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Ende einer Welt

Claude Anet: Ende einer Welt - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleEnde einer Welt
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070712
projectid43f8ea99
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Am Morgen nach den Hochzeitsspielen sah No sich genötigt, nach einer Wohnstätte Umschau zu halten. Die Gesetze des Stammes erlaubten ihm nicht, jetzt noch mit seiner Mutter unter einem Dach zu wohnen.

Nicht weit entfernt öffnete sich ein Tal, dessen überhängende Felsen an ihrem Fuße manchen Unterschlupf boten. In einem wohnte eine Generation von Fischern, und über dem Felsen, der die Decke bildete, prangte das in den Fels geritzte und gemalte Bild eines prächtigen Lachses. Hier wurden zur Laichzeit feierliche Zeremonien abgehalten, damit der Fisch sich vermehre und der Fang ergiebig sei. Weiter oben befand sich das ausgedehnteste Lager der Gegend. Obwohl es durch die Folgen der Entvölkerung zur Hälfte verlassen lag, hausten dort noch immer über zehn Familien, und No fürchtete, daß es zu lärmend sein würde.

In einiger Entfernung aber hatten sich an einen zwischen Bäumen versteckten Ort jene beiden Freunde Nos zurückgezogen, von denen er die Kunst, Tierbilder dem Leben nachzuzeichnen, erlernt hatte. Sie waren schon reife Männer und hatten niemals eine Gefährtin gewählt. Der jüngere von ihnen, Boro, war schweigsam und in sich gekehrt und stand beim ganzen Stamme in hohem Ansehen. Sie schnitten bedächtig das harte Material, das, einmal von ihnen berührt und von den Weisen geheiligt, magische Kräfte besaß. Der Beruf, dem sie sich geweiht hatten, erweckte eine gewisse Scheu in den Leuten des Flusses, die es vermieden, an ihrer Terrasse vorbeizugehen.

Sie nahmen No freundlich bei sich auf. War er doch der begabteste von all denen, die sich in ihren Mußestunden darin übten, zu zeichnen, Bilder zu ritzen und zu formen. Er war ein Schüler, der ihnen Ehre machen und dem Stamm wichtige Dienste erweisen könnte, wenn sie einmal nicht mehr da wären, und es notwendig sein würde, den magischen Schatz in den Tiefen der heiligen Grotten zu vergrößern.

Die Besorgnisse, die den Stamm bewegten, fanden in ihrer Wohnstätte lebhaftes Echo. Die Weisen kamen oft hierher, und No wohnte diesen höchst bedeutsamen Unterredungen bei, die von den für das geistige und körperliche Wohl des Stammes Verantwortlichen geführt wurden. Hier im vertrauten Kreis versuchten sie nicht mehr, ihre Sorgen zu verbergen. Nahte dem Stamme wirklich das Ende? Oder würde er noch vor ihrem Tode eine neue Blüte erleben? Wird der kommende Winter Kälte und Schnee und – die ersehnten Renntiere bringen?

Das waren die leidenschaftlichen Fragen, die No tagein, tagaus von Männern besprechen hörte, die vor Besorgnis ratlos waren. Deutlich fühlten sie das Raunen einer wachsenden, allgemeinen Unzufriedenheit, die dem ohnmächtigen Häuptling und seinen hilflosen Beratern galt. Wenn die Dinge sich nicht zum Besseren wandten, würde nicht bald ein Aufruhr ausbrechen, der sie alle wegfegen müßte? Muß erwähnt werden, daß No ihnen nur mit halbem Ohr lauschte? Er war noch nicht zwanzig Jahre alt, voll Kraft und Geschicklichkeit, rascher im Laufe als alle seine Gefährten. Wie hätte er sich vorzustellen vermocht, daß ihm die Beschaffung seiner Nahrung nicht immer mühelos gelingen werde? Um ihm Angst zu machen, da mußten schon ganz andere Dinge kommen, als bloße Mutmaßungen.

An Mah dachte er immer noch! Oft betrachtete er die kleine Figur, die er gefertigt hatte, und die sie ihm zurückbringen sollte. Das Elfenbein, über das seine Finger strichen, war nicht zarter als die Haut der Geflüchteten...

Oft wandte er sich auf seinen Pirschgängen zu den Ufern des breiten Stromes, den sie auf ihrer Flucht durchquert haben mußte. Denn hier würde sie eines Tages auch wieder zurückkehren. Sein Blick schweifte über das zerklüftete Land, das sich vor ihm ausdehnte, und sein Geist suchte die Täler zu erraten, durch die Mahs Schritte heimwärts wandern würden.

Da stand er auch eines Tages, in der Kühle des Morgens, ermüdet nach einer Jagd auf ein Hirschkalb, das er die ganze Nacht verfolgt hatte und erst früh in heißem, langem Wettlauf bezwingen konnte. Er warf seine Beute hinter sich und legte sich auf einen Felsen, von dem das Flußtal auf dreißig Schritte zu überblicken war. Von den Sonnenstrahlen erwärmt, war er eben im Begriff, einzuschlummern, als aus der Ferne ein Geräusch zu ihm rang. Er lauschte, sich so flach als möglich an den Boden schmiegend. Bald war er beruhigt. Helles Lachen aus Frauenmund und fröhliche Rufe klangen bis zu ihm herauf. Kurz danach sah er auf dem Pfade, der sich unter ihm durchs Dickicht schlängelte, fünf oder sechs Mädchen auftauchen. Sie gehörten zu einem Stamm, mit dem die Leute des Flusses wenig Beziehungen unterhielten. Es hatte einmal blutigen Streit zwischen ihnen gegeben, und obwohl es schon lange her war, die Erinnerung daran war noch nicht erloschen. Im übrigen betrachteten die Söhne des Bären mit Verachtung diese Nachbarn, die an den Ufern des Flusses wohnten, die Jagd vernachlässigten und fast ausschließlich vom Fischfang lebten.

Die Mädchen, deren aufgelöste Haare im Winde flatterten, gingen nahe an No vorüber und verschwanden ein wenig weiter hinter den Weiden, deren Zweige bis auf das Wasser des Flusses niederhingen. Doch wenige Augenblicke später sah No, wie die Zweige sich bewegten, und bald entdeckte er die Mädchen – nun entkleidet – wie sie, Forellen gleich, sich munter im Flusse tummelten. Sie schwammen nur etwa hundert Schritte von ihm entfernt im klaren Wasser, in dem ihre feinen, schlanken Körper in der Tönung dem Elfenbein glichen, aus dem er Mah geschnitzt hatte. Das entzückende Schauspiel dauerte an. Sie bewegten sich in vollkommener Sicherheit. Zweifellos war diese Uferstelle schon seit langem für ihr Bad bestimmt, und die Männer kamen nicht hierher. Eine von ihnen war jetzt näher zu No geschwommen. Er vermochte sogar ihre Züge zu unterscheiden. Etwas in ihrem kleinen Gesichte mit den vollen Wangen erinnerte ihn an seine verschwundene Schwester ... Doch schon entfernte sich die Badende und begab sich zu ihren Gefährtinnen unter den Weiden.

No wartete noch. Von der Höhe seines Felsens sah er sie in der Richtung ihrer Wohnstätten vorbeiziehen. Er fand, daß diese Töchter von Fischern anmutig dahinschritten.

Da nahm auch er seine Jagdbeute auf die Schulter und machte sich auf den Heimweg, der noch recht lang war. Erst nachts kam er zu Hause an. Und er empfand, wie traurig es sei, wenn man müde von schwerer Arbeit heimkehrt und keine Frau einen empfängt. Keine Frau, die das Essen vorbereitet hat, die dem Manne die Knöchel einreibt und dabei all die hundert Neuigkeiten berichtet, die am Tage von Mund zu Mund gingen. Und während man sich das heiße Fleisch und die in köstlichem Fett zubereiteten Gemüse schmecken läßt, erzählt man von den Zwischenfällen der Jagd. Sie zittert beim Bericht über die Gefahren, die zu überstehen waren, und jubelt über die List, die die Beute schließlich doch erringen ließ. –

Nachts wandert der Geist Nos von neuem zu den Ufern des Flusses zurück. Eine einzige der Badenden erwartet ihn. Diesmal ist's Mah selbst. Sie winkt ihrem Bruder von weitem zu. Er eilt hin, sie in die Arme zu schließen, doch sie zerfließt wie ein Schatten ...

Morgens erwachte No mit einem Entschluß. Er würde das Mädchen, das er am Vortage sah, rauben und es zu seinem Weibe machen.

Die schöne Jahreszeit begünstigte seine Absichten. Er richtete sich unweit des Flusses im Walde ein Lager ein. Des Nachts entzündete er ein Feuer, um sich gegen die Tiere zu schützen. Auf ihm kochte er seine Nahrung. Eine Kette aus Muscheln und ein Zobelfell, die er mitgenommen hatte, sollten ihm helfen, das Mädchen zu gewinnen, denn Gewalt anzuwenden war fast unmöglich. Und jetzt erwartete er eine günstige Gelegenheit.

Des Morgens sah er die Mädchen wieder. Sie badeten etwas entfernt von ihm, aber er hatte trotzdem keine Mühe, jene zu erkennen, die er gewählt hatte. Größer war sie als ihre Freundinnen, ihr Haar hatte die Farbe des aufgehenden Mondes, ihre Gestalt glich dem Schilfrohr am Rande eines Flusses, wie Speere waren ihre Beine, weich wie Algen, die in der Strömung schwanken, ihre Füße.

No erzitterte bei dem Gedanken, sie sein nennen zu dürfen, und sein Herz pochte erregt. Niemals wurde ein Wild aus geringerer Entfernung belauert, mit einer Aufmerksamkeit, die entschlossener gewesen wäre, den geringsten günstigen Umstand wahrzunehmen. Doch er sah sie stets von ihren Gefährtinnen umgeben, im Bade wie auch auf dem Wege. Es wäre Wahnsinn gewesen, sich ihr zu nähern, wenn sie nicht allein war. Ihre spöttischen Freundinnen würden ihn nicht zu Worte kommen lassen. Er mußte abwarten, bis ein Zufall sie von den anderen entfernte, dann würde er sofort auf sie zugehen und sie zu überreden trachten. Wenn dies nicht gelang, dann vielleicht konnte ein Gewaltstreich gewagt werden ...

Tag um Tag blieb er hier, an den Fels geschmiegt, dessen Färbung er schon langsam angenommen hatte. Nachts entfernte er sich, um nachzusehen, ob sich kein Wild in den ausgelegten Fallen gefangen hätte. Und morgens war er wieder an seinem Beobachtungsposten. Geduld war ihm angeboren. Ist nicht langes Warten unerläßlich, um ein ziehendes Wild auf seinem Wechsel zu überraschen? Und welch köstlichere Beute als diese hatte er jemals belauert?

Endlich kam der ersehnte Tag. Als die Sonne schon tief am Himmel stand, sah No sie, die er erwartete, mit zwei anderen Mädchen aus dem Lager kommen und den Fluß entlang schreiten. Sie gingen nicht dem Bade zu, sondern schlenderten nur, Beeren pflückend, an den Büschen am Fuße des Felsenhanges entlang. So kamen sie dem Felsen, auf dem No lag, immer näher. Nicht weit von ihm floß in einer Niederung ein kleiner Bach, dessen Ufer von Bäumen bewachsen waren. Wie vor einigen Monaten, als er vor dem Bau des Zobels gekauert hatte, blieb er unbeweglich an den Boden gepreßt.

Brombeeren und andere Beeren pflückend, trat das Mädchen allein unter die Bäume. Ihre Freundinnen riefen vom Flusse her: »Komm zurück, es ist Zeit, heimzugehen!«

»Ich komme euch gleich nach«, antwortete eine klare Stimme.

»Verweile nicht«, riefen die anderen noch und entfernten sich.

Jetzt war für No der Augenblick zum Handeln gekommen. Geräuschlos ließ er sich vom Felsen heruntergleiten und machte eilends einen Bogen durch die Büsche, um zwischen das Mädchen und den Pfad zu gelangen, den sie zum Heimweg benutzen mußte. Und als sie hinter einem großen Stein hervorkam, um sich dem schmalen Pfad zuzuwenden, stand er ihr plötzlich gegenüber.

Ihre erste Regung war, zu fliehen. Aber sofort ließ sie eine Überlegung, die rascher als ein Blitzstrahl ihr Bewußtsein durchfuhr, das Aussichtslose eines solchen Beginnens erkennen. Einem Manne vom Stamme des Bären entkommt man nicht! Und andererseits lieferte sie sich ihm auf Gnade und Ungnade aus, sobald sie nur zeigte, daß sie Furcht vor ihm habe. Überdies wußte sie ja noch gar nicht, was seine Absicht war. Vielleicht ruhte er nur einfach auf seinem Jagdwege aus. Er war jung und sah nicht übel aus ... Es galt, schlau zu sein, abzuwarten und seinen Vorteil wahrzunehmen ... Ist es denn so schwer, die Männer zu täuschen?

Die Arme voll Beerenranken, stand sie unbeweglich, fast lächelnd, vor diesem Unbekannten, der vor ihr aufgetaucht war. Mit sicherem Instinkt kam sie ihm mit ihrem Angriff zuvor. »Was tust du hier? – Das ist nicht euer Gebiet!«

Nach einem sehr alten Übereinkommen gehörte das rechte Flußufer mit seinen wenigen und mittelmäßigen Unterschlupfen dem Stamme, der die andere Seite des Flusses bewohnte.

»Ich kam deinetwegen!«

»Meinetwegen?« Sie war erstaunt ... »Du kennst mich ja gar nicht ...«

»Ich habe dich schon vor langer Zeit gesehen«, gab No zurück. »Hier oben lag ich versteckt. Du gefällst mir. Ich will dich mitnehmen, du sollst mein Weib sein.«

Auf den schönen vollen Lippen des Mädchens zeigte sich ein leises Lächeln, doch sie besann sich anders.

No holte das Zobelfell aus seinem Wams und hielt es ihr hin.

»Das habe ich dir gebracht.«

Das Mädchen stand unbeweglich vor ihm.

Da zog No auch noch die Halskette hervor. Sie nahm die Kette, besah sie, ließ spielend die Perlmuttermuscheln durch ihre Finger gleiten und gab sie dann No, ohne ein Wort zu sagen, zurück. Ein Schweigen. Mit großem Ernst prüften sie einander. No sah sich schon, wie er sie in die Tiefe der Wälder entführte. Sie fragte sich, wie diese Begegnung wohl enden würde. Was tun, um diesen Mann zu täuschen? Durch welche List ihm entschlüpfen? War sie nur einmal in Sicherheit, wie würde sie sich dann über ihn lustig machen! Sich für die Angst rächen, die sie ausgestanden hatte, die sie jetzt noch empfand!

»Ich heiße No,« sagte er plötzlich, »und unter den Söhnen des 'Bären' bin ich der rascheste auf hundertfünfzig Schritte. Ich wurde in diesem Jahre eingeweiht. – Und du, wie nennt man dich?«

»Mein Name ist Mara.« »Mah-ra«, wiederholte No sinnend. »Mara! So mußte es wohl sein, da meine Schwester Mah hieß ...«

Und in seine Erinnerungen verloren, verstummte er... Dann betrachtete er sie sanft.

Sie fühlte plötzlich, daß er ihr kein Fremder mehr sei, ja, daß vielleicht, wenn er es wollte ... Aber sofort unterdrückte sie diese Gefühle. Der Instinkt der Abwehr gewann in ihr die Oberhand, und als No sich ihr jetzt näherte und die Hand erhob, wich sie mit behendem Sprung zur Seite.

»Rühr mich nicht an!«

»Komm mit mir«, drängte No.

»Ich kenne dich nicht. Vielleicht – – später ... Begleite mich bis zu unseren Hütten.«

Jetzt gab sie ihm sein sanftes Lächeln mit Lippen und Augen zurück. Schon war No, alle Vorsicht außer acht lassend, im Begriffe, ihr zu folgen. Da erinnerte er sich der Warnung des Weisen vor dem Trug der Frauen, und er sagte:

»Du weißt sehr gut, daß ich zu euch nicht kommen darf.«

»Wenn du unser Mahl teilst, wird man dir nichts Böses tun.«

In diesem Augenblicke vernahm Nos geschärftes Ohr das Geräusch herannahender Schritte. Es gab keinen Zweifel, Männer betraten den Pfad längs des Flusses. Beim ersten Ruf Maras mußten sie hier sein.

Schon funkelten auch die Augen des Mädchens bei dem Gedanken an ihre nahe Rache. Brutal packte er sie beim Handgelenk, und indes er ihr eine steinerne Hacke wies, die er in der Hand hielt, sagte er mit gedämpfter Stimme: »Beim leisesten Laut mußt du sterben!«

Der Ton der Stimme und das Blitzen seiner Augen erfüllten Mara mit Schrecken.

»Aber auch du wirst sterben«, murmelte sie.

Mit Freude bemerkte er, daß sie leise sprach.

»... Wissen deine Leute denn überhaupt, was Laufen heißt?« Verächtlich verzog sich sein Mund.

Die Schritte kamen immer näher. Nos starker Blick ließ die Augen Maras nicht los; sie waren braun und samtschillernd wie das Fell einer Otter. Keine Furcht las er in ihnen. Dieses Mädchen war stolz. Das Gelenk, das sein harter Griff umspannt hielt, zitterte nicht. Unter der kühlen Haut spürte er den gleichmäßigen Pulsschlag. Selbst jetzt, in größter Gefahr, entzückte ihn die Berührung ihres Körpers.

Schon waren die Stimmen ganz nahe. Es mußten Fischer sein, die vom Hechtfang heimgingen.

Das Gelenk Maras zuckte zwischen Nos Fingern. Ein Leuchten erschien in der Tiefe ihrer Pupillen. Ihre Lippen öffneten sich, als wenn sie sogleich sprechen wollte ... No faßte den Griff der Hacke in seiner rechten Hand fester. Seine Kinnladen preßten sich aufeinander, sein auf das Mädchen gerichteter Blick wurde hart ... Das währte einen Atemzug lang, dann senkten sich Maras Wimpern langsam, als wenn sie entschlummern würde.

Als sie die Augen wieder öffnete, entfernte sich das Geräusch der Schritte und verstummte dann völlig. Und Schweigen lag auch zwischen den beiden. Der Abend sank. Nos Blick tauchte immer noch in Maras Augen, die aufrecht vor ihm stand. Auf diesem Wege drang er zuerst in ihre Seele und nahm von seinem zukünftigen Weib Besitz. Er wußte es, der Kampf zwischen ihm und ihr war beendet. Sein Griff löste sich. Die Spuren seiner harten Faust waren deutlich auf ihrem Handgelenk zu sehen.

»Gehen wir«, sagte er.

Ohne seinen Blick nach rückwärts zu wenden, schritt er dem Gipfel des Hügels zu.

Mara folgte ihm.

 

Rahi, der alte Häuptling, kam aus seiner Hütte nicht mehr heraus.

Er sah niemanden. Selbst die Weisen, die seine Unbeliebtheit zu teilen fürchteten, kamen immer seltener, die Angelegenheiten des Stammes mit ihm zu beraten. Die Wogen der allgemeinen Unzufriedenheit stiegen bis zu seiner hohen Terrasse.

Nahe dem Tode grübelte er über sein langes Leben. Die Gewohnheit, zu herrschen, der Verkehr mit der Welt der Geister und der der Menschen hatten ihm den Geschmack am Grübeln gegeben. Das Amt, das er bekleidete, ließ ihm genug Muße dazu, denn das Volk der Jäger ernährte seinen Führer.

Friedlich war dieses Volk, arbeitsam und gewandt. Nach allem, was Rahi zu Ohren gekommen war, gab es kein anderes Volk, das eine ähnliche Vollkommenheit in allen Arten von Erfindungen, die das Leben zu erleichtern imstande waren, erreicht hatte. War es nicht einer seines Stammes, der das wertvollste aller Werkzeuge erdacht hatte: die Nadel? Ohne Nadel, mit der man seine Kleidung nähte, blieb der Mensch im Zustande der Barbarei. Und fast allerorts auf der Erdoberfläche waren die Menschen noch Barbaren. »Alle Völker, die sich zu kleiden verstehen, ahmen uns darin nach«, sagte Rahi. »Wenn nicht die so alte Erde, die – ich neige dazu, es zu glauben – schon zu lange gelebt hat, verschwindet, wird die Zeit kommen, da alle Menschen die Nadel verwenden und von uns sprechen werden.« Waren die Söhne des Bären nicht auch in der Kunst, Waffen und Werkzeuge herzustellen, allen anderen voraus? Und nicht auch im Finden der schärfsten Kieselsteine, der mörderischsten Harpunen, der spitzigsten Speerenden und Pfeile? Und Wohnstätten hatten sie gewählt, die ihnen sicheren Schutz gegen wilde Tiere, gegen Kälte, Schnee und Regen boten. Voll Schauder dachte Rahi an die vielen anderen Völker, die im Freien noch allen Unbilden der Witterung ausgesetzt waren. Deren Leben war wirklich kaum besser als das wilder Tiere.

Dieser Greis, der am Ende seiner Tage stand, erkannte, was er alles seinen Vorfahren verdankte. Er war der Erbe all der Weisheit, die sie erworben hatten. Lieferten nicht die Wände der heiligen Grotten, die Mauern der Wohnstätten selbst den unumstößlichen Beweis, daß dieses Volk, dessen Oberhaupt er war, schon seit Generationen ein sicheres Mittel gefunden hatte, sich die Welt durch Zaubermacht zu unterwerfen? Wer mochten wohl die ersten Weisen gewesen sein, die es begriffen, daß auch Tiere, Bäume, Pflanzen ebenso von Geistern bewohnt und gelenkt werden, wie der Mensch selbst? In ihren Spuren gelangte Rahi in schwerer Gedankenarbeit dahin, die Welt als eine weite, allumfassende Einheit zu sehen, in der alles vom Willen der Geister beseelt wird. So schloß sich der geheimnisvolle Kreis ... Rahi unterbrach in andachtsvollem Schauer seine Betrachtungen, die ihn – so fühlte er – fast an jene Grenze geführt hatten, die zu überschreiten dem Menschen verwehrt ist.

Die Nacht war milde, doch ihn fröstelte. Seine sorgenvollen Gedanken, die sich auf die schwere Gegenwart bezogen, bedrückten ihn mehr als je. Mühevoll richtete er sich auf. Das alte Weib war bei dem halberloschenen Feuer eingeschlafen. Mit kraftlosem Arm ergriff er ein Holzscheit und warf es auf die Glut. Dann hüllte er sich in einen Blaufuchsmantel und trat vor die Hütte.

Die frische Nachtluft tat ihm wohl. Der Mond schien nicht. Vom Westen zogen Wolken heran, aber im Süden und über seinem Haupte zitterten geheimnisvoll Tausende von Sternen, und Rahi meinte, daß sie auf diese Weise quer durch den Weltenraum miteinander in Verbindung ständen. Er lauschte dem Raunen der Wellen des Flusses, die selbst im Dunkel der Nacht nicht aufhörten, ihre flüchtigen Empfindungen auszutauschen. Seine ewige Klage flüsterte das Schilf dem Winde zu, der davoneilte, um sie den Bäumen auf den Hügeln weiterzusagen. Konnte man zweifeln, daß die ganze Welt am gleichen Leben teilhat wie wir? Wieder ergriff die feierliche Erhabenheit dieses ihm so vertrauten Landschaftsbildes den Greis. Er wußte, daß bald sein Geist den Körper verlassen werde, doch lange würde er noch um diese Stätten kreisen, wo sein ganzes Leben verflossen war. Ihm gefiel dieser Gedanke. Was die Menschen Tod nannten, schreckte ihn kaum. Man stirbt nicht, dachte er...

Sein umherschweifender Blick blieb an den großen Hängen haften, die rechts von ihm tausend Schritte weit ragten. Trotz der Entfernung sah er einzelne Feuer. Das führte ihn zu den Sorgen der Gegenwart zurück. Die dreißig Jahre seiner Führerschaft waren ein ununterbrochener Kampf gewesen. Die Änderungen in der Witterung, die unter seinen Vorgängern noch unmerklich gewesen waren, hatten unter seiner Herrschaft in starker Weise zugenommen und bei Mensch und Tier große Erregung hervorgerufen. Welche feindlichen Mächte waren es, die solche Störungen herbeiriefen? Um sie zu bekämpfen, hätte man sie kennen müssen, und Rahi mußte sich gestehen, daß sein sonst so unfehlbares Wissen hier versagte. Auch das letzte Rudel Renntiere hatte, der schneelosen Winter überdrüssig, das Weite gesucht.

Wie sollte man sie in dieses Tal zurückführen? Trotz der stärksten Beschwörungen wanderten sie dem Norden zu. Das war Tatsache, die furchtbare Tatsache, der Rahi gegenüberstand, und die übrigens allen seinen Leuten bekannt war. Und wenn man sie durch Zauberkraft nicht mehr zurückzuholen vermochte – sollte man ihnen nicht nachziehen? Das war eine schwere Entscheidung, vor der der Häuptling zurückschreckte. Seit so langer Zeit war der Stamm in diesem Tale angesiedelt, daß selbst die erfahrensten Weisen sie nicht zu berechnen vermochten. Wo würde man gleich gute Zufluchtsstätten finden wie hier, die das Leben jedes einzelnen so trefflich schützten? Auf fünf Tagemärsche im Umkreis gab es für die Leute vom Fluß kein Geheimnis im Lande. Die geringfügigsten Hilfsquellen kannten sie ebensogut wie die Lagerplätze jedes Wildes, seine Fährten und Weiden. Ihre Erinnerungen, ihre Überlieferungen und religiösen Gebräuche waren mit diesen Gegenden unlösbar verbunden. Die heiligen Grotten mit ihren Bildern konnte man nicht mit sich führen. Durfte man solche Schätze zurücklassen? Wie sollte man ohne sie leben? Andere würden sich ihrer bemächtigen. Wer würde es wagen, eine Auswanderung anzuregen, die dem geschwächten Volke vielleicht den völligen Untergang bringen konnte! Die Erinnerung an die große Flucht, die den Ahnen, seine Söhne und Töchter in dieses Tal geführt hatte, war lebendig geblieben. Rahi würde nicht den Mut haben, seinen Stamm solchen Strapazen und so grausamen Entbehrungen auszusetzen. Die Lösung dieser Frage überließ er seinem Nachfolger.

»Was mich betrifft – meine Tage sind gezählt«, so dachte er, als er wieder seiner Hütte zuschritt, vor der das Feuer jetzt in hellen Flammen prasselte.

Er streckte sich wieder auf sein Lager hin, doch vermochte er nicht einzuschlafen.

 

Die Kunde von der Erkrankung des Häuptlings hatte sich rasch in den Wohnstätten verbreitet und erregte alle Angehörigen des Stammes. Zwar liebte man ihn nicht und sah vielmehr in ihm die Ursache allen Unglücks, das den Stamm bedrängte, doch war die Möglichkeit seines nahen Todes beunruhigend, denn vielleicht würden nach seinem Ableben noch andere Übel über das Volk hereinbrechen. Man war in großer Sorge. Hatte man auch nichts versäumt, um den Geist dieses mächtigen Mannes versöhnlich zu stimmen? Einzeln kamen sie alle, die Söhne und Töchter des Bären, zu der Terrasse, auf der Rahi im Sterben lag. Der eine brachte ihm eine Tierhaut, der andere Fleisch, dieser eine Muschel. Bei der Hütte angelangt, legten sie ihre Gabe nieder, verweilten einen Augenblick, um die Beschwörungsformeln zu murmeln, und stiegen dann langsam wieder hinunter. Nur eine alte Frau entschloß sich nach einigem Zögern, die Schwelle der Hütte zu überschreiten. Sie ging bis zu dem auf seinem Lager ausgestreckten Häuptling, legte ein Stück geräucherten Lachs in seine Hand und sprach, in ihrer Weise die Gefühle aller in Worte kleidend: »Du siehst, Rahi, wie wir dich behandeln. Geschenke haben wir dir gebracht. Nun sei auch du zu uns gut, und wenn du jetzt stirbst, dann kehre nicht wieder zurück.«

 

Rahi hatte indessen das Bewußtsein nicht verloren. Er war sehr schwach und schlummerte viel. Nahrung nahm er keine mehr. Manchmal, wenn er einen der Weisen neben seinem Lager sah, wechselte er einige kurze Worte mit ihm. Die Witterung war das einzige, womit sein Geist sich beschäftigte. Wenn der Weise ihm meldete, daß es stürmisch sei, und daß es gedonnert habe, wurde Rahi erregt und wollte zu seinem Stab greifen.

Unter den Männern des Stammes wuchs die Erregung. Wer sollte bestimmt werden, die bald verwaiste Würde zu bekleiden? Die Wahl mußte unverzüglich erfolgen, denn es waren wichtige Vorschriften zu beachten, die nur der Nachfolger bei dem Tod des Häuptlings erfüllen durfte. Und auch sonst, welche Gefahr bedeutete es, den Stamm während einiger Tage ohne Führer zu lassen!

Die Versammlung fand in einer geräumigen Wohnstätte, in der Nähe der Fischerhütten, statt. Nachdem Frauen und Kinder fortgejagt worden waren, versammelten sich die Männer inmitten der Terrasse, um Rat zu halten. Bei ihrer vorgeschrittenen Zivilisation überließen die Leute vom Fluß die Wahl ihres Oberhauptes nicht dem Zufall, wie so viele barbarische Völker. In unbeeinflußter Überlegung wählten sie den zu ihrem Führer, dessen Klugheit und Charaktereigenschaften sie erprobt hatten. Dem so Erwählten verliehen die Weisen durch die nötigen Zeremonien die mystischen Kräfte, die er noch nicht besaß. Nach langer Beratung, die ernst und ruhig verlief, einigten sich die Versammelten auf Boro, den betagten Freund Nos.

Er war zugegen. Wie es Überlieferung forderte, wies er dieses hohe Amt zurück. Die Männer drangen in ihn. Er lehnte die Ehrung ein zweites Mal ab. Die Söhne des Bären gerieten in Zorn und erhoben die Waffen gegen ihn. Da erst erklärte Boro seine Zustimmung, womit er zeigen wollte, daß er um diese Stelle nicht gebuhlt habe und nur dem Zwange der Gewalt weiche. Der Älteste der Weisen überreichte ihm einen Führerstab, auf dem das Zeichen der höchsten magischen Gewalt eingeritzt war. Dann begab sich Boro in die Hütte Rahis und kauerte, ohne ein Wort zu sprechen, zu Häupten seines Lagers nieder.

Rahi, das Gesicht zur Wand gekehrt, sah ihn nicht.

So verging noch ein ganzer Tag.

Am nächsten Tage zeigte sich bei Sonnenuntergang eine Änderung im Zustande des Kranken. Geschwächt durch das Fieber und vom Leiden ausgehöhlt, war sein Gesicht totenblaß. Abgerissene Worte kamen über seine Lippen. »Die Renntiere ... dort ... man muß ihnen nach ... wir sterben hier!...« Einen Augenblick später sagte er, nachdem er seine Felldecken weggeschleudert hatte, mit verzweifeltem Tonfall: »Das Wetter ist heiß, sehr heiß!« Er knirschte vor Wut mit den Zähnen.

Dann beruhigte er sich und schien zu schlafen. Während des Schlummers gewannen seine Züge wieder ihre Ruhe zurück. Er war sehr bleich. Die Weisen betrachteten ihn angstvoll, und Boro näherte sich ihm. Plötzlich erschauerte Rahi. Seine hageren Hände suchten die Decke aus Fuchsfell wieder an sich zu ziehen. Seine schmalen Lippen entspannten sich. Er versuchte zu lächeln. Die Weisen staunten darüber, diesen Sterbenden zum Leben zurückkehren zu sehen. Vor den leuchtenden Augen Rahis, die sich bald für immer schließen sollten, zogen jetzt weite Länder, glitzernd voll Schnee, vorüber.

Er richtete sich auf und stieß einen Schrei aus. »Es friert! Es friert!« murmelte er.

Er fiel zurück und starb glücklich.

Boro hatte sich über ihn geneigt und fast Mund an Mund den letzten Atemzug des Sterbenden, der nicht verloren gehen durfte, empfangen.

 

Die Leute vom Fluß begruben ihre Toten nicht. Sobald die Sterberiten, die durch Wochen, ja manchmal durch Monate wiederholt wurden, erfüllt waren, war die Seele des Gestorbenen versöhnt, und er zog in das Reich der Abgeschiedenen seines Stammes ein. Den Körper legten sie auf einen Hügel und überließen ihn den wilden Tieren.

Doch der Leichnam eines Häuptlings von der Bedeutung Rahis mußte mit ganz besonderen Ehren ausgezeichnet und begraben werden.

Die Totenwache begann. Auf ihren Fersen kauernd, riefen die drei Weisen, einer nach dem anderen, die Seele des Toten an.

Der erste sagte: »Warum bist du von uns gegangen?« Der zweite: »Fern von uns wirst du nicht glücklich sein!« Der dritte: »Du wirst in der Finsternis leiden!« Und nach einem Schweigen sprachen sie alle zugleich: »Kehre zurück, nimm deinen Platz wieder ein!« – Die Nacht brach herein. Scheite brannten vor dem Eingange der Hütte. Sie beleuchteten Rahi, der auf dem Rücken lag, und dessen Mund weit geöffnet war, damit die umherirrende Seele, wenn sie dem Zureden der Weisen folgen würde, ihre Wohnstätte wieder in Besitz zu nehmen vermöchte. Seine Augen waren nicht geschlossen, damit sie die Flüchtige sehen konnten, wenn sie über ihnen vorbeiflog. Neben Rahi lauerte Boro auf die Rückkehr des entflohenen Geistes. Die Weisen blieben, auf ihren Fersen hockend, im Schatten. Während der ganzen Nacht wiederholten sie ihre Litaneien. Sie sprachen zu der irrenden Seele:

»Du ziehst tausend Gefahren entgegen!«

»Dornen werden dich wund reißen!«

»Wilde Tiere werden dich fressen!«

Und immer nach einiger Zeit vereinigten sich die Stimmen aller drei zu beschwörendem Flehen:

»Kehre zurück, nimm deinen Platz wieder ein!«

Als die Sonne aufging, neigte Boro sich über den Leichnam. Er hielt einen Stab aus Renntiergeweih in der Hand. Dreimal schlug er kräftig auf den Schädel Rahis. Dreimal fragte er:

»Bist du da?«

Da er keine Antwort erhielt, schloß man, daß die Seele Rahis den Körper endgültig verlassen habe und daß die Beerdigungszeremonien einzuleiten seien.

Von jetzt ab galt es, eine ganze Reihe von Vorsichtsmaßregeln zu beachten.

Es war untersagt, den Namen Rahis auszusprechen, weil dies allein genügt hätte, seine Seele zurückzurufen, die schon eine Reise angetreten hatte, die es angenehm zu gestalten galt. Hörte sie sich angerufen, käme sie zurück, um die Lebenden zu quälen.

In der Nähe der Beerdigungsstätte mußte unausgesetzt ein lebhaftes Geräusch erzeugt werden, um die Seele zu hindern, sich einzuschleichen. Schließlich war es erforderlich, daß die Verwandten des Verschiedenen sofort ihre Kleidung und soweit als möglich auch ihr Gesicht veränderten, um von der rachsüchtigen Seele des Toten nicht erkannt zu werden, falls sie für erduldetes Unrecht jetzt Vergeltung üben wollte. Rahi hatte weder Frau noch Kinder. Boro, die Weisen, das alte Weib und der Knabe, die für ihn gesorgt hatten, malten sich breite schwarze Streifen auf Kleider und Gesicht.

Eine seichte Grube wurde an einem feuchten Platze ausgehoben, und hier wurde der Körper in hockender Stellung, wie sie den Leuten am Fluß als Ruhestellung gewohnt war, begraben. Da man der Meinung war, daß Feuchtigkeit ohne Licht die Zersetzung der Fleischteile beschleunige, wurde die Erde, die ihn bedeckte, mit Wasser begossen. Man brachte ihm jeden Tag Beeren, selbst Fleisch, hauptsächlich aber Blut von getöteten Tieren. Alles geschah, um der umherirrenden Seele keinerlei Grund zu Klagen zu geben. Wäre dies nicht geschehen, hätte man unermeßliches Übel zu befürchten gehabt. Während drei Monaten wurden die Zeremonien täglich wiederholt.

Als man die sterblichen Reste des Häuptlings dann ausgraben wollte, erklärte einer der Weisen, der Verstorbene sei ihm in der vergangenen Nacht erschienen und habe den Wunsch ausgesprochen, noch einen Monat in der Grube zu bleiben. Seine Bitte wurde gewährt.

Nach Ablauf dieser Zeit wurde die Erde weggeschafft. Man fand die Knochen vollkommen entblößt. Die Weisen bestrichen das Skelett mit roter Ockerfarbe – der schönsten Farbe, die sie kannten –, damit die Ehrung, die dem Toten zuteil geworden, in unvergänglicher Form erhalten bleibe. Die endgültige Beisetzung erfolgte in einer in der Nähe des Flusses gelegenen Höhle.

Noch ein ganzes Jahr wurden Geschenke gebracht und die Litaneien gemurmelt, in denen der Name des Verstorbenen nicht ausgesprochen werden durfte. »Du, der du fort bist ...« sagte man. »Du, der du uns verlassen hast...«

Dann erst war man überzeugt, daß die Seele in das ewige Reich der Geister eingezogen sei, und jede Erinnerung an den Häuptling wurde aus der Welt der Lebenden gelöscht. –

 

Während die unwissende Menge in den Wohnstätten und die Weisen in ihren Zusammenkünften noch den feindlichen Einflüssen nachforschten, die den Tod des Führers, dessen Namen man nicht aussprach, herbeigeführt hatten, wußte No recht gut, woran er sich zu halten hatte. Mahs spitze Nadel hatte das von ihm geschaffene Bild des Häuptlings nicht vergeblich durchbohrt! Doch Gewissensbisse verspürte er nicht. Im Gegenteil, er beglückwünschte sich dazu, den Stamm von einem so unseligen Manne erlöst zu haben. Andererseits empfand er gewaltigen Stolz über die Macht seiner magischen Kunst. In dieser ruhelosen Zeit, die sie durchlebten, würde er sie zweifellos noch oft gebrauchen müssen!

Die Anzeichen waren nicht günstig.

Frohe Hoffnungen waren in den Leuten vom Fluß beim Verschwinden des alten Häuptlings entflammt. Schon hatten sie ein baldiges Ende ihrer Leiden, den Rückzug der feindlichen Geister und die Wiederkehr der natürlichen Ordnung der Dinge erwartet, da Boro nun über das Wohl des Volkes wachte.

Kurze Zeit nur dauerte ihr Irrtum. Denn schon während des Herbstes fiel unaufhörlich ein feiner Regen. Einen Monat lang war die Sonne nicht zu sehen. Allgemein wurde diese so bösartige Stellungnahme der Gestirne dem Einflüsse des Verstorbenen zugeschrieben, und man beschuldigte die Weisen, daß sie die vorgeschriebenen Sterberiten nicht pünktlich erfüllt hätten. Wenn der Regen aussetzte, wichen die schweren Wolken nicht vom trüben Himmel. Eine eisige Nässe lag über Bäumen, Flechten und Moosen. Der Fluß trat aus seinen Ufern und überschwemmte die tief gelegenen Täler. Man mußte einige Wohnstätten räumen. Die angeschwollenen Sümpfe bedeckten die sie durchquerenden Wege. Bald war es fast unmöglich geworden, von einer Seite des Tales zur anderen zu gelangen. Ringsum im Tale und vor den Hütten entzündete man Feuer, um den Himmel auszutrocknen. Lange blieb diese Zauberei wirkungslos.

Die Männer auf der Jagd sahen ihre Mühen verzehnfacht, da die Spuren der Tiere in dem aufgeweichten Boden verschwammen. Vollkommen erschöpft kehrten die Jäger nach Hause zurück, wo sie von ihren Frauen und Töchtern schlecht empfangen wurden, weil sie niemals mehr ein schönes, geschmeidiges, dicht behaartes Renntierfell heimbrachten. Die alten Kleidungen wurden immer schadhafter. Die Weiber verbrachten ihre Zeit damit, sie mit ihren dünnen Nadeln zu flicken. Die Tage reichten nicht mehr für diese mühselige Arbeit, sie mußte auch nachts bei rauchenden Fackeln fortgesetzt werden. Wo sollte das hinführen? Weder Marder noch Fuchs gaben ein Fell, das kräftig genug gewesen wäre, Wams und Hosen für die Jäger herzustellen.

Um alles Unglück zu vermehren, setzte Anfang des Jahres der Frost heftig ein, ehe noch Schnee gefallen war. Und als der Schnee dann kam, ballte er sich zu solchen Massen, daß das Wild darunter litt. Der ganze Winter war nur eine unausgesetzte Folge von grimmigen Frösten, gefolgt von Tauwetter.

Nichts Schlimmeres konnte es für den Stamm geben. Die Menschen ertrugen diese ungewohnten plötzlichen Schwankungen der Temperatur nicht. Sie waren überzeugt, launischen, bösen Mächten wehrlos ausgeliefert zu sein, und Furcht quälte sie unausgesetzt. Sie lebten elend, der wechselnden Witterung preisgegeben, in der Angst vor dem Ungewissen. Während man sich beim flackernden Feuer wärmte, erzitterte man bei dem Gedanken, wie man frieren würde, wenn auch die letzten Renntierfelle zur Bekleidung unbrauchbar wären.

Für jeden, der vernünftigen Sinnes war, wurde es schließlich zur unabweisbaren Tatsache, daß die Welt der Geister in Feindschaft mit dem Stamme lebte, und daß die verschiedenen Leiden nur diese einzige Ursache hatten. So mußte auch Boro, der anfangs so große Hoffnungen erweckt hatte, die Unbeliebtheit kennenlernen, die Rahi in den letzten Jahren seiner Herrschaft zu Boden gedrückt hatte. Und auch die Weisen, obwohl sie die unwissende Menge immer noch in Furcht gebannt hielten, verloren nach und nach an Einfluß. Feindselige Reden liefen von Mund zu Mund.

No hatte sich auf der geräumigen Terrasse, auf der seine Eltern wohnten, eine Hütte erbaut. Ohne Mühe fand Mara sich in die Sitten der Leute am Fluß, die von denen ihres eigenen Volkes nicht allzusehr abwichen. Anfangs hatte man sie ein wenig mit der Verachtung behandelt, wie sie begreiflicherweise das Volk der Jäger für das der Fischer empfindet. Mara aber hatte ein anpassungsfähiges Wesen, und, ihrem Gatten treu ergeben, verlangte sie nichts, als das zu erlernen, was sie nicht konnte. Besonders half sie bei der Bearbeitung der Felle, und Bahili lehrte sie ihr Geheimnis, eine kreisförmige Bewegung der Hand, die ihr niemand nachmachen konnte. No ging mit seinen Freunden jeden fünften oder sechsten Tag auf die Jagd. Sie erlegten in diesem Winter zahlreiche Pferde, so daß es wenigstens an Nahrung nicht mangelte. Die übrige Zeit verbrachte er damit, seine Waffen instand zu halten, Harpunen und Speerspitzen nun aus Hirschgeweih zu schnitzen, seit das Renntier fehlte.

Er übte sich auch weiter darin, Tierbilder zu zeichnen. Auf der Wand seiner Hütte ließ er, von einem frommen Gedanken geleitet, den ehrwürdigen Stammvater, den gewaltigen Höhlenbären, erstehen. Fast in Lebensgröße bildete er ihn nach und erzählte dabei Mara vom Leben und von den Taten dessen, der ihrer aller Vater gewesen war. Mara lauschte ihm, aufs höchste verwundert, auf dem Felsen das Bild des Bären selbst erscheinen zu sehen. Mit dem Scharfsinn und der Spitzfindigkeit, die Erbteile seines Stammes waren, nutzte auch er die Vertiefungen und Erhebungen der Felswand aus, um sein Bild plastisch zu gestalten. Und dann belebte er mit Hilfe der Farben die bis dahin tote Masse. Es bereitete ihm ungeahnte Freude, die Formen unter seinen geduldigen Fingern erstehen zu lassen. Ein Wesen, das No ins Leben gerufen hatte, stand jetzt dort, wo bisher nur dunkler, kahler Felsen gewesen war!

Das Erstaunlichste war, daß er selbst niemals einen Höhlenbären gesehen hatte. Nur dessen kleineren Bruder kannte er, den Waldbären, der einem geschickten Jäger leichte Beute war. Wenn er sich auf seinen Hintertatzen aufrichtete, erreichte er bloß die Größe eines erwachsenen Mannes. Obwohl er über gewaltige Kräfte verfügte, berichtete man doch von einzelnen Fällen, in denen waffenlose Jäger, von einem verwundeten Bären überrascht, ihn buchstäblich in ihrer Umarmung erdrückt hatten und dadurch zu großem Ruhm gelangt waren. Man hätte aber nicht daran denken können, mit einem Höhlenbären den so ungleichen Kampf zu beginnen. Außerdem hatte dieser als geheiligtes Tier gegolten, und niemand hätte ihn zu jagen gewagt. In den letzten Jahren war auch er verschwunden, auch er, und keiner der jungen Leute kannte auch nur seine Fußspuren. Wieder ein Grund mehr zur Besorgnis, denn was würde geschehen, wenn man ihn auch in höchster Not nicht fände, um den Ahnen zu opfern und das Fest der Wiedervereinigung zu begehen. Seine Söhne würden sterben, weil sie nicht von neuem an seinen herrlichen Kräften teilhaben konnten. Aus welcher anderen Quelle sollte man schöpfen, um dem sterbenden Stamm das Leben zurückzugeben? Und wenn man es recht bedachte, war nicht vielleicht gerade das Verschwinden des großen Bären die Ursache all der Übel, die sein Volk zu ertragen hatte?

All diesen ernsten Fragen grübelte No nach, während seine sichere Hand das Bild nach der Erinnerung einer Darstellung in der heiligen Grotte schuf. Gerade jetzt, da der ganze Stamm in sorgenvoller Furcht lebte, war es ihm Bedürfnis, sein Heim, in dem bald ein Kind geboren werden sollte, unter den Schutz des Ahnen zu stellen.

Als der Frühling seinen Einzug hielt, brachte Mara unter dem Beistand der Frauen ein Mädchen zur Welt, das von No zur Erinnerung an seine verschwundene Schwester Mah genannt wurde. Sie wickelte das Kind in ein Fuchsfell, das dafür vorbereitet war, und trug es tagsüber in ihrem Renntierwams geborgen zwischen den Brüsten.

 

Die Witterung blieb schlecht. Abwechselnd fielen Regen und halbzergangener Schnee. Eine neue, furchtbare Prüfung brach um diese Zeit über die Söhne des Bären herein, als sollte ihnen vor Augen geführt werden, daß die ihnen feindlichen Mächte sich nicht erweichen ließen. Diesmal war es eine merkwürdige Krankheit, die mit einem Stechen im Hals begann. Bald verklebten sich Hautteile im Schlünde, die das Atmen immer schwieriger machten. Der Kranke hustete fürchterlich, um diese ihn erstickenden Häute auszustoßen. Durch Mund und Nase gab er Ströme Blutes von sich. Die bösen Geister, die von ihm Besitz ergriffen hatten, ließen ihn wie einen sprechen, der der Vernunft beraubt ist. Und plötzlich fiel er in einem Krampf zu Boden, um nicht wieder aufzustehen. Das Ganze dauerte kaum einige Tage.

Durch die lange Zeit der Beschwerden und äußerster Unruhe geschwächt, starben Männer, Frauen, Kinder und Greise wie die Fliegen. Von zehn Menschen, die das Übel befiel, blieben kaum drei am Leben. Man sah die Zeit voraus, da nicht mehr genügend Gesunde da sein würden, um die Sterberiten abzuhalten. Das Töchterchen Nos war eines der ersten Opfer. Ihren kleinen Körper warf man in den Fluß. Bahili und ihr zweiter Sohn wurden von der Krankheit befallen. Es gab keine Hütte ohne Kranke oder Sterbende. Die Weisen vermehrten ihre vergeblichen Beschwörungen, doch die feindlichen Mächte waren die Stärkeren.

Nachdem sie alles versucht hatten, kamen sie auf den Einfall, auf den Terrassen wohlriechende Kräuter und noch feuchte Zweige anzuzünden. Ein beißender, duftender Rauch stieg daraus empor. Man hoffte, daß die feindlichen Dämone diese dichten Vorhänge nicht würden durchdringen können. Der Erfolg zeigte, daß man richtig gehandelt hatte. Die Krankheit begann jetzt nachzulassen, neue Fälle zeigten sich seltener. Boro und die Weisen gewannen mit einem Schlage ihr Ansehen zurück. Als dann gegen Mitte des Frühjahres die Sonne kräftiger zu scheinen begann, verschwand die böse Seuche vollkommen. Doch was für Verluste hatten die Söhne des Bären erlitten! Mehr als die Hälfte von ihnen war verschwunden. Kaum vierhundert blasse, kraftlose, zum Skelett abgemagerte Menschen blieben zurück. Und diese Unglücklichen, denen es Mühe verursachte, ihren Unterhalt zu sichern, mußten sich jetzt auch noch gegen die Seelen der Verstorbenen wehren, die ihnen zusetzten. Denn die Kranken hatten während der grausamen Seuche tatsächlich nicht alles tun können, was geboten war, die Seelen der Abgeschiedenen zu besänftigen. Vom Beginn der Dämmerung an irrten sie seufzend durch die Wälder und forderten, was ihnen gebührte. Mehr als einer von ihnen entführte einen Lebenden, den er in der Nacht überrascht hatte.

Nach ihrem Kinde war Mara krank geworden. Um die Dämonen zu töten, die in sie einzudringen versuchten, kam No auf den Gedanken, sie Dämpfe heißen Wassers einatmen zu lassen, in das bittere, am Ufer des Sumpfes gepflückte Kräuter vermischt waren, über die ein Weiser die feierlichste aller Beschwörungen gesprochen hatte. Die Kur half. Nach kurzer Zeit befreite ein heftiger Husten Mara von den verderblichen Häuten, die ihren Schlund versperrten. Sie schlief zwei Tage lang in ihrem Sack, den No nahe zum Feuer gerückt hatte. Sie schwitzte überströmend, und als sie erwachte, war sie geheilt.

Noch schöner als vorher erschien sie No. Ihr kleiner Kopf saß auf einem Halse, der seit der Krankheit noch schlanker erschien. No wußte nicht mehr, ob er seine Frau oder seine Schwester vor sich hatte. Das Wetter besserte sich. Die Sonne ließ die Feuchtigkeit schwinden und goß ein wenig Freude in die Herzen der am Leben Gebliebenen. Mara schloß sich den Mädchen an, die auszogen, Kräuter und Blumen zu pflücken. Wieder erklangen ihre traurigen Lieder morgens und abends auf den Hügeln. Aber Mara durfte nicht dem Chor der Jungfrauen folgen, wenn sie sich bei der heiligen Eiche einfanden.

No glaubte schon, der regelmäßige Kreis der Beschäftigungen und Feste, die das Jahr erfüllten, werde sich nach so viel Stürmen ohne neue Zwischenfälle runden, als eine Entdeckung, die er eines Tages machte, ihn und den ganzen Stamm in neuen Schrecken setzte.

Er erblickte eines Tages beim Fischen einen fremdartigen Gegenstand, der in der Strömung trieb, zog ihn mit Hilfe seiner Harpune ans Ufer heran und nahm ihn neugierig aus dem Wasser. Es war ein anderthalb Fuß langer, fingerdicker Stecken, an dessen einem Ende ein armlanger Lederstreifen befestigt war, der in seiner ganzen Länge spitz zulaufend geschnitten war. Wer hatte dieses sonderbare Ding verfertigt, wo kam es her, wozu mochte es dienen? Gewiß war nur, daß er Ähnliches noch bei keinem der ihm bekannten Nachbarstämme gesehen hatte. Auch die Händler, die doch so viel herumkamen, hatten ein derartiges Werkzeug niemals beschrieben. Sollte es irgendeine neue Art von Schlinge sein, die man dem Wild legt? Wer war der Besitzer? Von wo war er ins Land gekommen? Denn ein Fremder war er sicher. Und wo verbarg er sich?

No blickte grübelnd auf den schicksalsschweren Fund. Ein Unbekannter war da, vielleicht ganz in der Nähe, vielleicht dort im Schilf, aus dem er gleich auftauchen konnte, um sein Eigentum zurückzufordern ... No überlief ein kalter Schauer.

Am gleichen Abend brachte er seinen Fund dem Häuptling. Boro und die Weisen, die sich mit den Alten berieten, prüften ihn eingehend. Sie gelangten aber zu keinem befriedigenden Ergebnis. Gleich No waren auch sie alle in höchstem Maße von dem Gedanken beunruhigt, daß fremde Menschen in ihrem Tale aufgetaucht sein könnten. Man hatte hier im Frieden unter Menschen der gleichen Rasse, deren Neigungen und Überlieferungen den eigenen ähnlich waren, gelebt. Sollte diese Harmonie gestört werden?

Nach reiflicher Überlegung entschied Boro, daß No mit drei anderen jungen Männern das Land den Fluß entlang bis zu seiner Quelle ausforschen sollte. Er wählte die besten Läufer des Stammes, denn wenn die Notwendigkeit sich ergeben sollte, mußten sie sicher sein, in der Flucht ihr Heil zu finden. Wenn sie aber nur auf vereinzelte Unbekannte stießen, dann sollten sie trachten, deren Herkunft und Absichten zu erfahren, größeren Ansammlungen sollten sie ausweichen und jedenfalls so rasch als möglich zurückzukehren, um über ihre Wahrnehmungen zu berichten.

Am nächsten Morgen schon brachen No und seine Gefährten auf, und nicht gering war begreiflicherweise die Erregung, mit der sie dem Verlauf dieser Expedition entgegenblickten, die mit ihren gewohnten Jagdzügen so gar keine Ähnlichkeit hatte. Ihren Frauen hatten sie von der Mission, die ihnen anvertraut war, nichts gesagt. Bei den Leuten am Flusse wurden bedeutsame Angelegenheiten nur zwischen Männern besprochen.

Der Morgen war klar und heiter. Sie folgten dem linken Flußufer und achteten, während sie das taufrische Gras niedertraten, wohl darauf, daß ihr Schatten kein dorniges Gebüsch traf, das ihn hätte zerreißen können. An diesem ersten Tage erfuhren sie nichts von ihnen, die sie treffen sollten. Männer und Frauen, denen sie begegneten, führten ihr geregeltes tägliches Leben, ließen nichts als Klagen über das immer seltener werdende Wild und über das Ausbleiben der Renntiere hören. Nachts fanden sie bei ihnen bekannten Leuten ein Obdach.

Zwei Tage noch folgten sie dem Flußlauf. Die Landschaft zeigte jetzt einen geänderten Charakter. Das Tal wurde offen, flach, unbewohnt. Es bot keinen Versteck. Sie begegneten keinem Menschen. So weit von den Ihren entfernt, fühlten sie sich beunruhigt. Nachmittags jagten sie lange ohne Erfolg. Erst gegen den Abend bemächtigten sie sich nach vieler Mühe eines wenige Monate alten Fohlens.

Um es zu verzehren, ließen sie sich unweit des Flusses am Fuße eines hohen Felsens nieder. Zur Linken schützte sie ein Sumpf. Sie zündeten Feuer an und beschlossen, da die Stelle sicher schien, die Nacht hier zu verbringen. Schon wurde es dunkel, und sie unterhielten sich noch mit leiser Stimme beim Flackern brennender Scheite. Als sie verstummten, lag eine große, ganz ungewohnte Stille um sie, die nur das Geräusch des Windes im Schilfe unterbrach. Die Luft lag wie zusammengeballt über ihnen. Eine Eule und ein Käuzchen beschrieben, vom hellen Schein der Flammen angelockt, ihre Kreise hoch in der Luft und ließen sich manchmal fast auf die kauernden Jäger fallen. Erschrocken flohen sie dann und ihre klagenden, kurz abbrechenden Rufe klangen durch die Nacht.

Die jungen Leute liebten diese Schreie der Eulen nicht, sie hatten etwas zu Menschliches. Sicher hatten unglückliche menschliche Seelen die Körper dieser Tiere zur Wohnstatt erwählt und zwangen sie des Nachts, wenn alle anderen Vögel des Waldes in den Zweigen der Bäume schliefen, klagend durch das Dunkel zu kreisen. Die Bärensöhne schonten diese Nachtvögel in abergläubischer Scheu, und wenn sie aus dem Dunkel ihre lauten Stimmen vernahmen, so war es ihnen ein sicheres Zeichen, daß böse Ereignisse bevorstanden.

No tauschte mit seinen Gefährten nur noch knappe Worte. Die Pausen ihrer Gespräche wurden immer länger, gerne hätten sie die Nacht schon überstanden gehabt. Um rascher dem hellen Tag entgegenzugehen, schlüpften sie in ihre Schlafsäcke, die Müdigkeit überwand schließlich ihre Unruhe, und sie versanken in tiefen Schlaf.

Noch aus dem ersten Schlummer wurde No durch ein beängstigendes Gefühl gerissen. Es war, als hätte er instinktmäßig Anzeichen wahrgenommen, die auf ungeahnte Vorgänge in seiner Nähe deuteten. Er öffnete die Augen und richtete sich umherspähend auf. Zu seinen Füßen glimmten noch die Reste des Feuers. Bleierne Stille lag ringsum, nur das gleichmäßige Atmen seiner Freunde war zu vernehmen. Auf dem dunklen Himmel blinkten all die tausend Sterne, die No seit jeher kannte. Über der Erde war zwar die Finsternis so undurchdringlich, daß sein suchendes Auge nichts zu unterscheiden vermochte, aber Grund zur Beunruhigung lag keiner vor. Er streckte sich wieder aus und schloß die Augen. Das Bild Maras erschien ihm einen Augenblick, so wie er sie zum ersten Male im Flusse erblickt hatte. Im gleichen Flusse, den Mah auf ihrer Flucht durchquert haben mußte. Seine Gedanken verwirrten sich, er wußte kaum mehr, ob er träumte, ob er dachte, da plötzlich fuhr er auf.

Nicht weit entfernt von ihm, etwa dreihundert Schritte, aber jenseits des Flusses, waren Tierstimmen laut geworden. Doch sie ähnelten weder dem heiseren Geheul der Wölfe, noch dem Kläffen des Fuchses, der in Gesellschaft seines Weibchens einen Hasen hetzt. Es mußten gegen zwanzig Tiere sein, die alle durcheinander, scheinbar in großer Erregung, dieses Lärmen hören ließen, und niemals noch, seitdem Menschen den Fluß bewohnten, war Ähnliches an ihre Ohren gedrungen. Waren neue Tiere ins Land gekommen? Bösartige Tiere? Mit welchen Mitteln wehrte man sich gegen sie?

Mit der Schnelligkeit eines Pfeilschusses schossen diese Fragen durch Nos Kopf. Schon waren auch seine Gefährten wach und horchten erregt wie er. Sie sprachen keiner ein Wort, doch an ihren Blicken erkannte man, daß sie den ganzen Ernst dieses Ereignisses begriffen.

Auf Augenblicke wurden die Tiere immer still, dann begannen zwei oder drei wieder ihr starkes Lärmen, und die übrigen fielen, als hätten sie nur auf dieses Signal gewartet, lebhaft ein. Die Stimmen näherten sich jetzt. Die jungen Männer hatten ihre Bogen ergriffen und blickten angestrengt nach der Richtung, in der das Rudel der unbekannten Feinde erscheinen mußte. Doch es schien sich wieder zu entfernen, und bald klang das Lärmen nur noch schwach herüber. Tiefe Stille lag wieder über den Wäldern und Hügeln.

Beim Feuer entspann sich eine so leise geführte Unterhaltung, als ob rings im Dunkel ein Kreis von Feinden lauern würde. Übereinstimmung herrschte nur in einem einzigen Punkte: in der völligen Unkenntnis der Art dieser Tiere, deren Stimmen sie eben zum ersten Male vernommen hatten. Und darin lag die unheimliche Bedrohung. Seit Jahrhunderten kannten sie alle Tiere, die das Land bevölkerten, kannten jede ihrer Gewohnheiten, ihre Tücken, wie auch ihre Schwächen; seit Generationen hatten sie gegen sie zu kämpfen, sie zu überwinden gelernt. Und heute fanden sie sich dem Furchtbarsten gegenüber, das es geben kann: dem Unbekannten! Jeder einzelne von ihnen hatte hunderte Male sein Leben bei der Jagd aufs Spiel gesetzt, doch jeder von ihnen spürte in diesem Augenblick das gleiche, lähmende Entsetzen, dieselbe beklemmende Angst.

Sie nahmen sich vor, beim ersten Tagesgrauen den Spuren dieser Tiere zu folgen und zu trachten, eines davon zu erlegen, um es den Weisen heimzubringen. Schon hatten sie den ursprünglichen Zweck ihrer Mission vergessen, schon dachten sie nicht mehr an den sonderbaren Fund Nos und an den unbekannten Besitzer jenes fremdartigen Gegenstandes, den sie zu suchen ausgezogen waren. Das neue Erlebnis hatte alles verdunkelt und war der einzige Gegenstand ihrer Gedanken, die bis zum ersten Schimmer des neuen Tages nicht mehr zur Ruhe kommen wollten.

Nachdem sie gegessen hatten, zogen sie weiter. Zwei auf dem rechten Flußufer, zwei auf dem linken, gingen sie jeder vom anderen etwa zweihundert Schritte entfernt, stromaufwärts. No hielt sich am weitesten vom Flusse ab.

Bald durchschritt er einen Fichtenwald, bald führte sein Weg über Wiesen, hier war es ein Teich, der umgangen werden mußte, dort ein Sumpf, dem auszuweichen war, langsam nur kam er vorwärts, den Blick forschend auf den Boden gerichtet, um die Spuren der nächtlichen Tiere zu entdecken.

Plötzlich bemerkte er in einer Grube vor einem Felsen, etwa zwanzig Schritte vor sich, ein Tier, das an den Eingeweiden eines Hirschkalbes fraß. Beim Geräusch der herannahenden Schritte hob es den Kopf und blickte No entgegen. Dieser war stehengeblieben, und beide musterten einander unbeweglich, No mit erhobenem Bogen, das Tier mit dumpfem Grollen und gesträubten Haaren. Warum flüchtete das Tier nicht? Warum wurde Nos Pfeil nicht abgeschnellt? Diese doppelte Frage verwirrte No. Er machte einen Schritt vorwärts, und sogleich änderte sich das Bild. Das Tier wurde rasend vor Wut, stieß heitere Schreie aus, und – was das Sonderbarste war – statt nun zu fliehen, nahm es Stellung, um gegen No loszuspringen. Jetzt erst schnellte Nos sichere Hand den Pfeil, der das unbekannte Wild durchbohrte. Es krümmte sich noch ächzend und blieb mit ausgestreckten Läufen tot liegen.

No kam näher, um seine Beute zu betrachten. Es war ein Tier von der Größe eines Wolfes, mit kurzem, feuerrotem Haar, die spitz zulaufende, lange Schnauze war voll Blut des Hirschkalbes und zeigte ein starkes Gebiß, wie nur Raubtiere es besitzen. Es tötete das Wild, um sich davon zu nähren; diesen Beweis hatte No vor sich, und es war mutig, da es selbst vor dem Menschen nicht zurückschreckte, ja ihn sogar angriff. Recht beunruhigend war das Auftreten solcher Tiere im Lande, denn sie würden den Menschen vom Flusse gefährliche Rivalen sein, die von dem immer selteneren Wilde ihren Teil beanspruchten. Und was konnte man von ihnen gewinnen? Auf den ersten Blick schon hatte No gesehen, daß das Fell unbrauchbar war.

Aber er mußte es mitnehmen, um es den Weisen zu Hause zeigen zu können. Darum begann er mit Hilfe eines Steines seine Beute abzuhäuten. Während er noch an der Arbeit war, ertönten ganz nahe drohende Tierstimmen. Er blickte sich suchend nach einem Verstecke um und bemerkte einen Ast, der von einem Baum über den Felsen niederhing. Im gleichen Augenblicke kam auch schon ein Rudel von zwanzig Tieren, gleich dem, das er eben erlegt hatte, die um die Wette heulten. Rasch kletterte No, Hände und Füße zu Hilfe nehmend, auf den Felsen, sprang in kühnem Satz auf den Ast und setzte sich rittlings darauf. Während des Hinaufsteigens durchfuhr ein Biß seine Wade.

Unter ihm ertönte furchtbares Geheul. Erstaunt fragte sich No, was das wohl für Tiere sein mochten, die in so großen Rudeln jagten. Jedes einzelne schien gar nicht übermäßig stark. Vereinigt aber – durch welches magische und nie gesehene Bündnis, das sie darin den Menschen ähnlich machte – wurden sie furchtbar. No sah ein, daß er allein mit ihnen den Kampf nicht aufnehmen konnte. Er mußte seine Freunde herbeirufen, aber sie gleichzeitig warnen, beim Näherkommen auf ihrer Hut zu sein. Zu viert würden sie mit diesen lärmenden Gegnern fertig werden. Er ließ drei kurze Pfiffe hören und fügte noch einen langen hinzu.

In diesem Augenblicke tauchte ein Mann aus den Büschen auf, der aber nicht zu jenen gehörte, die No erwartete, und der offensichtlich nicht dem gleichen Volke, wie die Leute am Flusse, angehörte. Er war viel kleiner, doch mußte er trotzdem bedeutende Kraft besitzen, denn mächtig war sein Brustkorb, und starke Muskeln spielten an Schultern, Armen und Beinen. Und sein Kopf, statt länglich zu sein, war rund gewölbt. Plump zusammengesteckte Wolfsfelle dienten ihm als Kleidung. Und wie maßlos war das Erstaunen Nos, als er diesen Mann mit ruhigen Schritten auf die rasenden Tiere losgehen, als er ihn mitten zwischen sie treten sah, als wären sie gar nicht vorhanden und – ein Umstand, wenn möglich noch schwerer zu erklären – diese selbst schenkten ihm nicht die geringste Beachtung und fuhren unbeirrt in ihrem Lärmen fort. Da rief der Mann mit lauter Stimme für No unverständliche Worte. Ein kurzes Schweigen folgte, dann begann der Höllenlärm von neuem. Ungeduldig geworden, zog darauf der Fremde ein Werkzeug aus seinem Gürtel, ähnlich demjenigen, das No aus dem Flusse gezogen hatte, ließ es klatschen und schlug damit in das aufgeregte Rudel. Es heulte darin schmerzlich auf, aber die Tiere wurden sofort still und drängten sich mit eingezogenem Schweif zu Füßen dessen, der als ihr Gebieter aufgetreten war.

Von Staunen überwältigt, fragte sich No, ob er im Traume in ein Land versetzt worden war, in dem alles ganz anders verlief, als in der Welt, die er kannte. Zeit und Kraft mangelten ihm, um sich zu besinnen. Eines nur erfaßte er: ein Wesen von menschlichem Aussehen und ihm gleichend gebot wilden Tieren mit seiner Stimme, und sie gehorchten ihm!

In diesem Augenblick entdeckte der Fremde den auf dem Baume sitzenden No und begann zu lachen, als wäre es nicht das erstemal, daß sich ihm ein solcher Anblick bot. Er machte No Zeichen, herunterzusteigen, und No war von dem allen so verwirrt, daß er gar nicht mehr an Gefahr dachte und zu Boden sprang. Der Fremde betrachtete ihn aufmerksam und sprach dann zu ihm in einer unverständlichen Sprache. Obgleich die Laute rauh klangen, schienen sie wohlwollend.

Noch während er sprach, fiel sein Blick auf die Leiche des Tieres, das von Nos Pfeil durchbohrt worden war. Ein zorniges Aufblitzen seiner Augen traf No, und ein herrischer Ruf entfuhr seinen Lippen. No begriff, daß er das Töten eines der ihm gehörenden Tiere damit verbot. Doch der Fremde beruhigte sich bald und gab No mit seiner flachen Hand einen leichten, freundschaftlichen Schlag auf die Schulter. Dann, als wollte er No seine Macht zeigen, wandte er sich und wies lächelnd und nicht ohne Stolz auf die Tiere mit dem furchtbaren Gebiß, die nun ruhig zu seinen Füßen lagen und fröhlich schweifwedelnd zu ihm aufblickten.

No vermochte kein Wort hervorzubringen, er bemühte sich, die Beschwörungsformeln zu murmeln, und konnte sich an keine einzige mehr erinnern. Seine Knie bebten. Ein sonderbares Gefühl der Erschlaffung kam über ihn. Eine Wolke verschleierte seine Augen.

Schon schritt der Fremde mit dem runden Schädel, die Peitsche in der Hand schwingend, dem Walde zu, und seine Hunde folgten ihm.

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