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Empor!

Ida Boy-Ed: Empor! - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEmpor!
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
firstpub1892
printrun7+8
senderwww.gaga.net
created20050722
modified20060624
correctorhille@abc.de
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Es war ein wunderschöner Wintertag. In den Straßen der Stadt sah es schmutzig aus; auf den Fahrdämmen war ein grauer Schlamm, auf den Bürgersteigen standen vor jedem Hause geschäftige Männer und pochten mit eisernen Klopfern die festgetretene Schneeschicht von dem Asphalt. Die klingenden Töne hatten etwas Fröhliches und ein leuchtend blauer Himmel sah auf die alten, grauen Gassen herab. Mit hochgerafften Kleidern gingen die Damen vorsichtig einher. Der Verkehr war ein besonders belebter, jedermann schien sich der laueren Luft und der lachenden Sonne zu freuen.

Als Irene durch die Hauptstraße dem Tor zuwanderte, vor welchem Anny Bewer wohnte, machte sie mit heiterem Erstaunen die Entdeckung, daß sie sich schon ganz heimisch in dieser Stadt vorkam. Viele Herren und Damen grüßten sie, in einigen Läden war sie schon mit Frau Steinbrück oder mit Signe gewesen, sie fand sich ohne Nachfrage auf ihrem Wege zurecht.

Aber mehr noch als dies äußerliche Vertrautsein stutzte sie oft über ihre völlige, seelische Hingabe an die neuen Verhältnisse. An ihren Vater und ihr Heimathaus dachte sie so oft und mit der innigsten Liebe, aber sie dachte daran wie an etwas, das uns nicht mehr gehört – oder wie ein Schulkind an die Ferien, sagte sie sich selbst lächelnd; die täglichen Pflichten, die stündliche Hingabe forderten diese Familie von ihr.

»Die gute Johanne Ebermann hat sich dennoch völlig geirrt, als sie mir die Fähigkeit absprach, mich zu fügen,« dachte sie.

Wäre Johanne Ebermann als Beobachter hier gewesen, sie würde mit ihrer nüchternen Art, die Tatsachen klarzustellen, Irenen gesagt haben, daß die Probe auf das »sich fügen« eigentlich noch gar nicht gemacht sei, und daß Irene sich im Grunde nur in der Rolle eines Zuschauers befände, der neugierig im Parterre sitzt und wartet, wie sich das Stück entwickeln soll.

Vor dem Tor, dessen schwarz und roter, altertümlicher Backsteinbau sich turmartig über einem Bogendurchgang erhob, sah es freundlicher aus als drinnen in den Straßen. Hier hatte das sachte beginnende Tauwetter noch nicht an der hohen Schneedecke saugen können und in den Gärten der Villen sah es noch still-festlich weiß und weihevoll aus. Auf dem Gebreit der sich tiefniederlegenden Tannenzweige ruhten Schneelasten, die Wege zu den Häusern führten durch Schneewälle, die man aufgeworfen hatte, um die Fußsteige zu befreien. Die Sonne schien und die Spatzen lärmten unbändig.

Anny Lewer wohnte in einer kleinen Seitenstraße, welche sich von dem eleganten Villenquartier abzweigte. In einem freundlichen Haus mit einem Vorgärtchen fand Irene eine kummervoll aussehende Frau in Trauer. Auf die Frage nach Fräulein Bewer verwies die Frau Irene an eine Tür im Hintergrund des Flures.

Richtig, an der braun gemaserten Türfüllung war mit vier Stiftchen eine Visitenkarte angeheftet:

»Anny Bewer, Lehrerin.«

»Herein!« rief die scharfe Stimme von drinnen.

Irene trat ein. Sie kam in ein großes Zimmer, dessen Fenster auf einen kleinen, von geteerter Holzplanke umschrankten Bleichplatz sahen; aus dem Schnee ragten die Zeugpfähle auf, zwischen zweien spann sich eine mehrfach geknotete Leine und etwas Kinderwäsche hing daran.

Das Zimmer war in der einen Ecke durch eine spanische Wand abgeteilt, dahinter mochte Anny Bewers Bett stehen. Sie lag jetzt auf einem großen, alten Sofa, ein Kissen aus dem Bett im Rücken, einen roten Atlaspummel unter ihrem Kopf. Sie hatte einen Morgenrock an von grau und marineblau gestreiftem Flanell, der ihr viel zu weit schien.

Die Sonne lag freundlich auf den alten, gut gehaltenen Möbeln und blinkte in einer Glasvase wider, die auf dem Tisch stand. Einige Stengel Maiblumen blühten in diesem Glase. Aber ihr zarter Duft vermochte nicht den Geruch von Baldriantee zu durchdringen, der scharf die ganze Luft füllte.

Das Sofa stand an der fensterlosen Längswand, und Anny Bewer lag so, daß sie mit dem Gesicht zur Tür, nicht zu den der Eingangstür gegenüberliegenden Fenstern sah.

»Ach Sie!« sprach sie mit einem Schein von Freundlichkeit und streckte Irenen die Hand hin.

Sie sah mager und hohläugig aus. Aber ihr Haar war sorgsam geordnet und um den Hals trug sie ein frisches, weißes Tüchlein.

Irene sagte ihr, daß ihr Ausbleiben Signe und sie in Sorgen versetzt habe.

»Hat Fribo Ihnen denn nicht gesagt, was ich ihm auftrug?« frug Anny. Sie hatte gestern ihren Vetter holen lassen und ihm nach Beendigung der ärztlichen Konsultation eine lange Bestellung an Irene aufgetragen.

»Kein Wort.«

»Aber er ist doch sonst gewissenhaft und nimmt Rücksichten auf mich. Er, der einzige! Den anderen ist es immer nicht der Mühe wert, was Anny Bewer sagt.«

»Er hat gewiß soviel zu tun gehabt,« sagte Irene verwirrt.

Also soweit ging seine Zurückhaltung! Nicht einmal einen Gruß der kranken Anny Bewer bestellte er – um nicht mit ihr sprechen zu müssen!

Anny erzählte, immer in ihrem mürrischen Ton, daß sie um Irenens Besuch und einige Bücher habe bitten lassen. Da Irene von selbst gekommen, sei's ja gut und die Bücher hätten Zeit.

Was ihr denn fehle? Ach, die alte Leier. Schlaflose Nächte, Blutarmut und Nervenschwäche, daß man sich den Tod wünsche. Wenn's noch eine gehörige, akute Krankheit sei – da wolle sie sich deren freuen, denn daran könne man wenigstens sterben.

»Aber, liebe Anny,« sprach Irene, die Hut und Mantel abgelegt hatte und neben dem Sofa saß, »Sie werden genesen und dann mutvoller in das Leben blicken. Sie sollten im Sommer ein Bad aufsuchen.«

»Tue ich alle Jahre, Tante Steinbrück schenkt immer dreihundert Mark dazu, den Nest spar' ich mir vorher am Munde ab. Und dann heißt es das ganze Jahr: ich kann gar nicht begreifen, daß Anny schon wieder klagt, sie ist doch im Sommer vier Wochen in Pyrmont gewesen. Jawohl, die wissen viel, was solche Badereise nützt. Man reist ohne jeden Komfort, man dreht jeden Groschen um, ob er auch überflüssig ist und lebt in beständiger Angst, nicht auszukommen. Und dann, wenn die Nerven noch von den Bädern zittern, das Blut noch erregt zirkuliert, dann heißt es: hinein in die Arbeit und jeden Tag wieder die fünf Stunden gestanden in der Schulstube. Ach!«

Soviel Ekel und Überdruß lag in dem letzten Ausruf, daß Irene sagte:

»Haben Sie denn nie, niemals versucht, sich durch Resignation, oder durch Mut über Ihre schwere Arbeit zu erheben, statt in stetem Groll unter ihr zu erliegen? Gerade Ihrem Beruf ließen sich doch ideale Momente abgewinnen.«

Anny Bewer fing laut an zu lachen. Ein Lachen, demgegenüber Irene sich wie ein Kind vorkam.

»Ideale Momente! Gott, was für eine schöne Redensart. Kinderseelen bilden? He? Das meinen Sie? Ja – meine Kinder! Wenn es meine wären! O, ich hätte einen Gatten haben mögen, Kinder, einen eigenen Herd. Ich war geboren, Weib und Mutter zu sein. Ich bin eine alte Jungfer geworden. Ich war prädestiniert von Gänseleber und Heidsick zu leben und trinke Baldriantee und esse Milchsuppe, Wurst und Kartoffel. Das nennt man, seinen Beruf verfehlt haben.«

Und sie lachte wieder.

»Sie quälen sich und mich mit solchen Reden,« sagte Irene bittend. »Niemand ist wohl so gebettet, wie er liegen möchte und es gibt doch noch eine gewisse Kraft im Menschen, die man Selbstüberwindung nennt und vermöge deren wir wenigstens lernen sollten, würdig zu dulden.«

»Ich danke Ihnen für die Lektion,« sagte Anny trocken. »Ich weiß schon, gerade Sie haben eine gewisse Berechtigung, dergleichen zu predigen. Fribo hat mir so etwas gesagt. Sie haben's eigentlich nicht nötig und sind nur in die Fremde gegangen, um sich nützlich zu machen. Für Sie mag sich's ja noch der Mühe lohnen, an sich zu arbeiten. Man kann dem Mann gratulieren, der einmal gut davon haben wird.«

»Ich glaube nicht, daß ich je heiraten werde,« versicherte Irene mit rotem Kopf.

»Das sagte ich auch,« sprach Anny Bewer spöttisch, »solange ich nach die entfernteste Hoffnung hatte. Heute bin ich aufrichtiger. Ich hätte brennend gern geheiratet. Das Ledigbleiben ist außerdem ungesund.«

Und das alternde Mädchen mit dem scharfen Gesicht rückte sich seine Kissen zurecht. Sie griff nach einem Glase mit Wein, das halbvoll auf dem Sofatisch stand und trank es leer.

»Darf ich Ihnen etwas anbieten?« fragte sie dann, »alter Malaga von Tante Steinbrück, oder Rotwein von Onkel Fritz, oder Cakes von Kusine Hilda? Sie sehen, es fehlt mir an nichts. Für eine Almosenempfängerin bin ich großartig verproviantiert.«

»Ich danke. Aber wer hat Ihnen denn die Maiblumen gegeben? Die sind doch keine Almosen.«

In Anny Bewers matten Augen flackerte ein unruhiger Strahl auf.

»Fribo – gestern,« sagte sie in ihrer harten Art. »Er ist manchmal gnädig. Er denkt, daß es gerade mir, gerade vor allen Menschen mir wohltut, wenn man mir Überflüssiges bringt. Den Wein und das alles muß ich haben, damit ich ihnen nicht dauernd arbeitsunfähig werde. Aber Blumen – Blumen –«

Ihre Stimme war weich und leise geworden. Irene hatte Herzklopfen. Sie sah die kleinen Maiblumenstengel an, als könnte sie mit ihnen sprechen. Ja, gut war er, das hatte sie vom ersten Tag an gefühlt, dieser hochfahrende, selbstbewußte Mann.

»Erzählen Sie mir dach etwas Neues. Sie gehen doch alle Tage aus mit den Steinbrücks, was erzählt man sich in der Stadt? Hat man Fribo schon wieder verlobt? Mit wem diesmal? Nach jeder Gesellschaft heißt es so. Hat er schon seinen Idealbackfisch gefunden, der sich von ihm zurechtschulmeistern läßt?«

In Irenens Herz wallte Schmerz und Bitterkeit auf. Also auch Anny Bewer wußte von seiner selbstischen und hochmütigen Idee über die Ehe. Das Programm seiner Heirat war also eine so feststehende und allbekannte Sache, daß man schon seinen Verkehr mit den jungen Damen daraufhin beobachtete.

»Ich weiß nichts,« sagte sie schroff, »Herr Doktor Steinbrück ist für mich nicht wichtig genug, als daß ich mich damit befassen möchte, ihn zu beobachten.«

»Gott sei Dank,« rief Anny Bewer, »endlich einmal ein weibliches Wesen, welches sich nicht sofort in ihn verliebt hat.« Aber sie sah Irene doch sonderbar aufmerksam an.

»Ich finde nun wirklich nicht,« sagte Irene, »daß er zu den Männern gehört, die man zu den Löwen rechnet. Er ist weder so schön, noch so einschmeichelnd, noch so überlegen weltgewandt, um die Rolle eines Ladykiller spielen zu können, abgesehen davon, daß ihn solche Zumutung wahrscheinlich beleidigen würde. Denn er ist ein Mann!«

»Sieh, sieh,« dachte Anny Bewer.

»Er ist zurzeit die beste Partie in der Stadt. Natürlich sind alle Damen von sechzehn bis zwanzig, die Aussicht auf seine Beachtung haben, die heiraten möchten, in ihn verliebt. Dann ist er Arzt. Als Patientin verliebt man sich immer in seinen Arzt. Ich auch.«

Sie lachte nervös. Aber Irenen legte sich ein bängliches Gefühl um die Brust. Dies »ich auch« sollte ein Spaß sein und nach Spaß klingen. Aber das Lachen war so erlogen gewesen.

Hatte Anny Bewer mit ihren klugen Augen gesehen, was in Irene vorging?

»Sprechen wir nicht mehr von dem guten Fribo,« sagte sie mürrisch, »er ist ein Pedant und Pedanten sind langweilig.«

Sie fing von ihrer Wirtin an zu sprechen, die eine Doktorswitwe ohne auskömmliches Vermögen sei. Durch Fribos Vermittlung habe sie der Frau diese Stube abgemietet. Fribo behandle auch das sehr kränkliche Kind der Witwe hingebend.

Dann kam Besuch: ein halbwüchsiges Mädchen mit dem Schulranzen. Fräulein Bewer sei krank und da wollte sie, die Schülerin, einmal nachsehen kommen.

Die Kleine kam nicht aus der Verlegenheit und Anny Bewer erleichterte sie ihr durch kein gütiges Wort. Sie war spöttisch und sagte, daß man in der Klasse ruhig sein könne, mindestens acht Tage noch bleibe man befreit von ihr.

»Das Kind kam doch aus Anhänglichkeit,« sagte Irene, als es fortgegangen, »weshalb sind Sie denn immer so stachlig?«

»So,« sprach Anny Bewer gleichgültig, »bin ich stachlig gewesen? Das bin ich immer. Wunderbar, trotzdem lieben mich einige Kinder.«

»Weil die Kinderseelen ahnen, daß Ihr Herz nach Liebe dürstet und sich der Liebe heiß freut,« rief Irene.

»Bitte, kein Pathos,« sagte Anny Bewer gerade wie ihre Tante Steinbrück. Aber sie wandte das Gesicht ab, daß kein Zeuge die zuckende Bewegung auf demselben sähe.

In diesem Augenblick klopfte es.

»Herein!« rief Anny Bewer. Sie flog empor, sie hatte das Klopfen erkannt. Sie strich die Haare glatt und rückte die Gürtelschnur zurecht.

Fribo Steinbrück trat ins Zimmer.

Irene hatte sich unwillkürlich erhoben. Sie war ganz blaß geworden und vor ihren Augen lag ein Schleier.

Fribo grüßte tief, aber er sah sie nicht an und die Hand, welche er Anny Bewer gab, zitterte merklich.

»Was ist dir denn passiert?« fragte Anny Bewer rücksichtslos, »gestern fiel es mir schon auf. Du bist so hager im Gesicht geworden seit ein paar Tagen.«

»Ich habe sehr viel zu tun,« sprach er.

Seine Stimme! Zuerst wieder ein Laut aus seinem Munde, seit sie so feindlich geschieden. Früher hatte Irene nicht gewußt, wie wohllautend und männlich seine Stimme war. Heute fiel es ihr auf.

»Nun, dann hast du wohl deshalb Fräulein von Meltzow nicht um die Bücher gebeten?«

»Die Bücher, welche du wünschtest, habe ich beim Buchhändler für dich bestellt.«

Also ehe er ihr ein Wort gönnte, ging er lieber zum Buchhändler.

Irene griff hastig nach ihrem Hut.

»Ich will gehen,« sagte sie, »ich komme morgen wieder.«

»Fribo, man hilft einer jungen Dame ihren Mantel anlegen,« sagte Anny Bewer.

Fribo Steinbrück warf seinen Hut, den er noch immer etwas hilflos in der Hand gehalten, so eilig auf den Tisch, daß er gleich über denselben hinrollte und jenseits auf den Boden fiel.

»O, ich danke sehr,« murmelte Irene.

Sie bebte am ganzen Körper. Und sie fühlte eine zitternde Hand flüchtig an ihrer Schulter und einen warmen, hastigen Atem ihren Nacken streifen.

»Ich danke sehr,« sagte sie noch einmal leise. Sie wagte nicht, ihn jetzt, da sie sich umwandte, anzusehen. Sie hätte es ruhig können. Dem gefürchteten Blick wäre sie nicht begegnet, denn Fribo Steinbrück sah an ihr vorbei ins Leere.

»Adieu, Anny.«

»Aber so ziehen Sie doch Ihre Handschuhe an,« sagte Anny Bewer mit ihrem boshaften Lächeln, als sie sah, daß Irene ihre Handschuhe eilig in den Muff stopfte, um sie erst draußen anzuziehen.

Irene wurde verlegen und hätte weinen mögen vor Zorn, daß sie verlegen war – sie, Irene von Meltzow!

Sie zerrte sich die Handschuhe über die Finger; ihr war zumute, wie jemanden, der auf der Flucht ist. Anny Vewer sah ihr genau zu und dies Zugucken allein genügte, um nervös zu werden.

Fribo Steinbrück verneigte sich wieder tief und ernst, als Irene soweit war, daß sie gehen konnte.

»Nun,« sagte Anny Bewer, »für zwei Menschen, die Hausgenossen sind, geht ihr ja riesig förmlich und fremd miteinander um.«

»Laß das, Anny,« sagte er mit einem seltsam befangenen Ton, »hierüber, ich bitte dich, erspare mir deine schroffen Bemerkungen. Fräulein von Meltzow ist durch eine Taktlosigkeit meiner Mutter, ist selbst durch Äußerungen von mir unauslöschlich beleidigt worden. Sie ist geblieben, weil sie wohl selbst erkannte, daß ihr Bleiben klüger war. Ich erfasse es aber als meine Pflicht, ihr mein Dasein so wenig wie möglich in Erinnerung zu bringen.«

»Dazu schiene mir ein harmlos gleichgültiger Verkehr der bessere Weg,« meinte Anny, »als diese furchtbar unterstrichene Feierlichkeit. Überhaupt haben solche Situationen etwas Gefährliches. Du wirst dich noch in Irene verlieben.«

In ihren Augen lag lauernde Spannung.

Fribo errötete.

»Ich bitte dich, laß deine spöttischen Torheiten.«

»In eine alte Jungfer,« fuhr sie fort, »in eine Person von vier- oder fünfundzwanzig! Nein, das kann Fribo mit seinen Grundsätzen nicht! Wo bleibt dein Ideal? Weißt du, dann verfalle lieber auf mich. Man sagt, daß ganz besondere Garantien des Glücks gegeben sind, wenn die Frau einige Jahr älter ist.«

Sie lachte unbändig, immerfort, besonders als er heftig und warnend rief:

»Anny!«

Aber dann sagte er nach einmal, aber weich und fast bittend:

»Liebe Anny!«

Da brach ihr Lachen ab und wandelte sich jäh in heftiges Weinen. Zwischen den Tränen sagte sie aber doch noch:

»Siehst du, wie nervös ich bin. Daran sind die unartigen Gören in der Schule schuld.« –

Unterdessen lief Irene fast davon, zur Stadt zurück.

»Nein,« sagte sie zu sich, »es ist unerträglich. Ich hätte nicht bleiben sollen. Ich hätte mir sagen müssen, daß ein Verkehr zwischen ihm und mir eine Unmöglichkeit ist. Vielleicht haßt er mich nicht, vielleicht ist er mir gar gut und wohlwollend gesinnt – denn er hat offenbar so von mir zu Anny Bewer gesprochen. Aber meine Person ist ihm eine lebendige Erinnerung an peinliche Vorkommnisse, an die häßlichsten Mißverständnisse. Muß er sich nicht immer qualvoll der Taktlosigkeit seiner Mutter erinnern, wenn er mich sieht? Muß ihm diese entsetzliche Warnung, daß ich – die arme Gesellschafterin – mich nicht in ihn verlieben soll, nicht jedesmal im Gedächtnis widergellen, wenn er mich sieht? Nein, ich hätte gehen sollen – auch seinetwegen.«

Den ganzen Weg brachte Irene damit zu, sich zu beweisen, daß eine schleunige Abreise jetzt noch das beste wäre. Als sie den Hausflur betrat, war sie entschlossen.

Auf der Treppe begegnete ihr der junge Schwede. Er grüßte verbindlich.

Also war er schon heute morgen gleich bei Signe gewesen.

Ein unerklärliches, banges Gefühl kam über Irene bei dem Gedanken.

Wie, wenn dieser Arvid etwa ein gewissenloser Mensch wäre und den zerfahrenen Zustand dieser jungen Frauenseele benutzte, um sich in ihr Vertrauen einzuschleichen!

Ihr Gelöbnis fiel ihr ein, das sie auf Fribos Mahnung hin still in ihrem Herzen getan: diese junge Frau nicht zu verlassen, sondern über sie zu wachen und ihr zum Frieden zu verhelfen.

»Ich muß bleiben!« dachte sie.

Welche Unentschiedenheit, wie viele wechselnde Entschlüsse! Irene kannte sich selbst nicht mehr, sie, die von Jugend an sich und andere mit der Festigkeit eines schwer zu besiegenden Willens regiert hatte.


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