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Endrik Kraupatis

Ernst Wichert: Endrik Kraupatis - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorErnst Wichert
booktitleLitauische Geschichten
titleEndrik Kraupatis
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
editorPaul Wichert
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081028
projectid4f086d87
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Am Gilgefluß. Federzeichnung von Ernst Wichert.

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Die große Mühle in Kraupatischken war vor zwei Jahren abgebrannt.

Man nannte sie die »große Mühle«, weil das Flüßchen, das unfern diesem Dorf in den Pregel mündete, weiter aufwärts noch zwei oder drei Mühlen trieb, die über eine geringere Wasserkraft verfügten. Aber die Mühle hatte auch wirklich zu der Zeit, in der sie angelegt wurde, und in diesem Teile von Preußisch-Litauen für ein bedeutendes Werk gelten können. Später, bei verbesserter Technik, war sie von mancher Konkurrentin überholt. Aber sie hieß noch immer im Volksmunde »die große Kraupatischker Mühle«, und so hieß sie auch, nachdem sie abgebrannt war und bis auf ein unversehrt gebliebenes Seitenhäuschen als Ruine dalag.

Es war übrigens seit dreißig oder vierzig Jahren, also ungefähr so weit zurück, als die jetzigen älteren Männer Kinder gewesen waren, üblich geworden, sie auch die »alte« Kraupatischker Mühle zu nennen. Nicht weil ihr eine neue zur Seite stand, sondern weil sie wirklich nachgerade alt, recht alt war. Davon konnten sich alle Mahlgäste überzeugen, die unter ihr mächtiges Dach traten – die ganze Mühle schien, aus einiger Entfernung gesehen, nur Dach zu sein – und das Gebälk bewunderten. Es stammte noch aus der Zeit, als an den Quellflüssen des Pregels meilenweite Wälder mit ihren Beständen von uralten Eichen das Land bedeckten – dort, wo sich unter der Herrschaft des deutschen Ordens und unter den Herzögen und viel später noch bis in die Regierungszeit des Großen Kurfürsten hinein »die Wildnis« als Schutz gegen feindliche Einfälle ausdehnte. Wer damals eine Anweisung auf Bauholz erhielt, hatte die Auswahl unter einer Riesengarde und konnte seinen Bedarf nach völligem Maß decken. Man baute ja auch noch »für die Ewigkeit«. Die Balken, die da von Mauer zu Mauer querüber lagen, mochten gut die vierfache Stärke heutiger Träger haben und waren so dicht gereiht, daß sie kaum eines Bretterbelages bedurften. Über ihnen aber strebte ein Wald von Stützen, Riegeln und Sparren auf; man hätte da einmal gehörig »durchforsten« können, ohne die Sicherheit des mit schweren Pfannen, Mönchen und Nonnen gedeckten Daches zu gefährden.

Und wie schwarzbraun das Holz geworden war! Nicht die kleinste morsche Stelle ließ sich entdecken. Es war, nicht nur bildlich gesprochen, »fest wie Eisen«. Mit der Axt einen Splitter abzubringen, kostete keine kleine Mühe. Und von demselben Material waren die Räder und die Wehre, der Fachbaum und die Schützen darüber. »Ja, damals verstanden die Leute noch haltbar zu bauen! So ein Holzchen – hä, hä, hä! Es ist eine Freude anzusehen.«

Das alte Ding stand so fest, daß kein Sturm es umwerfen und kein Hochwasser es unterspülen konnte. Vielleicht wär's wirklich für die Ewigkeit gebaut gewesen, wenn das Feuer es nicht zerstört hatte. Merkwürdig! Durch ein paar Jahrhunderte war es auch von diesen Elementen verschont geblieben. Aber vor zwei Jahren – das war freilich auch nicht mit rechten Dingen zugegangen: das Feuer mußte angelegt sein. So zufällig fing solches Holz nicht Feuer, es war sicher mit Petroleum begossen worden. Das hatte eine Flamme abgegeben, als ob das ganze Dorf brannte – meilenweit war sie zu sehen gewesen, und Nacht und Tag und die zweite Nacht hatte sie reichlich zu zehren gefunden. Als die schweren Dachziegel schon prasselnd und polternd in den Innenraum gefallen waren und da wie ein schwarzer Berg aufgehäuft lagen, stand noch das verkohlte Gebälk, und als man's mit langen Hakenstangen umriß, zeigte sich's, daß das Feuer nicht hatte durchfressen können. Ja, so ein Holzchen!

Leider war nicht nur die alte Mühle zerstört worden, sondern bei dem schrecklichen Brande auch ein Menschenleben verlorengegangen. Die volle Gewißheit davon hatte man erst beim Aufräumen erlangt, als man die verkohlten Gebeine eines Menschen fand. Es ließ sich denn auch feststellen, daß ein Bettler, der sich den Tag über im Dorfe herumgetrieben, spät abends nach der Mühle gegangen und dann verschwunden war. Er mochte von hinten über den Schweinestall eingestiegen sein und sich auf dem Heuboden sein Nachtlager bereitet gehabt haben. Man meinte anfangs, er sei der Brandstifter gewesen, vielleicht aus Rache, weil er von der Mutter des Müllers abgewiesen worden. Aber es mußte doch unglaublich scheinen, daß er dann so lange wartete, bis ihm die Flamme den Ausweg sperrte. Mit Vermutungen durfte man sich nicht lange plagen. Schnell genug wurde gewiß, was kein Mensch für möglich gehalten hätte: der Müller selbst hatte die Mühle angesteckt.

Der Müller war Heinrich Kraupat oder, wie die Litauer ihn nannten, Endrik Kraupatis. Solange man zurückdenken konnte, hatte der Besitzer der großen Kraupatischker Mühle stets Kraupat geheißen. Auch aus den Grundakten ergab sich kein anderer Name. Es war sehr möglich, daß keineswegs in älterer Zeit immer der Sohn dem Vater folgte; der Ehemann einer Tochter oder selbst der Käufer konnte den Namen Kraupat angenommen haben; denn der Müller in Kraupatischken konnte füglich gar nicht anders heißen. Unzweifelhaft war aber bereits der Großvater des Heinrich Kraupat Besitzer der Mühle gewesen. Er hatte, wie erzählt wurde, zu der Zeit, als die Franzosen hier durch nach Rußland gingen, sein Geld so gut versteckt gehabt, daß sie es nicht hatten auffinden können. Sein Sohn galt sein Leben lang als ein wohlhabender Mann, und auch von dessen Sohn Heinrich wußte man's nicht anders, als daß er so manchen Gutsbesitzer und Pferdezüchter in der Gegend »bequem in die Tasche stecken« könnte. Aber er war bei Gericht trotz allen Leugnens überführt worden. Zehn Jahre Zuchthaus hatte er vom Schwurgericht in Tilsit bekommen, weil beim Brande ein Mensch das Leben verloren hatte. Es wurde ihm dabei schon zu gut gerechnet, daß ihm dessen Anwesenheit in der Mühle unbekannt gewesen sein konnte.

Endrik Kraupat hatte einen Zeugen seiner Tat gehabt. Es war sonst nicht viel gegen ihn ermittelt: daß er einmal beim Glase Bier im Ärger sich ausgelassen, das alte Ding stehe schon zu lange und tauge in jetziger Zeit nicht viel; die Mühle abzubrechen und nach den jetzigen Prinzipien wieder aufzubauen, kostete zuviel Geld. Der Himmel könnte aber wohl einmal ein Einsehen haben und einen Blitz herunterschicken. Brenne das alte Gestell nieder, so hätte ja doch niemand einen Schaden davon, die Versicherungsgesellschaft müsse blechen. Das hatten viele gehört und nicht sonderlich schwer genommen. Erst nachträglich war ihnen eingefallen, daß die Worte Bedeutung gehabt haben könnten. Ein andermal hatte er gemeint, er sei eigentlich kein rechter Müller, da er das Handwerk nicht aus dem Grunde gelernt habe, und würde, wenn er günstig gegen bar verlaufen könnte, lieber etwas anderes unternehmen, einen Pferdehandel vielleicht oder dergleichen. Auch das hatte niemand verwundert, da man ja wußte, daß die Mühle seinem älteren Bruder bestimmt gewesen war, der dann leider verunglückte, und daß Endrik damals als Sergeant bei den Dragonern diente und Gendarm zu werden beabsichtigte. Nun war auch das vorgeholt. An sich konnte auch nichts Verfängliches darin gefunden werden, daß er am Abend vor dem Brande seine Leute mit dem Fuhrwerk nach der Stadt geschickt hatte, eine Maschine abzuholen, die viel Wasserkraft sparen sollte. Jetzt hieß es, er hätte die Pferde nicht verbrennen lassen wollen. Es wurde ausgerechnet, daß die Mühle sehr hoch versichert gewesen sei. Aber das alles, zusammen mit dem Umstande, daß die Mühle unzweifelhaft angesteckt worden war, wie sich das Feuer entwickelt hatte, würde ihm nicht den Hals gebrochen haben. Der Zeuge gab den Ausschlag. Beschwor doch der alte Davids Ensikat, der in seinen jungen Jahren noch bei dem Großvater des jetzigen Müllers in der Lehre gewesen war, seinem Vater lange Jahre gedient hatte und jetzt in der Mühle das Gnadenbrot aß, er habe mit eigenen Augen gesehen, wie Endrik in der bestimmten Nacht das Feuer anlegte. Gegen ein solches Zeugnis hatte alles Ableugnen nichts geholfen.

Fast ein Jahr lang, die Untersuchungshaft ungerechnet, hatte er in der Anstalt zugebracht. Da war es endlich den unablässigen Bemühungen seiner alten Mutter, der Erdme Kraupatene, gelungen, beim Oberlandesgericht in Königsberg das Wiederaufnahmeverfahren durchzusetzen. In der Sache mußte deshalb vor dem Schwurgericht nochmals verhandelt werden, und diesmal erfolgte seine Freisprechung. Das war erst gestern abend zu später Stunde geschehen. Der Advokat hatte telegraphiert. Das ganze Dorf war nun in großer Aufregung. Man hatte sich ausgerechnet, wann Endrik Kraupat, dem sogleich ein Fuhrwerk entgegengeschickt war, zu Hause anlangen könne. Ein festlicher Empfang wurde vorbereitet.

Soviel davon sich wenigstens in der Geschwindigkeit vorbereiten ließ! Am Eingang des Dorfes, nicht weit von der Mühle übrigens, war eine Art von Ehrenpforte errichtet: zwei Stangen mit Fähnchen und eine Laubgirlande dazwischen. Solche Laubgewinde hingen auch in kleinen Bogen an dem Mauerrest der Mühle und kränzten die Tür des vom Brande verschont gebliebenen Wohnhäuschens. Die drei Steinstufen zu derselben und der Weg dahin zeigten sich mit weißem Sand und gehackten Tannen bestreut. Um die Stämme der beiden Linden am Eingang durch den Gartenzaun war ein langes Stück Zeug gezogen und mit einer litauischen Inschrift versehen, die ungefähr soviel sagte als: Gott schützt die Unschuld. Die alte Kraupatene hatte sie vom Schullehrer mit Teer aufschreiben lassen. Aber auch über den Türen der meisten Bauernhäuser steckte mindestens ein Birkenstrauch. Jeder, der von dem Müller in den letzten Jahren schlecht gesprochen hatte, wollte das möglichst rasch in Vergessenheit bringen. Ließ sich danach die freundliche Gesinnung ermessen, so war er bei dem Krüger seit gestern ganz besonders gut angeschrieben: der Mann hatte in der Nacht sein Fuhrwerk nach dem Walde geschickt und sechs Tannenbäumchen von doppelt Manneshöhe holen lassen, die nun rings um den mit Bänken und Tischen bestellten Podest vor der Tür eingegraben und festgebunden waren und dem Hause ein freundliches Aussehen gaben. Auch hingen die beiden Fahnen – eine schwarzweiße und eine schwarzweißrote –, die sonst nur zu Königs Geburtstag oder anderen Festtagen in Gebrauch genommen wurden, aus der Dachluke am Giebel herab. Es war in Kraupatischken auch noch nicht vorgekommen, daß einer zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt und dann wieder freigesprochen wurde.

Auf dem Podest saßen dicht zusammengedrängt alle die Dorfinsassen, die früher eine Ehre darin gesucht hatten, zur Freundschaft des Müllers gezählt zu werden, Deutsche und Litauer. Das Dorf war wohl nie ganz litauisch gewesen, jetzt aber, wie die ganze Gegend hier, fast völlig verdeutscht, so daß in der nächstgelegenen Kirche nur an jedem vierten Sonntage ein litauischer Gottesdienst abgehalten zu werden pflegte. Nur noch die älteren Leute sprachen untereinander litauisch und behielten die alte, so gut kleidende litauische Tracht bei. In der jüngeren Generation erinnerten meist nur die Namen an die Abstammung; es galt ihr für vornehm, in Sprache und Gewohnheiten von den Deutschen nicht unterschieden werden zu können.

Der Krüger mußte die Gläser häufig füllen; man hatte sich's nun einmal vorgenommen, zu warten, bis der Müller eintreffen werde. Das große Wort führte ein kleiner, buckliger Kerl, der den schäbigen Filzhut von der kahlen Stirn zurückgeschoben hatte und bei Kraftstellen seiner Rede mit der langfingerigen Hand daraufpaukte, um den Eindruck zu verstärken. Seine kleinen Augen blinzelten fortwährend unruhig im Kreise herum, sich zu vergewissern, daß die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer nicht aussetzte, und der breite Mund kaute recht wohlgefällig die Worte, die mit geringen Abänderungen mehrmals wiederholt zu werden pflegten. Es war der Jons Szamaitat, ehemals Lehrer im Heydekrugischen, dann abgesetzt und seitdem Schreiber für jeden, der seine Feder gegen kleinen Entgelt brauchte, zudringlich, boshaft, gern gemieden und doch in der Not stets wieder aufgesucht, den Behörden verhaßt. Die Dorfhonoratioren setzten sich sonst im Kruge nicht gern mit ihm an denselben Tisch, wenn sie auch mitunter gnädigst seine Zeche bezahlten. Heute war das etwas anders. Szamaitat hatte ja die Sache des Müllers in seiner Mutter Auftrag mit allem Eifer betrieben und ein glänzendes Resultat erzielt. Er war natürlich zur Schwurgerichtssitzung nach Tilsit gefahren, um den Rechtsanwalt, der die Verteidigung übernommen hatte, in jedem Augenblick beraten zu können, hatte sich aber sofort nach Verkündigung des freisprechenden Urteils in größter Eile auf den Heimweg gemacht, um für den feierlichen Empfang des unschuldig Bestraften sorgen zu können. Er selbst hatte heute seinen großen Tag.

»Ja, seht ihr, Herrschaften,« sagte er, indem er sein Glas über die Schulter weg dem Krüger zur Neufüllung zureichte, »es kommt alles darauf an, daß man eine Sache richtig anfaßt – richtig in die Hand nimmt – sagen wir: richtig anfaßt. Das ist das eine. Und das andere ist die Energie, die Nachdrücklichkeit, die Force. Nicht loslassen, Herrschaften, nicht loslassen – darauf kommt alles an. Wenn ein Mensch schuldig ist, dann mit allen Hunden hinter ihm her, bis ihm der Atem ausgeht und alle Hakenschläge nichts mehr helfen. Das ist klar – was? Wenn aber ein Mensch unschuldig ist, dann alle Leitern ansetzen, ihn herunterzuholen, mögen sie auch zehnmal abgeworfen werden. Das ist ebenso klar – hm?« Er schlug eine tiefe Beule in seinen Filz. »Der Endrik Kraupatis war unschuldig – ich hab' keinen Augenblick daran gezweifelt. Keinen Augenblick, obgleich's einen, der nichts von solchen Sachen versteht, wohl stutzig machen konnte, daß der alte Ensikat so schlankweg auf seine Aussage den Eid leistete. Es lag gegen ihn nichts vor, als daß er, wie jedes Kind weiß, auf dem linken Auge ganz blind ist und auf dem rechten halb. Das ist damals auch gegen sein Zeugnis vorgebracht, hat aber nichts verschlagen. Denn die Richter machten einen Versuch im Schwurgerichtssaal und stellten ihm auf gewisse Entfernung allerhand Leute abwechselnd mit Kraupat vor, aber der alte Kerl hatte immer die richtige Witterung und versah sich nicht ein einziges Mal. Da haben sie ihm denn natürlich geglaubt, daß er auch in jener Nacht den Richtigen gesehen hat, und damit war's entschieden. Wie aber seine alte Mutter zu mir mit Tränen in den Augen sagte: ›;Jons, der Endrik ist unschuldig wie ein neugeborenes Kind – so wahr Gott lebt, er ist unschuldig, mein Sohn!‹ – da gab ich ihr die Hand darauf, daß er unschuldig ist, und daß es ans Licht kommen soll. Fragt sie selbst, Herrschaften, ob ich ihr nicht darauf die Hand gegeben habe.«

Er hatte das heute gewiß schon zehnmal erzählt. Aber man hörte ihm auch geduldig zum elftenmal zu. Irgendein Wörtchen war immer noch neu oder konnte doch neu sein, Und so fuhr er denn, nachdem er sich durch einen langen Zug gestärkt hatte, fort: »Das war soweit ganz gut, Herrschaften. Wie aber die Sache anfassen? Denn ihr müßt wissen, es gibt wohl eine Möglichkeit, einen, der schon rechtskräftig verurteilt ist, wieder loszubekommen, aber seine Schwierigkeit hat's doch. Sehr seine Schwierigkeit, sag' ich euch.«

»Jawohl, jawohl – sehr seine Schwierigkeit,« wurde von allen Seiten gerufen, »wir kennen ja die Geschichte,« aber der Bucklige sah darin nur eine Ermunterung, die Unterhaltung fortzusetzen, gab seinem Filzhut einen Stoß von unten her, daß er auf dem linken Ohr zu sitzen kam, langte in eine große Holzdose, die einer von den Gästen dem andern über den Tisch schob, balancierte die Prise auf dem Daumen und wiederholte nochmals:

»Sehr seine Schwierigkeit, Herrschaften. Denn es mußte da etwas Nagelneues vorgebracht werden, das der Richter damals nicht gewußt hat, und es muß auch von Wichtigkeit sein, so daß man meinen könnte, der Richter damals hätt' einen andern Spruch getan, wenn er's gewußt hätt'. Und da ist's nicht genug, daß man's vorbringt, das Gericht muß auch daran glauben und die Sache wieder einleiten. Hat's dazu keine Lust, so wird's wegen der Gründe zur Ablehnung nicht verlegen sein. Sie machen euch da so ›;in Erwägung, daß – und obgleich – und dennoch‹, daß ihr gar nicht wißt, was ihr zu lesen bekommt. In diesem vorliegenden Fall war's nun klar, daß die Unschuld nicht zutage kommen könnt', solange das Zeugnis des alten David Ensikat galt. Da war also die Schraube anzusetzen. Die Mutter des Müllers, die ganz unsinnig in ihrem Kummer über den Sohn war, hat ihn unter vier Augen tüchtig ins Gebet genommen, und da hat er sich so ein Wörtchen entwischen lassen, mit dem nicht zu spaßen ist. Die Kraupatene hat wohl gewußt, daß ihr Sohn als junger Mensch mit einem Mädchen was vorgehabt hat, das dann ins Wasser gesprungen und unter den Mühlrädern aufgefischt ist, aber kein Mensch hat eine Ahnung davon gehabt, daß das Mädchen des Ensikats Tochter auf unrechte Art gewesen ist, der Endrik Kraupat auch nicht. Das hat der Alte nun ausgeschwatzt, als hätt' Gott den Endrik dafür bestraft, daß er das Mädchen verführt und hinterher sitzengelassen. Und da hatten wir ihn.«

Er faßte seinen Filz und setzte ihn zweimal wuchtig auf das kahle Haupt nieder. Die Bauern lachten. Der Krüger aber, der eben die Gläser abräumte, meinte: »Es half aber nichts, daß ihr ihn hattet. Ich besinne mich noch wie heute, was da für ein Lamento war, als der Brief kam: in Erwägung, daß und so weiter – es wird nichts verzapft.«

Der Schreiber sah ihn eine Weile über die Schulter mit blinzelnden Augen an, als wollte er eine höhnische Antwort folgen lassen. Er besann sich aber noch zur rechten Zeit, daß der Krüger sich wohl so etwas erlauben dürfte, schob deshalb den Zeigefinger unter der Nase hin und her und sagte: »Na ja – es half nichts, für sich allein half's nichts. Kein Baum fällt auf den ersten Hieb, Herrschaften, das weiß jedes Kind. Mit Energie zwingt man's. Das Gericht wollt' nicht gleich daran glauben. Wenn die Tatsache auch richtig wär' und allenfalls anzunehmen, daß Ensikat gegen den Endrik Kraupat damals einen Groll gefaßt, so seien doch viele Jahre darüber vergangen, ohne daß er ihm eine Feindlichkeit bewiesen, und könnte auch nicht daraus gefolgert werden, daß der alte Mann einen falschen Eid geleistet haben sollte. Das Gericht wollt' eben nicht heran, und die Beschwerde blieb auch ohne Erfolg, so gut sie abgefaßt war. Die Kraupatene war nun aber erst recht überzeugt, daß ihrem Sohne schwerstes Unrecht geschehen. ›;Jons,‹ hat sie zu mir gesagt,›;ich hab' keine Nacht Ruhe, der Endrik ist unschuldig, hilf ihm aus dem Zuchthaus heraus.‹ – ›;Das tät' ich gern, Frau,‹ hab' ich geantwortet, ›;aber wie soll man weiter an die Sache heran? Ja, wenn sich ein Alibi beweisen ließe.‹ – ›;Was ist das, ein Alibi?‹ hat sie gefragt. Da hab' ich ihr's auseinandergesetzt, wie ich es euch vorhin auseinandergesetzt habe, und da hat sie nun erst recht keine Nacht Ruhe gefunden, bis sie's herausgebracht hatte.«

»Das mit der Ilsze Balmus – ja, ja! An so etwas hat kein Mensch gedacht gehabt. Der Endrik Kraupat, der Müller! Er hat mit seiner Frau immer gut gelebt – von Zank und Streit hat man nichts gehört –« so fiel man von allen Seiten ein. Offenbar war da der interessanteste Punkt berührt.

Der Schreiber pfiff durch die Zahne. »Sie hat's beschworen und gestern ihre ganze Aussage auf den geleisteten Eid wiederholt, obgleich ihr der Präsident nicht schlecht zugesetzt hat. Was wollt ihr? Die Ilsze ist eine hübsche Person – hat schon manchem den Kopf verdreht. Ob einer verheiratet ist oder nicht, das tut ihr wenig, wenn er sich nur fangen läßt. Sie hat so eine Art – na, Herrschaften, gestern im Zeugenraum, die Richter vor sich, die Geschworenen und den Staatsanwalt zur Seite, das Publikum hinter sich – und dabei denn doch sozusagen die eigene Schande bekennen müssen, das ist keine angenehme Position. Aber die nichtsnutzige Margelle hat sich in ihrem besten Sonntagsputz ein Ansehen zu geben gewußt – von den Richtern hat da wahrend der ganzen Zeit keiner in seinen Akten geschrieben, und die Geschworenen hatten alle Schläfrigkeit vergessen. Man konnt's ihr schon glauben, daß der Müller nicht eisenfest geblieben ist, nachdem sie ihn mit freundlichen Augen angesehen hat. Daß sie nicht viel taugt und eigentlich von Kindheit an nicht auf rechten Wegen gewesen ist, hat sie selbst zugegeben, aber bestraft ist sie bisher nicht; das hat der Herr Staatsanwalt selbst bestätigen müssen, der sonst nicht schonend mit ihr verfuhr. Diese Ilsze Balnus hat nun auf ihren Eid versichert, daß der Müller gerade diese Nacht im alten Hirtenhause gewesen und erst fortgegangen ist, als schon der Feuerschein durch die Ritzen der Lade drang und sie beide aufschreckte. Das hat ganz heimlich geschehen können, denn sie wohnte da draußen ganz allein, nachdem das Dorf die Weide geteilt hatte und jeder Wirt sein Vieh auftrieb, wie es ihm gefiel. Es hat ihn keiner kommen und gehen sehen. Und so erklärt sich's nun auch, daß man ihn nicht gleich zu Anfang beim Brande bemerkt hat, was ihm übel genug ausgelegt ist, da er sich in seinen Angaben, wo er gesteckt, widersprochen und doch schließlich nichts recht Glaubhaftes vorgebracht hat. Man kann sich ja denken, warum. Er hat mit seiner Frau stets im besten Einvernehmen gelebt und das Verhältnis nicht auseinanderbringen wollen. Deshalb hat er auch hinterher vor dem Richter nichts ausgesagt und wohl gehofft, daß er auch ohnedies freikommen möchte, oder selbst das Schlimmste lieber auf sich zu nehmen, als den Ehebruch gestehen wollen. Und selbst im Zuchthause hat er sich lange auf die Zunge gebissen, bis ihm denn doch das Leben dort unerträglich geworden. Seine Mutter war dorthin gereist, als unsere Beschwerde abgewiesen war, und hat ihn auch ein paarmal sprechen dürfen. In Gegenwart des Gefängnisinspektors freilich. Aber sie hat ihm doch sagen können, daß die Ilsze Balnus bei ihr gewesen sei und gesagt hätte, sie könnt' es nicht langer auf ihrem Gewissen behalten, daß er unschuldig so schwere Strafe leiden müßt'. Und so und so. Da hat er's nach vielem Sträuben zugeben müssen. Der Mutter aber ist der Sohn lieber als die Schwiegertochter. Und so hat sie's durch mich anzeigen lassen. Da haben sie den Endrik denn wohl freisprechen müssen.«

»Und hat ein Jahr unschuldig gesessen – ein Jahr Zuchthaus – es ist gottsjämmerlich! Was einem passieren kann durch schlechte Menschen – man ist seines Lebens nicht sicher! – Wahrhaftig!« ließen sich wieder viele Stimmen zugleich vernehmen.

Szamaitat zog den alten Filzhut über die Augen. »Ja, man muß sich schämen,« zischelte er, »was die Justiz so fertigbringt. Es ist himmelschreiend, daß in einem zivilistischen Staate einer unschuldig verurteilt werden kann und brummen muß. Es sind Fälle, Herrschaften, da liegt der Kasus noch verrückter. Denn wie einer unschuldig zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt werden kann, so kann er auch unschuldig zum Tode verurteilt werden, wegen Mordes zum Beispiel. Und die Sache kann so klipp und klar liegen, daß der König sagt: Kopf ab! Und hinterher kommt die Wahrheit an den Tag. Den Kopf setzt keiner mehr an – ha, ha, ha! Ein Jahr im Zuchthause sitzen, ist auch keine Kleinigkeit, aber es geht doch meist nicht ans Leben. Zuchthaus – puh! Ich hab' mal da einen besucht, für den etwas geschrieben werden sollte. Die langen Gänge durchs ganze Haus und rechts und links die eisenbeschlagenen Türen zu den engen Zellen und die vergitterten kleinen Fenster, und kein Wort wird gesprochen, und das schlechte Essen einen Tag wie den andern – puh! Wer das unschuldig hat aushalten müssen ... Wie entschädigt der Staat so einen? Nehmt zum Beispiel den Müller. Was bekommt der für sein Jahr Zuchthaus? He? Seine Mühle hat er nicht wieder aufbauen können, da die Versicherungsgelder nicht gezahlt sind. Nun vergeht wieder ein Jahr, bis sie fertig dasteht. Und inzwischen gar kein Verdienst. Die Mahlgäste haben sich anderswohin gewöhnt. Dafür zahlt der Staat keinen Pfennig. Das ist ein Unglück, heißt es – wie wenn einem ein Dachziegel auf den Kopf fällt oder ein Unwetter die Felder verhagelt. Eine schöne Gerechtigkeit! Es ist himmelschreiend.«

Der Gendarm kam durchs Dorf geritten und stieg am Kruge ab. Es geschah wohl nicht ganz zufällig, daß er auf seiner Runde hier vorüberkam. Er hatte schon vom Landrat erfahren, was geschehen, und hielt es für geboten, beim Eintreffen des Müllers zur Stelle zu sein, um Unordnungen zu verhüten. Er fand die Gesellschaft denn auch schon recht angeheitert und zu einem stürmischen Empfange bereit. Das eben angeregte Thema wurde weiterbesprochen, der bucklige Schreiber dampfte jetzt aber sehr die Stimme, wenn der Gendarm seinen gelben Schnurrbart drehte und ihn dabei scharf ansah. Der Mann der Ordnung bewahrte große Ruhe und ließ nur von Zeit zu Zeit würdevoll ein Wort fallen, um »das staatliche Interesse zu wahren«. »Irren ist menschlich,« bemerkte er, »aber mehr als seine Pflicht kann keiner tun. Wenn ich meine Pflicht tue, so kümmere ich mich den Teufel darum, ob einem Unrecht geschieht. Es muß alles im Leben seine Räson haben. Daß einer einmal unschuldig verurteilt wird, kann vorkommen, wenn der Schein gegen ihn ist; aber selten genug wird's passieren – und es kann auch ebensogut vorkommen, daß einer einmal unschuldig freigesprochen wird, womit ich übrigens nichts angedeutet haben will. Ist einer verurteilt, so ist er schuldig, und ist einer freigesprochen, so ist er nichtschuldig – der liebe Gott weiß es besser, dabei müssen wir uns beruhigen.«

Das wollte doch nur wenigen einleuchten. Sie meinten: er spricht wie ein Beamter, und man muß ihn reden lassen. Soviel wollte auch das Achselzucken des Schreibers bedeuten. Nun erhob sich in einiger Entfernung auf der Landstraße ein Geschrei von vielen Stimmen, das die Aufmerksamkeit der Kruggäste erregte. Sie tranken schleunigst ihr Bier aus und standen auf. Dort am Eingang des Dorfes hatten sich Weiber und Kinder postiert, die den Müller begrüßen wollten. Sie empfingen ihn mit lautem Hurra. Das leichte Wägelchen, auf dem er saß, näherte sich rasch dem Kruge. Der Kutscher hieb auf die beiden Pferde wie toll ein. Und nun gab Szamaitat das Zeichen, indem er auf die Bank stieg und seinen Filz schwenkte. »Unser Müller soll leben – vivat hoch!« Die ganze Gesellschaft stimmte ein und eilte auf der Landstraße dem Fuhrwerk nach, das nach der Mühle einbog. Nur der Gendarm blieb auf dem Podest stehen und beobachtete von dort das Treiben.

Endrik Kraupat war ein Mann über die Mitte der vierziger. Man hatte ihn noch vor wenigen Jahren allgemein für einen hübschen Mann gehalten. Jetzt erkannten ihn seine ältesten Freunde kaum wieder. Der schöne, braune Vollbart war abrasiert und das krause Haar ganz kurz geschoren. Er trug eine Mütze mit breitem Schirm, der die Augen verschüttete, und hatte sie offenbar tiefer als durchaus nötig auf die Stirn hinabgezogen. Als er an dem mit Menschen besetzten Podest vorübergesaust war, hatte er einen raschen Blick darüber hingeworfen, um die Gesellschaft zu mustern. Den Gruß schien er erst zu erwidern, als er den Gendarm bemerkte, der im Hintergründe stehengeblieben war. Als dann das Fuhrwerk vor der Mühle hielt, nahm er wieder erst von seinem Sitze aus schnelle Überschau, indem er nach dem Fenster und nach der Tür, darauf auch zurück auf die Landstraße blickte, auf der nun die Freunde anstürmten. Er sah verdrießlich ans und schien in Gedanken die Entfernungen abzumessen, ob es ihm gelingen könnte, durch einen eiligen Sprung ins Haus den Gratulanten auszuweichen. Aber er merkte schon, daß sie entschlossen waren, sich ihr Vergnügen nicht nehmen zu lassen, und fügte sich. Während er nun langsam vom Wagen stieg und sein geringes Gepäck herabnahm, öffnete sich die Haustür. Es erschien in derselben eine alte Frau in litauischer Tracht, den Kopf in ein schwarzes Tuch gehüllt, das über der Stirn, gestützt durch eine weiße Haube, ein Art Dach bildete; hinter ihr ein junges Mädchen, fast noch im Kindesalter, städtisch gekleidet. Kraupat hörte das Aufklappen des Drückers und schaute um. Er sah die beiden, schien aber noch jemand zu suchen. Erst als er sich überzeugt hatte, daß ihnen niemand folgte, nickte er grüßend und ging ihnen langsam entgegen. »Guten Tag, Mutter,« sagte er, kaum anders, als wenn er von einer kurzen Ausfahrt in die Nachbarschaft zurückgekehrt wäre, »guten Tag, Mare.« Er reichte beiden die Hand, um sie gleich wieder fortzuziehen. Er wollte den Dorfleuten, die schon in Scharen herandrängten, kein Schauspiel geben.

Seine Mutter verstand ihn, beherrschte sich und antwortete mit einem ebenso förmlichen: »Guten Tag, mein Sohn.« Das Mädchen wollte sich aber so nicht abfinden lassen, schlüpfte unter dem Arm der Alten vor, fiel ihm um den Hals und küßte ihn. »Kommst du endlich, Vater!« rief sie und fing an zu weinen. »Haben wir dich wieder? O Gott – o Gott!«

»Was ist da zu plärren«, sagte er mürrisch, bückte sich aber doch und erwiderte ihren Kuß. »Wo ist die Mutter?« fragte er leise.

»Drinnen.«

»Weshalb kommt sie nicht heraus?«

»Sie will nicht.«

»Ist sie krank?«

»Sie ist immer krank seit dem Mühlenbrande.«

Er zuckte mit den Augenwimpern und mit dem Munde. »Na ja – ich weiß ja.« Ei blickte wieder nach dem Fenster auf, aber es ließ sich niemand hinter den Scheiben bemerken.

»Mit deiner Frau wirst du einen schweren Stand haben,« flüsterte ihm die Alte zu, »das ist nicht anders.«

»Das ist nicht anders«, bestätigte er finster, schob Mare zurück und wandte sich den guten Freunden zu, die schon in Reih' und Glied hinter ihm standen, die Mützen schwenkten und ihm ein Willkommen zuriefen.

Kraupat richtete sich in den Schultern stramm auf wie ein Soldat, legte die Finger an den Mützenschirm und sagte mit festem Ton: »Guten Tag, allesamt. Ist heute Sonntag in Kraupatischken? Oder gibt's ein Fest? Ihr scheint schon tüchtig dem Glase zugesprochen zu haben.«

»Das haben wir,« antwortete der Ortsschulze, »und dir zu Ehren, Endrik, weil du doch –« Er hustete den Schluß hinweg.

»Ach so –« sagte Kraupat, als ob er jetzt erst merkte, um was es sich handelte. »Na – macht kein Aufhebens davon. Ich bin wieder da, und so ist's gut.«

»So ist's gut«, rief der bucklige Schreiber, seinen Filz auf den Kopf stülpend und die Hand des Müllers ergreifend. »So ist's gut, und so hat's von Rechts wegen sein müssen, und ein Hund, wer daran zweifelt, daß der Endrik Kraupat unschuldig ins Zuchthaus gekommen ist. Darauf haben wir eins getrunken, und darauf wollen wir noch eins trinken, und das soll uns die Polizei nicht verbieten. Der Müller soll leben, vivat hoch!«

Nun mußte er jedem die Hand schütteln und sich von den meisten auch umarmen und küssen lassen, sowenig ihm das augenscheinlich behagte. Sie versicherten ihn einmal über das andere, daß er für sie wieder gerade so ein Ehrenmann sei, wie er vor dem Brande gewesen, und daß sie niemand an seine Schuld recht hätten glauben wollen. »Das mag so sein oder nicht sein,« äußerte Kraupat sich darauf, »ich will's keinem groß übelnehmen, wenn er damals mit den Wölfen geheult hat. Aber jetzt ist die Geschichte wie von der Tafel weggewischt, und ich wollt' keinem raten, von morgen ab an sie zu erinnern – weder im guten noch im bösen. Es soll sein, als hätt' sie sich nie ereignet.« Dabei hob er drohend die Hand und ließ die Augen im Kreise herumrollen. Den buckligen Schreiber aber bedachte er noch ganz besonders durch einen scharfen Blick, der wie ein richtiger Schreckschuß wirkte, da das Männchen den Kopf noch tiefer zwischen die Schultern zog, als er ihm schon von Natur gewachsen war, und unwillkürlich nach der Hutkrempe griff, als müßte gegrüßt werden.

Während dieser Bewillkommnung hatte sich in einem stallartigen Anbau des Mühlenhäuschens leise eine aus Brettern zusammengeschlagene Tür geöffnet. Aus derselben war ein alter Mann getreten. Er trug einen kurzen litauischen Schafspelz ohne Bezug, vielfach geflickt und recht schmutzig. Die blauen Leinwandhosen in den wollenen Socken, an den Füßen Holzkorken. Ein dünner Kranz von langem weißen Haar hing ihm um den unbedeckten Kopf, den er vorbeugte, um besser hören zu können, was da zehn Schritte weiter vorging. Mit der einen Hand hielt er die Tür fest, die andere hatte er wie einen Schirm über die Augen gelegt, die gespannt auf die Gruppe vor dem Hause starrten. Der fast zahnlose Mund war geöffnet; das ganze runzelige Gesicht zeigte ein blödes Lächeln, und ein paarmal wiegte sich der Kopf hin und her, als sei noch an der Wirklichkeit des Geschehenen und Gehörten zu zweifeln. Der Schreiber bemerkte ihn und machte ihm eine Faust. »Was will der räudige Hund, der Ensikat?« Der Müller blickte rasch um. Man erwartete, daß er gegen den Alten losfahren würde, der ihn durch sein falsches Zeugnis ins Unglück gebracht. Einen Augenblick schien's auch so, denn die Stirn zog sich kraus, und die fahlen Wangen röteten sich wie abgezirkelt. Dann aber warf er das Kinn auf, wandte sich wieder zurück und murmelte: »Ein andermal.«

Die guten Nachbarn und Freunde bestürmten ihn, er möchte mit ihnen ins Wirtshaus kommen. Wer heute nüchtern zu Bett gehe, sei ein schlechter Kerl. Kraupat sah gar nicht so aus, als ob es ihm lustig zumute wäre. »Ich muß nun erst hinein«, sagte er halb abweisend. »Geht voran und wartet meinetwegen auf mich – ich will sehen, daß ich bald loskomme.«

Damit waren sie einverstanden. Johlend und jauchzend entfernten sie sich, nachdem sie ihm nochmals die Hand gedrückt oder ihn wenigstens auf die Schulter geschlagen hatten. Endrik ging ins Haus; seine Mutter und Mare folgten. Als die Tür sich geschlossen hatte, blieb er in dem engen Flur, von dem man geradeaus in den Küchenraum unter dem Schornstein sah, stehen. Er schien mühsam zu atmen, reckte den Hals und griff mit der Hand nach der Kehle. »Laufe zur Mutter, Mare,« sagte er, »und melde ihr, daß ich da bin.«

»Sie weiß es«, antwortete das Mädchen.

»Gleichwohl –«

Mare trat rechts in die Stube ein.

Endrik faßte seiner Mutter Hand und zog sie nach der Küche hin. Dort war zu dieser Zeit niemand. Auf der andern Seite gelangte man in den sehr kleinen hinteren Flur und von ihm aus in die Kammer, welche die alte Frau bewohnte, seit die große Mühle abgebrannt war. Man konnte, unter dem Schornstein am Herd stehend, jeden sofort bemerken, der da vorn oder hinten ins Haus trat. Hier umfaßte Endrik Kraupat seine Mutter mit beiden Armen, zog sie heftig an sich und drückte einen langen Kuß auf ihre Stirn. »Mutter –« flüsterte er und konnte nicht weiter.

»Mein Sohn, mein lieber Sohn! Du bist frei –«

»Frei –! Aber was hast du für mich getan, Mutter!«

»Was hab' ich für dich getan? Meine übrigen Kinder sind gestorben – nur du bist mir geblieben, Endrik. Sollt' ich ins Grab gehen mit diesem Kummer, meinen einzigen Sohn im Zuchthause zu wissen? Ich hab' dich damals aufs Gewissen gefragt, Endrik, ob du an dem Brande unschuldig bist, und du hast geantwortet: ›;Ja, Mutter!‹ Daran halt' ich in Ewigkeit fest.«

Sie nahm seine Hand, die schlaff herunterhing; sie war eiskalt und feucht. Die Finger schienen nichts halten zu können; sie griffen zu und lösten sich gleich wieder. »Mutter,« murmelte er, »es ist doch schrecklich –«

»Du bist unschuldig an dem Brande,« sagte sie, »das andere geht dich nicht an. Wie hättest du auch die alte Mühle anstecken sollen, in der dein Vater und Großvater gelebt hat – in der du geboren bist, Endrik? Das glaub' ich keinem, außer dir selbst. Die Herren Richter wissen es nicht so, sonst hätten sie dich schon damals freigesprochen. Nimm dir's nicht zu Herzen, Endrik. An der schlechten Person ist nichts gelegen – die holt der Teufel so und so –«

»Du aber, Mutter –«

»Was weiter? Ich bin eine alte Frau, die nur den einen Sohn hat. Wenn ich selbst für dich unschuldig im Zuchthause hätt' sitzen können, ich wär' schon längst darin. Aber sie nehmen da nicht den einen für den andern. Es mußt' auf andere Art geholfen werden, daß Recht Recht bleibe. So wird's der liebe Gott auch ansehen. Ich bitte ihn jeden Sonntag in der Kirche darum und stecke jedesmal ein großes Geldstück in die Büchse, daß die Ältesten sich schon gewundert haben, wo das herkommt.«

»Wird die Ilsze schweigen?«

»Das tut sie für sich selbst.«

»Und sonst – weiß keiner davon? Keiner –?«

»Keiner, Endrik. Auch deine Frau nicht. Sie darf es nicht wissen, sonst kommt's bald aus. Sie ist wie im Kopfe verstört seit dem Brande – du hast sie ja noch so gesehen, bevor sie dich abführten. Gegen mich war sie anfangs gut, sowenig wir uns auch früher verstanden haben – du hättest die Deutsche nicht heiraten sollen, Endrik, die Salzburgerin – aber seit ich mich bemühe, dich aus dem Zuchthause herauszubringen, spricht sie kein Wort mehr mit mir und dreht sich ab, wenn sie mir einmal hier in der Küche begegnet. Ich hab' nicht aus ihr klug werden können. Denn man hat doch gemeint, daß sie dir gut gewesen sei, und es als ein rechtes Glück angesehen hat, deine Frau zu werden; aber nicht den kleinen Finger hat sie für dich rühren wollen, wie ich sie auch gemahnt habe. Das versteh' ein anderer.«

Kraupat schwieg und sah finster vor sich hin. Erst nach einer Weile fragte er: »Glaubt sie daran?«

»Woran?«

»An das mit der Ilsze.«

»Sie muß wohl. Aber sie hat nichts gesagt. Es ist auch nötig, daß sie daran glaubt. Das mußt du nun schon bei ihr auf dich nehmen, Endrik. Bitte sie um Verzeihung. Wenn sie dir jemals von Herzen gut gewesen ist – und du bist ja doch der Vater ihrer Kinder.«

»Jawohl – jawohl –« sagte er und strich sich mit der Hand über die Augen. Und dann abbrechend, erkundigte er sich nach seinem Sohn, der in der Stadt in Pension war und das Gymnasium besuchte.

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