor innerer Bewegung etwas schwankte:

»Jörg, was ich jetzt tun muß, ist der schwerste Freundschaftsdienst, den ich dir je geleistet habe. Und ich weiß nicht einmal, ob du mir dafür danken, oder mich verfluchen wirst.«

»Gerd, Mensch, sprich!« drängte Niedeck, von einer unheimlichen Spannung gepackt. »Du, was ist los? Ich ...« Er zwang sich zur Ruhe und schaute den Freund fest und forschend an, las schweren Ernst und treue Freundschaft in dessen Augen und sagte herzlich: »Was es auch sein mag, ich werde dich sicher nicht verfluchen.«

»Ich hoffe es, Jörg«, erwiderte der Arzt und zog seine Brieftasche, überreichte ihm Zettel und Ring. Niedeck las, schaute grenzenlos verstört auf und dann wieder auf die wenigen Zeilen, auf den Ring.

»Sage, was zu sagen ist, Gerd«, forderte er rauh.

Sie standen einander gegenüber. Stehend hörte Niedeck an, was der Freund ihm mit knappen Worten und sehr sachlich berichtete.

Sie standen Auge in Auge, Niedecks Gesicht spiegelte wider, was er empfand, und erstarrte allmählich.

Als Haffner geendet hatte, ging Niedeck zu einem Sessel und setzte sich schwerfällig.

»Du, das muß erst mal verdaut werden«, sagte er klanglos und starrte lange vor sich hin.

Sehr lange mußte Haffner, der immer noch stand, warten. Die Sorge um den Freund und die Sorge, ihn zu verlieren, zerrten an seinen Nerven, seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt.

Plötzlich sprang Niedeck auf, kam auf ihn zu.

Sein Gesicht wirkte grau.

»Du, Gerd, ich komme mir vor, wie der Reiter über den Bodensee. Ich ...« Die Stimme versagte ihm vor Erschütterung. Er riß sich zusammen. »Gerd, zwischen uns bleibt alles, wie es war. Nein, mehr, denn daß du diese Henkersarbeit für mich verrichtet hast, Gerd, dafür werde ich dir nie genug danken können.«

»Jörg, alter Junge!«

Die beiden Männer reichten sich die Hände mit schmerzhaft festem Druck. Wortlos schauten sie einander an.

Erst nach einiger Zeit sagte Niedeck rauh:

»Dieses Weib! Mensch, Gerd, daß es so etwas gibt, soviel Verlogenheit, soviel Gemeinheit, und das unter der Maske damenhafter Unnahbarkeit. Gerd, das ist ja nicht zu fassen!«

Haffner nickte und fragte vorsichtig, während er mit dem Zeigefinger gegen seine Brust klopfte, dort, wo das Herz war.

»Und wie steht es da?« fragte er behutsam.

Niedeck überlegte.

»Wenn du die Enttäuschung in Abrechnung bringst, ganz gut, wie mir scheint. Deine Roßkur war sehr wirksam. Lieben kann man da nicht mehr. Aber freilich«, ein schmerzliches Zucken lief über sein Gesicht, »ich werde daran zu knabbern haben. Denn wie soll man je wieder vertrauen? Ich fürchte, das ist das Schlimmste an der Geschichte. Wer solchen Reinfall erlebt hat wie ich, hat Angst vor dem zweiten.«

»So darfst du nicht denken, Jörg«, erwiderte Haffner warm. »Es hieße, Birgit Sanders zuviel Ehre angedeihen zu lassen, wenn du ihr das Vertrauen zu den Menschen und den Frauen im besonderen opfern würdest. Laß das ja nicht erst in dir aufkommen, sonst lebst du zu schwer.«

»Das ist leichter gesagt als getan«, antwortete Niedeck ernst. »Zunächst bin ich erst einmal ziemlich angeschlagen. Aber komm, jetzt ist ein Kognak fällig.«

»Das ist ein Wort«, stimmte Haffner zu und ein erstes Lächeln huschte über sein Gesicht.

Haffner blieb bis zum anderen Morgen bei seinem Freund.

Abends, beim Wein, unterhielten sie sich noch einmal und eingehender über Birgit Sanders. Mit der Sicherheit des guten Arztes, der auch seinen Patienten in seelischen Krisen helfen mußte, lenkte Haffner vorsichtig das Gespräch so, um das zerstörte Vertrauen seines Freundes wieder aufzurichten und zu festigen, ohne daß Niedeck es spürte.

Unwillkürlich kamen sie auch auf Eva Steiner und Ursula Fröhlich zu sprechen. Haffner hatte durch Eva erfahren, daß Niedeck den Krankenpfleger gespielt hatte.

»Du mußt das ganz toll gemacht haben«, anerkannte Haffner lächelnd, »so von einem Augenblick zum anderen.«

»Ich danke.« Niedecks Gesicht erheiterte sich, Birgit Sanders war jetzt völlig vergessen. »Ich kam mir nicht sehr toll vor, als die Sache anfing. Das bibbernde Mädchen ...« Er begann zu erzählen und wurde durch Haffners Zwischenfragen angeregt, ausführlich zu berichten.

Der Arzt lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit. Als Niedeck geendet hatte, meinte er lächelnd:

»Da hast du dir wirklich die Rettungsmedaille verdient, Jörg. Wäre sehr schade um die Ursel gewesen, wenn ihr etwas passiert wäre. Sie und Eva gehören auch zu den Mädchen, die Seltenheitswert haben.«

»Wieso?«

»Weil da durch und durch alles echt ist. Ich kannte die beiden ja schon als Schulmädchen, wie das so in dem kleinen Nest ist, wo ich lebe und zu Hause bin. jeder kennt jeden und weiß genau über die lieben Nächsten Bescheid. Der Klatsch blüht, manchmal sehr unangenehm. Ich«, er lachte leise, als erinnere er sich einer besonderen Begebenheit, »war selbst während der Studienzeit immer genau informiert, was im Städtchen los war. Was Freunde und Freundinnen nicht wußten, erfuhr ich von meiner Mutter. Die Gute klatschte auch ganz gern. Nicht bösartig, aber eine gewisse, harmlose Freude an den Fehlern und Pannen der Nächsten konnte sie gelegentlich entwickeln.«

»Wer tut das nicht?« meinte Niedeck, ohne die verborgene Absicht in den Worten seines Freundes zu spüren.

Aber er erinnerte sich dieser Worte, als er zwei Tage später hinüber ins Nachbarhaus ging.

Am Sonntag hatte er sich dazu nicht überwinden können. Da hatte er, nachdem der Freund wieder abgefahren war, böse Stunden verbracht. Als er allein war, kam ihm erst voll zum Bewußtsein, welches Spiel Birgit Sanders mit ihm getrieben und wie feige, entsetzlich feige sie sich aus der Affäre gezogen hatte. Er verspürte eine fast körperliche Übelkeit, als er darüber nachdachte. Stundenlang lief er spazieren, weil es ihm unmöglich war, sich durch Arbeit oder ein Buch abzulenken, landete dann schließlich in einem Kino und schlief erst ein, nachdem er, und heute ganz bewußt, eine ganze Flasche schweren Rotwein getrunken hatte.

Als er am nächsten Morgen ins Büro ging, hatte er das sichere und beruhigende Gefühl, Birgit Sanders nicht begegnen zu müssen. Sie würde krank spielen.

Er täuschte sich nicht.

Fräulein Sanders hatte ihr Nichterscheinen im Dienst mit Krankheit entschuldigt.

Jörg Niedeck atmete erleichtert auf. Es war damit zu rechnen, daß Birgit Sanders in diesem Jahre, das in kurzer Zeit zu Ende ging, nicht mehr gesund werden würde und wollte.

Er hatte mit Staunen, sich selbst nicht trauend und dann doch mit voller Gewißheit, daß er sich nicht irrte, festgestellt, wie rasch und vollkommen seine Zuneigung zu Birgit Sanders erloschen war und nur die Enttäuschung noch schmerzte. Wahrhaftig, dachte er, es war nicht mehr, nur das.

Als er abends Ursula Fröhlich gegenübersaß, die seit einigen Tagen nicht mehr den Morgenrock, sondern lange Hosen oder Kleider trug, fiel ihm ein, was Gerd Haffner gesagt hatte.

Durch und durch alles echt, flog es ihm durch den Sinn, als er ihre klaren Augen, ihr weiches, so jung wirkendes Gesicht sah, gleichzeitig erinnerte er sich, wie es ihm aufgefallen war, daß die gleichaltrige Birgit soviel älter aussah als die junge Kindergärtnerin, wie er nach Gründen gesucht und sie in der Verschiedenheit der Berufe gefunden zu haben glaubte und ...

Ursel schaute ihn beklommen an, weil er so schweigsam war. Er war ihr, gleich als er kam, irgendwie verändert vorgekommen.

Es dauerte ziemlich lange, bis er sagte:

»Entschuldigen Sie, ich war eben in Gedanken nicht hier. Eigentlich unverzeihlich, nicht wahr, in Gegenwart einer jungen Dame.«

Ursel lachte. Sie hatte sich sehr tapfer immer in der Gewalt, wenn er da war.

»Aber das kommt doch vor, Herr Niedeck. Plötzlich kommt ein Gedanke und setzt sich fest. Übrigens, da fällt mir ein, wir müßten endlich einmal das Gespräch, bei dem wir durch meine Krankheit unterbrochen wurden, zu Ende führen. Ich komme jetzt nämlich von dem Gedanken an meinen Kindergarten auch nicht mehr los. Ich habe mir mit Schrecken klar gemacht, daß es zum 1. Januar damit nichts mehr werden wird, aber der Umbau müßte jetzt schleunigst in Angriff genommen werden, ich kann, ja nicht dauernd vom Sparbuch leben.«

»Ja, da ist eine ziemliche Verzögerung eingetreten«, gab Niedeck zu, »aber nun sollte es Ihnen auf ein paar Tage mehr auch nicht ankommen. Sie sehen noch sehr schonungsbedürftig aus und sind ...«

»Ach was«, wehrte sie energisch ab, »ich glaube, Sie wollen mich unter den Glassturz stellen. Ich brauche jetzt vor allem Arbeit, viel Arbeit. Es kann gar nicht genug sein.«

»Weshalb denn diese Arbeitswut?« warf er ein.

»Weil ich sonst ...« Sie stockte, wurde rot und wich seinem fragenden Blick aus. »Weil ich mich langweile. Ich bin an Arbeit und Umtrieb gewöhnt.«

»Und ich hatte immer den Eindruck, als verstünden Sie es ausgezeichnet, sich allein zu beschäftigen«, gab Niedeck zurück, während er überlegte, weshalb sie so verlegen gewesen war.

»Aber doch nicht immer.«

»Also gut, wir können schon einmal durchsprechen, wie der Umbau am besten anzupacken ist«, sagte er und schilderte ihr genau, wie die Aufteilung der Räume zu erfolgen habe. Er gab ihr vielerlei Hinweise, die für sie wertvoll waren.

»Ja«, sagte sie aufatmend, als er seine Ausführungen beendet hatte, »so wird es ganz wunderbar. Ich werde gleich morgen mit Ihrem Kollegen telefonieren.«

»Lassen Sie sich noch Zeit«, mahnte Niedeck.

»Nein«, beharrte sie, »ich fühle mich wohl und muß mich endlich wieder rühren können. Der Arzt hat mir sogar erlaubt, daß ich morgen den ersten Spaziergang mache. Und damit hat die Grippe ihr Gastspiel bei mir beendet. Und auch die gute Frau Lehnert. Doch«, wehrte sie seinen Widerspruch ab, »seit Tagen rennt die alte Frau zwischen Ihrer Wohnung und mir hin und her. Das ist zuviel für sie. Ich brauche nun wirklich keine Pflege mehr.«

»Toll, dieser plötzliche Unternehmungsgeist«, meinte er. »Jetzt fehlt nur noch, daß Sie mich auch fortschicken. Der Mohr ...«

»O nein, wie könnte ich das?« sagte sie warm und schaute ihn dankbar an. »Aber Sie müssen wirklich nicht mehr so oft kommen und mir Ihre kostbare Zeit opfern.«

»Wenn ich Sie nicht störe, bringe ich gern weiter das Zeitopfer.«

Wieder bemerkte er bei ihr eine starke Verlegenheit, die er sich nicht zu erklären vermochte.

Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als sie antwortete:

»Sie wissen, daß Sie immer willkommen sein werden, Sie und auch ihre Braut.«

Niedeck wußte nicht, weshalb er jetzt schwieg, aber es war ihm in diesem Augenblick unmöglich, einzugestehen, wie grausam er sich in Birgit Sanders getäuscht hatte. Er spürte nur einen stechenden Schmerz, als Ursula Fröhlich so selbstverständlich von seiner Braut sprach.

Einen Augenblick blieb es still, dann hatte er sich wieder gefangen und fragte:

»Also morgen soll der erste Spaziergang erfolgen?«

»Ja. Das Wetter ist trocken, ich werde mich warm einmummeln und ...«

»Und ich werde meinen einstigen Pflegling bei seinem ersten Ausflug begleiten«, fiel er ihr heiter ins Wort. »Ich denke, dieses Vergnügen habe ich mir redlich verdient.«

Sie schaute ihn verdutzt an, ihr Herz machte ein paar schnelle, harte Schläge, dann brachte sie es fertig, zu lachen.

»Aber Herr Niedeck, ich werde am Tage Spazierengehen.« »Ganz recht. Und ich werde während der Mittagspause kommen und Sie abholen.«

An diesem Abend saß Ursula Fröhlich noch lange am Fenster ihres dunklen Schlafzimmers und schaute hinüber auf zwei helle Fenster, hinter denen sie Jörg Niedeck wußte.

Das halte ich doch nicht aus, dachte sie immer wieder verzweifelt und überlegte, wie sie sich die Qual ersparen könnte, den geliebten Mann immer wieder und später mit seiner Frau zu sehen. Ihr graute vor dem Augenblick, wo er sie mit seiner Braut besuchen würde.

»Das ist nicht zu ertragen«, flüsterte sie mit brennenden Augen, und als sie schlaflos im Bett lag, glaubte sie, den rettenden Ausweg gefunden zu haben. Da war sie froh, daß der Umbau noch nicht in Angriff genommen worden war. Sie würde hier keinen Kindergarten eröffnen, sie würde das ganze Haus vermieten und diese Stadt wieder verlassen.

Sie spann diesen Gedanken in allen Einzelheiten aus und wurde ruhiger. Sie würde, um keinen neuen Rückfall zu riskieren, noch ein paar Tage hierbleiben und dann, das nahe Weihnachtsfest gab Grund dazu, verreisen. Er würde verstehen, daß sie zu Eva fuhr. Und dann würde sie nicht zurückkommen. Würde ihm einen netten Brief schreiben, daß sie sich anders entschieden habe.

Sie wußte ganz genau, was sie tun wollte, und dachte traurig: Er wird den Brief lesen und das wankelmütige Mädchen rasch vergessen. Denn er wird ja glücklich sein mit seiner Frau.

Daß Jörg Niedeck vorhin keinen Verlobungsring getragen hatte, war ihr überhaupt nicht aufgefallen.

Sie bemerkte es auch am nächsten Tag nicht, als er pünktlich kam, um sie abzuholen.

Sie hatte Mühe, seinem Blick standzuhalten, als er sie kritisch musterte, ob sie auch wirklich warm genug angezogen sei.

»Es geht ein ziemlich kalter Wind«, sagte er und faßte nach ihrem Mantelkragen, um ihn hochzustellen.

Ein Zittern überlief sie, das sie nicht zu beherrschen vermochte, das er spüren mußte.

»Wollen Sie mir Angst machen? Ich zittere ohnehin schon vor Aufregung«, rettete sie sich in eine Notlüge.

»Desto besser, daß Sie nicht allein gehen«, erwiderte er ruhig. Als sie auf der Straße standen, nahm er ihren Arm.

»Herr Niedeck«, wehrte sie mit erzwungenem Lachen ab, »ich bin doch keine gebrechliche alte Frau.«

»Nein, aber Sie werden bald merken, daß Sie noch etwas wacklig sind. Dafür wird die ungewohnte frische Luft und auch die Bewegung sorgen.«

»Sie sind fürchterlich rechthaberisch«, tat sie komisch verzweifelt.

»Und Sie ein kleiner Gernegroß und Kraftprotz.«

»Und Sie...«

»Still, jetzt wird nicht mehr gesprochen. Sie müssen die kalte Luft nicht unbedingt tief mit offenem Mund einatmen«, unterbrach er sie mit gespielter Strenge.

»Ich gehorche«, tat sie kleinlaut und setzte ihr Spitzbubenlächeln auf.

»Recht so«, erwiderte er zufrieden und drückte ihren Arm fester an sich. Sie spürte es mit schmerzlichem Glück.

Alles hätte so schön, so wundervoll sein können. Warum war das Schicksal so entsetzlich grausam? Warum mußte es ihr einen Mann in den Weg schicken, den sie lieben mußte und der nicht für sie bestimmt war? Sie merkte nicht, wie schwer sie sich auf ihn stützte, als er mit ihr langsam dem nahen Wald, der am Ende der alten Villenstraße begann, zustrebte. Es entging ihr auch, wie oft er sie besorgt anschaute, so sehr war sie durch seine Nähe und dieses vertraute Miteinandergehen eingesponnen in ihre Hoffnungslosigkeit.

Er deutete ihr trauriges, gequältes Gesicht falsch und blieb nach einiger Zeit stehen.

»So, es dürfte genug sein«, sagte er und schaute sie sehr besorgt an. »Fühlen Sie sich immer noch stark?«

Bei den letzten Worten zwinkerte er ihr verschmitzt zu.

Sie riß sich zusammen. Lächelte.

»Ja. Wir sind ja nur ein paar Schritte gegangen.«

»Es reicht für heute«, entschied er. »Morgen gehen wir ein Stück weiter.«

Morgen? Sie erschrak. Suchte nach einem Ausweg. Unmöglich konnte sie jeden Tag mit ihm spazierengehen. Was dachte er sich eigentlich dabei? Und was würde seine Braut denken?

Sie überlegte krampfhaft, während sie schweigend mit ihm zurückging. Der Ausweg fiel ihr ein.

»Morgen vormittag soll ich zu Doktor Wiese kommen«, schwindelte sie. »Er möchte für alle Fälle, obwohl ich das für überflüssig halte, meine Lungen röntgen.«

Das stimmte, aber es sollte etwas später geschehen.

»Damit hätte er ruhig etwas warten können«, meinte Niedeck unzufrieden. »Aber wenn er Sie bestellt hat, fahren Sie wenigstens mit einem Taxi zu ihm. Ich habe leider keine Zeit.«

»Und ich werde laufen. Er wohnt ja nicht weit entfernt«, sagte sie in verzweifelter Abwehr. »Und übermorgen werde ich mich zum erstenmal wieder in mein Auto setzen und in die Stadt fahren. Ich muß nämlich noch ein Verlobungsgeschenk besorgen.«

Sie spürte, wie ihn ein heftiger Ruck durchfuhr, und hörte seine Stimme, völlig verändert und rauh sagen:

»Falls das Verlobungsgeschenk für mich bestimmt sein sollte, bemühen Sie sich unnötig. Ich bin nicht mehr verlobt.«

Er hatte starr geradeaus gesehen, während er sprach.

Aber die heftige Bewegung, mit der sie ihren Arm aus seinem löste und stehenblieb, ließ ihn aufmerksam werden.

»Sie - Sie sind nicht mehr verlobt?« stammelte sie und schaute ihn fassungslos an. So vollkommen fassungslos, daß es ihr unmöglich war, in diesem Augenblick daran zu denken, was das für sie bedeuten könnte.

»Ja«, bestätigte er ruhig, »und dazu können Sie mir gratulieren. Ich«, er überlegte kurz, schaute an ihr vorbei, sah sie wieder an, als er weitersprach: »Ich war ein Esel, Fräulein Fröhlich. Ich hielt wertlosen Plunder für echtes Gold. Ich habe nur die Entschuldigung für mich anzuführen, daß die Fälschung ausgezeichnet gemacht war.«

»Herr Niedeck«, sagte sie erregt und zugleich so warm und weich, mit einem Blick, von dem sie nicht ahnte, wieviel liebevolle Sorge er verriet, »das ist ja furchtbar. So grausam enttäuscht zu werden, wenn man liebt und glaubt ...«

Niedeck hatte trotz des scharfen, kalten Windes das Gefühl, als würde er eingehüllt in helle, goldene Sonnenstrahlen, als ginge er durch einen warmen Sommertag.

»Mädchen«, versicherte er warm, »es ist ein Glück, daß man unechte Ware leichten Herzens wegwerfen kann. Was bleibt, ist die Enttäuschung und daß man beim nächsten Einkauf vorsichtiger ist. So habe ich das schnelle Ende meiner Verlobung empfunden.«

»Ist das möglich?« fragte sie erschüttert, unfähig, seinen Gedanken so rasch zu folgen.

»Ja«, sagte er fest, »es ist mit den Menschen so wie mit Kunstwerken. Wird die Fälschung erkannt, sind Menschen oder Kunstwerk wertlos, da hört jeder Liebhaber auf, zu lieben. Und vermag sich ohne Schmerz von der Fälschung zu trennen. Nicht ohne Enttäuschung, aber ohne Schmerz.«

Sie sah still vor sich hin, dann antwortete sie leise:

»Ich glaube, ich kann Sie jetzt verstehen.«

Er nahm wieder ihren Arm und ging mit ihr langsam weiter. Sein Gesicht sah gelöst und froh aus.

Ursels Gesicht war und blieb ernst. In ihr tobte ein Aufruhr, herrschte ein so völliges Durcheinander von Gefühlen und Gedanken, daß sie sich völlig haltlos fühlte. Sie hatte ihr seelisches Gleichgewicht verloren.

Es wandelte sich in körperliche Schwäche. Dieser erste Spaziergang und das, was sie gehört hatte, war zuviel.

Er spürte ihre zunehmende Erschöpfung.

»Nun?« fragte er leise, »wie ist es, kleiner Gernegroß?«

Sie richtete sich an dem Stichwort, das er ihr zuwarf, auf und brachte ein bekümmertes Lächeln zuwege.

»Ich gebe mich geschlagen, Sie rechthaberischer Mann.«

Er brachte sie hinauf in ihre Wohnung und blieb bei ihr, bis sie sich auf die Couch gelegt hatte. Und, so sehr sie sich auch gegen seine Fürsorge sträubte, nahm er noch die Wolldecke und hüllte sie darin ein.

Sie schloß die Augen dabei. Sie konnte ihn nicht ansehen, während sie seine festen, warmen Hände spürte, die sie wie ein Kind einhüllten. Aber sie spürte noch lange die Hand, die streichelnd über ihr Haar glitt, ehe er ging.

Jörg Niedeck befand sich in einem wunderlichen Zwiespalt.

Er wußte jetzt, daß die Liebe zu Ursula Fröhlich in ihm schon wuchs, als er sie pflegte, aber Birgit Sanders zu lieben glaubte. Die heimliche Kritik, die er manchmal an seiner einstigen Verlobten geübt hatte, das alles war nur möglich geworden, weil er unbewußt spürte, daß Ursel wertvoller war und seinem eigenen Wesen ähnlicher.

Aber wie sollte er ihr das klarmachen, ohne wankelmütig zu erscheinen? Wie sollte sie ihm das glauben?

Und vor allem, liebte sie ihn wirklich oder irrte er sich? Es war nur ein kurzer Moment gewesen, wo sie sich verriet. Zu kurz, um ihm Gewißheit zu geben. Und wenn er in diesen Tagen mit ihr zusammen war, hatte sie sich so in der Gewalt, daß er nur an ihre Freundschaft glauben konnte. So scharf er sie auch beobachtete, er fand keine Sicherheit.

Ursel entging es nicht, wie sie beobachtet wurde, und er sie mehr denn je umsorgte und verwöhnte.

Sie mußte ihm versprechen, noch nicht allein in die Stadt zu fahren. Er besorgte alle Einkäufe für sie.

Er kam und brachte ihr Rosen, hielt sie ihr entgegen und fragte verschmitzt:

»Wird das als Bezahlung für eine Tasse Kaffee für gute Münze genommen?

Sie freute sich, er sah es ganz deutlich, und antwortete lachend:

»Damit sind einige Tassen Kaffee bezahlt.«

Er hielt an dem Spiel mit den Rosen und dem Kaffee fest, denn Ursel lud ihn aus eigener Initiative nie zum Kaffee ein.

Einmal dachte er an Gerd Haffner, der von Ursel und Eva gesagt hatte, die beiden Mädchen hätten Seltenheitswert. Er kam zu derselben Überzeugung, denn soviel Zurückhaltung war bei den modernen Mädchen wirklich selten zu finden.

Er ahnte nicht, daß in Ursel ein ähnlicher Zwiespalt war, wie in ihm. Sie spürte sein Werben und war davon beglückt, aber auch voller Angst. Sie glaubte ihm, daß seine Liebe zu Birgit Sanders erloschen war, als er ihren Unwert erkannte.

Er hatte ihr inzwischen mit ein paar kurzen Worten erzählt, was sein Freund, den sie selbst so gut kannte, für ihn getan hatte. Sie verstand nur zu gut, daß ein Jörg Niedeck eine solche Frau nicht mehr lieben konnte.

Aber daß er sich so rasch der nächsten zuwandte, daß er sie jetzt umwarb und ihr seine Liebe zeigte, das ging ihr zu schnell. Und deshalb wich sie ihm ängstlich aus, so schwer es ihr oft auch wurde.

Liebe und Hoffnung, Angst und Scheu wechselten in ihr und machten sie unfähig, an den Umbau und die Aufgabe, die sie sich gestellt hatte, zu denken.

Er riet ihr auch dringend, vor Weihnachten nichts mehr zu unternehmen, weil alle Handwerker jetzt überlastet seien. Das leuchtete ihr ein. Aber sie litt unter ihrer Untätigkeit, denn sie fühlte sich wieder völlig gesund und war es auch.

Mit frohen Augen sah sie deshalb an einem Sonnabend, dem letzten vor dem Weibnachtsfest, als sie morgens aufstand, daß sich die ganze Welt über Nacht verändert hatte. Der dunkle Wintermorgen wurde erhellt durch die dicke Schneedecke, die sich über Häuser und Gärten gelegt hatte. Und noch immer rieselte es in dichten Flocken herab.

Zauberhaft, dachte sie, und dann glücklich: Skilaufen! Nicht mehr den ganzen Tag im Zimmer hocken, sondern draußen auf den Brettern herumlaufen, das würde wundervoll sein, würde sie ablenken.

Seit langer Zeit sang sie wieder, als sie in der Badewanne saß. Sang lustige Skifahrerlieder.

Vergnügt trank sie ihren Kaffee und wirtschaftete dann eifrig in ihrem kleinen Haushalt herum, um rasch fertig zu werden. Die Skier mußten doch in Schwung gebracht werden.

Sie war gerade mit ihren Hausfrauenpflichten fertig, da klingelte es.

Lachend stand Niedeck vor ihr, deutete vergnügt auf den Schnee und sagte:

»Ein Spaziergang im Schnee; fix, machen Sie sich fertig, dieses Vergnügen können wir uns nicht entgehen lassen.«

»Ich wollte eigentlich meine Skier aus dem Keller holen und ...«

»Nicht zu voreilig, der Schnee ist noch zu naß«, gab er rasch zurück. »Die Skier holen wir heute mittag aus den Kellern und versuchen dann mal unser Heil. Jetzt geht es ohne.«

»Wie Sie immer kommandieren«, murrte sie kopfschüttelnd und ging mit ihm ins Haus.

Schon in Skikluft wartete er im Wohnzimmer, bis sie sich umgezogen hatte.

»Zwerg«, sagte er lächelnd, als sie in dunkelblauen Hosen und feuerrotem Anorak ins Zimmer kam.

»Es kann nicht jeder solch Riese sein wie Sie«, entgegnete sie munter. In flottem Tempo schritten sie dem Wald entgegen.

Stumm, in andächtiger Bewunderung, betrachteten sie die hohen Tannen in ihrem Winterkleid.

»Märchenhaft«, sagte sie, und er nickte. »Wundervoll.«

Plötzlich packte ihn jungenhafter Übermut.

Er bückte sich, griff in den Schnee, formte rasch einen Ball, sie folgte lachend seinem Beispiel.

Lustige Ausrufe und herzliches Lachen durchbrachen die Stille des Winterwaldes, als sie sich eine Schneeballschlacht lieferten, bei der sie sich kaum weniger kampfkräftig zeigte als er.

Und als er gerade unter einer Tanne stand, gab sie einem raschen Einfall nach, sprang mit wenigen Schritten zu ihm, zog kräftig an einem großen Zweig und eilte zurück.

Lachend schaute sie zu, wie er von dichten Schneewolken überschüttet wurde, wie er sich schüttelte und dann mit großen Sätzen zu ihr eilte und sie am Arm packte.

»Das kostet Strafe«, sagte er voller Übermut und zog sie mit sich fort, so sehr sie sich auch sträubte.

Lachend kämpften sie miteinander, bis er sie ganz fest in den Arm nahm und sie unter eine Tanne trug.

Sie spürte seinen raschen, warmen Atem, seinen Arm, seine Nähe.

»Bitte, nein - nicht ...«

Ihre erregte Stimme ließ ihn aufmerksam werden. Er sah ihr in die Augen, die so flehten, so angstvoll waren, und die doch etwas verrieten.

»Ich stelle mich ja freiwillig unter den Baum, damit Sie sich revanchieren können«, sagte sie mit kleiner, heiserer Stimme, während sie sich mühte, sich aus seinen Armen zu befreien.

»Ursel, und ich möchte dich freiwillig nicht wieder hergeben«, raunte er ihr zu. Plötzlich ganz erfüllt von sehnsüchtiger Liebe, zögerte er nicht mehr. Er küßte den weichen Mund, der ihm so nahe war.

Wie betäubt ließ Ursel seine Küsse über sich ergehen, und plötzlich war kein Sträuben mehr in ihr.

Ein Glücksgefühl, wie sie es nie für möglich gehalten hätte, war in ihr und zwang sie, ihre Arme um seinen Hals zu legen und in seliger Liebe seine Küsse zu erwidern.

»Ursel«, sagte er nach einiger Zeit atemlos und schaute sie mit tiefer Zärtlichkeit an, »Mädchen, du, darauf habe ich gewartet. Du hast mich so lange warten lassen.«

»So lange?« Er sah die leise Bangigkeit in ihren Augen.

»Ja«, antwortete er ernst, »sehr lange. Denn meine Liebe zu dir begann, als ich um dein Leben zitterte. Ich habe es nur nicht gewußt, wie sehr du mir in jenen Tagen ins Herz gewachsen bist. Ich ahnte es dunkel, als ich ...« Er unterbrach sich, er wollte in dieser Stunde Vergangenes nicht heraufbeschwören, und fuhr voller Innigkeit fort: »Ich merkte es etwas spät, aber Ursel, Liebste, nicht zu spät! Zu unserem Glück nicht zu spät.«

Sie hörte aus seiner Stimme das Glück, das in ihm war.

»Jörg, Jörg, ich bin so glücklich«, flüsterte sie, während sich Tränen aus ihren Augen lösten.

Er küßte ihr die Tränen fort, küßte die Augen, die Stirn, den Mund. Er hielt sie noch immer wie ein Kind auf seinen Armen.

Und als er sie nach langer Zeit sanft heruntergleiten ließ, blieben sie immer noch, eng aneinander geschmiegt, stehen.

»Ich kann es noch nicht fassen, Jörg«, sagte sie voller Seligkeit, als sie, von seinem Arm umschlungen, mit ihm durch den stillen Märchenwald ging.

Er blieb stehen, nahm ihr Gesicht in seine Hände und küßte sie fest auf den Mund.

»Glaubst du es nun?« fragte er ganz weich.

»Noch nicht ganz«, lachte sie glücklich und bot ihm ihre Lippen.

Mit strahlenden Augen traten sie den Rückweg an.

Vor ihrer Haustür sagte er:

»Urselchen, mit Rosen kann ich jetzt nicht zahlen, aber vielleicht nimmst du für ein Mittagessen auch Küsse in Zahlung?«

»Das ist ja der reinste Wucher.« Sie strahlte ihn an. »Mittagessen und Küsse, ein Zahlungsmittel, bei dem Wechselgeld fällig ist?«

»Du bist unheimlich klug, Ursel.«

Es wurde heute nichts aus dem Skilauf.

Statt dessen saßen sie nach einem Mittagessen, das sehr spät fertig wurde, weil sie in glücklichem Übermut ein regelrechtes Festmahl bereiteten und voller Übermut verspeisten, am Nachmittag, als die Dunkelheit sich über das Land senkte, im Schein der Adventskerzen zusammen beim Kaffee.

Sie waren ernst geworden und sprachen von dem, was sie gefühlt und gelitten hatten. Er war erschüttert von Ursels Ängsten und ihrem Zwiespalt. »Damit ist es nun vorbei, mein Liebes«, sagte er zärtlich. Ich habe doch dein Vertrauen?«

Sie schmiegte sich fest in seinen Arm und erwiderte innig:

»Spürst du es nicht, Liebster?«

Die Augen der beiden Menschen leuchteten froh.

Und froh sprachen sie von der Zukunft.

Sie wollten rasch heiraten, denn in dieser schnellebigen Zeit vergaßen die Menschen rasch und würden sich kaum erinnern, daß die Frau, die Jörg Niedeck heiratete, eine andere war.

Ursels Haus wurde vermietet, als sie als junge Frau in sein Haus einzog.

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Er meinte vergnügt:

»Um den Kindergarten bin ich nun glücklich gekommen. Ich werde in schönster Ruhe arbeiten können. Ohne Kindergeschrei. Habe ich das Problem nicht großartig gelöst?«

Ursel nickte mit ihrem schönsten Spitzbubenlachen.

»Großartig, Jörg.«

Eva Steiner hatte neidlos, aber erfüllt von tiefem Schmerz, den sie still in sich verschloß und hinter ihrem Lachen verbarg, geholfen, ihre Freundin als Braut zu schmücken. Fröhlich hatte sie an der Hochzeitsfeier teilgenommen.

Aber auch sie fand nach zwei Jahren den Richtigen. Sie lachte glücklich, als sie mit Ursel allein war, während ihr Verlobter sich im Herrenzimmer mit Niedeck unterhielt:

»Nun ist es doch ein Witwer mit Kind geworden, Ursel. Habe ich es nicht immer gesagt?«

»Aber ich finde ihn wunderbar, deinen, Witwer.«

»Ja«, erwiderte Eva ungewöhnlich weich. »Andreas ist so, wie ich mir meinen Mann immer wünschte. Und seine kleine Gaby ist so süß. Ich freue mich, Ursel. Ich habe nicht mehr daran geglaubt, noch Frau und Mutter zu werden.«

Zwischen den drei Ehepaaren entwickelte sich trotz räumlicher Entfernung eine so herzliche Freundschaft, wie sie in dieser Zeit selten geworden war. Am stärksten miteinander verbunden fühlten sich aber Jörg Niedeck und Gerd Haffner, deren Freundschaft die härteste Probe bestanden hatte.

Als kurz nach Evas Hochzeit Ursel ihren ersten Sohn zur Welt brachte, stand Gerd Haffner, nachdem er auch genannt wurde, Pate.

Der kleine Gerd hatte eine äußerst kräftige Stimme mitbekommen.

Kopfschüttelnd schaute Jörg Niedeck seinen schreienden Sohn an, der ihn erheblich bei der Arbeit störte.

Die junge Mutter stand dabei und setzte jenes Spitzbubenlächeln auf, das Niedeck an ihr so liebte.

»Ja, Jörg, um den Kindergarten bist du ja glücklich gekommen. Das Problem hattest du wunderbar gelöst. Aber das Kindergeschrei hast du nun frei Haus geliefert bekommen. Und Gerd hat so wunderbar kräftige Lungen.«

»Du bist ja eine fürchterlich rachsüchtige Person«, lachte Niedeck und nahm seine Frau fest in den Arm, schüttelte sie ein wenig.

Sie lachte zu ihm auf.

»Bin ich«, sagte sie übermütig, »weil du ihn drüben nicht haben wolltest, mache ich nun hier meinen Kindergarten auf. Du denkst doch nicht, daß Gerd allein bleiben wird?«

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