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Ende einer Welt

Claude Anet: Ende einer Welt - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorClaude Anet
titleEnde einer Welt
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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So verliefen durch Jahrhunderte die Tage für die Menschen am Flusse, rauhe Tage voll Mühsal und Kampf, an denen die Jäger des Stammes immer wieder unter Gefährdung ihres Lebens und unter unsäglichen Anstrengungen und Opfern Nahrung für Frauen, Kinder und Greise erbeuten mußten.

Seit einigen Generationen aber zeigten sich kaum wahrnehmbare Änderungen in der Temperatur, die dennoch so aufmerksamen, geduldigen und geübten Beobachtern, wie es die Söhne des Bären waren, nicht entgehen konnten. Die Winter verloren immer mehr an Kälte, und die Sommer wurden heißer.

Einst – so lauteten die Berichte der Greise, in deren schwachem Gedächtnis sich allerdings die eigenen Erinnerungen unentwirrbar mit den mündlichen Überlieferungen des Stammes vermengten, so daß es nachgerade unmöglich war, die Erlebnisse ihrer eigenen Jugend von der unbewußten Wiederholung dessen zu unterscheiden, was ihnen von ihren Vorfahren erzählt worden war – einst sollte das Land fast während der Hälfte des Jahres von einer schimmernden Schicht Schnee bedeckt gewesen sein. Damals in diesem für sie günstigen Klima wimmelte es von Renntieren. Vier bis fünf große Herden hielten sich ständig im Tale auf. Die Jäger verfolgten sie mit Schneereifen an den Füßen. Überfluß herrschte in den Wohnstätten. Aber jetzt war Regen an Stelle des Schnees getreten. Der Winter verlief in eisiger Feuchtigkeit, unter der die Renntiere furchtbar leiden mußten.

So klagten die alten Männer, während sie ihre erstarrten Glieder am Feuer wärmten. Ungeduldig hörten die jungen Leute zu. Die Greise faselten; glaubten sie denn, daß die Welt mit ihnen zu Ende sei?

Die Weisen jedoch schüttelten den Kopf. Wie konnte man leugnen, daß das Leben ringsum sich änderte. Die Tiere merkten es ebenso wie die Menschen; sie waren ständig in Unruhe. Das Wild mit schönem Pelz wurde immer seltener. Wie viele Zobel wurden jetzt noch während eines Jahres vom ganzen Stamm erlegt? Silberfüchse und Blaufüchse gab es nur noch in verschwindender Menge. Warum verließen die einen und die anderen das Land? Neue Arten tauchten auf. Man jagte jetzt den Hirsch, der früher unbekannt gewesen war. Doch, war der Hirsch ein Ersatz für die gewohnte Beute? Seine Haut war unverwendbar und sein Geweih zu weich, um bearbeitet zu werden.

Und das Renntier verschwand. Das war eine Tatsache. Schon seit langem erbeutete man so wenige, daß sich nur mehr die Jäger in ihr vorzügliches Fell kleiden konnten. Ohne Zweifel wechselten die Renntiere oft, aber sie waren noch nie, wie diesmal, ein ganzes Jahr fortgeblieben. Man begann schon zu glauben, daß man sie niemals wiedersehen würde.

Dieser Gedanke verursachte eine wahre Panik im Stamme. Die bei erbitterten Frauen natürliche Ungerechtigkeit führte sie dahin, ihren Männern vorzuwerfen, daß sie sich nicht mehr auf die Jagd verstünden. Man sollte es nur wissen, ohne die Felle der Renntiere konnten sie sich nicht behelfen! Die Männer ihrerseits wandten sich an Rahi, den Häuptling, und an die Weisen. Ihnen oblag der Schutz des Wildes. Ihre Pflicht war es, die feindlichen Geister zu hindern, es zu entführen. Besaßen sie denn nicht Mittel genug, um die Tiere, die zu flüchten versuchten, an eine Stelle zu bannen und jene, die geflüchtet waren, zurückzurufen? Wenn ihre Zauberkräfte nicht mehr ausreichten, wie konnten sie es dann wagen zu behaupten, daß sie das geistige und körperliche Wohl des Stammes zu sichern vermochten? Der Häuptling wurde jeden Tag unbeliebter. Nur noch die Furcht, die er um sich verbreitete, weil er viele Geheimnisse der unsichtbaren Welt kannte, hinderte die Männer, sich offen gegen ihn zu erheben.

Die Weisen bemühten sich, in der Öffentlichkeit ihre kaltblütige Ruhe zu bewahren. Sie suchten stets nur zu beruhigen, die Aufgeregtesten zu beschwichtigen. Ihre ganze Politik hieß: Zeit gewinnen. So predigten sie Geduld und erhofften zugleich von ihrem geheimen Wissen wie von der Zeit eine günstige Wendung.

Die jungen Leute und die Mädchen nahmen an diesen ernsten Dingen wenig Anteil. Sie hatten Besseres zu tun, als in die Klagen der Alten einzustimmen.

No mit seinen Gefährten bereitete sich auf die Prüfungen vor, die ihn erwarteten. Bald mußte er die Seinen verlassen. Die Gesetze gestatteten es nicht, daß ein Sohn, der zum Manne geweiht war, in der gleichen Hütte wohnte, in der seine Mutter und seine Schwester schliefen. Er mußte seine eigene Wohnstätte bauen, bei den Hochzeitsspielen ein Mädchen rauben und mit ihr als seiner Gefährtin leben. Ungeduldig sah er der Zeit entgegen, die ihm das schöne, freie Leben eines erwachsenen Mannes sicherte, der im Rate des Stammes seine Stimme hatte, sein eigenes Herdfeuer besaß und eine Gefährtin und Kinder, für die er sorgte. Doch um diesen ersehnten Zustand zu erreichen, mußte er alle Schrecken und Leiden der Einweihungsfeierlichkeiten über sich ergehen lassen.

Er zwang sich, nicht weiter daran zu denken. Das Verlangen, in den Kampfspielen auf der Wiese, am Flusse, zu siegen, verdunkelte alles andere. Trotz der widrigen Jahreszeit hatten sich die jungen Leute ihrer Kleidung entledigt. Sie maßen im Durchschnitt mehr als sechs Fuß. Verächtlich lächelte man im Stamme, wenn man sich an ein Volk erinnerte, das eine gelbe Haut und geschlitzte Augen gehabt hatte, und dessen Männer nicht einmal fünf Fuß hoch gewesen waren. Während eines langen, strengen Winters war es einmal, kaum zwanzig Familien stark, aufgetaucht. Sie sprachen fremde, unbekannte Worte, waren von Nordost gekommen und – man wußte kaum in welcher Richtung – wieder verschwunden, ohne daß man jemals noch etwas von ihnen hörte. Die Leute vom Fluß hatten manchmal solche Überraschungen, die die Eintönigkeit der Tage unterbrachen.

Die Körper mit Fett eingerieben, übten No und seine Freunde sich im Ringen. Geschmeidig wie Lachse, stark wie Bären belauerten sie einander zunächst, um geschickt einem gestellten Bein oder Untergriff des Gegners auszuweichen. Wenn sie sich dann umschlangen, krachten ihre Knochen; endlich rollten beide Kämpfer im Gras, bis es schließlich einem von ihnen gelang, den Gegner unter sich festzuhalten.

Mädchen und Frauen sahen den Spielen nicht zu, aber die Alten waren da, gaben den Kämpfern ihre Ratschläge und feuerten sie durch ihre Schreie an.

Das Wettlaufen begann. Durch Generationen dauernde ständige Übungen hatten nach und nach den Knochenbau dieses Jägervolkes verändert – die Unterschenkel verlängert, den Brustkorb entwickelt, die Beinmuskeln geschmeidiger und ausdauernder gemacht – so sehr, daß jetzt die besten Läufer unter günstigen Umständen imstande waren, selbst einen flüchtigen Rehbock einzuholen. So hatte jeder einzelne jene Geschwindigkeit erreicht, die ihm und seinem Stamme zur Existenz unerläßlich war. Übrigens unterwarfen sich die Läufer einer streng geregelten Lebensweise. Sie aßen nur die Schenkel von Renntieren und Pferden, um sich auf diese Weise das Wesentlichste der Schnelligkeit dieser Tiere, von denen sie sich nährten, einzuverleiben. Die übrigen Teile der Tiere wurden den anderen überlassen.

Bei ihren Übungen liefen sie immer zu zweit. Zehnmal mußte eine Strecke von etwa zweihundert Schritt, die zwischen zwei Bäumen abgemessen worden war, durcheilt werden. Die harmonische Kraftentfaltung bildete einen prächtigen Anblick: wie gespannt von der Anstrengung war jeder Muskel der ganzen sehnigen Gestalten, der Kopf lag zurückgebogen, das Kinn weit vorgestreckt, breit wölbte sich die Brust gleich jener des Bisons; wie bei den Wölfen war der Unterleib gekrümmt und eingezogen, und die Füße am Ende der schmalen Beine, die viel länger als der Oberkörper waren, schienen den Boden kaum zu streifen. Manchmal fuhren Platzregen peitschend auf sie nieder, dann stiegen Dampfwolken von ihren glänzenden Körpern auf.

No war im Laufen einer der Besten. Wenn ihm für die größeren Entfernungen auch noch der Atem mangelte, so war er doch auf hundertfünfzig Schritte von keinem zu überholen, und der Sieg über diese Strecke war der begehrteste.

Sie übten sich auch im Bogenschießen und Speerwerfen. Die Spitzen der Speere wie die der Pfeile waren aus den Geweihen der Renntiere geschnitzt. Ein guter Jäger traf mit seinem Speer auf fünfzig Schritt. Pfeifend durchschnitt er die Luft und zitterte und schwankte, als wolle er jeden Augenblick aus seiner Bahn ausbrechen. Aber eine Kraft in ihm hinderte ihn daran. Er rammte sich in den Stamm einer jungen Birke. Dann vernahm man einen dumpfen Ton. Die Birke klagte über die erhaltene Wunde. Nichts Schöneres gab es als die Bewegung der jungen Leute, die, ihre Waffe schwingend, losstürmten. Plötzlich blieben sie wie angewurzelt stehen, mit dem linken Bein sich vorwärts gegen den Boden stemmend, und der Speer, der ihren rechten Arm machtvoll verließ, schien in der Luft den rasenden Lauf des Jünglings fortzusetzen.

Wenn die Spiele beendet waren, tauchten sie ihre dampfenden Körper in die kalten Fluten des Stromes. Dann legten sie wieder ihre Kleider an und kehrten zu den Wohnstätten zurück, wo sie von den vollbrachten Taten und künftigen Jagden sprachen.

 

No liebte es, sich des Abends mit den erfahrenen Männern und den Weisen des Stammes zu unterhalten. Er stellte ihnen Fragen über Dinge, die ihn beschäftigten. Die Erde war doch wohl drei bis vier Tagemärsche weit vom Lager noch nicht zu Ende? Was lag dort weiter rückwärts, wo er nicht mehr hinzusehen vermochte? Die Berichte besagten, daß gegen Norden unendliche Eisfelder die Erde bis tief in den Sommer hinein bedeckten. Dort gäbe es nur weiße Bären. Weit hinten im Osten sei eine Grenze hoher Berge, deren schneebedeckte Gipfel bis in den Himmel reichten. Im Süden aber, zehn Tagemärsche weit, sollte ein großes Wasser liegen, und jenseits des Wassers vermutete man auch Länder, die von Tieren und Menschen bewohnt waren. Die Händler allein konnten diese Gegenden durchqueren, denn nur sie standen im freundschaftlichen Verkehr mit jenen Geistern, die anderen den Zutritt verwehrten. In diesen entfernten Ländern war es immer Sommer, und die Menschen nährten sich dort von dem, was auf Bäumen wuchs.

Zu diesem Punkt versicherten die Weisen, daß nach sehr alten Berichten in einer Epoche, von der kaum noch eine ganz dunkle Erinnerung übriggeblieben war, die Eintracht auf der Erde herrschte. Damals töteten die Menschen nicht, um zu leben; sie nährten sich nicht von blutigem Fleisch, sondern von Pflanzen und Früchten. Glücklich lebten sie in Frieden mit unseren Brüdern, den Tieren. Ach! seither war Zwietracht entstanden und trennte Menschen und Tiere in zwei für ewig feindliche Lager. Ströme von Blut waren vergossen worden, die eine Versöhnung unmöglich machten ...

Über die Welt der Geister aber schwiegen die Weisen, denn es war nicht geziemend, darüber vor der Einweihung zu sprechen.

No besaß auch Freunde, die älter waren als er selbst, und die er gern aufsuchte. Zweien von ihnen, die besondere Handfertigkeit besaßen, oblag es an den Wänden der Hütten und Grotten, in Renntiergeweih und Mammutzähne die Tiere nachzubilden, die das Land bevölkerten. No sah andächtig ihrer Arbeit zu. Dank ihrer Kunst waren es fast wirkliche Tiere, die man vor sich hatte, so wunderbar waren sie in ihren Stellungen und Bewegungen erfaßt. Das eine ihrer Leben blieb frei da draußen in Wäldern und auf Wiesen, doch das zweite war durch zauberhafte Macht in ein Stück Elfenbein oder an die Felswand gefesselt, aus der die begabte Hand des Künstlers es herausgegraben hatte. No mühte sich, dem Beispiel seiner Freunde zu folgen. Er verstand, warum es so notwendig sei, in Naturtreue das Tier nachzubilden, das man festhalten wollte. Der Geist des Tieres mußte durch die Ähnlichkeit so weit getäuscht werden, daß er das Bild zu seinem Wohnsitz wählte. Der geringste Fehler genügte, ihn die Täuschung erkennen zu lassen und er kam nicht. Dann bleibt nichts als ein totes Stück Horn und ein lebloser Stein in deinen Händen ...

So dachte auch No, während er arbeitete, an das, was er auf seinen Jagden gesehen hatte, an das Rind auf der Weide, wie es plötzlich, durch ein Geräusch beunruhigt, den Kopf hebt, den Schweif zur Hälfte aufrichtet, den Rücken streckt. Wird es den Feind anspringen? Oder wird es fliehen? Es zögert ... Dieser Augenblick war es, den No festhalten wollte. – Oder das Bild eines verwundeten Bisons, das sich am Boden wälzt; es leidet; es brüllt dumpf; es dreht mit großer Mühe den Kopf nach rückwärts, um die klaffende Wunde mitten im Rücken zu erreichen und sie schmerzlindernd zu lecken ...

No wußte, daß man mit einer vollendeten Darstellung des Wildes, das man jagen will, Macht über diese Beute gewinnt, vorausgesetzt natürlich, daß man auch die Zauberformel kennt, die vor dem Bilde auszusprechen sind. Doch diese Worte bilden einen Teil des vom Stamme als heilig gehüteten Schatzes und werden den Männern erst bei der Einweihungsfeier enthüllt.

Bei dem Gedanken, daß auch er sie bald im geheimnisvollen Innern der heiligen Grotten erfahren werde, bebte No vor Ungeduld.

 

Trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit war die Witterung noch rauh. Zweimal fiel sogar noch Schnee. Doch die Sonne ließ ihn bald zergehen, und er tränkte nur das Moos mit seinem Wasser.

Ganz plötzlich, über Nacht, kam der Wetterumsturz. Der Wind, der jetzt von Süden wehte, brachte mit einem fast warmen Regen so lauen Dunst, daß selbst die Greise ihre dürren Knochen reckten und davon durchdrungen wurden. Die jungen Leute hielten, verwirrt von unklaren Wünschen, die ihnen alle Kraft raubten, in ihren Arbeiten ein. Die Hänge der Hügel bedeckten sich mit Anemonen, Glockenblumen und Veilchen. Die geschwellten Sprößlinge an den Zweigen von Birke und Buche erzitterten vor Wollust, als die ersten Sonnenstrahlen zärtlich über sie hintasteten. In wenigen Tagen holte die Natur alles nach, was sie in den letzten sechs Wochen versäumt hatte. Der brausende Strom all der Kräfte, die viel zu lange in ihrem Schlummer zurückgehalten worden waren, brach sich kraftvoll seinen Weg zum Licht. Menschen, Tiere, Bäume und Pflanzen, die der gleiche Quell des Weltalls beseelt, fühlten betäubt und zitternd die entfesselte Gewalt. Seine Gewässer vermochte der Fluß nicht mehr zu bändigen, und schäumend brachen sie über die Ufer. Die Erde selbst öffnete breit ihre Poren, um Licht und Wärme in gierigen Zügen zu atmen.

Auf der Asche vor der Hütte ruhend, träumte Mah. Der warme Wind erschlaffte sie. Wohl war sie erst knapp fünfzehn Jahre, doch ihre Züge waren die eines gereiften Mädchens. Klein und rund war der Kopf, klein das Antlitz, die Nase lang und schmal, ganz gerade Brauen standen über Augen, deren Iris an die Farbe welker Blätter gemahnte. Die Wangen, oben ein wenig voll hervortretend, verschmälerten sich bis zu dem zart geformten Kinn. Die sorgfältig mit kleinen Fasern gebundenen Flechten fielen auf die noch schmächtigen Schultern. Mah verstand schon ihre schön geschwungenen frischen Lippen mit ein wenig Ocker zu färben. Ihr Hals war geschmeidig wie der eines Schwans und glich, vom Atem geschwellt, dem einer Taube. In ihren Schritten lag träumendes Sehnen, das die Männer verwirrte.

Überwältigt von den milden Lüften ringsum vernachlässigte sie ihre Arbeit, und doch gab es so viel zu tun, Felle zu putzen und geschmeidig zu machen, das Feuer zu unterhalten, die Mahlzeit zu bereiten, Kleidungsstücke zu richten ... Ihre Mutter begann zu schelten. Manchmal versetzte sie der jungen Mah sogar einen derben Klaps, den diese als eine zwar schmerzliche, aber doch so natürliche Sache empfand, daß kein Groll in ihr zurückblieb.

Übrigens war Bahili auch mit Zärtlichkeiten nicht geizig. Dieses starke Weib, das kaum mehr sein sicheres Obdach verließ, war in seiner Häuslichkeit sehr tätig. So schweigsam Timaki, ihr Mann, war, so geschwätzig war sie selbst. Solange der Tag dauerte, stand ihr Mundwerk nicht still. Wenn es an Zuhörern fehlte, kam sie nicht in Verlegenheit und zögerte nicht, sich selbst mit lauter Stimme Belehrungen zu erteilen. Zu ihren beliebten Aussprüchen gehörte: »Feuchtes Moos wärmt schlecht« oder »Die Zunge reicht weiter als der Speer«. Und zu Mah, wenn sie träge war, sprach sie: »Frauen schwitzen, Mädchen sitzen.« Wenn Timaki zur Jagd aufbrach, sprach sie, um ihn zur rascheren Heimkehr zu ermuntern: »Was man draußen ißt, bekommt einem nicht.« Solchen Schwätzerinnen ist es zu verdanken, wenn die Sprache in ihrer Reinheit erhalten bleibt.

Trotz der Vorstellungen ihrer Mutter konnte Mah mit ihrer Arbeit nicht recht vorwärtskommen. Wohl war sie gezwungen, vor der Hütte zu hocken, doch ihr Geist wanderte in weite Ferne. Aus ihren Gesprächen mit No hatte sie viele Dinge erfahren. Sie sehnte sich danach, in die wundervollen südlichen Länder zu gelangen, von denen er erzählt hatte.

Und ein Teil ihrer selbst war wirklich schon dort gewesen. Ja, wenn sie schlief, löste sie sich von dem Orte, auf dem ihr Körper lag, und fand sich in jene fernen Gegenden versetzt, in denen die Sonne heiß brannte und man nur die Hand auszustrecken brauchte, um die köstlichsten Früchte von den Bäumen zu pflücken, die sie im Übermaß darboten. Dort fühlte sie sich wohl, als wäre es ihre wirkliche Heimat. Nicht einmal die Menschen blickten erstaunt auf sie, die ihnen gar keine Fremde zu sein schien. Manchmal sah sie einen jungen Mann, der sich ihr näherte, sie fühlte seinen heißen Atem, er nahm sie in seine Arme ...

Erschöpft und müde nach einer so langen Reise erwachte sie und fand sich wieder auf der alten Terrasse in der Hütte, in der die Ihren schliefen. Der schwere Atem der Mutter klang in der Stille der Nacht noch mühsamer. No lag neben Timaki, und der jüngere Bruder wälzte sich, in einem Traum befangen – was mag so ein Kind im Traum erleben! – unruhig in seinem Sack. Würde sie jemals in jene schönen Länder zurückkehren können? Gab es keine Möglichkeit, den sehnsüchtigen Traum zu verwirklichen? Wer vermöchte sie aus ihrem eintönigen Leben zu entführen?

Sie wußte, es gab Männer, die die Länder bereisten, die Händler, die am Ufer des ganz großen Wassers lebten. Das Meer! Nach den Erzählungen jener, die es gesehen hatten, bemühte sie sich, eine Vorstellung mit dem Wort zu verbinden. Es mußte ein Fluß sein, der nur ein einziges Ufer hatte, und während das Wasser in einem gewöhnlichen Flusse ohne Unterlaß vorbeiströmte, blieb das Wasser im Meer stets das gleiche. Nur manchmal erregte es sich, wurde wütend und ließ ein dumpfes Brausen hören, mit dem es die Menschen erschreckte. Würde sie jemals das Meer sehen?

So träumte sie auch vor sich hin, während sie das Fell eines frisch getöteten Fohlens schabte.

 

Wenn sie während Nos Abwesenheit entschlüpfen konnte, zog sie mit den anderen Mädchen des Stammes hinaus, um Blumen und duftige Kräuter auf den Hügeln zu sammeln. Die Blumen, die schmückten das Haar und Kränze wurden daraus geflochten, die so schön um den Hals zu tragen waren. Die Kräuter wurden in den Hütten während des Winters getrocknet. Manche verwendete man dazu, um dem Fett, mit dem man seinen Körper einrieb, den süßen Geruch zu geben, von anderen erzählte man, daß junge Frauen, die sich Kinder wünschten, sie auf ihr Lager legen mußten. Doch die Mädchen hatten noch andere Wünsche und pflückten ganz im geheimen eine seltene Pflanze, die nur an feuchten, schattigen Stellen der Täler wuchs, um sie in den Nächten, in denen kein Mond schien, unter ihren Kopf zu legen. Dann waren sie sicher, einen starken und tüchtigen Mann zu finden, bei dem es ihnen niemals an Nahrung mangeln würde, der niemals unter dem Vorwande der Jagd Tage und Nächte fern dem häuslichen Herd verbringen, der nie den kinderlosen Frauen, diesen Hyänen, nachstellen wird, und von dem keine Roheiten zu befürchten waren.

Obwohl Mah noch ein Jahr warten mußte, ehe sie an den Hochzeitsspielen teilnehmen durfte, suchte sie den Verkehr mit älteren Gefährtinnen, teilte ihre Beschäftigung, ihre Freuden und ihr erwartungsvolles Fieber. Das Fest, das zu Mitten des Sommers stattfand, und bei dem sich alle drei benachbarten und befreundeten Stämme, die am Ufer des Flusses wohnten, zusammenfanden, entschied über das Los der Mädchen. Dann mußten sie die Gegend, in der sie geboren waren, verlassen. Die alten, ewigen Gesetze, auf deren Einhaltung strenge gesehen wurde, verboten die Heirat innerhalb des Stammes.

Man beging die Hochzeitsspiele mit größter Feierlichkeit, und die Weisen wachten strenge darüber, daß die alten Gebräuche in allen ihren Vorschriften genau erfüllt wurden, denn die Zukunft des Stammes hing davon ab. Die Ehen waren nicht mehr so kinderreich wie ehemals. Damals zählte ein Haushalt noch zehn und mehr Kinder, und die Hälfte davon blieb am Leben. Jetzt aber sah man kaum mehr als fünf oder sechs, von denen drei oder vier im frühesten Alter starben. Und überdies lag über manchen Frauen der Fluch, kinderlos zu bleiben. Sie brachten Unglück allen denen, die sich ihnen näherten und verursachten Unfrieden in den Ehen. Vergeblich suchten die Weisen die Gründe dieses Übels, und verschiedene Mittel wandten sie an, um den bösen Bann, der auf diesen Frauen lag, zu brechen. In Elfenbein und Horn wurden weibliche Formen als Sinnbild der Mütterlichkeit geschnitzt. Es waren mächtige Frauengestalten mit breiten Hüften, deren Unterleib sich vorwölbte, um ein kräftiges Kind zu tragen, und deren geschwellte Brüste unerschöpfliches Quellen gesunder Nahrung verhießen. An den Wänden der heiligen Grotten fanden sich diese Bilder, von Farben belebt, und die Kinderlosen verweilten dort angsterfüllt und in Tränen während der drei Vollmondnächte des Sommers. Die Männer erwarteten sie am Ausgang. Die Paare formten sich und entschwanden in der Nacht den Fluren zu.

Doch all diese Mittel, die einstmals geholfen hatten, blieben – auch dies war ein Zeichen dafür, daß die Zeiten sich geändert hatten – vergeblich. Und schon gab es Schwarzseher, die dem herrlichen Volke, das sich von seinem Stammvater, dem großen Bären, herleitete, ein baldiges Ende voraussagten. So war man mehr denn je darauf bedacht, an den festgesetzten Riten des Hochzeitsfestes nichts zu vernachlässigen und an den überlieferten Gebräuchen, die das Alter der Mädchen, die zugelassen werden durften, mit sechzehn Jahren festsetzten, nichts zu verändern.

Wohl manchen schien dieses Alter zu hoch, und sie wiesen auf die Schwierigkeit hin, die Mädchen so lange zu hüten. Hatte es sich doch schon ereignet, daß Mädchen, ohne die Hochzeit abzuwarten, Kinder bekamen. Zu anderen Zeiten, als das Volk noch stark war, hatte es dafür nur eine Strafe gegeben: den Tod für Mutter und Kind. Doch dann hatten zwei Mädchen in der vorhergehenden Generation prächtige Knaben zur Welt gebracht. Nach langen Beratungen, in denen alles erwogen wurde, beschloß man, sie leben zu lassen.

Jene, die an den alten Gebräuchen hingen, sahen in dieser Nachgiebigkeit den Grund zahllosen, neuen Unglücks. Die Furcht war nicht unbegründet, daß andere Mädchen dem Beispiele folgen würden, die Töchter des ganzen Stammes in schlechten Ruf geraten müßten, und daß im Sommer beim Hochzeitsfest die Jünglinge der anderen Stämme kein Mädchen aus dem Volke des Bären zum Weibe nehmen würden.

Die Mütter bemühten sich strenge, über ihre Töchter zu wachen. Aber die Frauen verließen ja kaum den nächsten Umkreis der Hütten, und die Arbeiten der Töchter, das Sammeln der Kräuter und Beeren, der Fischfang, das Einbringen der Tannenzapfen riefen diese oft hinaus. So wurde angeordnet, daß die Mädchen niemals einzeln, sondern stets nur in größeren Gruppen weggehen durften.

 

Mah und ihre Freundinnen ruhten an der Lehne eines Hügels. Während des Nachmittags hatten sie Blumen für ein Fest gesammelt, das in jedem Frühjahr zur Feier des Wiedererwachens der Natur nach langem Winter begangen wurde.

Ermüdet wanden ihre Hände Girlanden, in denen Waldrebe und Efeu einander umrankten. Eine einzelstehende Eiche auf dem Gipfel eines Hügels, ein heiliger Baum, sollte damit geschmückt werden. Alljährlich, wenn frisches Grün an ihm sprießte, kamen die Mädchen, um ihn in der Dämmerung zu bekränzen. Und während sie arbeiteten, sangen sie halblaut, als summten Bienen auf blumiger Wiese, althergebrachte Worte zu vorgeschriebenem Takt, wie der überlieferte Brauch es verlangte. Denn nur auf diese Weise schlang man mit den duftenden Fesseln geheimnisvolle Bande um all die Geister, die in Wäldern und Tälern hausten, und machte sie sich freundlich gesinnt. Es war ein Vers, der sich in wenig Takten zur Melodie entfaltete, um immer wieder zu einem eintönigen Beginn zurückzukehren. Hohe und tiefe Stimmen wechselten miteinander ab, als verfolgten sie einander, ohne ihren sehnsüchtigen Wunsch, einander zu erreichen, jemals erfüllen zu können. Dann und wann kam in unregelmäßigen Zwischenräumen und unbegründet ein rascher Übergang der Melodie und stieg wie ein Pfeil zum Himmel.

Auch in diesem Jahre zogen die Mädchen, als der Abend sank, auf den Hügel, den die heilige Eiche krönte. Es war ein uralter Baum, dessen Stamm zwar nicht allzustark, doch knotig und hart wie Stein war. Mehrfach hatte der Blitz ihn schon getroffen. Jedes Mädchen trug in seiner linken Hand einen Eichenzweig, der vom vorigen Jahr in den Hütten aufbewahrt worden war. Auf der Höhe angelangt, schichteten sie die Zweige zu einem Stoß, den sie weinend und wehklagend anzündeten. Als die Flammen erloschen waren, schritten sie zweimal im Kreise um den Baum und sangen langsam und in klagender Art ihre Verse. Dann wurden die Girlanden, die sie vorbereitet hatten, an den Zweigen befestigt, und sobald dies geschehen war, umstellten die Mädchen wieder im Kreise den Baum und machten ihm mit vor der Brust gekreuzten Armen eine Reihe tiefer Verbeugungen. Sie neigten wiederholt den Oberkörper nach rückwärts und senkten ihn wieder vor, womit die Bewegungen des Baumes nachgeahmt wurden, der vom Winde geschüttelt wird. Im Augenblick, da die Sonne sank, pflückten sie grüne Zweige vom Baume, die sie, laute Freudenschreie ausstoßend, heftig durch die Luft schwenkten. Noch zweimal, jetzt aber in fröhlichem und raschem Takt, tanzten sie, einander an den Händen fassend, um den Baum, dann verließen sie, noch immer ihre Hände festhaltend, eine fröhlich bewegte, lichte Kette, den Hügel, um in das dunkelnde Tal hinabzusteigen.

Mah, als die Jüngste, führte den Reigen. Efeu und Blumen zierten ihr Haar, um ihren schlanken Hals waren Narzissen und Veilchen geschlungen. Durch ihr halb geöffnetes Wams schimmerte die jugendliche Brust, so schwebte sie mit den geschmeidigen Beinen eines jungen Rehs, das bei jedem Schritt zu zögern scheint, ehe es das gebogene Bein auf den Boden setzt, wie die Verkörperung der grünenden Jahreszeit selbst, mit allen ihren frisch erblühten Reizen verführerisch über die Wiese.

Als sie zum Flusse kam, erblickte sie unweit vor sich den alten Häuptling Rahi, der, auf einem umgestürzten Stamme sitzend, mit einem der Weisen sprach.

Rahi blickte auf und der Schar der jungen Mädchen entgegen, die, immer noch singend, blumengeschmückt herankamen. Mah erschien ihm wie das Abbild der Jugend, die seine Sinne schon so lange vergessen hatten. Er sah sich wieder stark und geschmeidig mit behendem Fuß die Wälder durcheilend. »Ach,« seufzte er zu sich selbst, »wenn es jemand vermag, mir für kurze Zeit noch meine einstigen Kräfte zurückzugeben, so ist es nur dieses schöne, junge Mädchen.« Ein frischer Strom pochenden Blutes brauste jetzt fröhlich durch seine Adern.

Die lichten Gestalten waren entschwunden, ihr fröhliches Lied verklang in der Ferne, und Rahi dachte immer noch an Mah, an ihren zögernden Schritt, an den kleinen Kopf, der auf dem schlanken Hals sich wiegte, an die Blumen in ihrem Haar ... Langsam, schwer auf seinen Stock gestützt, schritt er seiner Hütte zu.

Wo er vorüberging, wichen die Leute scheu zur Seite. Man liebte ihn nicht, und er empfand dies schmerzlich, denn seit Jahren hatte das Leben für ihn keinen anderen Inhalt, als die Sorge um das Wohlergehen seiner Untertanen. Keiner kannte besser als er ihre Besorgnisse und ihre Leiden, doch vergeblich blieb er bemüht, sein Volk von ihnen zu erlösen. Die Ereignisse schienen seiner Zauberkraft zu spotten. Früh gealtert, lebte er einsam und erkannte verbittert seine Ohnmacht gegen die dem Stamme feindlichen Geister.

Auf der hochgelegenen Terrasse, die er allein bewohnte, stand seine Hütte, die geräumiger war als die seiner Untertanen. Eine Renntierhaut schied sie in zwei Teile, den einen, wo er ruhte und seine Gäste empfing, und den zweiten, den außer ihm niemand betreten durfte. In ihm bewahrte er den Führerstab, den Herrschermantel und Kopfputz. Auf das Renntierfell waren gewisse regelmäßige Zeichen gemalt, deren Sinn außer dem Häuptling selbst und den Weisen niemand verstand. In diesen Zeichen, deren Ursprung man nicht kannte, lag die Macht über alle unsichtbaren Kräfte, die nur die Führer des Stammes besitzen. Nur die Weisen verstanden sie zu entziffern. Wenn einer von ihnen starb, wurde sein Nachfolger von den überlebenden in die Deutung eingeweiht. Nur zitternd wagte man an die Möglichkeit zu denken, daß alle drei Weisen gleichzeitig abberufen werden könnten, und auf diese Art die Söhne des Bären für ewige Zeiten jeder Herrschaft über die Welt der Geister beraubt würden.

Ein altes Weib und ihr Sohn, ein Kind noch, sorgten für den Häuptling, unterhielten sein Feuer und bereiteten seine Nahrung.

Rahi streckte sich auf sein Lager. Der Knabe legte frische grünende Zweige auf die Glut, um einen dichten Rauch zu erzeugen, der die Mücken verscheuchen sollte. Diese machten tatsächlich das Land seit den ersten heißen Tagen unsicher. Tausende wuchsen täglich heran, und ihre Schwärme verdunkelten manchmal den Himmel. Obwohl die Leute vom Flusse abgestumpft waren, schützten sie sich vor ihnen, indem sie vor den Hütten selbst im Sommer Feuer entzündeten. Das alte Weib kauerte vor seinem Herrn und rieb zart die Knöchel seiner Füße. Dabei erzählte sie mit tonloser Stimme Geschichten, auf die er nicht hörte. Schließlich schlief sie beim Klange der eigenen Stimme ein.

Noch spät in der Nacht hing Rahi seinen Gedanken nach. Was waren seine letzten Jahre gewesen? Ein schwerer Kampf in der Einsamkeit, seine Frau seit langem tot, sein einziger Sohn von einem Bison getötet. Das Bild der strahlenden Mah durchzog seinen Sinn. Mit diesem schönen, frischen Geschöpf zur Seite würden auch seine Kräfte wiederkehren. Wer konnte es ihm verwehren, sie zur Frau zu nehmen? Er, als Häuptling, war der einzige, dem es gestattet war, sich mit einem Mädchen des eigenen Stammes zu verbinden. Allerdings waren solche Ehen nicht mehr üblich, und in einem Volke, bei dem die Zahl der Kinder im Schwinden war, bewahrte man die Mädchen für die Jünglinge. Doch in früheren Zeiten waren derartige Verbindungen nicht selten gewesen, und die Erinnerung daran hatte sich erhalten. Zweifellos würde es genügen, wenn er zu Timaki von seinem Wunsche spräche, damit Mah, sobald die Hochzeitsspiele, vor denen niemand ein Weib nehmen durfte, beendet waren, ihm feierlich zugeführt werde.

Erregt durch diese Gedanken, fand Rahi keinen Schlaf. Er sah den funkelnden Morgenstern am Himmel aufgehen. Dann erst schlossen sich seine Augen. Mah erschien ihm auf den Hügeln. Sie lief, und ihm, dem Greise, fehlten die Kräfte, ihr zu folgen. Dieser Traum erregte ihn maßlos. Als er stöhnend die Augen öffnete, sah er einen der Weisen neben sich kauern, der nach der Ursache seiner Unruhe fragte. Ohne zu zögern, erzählte der Häuptling seinen Traum. Er war krank, weil ein Mädchen, das er zum Weibe begehrte, vor ihm floh, ohne daß er es einzuholen vermochte. Der Weise beruhigte ihn. Diesem erfahrenen Manne war es wohl bekannt, daß es bei dem Tode Rahis einen Kampf zwischen den Parteien des Stammes wegen der Wahl seines Nachfolgers geben würde. Sollte man allen schon vorhandenen Schwierigkeiten – dieses Jahr stand unter einem schlechten Zeichen – auch noch inneren Zwiespalt hinzufügen? Die Voraussicht gebot, daß man dieses unheilvolle Ereignis solange als möglich verzögerte. Man mußte Zeit gewinnen und dem mächtigen Führer jeden unnötigen Kummer ersparen, denn das ganze Volk lebt durch ihn, wie der Körper durch den Kopf. Darum sollte er Mah bekommen. Der Weise selbst würde die Sache mit Timaki ordnen.

 

Timaki war von dem Vorschlag des Häuptlings überrascht, doch er gefiel ihm. Keinen vernünftigen Mann konnte eine derartige Verbindung gleichgültig lassen. Er hatte die Vierzig überschritten, und mit zunehmendem Alter wächst der Ehrgeiz. Wenn der Häuptling noch einige Jahre lebte, wer würde ihm dann nachfolgen? Warum nicht sein Schwiegervater? Zwischen dem Weisen und Timaki wurde also die Angelegenheit geordnet.

Als Timaki heimkehrte und die Sache mit seiner Frau besprach, machte es ihm wenig Mühe, sie zu überzeugen. Bahili hatte sieben Kinder zur Welt gebracht, und vier davon waren im Säuglingsalter gestorben. Sie wußte, wie hart das Los der Frauen war. Man mußte Kinder im Schoße tragen, sie nähren, unterweisen und kleiden und neben alledem noch für den Mann sorgen, dessen Ansprüche groß waren. Wenn er von der Jagd zurückkehrte, gab es nichts außer ihm! Wieviel tägliche Verdrießlichkeiten! Sie dachte, daß alle diese Mühen Mah erspart bleiben würden, denn der Häuptling wurde vom Stamme ernährt und erhielt von ihm alles, was er benötigte. Und überdies konnte sie ihre Tochter in der Nähe behalten. Dieser Umstand erfreute ihr Mutterherz.

Ähnliche Gedanken entwickelte sie noch am gleichen Tage Mah, nachdem sie sich sorgsam vergewissert hatte, daß niemand aus der Nachbarschaft sie belauschen konnte. Wenn man erfahren würde, daß der Häuptling eine Frau suchte, würde es nicht wenige Familien geben, die ihm ihre Töchter antrügen.

Sie besprach alles lange. Als sie innehielt, mußte sie mit Bestürzung erkennen, daß Mah ihr ohne Freude zugehört hatte, denn ihr erstes Wort war:

»Der Häuptling ist alt.«

»Er wird dich in Frieden lassen«, antwortete Bahili. »Ich habe mehr Erfahrung als du. Diese Heirat ist das Klügste, was es für dich gibt, du kannst es mir glauben.«

»Ich will keinen Greis zum Mann haben.«

»Du bist ein ganz albernes Geschöpf,« schloß ihre Mutter, »und ich bin nicht viel gescheiter, daß ich mich mit dir in Unterhaltungen einlasse. Du wirst einfach das tun, was uns richtig scheint.«

Und sie versetzte ihr einen Puff, der die Unterredung beendete.

Ein anderes Mädchen hätte geweint, und seine Mutter hätte es getröstet. Das erwartete auch Bahili. Mah aber weinte nicht. Ihr Gesicht blieb verschlossen und trotzig. Das brachte die gute Bahili ganz außer sich. »Was geht nur in den Mädchen von heutzutage vor,« dachte sie, »daß ihnen der Wille ihrer Eltern nichts mehr gilt.«

Am Nachmittag des nächsten Tages begleitete Mah ihren Bruder, der fischen ging. Er war erst morgens mit geringer Beute von einer Jagd zurückgekehrt. Sie gingen ein wenig stromaufwärts und legten sich auf die Steine im Schatten der Weiden, deren Zweige bis ins Wasser hingen. Doch trotz des Stückchens Haut, das sie auf der Wasserfläche tanzen ließen, zeigte sich kein einziger Fisch. Sie gaben es endlich auf und streckten sich im Moose aus. Vielleicht würden die Forellen später in der Dämmerung aus ihren Löchern herauskommen.

Es bestand tiefe Zuneigung zwischen Mah und No und selbst Zärtlichkeit. Er kümmerte sich viel um sie und liebte ihre Gesellschaft, obwohl die jungen Leute sonst ihre Schwestern vernachlässigten. Es war unter den Burschen üblich, zu tun, als verachte man die Mädchen, ihre Schwäche, ihre geringe Schnelligkeit im Laufen und die Abhängigkeit, in der sie von ihren Müttern gehalten wurden, die ihnen nicht gestatten, allein herumzustreifen. So tauschten sie mehr Spöttereien als Artigkeiten aus. Und wenn später, sobald die Knaben zu Männern heranwuchsen, andere Gefühle in ihnen erwachten, so waren es nur die Wälder rings um die Wohnstätten, die von diesem Geheimnis wußten.

No sprach gerne mit seiner Schwester über alles, was er in den Nachtwachen von den Alten gehört hatte. Alles, was sie wußte, verdankte sie ihm. So hatte sie fischen gelernt und, so jung sie noch war, die Schwämme, Beeren und genießbaren Wurzeln erkennen. Auch von den Gewohnheiten der Tiere erzählte er ihr und zeigte ihr, wie man die Spuren der einzelnen zu deuten vermag. Schweigend lauschte Mah dem großen Bruder, dessen farbige Darstellung die Tiere lebendig vor ihrem Geiste erstehen ließ.

An diesem Tage, da sie ihre Sorgen nicht zu zerstreuen vermochte, erzählte sie dem Bruder von dem Schicksal, das ihr drohte. Mußte sie wirklich, wie die Eltern es wünschten, jenem Greis als Weib folgen? Würde denn No zulassen, daß derartiges geschah? Das Herz der kleinen Mah floß über, und indes sie ihren Kopf zwischen den Armen barg, begann sie bitterlich zu weinen. Niemals noch hatte No sie so gesehen. Gerührt kam er näher zu ihr heran. Er zog sie an sich und streichelte sie liebevoll, um sie zu beruhigen. Und Mah fand so viel Süße in der Zärtlichkeit ihres Bruders, daß sie sich wohl hütete, ihr Weinen zu unterbrechen.

No begann ihr zuzureden.

»Warum weinst du, Mah? Ehe der Häuptling dich heiratet, vergeht ja noch so viel Zeit. Jetzt bist du hier bei mir, du wirst morgen bei mir sein und viele Tage noch. Warte doch mit dem Weinen, bis es an der Zeit ist. Rahi ist alt, er kann vorher sterben. Willst du, daß ich hingehe, ihm Angst zu machen? Ich nehme ein Wolfsfell um die Schultern und laufe auf ihn zu. Vor Schrecken wird seine Seele entfliehen ...«

So sprach er allerhand Unsinn, um seine Schwester zu beruhigen. Mah wurde auch nach und nach stiller, und bei einem neuen Scherz ihres Bruders lächelte sie schon durch Tränen.

Doch No wurde plötzlich ernst und begann zu überlegen. Er stand auf und ging bis zum Flusse hinab. Er nahm ein wenig Lehm von seinem Ufer. Zu Mah zurückgekehrt, begann er die feuchte Erde zwischen seinen geschickten Fingern zu kneten. Er formte auf diese Weise eine Figur, die einen Mann vorstellte. Er machte ihm eine hohe Frisur und gab ihm einen Stab in die Hand. Mah sah erstaunt, wortlos seiner Arbeit zu. Als er fertig war, flüsterte sie: »Der Häuptling!«

»Du hast ihm seinen Namen gegeben«, erwiderte No mit gesenkter Stimme, obwohl sie allein waren. »Verbirg ihn an deiner Brust, Schwesterchen. Heute abend, wenn der erste Stern zu schimmern beginnt, durchbohre sein Herz mit einer Nadel. Dann muß er sterben.«

Mah erschauerte. Würde sie dieses Verbrechen begehen? Sie schloß die Augen ... Rahi erschien ihr, runzelig, gebückt und zitternd ... Sie griff nach der Figur und hüllte sie in ein Ahornblatt.

Schweigend blickten sie beide vor sich nieder. Was sie eben beschlossen hatten, brachte sie einander noch näher.

Mah unterbrach die Stille, und ihre Worte waren der Ausdruck ihrer stummen Gedanken.

»Die Liebe ist etwas Schreckliches«, sagte sie. »Auch die Tiere fühlen wie wir.«

No sprach voll Ernst, denn dieses Thema beschäftigte ihn sehr, und er hatte darüber viel von den Weisen gehört:

»Liebe ergreift Menschen und Tiere. Sie verursacht großen Kummer und vieles Blutvergießen. Des Nachts kannst du Katzen so herzzerreißende Schreie ausstoßen hören, als wären sie menschliche Wesen. Sie kratzen und quälen einander, wie Menschen, die von bösen Geistern besessen sind. Kein Hirsch läßt einen anderen in die Nähe seiner Weibchen. Die Auerhähne tanzen in den Wäldern vor ihren Hennen, wie wir vor den Mädchen, und die Bisons bekämpfen einander mit rasender Wut, wenn die Liebe sie überfällt. Vor einigen Monaten sah ich, als ich gegen Osten wanderte, zwei Bisonstiere miteinander kämpfen. Ich war auf einen Baum geklettert, und in ihrer blinden Wut haben sie mich nicht bemerkt. Sie hatten ihre Herde verlassen, und ein Weibchen war ihnen gefolgt. Gleich uns haben auch sie ihre bestimmten Kampfregeln, und wenn man ihnen zusieht, erkennt man, daß sie Wesen wie wir sind, und zum Leben nur eine Form gewählt haben, die nicht menschlich ist. Sie stampfen den Boden mit ihren Füßen, stürmen vor und weichen zurück und brüllen dumpf mit so unheimlichen Lauten, daß man glauben könnte, sie fordern einander in einer Sprache heraus, die nur wir nicht verstehen. Dann betrachten sie sich einen Augenblick und gehen aufeinander los. Ihre mächtigen Körper recken sich. Weder der eine noch der andere weicht zurück. Dann verlassen sie einander, entfernen sich ein wenig und stürzen von neuem vor. Den Lärm, den das Zusammenprallen der beiden Schädel verursacht, kannst du dreihundert Schritte weit hören. Es ist ein Wunder, daß der Stoß nicht die Köpfe spaltet. Niemals aber hat man einen Bison gesehen, der in solchem Kampfe den Tod fand. Ihre Hörner sind zu kurz, um schwere Verwundungen zu verursachen, doch bald triefen sie von Blut. Endlich, nach einem noch heftigeren Angriff, wankt einer von ihnen und bricht nieder. Wie ein Berg liegt er dann auf dem Boden. Der andere schlägt noch mit seinen Hörnern und Hufen nach ihm und läßt ihn liegen ... Dann geschieht, was man überall sieht, der Sieger entführt das Weibchen; sie verlassen die Herde und verbringen die Zeit ihrer Liebe in der Einsamkeit der Wälder.«

»Wie glücklich ist so ein Weibchen,« sprach Mah, »denn der Stärkste, der Schönste ist es, der sie gewinnt.«

»Wenn die Männchen alt werden,« erzählte No weiter, »dann kämpfen sie nicht mehr. Sie wagen es nicht, sich den Weibchen zu nähern. Einsam und kummervoll irren sie umher.«

»Bei ihnen liegen die Dinge viel besser als bei uns«, seufzte Mah. »Nur bei den Menschen ist es möglich, daß ein Greis ein junges Mädchen zur Frau begehrt.«

»Mensch bleibt Mensch,« schloß No altklug, »er steht über dem Tier, das seine Jagdbeute wird, und von dem er sich nährt.«

Mah erhob sich. Für heute hatte sie genug geplaudert. Jetzt wollte sie spielen.

»Machen wir einen Wettlauf, bevor wir heimgehen, dorthin bis zu jener Birke?« fragte sie No. »Aber du mußt mir zehn Schritte vorgeben.«

Sie nahmen ihre Stellungen ein. Dann rief No plötzlich: »Los!« und flog, wie der Speer aus der Hand des Jägers. Mah schnellte wie ein Pfeil davon. No bewunderte sie entzückt, wie sie vor ihm herlief, daß man kaum ihre Füße den Boden berühren sah. Nicht weit vor dem Baum hatte er sie fast eingeholt. Sie zögerte, als sie die Schritte ihres Bruders knapp hinter sich vernahm. Mit halbgeöffnetem Mund und funkelnden Augen verlangsamte sie ihren Lauf. No nahm sie in seine Arme und preßte sie an sich. An seiner Brust fühlte er Mahs Herz so stürmisch pochen, wie das eines erschrockenen Vögleins, das man in der Hand gefangen hält.

 

In der Dämmerung erwartete Mah hinter einem Steinblock im Lager versteckt das Hereinbrechen der nächtlichen Finsternis. In ihrer linken Hand lag das Tonmodell, das ihr Bruder verfertigt hatte und dem sie durch den Namen ein geheimnisvolles Dasein gegeben hatte. Endlich blinkte der Abendstern auf. Mah hielt eine Knochennadel in der rechten Hand. Sie senkte sie mit einem einzigen Stoß an die Stelle des Herzens der Figur, die die sterbliche Hülle des alten Häuptlings beschwor. Der Lehm widerstand wie Haut und Fleisch eines lebenden Körpers und schloß sich dann über der Nadel.

Mah bebte. Sie erwartete, daß Blut aus der Wunde quelle. Die Waffe durfte nicht vor dem nächsten Morgen herausgezogen werden.

 

Einige Tage vergingen. Mah war jetzt vollkommen ruhig. Das angewandte Mittel war unfehlbar. Nachdem die Nadel entfernt war, hatte sie die Figur in kleine Stücke zerbrochen und geheimnisvoll im Flusse versenkt. –

Die Feierlichkeiten der Einweihung rückten heran, ihnen sollten die Hochzeitsspiele folgen. Dank der Jahreszeit vergaßen die Leute vom Fluß ihre Sorgen und dachten nur daran, sich der schönsten Tage des Jahres zu freuen. Es war wie eine Waffenruhe, und man war stillschweigend übereingekommen, an die Zukunft mit all ihren Bedrohungen nicht zu denken.

Eines Morgens verbreitete sich die Kunde von Hütte zu Hütte, daß die Händler eingetroffen seien. Sie kamen fast jedes zweite Jahr, zu Beginn des Sommers, um die Felle einzutauschen, die die Jägervölker gesammelt hatten. Sie waren die einzigen Fremden, die wie Gäste empfangen wurden. Die Nachbarstämme, mit denen die Nachkommen des Bären in ständiger Berührung standen, waren ja von gleicher Rasse wie sie selbst. In den Adern der Händler aber rollte anderes Blut. Sie kamen aus weiter Ferne, und schon bei ihrem bloßen Anblick erkannte man, daß sie wunderbare Dinge erlebt haben mußten. Es waren große Männer, mit königlicher Haltung. Ihre Hautfarbe war matt, und schwarz wie die Nacht war ihr Haar und ihr gekräuselter Bart. Ihre mandelförmigen Augen glühten dunkel und heiß, und wenn sie sprachen, entzückte der warme Tonfall ihrer tiefen Stimme.

Sie wohnten nach ihren Erzählungen hundert Tagemärsche weit, und ihre Reise dauerte also zwei Drittel des Jahres. Im Frühling waren sie ausgezogen, und vor dem Herbst würden sie nicht wieder heimgelangen. Auf ihrem Wege mußten sie Einöden ohne Wasser durchqueren, in denen Untiere lauerten, um sich vor Sonnenaufgang auf die Wanderer zu stürzen. Man kam durch Gegenden, in denen es Menschen gab, die den Kopf mitten auf der Brust trugen, und durch andere, wo den Leuten ein Schweif tief am Kreuz herabging, mit dessen Hilfe sie sich auf den Zweigen schaukelten. Hohe Berge hatten sie zu überwinden, zwischen denen die Nebel auf Befehl eines boshaften Dämons über den Abhängen der Schluchten hingen und dem Reisenden den Weg verbargen, daß er sich im Sturz die Knochen zerbrach. Wenn man alle diese Gefahren bestanden und durch Sprüche die Geister und Dämonen gebannt hatte, dann erst konnte man in das Land der Händler gelangen.

Im Westen bespülte das unendliche Meer seine Ufer. Doch im Süden und Osten dehnten sich andere Länder, so das Reich der Glut und des Feuers. Der Sand brannte dort wie die glühenden Steine des Herdfeuers und stieg manchmal als Säule gegen den Himmel. Ein Baum entzündete sich plötzlich, und sein ersterbendes Schimmern erschreckte nachts den lauernden Jäger.

Von dort nochmals hundert Tagemärsche weit wuchsen die Gewürze, die der Vereinigung von Tier und Blume ihr Dasein verdankten. Die Einwohner dieses Landes besaßen nur ein Auge mitten in der Stirne. Niemals verließen sie ihre Heimat. Sie ließen niemanden in ihr Land, um die kostbaren Produkte ihres Bodens zu kaufen, außer den Angehörigen eines benachbarten Stammes, die als Mittler zwischen ihnen und den Händlern dienten. Auf diese Art bezogen die Händler die Gewürze, die sie über die ganze Welt verteilten.

Auch Muscheln führten die Händler mit sich. Die Leute vom Fluß begehrten sie leidenschaftlich, weil sie ihnen Freude machten und auch als Schmuck dienten. Gewiß besitzt der Duft der Gewürze, der unsichtbar in uns dringt, geheimnisvollen Reiz. Aber den Muscheln haftet ein nicht minder verborgener Zauber an. Wenn man sie dem Ohre nähert, beginnen die Geister, die in ihnen wohnen, vernehmlich zu summen, und die Händler erklärten, daß sie auf diese Weise das Geräusch des erzürnten Meeres nachahmten, dem man sie entrissen hatte.

Alles dies erzählten die Händler in einer sonderbaren Sprache. Im Laufe ihrer vielen Wanderschaften hatten sie die wichtigsten Worte aus der Sprache eines jeden Volkes, das sie besuchten, erlernt. Sie verwendeten sie in ausdrucksvoller Art und erweckten Bilder, die man nicht wieder vergaß.

Erstaunlich war auch an ihnen, daß sie von Männern begleitet waren, die sie ihre Diener nannten, die ihre Säcke trugen, ihnen das Feuer anzündeten und ihre Nahrung bereiteten. Wenn diese Diener nicht zur Zufriedenheit ihrer Herren arbeiteten, dann gaben sie ihnen Schläge, die diese, ohne sie zurückzugeben, hinnahmen. Unbegreiflich war dies den Leuten vom Fluß, für welche die Jagd Arbeit und Vergnügen war, die schönste aller männlichen Beschäftigungen, weil sie Gefahr enthielt und der Arbeit damit die Würze gab. Wozu brauchte man einen Diener? Und wenn man ihn auch gewünscht hätte, wo fand man ihn? Bei den Nachkommen des Bären, in denen das gleiche Blut, das des großen Ahnen, lebte, war die Pflicht des Mannes und sein Stolz: Frau und Kinder und die greisen Eltern zu ernähren. Sie bildeten ein freies, adeliges Volk. Und wenn die Händler berichteten, daß jeder von ihnen zu Hause zehn Diener habe, dann lachten die »Bären«. Wozu brauchen sie Diener? Waren sie denn Weiber, die sich ihre Nahrung nicht selbst beschaffen konnten?

Diese Diener waren von schwarzer Hautfarbe, ihr Haar war gekräuselt, sie hatten wulstige Lippen und eine breite, eingedrückte Nase. Wenn sie lachten, zeigten sie weiße Zähne wie die eines Wolfes. Abends im Lager bei dem Feuer, das sie auch im Sommer anzündeten, sangen sie mit ihren weichen Stimmen so traurige Lieder, daß man den Gegensatz zwischen ihrem Lachen und ihrem Singen nicht genug bestaunen konnte. Es war, als würden zwei ganz verschiedene Menschen in ihnen leben. –

No und Mah erwarteten die Händler immer schon mit Ungeduld. Neue Halsketten würden sie bekommen, schmücken würden sie sich können! Gingen Wünsche höher? Dennoch betrachtete No, wenn er auch gerne ihren Erzählungen lauschte und seine Jagdbeute vorteilhaft an sie abließ, diese Fremden mit ein wenig Geringschätzung, war doch ihre Lebensweise von der seinen allzu verschieden. Für Mah aber stellten sie das Schönste dar, was ihrer Phantasie Anregung gegeben hatte. Das Los dieser herrlichen Männer, welche die Welt, von ihren Dienern gefolgt, durcheilten, schien ihr beneidenswert. Sehnsüchtige Träume erweckten sie in ihr, und wenn sie fortzogen, dann folgte ihnen die Seele dieses Kindes und vergaß das Land und die Wohnstätten, in denen die Leute vom Fluß in Kälte und Feuchtigkeit lebten.

Sobald die Händler sich in der Waldlichtung niedergelassen hatten, galt ihr erster Besuch dem Häuptling, dem sie die üblichen Geschenke, Perlmuttermuscheln und duftende Kräuter, überreichten. Nach Erfüllung dieser Pflicht befaßten sie sich mit ihren Geschäften.

Eines Tages, kurz nach Sonnenaufgang, sah Mah einige der Händler in der Nähe der Terrasse. Es waren nur fünf, vermutlich hatten die anderen ihr Zelt noch nicht verlassen. Ein Schwarzer zog an der Spitze der kleinen Schar, und suchte den Weg in dem Geröll der Felsen. Hinter ihm ging Nachor, der Führer der Händler, ein beleibter großgewachsener Mann. Ihm folgten ein Jüngling, dessen schlanke, fast mädchenhafte Gestalt und breite Schultern ihr auffielen, und zwei schwarze Diener, die mehrere Säcke trugen.

Am liebsten hätte Mah sie nicht einen Augenblick aus den Augen gelassen. Eine plötzliche Überlegung hieß sie jedoch in die Hütte eilen. Sie nahm dort etwas Rot und Schwarz aus gehöhlten Steinen, einige Blumen, die sie am Tage vorher gepflückt hatte, und machte sich am Ufer des spiegelnden Baches schön. Akeleien und Narzissen steckte sie in ihr Haar, sie färbte den Bogen ihrer Lippen, und mit ein wenig schwarzem Staub unterstrich sie ihre Augen, die wie der Morgen leuchteten.

Kaum war sie fertig geworden, als der Neger, der den Zug eröffnete – köstliche Überraschung! – schon bei ihr angelangt war. Furchtsam lief sie zunächst zu ihrer Mutter, um sie zu holen. Timaki hatte die Fremden kommen sehen; schon verneigte er sich vor ihnen, und sie erwiderten seinen Gruß mit großen Ehrenbezeugungen, ähnlich jenen, die die Mädchen tanzend vor der heiligen Eiche ausführen. Dann hockten sie vor dem Eingang der Hütte nieder, wo No, hochmütig und ganz vertieft ein Renntierbild in ein Stück Horn schnitzend, ihr Kommen nicht beachtete.

Mah betrachtete sie halb verborgen. Ihre Kleider waren aus dem gefleckten Fell eines Tieres gemacht, das Mah nicht kannte, und besaßen einen ganz anderen Schnitt, als die der Leute am Fluß. Ihr Wams war länger und fiel faltig bis zu den Knien, was Mah ausnehmend gut gefiel. Um die Stirne trug Nachor ein Band aus aneinandergereihten Federn des Eisvogels, blau wie der Morgenhimmel im Hochsommer. Wenn man ihn nur betrachtete, verstand man schon aus der Art, wie er den Kopf zurücklegte und den Bauch gewichtig vorstreckte, daß dieser Häuptling der Händler ein bedeutender Mann sein mußte. Seine große Adlernase war wie der Griff eines Führerstabes gebogen, und sein buschiger Bart fiel in dichten Locken auf die Brust. Aber erst sein Sohn, der ihm folgte! Er besaß den Schwung und die Geschmeidigkeit des Farnkrautes, die leuchtenden Augen des Schneehuhnes und wiegte sich in den Hüften, gleich dem Schilfrohr am Flusse, wenn die Abendbrise darüber hinstreicht. Doch seine Schultern waren breit und mächtig wie die eines jungen Bisons.

Mah stand sprachlos mit offenem Munde. Wie angezogen von diesem wunderschönen Jüngling kam sie zögernden Schrittes aus ihrem Verstecke hervor und blieb hinter ihrem Vater stehen. Nun sahen sie die Händler und blickten erstaunt auf die Schönheit ihres Antlitzes und die Anmut ihres Schreitens.

»Mah!« sprach Nachor überrascht und neigte den Kopf gegen sie.

Sie aber wußte sich vor Stolz kaum zu fassen, daß ein so mächtiger Mann sich ihrer und ihres Namens erinnerte.

»Als ich sie das letztemal sah,« fuhr er fort, »war sie ein Kind, und jetzt finde ich sie als Blume wieder. Glücklich, wer sie pflücken wird!«

Sein Sohn sagte nichts. Seit dem Augenblick, da Mah erschienen war, hatte er keinen Blick von ihr gewandt. Sie fühlte das süße, heiße Feuer seiner Augen, das sie durchflutete und sengend in ihr brannte. Sie zürnte ihm, weil er ihr Leiden schuf.

Timaki hatte indessen die Zobelfelle aus ihrem Versteck geholt. Als man immer mehr vor den Händlern ausbreitete, rief seine Frau: »Ba! ba! ba!« als könnte sie ihre Bewunderung nicht bändigen.

Nachor nahm die Felle in die Hand, befühlte sie und zog an ihren Haaren. Dann, nachdem er sie beiseite gelegt hatte, gab er einem Diener ein Zeichen, und dieser brachte einen schweren Sack herbei, den er vor ihn niederlegte.

Der Händler öffnete ihn und zog die perlmutterschimmernden Muscheln hervor; sie glichen der Morgenröte an einem klaren Himmel. Dann wählte er mit größter Behutsamkeit eine Kette von rosa Muscheln, die ganz die Farbe frischerblühter Heckenrosen hatten. Er erhob sich, näherte sich Mah, verneigte sich vor ihr und ließ die Kette auf ihren Hals gleiten.

»Dies ist die schönste, sie sei für dich«, sprach er.

Timaki aber, ohne auch nur die Schätze Nachors anzusehen, nahm ruhig die Zobelfelle wieder zusammen und warf sie in die Hütte.

Sie sprachen nun von anderen Dingen. Diese Gespräche mit den Händlern, die jeden Tauschhandel unterbrachen, waren bei den Leuten vom Fluß ungemein beliebt. Sie brachten ihnen einzige Kunde von Ländern, von denen sie nicht einmal eine Vorstellung hatten, wo diese gelegen waren. Die Leute vom Flusse hörten ernsthaft zu. Eine geheimnisvoll fremdartige Welt sandte durch den Mund dieser Händler ihr Raunen bis in die friedlichen Wohnstätten der Bärensöhne. Sie hörten von Wanderungen ganzer Völker über phantastische Entfernungen, gleich gewaltigen Strömen, deren letzte Welle vielleicht einst hier am Fuße der Terrasse ersterben konnte. Dann erzählten auch sie von ihrem Leben, das täglich mühsamer wurde, von den trügerischen Jahreszeiten, von dem Verschwinden der Renntiere.

Sie erzählten lange, dann begann von neuem die Unterhaltung über den geschäftlichen Zweck des Besuches.

Diesmal zog Nachor die Gewürze aus dem Sack. Bahili trat näher, legte eine Fingerspitze voll davon in ihre gewölbte Hand, führte sie witternd an ihre Nase oder kostete mit einem raschen Schlag der Zunge davon. »Ba! ba!« sagte jetzt der Anführer lächelnd.

Sein Sohn, der den Namen Ophir trug, nahm aus der Hand eines der Diener ein rotbemaltes kleines Säckchen. Er trat zu Mah und überreichte es ihr mit liebenswürdiger Geste. Ein Duft stieg daraus hervor, stark und angenehm, den sie noch nie eingeatmet hatte. Sie blieb stumm, mit halbgeschlossenen Augen. Ophir wiegte sich vor ihr in den Hüften. Er trat noch einen Schritt näher. Sein Vater, Timaki und Bahili waren in ihre Geschäfte vertieft und beachteten sie nicht. Ophir strich mit der Hand über den Rücken Mahs, streifte mit den Fingerspitzen die Renntierweste, und glitt vom Hals, den er leicht berührte, bis zu den Lenden, während aus seiner Kehle ein leichtes Geräusch wie das Girren eines Taubers klang. Mah fühlte durch ihre Kleidung die Liebkosung auf der Haut. Ihre Beine begannen zu zittern. Es war fast nicht zu ertragen. Und doch hätte sie gewünscht, daß es ewig währe ...

Das Feilschen hinter ihnen dauerte indessen an. Die Zobelfelle lagen ausgebreitet neben der Hütte. Die Säckchen aus Rattenhaut mit ihrem duftenden Inhalt standen vor Bahili in Reih und Glied. Jetzt ließ auch No seine Arbeit und mengte sich in den Handel. Der Kopfputz des Anführers gefiel ihm über alles. Die Reflexe des Sonnenlichtes in den Federn ließen bald die tiefblaue Farbe des Morgenhimmels, bald die Schattierungen eines prächtigen Sonnenunterganges erstehen.

Nachor bewahrte seine überlegene, zufriedene Miene. Er sprach viel. Timaki blieb schweigsam. Bahili versorgte sich mit Gewürzen. Im Fieber des Geschäftes beachtete niemand die jungen Leute, die sich entfernt hatten.

Ophir sprach mit leiser Stimme auf Mah ein. Schwach klang ihr »Nein, nein«. Zwanzigmal war indes der Handel vor der Hütte knapp vor dem Abschluß wieder auseinandergegangen. Endlich zeigte Nachor noch eine aus den Wirbelknochen einer Schlange gefertigte Kette, die so gleichmäßig gearbeitet war, daß man eine von der anderen nicht hätte unterscheiden können. Er fügte sie seinen Säckchen hinzu. Damit war der Handel geschlossen.

Der Führer der Händler sprach jetzt zu Timaki:

»Du hast mich ganz ausgeraubt, mein Freund. Ich bin jetzt arm. Es bleibt mir nichts übrig, als nach Hause zurückzukehren. Doch höre zu, Timaki, wir kennen uns schon seit so langer Zeit, und du wirst mich nicht täuschen. Sage mir, ob du nicht noch ein Fell versteckt hältst, das seltener ist als diese hier.«

Timaki erwiderte nichts. Nachor wurde daraufhin nur noch eifriger. Er warf sich halb ernst, halb scherzend vor Timaki auf die Knie. Er umarmte ihn, tat, als ob er weinen würde, und brachte Timaki zum Lachen. Schließlich trat Timaki in die Hütte und kam mit dem Fell eines Silberfuchses zurück, das er wortlos ausbreitete.

Noch nie hatte Nachor ein solch prächtiges Stück gesehen, und staunend verstummte er. Als er sich wieder gefaßt hatte, zog er vom Grunde des Sackes ein Halsband von eigenartigem Geschmack hervor; über einer Reihe von rosa Muscheln lagen zwei Reihen Wirbel eines Hechtes, beide wurden in gleichen Abständen von wunderbar regelmäßigen Hirschzähnen unterbrochen. Timaki aber ging nicht darauf ein. Endlich, nach langem Zieren, nahm Nachor aus einem Hermelinsäckchen eine Muschel von der Größe einer Hand, mit gewundenem Gang und von einer Spitze zur anderen gespalten. Sie war fleischfarben, aber durch den Spalt sah man das Innere der Muschel, das blutrot gefärbt war. Timaki, Bahili und No betrachteten sie staunend. Wer von den Leuten des Flusses konnte sich rühmen, einen solchen Schatz sein eigen zu nennen?

»Es ist das Kostbarste, was ich besitze«, sprach der Händler. »Diese Muschel stammt nicht aus unserem Meere, sondern aus jenem, das – wie man erzählt – gegen Sonnenaufgang zu das Land der Gewürze bespült. Jene, die sie zu uns brachten, haben auf ihrer Reise zwölfmal den Vollmond am Himmel aufgehen und verschwinden gesehen. Nie dachte ich, mich von ihr zu trennen. Jetzt liegt sie hier vor deinen Füßen. Nimm sie und sprich kein Wort, denn mein Herz blutet.«

Er seufzte. Ein Schweigen entstand. Dann ließ Timaki den Silberfuchs los und bemächtigte sich der Muschel.

Nachor zeigte noch immer seine bekümmerte Miene, doch im Innern war er überaus befriedigt. Auf seiner ganzen Reise hatte er nirgends so gut bearbeitete Zobelfelle gesehen. Und erst der Silberfuchs! Das war ein wunderbares Stück. Wie mochte es nur diesen Frauen, Bahili und der kleinen Mah, gelingen, die Felle, die sie bearbeiteten, so wundervoll geschmeidig zu erhalten? Da lag ein Geheimnis versteckt, dessen Preisgabe wohl manches Opfer wert wäre! Er hob den Blick und sah seinen Sohn, der zu Mah geneigt stand, die zu ihm auflächelte. Und da wußte er, daß es nicht allzu schwer sein werde, dieses Geheimnis und obendrein noch das Mädchen selbst zu erringen. Gewachsen wie sie war, würde sie ihm schöne Enkel schenken. Doch dies war eine andere Sache als die Geschäfte, die er täglich abschloß. Es konnte Schwierigkeiten geben. Die Leute vom Fluß waren von Hochmut geschwellt. Wer nicht Jäger war, zählte in ihren Augen nicht. Die Sache wollte reiflich bedacht sein, nur mit List konnte sie gelingen ...

Als er eben von Timaki Abschied genommen hatte, fiel sein Blick auf das Stückchen Horn, in das No ein kniendes Renntier geschnitzt hatte. Zerstreut nahm er es in die Hand, um es zu betrachten. Niemals noch hatte er Ähnliches gesehen. Keines von all den Völkern, mit denen er Handel trieb, war jemals auf den Gedanken gekommen, lebende Tiere darzustellen. Was waren das doch für sonderbare Leute hier am Fluß! Sie waren geschickt und hatten wunderbare Einfälle. Dieser No, dem man nicht zugetraut hätte, daß er für etwas anderes als für die Jagd tauge, setzte sich da einfach hin und schnitzte ein Renntier – es war nicht zu verkennen. Der Händler betastete das Stückchen Horn erstaunt und erfreut. Und nach und nach begann sich in seinem Kopfe der Gedanke festzusetzen, daß dieses Ding vielleicht irgendeinmal – man wußte nicht wo und man wußte nicht wann – ein wertvolles Tauschstück sein könnte, ebenso wie ein schönes Pelzwerk ...

Er sprach zu No: »Überlaß mir dieses Renntier.«

No begann zu lachen:

»Aber du bist doch kein Jäger, was willst du damit anfangen?«

Der Händler fuhr fort:

»Ja, ich habe manchmal meine Gedanken, die oft seltsam sind. Ich möchte dieses Renntier gerne besitzen.«

»Nun gut, aber dann gib mir deinen Federschmuck dafür«, erwiderte No, immer noch lachend.

»Meinen Federschmuck? Meinen Federschmuck!« wiederholte der Händler. »Du bist wohl nicht bei Verstand! Meinen Federschmuck!«

Er betrachtete nochmals das Renntier und nahm dann, zur höchsten Verwunderung Nos, der all dies nur als Scherz betrachtet hatte, sein Federnband vom Kopfe und reichte es ihm.

»Hier,« sprach er, »du richtest mich zugrunde. Nichts bleibt mir mehr. Aber da du der Sohn meines Freundes bist, soll dein sein, was du dir wünschest.«

Schon war das Stückchen Horn in einem der Säcke verschwunden. Nun erhob sich der Händler. Er kam zu Mah und überreichte ihr ein duftendes Säckchen.

»Ein kleines Geschenk für das schönste Mädchen.« Er faßte ihre Hand und drückte sie an sein Herz. »Wir werden uns noch sehen«, fügte er hinzu.

Dann verließen sie die Terrasse und kehrten nicht mehr zu der Hütte Timakis zurück.

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