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Ende einer Welt

Claude Anet: Ende einer Welt - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleEnde einer Welt
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070712
projectid43f8ea99
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Die Berichte Nos und seiner Gefährten wurden von den Leuten am Flusse nur mit ungläubigem Lächeln aufgenommen.

Seitdem die Welt bestand, gab es Krieg zwischen Mensch und Tier. Sieger blieb der Stärkere, Geschicktere, Schlauere, meist der Mensch, der durch seine Zaubermacht die Geisterwelt beherrschte und sie zwang, ihm in diesem Kampf beizustehen. Er tötete die Tiere, um sich von ihrem Fleisch zu nähren, um ihr Fell zu verwenden, ihre Knochen, ihr Elfenbein, ihr Geweih seinen zahlreichen Bedürfnissen dienstbar zu machen. Zwischen ihnen und ihm gab es keine Freundschaft, nicht einmal für Augenblicke, und keine Atempause hatte jemals diesen ewigen Kampf unterbrochen! Aus dem Blute, das von beiden Seiten vergossen worden war, das nicht zu fließen aufhörte, war ein Haß emporgewachsen, der niemals schwinden konnte. Der Mensch, der furchtbare, verabscheute Tyrann, hatte Einsamkeit um sich verbreitet. Bei seinem Nahen floh oder verkroch sich, von Angst getrieben, alles Getier. Überrascht verteidigte es sich, und der Kampf endete nur mit dem Tode eines der beiden Gegner. Mord, immer und überall nur Mord! So verlangte es ein unerbittliches Naturgesetz!

Und jetzt sollten sich diese ewigen Feinde ausgesöhnt haben? Sie sollten friedlich zusammenleben? Die Tiere sollten vor dem Menschen nicht mehr zittern, sie sollten ihn bei sich aufnehmen, ja, mehr noch als dies, sie sollten sich freiwillig seinen Befehlen unterordnen? Und er, der Mensch, sollte sich ungestraft allein mitten in ihren entfesselten Haß wagen, sie durch ein Wort besänftigen und seinen Zwecken dienstbar machen? Wer hätte dies wohl glauben können? Das waren Geschichten, die man kleinen Kindern erzählen mochte!

So nahm man den Bericht der heimgekehrten jungen Leute mit Spott auf. Im übrigen verwies man – und mit Recht – darauf, daß No der einzige Zeuge jener seltsamen Szene gewesen war. Als seine Begleiter einige Augenblicke später zu ihm stießen, fanden sie ihn allein, wie verwirrt, unfähig, ein Wort zu sprechen, neben dem von ihm getöteten harmlosen Tier. Erst nach und nach in Bruchstücken hatte er von der Begegnung mit dem rundschädligen Mann erzählt. Seither weigerte er sich, darüber zu sprechen. Auch dem Häuptling und den Weisen sagte er nur das Allernotwendigste, und dies nur mit sichtlichem Widerstreben. Still und verschlossen hielt er sich abseits und nahm an entfernteren Jagdzügen, die die Männer seines Stammes veranstalteten, nicht mehr teil. Er lebte recht und schlecht von dem Kleinwild, das sich in seinen Fallen fing, und vom Fischfang, dem er jetzt eifriger als zuvor oblag. Man glaubte, dies Maras Einfluß zuschreiben zu müssen.

Alles in allem rechtfertigte sein Verhalten die Meinung derjenigen, die annahmen, daß sein Geist getrübt sei. Ein Mensch sollte ihm erschienen sein? Ein verstörter Geist vielmehr, der sich in menschlicher Gestalt gezeigt hatte und darauf wieder in nichts zerflossen war! No, dem man lebhaftes Mitgefühl entgegenbrachte, würde wieder der alte werden, sobald die Erinnerung an sein Erlebnis geschwunden wäre.

Mara versuchte, ihn zu zerstreuen. Sie brachte ihm die Werkzeuge, mit denen er früher die Tierbilder gezeichnet und eingeritzt hatte. Doch er wies sie zurück, und als seine Frau ihm zuzureden begann, wurde er zornig, ohne daß sie sich den Grund dafür erklären konnte. –

 

Was das von No getötete Tier betraf, so war dessen Fell von den Stammesältesten eingehend geprüft worden. War es richtig, daß es nichts Ähnliches im Lande gab? Oder doch? Man mußte seine Art zwischen Wolf und Fuchs einreihen, dem ersten näher als dem zweiten. Weder seine Größe noch seine Krallen konnten als gefährlich angesehen werden. Warum also sollte man sich sonderlich beunruhigen?

So lautete die weise Beurteilung der Stammesältesten, doch darf nicht verschwiegen werden, daß die Gerüchte, die sich verbreitet hatten, beim unwissenden Volke auf zahlreiche gläubige Hörer trafen. Sie erregten die Einbildungskraft. Und das Gefühl von Angst, das den Leuten vom Flusse schon lange nicht mehr fremd war, wurde nur noch bestärkt.

Einige Wochen vergingen.

Dann aber trat neuerlich ein Ereignis ein, diesmal vor aller Augen und so unleugbar, daß die volle Richtigkeit von Nos Bericht mit einem Schlage erwiesen wurde.

Ein schöner Sommertag ging zu Ende. Boro hielt mit den Weisen und den Männern des Stammes Rat; sie waren auf der großen Terrasse des Häuptlings versammelt, von der aus das ganze Land vom Tal der heiligen Grotten bis zu dem prächtigen Bogen, den der Fluß zwischen den hohen Klippen beschrieb, zu überblicken war. Frauen und Mädchen ruhten auf der Wiese am Flußufer, da sie ihre Ernte an Kräutern beendet hatten. Jeder erfreute sich der Milde und Weichheit der Abendstunde; gern vergaß man all die Leiden, die man durchgemacht hatte, und all die Gefahren, von denen man bedroht war...

Da erscholl rasch näherkommender Lärm aus der Richtung des heiligen Tales, und vor aller Augen, die sich dahin wandten, brach ein keuchender Hirsch aus dem Gebüsch, hart hinter ihm eine ganze Meute solcher kläffender Tiere, wie No sie beschrieben, und deren eines er getötet heimgebracht hatte. Der Hirsch, dessen Körper schweißgefeuchtet war, schien am Ende seiner Kräfte. Er versuchte keinerlei List mehr, querfeldein rannte er, so rasch ihn seine Beine tragen konnten, und in seiner Todesangst bemerkte er die Menschen gar nicht, die auf der Wiese saßen. Doch ehe er noch den halben Weg bis dahin zurückgelegt hatte, war er von seinen Verfolgern erreicht, umringt und zum Stehen gebracht. Sie sprangen an ihm in die Höhe und versuchten, sich in seine Brust zu verbeißen und seine Ohren zu zerreißen. Das edle Wild nahm den Kampf auf, und drei, vier seiner Peiniger rollten bald mit aufgerissenem Leib, von Stößen seines mächtigen Geweihes getroffen, auf den Boden. Die Leute vom Fluß waren aufgesprungen und folgten in leidenschaftlicher Spannung diesem ungleichen Kampfe, als plötzlich ein Pfeil durch die Luft zischte und der ins Herz getroffene Hirsch zusammenbrach. Jetzt erst bemerkten die Zuschauer, daß drei fremde Männer auf der Bildfläche erschienen waren, deren einer eben mit seinem Bogen den Kampf beendet hatte.

Auf einen Zuruf des Schützen sah man die tobende Meute, die blutgierig über den zuckenden Körper der besiegten Beute hergefallen war, von ihr zurückweichen und erregt kläffend, zitternd vor Wut, aber gehorsam, wie ihre Gebieter es verlangten, einige Schritte Raum um das noch dampfende Wild freigeben. Die aus den Gürteln gezogenen Peitschen sausten auf einige der allzu aufgeregt sich gebärdenden Tiere nieder, und die Ordnung war vollkommen hergestellt. Die drei Jäger häuteten nun mit geschickten Händen das erlegte Wild ab, lösten die besten Teile des Fleisches los, nahmen sie mit der Haut und dem Geweih an sich und ließen alles übrige mit den Eingeweiden als blutige Masse am Boden liegen. Dann zogen sie sich mit hoch erhobenen Peitschen einige Schritte zurück. Die Hunde heulten vor Ungeduld. Die Peitschen in den Händen der Männer mit den runden Schädeln senkten sich mit einem Ruck, und jetzt stürzte die Meute auf das ersehnte Mahl, das man ihr freigab. Nach wenigen Augenblicken waren alle Reste des schönen Hirschbocks verschwunden.

All dies hatte sich vor den Augen des versammelten Stammes abgespielt, und die Haltung der Menge bewies, daß sie alle, Männer, Frauen, Mädchen und selbst die Kinder, begriffen hatten, daß sie Zeugen eines ganz unfaßbaren, mit allen bisherigen Erfahrungen unvereinbaren Auftrittes gewesen waren. In das Schweigen, das sich beklemmend über das Land gesenkt hatte, dröhnten die Stimmen der Weisen, die von der Häuptlingsterrasse ihre Beschwörungsformeln herabbrüllten.

Doch die drei fremden Jäger schienen dies in keiner Weise auf sich zu beziehen. Unbekümmert um die Erregung, deren Ursache sie waren, hatten sie sich auf einen Stein gesetzt, und ihre Hunde lagen müde und satt neben ihnen im Grase. Mit aufmerksamen Augen betrachteten diese Männer das Tal, das sie nie vorher betreten hatten, mit kundigen Blicken prüften sie die Hütten unter dem natürlichen Schütze der sie überdachenden Felsen. Feindselige Absichten lagen ihnen vollkommen ferne und, ihrer Kraft bewußt, kamen sie gar nicht auf den Gedanken, daß dieses Volk sie als fremde Eindringlinge mit grimmigen Gefühlen betrachten könnte.

Allerdings jagten sie in einem Lande, das nicht ihnen gehörte, aber ihr Schicksal wollte, daß sie darin dem Beispiel ihrer Väter und Ahnen folgten. Seit längst vergangenen Zeiten hatten diese mit ihren Frauen, ihren Kindern und ihren Hunden das angestammte Gebiet verlassen, um in die Richtung der sinkenden Sonne zu ziehen. Ihre Überlieferungen, die nicht weiter als auf fünf, sechs Generationen zurückreichten, berichteten, daß sie ihr schönes und lange Zeit gastfreundliches Land hatten verlassen müssen, weil die Vegetation zufolge böser Einflüsse, deren Ursache man nicht kannte, allmählich abstarb, und die einst üppigen Wiesen, auf denen Bisons und Pferde gegrast hatten, sich in Sandwüsten verwandelten. Seither führten sie auf der Suche nach günstigerem Klima und wildreichen Jagden ein Nomadenleben.

Durch weite, verödete Länder, die im Winter vereisten und im Sommer von glühender Hitze versengt wurden, waren sie gezogen. An Berge waren sie gestoßen, die bis zum Himmel aufzuragen schienen, und die Ufer unüberwindlicher Meere hatten ihre Schritte gehemmt. Manchmal verweilten sie ein volles Menschenleben in günstiger Gegend, oft blieben sie nur einen Monat lang in wüstenartigen Landstrichen. Und endlich war dieses Volk, auf dreitausend Köpfe zusammengeschrumpft, bei den Leuten vom Flusse, an den Grenzen der Welt, angelangt. Unmöglich war es, noch weiterzugehen! Sümpfe sperrten den Weg gegen Westen. So blieben sie in diesem Lande, dessen Klima ihnen zusagte, und in dem sie Wild in ausreichender Menge fanden.

Sie waren friedliebende Leute und suchten stets jeden Zwist mit den Völkern, durch deren Gebiet sie zogen, zu vermeiden. Vergossenes Blut verlangt nach steter Vergeltung. Im übrigen war die Erde groß genug und wenig bevölkert. Jeder konnte genügend Nahrung finden.

Sie hielten sich für besser als alle anderen von der Jagd lebenden Völker und bewiesen ihre Überlegenheit, indem sie ihre gezähmten Hunde zeigten.

Aus welcher Zeit aber stammte diese Eroberung der Tierwelt, sicherlich die wertvollste, die dem Menschen jemals gelungen ist? Keiner der Lebenden hätte dies sagen können. Die heilige Überlieferung des Volkes versicherte, daß die Seele des Stammvaters, eines Mannes von unerreicht gebliebener Güte, nach dessen Tode den Körper eines großen Hundes als Aufenthalt gewählt habe. Doch erstaunlich war, daß dieser Stammvater, statt seinen ehemaligen Untertanen zu schaden – wie es leider nur allzuoft, trotz aller Versuche, die rachsüchtigen Seelen der Abgeschiedenen zu versöhnen, der Fall ist! –, gewillt war, ihnen aufs beste zu dienen. Einzig dastehend war ein solcher Fall in der Geschichte der Völker, und die Leute vom Hochtal – so nannten sie sich zur Erinnerung an ihre Heimat – waren darauf nicht wenig stolz.

In seiner neuen Gestalt hatte sich der Stammvater den Befehlen jener unterworfen, deren Blutsbruder er blieb. Nachts bewachte er ihren Schlaf, und warnte sein Bellen sie vor Feinden. Seiner einstigen Beschäftigungen und Freuden gedenkend, begleitete er sie auf die Jagd und trieb ihnen das Wild zu, oder er bezwang es im Wettlauf. Zum Dank duldete man ihn beim Herdfeuer. Man behandelte ihn als Freund, und er bewies seine Dankbarkeit und Liebe durch Sprünge, Gebärden der Ergebenheit, durch den Blick, durch die von ihm erfundene Art, die Hände seines Herrn zu lecken. Es war das erstemal, daß Zärtlichkeiten zwischen Mensch und Tier getauscht wurden. Wenn sein Herr aß, erwischte der Hund oft einen Knochen zum Nagen. Im rauhen Winter durfte er – o Wonne! – seinen starren Körper am Feuer wärmen. So war das Bündnis zwischen Menschen und Hunden lange noch, bevor ein widerliches Geschick sie beide gezwungen hatte, ihr Hochtal zu verlassen und ein ruheloses Wanderleben zu beginnen, entstanden. –

Die ruhige Sicherheit der drei auf der Wiese rastenden Jäger verleugnete sich auch nicht, als jetzt Boro, von den Weisen des Stammes gefolgt, auf sie zuschritt. Da sie den Häuptling in ihm vermuteten, erhoben sie sich, um ihn zu begrüßen. Durch Worte vermochten sie sich zwar nicht verständlich zu machen, doch durch Mienenspiel und Gesten gelang es ihnen, zum Ausdruck zu bringen, daß sie als Freunde gekommen seien und mit den Leuten vom Flusse die besten nachbarlichen Beziehungen unterhalten wollten. Sie boten Boro vom Fleische der erlegten Jagdbeute an und erwiesen sich als erfahrene Menschenkenner, indem sie ihre Hunde durch einen Zuruf zu lautem Bellen veranlaßten, um sie gleich darauf durch ein zweites Wort wieder zum Schweigen zu bringen.

Was den Fremden Spiel war, erschien Boro und den Weisen als ein Werk gefährlichster, schwärzester Zauberei. Diese Unbekannten benutzten Mittel, von denen die Bärensöhne bis jetzt nichts geahnt hatten. Wie sollte man gegen sie kämpfen? Dies waren die Gedanken Boros und der Weisen während dieser ersten Begegnung, die nicht lange währte.

Als die Fremden alles getan hatten, was ihnen nötig erschien, um die Bewohner der Hütten von ihren guten Absichten zu überzeugen, pfiffen sie ihren Hunden und schritten wieder gegen Norden, in die Richtung, aus der sie gekommen waren, davon.

Bald schon hatte man in Erfahrung gebracht, daß die Rundschädel – so wurden sie von den Leuten vom Flusse genannt – in beträchtlicher Zahl im Nachbartale ihr Lager aufgeschlagen hatten. Ihre auf freier Wiese errichteten Hütten bildeten ein genaues Quadrat, die Türen lagen nach der Mitte des Lagers zu. Die Wohnstätten waren geräumig, und für ihren Bau verwendeten die Ankömmlinge sorgfältig gekreuzte Pfähle. An hundert Familien waren hier vereinigt. Ein Zaun ringsum schützte das Lager gegen umherstreifende Raubtiere.

Einen halben Tagesmarsch weiter stromaufwärts fand sich ein gleiches Lager, höher im Norden sollten noch andere sein, wie man hörte. Wahrhaftig eine große Gefahr! Man sprach bei den Leuten am Fluß von nichts anderem.

Die Männer betrachteten die Eindringlinge nach wie vor mit feindseligen Gefühlen. Wie konnte es auch anders sein, wenn Scharen eines mächtigen Volkes plötzlich im Lande auftauchten! Auch näherten sich die Bärensöhne nicht den Lagerplätzen der Rundschädel, weil sie täglich zu hören hofften, daß dieses Nomadenvolk seinen Zug gegen Süden fortgesetzt habe. Bei den Frauen aber siegte trotz aller Unruhe die Neugierde. Man mußte doch unverzüglich wissen, wie diese Leute, die aus so weiter Ferne kamen, hausten! Sie streiften also rings um die freistehenden Hütten, obwohl sie sich vor den Hunden fürchteten. Manchmal wurden sie dann aufgefordert, einzutreten, und man kann sich vorstellen, mit welchem Eifer die Neugierigen einer solchen Einladung nachkamen, wenn sie sich zuvor auch lange bitten ließen.

Das allgemeine Urteil, das sich auf Grund dieser Besuche bildete, war für die Rundschädel, die als rauhes und wahrhaft ungeschliffenes Volk erschienen, nicht schmeichelhaft. Was die Schönheit betraf – die Tatsache sprang in die Augen – konnten sie sich nicht mit den Leuten des Flusses vergleichen. Klein und untersetzt waren sie, und selbst der Schnellste von ihnen hätte es nicht einmal mit dem Langsamsten der Bärensöhne aufnehmen können. Was ist aber ein Jägervolk, das im Laufen mittelmäßig ist! Sie hatten weder geschnitzte noch gemalte Bildchen von Tieren; sie verstanden in der Tat nicht Horn und nicht Elfenbein zu bearbeiten. Der Zauber, mit dem sie ihre Hunde beherrschten, mußte also durch andere Mittel erfolgen, als durch die Wirkung auf deren Bilder. – Ja, auch Menschenfiguren nachzubilden erwiesen sie sich als unfähig, und das war doch gewiß in vielen Fällen auch eine Kunst, der man nicht entraten konnte. Und – was nach der Meinung der Bärenfrauen die tiefste Verachtung verdiente – sie wußten nichts von einer Nadel! Sie befestigten ihre Felle, die kaum den Namen Kleidung verdienten, mit Lederschnüren! Mußte man mehr sagen, um den Tiefstand dieser Barbaren zu kennzeichnen?

Allerdings, eine gewisse Schlauheit war ihnen nicht abzusprechen. Erstaunlich schnell eigneten sie sich die wichtigsten Worte aus der Sprache ihrer Nachbarn an und waren bald imstande, sich mit ihnen, durch Zeichen unterstützt, zu verständigen. Sie bemühten sich, alles, was ihnen nützlich schien, zu erlernen. Besonders gefiel ihnen die Nadel. Frauen und Männer wollten bei den Leuten vom Flusse im Nähen unterrichtet werden. Sie wurden darin bald sehr geschickt. Aber, wenn es ihnen auch gelang, eine Knochenspitze aus dem Groben zu arbeiten, so scheiterten sie daran, das feine Nadelöhr zu bohren. Sie waren nahe daran, zu glauben, die Leute vom Flusse besäßen hierfür einen besonderen, geheimen Zauber. Da sie nun diese kostbaren Nadeln brauchten, gaben sie dafür zum Tausche freigebig von ihrer Jagdbeute, die sie mit Hilfe ihrer Hunde erlegten.

Daß sie die Hunde durch Zauber bändigten und mit ihnen in so gutem Einvernehmen lebten, war die einzige Überlegenheit, die man anerkennen mußte. Aber eifersüchtig hüteten sie dieses Geheimnis, dessen Wert jeder zu ermessen vermochte. –

Für den Augenblick litt man kaum unter ihrer Anwesenheit im Lande. Die Jagd war schon während der ganzen letzten Jahre immer schwieriger geworden, vielleicht war sie jetzt noch mühseliger und weniger ertragreich, doch hierin konnte man nicht unbedingt eine Schuld der Fremden sehen.

So vergingen die letzten schönen Herbsttage, die einem heißen Sommer gefolgt waren, mit den gewohnten, kaum wesentlich gesteigerten Klagen.

Mit dem Einbruche der schlechten Witterung aber änderten sich die Dinge. Jetzt, da die Regenzeit begonnen hatte, wurde es den Leuten am Flusse nach und nach klar, daß die Jagd sie nicht mehr ernähren konnte. Sicherlich hatten sie auch früher schon schlechte Zeiten gekannt, in denen sie mit leeren Händen nach Hause zurückgekehrt waren. Aber nun schien das, was vormals eine Ausnahme war, zur Regel zu werden. Großwild, von dem eine Familie mehrere Tage hätte leben können, erlegten sie gar nicht mehr. Pferde, Bisons, Rinder und Hirsche begannen neue Gewohnheiten anzunehmen. Sie zogen in weit entlegene Gebiete, fern von den Wohnstätten, und ließen niemanden an sich herankommen.

Andere Tiere waren ganz aus der Gegend verschwunden. Die klugen Mammute hatten eingesehen, daß es an der Zeit sei, fortzuziehen. Ein Jäger, der des Nachts draußen gewesen war, um Fallen zu legen, hatte beobachtet, wie sich die letzte Familie, die noch in der Gegend gelebt hatte, in den großen, vom Regen angeschwollenen Strom geworfen hatte: Das alte männliche Tier als erstes, dann zwei Weibchen, und zum Schluß folgten ihnen die beiden Jungen, die erst im letzten Frühling zur Welt gekommen waren. Sie mußten sich von besonderen Gefahren bedroht fühlen, wenn sie dies taten, denn in der Regel vermieden sie es, tiefe Gewässer zu durchqueren.

Über die Ursache dieser unseligen Veränderungen konnte kein Zweifel mehr bestehen: Es waren die Hunde, die mit den Rundschädeln jagten! Ihr Bellen durchlärmte alle Täler und erschreckte die Tiere. Unermüdlich und erbarmungslos waren sie in der Verfolgung des Wildes, und wenn sie es aufgespürt und bis zur Erschöpfung gehetzt hatten, dann fielen sie es an und ließen es nicht weiter, bis ihre Herren nachgekommen waren, denen nichts zu tun übrigblieb, als aus gefahrloser Entfernung die leichte Beute zu erlegen.

Für die Leute vom Fluß aber blieb nur noch das früher verachtete kleine Wild, dessen Fleisch einen widerlichen Geschmack hatte: Füchse, Wölfe, unsaubere Hyänen. Und mußten die Bärensöhne nicht ihnen gleich werden, wenn sie nun gezwungen waren, sich ausschließlich von solchen feigen Tieren zu nähren? Das konnte nur zum sicheren Verfall dieses einst so schönen, edlen Stammes führen!

Verzweiflung erfüllte die Herzen. Die Weiber jammerten, und niemand blieb von ihren Klagen und Vorwürfen verschont. Es war nicht abzusehen, zu welchen Verzweiflungstaten diese Unglücklichen sich hinreißen lassen würden. Einzelne Fälle waren schon vorgekommen, daß Mütter ihre neugeborenen Kinder getötet hatten, um ihnen die Leiden eines Lebens zu ersparen, das gelebt zu werden nicht mehr wert war.

Die Männer, stolzer als die Frauen, schwiegen, doch sie litten furchtbar. Ohne Kampf mußten sie sich besiegt erklären, denn was sollten Waffen gegen solche viel mächtigere Feinde helfen?

Diese bittere Niederlage zwang sie zu der Erkenntnis, daß jene Tugenden, die sie bisher als die höchsten geschätzt hatten, Schnelligkeit und die magische Kunst, Tiere zu bannen, in der neuen Gemeinschaft, die sich bildete, nichts mehr galten. Konnte man mit einer Meute von Hunden Wettlaufen? Sollte man auf die Tiere Zaubersprüche wirken lassen, damit andere sie töteten?

Schon hatte es No in seiner Scharfsinnigkeit aufgegeben, Bilder in Felsgestein und Elfenbein zu schneiden. Doch schwer lastete die Untätigkeit, zu der er sich verurteilt sah, auf ihm.

Er dachte an die erst kurz entschwundenen Tage, an die Zeit, die vor der Ankunft der Rundschädel lag. Wohl klagte man damals schon, doch unberechtigt. Der Stamm führte noch ein wundervolles und gesichertes Leben. – No sah sich mit seinem Vater und den Gefährten zur Jagd aufbrechen. Keinerlei Sorgen erfüllten ihre Herzen. Abgehärtet waren sie gegen Müdigkeit und Kälte. Wenn es not tat, schliefen sie in den Wäldern. Der Morgenfrost fetzte Eiszapfen in ihren Bärten an. Der Regen wusch sie. Sie fühlten es kaum. Vom frühesten Morgen an verfolgten sie die Spur des Tieres, dessen Fährte sie aufgenommen hatten. Oft störte man es noch in seinem Lager auf, zu dem es eben erst von nächtlichen Streifzügen zurückgekehrt war, und scheuchte es aus dem ersten Schlummer. Dann begann eine lange Verfolgung, erfüllt von wechselnden Ereignissen, bei denen ihnen genaue Kenntnis des Wildes und des Landes fast immer den Sieg brachte. Und wenn das Tier – ein wütend gewordenes Bison oder ein furchtloses Rind – den Jäger angriff, dann galt es, einen Kampf mit Einsatz des Lebens zu liefern.

Erschöpft kam man nach Hause zurück, doch gebeugt unter der Last der Fleischteile und der Felle der Tiere.

Würden diese glücklichen Tage niemals wiederkehren? No seufzte. Er fühlte sich voll Kraft und Mut. Er liebte es, wie der Wind dahinzustürmen. Und jetzt war er dazu verurteilt, Fallen auf den Hügeln in nächster Nähe der Wohnstätten zu legen oder im Flusse zu fischen, Beschäftigungen, die den Frauen genügen mochten!

Im Rate des Stammes wurde hitzig debattiert. Boro, unbeliebter noch als Rahi jemals gewesen war, beriet täglich mit den Weisen. Männer, die zukünftige Ereignisse vorauszusagen vermochten, hatten seit langem verkündet, daß die altgewordene Erde vor dem Ende ihrer Tage stehe, und daß die Rasse der Menschen zu verschwinden verurteilt sei. Die Leute vom Flusse fühlten die Last einer langen Vergangenheit auf sich. Die Nahrung wurde immer unzulänglicher, die Todesfälle vermehrten sich. Doch noch größeres Unheil war diesen Unglücklichen vorausbestimmt.

 

No flickte eines Morgens auf der Terrasse seine Kleidungsstücke. Rings um ihn waren die Frauen mit ihren häuslichen Arbeiten beschäftigt, die Männer schärften ihre Waffen, die Kinder mühten sich um das Feuer, in das sie Tannenzapfen und trockenes Reisig warfen, woran es glücklicherweise nicht mangelte. Es war jetzt Winter, das Wetter war sehr kalt geworden. Durch das Eis des gefrorenen Flusses hatte man Löcher schlagen müssen, um die Fische harpunieren zu können. Da die abgenutzten Renntierfelle nicht mehr genügenden Schutz gegen die Kälte boten, war man auf den Ausweg verfallen, sie mit dem Fell von Füchsen und Katzen auszubessern.

No saß also hier, die Nadel in der Hand, als drei Rundköpfe auf der Terrasse erschienen.

Einer von ihnen war derjenige, dem No mit den Hunden an jenem unvergeßlichen Tage begegnet war. Dieser Mann, der sich Eymur nannte, hatte nicht gezögert, No als Freund zu behandeln und ihm seinen Namen zu sagen.

Für gewöhnlich besuchten die Rundschädel diese Wohnstätten nicht, denn sie wußten, daß die Feindschaft gegen sie täglich wuchs, und der kleinste Zwischenfall zu tödlichem Streite führen könnte. Sie hatten auch Boro wissen lassen, daß sie für das Leben jedes einzelnen der Ihren drei von den Leuten des Flusses nehmen würden. Die beiden Völker hielten sich daher soweit als möglich einander fern. Deshalb lag in dem Vordringen der Rundköpfe trotzige Herausforderung, die auch von den Bewohnern der Hütten als solche empfunden wurde. Die Fremden wollten dies nicht bemerken. Sie schritten der Breite und Länge nach über die Terrasse, betrachteten mit kritischen Blicken die Hütten und unterhielten sich lebhaft. Einen Augenblick näherte sich Eymur der Feuerstätte, neben der No kauerte.

»Gut habt ihr's hier«, und sein Arm deutete mit einer weiten Gebärde auf die große überhängende Felswand, die die Terrasse vor dem Wind schützte. Ein breites Lächeln ließ seine starken Zähne sehen. Er schloß sich gleich wieder seinen Gefährten an, und alle drei zogen sich wieder zurück.

Am nächsten Tage aber erschienen sie neuerlich. Diesmal waren es ihrer zehn; sie trugen Pfähle und Häute von Pferden und Hirschen, die in Streifen von zwei Fuß Breite zugeschnitten waren, auf den Schultern. Einige Hunde, folgten ihnen mit heraushängender Zunge. Bei ihrem Anblick entflohen Frauen und Kinder schreiend in den tiefsten Winkel ihrer Wohnstätten.

Unweit der Hütte Nos stand ein großer Platz leer, weil bei der letzten Epidemie zwei Familien ganz ausgestorben waren. Die Hütten waren vollkommen verfallen.

Hier legten die Rundschädel die mitgebrachten Gegenstände nieder und begannen, ohne Zeit zu verlieren, eine Wohnung zu errichten, bei deren Bau, wie sie es gewohnt waren, hauptsächlich Holz verwendet wurde. Sie arbeiteten schnell und pfiffen dabei durch die Zähne. Die Hunde strichen indes über die Terrasse, als wären sie hier die Herren, und suchten nach Knochen. Einer von ihnen drang keck bis in den Eingang einer Hütte und schnappte nach einem Stück Fleisch, das für das Essen der Familie vorbereitet war. Der wütende Besitzer der Hütte versetzte ihm einen wuchtigen Stockhieb auf die Schnauze. Der Hund wich heulend zurück, blieb stehen, bellte und drohte, nach der Kehle des Mannes, der ihn geschlagen hatte, zu springen. Doch die Rundschädel riefen ihm jetzt ein Wort zu, und der Hund zog sich knurrend zu ihnen zurück und legte sich dort nieder. Dieser Zwischenfall machte auf die Leute vom Flusse gewaltigen Eindruck.

Gegen Mittag beendeten die Rundköpfe ihre Arbeit. Der geräumige Bau, der zwei Türen besaß, konnte etwa zehn Personen als Behausung dienen.

Nachmittag sah man eine ganze Familie herankommen; einen Mann, eine Frau und ihre fünf Kinder, von denen zwei Söhne in dem Alter waren, in dem man die Proben der Einweihung zu bestehen hat. Bevor sie einzogen, schwenkten sie Fackeln im Innern der Hütte, um Geister, die sich vielleicht hier niedergelassen hatten, zu vertreiben. Als das getan war, zogen sie mit den Säcken aus Pferdehaut, die ihren ganzen Reichtum enthielten, ein. Die Hunde begleiteten sie. In maßlosem Staunen beobachteten die Leute vom Fluß, daß diese Hunde wie menschliche Wesen zum Feuer gingen, um sich zu wärmen. Jedes Getier zog sich vor dem Feuer, wie vor seinem ärgsten Feinde, zurück. Was waren also die Hunde? Der Schrecken, den sie einflößten, steigerte sich noch.

Mit schmerzlichen Empfindungen beobachtete No den Einzug der Fremden. Bis jetzt waren die Wohnstätten nach urdenklichem Recht ausschließlicher Besitz der Leute vom Flusse gewesen. Und jetzt kamen diese Eindringlinge ohne Höflichkeit und ohne Tradition und ließen sich hier als Herren nieder. Sie taten dies indes nicht auf rauhe Art. Sie traten niemanden in den Weg, aber sie verhielten sich einfach so, als wären sie allein auf der Welt. Sie kümmerten sich um ihr Wohlergehen und kaum um das anderer und waren nur darauf bedacht, nicht den geringsten Vorwand zu einem Streite mit jenen zu geben, deren Platz sie sich angeeignet hatten.

Die gemachten Erfahrungen schienen sie zu befriedigen, denn bald erstanden neben der einen Hütte noch drei andere. Diesmal fühlten sich die früheren Bewohner belästigt. Jetzt war das Lager in zwei Teile gespalten; auf der einen Seite standen drei Hütten der Bärensöhne, auf der anderen die vier geräumigeren der Rundköpfe.

Einen Monat später hatten die Fremden alle im Freien errichteten Lager verlassen und sich für die Winterzeit in den Schutz der Felswände zurückgezogen. Ihre neue Unterkunft entzückte sie, nun hatten sie nicht mehr unter der Kälte zu leiden. Gelegentlich sparten sie auch ihren Wirten gegenüber nicht mit Lob über die Klugheit, mit der diese ihre Wohnstätten angelegt hatten.

Im übrigen blickten sie voll Geringschätzung auf die Leute vom Flusse herab, deren Art zu jagen ihnen sehr rückständig vorkam, und die sich damit unterhielten, Tierbilder zu zeichnen, man wußte nicht wozu. Wenn darin der Gipfel ihrer Zauberkünste lag, dann mußte man diese armen Leute bedauern. Das Volk vom Hochtal wußte viel mehr über den richtigen Verkehr mit den Geistern. Der Ahne Hund erwies sich seinem Volke geneigter, als der Stammvater Bär dem seinen.

 

Wenn die Bärensöhne es auch aufgegeben hatten, sich der Eindringlinge mit Gewalt zu entledigen, sie führten doch einen geheimen und schrecklichen Krieg gegen sie.

Man formte aus Ton Körper von Hunden und durchstach ihr Herz, während man die Beschwörungsformeln dazu sprach. No hatte die Freude, bei diesem Werke helfen zu dürfen. Er erinnerte sich an die kleine Statue des Häuptlings und zweifelte nicht an dem Erfolg.

Auch zeichnete man Hunde, den Körper von einem Pfeil durchbohrt, auf Steine. Gegen die Herren selbst versuchte man andere Künste. Man bemühte sich, Fleischreste, Kräuter und Beeren zu entwenden, von denen sie sich nährten. Man konnte dadurch auf die gleichen Speisen im Magen des Gegners wirken und seinen raschen Tod herbeiführen. Doch auch die Rundschädel schienen dies zu wissen und ließen keinen Brocken ihrer Mahlzeit übrig. Was sie nicht selbst aßen, warfen sie den Hunden zu.

Ein anderes unfehlbares Mittel ist es, Haare des Gegners, die er sich abgeschnitten hat, zu nehmen und einen schweren Fluch über sie zu sprechen. Doch boshaft, wie die Rundschädel waren, verfielen sie auf den Gedanken, die Enden ihrer Haare mit glimmenden Holzstücken abzubrennen, um sie zu kürzen.

So mußte man einsehen, daß sie alle die Zauberkünste selbst kannten, mit denen man Gegner, die man vernichten wollte, angriff. Doch sie konnten sich nicht gegen alle Fälle sichern.

Die Weisen erlernten mit Geduld und List viele der Namen der Rundköpfe und besonders diejenigen, deren Träger eine bedeutende Rolle im Rate des Stammes spielten. Bei ihrem Häuptling vereinigt, sprachen sie die Namen, deren sie sich bemächtigt hatten, einen nach dem anderen aus, und begleiteten sie mit tödlichen Beschwörungen. Dies geschah im tiefsten Geheimnis hinter der geheiligten Haut, welche die Hütte Boros teilte. Nacht und Tag sich ablösend, haspelten die Weisen ihre schaurige Weise herunter. Männer wachten am Fuße der Terrasse, um zu verhindern, daß man sich nähere. Aus einiger Entfernung vernahm man ein wirres Gemurmel, das niemals aussetzte. Dessen Sinn verstand man zwar nicht, aber das Herz der Leute vom Flusse erfüllte sich mit Schrecken und Hoffnung. Der Erfolg enttäuschte ihre Erwartung. Weder die Herren starben, noch ihre Hunde. Keine Krankheit kam über sie. Ja, im Gegenteil, der Aufenthalt im Felsenschutz schien ihre Kräfte nur neu zu stärken. Jeden zweiten oder dritten Tag zogen sie, die Meute an den Fersen, auf die Jagd. Niemals kehrten sie mit leeren Händen zurück, sondern beladen mit Fleisch, auf den Schultern eine Pferde- oder Hirschhaut. Ihre Frauen setzten Kinder in die Welt, die keine Krankheit im zarten Alter dahinraffte. Man konnte die Zeit voraussehen, in der das ganze Land von den Eindringlingen wimmeln würde.

Man muß anerkennen, daß Boro und die Weisen in dieser höchsten Gefahr folgerichtig überlegten. Da sie herausgefunden hatten, daß alle Beschwörungen vergeblich blieben, faßten sie einen mannhaften Entschluß, ohne sich mit unnützen Klagen aufzuhalten. Die alten Tugenden der Rasse und die Macht ihrer Zauberei hatten sich abgeschwächt, weil der Stamm seit zu langer Zeit ferne dem Ahnen lebte. Dies war die endlich erkannte Wahrheit.

Deshalb mußte sich der Stamm durch eine Vereinigung mit ihm verjüngen. Er mußte ein strahlendes Opfer darbringen und sich von neuem die göttlichen Eigenschaften seines Gründers aneignen. Auf diese Weise wiedergeboren, würden die Söhne des Bären ohne Mühe die magischen Mittel finden, um die Eindringlinge zu verjagen.

Die Verkündigung dieses Entschlusses verursachte ungeheuren Jubel. Die größten Zweifler sahen das Ende aller Leiden voraus. Durch die gemeinsame Aufnahme seines Fleisches und seines Blutes bei einem Mahl, an dem alle teilnehmen würden, mußten sie dem Vater gleich werden, der für sie in furchtbarem Leiden sterben, dem Vater, der noch einmal sein Blut für das Heil seiner Söhne geben würde.

Nun war nur noch der Bär zu finden, in dem der Geist des Ahnen weiterlebte.

Doch es handelte sich darum, den Höhlenbären zu finden, den Nachkommen desjenigen, der in der heiligen Grotte die Spuren seiner mächtigen Tatzen als Zeichen der Verbrüderung mit seinem Volke hinterlassen hatte.

Er war ein König unter den Tieren. Weder der Löwe, noch das Rhinozeros, selbst nicht das Mammut wagte ihn anzugreifen, denn er verband furchtbare Kraft mit List. Wenn er sich auf seine Hintertatzen stellte, überragte er mindestens vier Fuß die größten Männer, und seine Umarmung war tödlich.

Doch seit Jahren hatte ihn niemand mehr erblickt. In welches Versteck hatte er sich, unzufrieden mit den Angehörigen des Stammes, zurückgezogen?

Der Häuptling ließ No zu sich kommen. Er erinnerte sich des Schülers, mit dem er die gleiche Hütte bewohnt hatte. Er teilte ihn einer der beiden Gruppen zu, die den Bären suchen sollten. Die eine zog mit Bewilligung des Nachbarstammes in die südlichen Lande des gegen Mittag strömenden Flusses. Die andere, mit ihr No, sollte zwei Tagemärsche weit die Gegend stromaufwärts auskundschaften; sie sollte seinem Laufe und dem seiner Nebenflüsse folgen.

Sobald sie das gesuchte Tier aufgespürt hätten, sollten die Jäger unverzüglich zum Stamme zurückkehren, um Verstärkung mit sich zu nehmen, da es für die Wiedervereinigung wesentlich war, daß der Bär der Urzeit lebend zum Opfer geführt werde. Diese Aufgabe übernahm No mit Freude. Viel von seinem Glauben und gerade das Heiligste war ihm plötzlich zerstört worden. Er hatte aufgehört, Tiere in Naturtreue an die Wände der Wohnstätten zu malen. Solche Zauber hatten die Renntiere nicht an der Flucht gehindert, und die Tiere, welche geblieben waren, gehörten den Hunden der Rundköpfe. Wozu sollte er da noch zeichnen, ritzen und malen? Denn er verstand nicht, daß er auf diese Weise eine Beschäftigung aufgab, die ihn durch sich selbst befriedigt hatte. Er besaß die Gabe, lebendige Formen zu schaffen. Und diese Gabe nutzte er nicht aus. Denn wie hätte er daran denken können, ein Bild nur zur Freude seiner Augen zu schneiden? Er hatte in einer Bewegung sehr begreiflichen Zornes die Arbeit verworfen, die ihm höchste Freude gewesen war.

Und zu gleicher Zeit war ihm, weil die Fremden mit ihren Hunden das Land beherrschten, die Jagd versagt, die unerschöpfliche Quelle männlicher Freuden und begehrter Gefahren. So jung er war, lebte er in der sonst nur Greisen eigenen Untätigkeit. Und gerade da rief ihn ein Wort des Häuptlings zu edlem Wirken auf. Er sollte an einem kühnen Streifzug teilnehmen, der den Zweck hatte, den Stamm vor dem Zusammenbruch zu retten. –

Bei Sonnenaufgang des nächsten Tages traf er mit seinen Gefährten in der Hütte des Häuptlings zusammen. Unter so bedeutsamen Umständen hatten die Weisen die vorgeschriebenen Beschwörungsformeln über sie zu sprechen, damit wohlgesinnte Geister sie bei ihrem kühnen Unternehmen begleiteten. Mit No zogen zwei der besten Jäger des Stammes, die die dreißig schon überschritten hatten, Männer mit Erfahrung, klug und listig. Sobald die Zeremonie beendet war, eilten sie geradeswegs gegen Norden. Sie ließen sich durch die Windungen des Flusses nicht aufhalten, da dieses Gebiet viel zu stark bevölkert war, als daß der gesuchte Bär sich hier hätte verbergen können.

Seit der Mitte des Tages erforschten sie die Täler, die einstmals, als die Leute des Flusses noch zahlreich wie die Sterne des Himmels gewesen waren, Wohnstätten geboten hatten. Die Nacht verbrachten sie auf einer verlassenen Terrasse, wo sie ein Feuer entzündeten. Am folgenden Tage durchwanderten sie flaches Land, immer weiter gegen Nordost vordringend. Ermüdet von dem schnellen Marsch, kamen sie am späten Nachmittag an einen öden Ort hinter einem Hügelkamm, der das Tal abschloß. Der Anblick des Landes war fremdartig: kein Baum, nur Sand, Flechten und wieder Sand. Die alten Jäger blieben überrascht stehen. Diesen trostlosen Ort hatten sie noch nie gesehen. Und doch liefen sie seit zwanzig Jahren kreuz und quer durch die Wälder und hatten geglaubt, daß es keinen einzigen Winkel im Lande gäbe, der ihnen unbekannt geblieben wäre, wie abseits er auch gelegen, und wie schwierig auch der Zutritt sein mochte. Bestürzt beeilten sie sich, die Formeln zu murmeln, die den Geistern des Ortes schmeicheln, den man zum ersten Male betritt.

Eine Kette von kahlen, abschüssigen Bergrücken verschloß den Ausblick gegen Sonnenaufgang. No und seine Gefährten wandten sich dieser Richtung zu. Schweigend durchschritten sie dieses Tal, dessen öde Traurigkeit auf ihr Gemüt drückte, und sie glaubten, in eine für sich abgeschlossene Welt gelangt zu sein, die noch niemals der Fuß eines lebenden Wesens betreten hätte. Nicht eine einzige Tierspur war auf dem weichen Sande, der unter den Schritten nachgab, zu erkennen. Nach einem langen Marsch erreichten sie die ersten Ausläufer des Höhenzuges, der den Weg gegen Osten versperrte. Im Schutze eines Felsens aßen sie ein wenig geräuchertes Fleisch. Sie beschlossen, die Nacht im Freien zu verbringen. Da es kalt war, gingen sie daran, trockene Flechten und kleine Zweige eines niedrigen Gebüsches zu sammeln. Dies waren die einzigen Pflanzen, die in dieser Einöde gediehen.

Plötzlich bückte sich No, der sich von seinen Gefährten ein wenig entfernt hatte, überrascht. Gerade vor seinen Füßen war an einer Stelle, wo der Sand ein wenig fester war, vollkommen deutlich und klar ein Abdruck zu erkennen, der noch frisch sein mußte, da weder Regen noch Wind ihn ausgelöscht hatten. Es war der Abdruck des großen Höhlenbären. Unverkennbar waren seine Krallen im Boden eingegraben, ganz gleich dem Zeichen, das No bei der Einweihung gesehen hatte.

Er blieb mit klopfendem Herzen stehen. Die Gewißheit, demjenigen so nahe zu sein, an dessen Auffindung sie fast schon gezweifelt hatten, die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung mit den Kräften, die in dem großen Ahnen schlummerten: all dies erschien vor Nos Denken mit einer Kraft, die ihn schwanken ließ.

Sobald er seine Beherrschung zurückgewonnen hatte, winkte er seine Gefährten herbei. Im Augenblick waren sie bei ihm. No hatte sich nicht getäuscht.

Vorsichtig folgten sie den Spuren. Stellenweise verloren sie sich im feinen Sande und fanden sich erst auf fester Erde wieder. Sie führten zu einer engen, aber nicht allzu tiefen Schlucht. Behutsam schlichen die Jäger weiter und verständigten sich nur durch Zeichen. Der Weg wurde immer schwieriger. Steingeröll kreuzte die Fährte, die Schlucht verengte sich. Manchmal war es notwendig, einem Felsenband zu folgen, das nur ein einzelner Mann überschreiten konnte. Ohne Lärm vorwärtsdringend, befand sich der älteste der kleinen Schar auf eine Entfernung von fünfzig Schritten gegenüber einer Höhle, die sich in einem Felsabhang öffnete. Er blieb stehen und prüfte die Spuren. Es war sicher, daß das Tier dort vor wenig Zeit eingetreten sein mußte und sich noch nicht entfernt hatte. Man konnte nicht zweifeln, daß diese Höhle sein gewohnter Schlupfwinkel war: zahlreiche Gebeine bedeckten die Eintrittsfährten, die nur hierher führten.

Die Männer zogen sich eilig zurück, um Rat zu halten. Man beschloß, daß einer von ihnen hierbleiben solle, um aus der Entfernung das Gehen und Kommen des Bären zu beobachten. Die zwei anderen sollten eiligst zum Lager zurückkehren und schon am nächsten Tage mit den Verstärkungen wiederkommen.

No erbot sich, die Nacht über in der Nähe der Höhle den Bären zu bewachen. Zur Dämmerzeit schon war er allein. Er benutzte noch den letzten Schimmer des weichenden Tages, um einen sicheren Platz für die Nachtwache ausfindig zu machen. Ein wenig vor dem Eingang der Höhle ragte ein steiler Felsen ungefähr zwölf Fuß hoch empor. Auf ihn konnte man nur gelangen, wenn man einen sehr weiten Umweg machte. Es war nötig, zuerst aus der Felsschlucht hinauszugehen und den Fels von der entgegengesetzten Seite zu erklimmen. Obwohl der Ort Wind und Regen ausgesetzt war, richtete No sich dort ein.

Es war bewölkt, feucht und kalt. No litt darunter, denn er durfte kein Feuer machen. Ausgestreckt lag er in seinem Pelzsacke, doch die Erregung seiner Gedanken verscheuchte den Schlaf. Ohne Unterlaß kamen sie immer wieder auf denselben Gegenstand zurück. Der morgige Tag würde ja nicht vorbeigehen, ohne ihn Aug in Aug mit dem Ahnen seines Stammes zu finden. Was sollte er tun, damit der Bär nicht zu entschlüpfen vermochte? Im äußersten Notfalle mußte er ihn wohl verwunden, aber es war nicht erlaubt, weder einem einzelnen Manne noch einer Gruppe von Jägern, ihn tödlich zu verletzen. Dies wäre ein Verbrechen, das die Leute vom Fluß furchtbar ahnden würden. Lebend mußte der Bär zu dem Opfer geführt werden, dem der versammelte Stamm beiwohnen sollte, um so in seiner Gesamtheit die Verantwortung für den notwendigen Mord zu tragen.

Wenn aber der Bär die Kette der Treiber durchbrach und, seine Söhne im bittersten Elend zurücklassend, entfloh?...

In der Einsamkeit der Nacht verwirren sich die Gedanken Nos wie im Fieber. Bilder furchtbarer Ereignisse erstehen in seinem Geiste, er erlebt das Ende seines Stammes, er sieht die Seinen, die von heulenden Hunden zu Tode gehetzt werden... Um die Erscheinungen zu verscheuchen, die böse Geister ihm erstehen lassen, erhebt er sich, um auf- und abzuwandern. Rings um ihn liegt jetzt eisiger Nebel, den seine Augen nicht durchdringen können. Er ist von Phantomen umgeben, die sich langsam bewegen... Hätte er doch einen seiner Freunde bei sich behalten! Doch er ist allein in diesem gefährlichen Augenblick.

Ruhelos murmelt er die Formeln vor sich hin, die ihn die Weisen zur Abwehr des Ansturmes böser Mächte gelehrt hatten... Oft hält er ein. Seine Augen bemühen sich, das Dunkel ringsum zu durchdringen. Wird der Bär aus seiner Höhle herausgehen? Und wenn No ihn auch nicht sehen kann, würde er wenigstens sein mächtiges Schnauben hören? Vielleicht hat das Tier die Anwesenheit eines Feindes gewittert und wird auf einem Umweg auf die Plattform gelangen, wo No sich ängstigt. Er wendet sich und macht einen Satz... Wer kommt da?... Nichts als die Nacht hat er vor sich.

Erst gegen Morgengrauen nach einer Nacht, in der sein Geist nicht für einen Augenblick zur Ruhe gekommen war, sinkt er erschöpft in seinen Schlafsack. Er schläft ein und findet sich in ein Land versetzt, in dem warmes und klares Licht herrscht. Das Klima ist hier viel milder als das der Gegend, wo er geboren wurde. Die Hütten sind im Freien errichtet, die Felshöhlen sind verlassen. Die Männer – seltsame Tatsache! – haben ihren Frieden mit gewissen Tieren geschlossen. No sieht rings um sie Tiere, die sie aufziehen, und von denen sie leben, ohne gezwungen zu sein, sie um den Preis von tausend Entbehrungen und Gefahren zu verfolgen. Die Hunde verteidigen diese kostbare Habe gegen die Angriffe der Raubtiere und lassen nicht zu, daß man an sie rühre. Ein Weiser tritt zu No heran und unterweist ihn mit wenig Worten in der magischen Kunst, durch die es dem Menschen gelingt, die Tiere, die neben ihm leben sollen, zu zähmen – dies ist der gleiche Ausdruck, dessen sich die Rundköpfe bedienen. Leise murmelt er ihm die Zauberformel ins Ohr. No wiederholt sie und schwört sich, sie nicht zu vergessen, um sie nach seiner Heimkehr seinem Stamme mitzuteilen. Die Stimme des Weisen schwillt und schwillt ... sie grollt jetzt wie der Donner ... und plötzlich findet sich No aus diesem lichten Lande mit der Schnelligkeit eines Blitzes auf den harten Stein zurückgeschleudert... Er öffnet die Augen. Ein fahler Morgen hüllt sich in eisige Nebel. Noch immer tönt die Stimme des Weisen. Ganz in der Nähe hallt sie von einer Wand der Schlucht zur anderen. Sie ähnelt dem Brüllen eines Raubtieres. – Ah, es ist keine Täuschung möglich, die Stimme, die durch den kalten Morgen dröhnt, ist die des Bären! Nur sie kann die Erde bis zu dem Felsen erzittern machen, auf dem No, entsetzt, plötzlich aufspringt.

Er kann sich kaum auf den Beinen halten, doch eine Neugier, stärker als seine Furcht, drängt ihn vorwärts. Er schleppt sich mehr, als er geht. Jetzt, ein Schweigen. Nebelschwaden ziehen um die Flanken des Felsenhanges.

Eine von ihnen umhüllt No, als wollte sie ihn entführen. Alles verschleiert sich und wird undeutlich. Er beugt sich herab und trachtet, den Höhleneingang zu erblicken.

Da sieht er sich einem riesenhaften Kopf gegenüber, dessen Züge der Nebel grausig verzerrt. Er ist es: der Bär! Er reckt sich der Länge nach am Felsen empor, an dessen Gipfel er fast angelangt ist. No könnte ihn berühren... Der Nebel zerstreut sich ein wenig, und No findet sich Aug in Äuge mit dem Bären, der ihn mit ernstem Blick betrachtet. Kaum eine Armlänge trennt sie voneinander. No fühlt den heißen Atem des Tieres in seinem Gesicht. Ein angeborenes Gefühl des Vertrauens bemächtigt sich seiner. Er findet den Ahnen wieder, in dessen Nähe er vor kurzem in den Tagen der Einweihung versetzt worden war. Lange betrachtet er ihn voll Ehrfurcht.

Doch der ewig hungrige Bär, der eine Beute vor sich sieht, gerät in Zorn. Er brüllt, versucht sich längs der glatten Wand emporzuziehen, er bemüht sich, an ihr Halt für seine Tatzen zu finden. Dreimal fällt er auf die Erde zurück. Er stampft vor Zorn, dann faßt er einen Entschluß und trottet eilig dem Ausgang der Schlucht zu.

No hat begriffen. Der Bär wird den langen Umweg nehmen, um auf die Plattform zu gelangen. Nun gilt es zu fliehen, ohne einen Augenblick zu verlieren. Schnell erreicht No den ebenen Boden und pfeilschnell läuft er davon.

Dank der Bodengestaltung wird er einen Vorsprung von einigen tausend Schritten haben, ehe der Bär die Ebene erreichen kann. Er läuft dem Flusse zu. Wenn er diesen entlang flüchtet, ist er sicher, den Jägern vom Stamme zu begegnen, die zu seiner Unterstützung herankommen. Im Morgengrauen müssen sie die Wohnstätten verlassen haben. Gegen Mittag werden sie hier sein. Aber der Bär! Welchen Weg wird er nehmen? Wieviel Zeit wird er brauchen? »Alles hängt davon ab«, überlegt No im Laufen. »Ob es der Bär lange ohne Rast aushält. Dann würde er mich eingeholt haben, ehe noch die Sonne über dem Horizont steht. Doch, was hilft's, hier gibt es nichts zu überlegen...« Und No läuft ohne besondere Hast, denn es gilt, lange auszuhalten. Er läuft mit vorgestrecktem Kopf, mit erweiterter Brust, die Ellbogen an den Körper gezogen, die Füße geschmeidig und standhaft, als wären sie glücklich, ihrem Herrn das Leben zu retten. Er läuft frei und unbehindert auf weichem Sand. Der Nebel kommt No zu Hilfe und hüllt ihn ein. Doch er findet trotzdem mühelos den Weg. Er weiß, in welcher Richtung er den großen von Hügeln eingerahmten Talkessel durchqueren muß, um den Fluß zu erreichen. Endlich erklimmt er die ersten Vorberge der Gebirgskette. Er muß Atem holen. Auch Hunger verspürt er, er muß essen. Er zieht ein Stück getrockneten Fleisches aus seinem Wams. In diesem Augenblick zerteilen sich die windgejagten Nebel. Vor seinen Blicken dehnt sich ein weites Land, das die Sonne bescheint, die schon ein Viertel ihres Weges auf dem Himmel zurückgelegt hat. Da sieht er inmitten der Ebene, die er eben durcheilte, einen dunklen Punkt, einen Punkt, der sich jeden Augenblick vergrößert. Es ist der Bär, der in der Gangart eines galoppierenden Pferdes herankommt. No schätzt die Entfernung, die ihn von seinem Verfolger trennt, mit der Sicherheit eines Mannes, dessen Leben schon ungezählte Male von der Richtigkeit seiner Berechnungen abhing. Das Tier hat schon mehr als die Hälfte seiner Verspätung eingeholt. Einen Augenblick zögert No. Er würde erreicht sein, noch ehe die Jäger anlangen. Was wird geschehen? ... Aber warum sollte er nicht auf einem von ihm gewählten Platz kämpfen? Sich hinter einem Felsen verbergen, den Bogen vorbereiten und dann, wenn der Bär nur mehr wenige Schritte entfernt ist, dann erst, ohne zu zittern, ihm das Herz durchbohren... »Aber es ist mir verboten, ihn zu töten«, besinnt er sich sofort. »Ich kann nicht. Ich muß fliehen...«

Einen letzten Blick sendet er auf die Ebene hinter sich, dann erklettert er die steilen Abhänge. Hier verliert er noch mehr von seinem Vorsprung. Der Bär ist schon am Fuße des Berges angelangt, als No eben erst den Gipfel erreicht. Doch von hier oben erblickt er den Fluß mit all den vertrauten Windungen, ein Land, das er schon hundertmal durchquerte. Dieser Anblick gibt ihm neue Kräfte. Er verzweifelt nicht mehr an seiner Rettung, obwohl er nirgends im Süden die Jäger zu erblicken vermag, die ihm entgegenkommen sollen. Er macht Sprünge wie ein Hirschkalb, erreicht das Flußufer und gelangt wieder auf flaches Land. Ein rascher Blick zurück zeigt ihm am Bergkamm die gewaltige Masse des Bären, dessen zottige Tatzen sich geschmeidig heben und senken und nicht den Eindruck besonderer Hast erwecken.

No begreift, daß er in Kürze eingeholt sein wird. Doch jeder Schritt, den er vorwärts tut, bringt das Opfertier den Wohnstädten näher, bei denen das Opfer vollzogen werden soll. Die geschickten Jäger, denen er es zuführt, werden es nicht mehr entweichen lassen... Das ist fürwahr ein herrlicher Sieg, den er für die Seinen vorbereitet. So überlegt No, während er durch Strauch und Buschwerk um sein Leben läuft. Wohl durchdacht wählt er seinen Weg durch das Sumpfgebiet, denn er kennt genau den Ort, wo er sich herauswagen kann, und die kaum sichtbaren Fußspuren, denen es zu folgen gilt. Vielleicht wird der Bär in seiner Wut daneben tappen?

Wenn er im Morast steckenbliebe, würde es so leicht sein, ihn zu fangen, daß Mädchen und Kinder ihn fesseln könnten.

Doch No muß zunächst sich selbst retten. Er wendet sich einem Wäldchen zu, in dem er sich verstecken und den Bär solange zurückhalten will, bis die Leute vom Fluß herbeigekommen wären. Er läuft, aber schon wird er müde. Er ist atemlos, er hat Angst, er glaubt den Lärm der den Boden schlagenden Tatzen zu hören. Er wendet den Kopf. Der Bär ist auf zweihundert Schritte herangekommen. Er läuft langsam und sicher in seiner ruhigen Gangart, die er den ganzen Tag durchhalten könnte. No wird eine Tanne auf einem Hügel gewahr. Mit einer letzten Anstrengung stürzt er darauf zu. Der Bär ist knapp hinter ihm. Mit Händen und Füßen arbeitend, gelingt es No, den ersten Zweig hoch über dem Boden zu ergreifen. Er schwingt sich hinauf, er ist außer Gefahr.

Am Fuße des Baumes richtet sich der wütende Bär brummend auf. Er umklammert den Stamm und, obwohl die Tanne von der Stärke eines Manneskörpers ist, schüttelt er sie wie eine Binse. Zu brechen vermag er sie aber nicht. Aufgerichtet erreicht er den ersten Ast; wird er heraufklettern? No greift zu seinem Bogen und nagelt mit seinem Pfeil die Vordertatze des Bären an den Ast, auf dem sie eben liegt. Der Bär brüllt wütend auf. Er reißt seine Pranke zurück und fällt zur Erde. Seine Tatze blutet. Er leckt sie brummend und legt sich in geringer Entfernung von der Tanne nieder, er glaubt, seiner Rache und seiner Beute sicher zu sein.

Die Sonne hat indessen schon fast ihren Höhepunkt erreicht. Wie doch die Jäger säumen! In gleichmäßigen Abständen sendet No seine Hilferufe – langgezogene, scharfe Pfiffe – in die Weite. Langsam verrinnt die Zeit. Der Bär macht einige Schritte um den Baum herum, und No bemerkt, daß er sich der verwundeten Tatze nicht bedient. Er bewundert das riesenhafte Tier. Sein Rücken ist ein runder Hügel; seine Tatzen würde ein Mammut tragen können, sein Nacken ist breit wie der eines Bisons, sein Schädel vermöchte ein Rhinozeros von der Erde emporzuheben. Aufrechtstehend mißt er drei bis vier Fuß mehr als No. Wahrlich, der Stammvater hat das mächtigste aller Tiere zum Sitz seiner Seele erwählt. No denkt daran, daß es bald, vielleicht schon morgen, allen Angehörigen des geschwächten Stammes vergönnt sein werde, an diesen übermenschlichen Kräften teilzuhaben. Der Vater muß sterben, damit die Söhne leben...

Ein ferner Ruf läßt ihn erbeben. Die Jäger streifen durch den nahen Wald! No verständigt sie durch sein Pfeifen, daß die gefährliche Beute hier bei ihm sei, damit sie die nötigen Vorsichtsmaßregeln nicht außer acht lassen.

Schon läßt auch der Bär Zeichen von Unruhe erkennen. Er hebt den Kopf und zieht durch seine Nüstern die Witterung ein, die ihm der Wind zuträgt; er horcht auf die Geräusche, die den Boden entlanglaufen. Er ist erregt, er brummt und verstummt dann und bleibt nur noch gespannteste Aufmerksamkeit. Noch lange Zeit vergeht in Schweigen und scheinbarem Frieden. Der Wind, der vom Süden kommt, bringt keinerlei beängstigende Botschaft...

Plötzlich ertönt von Norden her betäubendes Getöse; Trommeln und Bockshörner vereinigen sich zu ohrenzerreißendem Lärm. Nos Herz hämmert vor Freude, Unruhe und Stolz, da er den klugen Plan der Seinen durchschaut. Mit der großen Umgehung, die sie durchgeführt haben, zwingen sie den Bären, gegen Süden auszubrechen. Im Westen, wenige hundert Schritte weit, strömt der Fluß, den er, mit den Verfolgern auf den Fersen, nicht durchqueren wird; im Osten sperren unüberwindbare Abhänge seinen Weg. So bleibt ihm nur die eine Richtung, die zu den Wohnstätten führt...

Beim ersten Ertönen des Lärmes hat sich der Bär in ein Gesträuch geworfen und entflieht in der Richtung, die ihm vorgeschrieben ist. Er läuft auch auf drei Tatzen noch immer mit überraschender Geschwindigkeit. No ist unter den vordersten Jägern, die der frischen Fährte folgen. Hoh, hoh! die Jagd beginnt! Der Wald widerhallt von den Rufen der Männer und vom Lärm der Instrumente. Wohin kann der gehetzte Bär entkommen?

Zweimal erblicken ihn die Jäger, wie er eine Lichtung überquert. Er hinkt stark, sein Gang ist langsamer geworden. Hoh, hoh! Die Männer laufen wie die Hunde der Rundköpfe, sie lassen ihre Beute nicht mehr aus. Der feuchte Boden zeigt kaum den Abdruck ihrer leichten Füße. Die Zweige, an denen sie vorbeistreichen, schlagen nach ihnen, um sie zu größerer Eile anzuspornen. Wie wohlgezielte Pfeile schnellen sie nach dem Ziel. Mit Entsetzen erfüllen ihre starken Stimmen das Herz des Bären, dessen Kräfte nachzulassen beginnen. Hoh, hoh! No hat alle Angst, alle Müdigkeit vergessen. Keiner vermag ihn zu überholen, seine leidenschaftlichen Rufe eilen ihm voraus.

Schon kommen die großen Hänge in Sicht, unter denen ihre Familien und die verwünschten Rundschädel hausen. Der Fluß macht hier eine Reihe Krümmungen; der Bär biegt links ab und eilt einem Hügel zu. Will er die Jäger hier, in diesem Gebiet, täuschen, das sie seit ihrer Geburt kennen? Eine kleine Gruppe schwärmt aus, um das Tal, in dessen Hintergrund sich die heiligen Grotten befinden, im Süden zu sperren.

Die übrigen steigen den Abhang hinab, dessen Verlängerung steil über der Wohnstätte des Häuptlings endet. Ein überraschendes Bild erwartet sie. Angelockt durch den Lärm ist der ganze Stamm versammelt, Greise, Frauen und Kinder haben die Felsen und Bäume erklettert, um sich in Sicherheit zu bringen. Mit ihnen betrachten die Rundschädel diese Jagd, die sich auf uralte Art abspielt. Doch da sie deren heilige Bedeutung kennen, begnügen sie sich, Zuschauer zu bleiben, und halten ihre Hunde zurück, deren Bellen sich mit den Schreien vermischt, die von allen Seiten ertönen. Das ganze Tal ist von Getöse erfüllt.

Entsetzt bleibt der Bär stehen, da selbst die Bäume und Felsen Schreie auszustoßen scheinen. Die Angst wächst in seiner dunklen Seele. Wo ist eine Zuflucht zu finden? Jeder Ausweg scheint ihm versperrt zu sein. Er blickt um sich. Ein einziger Winkel in diesem Tale, das sich gegen ihn verschworen hat, scheint ruhig. Es ist die Gegend, welche die Grotte der Einweihung umgibt, es ist verbotener Boden.

Dort wendet er sich hin. Seine Wunde schmerzt und macht seinen Schritt schleppender. Er erklimmt ohne Eile die ersten Ausläufer des Felsenhanges. Schwer sinken seine Tatzen in den geheiligten Boden. Der ganze Stamm folgt ihm mit den Blicken. Ein andächtiges Schweigen ist dem Lärm gefolgt, der eben noch das Tal durchbrauste. Unbeweglich starren die Jäger und halten ihren Atem zurück. Als würde er die Orte wiedererkennen, die er in einem früheren Leben bewohnte, beschnuppert der Bär einen Stein nach dem andern. Langsam folgt er dem Pfad, der zu der Grotte führt, und im Angesicht aller seiner Nachkommen verschwindet er in der Höhle, die einstmals sein gewesen, und die durch seine Anwesenheit geheiligt wurde.

Stürmischer Jubel begrüßt dieses Wunder. Höchstes Entzücken erfüllt die Herzen. War noch daran zu zweifeln, daß der Ahne selbst zurückgekehrt sei, um die Seinen zu retten? Der Vater kommt heim, da seine Kinder in Gefahr sind.

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