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Empor!

Ida Boy-Ed: Empor! - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEmpor!
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
firstpub1892
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Arvid Cederström war kein gewissenloser Mensch, sondern der feingefügteste Gegensatz zu einem solchen. Er war ein vornehmer Schwede; das will sagen, er besaß die Genußfreudigkeit, die Eleganz und die Grazie eines Parisers, verbunden mit einem Hang zum zergliedernden Grübeln, zur schwermütigen Entnüchterung. Er war blasiert.

Aber er war es in einer besonderen Art. Er war nicht des Lebens müde und floh nicht die Freuden, aber er begleitete sein und anderer Tun und Lassen mit steter Beobachtung. Er stellte fortwährend Ursprung, Dauer, Zweck und Wert aller Genüsse fest. Er verschmähte nicht die Lüge, das heißt, er fügte sich als Weltmann den Gesetzen der Höflichkeit und Konvention, aber er stellte immer bei jeder Handlung für sich fest, daß sie überflüssig, verlogen und ein Zugeständnis an die kranken Sitten der Gesellschaft gewesen.

Er konnte anziehend und verbindlich mit jedermann über die nichtigen Gegenstände plaudern, welche den Inhalt der »Konversation« machen, aber er dachte dabei fortwährend, daß es eine strafwürdige Zeitvergeudung sei, über andere als wesentliche Dinge zu sprechen.

Er tanzte mit Grazie und Feuer, aber sein Herz war traurig, wenn er auf die nackten Schultern der jungen Weiber, auf ihre Gefallsucht und auf das ganze Balltreiben überhaupt sah.

Über jede Frage, die der Tag, das Leben der Menschen untereinander, aufwarf, konnte er gesammelt, lange und tief nachdenken und liebte es, sich streitend auszusprechen.

Daß er in Herrn Tom, auf den er durch die Verhältnisse zumeist angewiesen war, keinen anregenden Gegner oder Gesinnungsgenossen fand, übersah er bald. Aber er kam nicht dazu, sich mit Herrn Tom zu langweilen, weil er diesen sofort zum Gegenstand seines genauen Studiums machte.

Nach wenig Tagen schon hatte Arvid diesen guten, ohne viel Sorgengedanken in den Tag hineinlebenden Mann ganz durchschaut.

Er konnte sich vor Erstaunen über so viel flache Genügsamkeit nicht fassen und faßte es sogleich als seine Pflicht auf, diesen braven Menschen zu einer höheren Ansicht vom Dasein zu führen.

Toms Tage spannen sich so gemütlich ab. An den Streit, den ewigen Streit mit seiner kleinen Frau hatte er sich längst gewöhnt. Das war nun mal so in der Ehe. Seinen Freunden Hans Mühlheim und Fritz Harding und Doktor Feller war es geradeso gegangen. Erst ein paar selige Flitterwochen und dann dies mehr oder minder unerträgliche Nebeneinander, in dem man sich aber doch unlöslich gefesselt fand durch die Gemeinschaft der Lebensinteressen.

Diese stellten sich für Herrn Tom dar: in dem gleichen Umgangskreis, dem beiderseitigen Vermögen und dessen stetem Anwachsen, dem gemeinsamen Mittagstisch und dem Namen, den beide trugen.

Er war oft sehr böse mit seiner Frau und sagte jeden Tag, daß er es nicht aushalten könne. Aber als etwas Außergewöhnliches sah er seine Art von Ehe gar nicht an. Hätte man ihm gesagt, daß er Signe nicht mehr liebe, wäre er sehr empört gewesen, denn allemal in den Gesellschaften sah er's mit Genugtuung, daß sie am schönsten aussah.

Daß ihr Kind gestorben war, fand er damals recht schade und er hatte wirklich bitterlich darum geweint. Aber das war nun schon so lange her, und die Zeit verwischt eben viel. Sie waren ja auch noch jung, Signes zarte Gesundheit konnte sich wieder kräftigen, der Himmel konnte ihnen wieder ein Kind schenken, na, und dann war Signe versorgt und aufgehoben und hatte etwas zu tun.

All dies bekam Arvid Cederström zu hören in den Gesprächen, die er mit Tom begann. Er wollte sprechen, um Toms Ansichten vom Wesen der Dinge zu hören, Tom war aber nur gewöhnt und befähigt, die Dinge selbst zu sehen. So kam es, daß Arvid von ihm, anstatt Gedanken über die Ziele der Ehe überhaupt, genaueste Daten über die äußerlichen Zustände seiner – Toms – eigenen Ehe vernahm.

Denn Tom sah in dem Schweden sogleich einen brüderlichen Freund, vor dem man keine Geheimnisse zu haben brauche. Übrigens wußte das ja auch sowieso die ganze Stadt.

Ein Mann wie Arvid mußte sich mit seinem ganzen Interesse von diesen Dingen eingenommen fühlen.

Er gestand Tom, daß eine solche Ehe ihm eine entsetzliche Lüge scheine und daß, wenn er einmal heirate, ein gemeinsames Seelenleben für ihn Bedingung wäre.

Tom lachte ihn aus. Das seien überspannte Vorstellungen. In der Praxis nachher sei das Leben doch einmal etwas weniger zart.

Arvid hatte am ersten Tag an Signes Vater geschrieben, daß er seine Tochter glücklich gefunden habe. Zu einem zweiten Bericht konnte er sich nicht entschließen, obschon er sich nun doppelt zu demselben verpflichtet fühlte.

Vielleicht, dachte er, fände es sich, daß Signe auch keine anderen Ansprüche an ein Zusammenleben mache und dann kannte er nichts tun, als zwei so unreife, an dem Äußeren haftende, von Lügen verstrickte Menschen ihre flache Straße weiter ziehen lassen.

Zwar glaubte er schon am ersten Abend bemerkt zu haben, daß Signe mehr wolle und mehr denke als ihr Mann, aber ehe er zu einer festen Meinung kam, bedurfte es für ihn des »Studiums«. Also studierte er nun Signe.

Irene saß mit Unbehagen dabei, wenn beide sich in lange Debatten verloren, die deutsch angefangen wurden, aber nach den ersten wechselnden unwillkürlich in der ihr fremden Sprache fortgesetzt wurden.

Zu jeder Tageszeit erschien Arvid oben in Signes Wohnung. Sie lud ihn fast täglich zu Tisch. Die ganze Gesellschaft sprach schon über diesen Verkehr, auch Frau Steinbrück äußerte sich spöttisch. Tom ließ diese Intimität gleichmütig hingehen.

»Laß sie nur mal ihre überspannten Ideen an den Mann bringen, wenn er Geduld hat, zuzuhören. So etwas erleichtert. Und übrigens ist ja die Meltzow immer da,« sagte er zu seiner Mutter.

Und in den Gesellschaften war man so beflissen, Signe immer ihren Landsmann zu Tisch zu geben.

Daß Fribo Steinbrück sich nicht in die Angelegenheit mischte, war für Irene ein Rätsel. Aber er schien kaum mehr im Hause, kaum mehr in der Stadt zu sein.

Wie man unter einem Dach wohnen und sich für einen Mitbewohner so unsichtbar machen konnte, war für Irene täglich neu erstaunlich.

Zweimal schon hatte sie sich dabei ertappt, daß sie versuchte, eine Begegnung zu erzwingen. Sie war die Treppe heraufgekommen, als er nach Beendigung seiner Mittagspause in seine Praxis ging. Er war mit stummem Gruß vorbeigegangen. Ihr aber wankten die Knie.

Irene fragte sich wieder und wieder, ob es nicht ihre Pflicht sei, mit Fribo zu sprechen.

Worüber denn? Hatte sie nur einen Blick, ein Lächeln in Signes reinen Zügen beobachtet, welches sie nur zu Sorgen berechtigte? Nur eine Miene, ein Wort von Arvid gesehen, gehört, welches unlauteren Verdacht aufkommen lassen konnte?

Aber dennoch war Signes Wesen ein anderes geworden. Es schien ein Zug von Festigkeit sich auszubilden, der noch vor ganz kurzer Zeit darin gefehlt.

Wer doch hätte ergründen können, was in diesem erwachsenen Kinde vorging?

Ein ganz eigenartiger Vorfall sollte Irenen darüber Aufklärung geben.

An einem Nachmittage, als man eben abgespeist hatte, trat Frau Steinbrück bei ihren Kindern ein.

»Denkst du auch daran, daß wir Sonntag zum Abendmahl gehen müssen,« fragte Frau Steinbrück ihren Sohn, nachdem sie Irene mit großer Freundlichkeit und Signe etwas flüchtig begrüßt hatte.

»Ach,« machte er voll Überdruß.

»Wir gehen alle Jahr am ersten Sonntag des Februars hin,« sagte sie erklärend zu Irenen, »Ostern mag ich nicht, dann ist die Kirche so voll. Im Sommer sind wir an der See, und wenn man für so was nicht einen festen Tag hat, kommt man nie dazu.«

»Aber es ist wieder seit ein paar Tagen schändlich kalt,« mahnte Tom, »und du holst dir jedesmal sowieso was weg in der alten Kirchenluft.«

Irene folgte diesem Gespräch mit immer wachsendem Erstaunen.

»Leider Gottes,« gab Frau Steinbrück seufzend zu, »aber unser alter Pastor Mühler nähme es direkt übel, wenn wir nicht kämen. Und wie gesagt, wenn wir es aufschieben, kommen wir nie dazu.«

»Warum gehen Sie überhaupt?« hätte Irene ausrufen mögen.

Sie bezwang sich mühsam, tat, als ab sie ganz mit der Kaffeemaschine beschäftigt sei, in welcher Toms Kaffee siedete, aber sie hörte mit Genugtuung, daß Signe diese Frage tat:

»Warum geht ihr überhaupt?«

»Nun, einmal im Jahr muß man doch. Das gehört sich so. Die besseren Familien müssen darin mit gutem Beispiel vorangehen,« erklärte Frau Steinbrück im guten Glauben, sich sehr korrekt zu benehmen.

»Worin?« fragte Signe mit einem eigentümlichen, hartnäckigen Ausdruck.

»Nun, in der Religion,« sprach Frau Steinbrück mit beginnendem Unbehagen. Signes Bemerkungen fingen jetzt oft an vor andern peinlich zu werden.

»Ihr habt ja keine,« sprach das schreckliche Kind mit einer Gewißheit aus, die auf Tom erheiternd wirkte.

»Aber erlaube mal, Frauchen, ich bin evangelisch getauft und konfirmiert.«

»Das ist nichts. Wenn das Abendmahl für dich Religion bedeutet, weshalb gehst du denn nie in die Kirche? Wenn das eine dir echtes Bedürfnis ist, weshalb läßt du das andere, das doch dazu gehört? Nein, du gehst nur, weil es eure Gewohnheit ist, wegen Pastor Mühler oder Gott weiß wegen was. Du sollst aber nicht gehen. Denn das ist schändlich, weil es lau, feige, unwahr ist.«

Ihre Augen leuchteten. Man sah ihr an, sie war stolz darauf, eine Pflicht getan, eine Wahrheit gesagt zu haben. Und Irene fühlte sich gerührt durch dieses mühevolle Streben, in wenigen, hilflosen Worten, die aber doch alles andeuteten, eine ganze Kette von vielleicht lang gereiften Beobachtungen auszusprechen.

»Du meine Güte,« sagte Frau Steinbrück in herzlicher Geduld mit den »Verrücktheiten« ihrer Schwiegertochter, »wir sind keine Duckmäuser und Betschwestern. Man kann ganz fromm sein, ohne daß man alle Sonntage in die Kirche läuft. Aber man hält anderseits doch darauf, dem lieben Gott sozusagen eine Anstandsvisite zu machen.«

Tom hatte unterdessen eine literarische Reminiszenz. Er war einmal in eine schöne Schauspielerin verliebt gewesen, die ihre Haupterfolge in klassischen Dramen feierte, und von da her erinnerte er sich mancher Schillerschen und Goethischen Stücke.

»Gretchen fing wenigstens gleich zu Anfang an ihren Faust zu verhören,« sprach er. »Nun mußt du mich nehmen, wie ich bin.«

»Aber ich will dir helfen, klar werden über dich,« sagte Signe. »Glaube oder verneine! Aber du sollst nicht so mitlaufen, wie ein Wagenrad, ohne Gedanken, weil die anderen Räder rollen.«

Frau Steinbrück und Tom sahen sich an. Sie ermunterten einander mit diesem Blick zur Geduld. Sie begriffen gar nicht, was Signe wollte und dachte. Von der Not und den Seelenkämpfen dieses jungen Wesens hatten sie keine Ahnung.

Aber sie waren keine übelwollenden und keine gehässigen Menschen. Deshalb hatten sie viel, sehr viel Nachsicht mit Signe.

»Du bist 'ne komische, kleine Frau,« sagte Tom fast liebevoll, »na, rege dich nur nicht auf, ich will nicht mit dir streiten – weiß schon, Fräulein von Meltzow liebt es nicht, Streit zu hören. Aber setzen Sie meiner Frau nur ein bißchen den Kopf zurecht, liebes Fräulein, und treiben Sie ihr dergleichen aus. Sie liest zu viel. Das ist ihr schädlich. Sie schnappt allerlei auf, das fürs simple Alltagsleben nicht verwendbar ist. – Kommst du mit, Mutter? Also es bleibt bei Sonntag. Auf Wiedersehen, meine Damen.«

Frau Steinbrück drückte Irene die Hand, so bedeutungsvoll, als wollte sie sagen: »Wir verlassen uns ganz auf Ihren nüchternen Verstand.«

Nun waren sie wieder allein. Signe saß da, die Hände im Schoß gefaltet, das Haupt zurückgelehnt, die Lider geschlossen. Von ihren Wimpern löste sich langsam eine Träne und rann die schmale Wange herab.

»Wie soll das enden? wie soll das werden?« fragte Irene sich bang.

Sie durchschaute völlig, daß Tom und seine Mutter sich in ruhigster und niemals zu erschütternder Sicherheit auf ihrem Standpunkt im Recht fühlten und – im Recht waren.

Denn sie hatten das Recht ihrer Art! Und sie waren von der Art geistiger Flachlandsbewohner, die keine Tiefen schreckt, weil sie keine um sich sehen, die keine Höhen lockt, weil ihrem Auge keine sichtbar sind.

Aber Irene sah und fühlte, daß auch die junge Frau in ihrem Recht war. Denn die Natur hatte ihr einen ringenden und strebenden Geist gegeben, der zu den Höhen der Erkenntnis emportrachtete. Alles in Signes Seele war noch verworren, nur das eine hatte sich schon fest und klar aus dem Wirrwarr von Unglück, Liebessehnsucht, überhitzten Phantasien, Zorn gegen ihre Umgebung emporgearbeitet: der Wille, alle Lauheit und Halbheit abzustreifen.

Arvid hatte ihr durch seine Gespräche und durch die Bücher, welche er ihr gebracht, Gedanken zugetragen, welche nun ungeheuren und erdrückenden Felsstücken glichen, die ungeordnet aufeinander sich häuften.

Wo war die Hand des Baumeisters, der es verstand, diese scharfkantigen Blöcke zurechtzumeißeln und aus ihnen einen stolzen, festen Bau, den Tempel der Klarheit herzustellen?

Irene stand vor der jungen Frau und diese fühlte den liebevollen Blick und schlug langsam das Auge auf. Niemals vergaß Irene den Ausdruck, der darin war.

»Bin ich zu tadeln?« fragte sie leise.

»Nein,« antwortete Irene. »Nein und ja. Sie haben recht, wenn Sie von Ihrem Gatten fordern, daß er eine so heilige Handlung gar nicht oder mit seelischer Hingabe begehe. Aber Sie handeln zwecklos, töricht, ja, Ihren eigenen Zielen geradezu schädlich, wenn Sie Ihre Forderung so unvorbereitet geltend machen. Versuchen Sie, liebe, teure Signe, erst selbst reifer zu werden, um dann behutsam auf Ihren Gatten zu wirken. Aus tiefem Schlaf weckt man nicht mit einem Anruf. Man rüttelt langsam auf.«

Es schien nicht, als ob Signe das ganz verstanden habe. Wenigstens machte es keinen Eindruck auf sie.

»Ich will dies nicht länger tragen,« flüsterte sie vor sich hin, »solche Ehe ist keine Ehe. Es ist Befleckung. Ich will frei sein.«

»Um Gottes willen,« rief Irene erschreckt, »nein, das wollen Sie nicht. Frei, wovon?«

»Von dieser Lüge.«

»Und was wollen Sie mit der Freiheit?« fragte Irene.

»Der Wahrheit leben,« antwortete Signe träumerisch.

Irene fühlte ganz deutlich, daß die junge Frau bei dieser Redensart gar keinen bestimmten Begriff habe.

»Der Wahrheit lebt man, wenn man der Pflicht lebt,« rief Irene voll Eifer. »Die Wahrheit ist, daß Sie Tom aus Liebe heirateten und Ihre Pflicht ist, wieder und wieder zu versuchen, eins mit ihm zu werden.«

Aber sie fühlte selbst bei diesen Worten, daß sie Signe zu Unmöglichem anrief. Denn kann ein zarter West eine breite Mauer umstürzen? Kann ein Falke mit einem Stier ein Gespann bilden?

Trotzdem fuhr Irene fort, auf die Freundin einzureden.

Sie malte ihr aus, wie es sein würde, wenn das Kind noch gelebt hätte und wie dieses Kindes wegen Signe dann versucht haben würde, die Kluft zu überbrücken. Sie redete ihr mit Feuer vor, daß dem Andenken des Kindes fort und fort Opfer der Selbstüberwindung gebracht werden müßten. Das Kind, sei es gleich gestorben, habe ihn und sie unlöslich verbunden. Tom sei ihr anderes Ich und wenn es gleich scheine, als lebe er auf einem anderen Stern, so solle sie noch einmal versuchen, ihn zu sich hinüberzuziehen. Er habe doch ein gutes, weiches, nachsichtiges Herz. Gewiß habe es ihr nur an der rechten Art gefehlt, sich ihm verständlich zu machen.

Unter diesen Reden ward Signes Phantasie rege. Das Zimmer bevölkerte sich ihr plötzlich. Das Kind spielte darin umher. Und das Kind stellte allerlei sinnvolle, riesengroße Fragen an sie, wie nur Kinder können, die mit spielenden Gedanken an das Höchste tasten: wo wohnt der liebe Gott? hat er mich lieb? betet Papa auch abends? – Und in ihrer Phantasie beantwortete Signe alle diese Fragen für ihr Kind und ihren Gatten zugleich und erweckte so in der Asche seiner Brust die Funken.

Zuletzt ward in ihrem Geist ein Zukunftsbild voll Glück und Verständnis fertig.

Sie weinte erlösende Tränen und umarmte Irene.

»Ich will,« sagte sie entschlossen, »und ich will es meinem Freunde erklären, daß er nicht denken soll, ich bin feige und erhebe keine ideale Forderung. Aber in so großen Sachen sollen wir immer wieder Versuche machen.«

Signe schien nach diesem Gespräch in einer gehobenen Stimmung, welche auch mit wenig Unterbrechungen bis zum Sonntag anhielt. Diese Unterbrechungen wurden wie immer durch die kleinlichsten Meinungsverschiedenheiten über ganz nebensächliche Dinge hervorgerufen.

Allerdings mußte es die junge Frau, welche mit so ganz anderen Dingen beschäftigt war, bis zur Nervosität quälen, wenn Tom sich mittags lang und breit darüber aussprach, daß er lieber Rind- statt Hammelfleisch gegessen hätte, oder wenn er umständlich irgendeine Klatschgeschichte über Hinz oder Kunz erzählte, die an der Börse aufgekommen war. Irene hatte gut sagen, daß man, eben weil es Nebensächliches war, sich darüber nicht aufregen müsse und als kleine Schwächen zu übersehen habe.

Sie wußte, daß sie selbst es vielleicht auch nur mühsam ertragen hätte und mit Zähneknirschen.

Denn von allen Formen des Mutes ist diejenige die erhabendste, welche mit täglich neuer Selbstüberwindung den Nadelstichen des Alltagsleben die Stirn bietet und dazu freundlich lächelt. Zu solchem Mut aber gehörte eine Reife und eine völlige Resignation, die man von einer so jungen Frau nicht verlangen konnte.

In diesen Tagen kam Arvid Cederström noch häufiger als sonst und unterhielt sich mit nie ermüdendem Eifer mit Signe. Er glich ein wenig einem Kaufmann, der selbst so entzückt von seinen Waren ist, daß er gar nicht bemerkt, wie er sie vor Käufern ausbreitet, für welche sie nicht geeignet sind. Einem Kinde von vierzehn Jahren verwirrt man die Phantasie, indem man ihm die Staatsroben einer Fürstin gibt; einen Säugling füttert man nicht mit Trüffeln.

Arvid war noch sehr jung, obzwar er sich für sehr erfahren hielt. Seine Jugend war von jener gefährlichen Art, die eben gewonnene Einsicht gleich an den Mann zu bringen trachtet und – unbewußt – sich erst dadurch selbst zur völligen geistigen Verarbeitung neuer Ideen hilft, daß sie sie andern vorträgt. Indem er dozierte, gebaren sich ihm Gedanken. Deshalb sprach er gern, viel und niemals bedeutungslos.

Er war sich der gänzlichen Reinheiten seiner Absichten bewußt und war überzeugt, für Signe die Freundschaft eines Bruders zu empfinden.

Doch hatte er als Weltmann bald bemerkt, daß man über diese Freundschaft spotte. An demselben Tag, als Signe mit ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter sowie mit Fribo zur Beichte gegangen war, saß Arvid nachmittags bei Signe. Irene war zu der noch immer leidenden Anny Bewer hinausgefahren, um ihr in Frau Steinbrücks eigenem Wagen eine Menge guter Sachen zu bringen, welche ihrer Pflege dienen sollten.

Arvid war ihrer Abwesenheit froh. Denn es war ihm oft, als ob die schweigsame Gegenwart dieses ernsten Mädchens hemmend auf seine Rede wirke. Und gerade heute hatte er Signe Wichtiges zu sagen:

»Meine Teure,« sprach er, »ich fühle, daß man unsere edle Freundschaft mißdeutet. Ich wollte Sie fragen, ab Sie deshalb wünschen, daß ich mich von Ihnen zurückziehe?«

Sie saß in ihrem Rokokozimmerchen in ihrem Lieblingssessel, dem ohne Rücklehne, wo sie die zarten Hände gewohnheitsmäßig immer flach auf die Armstützen legte und sah zu ihm empor. Er stand vor ihr und sein leuchtendes Schwärmerauge war voll auf sie gerichtet.

»Das wundert mich nicht,« sagte sie mit Bitterkeit, »denn die Menschen hier gönnen mir nichts und sie haben unreine Gedanken. Nein, wir wollen Freunde bleiben.«

»Es ist die Sache der wenigsten, unabhängig zu sein: – es ist ein Vorrecht der Starken, sagt ein deutscher Philosoph,« sprach Arvid.

»Sind wir nicht zum Recht der Unabhängigkeit geboren?« fragte Signe in ihrer überschwenglichen Art. »Ist es nicht unsere Pflicht, stark genug zu sein zur Ausübung dieses Rechtes?«

»Bravo, meine Freundin. Der Mut zur Wahrheit ist in Ihnen erwacht. Er ist die Prämisse zur reinen und schönen Gestaltung Ihres Lebens. Haben Sie mit Tom gesprochen?«

»Noch nicht,« sagte sie, »aber es wird geschehen. Ich will ihm sagen, daß unsere Ehe nicht fortbestehen kann, wenn er nicht mein Genosse auch im Geiste sein will.«

Arvid erfaßte die zarte Hand.

»Möchte es Ihnen gelingen, ihn aus seiner dumpfen Leere emporzuretten, ihn zum Licht der Erkenntnis zu führen. Sie sind auserlesen, die Kampfgefährtin eines strebenden Menschen zu sein; möchte ich die herrliche Stunde erleben, wo aus diesen Augen ein Strahl des Stolzes und des Friedens bricht.«

Sie sahen sich in tiefer Bewegung an. Sie fühlten sich beide in diesem Augenblick besonders gut, rein und fast erhaben. Sie wollten die Wahrheit und sie wollten das Edle. Aber sie wurden nicht gewahr, daß es ihnen ging wie zwei Wanderern, welche sich mühevoll durch ein dorniges Dickicht schlagen, während unweit eine glatte Straße zum Ziel führt. Daß die Phantasie der jungen Frau mit der Philosophie des jungen Mannes sich zu einem, wenn auch nicht unerlaubten, so doch gewiß gefährlichen Bund vereinigt hatte, kam ihnen nicht zum Bewußtsein. Denn Phantasten und Grübler haben das eine gemeinsam, daß sie sich von der nächsten Wirklichkeit entfernen. –

Es war Sonntag morgen. Das ganze Haus befand sich in Aufruhr. Sonst pflegte Frau Steinbrück das erste Frühstück um halb zehn einzunehmen, heute sollte sie schon um zehn in der Kirche sein. Bei Tom und Signe ging es ebenso.

Alle waren zu spät aufgestanden, sogar die Dienstboten, und Frau Steinbrücks Stimme lärmte durch das Haus. Sie schalt mit jedermann, und da Irene zu ihr eilte, um Dienste anzubieten, bat Frau Steinbrück, sie solle veranlassen, daß man gemeinsam Tee trinke, denn sonst würde Tom doch nicht fertig. Von einer weihevollen, vorbereitenden Ruhe war keine Rede.

Als Irene den Dienstboten die nötigen Befehle gegeben, eilte sie in Frau Steinbrücks Zimmer, um lieber selbst schnell dort nach die Gedecke für Tom und Signe aufzustellen.

Sie fuhr zurück, als sie beim Öffnen der Tür Fribo Steinbrück allein und zum Ausgehen schon völlig angekleidet, am Teetisch sitzend fand.

Ein feines Rot ging über sein Gesicht, er erhob sich grüßend.

»Wirklich, er ist mager geworden,« dachte Irene, »was kann er haben? Leidet er? Und weshalb?«

Sie kämpfte ihre Befangenheit nieder und machte sich geschäftig an ihre kleine Arbeit.

Dabei quälte sie sich mit dem Gedanken ab, daß außer dem kahlen »Guten Morgen«, das hin und her gegangen war, doch noch irgendein Wort gesprochen werden müßte. Sie waren zum erstenmal allein miteinander. Jetzt mußte sie das unbefangene Verhältnis wieder herstellen – an ihr war es, dafür alles zu tun.

»Es ist sehr kalt heute morgen,« sagte sie mit unsicherer Stimme.

»In der Tat.«

»Ich fürchte, Ihre Mutter wird sich erkälten.«

»Ich denke nicht. Sie kann viel vertragen.«

Dann wieder Schweigen, dieses unerträgliche Schweigen.

Irene setzte klirrend Toms Tasse vor dessen Gedeck nieder.

»Sie gehen auch mit zum Abendmahl?« fragte sie dann.

»Ja,« sagte er. Und dann setzte er hinzu, wie von einer Macht getrieben, der er nicht zu widerstreben vermochte, der Macht des Wunsches, sich ihr mitzuteilen:

»Ich stehe ganz auf dem Boden des Christentums, aber nicht ganz auf dem der heutigen christlichen Kirche. Ich habe, wohl gemeinsam mit Tausenden, das Bedürfnis, nicht nur durch mein Tun und Lassen, sondern auch in feierlichen Formen mich zum Christentum zu bekennen. Der Alltag werktätiger Nächstenliebe will unterbrochen werden durch festliches Ausruhen in erhobener Gläubigkeit. Vielleicht bin ich schwach, indem ich von den Formen einer Kirche Gebrauch mache, mit der ich nicht immer übereinstimme und also eine Handlung mitmache, die mir durchaus nur ein Symbol der Selbsteinkehr und der Läuterungspflicht ist. Aber ich bin mir dennoch bewußt, wenn ich die Hostie nehme, die mir nicht das Fleisch Christi ist, weder ein Heuchler, noch lau zu sein.«

»Das war,« sagte Irene fast unhörbar, »auch mein Empfinden, jedesmal, wenn ich mit meinem Vater zum Abendmahl ging.«

Ein unendliches Freudegefühl füllte sie ganz. Sie verstand, weshalb er so zu ihr gesprochen. Sie sollte nicht denken, daß er wie Tom und seine Mutter gehe, weil »Pastor Mühler es übelnähme«.

Jetzt erschien Frau Steinbrück mit Hast. Sie hatte ein großartiges schwarzes Seidenkleid an.

»Ach, liebes Fräulein,« sagte sie, als Irene ihr eine schon eingeschenkte Tasse Tee vorsetzte, »es geniert mich, daß Sie uns so bedienen.«

»Bitte,« sprach Irene mechanisch.

Wenn sie doch nur jetzt hätte mit Fribo noch einige Minuten allein sein können. Ihr war, als wäre dies der Augenblick gewesen, Frieden zu schließen und als sei die Gelegenheit durch das Erscheinen der Frau verloren gegangen.

Frau Steinbrück saß seitwärts auf einer Stuhlkante und trank immer einen Schluck, während sie dazwischen sprach und sich mit Sorgfalt Handschuhe anzog.

»Tom hat seine schwarzen Handschuhe verlegt – er hat sie sich gestern extra gekauft – er ist auch zu langweilig und gleichgültig – Signe weint vor Angst und Ungeduld – die Männer schelten immer auf die Frau, wenn sie selbst etwas verloren haben.«

Man hörte einen Peitschenknall. Der Kutscher erlaubte sich so, seine Herrschaft zu mahnen. Frau Steinbrück lief ans Fenster.

»Fribo, laß uns nur fahren. Tom hat sich eine Droschke bestellt. Die wartet auch schon. Herrgott – mein Taschentuch und mein Gesangbuch. Nein, diese frühe Aufsteherei macht einen ganz konfus. Bitte, liebes Fräulein, mein Taschentuch liegt auf dem Gesangbuch in meiner Schlafstube.«

Irene lief schon.

Nun kam Signe, bleich und elend, wie jede nervöse Frau, die in früher Morgenstunde ungewohnte Unruhe hat. Ihr war zumute, als sollte sie Erbrechen bekommen, und Fribo, der ihr ansah, wie jämmerlich ihr Befinden war, hieß sie streng, etwas genießen. Stehend nahm sie Tee und ein Ei.

Und Tom hatte noch immer seine Handschuhe nicht.

Irene kam zurück und Frau Steinbrück ging mit Fribo und der Schwiegertochter hinaus.

Irene stand mitten in dem sonnenlosen und noch kühlen Zimmer, die Hand auf den Tisch gestützt und sah ihnen nach. Und Frida, als fühlte er diesen Blick, zögerte sekundenlang und sah sie an, indem er sein Haupt zurückwandte.

Sein Auge war ernst und eine hoffnungslose Trauer lag darin.

Sie erbebte unter diesem Blick; ihre Hände falteten sich unwillkürlich und in ihrem Herzen regte sich eine heiße Angst.

Die Angst vor der Liebe.

Frau Steinbrück und Fribo fuhren davon, Tom kam gerade aus dem Hause gerannt und warf sich in die Droschke. Er pustete und konnte gar nicht zu sich selber kommen. Er quälte sich ein paar alte und zerknüllte Handschuhe an, da die neuen nicht gefunden worden waren und stöhnte, daß er habe davon müssen, ohne einen warmen Tropfen im Leib.

Signe saß aufrecht und still da.

Sie kamen am Portal der Kirche an und gingen durch die Hallen ihrem Stuhl zu, mit jenem ungleichen Schritt, der die Folge von Toms schwerem, weitausholenden und Signes schnellem, fast trippelnden Gang war.

Orgelklang durchbrauste den hohen Raum und unsichere, schätterige Stimmen sangen in schleppender Weise einen Choral dazu. Der sonnenlose Wintermorgen füllte die Kirche mit einem hellgrauen, gleichmäßigen Licht. Die riesigen Säulenbündel von Backsteinen, die himmelanstrebenden Mauern waren weiß getüncht. Tief unten, zu Füßen der Kanzel, die wie ein überdachtes Vogelnest an einem Säulenbund klebte, und rings um die Wurzeln der ragenden Träger der gotischen Wölbung, breiteten sich die brauneichenen Gestützte in Quer- und Langlinien.

Signe saß mit den Ihrigen der Kanzel gerade gegenüber in einem Stuhl, der wie ein Kasten rings umschlossen war und über dessen Holzverschläge die Köpfe der darin Sitzenden eben hinwegschauten. Die Mittelhalle der Kirche hinauf und hinab waren die Bänke voll von Andächtigen. Signe konnte sich gar nicht recht sammeln. Ihr Auge sah zu den monumentalen Gedenktafeln empor, die an den weißen gigantischen Säulen befestigt waren und der herben, nüchternen Größe der Kirche den Schmuck des Glanzes gaben. Da hielten schwulstige, nackte Engelein das Porträt eines Mannes in Allongeperücke, das aus übermäßig reicher Goldumrahmung hervorsah. Dort schaute das Bild eines Geistlichen aus einem Barockrahmen, zu dessen Füßen ein entsetzlich naturalistischer Tod mit Sense und Sanduhr kauerte. An jener Säule klebte gar ein monumentaler Sarg, getragen von weinenden Putten. Der Geschmack und der Ungeschmack der verschiedenen Jahrhunderte hatte so die Bilder und Namen der um die Stadt und Kirche verdienten Männer hier aufgerichtet und verziert.

Ein Steinbrück war auch dabei. Signe konnte ihn genau erkennen. Er trug Bäffchen von einem durchsichtigen, weißen Stoff auf einem schwarzen Gewand; sein Bart war auffallend weißblond und im Schnitt der wallensteinschen Zeit; sein Gesicht war energisch und roh.

Abwärts schloß die Kirchenhalle in der Höhe mit einer Orgelfassade in schöner Renaissanceform, deren braune Farben dem Auge wohltaten. Und aufwärts war die Halle durch den Chor vom dahinterliegenden Altarraum abgeteilt. Auf goldenem Grund standen an der Chorwandung biblische Frauengestalten gemalt.

Jetzt schwieg Orgel und Gesang, und im Schatten des Kanzeldaches, welches mit den weißen Gestalten der Erzengel belastet war, begann sich's zu regen. Ein asthmatisches Stimmlein erhob sich und zwei Arme holten gestikulierend aus. Der alte Pastor wandte seine schwarze Gestalt bald nach der rechten, bald nach der linken Seite, oder reckte sich geradeaus vor, die Hände an das Buchpult geklammert, welches auf der roten Sammetbrüstung stand.

Allmählich sprach die Stimme sich frei und ein guter, herzlicher Ton kam von da oben, frei von Pathos, voll von einer bescheidenen, väterlichen Innigkeit.

Wie die Schallwellen dieser Stimme so über die Häupter der Zuhörer und um die Säulen rannen, saß Signe träumend und gab sich unbestimmten Gedanken hin, die immer weicher und wehmütiger wurden. Fribo hörte genau zu und seinem Herzen tat die altersgreise Stimme und das, was sie sagte, wohl. »So dienet einander, ein jeglicher mit den Gaben, die ihm Gott verliehen.« Über dies Thema wußte der Alte manch schönes und eindringliches Wort zu sagen. Auch Frau Steinbrück hörte im ganzen gut zu.

Manchmal nickte sie. Ja, das konnten Tom und Signe sich hinter die Ohren schreiben. – Du meine Güte, da saß ja Frau Senator Zumsteg, ihre liebe Kusine, mit einem neuen Pelz, und die Leute hatten doch wahrhaftig alle Ursache, sparsam zu sein. – Mühler sprach wirklich gut, und wenn erst die beabsichtigte Heizung der Kirche fertig war, wollte sie doch wirklich mal öfters hergehen. –

Tom hatte keinen andern Gedanken als den: »Eine verdammte Kälte, wenn ich doch wenigstens noch einen Kognak vorher hätte nehmen können.«

Die Predigt ging zu Ende, und als alle Gebete gesprochen waren, für den Kaiser und das Reich, für die Oberen dieser Stadt und für den Handel, wie für die Schiffer draußen auf dem Meere, begann die Orgel wieder.

Signe erschrak so, daß ihr augenblicklich Tränen in die Augen traten.

Wie im Traum folgte sie den Ihrigen an den Altar, wo für die wenigen Personen, die heute das Abendmahl nahmen, noch ein besonderer Nachgottesdienst gehalten wurde.

Die mächtigen Klänge der Orgel durchrauschten ihre Seele und rissen sie empor zu mystischen Schauern einer unklaren Andacht.

Sie betete heiß.

Und die brausenden Tonwogen ebneten sich zu überirdischem Geflüster, wie mit leisen Engelsstimmen sang es aus der Höhe.

So innig und so hehr hatte auch einst die Stimme Gottes zu ihr gesprochen durch seine geweihte Musik, damals, als sie Toms Weib geworden.

Und alle Quellen der Erinnerung brachen auf und rannen mit wonniger, erlösender Wärme durch ihre Seele.

Das schwarze Gewand wandelte sich in weiße Seide, Schleier umwallten sie, mit zitternden Knien nahte sie dem Altar, ersterbend, in hingebender Frömmigkeit nahm sie die Hostie, wie sie damals den Segen des Priesters genommen.

In ihren Augen, die sie zum alten Geistlichen erhob, lag überselige Schwärmerei.

Wieder auf ihren Platz zurückgekehrt, hielt sie das Haupt tief über die gefalteten Hände gebeugt.

Sie fühlte sich zu einem neuen Leben erhoben, das von nun an beginnen sollte und dankte Gott für das Wunder, das er an ihr getan, da er neue Liebe zu Tom, und den Glauben, daß er sie doch verstehe, daß sie ihn doch erwecken werde, in ihr habe geboren werden lassen.

Die Handlung war zu Ende. Der Geistliche entfernte sich, die Frauen setzten ihre Hüte wieder auf.

Frau Steinbrück war sehr ernst. Sie hatte mit völliger Sammlung dagesessen und betrachtete dies als einen Termin, wo man allen Streit und allen Ärger, den man mit jemand seit dem Vorjahr gehabt, vergeben und vergessen müsse. Sie gab Signe einen liebevollen, treuherzigen Kuß, den diese mit leidenschaftlicher Freude erwiderte.

Kaum saßen sie im Wagen, so fiel Signe ihrem Gatten um den Hals.

»Ich liebe dich, Tom. Und wir wollen uns von nun an nie mehr streiten. Wir wollen ein Herz und ein Geist sein.«

Sie bedeckte sein Gesicht mit Küssen, die er mit einem kläglichen Lächeln aushielt.

Er drückte sie, wie es seine Pflicht war, ein bißchen an sich, streichelte ihr die Wangen und sagte:

»Du bist ein lieber, kleiner Schatz.«

Als sie ihn darauf nochmals küßte, sprach er, halb scherzend, halb jammervoll:

»Weißt du, wenn man so ohne gefrühstückt zu haben, drei Stunden in solcher Hundekälte zugebracht hat, ist man nicht zu Zärtlichkeiten aufgelegt.«

Signe fuhr zurück, sank in ihre Wagenecke und fing an zu weinen.

Ihre hochfliegende Seele war mit einem Ruck aus strahlenden Seligkeiten hinabgeschleudert auf die frostige Erde. –

»Na, na,« sagte Tom ärgerlich, »die alte Leier. Jede Frau würde einsehen, daß ich fast umgekommen bin vor Hunger, der mich um jede Andacht brachte. Du wirst tragisch, weil ich mich nach einer Tasse Bouillon sehne.«

»Es gibt doch Stunden, wo man die materiellen Bedürfnisse des Lebens vergißt,« rief Signe unter Schluchzen.

»Ja, wenn sie vorher kräftig gestillt waren,« entgegnete Tom. »Aber da sind wir. Und nun sei still. Man kann dach nicht aus der Kirche im Zank kommen. Was denken unsere Leute davon.«


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