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Empor!

Ida Boy-Ed: Empor! - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEmpor!
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
firstpub1892
printrun7+8
senderwww.gaga.net
created20050722
modified20060624
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Signe strahlte vor Freude und Wichtigkeit. Sie war wie ein Kind, dem man ein Spielzeug geschenkt hat, um das sich andere auch bewarben und welches nun wichtig und triumphierend sich des erhaltenen Vorzugs rühmt. Sie wich Irenen nicht von der Seite und Herr Tom war sichtlich befriedigt, daß nun seine Frau ihn nicht mehr quälte. Er entzog sich gleich am ersten Abend der Pflicht, sie zu einem Abendessen mit nachfolgendem Tanz bei irgendeinem Onkel Steinbrück zu begleiten, unter dem Vorwand, daß er einen Geschäftsfreund da habe und sich demselben widmen müsse. Seine Frau ging ja mit seiner Mutter und mit Irene. Da war er glücklicherweise überflüssig.

Irene hatte vor dieser Gesellschaft gezittert. Dort zuerst sollte sie Fribo Steinbrück wiedersehen, dort dem Mann mit gleichgültigen Mienen begegnen, dem sie so in Leidenschaften gegenübergestanden.

Sie hatte umsonst gezittert. Fribo Steinbrück war nicht erschienen und seine Mutter erzählte, er habe etwas von einigen wichtigen Krankenbesuchen gesprochen.

Irene wußte, er wich ihr aus. Die große Enttäuschung, welche ihr das hervorrief, erklärte sie sich klügelnd so:

Wenn man einem Feind zu begegnen hoffte und sich siegreich mit ihm zu messen dachte, ist man natürlich enttäuscht, wenn er sich uns erst gar nicht stellt, dachte sie.

Das Zusammensein mit Signe gefiel ihr sehr gut. Sie entdeckte in der jungen Frau eine wahrhaft kindliche Heiterkeit, welche zuweilen ihr schwermutsvolles Grübeln oder ihr unzufriedenes Murren durchbrach.

Signe schien ihr überhaupt so unfertig und unausgeglichen wie ein Mädchen von vierzehn Jahren.

In Schränken und Truhen, in Kisten und Kasten bewahrte Signe ihre Ausstattungsschätze mit einer geradezu andachtsvollen Sorgsamkeit und Ordnung und ward nicht müde, ihrer neuen Freundin stolz zu zeigen, was die Mutter ihr geschenkt, der Vater ihr gekauft, was in ihrer Heimat gefertigt worden war.

Anderseits lief sie mit schlecht geordnetem Haar und abgerissenen Spitzen umher.

Als Irene ihr das zu verstehen gab, sagte sie gleichgültig:

»Es ist doch allen hier einerlei, ob ich schlecht oder nett aussehe.«

Am Mittag des folgenden Tages, als das Stubenmädchen schon die Speisen auftrug, fiel Signe ein, daß Tom zu diesem Tag Anny Bewer eingeladen hatte.

Sie befahl noch schnell, ein Gedeck aufzulegen und fragte, ob man dem Herrn gemeldet habe, daß aufgetragen sei.

Jawohl, fünf Minuten vor dem Anrichten schon.

Der Braten dampfte. Signe ging nervös hin und her.

Endlich kam Tom, das vergnügte Gesicht wie immer voll Ruhe und Unbefangenheit. Man setzte sich. Er entschuldigte sich nicht, daß er habe warten lassen.

Nach den ersten Bissen sagte er:

»Natürlich – die Teller sind kalt, das Essen ist kalt. Die alte Geschichte.«

»Wie kann das Essen warm sein, wenn du nie präzise kommen willst,« rief Signe empört.

»Man soll nicht eher auftragen, als bis ich da bin,« sprach er und trank sein Glas Wein in einem Zug hinunter.

»Dann sollte es in der Küche alles verkochen und verbraten,« sagte Signe.

»Es ist mir einerlei, wie du es machst; das ist für eine gute Hausfrau, wie sie bei uns so erzogen werden von umsichtigen Müttern, alles möglich,« erklärte Tom, ohne sich im geringsten zu erregen, wodurch das Verletzende seiner Worte nur noch kränkender für Signe ward.

In ihren Augen standen Tränen. Ohne Irenens Gegenwart wäre ein maßloser Streit entbrannt. Aber beide Gatten beherrschten sich.

»Warum Anny Bewer nicht gekommen sein mag?« fragte Irene in die Stille hinein.

»So, sollte die heute kommen?« fragte Tom entgegen.

Signe ließ Messer und Gabel vor Erstaunen sinken und sah erst Tom, dann Irene an, als wolle sie fragen, ob nur so etwas möglich sei.

»Du hast ihr vorgestern auf der Straße getroffen und gesagt, daß sie heute bei uns speisen soll,« rief Signe.

»Ich?« Tom lachte. »Ist mir nicht eingefallen.«

»Aber doch, sicher!«

»Bitte, streite nicht, Signe. Ich habe Anny Bewer nicht gesehen. Das war, glaube ich, vorige Woche mal oder so,« sagte Tom und suchte in dem Mixed Picklesschüsselchen nach Gurkenstücken, die er gern aß.

Signe bebte vor ohnmächtigem Zorn.

»Es ist zu schrecklich,« rief sie, »es ist nun ganz gewiß und du streitest. Nicht ich.«

Nun ging der Wortkampf noch eine ganze Weile, wobei Tom immer seelenruhig blieb, als langweile ihn die ganze Streiterei, und Signe glühte und zitterte.

Man sah es, sie zehrte sich auf in dem heißen Willen, recht zu behalten.

Endlich stand sie auf, holte aus ihrem Zimmer eine Postkarte und warf sie Tom hin.

Tom las ungerührt und ohne weitere Beschämung:

»Liebe Signe! Traf gestern Tom in der Post; auf seine Einladung zu morgen konnte noch nichts Bestimmtes sagen, weil wieder sehr elend. Aber ich bin nun doch so frei.

Deine Anny B.«

»Na ja, siehst du,« setzte er sogar noch mit einer Wortspalterei hinzu, die Irene geradezu baff machte, »in der Post, nicht auf der Straße. Übrigens habe ich ja was anderes in den Kopf zu nehmen, als euren Weiberkram.«

Das peinliche Gefühl, Zeuge solcher Szenen zu sein, was sonst jeden befällt, der einem Familienstreit beiwohnt, kam in Irenen vor lauter Erstaunen gar nicht auf.

Wie war dies möglich? Und zwar möglich vor den Ohren des ein und aus gehenden Dienstmädchens?

Zwei erwachsene gebildete Menschen, welche sich aus freier Wahl als Lebensgefährten aneinander gesellt hatten, verbitterten sich die Tage durch Streit um solche Kleinigkeiten?!

Hatte man denn in der Ehe nicht genug zu tun mit den großen Fragen, die immer entstehen müssen, wenn zwei verschieden gebildete, beanlagte und erzogene Wesen trachten lernen, sich zu verstehen?

War denn dies »selige Kampfesarbeit«, von welcher sie in so stolzen Worten zu Frida gesprochen?

Man stritt sich um ein kaltes Essen – die Anschaffung irgendeiner Wärmemaschine für die Tafel hätte den Streit beseitigt; man befehdete sich um eine erlassene und vergessene Einladung – ein kurzes Wort, ein einfaches »ich erinnere mich nicht, aber es kann ja sein« hätte den Streit im Keim erstickt.

Aber nein, an diesen törichten Nebensachen entflammte die phantasievolle Signe sich zum Haß, erkaltete der phlegmatische Tom zur Gleichgültigkeit.

Sie hafteten an niederen Kleinigkeiten, anstatt zur Höhe emporzutrachten.

Oben freilich können Gewitter sein, unten aber ist gewißlich Sumpf.

Aber lieber vom Blitz erschlagen, vom Donner erdrückt, als so untergehen. Irene war es, als ob sie nun erst recht erkenne, weshalb sie nicht geheiratet hatte, es war das ahnungsvolle Bangen vor der Alltäglichkeit, vor dem Niederdrückenden gewesen. Mit Gewalt riß sie sich aus ihren Gedanken.

»Ich könnte morgen oder heute besser noch zu Anny Bewer gehen,« sagte sie. »vielleicht ist sie wieder krank.«

»Heute bitte nicht,« sprach Tom mit seinem guten Lächeln, um dessentwillen man ihn liebhaben mußte, trotz alledem, »denn ich möchte Ihre Gesellschaft nachher nicht missen. Es kommt ein Landsmann meiner Frau, der sich hier einige Zeit aufhalten will und den ich Ihnen nachher vorzustellen wünsche.«

»O!« rief Signe mit plötzlich freudehellem Gesicht. »Einer von Schweden? Und du sagst es so nebenbei. Kenn' ich ihm?«

»Ja,« sagte Tom gemütlich, »das sollte eine kleine Nachtischüberraschung für dich sein. Er kennt deinen Vater sehr gut. Vielleicht hast du den Namen einmal gehört: Arvid Lederström. Er ist von Falun, wo seine Familie große Eisenwerke besitzt und für einige Zeit bei uns – durch deines Vater Vermittlung – als Volontär eingetreten, um Deutsch zu lernen, speziell das kaufmännische Deutsch.«

Signe fiel ihrem Gatten um den Hals.

»Ja, ich kenne ihn von Namen. Er ist ein Edelmann. Wir,« sagte sie erklärend zu Irene, »haben kein ›von‹ vor Edelnamen, aber wir kennen sie am Klang: Rosenblad und Nordenfalke und Lederström und Adlersparre – so verstehen Sie – Namen, wo das Wappen des Geschlechtes den Sinn des Namens schon erklärt. Ich bin eine Nordenfalke.«

Irene war froh, eine gute Stimmung hergestellt zu sehen. Sie tat allerlei Fragen und danach ging ein Wortstrom ohne Ende aus Signes Mund. Sie beschrieb wieder ihre Heimat, ihr Elternhaus, Stockholm und dabei bemerkte Irene mit Erstaunen, daß Signe heute die Lage eines Königsschlosses beschrieb, welches sie neulich nicht zu kennen erklärte.

Auch auf die Heimat des erwarteten Herrn kam die Rede und Irene wußte im Augenblick nicht genau, an welchem Fluß oder See denn gleich Falun liege.

Da beschrieb Signe mit den begeistertesten Worten und einer hinreißenden Wärme in ihrer drolligen, spitzigen Aussprache des Deutschen und mit den größten Fehlern im Satzbau und Artikel, den Dalelf und die waldigen Felsenberge, die sanften Täler und das wilde Brausen des Westerdals, der von dem Gebirge herab sich niederwärts zum Dalelf stürze und Holzwerke und Mühlen treibe, vom Glühen der Hochöfen erzählte sie und vom pochen der Eisenwalzwerke. Sie erregte sich dabei so, daß ihr Tränen des Heimwehs und der Begeisterung in den Augen standen.

Irenens Blick streifte zufällig Tom, der mit einem Gesicht voll ergebener Geduld dasaß und unhörbar mit den Fingern auf den Tisch trommelte.

Wie, als hätte es ihr jemand laut gesagt, so deutlich wußte Irene plötzlich, daß die junge Frau niemals in Falun gewesen war.

Und ihr Auge, das gespannt an dem beredten Mund gehangen, wich verlegen aus.

Das sah wohl Signe, denn sie brach in jäh entstehender Verwirrung ab und sagte nur noch:

»Könnte ich es auf Schwedisch sprechen; in Deutsch klingt es arm.«

Tom erhob sich.

»Ich muß ins Kontor,« sagte er, »also um sieben Uhr komme ich mit Cederström. Mama und Fribo kommen auch, da sie ihn kennen lernen müssen.«

»So sollen wir an ein Abendbrot denken,« rief Signe vergnügt.

Die Dämmerung war unterdessen hereingebrochen und im Eßzimmer, dessen Fenster ohnedies nur auf einen schmalen, das Haus vom Nachbargebäude trennenden Durchgang sahen, herrschte fast völlige Dunkelheit. So blieb es Tom und Signe verborgen, daß Irene errötete.

Wie unangenehm! Nun sich heute in einem so engen Kreis zu sehen, wo wahrscheinlich Signe, Tom, der Fremde und vielleicht auch Frau Steinbrück nur Schwedisch sprechen würden.

Aber kaum hatte Signe in ihrem reizenden Rokokozimmer die Lampen anzünden lassen, als Frau Steinbrück eintrat.

Sie begrüßte Irene mit großer Herzlichkeit und so verbindlich, daß Irene doch etwas bitter dachte: weil ich aus »Sport« und nicht aus Not diene, bin ich ihr viel lieber und menschlich nähergerückt.

Frau Steinbrück streifte die drei großen Lampen, die unter gelblichen, blumengezierten Spitzenschleiern brannten und dachte: eine wäre, bis der Besuch kommt, einstweilen genug gewesen.

»Ich wollte nur Fribo entschuldigen,« sagte sie eilig, »der arme Junge hat wieder über Land müssen, ließ er mir melden.«

Irene wandte sich ab und preßte die Lippen zusammen.

Dachte Fribo Steindruck etwa, er sei ihr so wichtig, daß sie immer noch vor einer Begegnung mit ihm zittere und hatte er etwa deshalb heute wieder abgesagt?

»Wenn ich ihn treffe, will ich ihm zeigen, daß alles vergessen und ausgelöscht ist, und daß er mir eine ebenso gleichgültige Person ist, wie am ersten Tag meines Hierseins,« sagte sie sich.

Frau Steinbrück aber hatte noch mehr auf dem Herzen. Sie war etwas ärgerlich, weil sie eine Spielpartie hatte absagen müssen wegen dieses Schweden, aber sie war gewöhnt, die Geschäftsinteressen vorgehen zu lassen. Und in dieser Stimmung war ihr nun jene Äußerung Signes wieder eingefallen, welche man ihr zugetragen.

»Und dann hör' mal, Signe, was hast du wieder für einen Schnack gemacht. Ich bin sehr empört. Du sollst gesagt haben, hier seien die Börsen voll und die Herzen leer und du haßtest alle, die in der Stadt wohnen, alle, ohne Ausnahme.«

Sie wird leugnen, dachte Irene, und um des Friedens willen wird Frau Steinbrück ihr glauben, oder doch so tun, als glaube sie.

Aber es kam anders.

»Ja,« rief Signe mit leuchtenden Augen, »ich lüge nie. Ich habe so gesagt und so ist meine Meinung. Und wenn ihr mein Leben dafür wolltet: ich habe so gesagt.«

Hier, wo Irene und jedermann eine Lüge nicht verziehen, aber doch entschuldigt hätte, wo wirklich das viele Wiedererzählen die Äußerung übertrieben haben konnte, hier leugnete sie nicht und behauptete noch obenein: »nie zu lügen«.

Frau Steinbrück zuckte die Achseln.

»Man kann höchstens annehmen, du weißt nicht, was du sagst, weil du der deutschen Sprache nicht so mächtig bist,« sagte sie und ging hinaus.

Die junge Frau saß auf einem Sesselchen, dem die Rückenlehne fehlte und der nur zwei zierlich geschnitzte Armstützen hatte; auf diesen lagen flach ihre Hände und mit den Füßchen schlug sie Takt auf dem Teppich. Sie sah ihrer Schwiegermutter triumphierend nach.

»O,« sprach sie, »ich weiß ganz gut, was ich gesagt habe und kenne sehr gut die deutsche Sprache.«

Irene kniete neben ihr nieder und umfaßte die überschlanke Taille mit beiden Armen. So sah sie empor in das zarte Gesicht und sprach zärtlich, beschwörend:

»Liebe Signe, warum wollen Sie denn so feindliche Gefühle großziehen in Ihrem Herzen. Sie ist doch die Mutter des Mannes, den Sie aus Liebe geheiratet haben, und ich glaube, sie meint es wirklich gut mit Ihnen.«

»Sie meint es gar nicht mit mir,« sagte Signe hartnäckig, »sie haben kein rechter Haß und keine rechte Liebe. Sie will mir nichts Böses, und ich hasse ihr auch gar nicht ein bißchen. Aber wir bleiben Fremde. Immer, das ist gewiß.«

Plötzlich verzerrte sich ihr Gesicht und die schönen blauen Augen flammten.

»Wissen Sie, was man gesagt hat zu mir, als mein Baby tot gewesen ist? Man muß nicht immer weinen, haben sie gesagt, das kommt vor und bei andern Menschen auch. So ein Kind von sechs Wochen ist nicht viel, sagen sie. O, es war so viel, wie ein Himmel, und ich konnte immerzu weinen, weil ich es verloren hab'. Man muß wieder in Gesellschaft gehen, sagt Frau Schwiegermutter, man muß nicht albern sein. Und doch tat sie die ersten acht Tage auch getrübt wegen Baby. Das war Lüge. Das, das! Und so vieles, was sie tun. Und sie meinen, ich lüge.«

Schwere, heiße Tränentropfen rannen über das junge Gesicht, das in diesem Augenblick wieder so elend aussah, zum Erbarmen.

Auch Irenens Augen waren feucht.

»Armes Herz,« sagte sie und wischte mit ihrem Tuch Signes Tränen ab, »ich ahne, was Sie gelitten haben. Aber hätten Sie nicht gerade dann suchen sollen, sich fester an den Gatten zu schließen?«

Signe schüttelte das Köpfchen.

»Er hat keine Zeit. Morgens früh geht er in Kontor und kommt immer nur zu Tisch eine Stunde herauf. Abends sind wir in Gesellschaft oder haben Gäste. Und er ist so. Sie haben gehört heute mittag. Er vergißt alles und streitet dann. Und es ist ihm alles egal, außer verdienen im Geschäft.«

»Haben Sie nie daran gedacht, ihn zu erziehen, dadurch, daß Sie ihm zeigten, wie man seine Fehler ablegt?« fragte Irene, die wohl fühlte, daß sie nicht unbescheiden war, wenn sie sich in diese Ehe mischte.

»Würde nichts nützen,« sagte Signe ergeben, »und ich soll Fehler ablegen? welche denn? Hab' ich mehr, als sonst alle Menschen haben?«

Irene mußte zu dieser naiven Frage lächeln. Mit der größten Vorsicht sagte sie leise: »Sind Sie immer wahr, liebe Signe? Ich denke an die Geschichte mit der Konditorei und an anderes.«

Diese Bemerkung nahm Signe keineswegs übel. Sie dachte nach und dann sagte sie lebhaft:

»Oft ist es, daß ich nicht wie ein kleines Kind alles sagen will. Und noch oft, was ich nicht zu erklären verstehe, wenn ich an Städte und Gegend denke, davon ich welche kenne und welche nicht gesehen habe, ist es so sonderbar. Ich spreche und im Sprechen kommt es mir vor, als habe ich das alles gesehen und es genierte mich, zu sagen: Da und da war ich nicht, besonders in mein Vaterland. Und mit einmal hab' ich schon davon gesprochen, als hätten meine Augen es gesehen. Dabei sehe ich es dann vor meinem Geist. Was ist das? Auch Lügen?«

»Das ist Ihre Phantasie, liebes Kind,« sagte Irene, »welche Sie nicht zu leiten verstehen. Aber es liegt eine Gefahr darin, ihr nachzugeben.«

»O, ich möchte immer so erzählen dürfen, was nicht wirklich ist und was ich in mein Kopf sehe,« sprach Signe vor sich hin; »für den Geburtstag von mein Vater hab' ich einmal große Sache gemacht, alles erfunden und in Versen. Berühmter Professor Kyellund hat gesagt, das war reizend und hat nicht gesagt, das war Lüge.«

»Aber man dichtet nicht im Leben, im Gespräch,« rief Irene erschreckt.

Ob Fribo, der Mitleid und Verständnis für die junge Schwägerin zu haben schien, das wußte? Ob er ahnte, wie groß die Verworrenheit und wie groß auch der Reichtum in diesem Köpfchen war? Wie ihr Gemüt darbte und wie ihr Bedürfnis nach Poesie unbefriedigt war?

Nein, Wärme und Poesie waren freilich in diesem ehrenhaften, gediegenen Haus nicht zu finden.

»Als ich Baby hatte, habe ich Wiegenlieder für Baby gemacht, – schwedische, das war so süß.«

Irene schwieg. Sie fing an zu begreifen, daß es nicht so leicht sein würde, diese junge Frau zu beeinflussen. Sie fühlte sich traurig und bedrückt.

Signe freilich schien die Erinnerung an dies Gespräch schnell abgestreift zu haben. Sie strahlte am Abend in einer Schönheit, deren Anblick fast betroffen machte. Licht und blond und blauäugig erschien sie wie eine Märchengestalt aus ihrer sagenreichen Heimat. Sie hatte sich auch mit großer Sorgfalt gekleidet, damit Arvid Cederström nach Hause schreiben solle, er habe Signe schön und glänzend gesehen.

Sie sprach unaufhörlich mit der sie zuweilen befallenden Lebhaftigkeit in den Fremden hinein und ließ ihm kaum Zeit, ihre Fragen zu beantworten.

Die Steinbrücks fanden das natürlich und gönnten dem armen Kind, dessen stetes Heimweh sie kannten, dieses Aussprechen mit dem Landsmann. Mutter und Sohn unterhielten sich mit Irene.

Der Schwede war ein junger Mann von vielleicht vierundzwanzig Jahren, sehr schön gebaut, mit einem blassen Gesicht, das schon Spuren allzu frühzeitiger Lebenskenntnis trug. Er sah vornehm aus und hatte bei seinem weißblonden Haar und Schnurrbart ein graues, feuriges Auge. Natürlich war er entzückt, eine so reizende Landsmännin gefunden zu haben und nach der ersten halben Stunde schien es ihnen beiden, als seien sie uralte Freunde.

Sie verabredeten ein tägliches Zusammensein und Arvid versprach, alle nordische Literatur, welche er mitgebracht, Signe zur Verfügung zu stellen.

Tom und seine Mutter verstanden beide Schwedisch, doch hörten sie den Gesprächen kaum zu, da die Literatur sie herzlich wenig interessierte und sie speziell von der nordischen gar nichts wußten, außer vielleicht den Namen Ibsen, und daß das ein Mensch sein sollte, der verrückte Stücke schrieb, welche man im Theater nicht aufführte, ihres unbefriedigenden Schlusses wegen, denn solche Stücke machen nicht einmal Kasse.

Irene aber verstand kein Wort von Signes Muttersprache. Wie hätte sie gezittert, wenn sie verstanden haben würde.

»Ich bin sehr glücklich, meine teure und verehrte Frau, Sie, die Tochter eines mir so lieben Mannes, in so befriedigenden Verhältnissen zu finden. Ihr Vater, meines Vaters bester Freund, sagte mir beim Abschied: ›Arvid, du wirst mir die Wahrheit über meine Tochter schreiben und mir berichten, ob sie verstanden wird, ob sie sich befriedigt fühlt.‹ Ihr Vater denkt auch so hoch und groß von der Ehe. Wir haben oft zusammen über die ›ideale Forderung‹ gesprochen und er meint, wie ich, daß sie in der Ehe befriedigt werden muß, oder die Ehe ist eine Lüge und darf nicht fortbestehen.«

Signe machte große Augen.

»Die ›ideale Forderung‹, was ist das?«

»Ich werde Ihnen morgen die ›Wildente‹, ›Puppenheim‹ und ›Die Frau vom Meere‹ bringen. Es ist zwar einer von Norwegen, der es schrieb, aber es ist doch groß. Dann werden Sie verstehen. Die ›ideale Forderung‹ ist in großen Zügen die, daß die Gatten im Geist und in der Wahrheit völlig eins sind, daß gar kein Mißverstehen, gar keine Kleinlichkeit zwischen ihnen ist und daß sie auch über die letzten Ziele der Arbeit an sich und der vorbildlichen für ihre Mitmenschen einig sind,« erklärte Arvid.

»Ah,« sagte Signe mit funkelnden Augen, »die Bücher will ich lesen, um ganz zu verstehen. Eins weiß ich aber schon so: vorbildliche Arbeit für unsere Mitmenschen haben Tom und ich nicht getan.«

»Doch vielleicht unbewußt,« versicherte Arvid voll Eifer, »indem Sie durch die heilige Wahrheit Ihrer Ehe ein Beispiel geben.«

»O, mein Gott,« sagte Signe mit einem bitteren Zucken um die jungen Lippen.

Arvid sah sie an, groß und ohne sonderliches Staunen.

Also auch hier vielleicht doch nur ein träges Nebeneinander und kein Erkennen höchster Pflichten, dachte er zweifelnd, aber woher dann dieses strahlende Lächeln?

Freilich, er mußte sich gestehen, daß es in dem Augenblick verschwunden war, als er von dem Glück ihrer Ehe zu sprechen begonnen.


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