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Ende einer Welt

Claude Anet: Ende einer Welt - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleEnde einer Welt
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ein helles Feuer vor dem Eingange der Grotte strahlt durch die Nacht. Die ältesten Jäger des Stammes halten Wache. Zwar sind es nur zehn, doch niemand gleicht ihnen an Geschicklichkeit und Erfahrung. Morgen, bei Sonnenaufgang, werden sie feuchte Kräuter verbrennen, deren beißender Rauch die Höhle durchdringen und den Bären aus ihr vertreiben wird; er wird in eine Falle geraten. Gefesselt und gebunden werden sie ihn dann zum Opfer führen. Jetzt hocken diese Tapferen noch um die Glut und sprechen von ihrer Jugend, von jener gesegneten Zeit, da alles noch viel besser war, da man noch in den schneebedeckten Wäldern das weichfellige Renntier jagte. Das beabsichtigte Opfer wird zweifellos jene glücklichen Zeiten zurückbringen. Wenn es das Land nur auch von den Rundschädeln und ihren Hunden befreien könnte!

In den Hütten des Stammes denkt niemand an Schlaf. Frauen und Mädchen schmücken sich für den kommenden Tag. Sie ordnen ihre abgenutzten Kleider und verwenden die schönsten Pelze. Ihre Haare drehen sie zu regelmäßigen Locken und machen sie wohlriechend; Gesicht, Hals und Arme schminken sie. Dann beginnen sie Girlanden aus Efeu zu flechten, betrübt, daß die Jahreszeit es ihnen nicht gestattet, auch Blumen zu verwenden.

Man ißt nichts in dieser Nacht. Ein strenges Fasten muß der mystischen Mahlzeit vorangehen, denn die heilige Nahrung darf sich mit keiner anderen vermengen. Es leben noch einige Greise, die einst vor langer Zeit der gleichen religiösen Handlung beiwohnten. Man bildet einen Kreis um sie, und ihre begeisterten Erzählungen fesseln die unermüdlichen Zuhörer bis zum Morgen.

Die jungen Leute und die Männer, die nur die ersten Proben der Einweihung hinter sich haben, schmücken sich wie zu den Hochzeitsspielen, und ihre schwarzumränderten Augen leuchten übergroß aus den mit Ocker rot bemalten Gesichtern. Dann begeben sie sich zu dem Häuptling, wo die Weisen ihnen die wichtigsten Geheimnisse, die das religiöse Erbteil des Stammes bilden, enthüllen werden. Dadurch sollen sie den Sinn und die Größe der Zeremonie begreifen lernen, an der sie teilnehmen werden.

Unter dem überhängenden Felsen im Eingang seiner Hütte kauert Boro, mit dem Kopfputz des Häuptlings angetan, den Führerstab in der Hand. Die drei Weisen in ihren Festgewändern umgeben ihn, und vor ihnen in enggedrängten Reihen hocken die jungen Männer, der Worte gewärtig, die gesprochen werden sollen. Die lebhaften, züngelnden Flammen des Herdfeuers erleuchten den Schauplatz. Manchmal steigt ein Sprühregen von Funken von einem halbverkohlten Holzstück in die Höhe, knistert und verlöscht.

Jeder der Weisen hält eine Trommel zwischen seinen Beinen, und No erkennt ihren dumpfen Ton wieder. Es ist der gleiche, der ihm in den Fieberträumen der Einweihungsnächte ans Ohr klang.

Niemand spricht. In regelmäßigen Zwischenräumen fällt ein Trommelschlag, und sein von den Wänden zurückgeworfener zitternder Klang setzt sich noch lange fort. Jetzt erhebt sich eine durchdringende Stimme. Ein unempfindlich starrer Weiser, an dem kein Muskel zuckt, sagt eine Folge von rhythmisch abgemessenen Sätzen, von denen einige Worte in der Sprache der Voreltern No unverständlich bleiben.

Sobald er verstummt, fährt ein anderer mit gleicher Fistelstimme fort.

Dann ruht wieder tiefes Schweigen über der ganzen Gruppe, das nur von den Trommelschlägen unterbrochen wird.

Die Weisen sagen die heilige Geschichte des Stammes her, den Bericht von den Leiden des Stammvaters.

»Es ist überliefert:

Der Ahne ist vor so weit zurückliegender Zeit in dieses Land gekommen, daß ihr die Zahl der Jahre nicht auszudrücken vermöchtet, selbst wenn ihr die Sterne des Himmels zähltet, daß die Sonne sich nicht daran erinnert, und der Mond die Berechnung dieser Zeit vergessen hat. Allein kam er hierher, der mächtige Mann, der die Natur beherrschte, allein mit seinen vier Söhnen und seinen vier Töchtern, die er während der langen Flucht aus den heimatlichen Gefilden vom Tode bewahrte ...«

Noch trauriger dehnt sich der Redegesang auf den Lippen der Weisen, als sie die Leiden und Verluste des Stammes aufzählen.

»Doch der Vater ist gerettet, denn wer hätte ihn zu vernichten gewagt? Wie ein Felsen steht er aufrecht, den man nicht zu erstürmen vermag. In der verlassenen Gegend wählt er für sich und seine vier Töchter eine Behausung, und niemand kommt in deren Nähe.«

»Seine Söhne haben weder bei Tag noch bei Nacht Zutritt. Sich selbst überlassen, entfesselt sich ihr Zorn. Sie sind stark, sie sind jung, wie könnten sie diese Ungerechtigkeit hinnehmen. Doch dem Vater gegenüber sind sie schwach, denn sie beherrschen nicht wie er die Geister. Der Vater hält die magische Wissenschaft geheim, die er allein zu kennen hat. Er ist ganz von ihr erfüllt.«

»In völliger Abgeschlossenheit lebt er mit seinen vier Töchtern. Er ernährt sie allein, ohne Hilfe. Wehe dem, der sie zu berühren wagte! Niemals hat ein Hirsch sein Rudel besser verteidigt. Die Söhne, zum Gehorsam gezwungen, grollen. Sie bewundern den Vater und können doch ihre Eifersucht nicht unterdrücken. Sie fühlen sich enterbt. In der Einsamkeit brüten sie über einer furchtbaren Verschwörung...«

Die Stimmen der Weisen senken sich. Sie sind nur mehr ein angstvolles, undeutliches Flüstern. Man vernimmt nur einige Worte. Die übrigen muß man erraten.

»... ihn töten ... ein heiliges Mahl ... sein Fleisch verzehren, sein Blut trinken ... Auf diese Weise nur würden sie ihm gleich werden und seine Macht über Dinge und Geister untereinander teilen ...«

Es folgt eine lange Übergangsstrophe in noch einförmigerem Tone, in der die wesentliche Lehre enthalten ist, die sich, wie die Weisen sagen, in verschiedener Form unter allen Menschen findet, und deren Formel allein, ohne jede Erklärung, bei den Einweihungen ausgesprochen wird: »Man muß sterben, um wiedergeboren zu werden.« Der Tod des Fleisches ist nichts als Schein, der Geist kann nicht zugrunde gehen.

Schwierig zu verstehen ist dies: »Der Ahne muß sich darbieten und sich verteidigen. Darbieten – weil das Opfer von seinem Herzen gebilligt wird, denn niemals vergißt er, daß er der Vater ist; sich verteidigen – weil es wesentlich ist, daß der ganze Stamm das einstige Verbrechen erneuere. Nur auf diese Weise vermag der Stammvater in jedem einzelnen seiner neu belebten Kinder wieder zu erstehen.«

Wieder folgt ein Schweigen, dann vermehren sich die Trommelschläge. Wie wird sich dieses Drama der für das Heil seines Volkes erduldeten Leiden weiter entwickeln?

Die Stimmen der Weisen erheben sich von neuem. Sie verraten die Erregung, die sich ihrer allein schon bei der Wiedergabe dieser Geschehnisse bemächtigt.

»Die Söhne haben getötet. Das Opfer ist vollbracht. Das mystische Mahl hat stattgefunden. Frei und mächtig sind sie, wie es der Vater einst war. Sie sprechen als Gebieter. Was erwarten sie noch, um sich ihrer Rechte zu erfreuen? ... Sie finden ein unerwartetes, unüberwindliches Hindernis vor sich: die Gesetze, die derjenige aufgestellt hat, der von ihnen getötet wurde. Seit er nicht mehr ist, haben diese geheiligte Bedeutung erhalten. Keiner würde es wagen, sie zu übertreten.« – Aus dieser Zeit stammt das Verbot, Ehen innerhalb des Stammes, mit den Mädchen gleichen Blutes, zu schließen. Von da ab beginnen die abenteuerlichen Raubzüge nach den Frauen ferner Stämme. Durch die Weisheit des Ahnen, durch seinen Willen, der zum Gebot wurde, ist eine neue Form des menschlichen Zusammenlebens geschaffen. Die Menschen hören auf, in schändlichen Vermischungen wie die Tiere zu leben: die Familie ist begründet.

Neuerliches Schweigen. Man hört nichts als das Prasseln der ins Feuer geworfenen Scheite, die von der Glut gemartert werden.

Die Stimmen erheben sich wieder und singen.

»Das Bündnis zwischen dem Ahnen und seinem Volke, das die von ihm erlassenen Gesetze achtet, ist besiegelt. Wenn schweres Unglück den Stamm heimsucht, wird nach den alten Gesetzen das Mahl der Wiedervereinigung erneuert. Der Höhlenbär, dieser Koloß, in dem der unsterbliche Geist des Ahnen weiterlebt, wird geopfert. Diesmal aber hat er zweifellos entschieden, daß die gegenwärtigen Schicksalsschläge das überstiegen, was die Seinen ertragen konnten, und ist aus eigenem Antrieb gekommen, um sich dem Stamm in der heiligen Grotte, die er einst bewohnte, zu opfern.«

Die gleichmäßigen Trommelschläge sollen die ergreifenden Augenblicke darstellen, die er durchlebt, der sich opfert. Schon wird im Osten ein heller Schimmer sichtbar, bald wird der Tag anbrechen.

Noch eines wird hinzugefügt:

»Die Wiedervereinigung wird nicht nur den einzelnen Menschen ihre Kräfte zurückgeben, sondern auch den Zauberformeln selbst, die ebenso machtlos geworden sind wie diejenigen, die sie gebrauchen wollen. Mit diesen neuen Kräften ausgestattet aber werden der Häuptling und die Weisen so wie einstmals ihre Macht über die Natur ausüben können, und sie werden der verhaßten Herrschaft der Rundschädel ein Ende bereiten.«

Im Geiste Nos vermengen sich die Erscheinungen der vergangenen Nacht mit jenen, die er jetzt vor Augen hat. Der Ahne erscheint ihm im kalten Morgennebel, und sitzt doch zugleich vor der Hütte an Boros Platz. No erlebt nochmals seinen schweren Lauf quer durch das Land: er hört das mächtige Schnauben hinter sich ... Und die Jagd, an der alle Männer teilnehmen, die Jagd, bei der man kaum mehr weiß, ob der Bär vor ihnen flieht oder ob er sie führt ... No erschauert vor Schrecken und Freude...

Wie wird der Ahne diese Probe bestehen? Ein Lichtstrahl vom Himmel über den Gipfeln der Berge. Die Sonne geht auf. Das Drama beginnt.

Frauen, Greise und Kinder verlassen schon die Hütten. Die Mädchen schließen sich ihnen an. Girlanden, die sie gewunden haben, umschlingen ihre Reihen. Das ganze Volk versammelt sich unterhalb der Häuptlingsterrasse in der Nähe des Flusses.

Kaum sind sie angelangt, ertönen schon Hörner und Trommeln. Der Bärenahne wird herbeigeführt. Doch in welchem Zustand? Um jede seiner Tatzen ist ein Riemen aus so festem Leder geschlungen, daß selbst ein Mammut ihn nicht zerreißen könnte. Zehn Armlängen mißt jeder der Lederriemen, und je sechs Männer, unter den Stärksten des Stammes gewählt, halten das Ende. Doch die Kräfte des Ahnen sind groß, und der plötzliche Ruck eines seiner Beine genügt, um alle sechs Männer zu Boden zu werfen. Die anderen leisten Widerstand und machen die Wut des Bären unschädlich, dessen Brummen die zurückweichende Menge vor Angst zittern macht. Manchmal bleibt er stehen und läßt keinen der Männer weiter. Es bedarf ihrer vereinten Kräfte, der Steine, die man auf ihn wirft, betäubender Schreie und herabprasselnder Stockhiebe, um ihn vorwärtszubringen.

Sie zerren ihn zwischen zwei Birkenstämme. Die Lederriemen der beiden Hinterbeine werden an ihnen befestigt. Sie werfen ihm eine Leine um den Hals. Zwanzig Männer ergreifen ihn und stoßen ihn herum. Jetzt liegt er auf dem Rücken, die vier Tatzen auf den Boden geheftet, die Schnauze gegen den Himmel gestreckt, die Augen schmerzerfüllt, die Haare von Schweiß durchweicht und zu Büscheln verklebt. Er ächzt dumpf. Sein Leiden rührt sogar diese Leute, die ein hartes Leben gewohnt sind, die täglich gezwungen sind, Tiere zu töten, um sich von ihnen zu nähren, und die für Schmerzen anderer wenig Empfindung haben. Doch niemand vergißt, wessen Blut in den Adern dieses Tieres fließt, das zum Heile aller geopfert werden soll.

Jetzt treten die Mädchen mit ihren Laubgewinden vor. Sie schmücken die Bäume, an denen das Opfer festgebunden ist, und die ineinander geschlungenen Blätter bedecken den riesigen, bemitleidenswerten Schädel. Sie werfen sie zwischen die gespreizten Tatzen auf den bebenden Körper. Sie stimmen einen Trauerchor zum Takt der dumpfen Trommeln an. Greise, Frauen, Männer und junge Leute antworten ihnen abwechselnd. So werden die Tugenden des Stammvaters im Augenblick, da er sterben soll, durch den Wechselgesang seiner Kinder gepriesen.

Tiefes Schweigen folgt, nur von dem klagenden Brummen des Bären unterbrochen.

Was erscheint jetzt unter der Terrasse des Häuptlings? Ein Bär, auf seinen Hinterfüßen aufgerichtet, ein Bär, umgeben von den drei Weisen. Es ist Boro, der in dieser Gestalt erscheint, um vor allen Augen die Blutsverwandtschaft zwischen dem Opfernden und dem Opfer zu betonen.

Vor dem Ahnen hebt er den Arm und spricht die vorgeschriebenen Worte:

»Gewinnet zurück die verlorenen Kräfte durch den Akt der Wiedervereinigung.«

Er senkt seine Hand, die mit einem scharfen Stein bewaffnet ist. Mit einem einzigen, kraftvoll geführten Streiche durchschneidet er das zottige Fell von der Kehle bis zum Unterleib. Die Weisen fassen die Haut auf beiden Seiten und trennen sie mit Hilfe des Steines ab. Ströme von Blut sprudeln hervor. Boro taucht den Arm in die offene Brust und reißt das noch zuckende Herz heraus. Er beißt mit aller Kraft hinein und gibt es den Weisen weiter.

Schon schreitet er davon. Jetzt stürzt sich das ganze Volk auf das Opfer. Jeder reißt ein Stück des zuckenden Fleisches ab, von dem das warme, kostbare Blut niedertropft. Man würde einander töten, um unter den ersten zu sein. Aber jeder zieht sich, sobald er ein Stück erlangt hat, zurück, und ehe die Sonne den Zenit erreicht, haben alle an der Quelle des Lebens getrunken.

Nichts bleibt von dem Bären als beschmutzte Haut und Knochen, die man noch am gleichen Abend verbrennt, und deren Asche der Wind verweht.

 

Ein Jahr verging.

Große Erschlaffung war der Erregung, die die Opferung des Stammvaters verursacht hatte, gefolgt. Nichts änderte sich. Die verschwundenen Renntiere kehrten nicht wieder. Die Leute vom Fluß wurden mit jedem Tag kraftloser, und die Rundschädel gediehen. Nie sah man fröhlichere Leute ein angenehmeres Leben führen als diese. Den Sommer verbrachten sie in ihren Lagern auf freiem Felde, und sobald die schlechte Witterung einsetzte, kehrten sie in den Schutz der Felswände zurück. Hoch befriedigt waren sie von dieser Gegend, die sie für sich ausgesucht hatten. Jedem, der es hören wollte, bestätigten sie es. Sie dachten nicht daran, jemals wieder fortzuziehen. Nach so viel Jahren Nomadenleben waren sie seßhaft geworden. Das Klima behagte ihnen. Ihre Kinder, von denen es nur so wimmelte, entwickelten sich hier prächtig.

Das Wild war zahlreich. Die Hunde brachten einen Wurf Junge nach dem anderen zur Welt, die sich auf den Terrassen, Staubwolken aufwirbelnd, tummelten und balgten. Sie verunreinigten die Hütten, kugelten immer zwischen den Beinen der Leute und erfüllten die Umgebung Tag und Nacht mit ihrem heiseren Gekläff. Ihre Herren schienen das gar nicht mehr zu merken, doch die Söhne des Bären litten sehr darunter.

Noch unerträglicher aber war ihnen, ihre Kinder mit den jungen Hunden spielen zu sehen und beobachten zu müssen, welche Vertrautheit zwischen ihnen erstand. Wie sollte man das verhindern? Wie sollte man ununterbrochen einen Haufen kleiner Kinder bewachen, der sich im wirren Durcheinander mit einer Schar junger Hunde herumtrieb? All dies lief und wälzte sich während des ganzen Tages gemeinsam in der Asche, die den Boden bedeckte.

Was aber konnte aus einer solchen Vertraulichkeit mit diesen besessenen Tieren entstehen? Mußte sich die Zaubermacht, die die Rundköpfe ausübten, nicht auch auf die junge, leider so wenig zahlreiche Generation der Bärensöhne übertragen? Konnten schließlich zwei verschiedene Rassen auf die Dauer so eng beisammen leben, ohne sich zu vermengen? Und wenn eine von ihnen verschwinden mußte, so war es nicht schwierig, die Zukunft vorauszusagen und das beklagenswerte Los zu erraten, das die Leute vom Fluß erwartete.

Man bedenke nur: die Töchter der Bärensöhne wuchsen Tür an Tür mit den Söhnen der Fremden heran und entwickelten sich unter deren Augen aus Kindern zu Frauen. Daß sie bewundert wurden, wer konnte darüber staunen? Gehörten sie doch einem Stamme an, der jeden anderen an Schönheit überragte. Und mit Bedauern muß es gesagt werden – als ein neuerlicher Beweis für den Mangel an Ehrgefühl bei den Frauen, und für die unwiderstehliche Neugierde, die sie beherrscht –, daß diese Mädchen den jungen Rundschädeln, die zwischen zwei Jagden um ihre Hütten strichen, allzuviel Aufmerksamkeit entgegenbrachten. Doch diese Jünglinge waren von kleiner Gestalt, untersetzt und linkisch. So überlegten die Söhne der Bären, aber die Mädchen handelten darum nicht weniger nach ihrem Kopf. Die erhaltenen Schläge und Püffe schienen sie in ihrem Vorgehen zu bestärken, statt sie zur Wohlanständigkeit zurückzuführen. So gewaltig ist der Widerspruchsgeist in diesem treulosen Geschlecht. Der endgültige Verfall ihres Volkes würde an dem Tage zu erkennen sein, da die Töchter der Bären Kinder der Rundschädel zur Welt brachten ...

Die Frauen – wer mag jemals aus ihnen klug werden – nahmen die Dinge nicht so schwer. Dank der Beziehungen, die ihre Töchter anknüpften, ergatterten sie von Zeit zu Zeit die Keule eines Wildschweines oder eines Pferdes, das Viertel eines Bisons, denn ihrer Ansicht nach mußte man in diesen Zeiten halber Hungersnot jeden unverhofften Glücksfall nutzen. Da sich die Männer unfähig erwiesen, ihre Familien zu ernähren, sollte man sich mit jenen überwerfen, die die unentbehrlichen Lebensmittel im Überfluß besaßen? Und wenn diese Frauen ihre Töchter auch in der Öffentlichkeit schalten, sie hüteten sich wohl, sie zu tadeln, wenn niemand es hörte. Ja, zweifellos gab es mehr als eine unter ihnen, die ihre Tochter insgeheim ermunterte.

So entwickelten sich die Dinge im Dunkeln, und die Männer konnten so tun, als wüßten sie nichts von diesen unerlaubten Beziehungen.

Doch bald brachte ein Zwischenfall alles ans Licht.

Auch in diesem Jahre wurden die Hochzeitsspiele abgehalten, obgleich die Teilnehmer auf ein winziges Häuflein zusammengeschmolzen waren. Statt fünfzig Jünglingen, wie im vergangenen Jahre, waren von allen drei Stämmen nur zwanzig erschienen, und daraus konnte man auf die großen Opfer schließen, die die Seuche gefordert hatte. Trotzdem wurden auch diesmal wieder alle Sorgen beiseite gelassen, und eine lärmende Freude erfüllte das enge Tal, in dem die zu verheiratenden Mädchen ihre Bezwinger erwarteten.

Als die Dämmerung sich über das Land breitete und die Schatten von den Felsen herabsanken, im Augenblick, da die jungen Männer ihren Kriegstanz begannen und unsichtbare Feinde bekämpften, im Augenblick, da die Schreie der Frauen gellender wurden, erschien ein Trupp bemalter und geschmückter junger Leute neben dem »Stein der Qualen«. Sie stießen durchdringende und rhythmisch abgemessene Schreie auf eine Art aus, die den Leuten des Flusses neu war. Sie hielten hier einen Augenblick an, und es entstand sowohl unter ihnen wie unter den Zuschauern ein so völliges und plötzliches Schweigen, daß man den lebhaften, erstaunten Seufzer vernahm, den ein Mädchen nicht unterdrücken konnte.

Doch schon erreichten die Söhne der Rundschädel, denn sie waren es, laufend die Mitte des Tales. Hier marschierten sie in Form eines Dreieckes auf. Sie trugen Bogen, und Pfeile steckten in ihren Gürteln. In wahrlich kriegerischer Begrüßung schossen sie auf ein Kommando ihre Pfeile ab, die erstaunlich hoch flogen, ehe sie in den nahen Wald niederfielen, wo einige davon zischend in die Zweige fuhren. Die Leute vom Flusse empfanden dies als Herausforderung, denn es war gegen den Brauch, zu den Hochzeitsspielen mit Waffen zu erscheinen, geschweige denn sich ihrer zu bedienen.

Die jungen Rundschädel begannen nach dieser Kundgebung einen Tanz auf ihre Art. Einige von ihnen entlockten zerschnittenen und mit Harz genau aneinandergefügten Schilfrohrstücken wohlklingende und entzückende Töne. Es war, als hörte man Wasserfälle rauschen. Den abwechselnd tiefen und hohen Tönen der Schilfrohre wurde durch schmale und verlängerte Holzplättchen, die gegeneinander schlugen, Rhythmus verliehen. Zu dieser eigentümlich wirkenden Musik tanzten sie, sich an der Schulter haltend, in einer Reihe hintereinander; sie tanzten voll Kraft, mit Maß, auch mit Geschmeidigkeit, und, man muß es sagen, mit einer Anmut, die man diesen Tölpeln nicht zugetraut hätte. Während die Mädchen sie betrachteten, machten unbewußt ihre bebenden Körper den Takt des neuen Tanzes mit. Der eindringliche Rhythmus der Schilfrohrflöten brachte sie außer sich und erweckte in ihnen das unwiderstehliche Verlangen, sich diesen leichtfüßigen jungen Leuten anzuschließen.

Vorwärts und zurückgehend, kamen diese immer näher an die Schar der Zuschauer heran. Die Dämmerung sank tiefer. Ein erster Stern erschien zwischen den Wolken. In diesem Augenblick brach die Kette der jungen Leute in zwei Teile, und der Tänzer, dessen eine Hand frei war, streckte sie gegen ein junges Mädchen aus, vor der er wie ein geschmeidiges Tier in die Höhe sprang. Schilfrohrflöten und Klappern ertönten noch eindringlicher. Wie sollte man einer solchen Einladung widerstehen? Die Erwählte erhob sich und fügte sich in die Kette ein, die sich wieder schloß. Weiter entfernt wiederholte sich die gleiche Szene. Noch ein Mädchen verließ seine Gefährtinnen. Bald waren es an zehn Mädchen, die sich mit den Rundschädeln vereinten, die fortfuhren, nach ihrem Brauch die Schritte nach vorwärts, nach rückwärts und übers Kreuz zu setzen. Allmählich entfernte sich die Reihe der Tanzenden von den Zuschauern. Wollten sie einen Bogen beschreiben, um wieder zur Mitte der Wiese zu gelangen? In Windungen, wie eine Schlange, entfernten sie sich immer weiter, und wie sie in der zunehmenden Dunkelheit den Wald entlang über die Abdachung des Abhanges zogen, verschwanden sie dort ganz ...

Ein einziger Schrei, in dem Überraschung und Schrecken sich mengten, stieg zum Himmel. Schon waren die Leute vom Fluß auf den Beinen. Wer hätte einen derartig kühnen Streich voraussehen können? Sollte solcher Schimpf ungestraft bleiben? Einige Männer wollten zu den Hütten eilen, um ihre Waffen zu holen. Andere stimmten dafür, daß man die Räuber augenblicklich verfolge. Doch die Weiber warfen sich auf die Knie, umklammerten ihre Füße und flehten sie an, nicht in den sicheren Tod eines so ungleichen Kampfes zu gehen. Sie mühten sich, die Männer zu beruhigen.

»Unsere Töchter sind nicht verloren«, meinten sie. »Sie bleiben ja hier, in unserer Nähe ...« Und mehr als eine von ihnen beneidete in ihrem tiefsten Herzen jene, die dort in den Wald entführt worden waren, und deren glückliches Los jetzt gesichert schien.

Wer sollte zwischen den widersprechenden Parteien entscheiden? Bei den Häuptlingen der drei Stämme, die sich am »Stein der Qualen« zur Beratung vereinigt hatten, drang die gemäßigte Auffassung durch.

»Allerdings«, sprach Boro, »nahmen seit langer Zeit die Leute vom Fluß allein an den Hochzeitsspielen teil, aber nur deshalb, weil sie dieses Land ohne Nachbarn bewohnten. Doch keine Vorschrift von allen Gesetzen der Jagdvölker ermächtigt uns, Fremde von diesem Feste auszuschließen, da doch die Mädchen Männer ihres eigenen Stammes nicht heiraten dürfen und nach uraltem Brauche zum Feste geführt werden, um geraubt zu werden. Worüber also sollte man bei den Häuptlingen des Volkes vom Hochtale Klage führen?«

Doch dies waren nur die Gedanken der Alten, die jungen Leute knirschten mit den Zähnen, da sie sehen mußten, wie die schönsten Mädchen vor ihren Augen von den Fremden geraubt wurden und, man muß es zugeben, nicht eine dieser Verräterinnen Widerstand leistete. Der Abschluß der Spiele war dadurch verdorben. Statt in einen Freudentaumel überzugehen, endeten sie in Demütigung und Trauer. Selbst die weniger abergläubischen Leute sahen darin ein schlimmes Vorzeichen.

 

Mehr noch als alle anderen empfand No den seinem Volke angetanen Schimpf. Die Bogen im Arm der Rundköpfe, das herausfordernde Abschnellen der Pfeile bewies, daß die Eindringlinge auf ihre Kraft bauten und diese als höchstes Argument fühlen lassen würden. Bis jetzt hatten sie sich ihrer nicht bedient und hatten sich damit begnügt, mit überlegenen Mitteln die Zauberkräfte zu zerstören, denen die Leute vom Fluß in früheren Zeiten ihr Wohlergehen verdankt hatten. Jetzt gab es keinen unter diesen, der nicht die Nutzlosigkeit der Nachbildung lebender Tiere schon längst eingesehen hätte. Man zeichnete keine grasenden, springenden Bisons und auf den Wiesen spielende Pferde mehr, man mußte wohl andere Mittel aussinnen. Hatten doch die Rundschädel sogar gezeigt, daß sie selbst die Wirkungen der größten magischen Zeremonie, der Opferung des Ahnen, zu vereiteln wußten. Welchen Vorteil hatten die Bärensöhne aus diesem furchtbarsten aller Verbrechen gezogen? Es ging ihnen schlechter als früher. Und jetzt waren auch noch ihre Töchter entführt worden! Wahrlich, das Ende dieses Stammes, der so glücklich an den Ufern des Flusses gelebt hatte, war nahe.

So dachte No vor seiner Hütte, während Mara bekümmert neben ihm kauerte, nicht zu sprechen wagte und sich sorgte, da sie ihn so düster und schweigsam sah. Sie war wieder guter Hoffnung. Die Schwangerschaft und die mangelhafte Nahrung, auf die man jetzt gesetzt war, griffen ihr reizendes Gesicht an. Oft stieg sie zum Flusse hinab, um zu fischen, und zeigte, wessen Tochter sie war, indem sie niemals mit leeren Händen zurückkehrte. Meistens traf sie No scheinbar untätig, in Wirklichkeit ganz von seinen Gedanken, die sie nicht kannte, eingenommen.

Da sie seinen Haß gegen die Rundschädel kannte, zog sie eines Tages gegen diese los und bemühte sich, nach Art der Frauen mit verschiedenen Beispielen, die übrigens nicht sehr treffend waren, deren tölpelhaftes Wesen darzutun. Auf diese Weise meinte sie, ihrem Manne gefällig zu sein. Sie war sehr überrascht, daß No sie kurz unterbrach und sagte: »Die Rundschädel wissen mehr als wir.«

Mara starrte mit offenem Mund. Verlor ihr Mann den Verstand?

Die Wahrheit aber war, daß No sich mit schwierigen Problemen mühte, durch die er sich langsam einen Weg bahnte.

Er mußte die Überlegenheit seiner Feinde anerkennen, die, statt mit allen Tieren im Kampfe zu liegen, es verstanden hatten, sich unter ihnen einen Verbündeten, einen Freund zu gewinnen, wodurch sie einen entscheidenden Vorteil vor allen andern Jagdvölkern errungen hatten. Das Bündnis zwischen den Rundschädeln und ihren Hunden mußte wohl als ein dauerndes betrachtet werden, da alle Künste der Weisen es nicht zerstören konnten. Die Eindringlinge würden weiterhin Herren des Landes sein.

Was tun?

Allmählich, in einsamer Gedankenarbeit, war No zu der Überzeugung gelangt, daß die Seinen jene kühnen Leute, die ein so wertvolles Geheimnis entdeckt hatten, nachahmen mußten. Auch die Bärensöhne müßten Tiere an sich ziehen, die bei ihnen lebten, die sie in mannigfacher Weise verwenden könnten, die ihnen Schutz gegen die Raubtiere böten und von denen sie sich schließlich ernähren könnten, ohne gezwungen zu sein, sie auf mühsamer Jagd zur Strecke zu bringen.

Tage und Tage andauernden und leidenschaftlichen Nachdenkens hatte es No gekostet, sich zu jeder einzelnen Stufe dieser Anschauung durchzuringen.

An diesem Punkt angelangt, hielt er lange inne. Welches Tier sollte man wählen? Es mußte eines der großen Tiere sein, um ausreichende Nahrung zu geben, und es mußte auch einer edlen Rasse angehören, da seine Eigenschaften in den Leuten des Flusses wiedererstehen würden. Er verwarf den Hirsch als unbrauchbar und zaghaft. Das Mammut gab es nicht mehr; die Katzenarten waren selten und blutrünstig; die Bisons waren, ebenso wie die Renntiere, geflohen. So blieben nur das Rind und das Pferd, die er beide – und das konnte nicht ohne Bedeutung sein – im glücklichen Lande seines Traumes gesehen hatte. Schwer war es, zwischen diesen beiden zu wählen. Das Fleisch beider war gleich gut, ihre Haut war fest und wohlverwendbar, doch schwer zu bearbeiten und ohne Fell. Nichts wird das Renntier ersetzen können! Das Rind war das mutigere beider Tiere, das Pferd aber war schneller und vielleicht auch begabter. Man mußte nicht befürchten, daß es den Bärensöhnen jemals an Mut mangeln würde, aber es galt diese Schnelligkeit im Lauf zu bewahren, auf die sie stolz waren. Auch hatte das Pferd einen sanfteren Charakter als das Rind, das oft auch selbst den Menschen angriff. Aus all diesen Gründen beschloß No, das Pferd mit einem Zauber zu umstricken.

Das Unternehmen war schwierig, doch No fühlte sich voll Vertrauen, da er sich der Nachtwache neben der Höhle des Stammvaters erinnerte. Er sah das Land wieder vor sich, in das er damals entrückt gewesen, er hörte noch die Stimme des Weisen die geheimen Worte flüstern, durch die die Menschen die Freundschaft der Tiere gewinnen. Dank dieser Worte würde er Erfolg haben ...

Zunächst wollte er einen Greis aufsuchen, der sich in einer diesem Zwecke geweihten Höhle mit geheimnisvollen Zeremonien, welche die Pferde betrafen, befaßte.

An einem frischen Herbstmorgen brach er auf und folgte dem Tale der heiligen Grotten. Als er an der zweiten dieser Grotten vorübergekommen war, bog er nach links und trat in ein kleines Tal, dessen Grund nichts als Sumpf war. Er fand einen schmalen Pfad hindurch und gelangte bald längs des Fußes der niederen Hügel zu der Wohnstätte, die er suchte.

An den Felsenwänden waren seit undenklicher Zeit Pferde in den verschiedensten Stellungen dargestellt. Eines davon in der Mitte der Wand hob sich in natürlicher Größe vom Felsen ab, derart, daß man beim Eintritt, die Augen noch vom hellen Licht geblendet, im Dämmern des überhängenden Felsblockes glauben mußte, es sei im Begriffe, von dem Näherkommenden überrascht, die Flucht zu ergreifen. Keine andere Höhle, keine andere Wohnstätte, zeigte ein so naturgetreues Bild, und als No, obwohl er es doch kannte, an diesem Morgen darauf zuschritt, erstaunte er auch diesmal wieder, das Pferd, als ob es ihn erwartete, seinen Platz nicht verlassen zu sehen. Er nahm dies als ein günstiges Vorzeichen und erfreute sich daran. Er begriff auch, weshalb die Zauberkräfte der Leute vom Flusse nicht mehr denen ihrer Ahnen gleichkamen, da doch keiner jetzt mehr imstande war, ein Pferd in den Felsen zu hauen, das wie dieses denen so sehr glich, die sich am Morgen auf den Wiesen tummelten.

Ein Greis wohnte hier, Sohn und Enkel von Männern, die hier vor Zeiten gehaust hatten, und Bewahrer ihrer Weisheit. Er entfernte sich nur aus seiner Wohnstätte, wenn er Kräuter sammeln wollte, deren wundersame Kräfte ihm allein bekannt waren. Die Jäger kamen, ihn aufzusuchen, bevor sie ein Rudel verfolgten, und wenn sie dank seiner Ratschläge erfolgreich heimkehrten, brachten sie ihm ein Stück Fleisch.

Ohne seine Pläne zu enthüllen, die wohl nicht verstanden worden wären, beschränkte No sich darauf, ihn um ein Zaubermittel zu bitten, mit dem er ein Pferd sich wohlgesinnt machen könnte.

Der Greis, der nahe dem Feuer hockte, erwiderte nichts und blieb in ferne Gedanken versunken, die Augen auf die Glut gerichtet. Dann betrachtete er No, als suche er einen besonderen Sinn hinter den Worten, die dieser gesprochen hatte. No wiederholte seine Bitte.

Der Greis seufzte. Er erhob sich mühsam und verschwand in seiner Hütte. Nach einigen Augenblicken kam er mit einem Gras zurück, das No nicht kannte. Er spuckte darauf, rollte es in seinen Händen, damit der Speichel eindringe, dann trat er zu dem Pferde und hielt es ihm hin, während er ihm mit der Hand weich über den Hals strich. Nachdem er dies getan hatte, wandte er sich zu No und gab ihm den Grasknäuel, ohne ein Wort hinzuzufügen.

No ging nach Hause. –

Noch vor Sonnenaufgang machte er sich am nächsten Tage auf den Weg. Erregt von seinem großen Vorhaben, hatte er nachts kaum geschlafen. Trotz der Schwierigkeit, allein auf die Jagd zu gehen, hatte er sich keinen Gefährten mitgenommen. Seine Absicht war, ein von der Herde getrenntes Fohlen zu überraschen, ihm die Beine zu binden und dann seinen Zauber wirken zu lassen.

Erst nachmittags sah er, in großer Entfernung, in der Nähe eines Waldes das Rudel, von dessen Anwesenheit er Kenntnis hatte. Langsam, unter Beobachtung der größten Vorsichtsmaßregeln, gelang es ihm, bis in die unmittelbarste Nähe der Tiere zu kommen, die ruhig grasten. Ein Fohlen von etwa achtzehn Monaten hatte sich von der Herde entfernt und rieb sich eben an einem Felsblock am Waldesrand.

Dieses faßte No ins Auge. Es hatte einen breiten Hals, einen starken Kopf und schon langes Haar. Es glich in jeder Beziehung dem Pferde, das in der Grotte abgebildet war, und das freute No. Mehr am Boden kriechend als gehend, Schritt für Schritt, Zoll um Zoll, arbeitete No sich heran. Aber er war noch zu weit entfernt. Er mußte Geduld haben und einen günstigen Zufall abwarten ... Die Ereignisse kamen ihm zu Hilfe. Der Himmel hatte sich verfinstert. Eine schwere, schwarze Wolke entlud sich plötzlich. Hagel prasselte nieder. Das erschreckte Fohlen drängte schutzsuchend unter eine Eiche.

Das Getöse des auf die Blätter niederschlagenden Hagels erlaubte No, sich noch einige Schritte zu nähern. Geschmeidig faßte er den zusammengerollten Riemen, an dessen Ende ein runder Stein hing. So wenig Geräusch er auch machte, das Fohlen wurde doch unruhig und wandte den Kopf. Aber schon war No auf den Beinen und sprang vor. Die Leine pfiff durch die Luft und wickelte sich um die Hinterbeine des Tieres, das niederfiel. Die Herde stob auseinander und dachte nicht daran, dem Gefährten zu helfen.

No lief zu seiner Beute. Verzweifelt versuchte das Tier, seine Fesseln zu zerreißen. Mit Hilfe eines zweiten Riemens band er ihm auch die Vorderfüße. Nach langem, vergeblichem Widerstand streckte das schöne Füllen erschöpft seinen Hals auf den Boden und rührte sich nicht mehr. Seine schweißbedeckten Flanken zitterten noch, und seine weitgeöffneten Augen waren voll Entsetzen.

No betrachtete es. Das war kein besiegter Feind, den er vor sich hatte. Dieses Pferd, das einer Rasse angehörte, die bisher dem Menschen feindlich war, und ihn seit Ewigkeit geflohen hatte, würde dank der Unterweisung einer unvergeßlichen Nacht gezähmt werden. Sie würden einer neben dem anderen leben, immer ... Nos Herz war vor Freude geschwellt. In letzter Stunde würde er sein gedemütigtes, beleidigtes Volk vor dem Untergang bewahren.

Geräuschlos hockte er neben dem Füllen nieder, das keinerlei Versuch mehr machte, sich aufzurichten.

Zwischen den Zähnen pfeifend, um das Fiebern des Tieres zu besänftigen, das morgen sein Gefährte sein würde, liebkoste No mit Zärtlichkeit den schweratmenden Hals des Füllens. Er mußte es sich noch günstig stimmen, indem er ihm von dem Gras zu fressen gab, das am Vortage von dem Hüter der heiligen Pferde bereitet worden war.

Er hielt es ihm hin.

Das Fohlen verweigerte es zu berühren.

No aber ließ seine Hoffnung nicht sinken. Er würde bleiben, solange es nötig war.

Die Dunkelheit war hereingebrochen. Kalte, schwarze Nacht umhüllte Pferd und Mensch, dieses seltsame Paar, das hier Seite an Seite ruhte. No hatte seine Hand auf den Hals des Tieres gelegt und fühlte das stürmische Blut unter seinen Fingern hämmern. Es war ihm, als vermengten sich durch diese Berührung ihre beiden Leben, als müßten sie morgen bei Tagesanbruch Freunde geworden sein, um einander niemals mehr zu verlassen. Und wieviele Tiere hatte er doch schon in seinem Leben getötet, die gleich diesem gewesen waren, neben dem er jetzt wie ein Bruder wachte. Aber wie sollte er mit dem Schlag eines Steines diese Haut zerschneiden, die sich schon vertrauend an ihn lehnte?

Entrückt durch seine Träumereien blieb No unempfindlich gegen die beißende Kälte. Er hörte auch das zögernde Heranschleichen einer Hyäne nicht, die ganz nahe zu ihnen kam, um Witterung zu nehmen. Als sie erkannt hatte, daß sie noch lebten, zog sie sich geräuschlos zurück. Ob die Zeit schnell oder langsam verging, No wußte es nicht.

Ein grauer, regnerischer Morgen fand sie beide unbeweglich; das Füllen vom fortgesetzten Widerstand erschöpft, No erstarrt durch die eisige Feuchtigkeit. Er erhob sich und riß einige Büschel Gras aus. Er mengte den magischen Halm unter sie und hielt dem atemlosen Pferd den Bund hin.

Das Fohlen nahm die Nahrung, die No ihm bot.

No zitterte vor innerer Bewegung. Die Eroberung des Pferdes war jetzt gesichert. Er kniete nieder, und über die weitgeöffneten Nüstern des halbgezähmten Tieres gebeugt, flüsterte er unermüdlich die Worte, die der Weise während der Nacht neben der Höhle des Stammvaters gesprochen hatte. Er sah diese lebendigen Worte mit seinem Atem in das Tiefste des vor ihm ausgestreckten Körpers dringen und den Geist unterjochen, der in ihm wohnte.

Erschöpft schwieg er endlich.

Das Fohlen hob den Kopf, aber ohne Zorn. No erkannte die freundschaftliche Gebärde, die er erwartet hatte. Mit der Hand koste er das Tier. Er handelte wie in einem Traum und murmelte ohne Unterlaß sinnlose Sätze. Er schien seinen Verstand verloren zu haben.

Er machte die Leine los, die die Vorderbeine festhielt. Das Fohlen bewegte sich nicht. No legte ihm den Riemen um den Hals, um es zu den Wohnstätten zu führen. Er fand es natürlich und ohne Gefahr, demjenigen die Freiheit zurückzugeben, der in Zukunft, durch die Macht der magischen Worte, im Dienste der Menschen stehen sollte.

Das Fohlen, das noch immer am Boden lag, streckte seine steifen Beine, wie wenn es sie noch gefesselt wähnte und sich zu verletzen fürchtete. Erstaunt, keinen Widerstand zu finden, zögerte es ein wenig. Dann, in einem Augenblick, sprang es auf. Mit einem Ruck seines Kopfes entriß es den Händen des überraschten No die Leine, machte kehrt, und fliehend traf es ihn mit einem Hufschlag mitten ins Gesicht.

No fiel mit zerschmettertem Schädel. In wenigen Augenblicken entfloh seinem Körper das Leben.

So starb No beim Versuch, einen dem Untergang bestimmten Stamm zu retten, der als ewige Spur seines Weges Werke zurückließ, deren Schönheit uns heute noch bewegt.

Und dies trug sich vor ungefähr zwölftausend Jahren, an dem Ort zu, den man heute die »Eyzies de Tayac« nennt, an den Ufern der Vézère, einige Meilen entfernt von der Stelle, wo sie sich in die Dordogne ergießt. Man kann dort auf den Wänden der Grotten noch die eingeritzten Zeichnungen und Bilderwerke sehen, von denen unsere Geschichte erzählt.

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