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Empor!

Ida Boy-Ed: Empor! - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEmpor!
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
firstpub1892
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Die Gesellschaft war glücklich überstanden. Irene hatte mehr als dreißig Personen »kennen gelernt«, das heißt, von den meisten hatte sie weder Namen noch Gesicht behalten; einige waren ihr sehr drollig und einige wirklich angenehm erschienen. Sie aber hatte auf alle einen sehr starken Eindruck hervorgebracht. Erstens schon, weil sie eine Neuheit in dem Kreise war, dessen Mitglieder zum größten Teil untereinander verwandt, zum anderen Teil miteinander von Jugend auf bekannt waren, die wenigen Ausnahmen abgerechnet, welche durch einige Offiziere und den einen oder anderen Assessor oder Referendar gebildet wurden. Sodann aber auch durch ihre Persönlichkeit. Die ungemeine Sicherheit ihres Auftretens, verbunden mit großer Zurückhaltung, fiel unter Leuten auf, bei denen die, obenein etwas sehr formlose Sicherheit nur entstand aus dem Bewußtsein, unter lauter guten Bekannten zu sein. Ihre Kleidung sogar hatte Aufsehen gemacht und die jüngeren Herren durch den »Schick« entzückt, die Frauen durch die vornehme Einfachheit in Erstaunen gesetzt. Alles in allem war man einig, daß sie eher einer »regierenden Gräfin« als einer »armen Gesellschafterin« geglichen habe, und es gab mehrere Personen, welche diesen Widerspruch zwischen Stellung und Erscheinung geradezu verdächtig fanden. Kurz, die ganze Stadt sprach von der neuen Gesellschafterin der Frau Steinbrück und hierüber war diese entzückt. Sie liebte es, wenn man ihre Gesellschaften, ihre reichen und langen Soupers, ihre Kleider und ihre Anschaffungen für ihr Haus besprach und jedes abfällige Urteil nahm sie als Neid hin.

Sie machte mit Irene eine Menge von Besuchen, gleich am zweiten und dritten Tag. Hierbei lernte Irene Frau Steinbrück viel näher kennen. Sie bemerkte eine merkwürdige Eigenschaft an ihr: Frau Steinbrück ließ sich allen Klatsch erzählen, hörte ihn mit großem Interesse an und hatte doch immer ein milderndes oder freisprechendes Wort für die Opfer der bösen Zungen.

»Man kann ja nicht wissen, wie das zusammenhängt,« pflegte sie zu sagen, »und am Ende ist ja keiner sicher, selbst mal so durchgehechelt zu werden.«

An der Tatsache des Klatsches selbst nahm sie aber gar keinen Anstoß.

Die bequeme Lauheit dieser Lebensauffassung war für Irene unverständlich.

Daneben erschreckte sie die Enge des Horizontes im Gesichtskreis dieser reichen und vielgereisten Frau. Was nicht in der Stadt geboren und erzogen war, kam kaum für sie in Betracht, wirkliche Wichtigkeit hatte für sie aber nur, was zu ihrem Hause und Gesellschaftskreis in Beziehung stand. Irene konnte die größten und bedeutendsten Namen nennen, sie waren Frau Steinbrück gleichgültig oder unbekannt, jedenfalls imponierten sie ihr gar nicht. Irene, welche vor ihrer Herkunft heimlich gedacht, die reiche Kaufmannsfrau wolle ihr Haus mit einer adligen Gesellschaftsdame putzen, kam von diesem Gedanken ganz zurück; ihr Adel war – weil man ihn mit Armut verbunden glaubte – den Leuten völlig gleichgültig, wenn nicht gar ein wenig mitleiderregend. Die Steinbrücks waren Patrizier und fühlten sich jedermann ebenbürtig, und das war nun wieder die Kehrseite der Medaille, welche Irenen wohlgefiel. Die alles abwehrende Enge erschien ihr als geistige Beschränkung, der Stolz auf das reiche Bürgertum als kraftvolle Gesinnung.

So war Frau Steinbrück denn auch am empfindlichsten, wo man ihren Lokalpatriotismus und ihre Familie kränkte.

Am vierten Tag nach der Gesellschaft erschien sie morgens zum zweiten Frühstück in großer Erregung, welche sich bei ihr zunächst in schnellem Sprechen und in heftigen Bewegungen kundgab. Sie fand ihren Sohn Fribo noch allein. Irene fehlte.

Sich hastig setzend und ihre Serviette aus dem Ring zerrend, begann sie:

»Tante Frida ist hier gewesen. Schöne Geschichten habe ich hören müssen. Denke dir, die Meltzow hat ausdrücklich drei- oder viermal auf harmlose Fragen, wie man sie so in der Konversation mit Fremden tut – was soll man denn auch sprechen? – hat sie geantwortet, sie sei keine Majorstochter und immer verwundert getan, wie man darauf komme. Ob ich sie nun mal zur Rede stelle?«

»Ich begreife nicht,« sprach Fribo Steinbrück mit einem ganz kleinen Lächeln, »weshalb du nicht gleich mit ihr von den Ihrigen gesprochen. Das hätte ihr nebenbei vielleicht wohlgetan.«

»Ja, du begreifst meistens nicht, was ich tue,« sprach seine Mutter. »Meine Söhne sind immer klüger als ich.«

Tom hätte geantwortet: »Weil sie mehr Takt und Maß haben als du,« denn Tom ging, wie seiner Mutter, ganz die Empfindung ab für die Höflichkeit der Familienmitglieder gegeneinander. Sie wechselten oft die rücksichtslosesten Worte, würden aber erstaunt gewesen sein, wenn jemand sie deshalb für feindlich und unfriedlich gehalten hätte.

Fribo also antwortete nichts.

»Wenn ich mich nach Vater und Mutter und Onkel und Tante von meinen Leuten erkundigen sollte, erwüchsen mir aus solcher Teilnahme Gott weiß was für Verpflichtungen. Ich denke immer noch mit Schrecken an die Geschichte mit unserer Köchin Trina, wo wir wahrhaftig deren Schwester im Krankenhaus unterstützen mußten. Ich tu' ja gern was für Arme. Aber unnütz will ich mir auch nichts aufsacken. Man hat soviel mit sich selbst zu tun!«

»Nun,« sagte Fribo Steinbrück, »mir scheint aber doch, daß du dich über die Herkunft einer jungen Dame vergewissern mußt, die als Tochter des Majors von Meltzow von dir angenommen ist und nun selbst gesagt haben soll, sie sei es nicht. – Aber, wenn ich bitten darf, nicht in meiner Gegenwart.«

In diesem Augenblick erschien Irene zum Frühstück.

»Ich komme zu spät? Bitte, verzeihen Sie . . .«

»Nein,« sagte Fribo, »Mama und ich waren einige Minuten zu früh hier.«

Frau Steindruck litt, daß sie nicht gleich mit dem herauskommen durfte, was sie quälte. Aber sie kannte ihren Fribo und wagte nicht, ihm ungehorsam zu sein. Unruhige Menschen bäumen sich wohl auf gegen einen festen Charakter, wie die Wogen gegen den Felsen, aber sie kennen ganz gut ihre Ohnmacht.

Und etwas sagen mußte Frau Steinbrück, sie mußte »gegen den Felsen aufschäumen«. Irenens graues Kleid, welches sie noch nicht kannte, ansehend, fragte sie:

»Das ist wohl vom Herrenschneider gemacht. Das sieht ja aus wie ein Reitkleid. Wer hat Ihnen denn all die teuren Sachen gekauft?«

Irene wunderte sich heute nicht mehr wie am ersten Morgen über die gelegentlichen Taktlosigkeiten. Hier lag diese mehr im Ton, als im Inhalt der Worte.

»Mein Vater,« sagte Irene mit einem, wie es Fribo schien, hochmütig ablehnenden Blick.

»Du,« wandte Frau Steinbrück, welche doch nicht »mehr« wagte, sich an Fribo. »Tante Frida hat mir noch mehr erzählt. Denke dir, sie sagt, Vetter Max hat auf das bestimmteste versichert, daß Lisa Harding gehört habe, wie Signe zu zwei Leutnants gesagt habe, ›hier seien nur die Börsen voll und die Herzen leer und sie hasse die Stadt und ohne Ausnahme alle, die in ihr wohnen‹.«

Fribos Gesicht wurde sehr finster.

»Eine solche Taktlosigkeit will ich nicht glauben.«

Ach, Irene war nur zu sehr davon überzeugt, daß sie begangen worden war. Denn die vergangenen Tage, an denen sie viele Stunden mit Signe verbracht, hatten ihr den ganzen Abgrund von Bitterkeit offenbart, in den die zarte Frau versunken war.

»Das Schlimmste ist, es wird sich kaum feststellen lassen ob's wahr ist. Die Leutnants natürlich würden die Aussage verweigern; Lisa Harding hat nicht gewußt, welche es waren, obendrein: Signe wird natürlich lügen. Aber wissen soll sie doch, daß wir davon erfuhren,« sprach Frau Steinbrück. Sie atmete kurz. Ihr ganzes Wesen war in Empörung. Und in gerechter, wie Irene sich sagen mußte.

Fribo indessen schien anderer Ansicht.

»Dergleichen Vorkommnisse sind lediglich Toms Schuld,« sagte er ernst. »An ihm war es, dieses junge, liebenswürdige, vom Glück verwöhnte Geschöpf zu seiner Gefährtin zu erziehen. Aber als der erste Rausch vorbei war, deuchte ihm das unbequem. Er ließ Signe wuchern wie eine Pflanze, die nicht beschnitten wird und dann nur unnütze Schößlinge, aber keine Frucht treibt. Eine so junge Frau bedarf der fortwährenden Liebe und Erziehung.«

Irene war wieder betroffen von der Milde und Festigkeit in dieses Mannes Wesen. Sie mußte sich täglich mehr Mühe geben, Fribo Steinbrück nicht zu sehr zu beobachten und dieses wachsende Interesse, welches sie für Hochachtung und Wohlwollen nahm, hinter kühler Höflichkeit zu verbergen. Denn das rohe Wort seiner Mutter stand für immer trennend zwischen ihnen, nicht einmal eine Freundschaft war möglich. Und das war schade, fast schmerzlich schade.

Aber der weitere Verlauf des Gespräches verwandelte alle ihre guten Gefühle in feindseligsten Zorn gegen den Mann.

»Nun,« rief Frau Steinbrück, »wer war denn immer dagegen, daß Tom ein junges Ding von achtzehn Jahren heiratete? Ich meine, ein bißchen Wind muß man sich schon haben um die Ohren wehen lassen, ehe man ans Heiraten denkt. Ich war zweiundzwanzig, als Steinbrück und ich heirateten. Und das war noch zu früh.«

»Ich bin anderer Ansicht,« sprach Fribo mit beleidigender Ruhe. Beleidigend schien sie wenigstens Irenen, weil er seine Auseinandersetzungen in ihrer, einer Fünfundzwanzigjährigen, Gegenwart machte. »Das moderne Mädchen ist von vornherein verbildet durch die, dem weiblichen Gehirn nicht angemessene Fülle von wüstem Halbwissen, die in der Schule hineingepfropft wird. Dann tritt sie in die Gesellschaft. Sie lernt dort ihre Taille einschnüren und ihre Schultern entblößen, um schöner zu sein vor den Augen der Tänzer, mit denen sie Winter um Winter in heißen Ballsälen sich amüsiert. Je länger ein Mädchen ›ausgeht‹, wie ihr das nennt, je mehr wird sie von dem Duft der unberührten Unschuld verlieren. Sie wird in Gebärden und Gesprächen keck und gefallsüchtig, ihre Phantasie wird unlauter. Und zuletzt, wenn sie vor den Altar tritt, ist die Myrtenkrone nur ein leiblicher Schmuck. Ihrer Seele ziemte er nicht mehr.«

»Wahr,« rief Irene, »sehr wahr ist, was Sie sagen. Aber Gott sei Dank, Herr Doktor, es trifft nur für jenen kleinen Prozentsatz der jungen Mädchen zu, welche ausschließlich der Gesellschaft leben. Auch in den höheren und höchsten Ständen gibt es Töchter, welche ihre Hauptfreuden im stillen Familienglück finden und deren treffliche Erziehung sie lehrt, sich nach dem Vorbilde eines herrlichen Vaters, einer edeln Mutter, ehrlich weiter zu bilden, das ›wüste Halbwissen‹ zu sichten und zu erweitern, ihre Charaktere für das Leben zu befestigen.

Und ein so, in sorglichster Obhut gereiftes Wesen muß doch dem Manne eine bessere Gefährtin werden, als ein Kind von siebzehn Jahren.«

Hier trat Martin ein und meldete Herrn Konsul Kugler.

Frau Steinbrück, welche sich bei solchen »Streitereien« stets langweilte, erhob sich und bat Irene, ihr nachzukommen, sobald Fribo fertig mit dem Frühstück sei.

»Nein,« sagte Fribo voll Eifer für seine feststehenden Ansichten, nach denen er bestimmt entschlossen war, einmal zu heiraten, »ich bin selbst dann noch anderer Meinung. Wenn solch ein Wesen wirklich unter den von Ihnen angedeuteten Bedingungen schön ausreift, wird sie eben zu reif sein, um von ihrer Individualität sich noch auf Kosten der meinigen etwas abzustreifen. Ich halte die Ehe für eine schwere Sache und kann Ihnen kaum eine nennen, aus unserm ganzen großen Kreis, die wirklich eine ist. Denn ich erwarte mehr von ihr, als bloß ein gewohnheitsmäßiges, friedliches Nebeneinander, das meist nur friedlich ist, weil ein Zufall die Störung fernhält.«

»Das wahre, heilige Glück, das völlige Ineinanderaufgehen, die unbegrenzteste Gemeinsamkeit der Seelen und des Geistes, das liebevolle Dulden und Mildern, auch der gegenseitigen Fehler, kann nur entstehen, wo zwei ebenbürtige und gleichvorgeschrittene Herzen sich finden. Eheleute sind Gefährten, Genossen, sind eins!

Reife und Unreife, Erzieher und Schülerin zusammen – das ist keine Ehe,« rief Irene.

Er sah mit Überlegenheit in ihre flammenden Augen.

»Und ich sehe allein die Möglichkeit des völlig Eineswerden darin, daß ich ein junges Geschöpf an mein Herz und an meine Seele nehme, dem ich die vielleicht vorhandenen Erziehungsfehler schnell abgewöhne, das aber sonst einem weißen unbeschriebenen Blatte gleicht, auf welches ich meine Gesetze schreiben kann, die Gesetze, die ich mir gebildet aus tiefen Gedanken und vielen Beobachtungen, aus meinem Sehnen und meinem Begriff von Glück. Meine Frau soll mein Geschöpf sein, das Leben und die Menschen mit meinen Augen ansehen und allezeit ihre zarte Hand von meinen festen Schützerhänden umfaßt fühlen. Darin allein sehe ich die Garantien einer friedvollen Ehe.«

»Also,« sprach Irene, indem sie aufstand, »trauen Sie sich nur die Kraft zu, Wachs zu bilden, nicht die, Marmor zu meißeln. Ich habe Sie für bedeutender gehalten. Ich nahm Sie für einen Apostel der Menschenliebe. Sie sind ein Egoist. Denn nur feiger Egoismus kann wünschen und wollen, ein anderes Menschenleben in sich aufzusaugen, daß jede Spur eigenen Seins in ihm schwindet. Der kraftvolle Mensch aber wird an der Aufgabe wachsen und bedeutendere Fähigkeiten, als er sich selbst zutraut, werden in ihm erwachen, wenn er neben einem anderen kraftvollen Menschen

steht und mit ihm ringt. Jeder weiß, daß der andere sein würdiger Genosse und jeder strebt aus Liebe und Erkenntnis – hören Sie, ich sagte und Erkenntnis – Opfer zu bringen um Opfer, bis nach herrlicher Kampfesarbeit die erzene Wahrheit dasteht: wir sind eins! Wir haben allen Tand unseres Wesens einer vom anderen abgestreift, was geblieben ist, ist von Felsen. – So, mein Herr Doktor, denke ich mir das Werden einer wahren Ehe.«

Sie ging hinaus. Ihre Knie bebten. Ihre Wangen glühten. So maßlos hatte sie noch nie in ihrem Leben zu jemanden gesprochen.

Und ein Fribo Steinbrück hatte sie so zu reizen vermocht? Was gingen sie seine törichten und selbstherrlichen Ansichten über Frauen und Ehe an? Warum gerade ihm mit solchem flammenden Zorn ihre Gedanken offenbaren?

Irene hätte weinen können vor leidenschaftlicher Reue. Dieser Mann, dem alle Frauen zu Füßen liegen sollten und der wahrscheinlich infolge seiner allzuviel und allzu lächerlich umworbenen Heiratsfähigkeit sich diesen Ton unantastbarer Unfehlbarkeit angeeignet hatte, würde sich nur einbilden, daß er auch ihr ein wichtiger Mensch sei. Denn einem Gleichgültigen gegenüber läßt man sich so nicht hinreißen.

Sie ging auf der Galerie hin und her, die kalten Hände gegen die glühende Stirn gedrückt. Es hieß sich sammeln, denn Frau Steinbrück hatte befohlen. Wenn sich doch alles, alles ungeschehen machen ließe. Die Torheit ihres Hierseins überhaupt und die Torheit, die viel größere, eben begangene. Ihr Stolz bäumte sich qualvoll auf gegen das Bewußtsein, daß sie diesem Menschen hier Anrechte an sich eingeräumt.

Mit hoch erhobenem Haupt trat sie endlich in das Empfangszimmer der Frau Steinbrück.

Fribo aber saß an seinem Platz wie angewurzelt. Er stützte den linken Ellenbogen auf den Tisch und hielt mit der Faust der Rechten die zerknüllte Serviette eisern umkrallt.

Sein Gesicht war blaß und er fühlte sein Herz so klopfen, daß es seinen Atem beklemmte.

Ihm war, als habe man ihm eine ungeheure Demütigung zugefügt.

Er litt. Und doch, in dem zitternden, unterdrückten Zorn, der seine Brust durchbebte, tauchte eine sanfte und wunderbar wohltuende Erinnerung auf. Er sah dieselben Augen, die ihn eben so feindselig angesprüht, mit vertrauendem und bewunderndem Blick auf sich gerichtet – wie damals, als Anny Bewer krank war. –

Frau Steinbrück hatte unterdessen ihren guten Freund empfangen.

Der Konsul Kugler war wie immer tadellos vornehm gekleidet. Sein wie aus blassem Holz geschnitztes Gesicht trug den verbindlichsten Ausdruck, und wie immer war er sich bewußt, durch weltmännische Gewandtheit seinem Gegenüber mehr als gewachsen zu sein.

Nachdem er seine Entschuldigungen vorgebracht, daß er neulich Abend gefehlt habe, berichtete er von dem Fest, zu welchem er gereist war.

»Ich wußte gar nicht, daß Gräditz auch mit dahin eingeladen war,« sagte Frau Steinbrück.

Kugler lächelte nachsichtig.

»Er wird wohl mit seiner unverfrorenen Bonhommie vorher geschrieben haben: ›Hören Sie, lieber Oberst, laden Sie mich doch zu Ihrer Silberhochzeit ein.‹«

»Ich möchte nicht mit ihm reisen. Er ist so laut und zudringlich,« bemerkte Frau Steinbrück.

»Ich bitte, gnädige Frau, Sie tun ihm sehr unrecht. Der gute Gräditz glaubt zu den Leuten zu gehören, welche sich alles erlauben können, denen ›alles zusteht‹ und alles verziehen wird. Sein Metier ist es sozusagen, den Naturburschen zu spielen. Natürlich kann das manchmal seine Begleiter zur Verzweiflung bringen. So ist es ihm zum Beispiel unmöglich, im Kupee der Eisenbahn jemanden unangeredet zu lassen, was für Abweisungen er da oft mit der größten Dickfelligkeit einsteckt, ist unglaublich. Und zuweilen störte er mir dadurch die Möglichkeit, mit Erfolg anzuknüpfen, wir fuhren da einmal mit einer jungen Dame, deren nähere Bekanntschaft ich sehr gern gemacht hätte, und die es auch nicht an Zeichen freundlichen Entgegenkommens fehlen ließ. Aber Gräditz verdarb alles.«

»Sieh mal an,« scherzte Frau Steinbrück, »also fremde, schöne Damen machen Eindruck, wo hier so viele Herzen vergebens warten. Wenn das Fräulein Tilli und die Witwe Mühlhaus wüßten! Da hat am Ende meine neue Gesellschafterin auch Chancen, Gnade vor Ihren Augen zu finden.«

»Ach, die neue Gesellschafterin! Im Klub und an der Börse war soviel von ihr die Rede. Es soll etwas ganz Apartes sein,« sagte Kugler, aber ohne besondere Neugierde, denn was seinen guten Mitbürgern »apart« erschien, war für ihn noch lange nicht der Beachtung wert.

»Da kommt sie,« raunte Frau Steinbrück, da sie gerade Geräusch an der Tür vernahm. Irene trat ein und Frau Steinbrück stellte mit einer gewissen Umständlichkeit die Herrschaften einander vor.

Konsul Kugler lächelte eigen, in Irenens Gesicht spielte etwas – ein Zug von ungewissem Erinnern, ein Suchen und dann die Bestätigung des Erkennens.

»Ich habe den Vorzug, in Fräulein von Meltzow eine Reisebekanntschaft zu erneuern, deren Reiz mir eine der sonst langweiligsten Touren verschönte,« sagte Kugler.

Irene hatte damals von dem verbindlichen und zurückhaltenden Herrn, im Vergleich zu jenem zudringlichen Genossen, einen ganz angenehmen Eindruck empfangen, den dies starke Kompliment freilich etwas zerstörte. Sie sprach aber doch ganz freundlich:

»Es ist in der Tat ein drolliger Zufall, Herr Konsul, daß ich also bei dem ersten Schritt auf den Weg zu dem neuen Lebenskreis gleich einer Persönlichkeit aus demselben begegnen mußte.«

Frau Steinbrück fieberte förmlich. Wie, die kannten sich? So war am Ende gar Irene die junge Dame, welche auf Kugler Eindruck gemacht hatte? Sie brannte darauf, näheres zu wissen und sah schon die sensationellsten Ereignisse voraus. Die ganze Stadt würde ja »auf den Rücken fallen«, wenn es etwa dazu käme, daß Kugler, der berühmte Lebemann, der »Streber«, sich mit einer armen Gesellschafterin verloben würde, die nicht einmal von hier gebürtig. Denn als gute, brave Frau dachte sie immer gleich ans Heiraten.

»Ja, das ist wirklich drollig,« bestätigte sie, »und Sie werden Herrn Konsul hier oft treffen. Ich hoffe doch, Herr Konsul, Sie werden mein Haus diesen Winter wieder mehr besuchen als den vorigen, um so mehr, als Sie dabei Gelegenheit haben, Ihre Reisebekanntschaft zu vervollständigen.«

Kugler lächelte sehr vornehm, viel Takt hatte diese gute Steinbrück nicht, indem sie ihm die schöne Gesellschafterin als Lockvogel aufstellte.

Doch versicherte er verbindlich, daß er vorigen Winter nur selten gekommen sei, weil er gefunden habe, daß er die liebenswürdige Steinbrücksche Gastfreundschaft denn doch zu sehr in Anspruch genommen.

Frau Steinbrück hielt es nicht länger aus.

»Liebes Fräulein,« sagte sie, »ist es nicht die Zeit, wo Signe Sie zur Lesestunde erwartet?«

Es war nun zwar nicht die Stunde, aber Irene verstand. Doch wechselte sie noch erst einige Worte mit Kugler über die ganz erstaunlichen Fortschritte, welche Tom Steinbrücks Frau in den wenigen Tagen in der deutschen Sprache gemacht. Irene schämte sich immer, wenn jemand sich ungeschickt benahm, für diesen jemand, und war bestrebt, sein Benehmen auszugleichen. So verweilte sie jetzt Frau Steinbrücks wegen noch zwei Minuten, eine Handlungsweise, welche die Frau ihr als »unpassendes Benehmen« verdachte, Kugler aber als das erschien, was sie war: ein Beweis vollkommener Herzenshöflichkeit. Der Grad der eigenen Bildung gab auch bei Frau Steinbrück, wie bei allen Menschen, den Messer ab für das Tun anderer.

Kaum hatte die Tür sich dann hinter Irenen geschlossen, als Frau Steinbrück auf Kugler eindrang:

»Ich brenne vor Neugier. Bitte, seien Sie offen. Ist sie wirklich jene Dame, welche Eindruck auf Sie gemacht hat? Einen ernstlichen? Wo trafen Sie sich? Wie war es?«

Kugler sah einige Sekunden die Firma des Hutfabrikanten in der Tiefe seines Zylinders an. Kugler war Diplomat und pflegte seine Worte zu erwägen und in diesem Fall schien ihm, sollten sie besonders erwogen werden.

Aber seine erste Äußerung genügte doch schon, Frau Steinbrück aus ihren Kombinationen für die Zukunft zu reißen.

»Sie kennen die junge Dame genau? Und ihre Herkunft?« fragte er.

»Nun, wie man so jemand kennt, den man nach kurzem Briefwechsel mietet. Im ganzen sind wir sehr eingenommen von ihr gewesen, nur ihre sehr kostbare Garderobe fiel uns auf. Aber heute morgen habe ich zu meinem Schrecken gehört, daß sie auf mehrfache Anfragen geantwortet habe, sie sei gar keine Majorstochter, während ich sie doch als solche engagierte,« sagte Frau Steinbrück kleinlaut, »wissen Sie etwas von ihr? Ich flehe Sie an, ehrlich zu sein. Als Freund des Hauses sind Sie mir das schuldig.«

»Wenn die Dame sich allerdings unter falschen Vorspiegelungen in Ihr Haus geschlichen, muß ich Ihnen, meine verehrte Frau Steinbrück, allerdings meine Beobachtungen mitteilen,« begann Kugler.

Frau Steinbrück hätte weinen können. Den »falschen Vorspiegelungen« widersprach sie nicht, denn in ihrem aufgeregten Hirn vermengten sich die Tatsachen, und sie glaubte in diesem Augenblick wirklich, daß Irene es ihr selbst geschrieben.

»Als wir, nämlich Gräditz, den Sie nach allen diesen Dingen fragen können, und ich in P. einstiegen, fanden wir im Nichtraucherkupee eine junge Dame. Wir Herren sind vielleicht zu argwöhnisch, aber man glaubt von vornherein gegen eine junge Schöne, die allein ist und dies Kupee sucht, nicht so zurückhaltend sein zu müssen. Gräditz ging denn auch alsbald los. Und trotz seiner derben Art, die doch eher zurückschrecken muß, lächelte sie ihn an. Ich kann beschwören, daß sie gelächelt hat. Nachher freilich schien seine grob zudringliche Fragerei sie zu verstimmen. Ich hatte entschieden mehr Glück, denn ich erkannte, daß ich eine Dame von Welt – wie ich allerdings annahm, auch von der Welt der Bretter – vor mir hatte. Ob ich bei einer längeren Dauer der Reise Ihnen von mehr hätte beichten dürfen, kann ich nicht wissen; jedenfalls wies das Fräulein ein Gespräch mit mir nicht schroff ab. Wahrscheinlich hatte sie auch Rücksichten zu nehmen; denn in Berlin wurde sie von einem sehr jungen Leutnant in Zivil in Empfang genommen, obgleich sie vorher behauptet hatte, daß niemand sie erwarte und, leider darf ich nicht schweigen, Gräditz und ich trafen das Paar nachher, als es von Dressel herauskam.«

Nun weinte Frau Steinbrück wirklich.

»Unerhört,« sagte sie unter Tränen. »Mein Gott, wie soll es werden! Wenn ich nun eine Abenteurerin in meinem Hause habe!« Und alle Schauergeschichten, die sie je gelesen, fielen ihr ein.

»Das, meine sehr verehrte und liebe Frau Steinbrück,« sprach Kugler, »wollen wir nicht denken.

Nehmen wir an, daß die junge Dame von Hause aus an etwas freiere Manieren gewöhnt ist, als die bei uns üblichen. Ich bin gewiß nicht der Pedant und Spießbürger, gleich auch freiere Sitten dahinter zu vermuten. Vor allen Dingen würde ich mich genau nach der Familie und der Vergangenheit der Dame erkundigen.«

»Das hat Fribo auch schon gesagt. Ach, bitte, Herr Konsul, schweigen Sie zunächst über die Geschichte.«

Vor innerer Unrast hatte Frau Steinbrück rote Wangen.

Kugler erhob sich.

»Leider wird aber Gräditz, sobald er das Fräulein sieht und die ungewissen Gerüchte über ihre Herkunft hört, nicht schweigen,« sagte er, auch seinerseits jedes Versprechen der Schweigsamkeit vermeidend. Denn Kugler wußte, was er seiner Kavaliersehre schuldig war, und daß man ein einer Dame gegebenes Wort nicht bricht. Deshalb gab er es lieber nicht.

»Eins ist sicher,« fügte er noch beruhigend hinzu, »dieses Fräulein ist hochgebildet und gut erzogen. Wer kann beurteilen, welche Verhältnisse so ein Mädchen in die Welt hinausgetrieben haben. – Aber ich will Sie nun verlassen, verehrte Frau. Ich beklage nur, Sie so erregt zu haben.«

»O nein. Ich danke Ihnen. Sie haben mir einen wahren Dienst geleistet,« murmelte sie.

Dann lief sie einige Male im Zimmer hin und her mit vor sich gefalteten Händen. Ihre Ratlosigkeit wich aber einem Entschluß. Sie klingelte und Martin kam.

»Wo ist mein Sohn?«

Mit dieser Frage war immer nur Fribo gemeint.

»Ich habe Herrn Doktor noch nicht aus dem Eßzimmer fortgehen sehen. Ich paßte auf, weil ich abdecken wollte.«

»Gut. Noch eins.« Und die Stimme der Frau zitterte, denn ihr Anständigkeitsgefühl regte sich warnend. »Hat Fräulein von Meltzow schon viele Briefe abgesandt?«

Die Briefe wurden gewöhnlich an Martin gegeben, der sie ins Kontor trug, von wo sie mit den Geschäftsbriefen zur Post gingen.

»Nur zwei,« sagte Martin und machte große Augen, setzte aber, den Hauptsinn dieser Frage erratend, von freien Stücken hinzu: »Der eine war an eine Frau Doktor Eberstein oder Eberberg oder so ähnlich. Der andere an einen Herrn von Meltzow. Darunter stand aber ein Titel. Was für einer es war, weiß ich aber nicht, hier gibt es in der Stadt solchen nicht.«

»Es ist gut.«

Martin zögerte einen Augenblick. Er wollte fragen, ob er fortan genau auf die Briefadressen passen solle; aber er beschloß, es von selbst und ohne besonderen Befehl zu tun. Er ging hinaus, um den Mitbediensteten zu berichten, daß es mit dem neuen Fräulein höchstwahrscheinlich einen Haken habe.

Frau Steinbrück eilte in das Eßzimmer, von welchem ihr Empfangssalon durch ein kleines Gemach getrennt war.

In dem sonnenlosen Raume war es totenstill. Auf dem Tische standen die halbleeren Schüsseln und die gebrauchten Teller. Eine Serviette lag bei Irenens Platz am Boden auf dem Teppich, der Stuhl stand schräg abgerückt.

Und diesem Platz gegenüber saß Fribo wie ein Bild von Stein, das Haupt aufgestützt, die Faust geballt auf einer zerknüllten Serviette liegend. Er schrak zusammen, als die Mutter ihn anredete, und sah sie abwesend an.

»Mein Gott, was sitzest du denn und träumst? Das ist auch was Neues. Nun, du wirst schon munter werden,« sprach sie mit überstürzten Worten. »Denke dir, daß diese Meltzow höchstwahrscheinlich eine zweideutige und leichte Person ist.«

Fribo sprang auf. Er ward leichenblaß.

»Mutter,« rief er drohend, »ihr habt alle eine so furchtbare Art, mit dem Wort zu sündigen! Hüte dich! Du wenigstens hüte dich. Raube nicht wieder eine Ehre, die du dann nicht zurückgeben kannst.«

»Bitte,« sagte Frau Steinbrück ungeduldig, »werde nur jetzt nicht pathetisch.«

Jede ungewöhnliche und erhöhte Ausdrucksweise galt ihr als pathetisch.

»Hast du Beweise?« fragte Fribo heiser. »Ich würde den zu Boden schlagen, der es wagte – – –«

»Mein Himmel!« rief Frau Steinbrück und hätte beinahe gelacht, »du hast dich doch nicht in aller Geschwindigkeit in meine Gesellschafterin verliebt? Du bist ja Feuer und Flamme.«

Fribos Antlitz überzog sich mit dunkler Glut. Eine Sekunde lang schnürte ihm etwas die Kehle zu – Zorn, Schreck, Auflehnung.

»Nein,« sagte er tonlos, »ich bin nicht verliebt, ich möchte am liebsten, daß dies Mädchen nie in meinen Weg gekommen wäre. Wir sind einander sehr feindlich gesinnt. Aber beschimpfen lasse ich kein Weib. Und sie – sie am wenigsten.«

»Laß dir erzählen, was Kugler weiß.«

»Ach der,« rief Fribo aufatmend und verächtlich, »ein Mann, der klatscht! Es ist unter meiner Würde, von dem zu hören.«

»Er hat aus Freundschaft für uns gesprochen.«

»Und diese Freundschaft vor sich selbst als Vorwand benutzt, eine Dame zu beschimpfen. Denn er hält gewissermaßen vor sich selbst auf Anstand,« höhnte Fribo.

»Ich befehle dir, zu hören,« rief Frau Steinbrück.

»Du bist meine Mutter,« sagte Fribo leise. »Sprich also.«

Und mit der ihr eigenen Lebendigkeit erzählte Frau Steinbrück die ganze Unterredung. Natürlich verschärfte sich in der Wiederholung manches Wort. Mancher sehr vorsichtige und auch günstige Deutung zulassende Ausdruck Kuglers erschien in Frau Steinbrücks Mund von eindeutiger Klarheit, und zwar nicht von der günstigsten.

Merkwürdigerweise gewann aber Fribo während dieser Erzählung seine volle Ruhe wieder.

Er ging langsam auf und ab, hob, im Schreiten sich bückend, mechanisch Irenens Serviette vom Boden auf, warf sie auf den Tisch und sagte endlich:

»Dies alles, liebe Mutter, ist, wenn ein reiner Mensch es beobachtet und bespricht, ein Nichts. Wenn eine unlautere Phantasie und eine giftige Zunge sich daran machen, ist es sehr viel. Und wenn ich die Farbenauftragung Kuglers auch noch abziehe, bleibt vielleicht nicht einmal eine Unvorsichtigkeit übrig – vielleicht nicht einmal die bekannte Unvorsichtigkeit, mit einem blütenweißen Kleid durch Kot gewandert zu sein.«

»Das versteh' ich nicht. Gewiß ist, daß ich ein Recht habe, in Sorgen zu sein und sie zur Rede zu stellen.«

»Mutter, das wirst du nicht tun,« rief er aufbrausend.

Aber in dieser Sache fühlte Frau Steinbrück sich zu sehr in ihrem Recht, um sich dem Sohn zu fügen. Dennoch war ihr heimlich ein wenig angst vor seinem »harten Kopf« und deshalb versuchte sie es auf dem Wege der gütlichen Vorstellung, ihn von der Notwendigkeit ihres Vorhabens zu überzeugen.

»Aber nehmen wir die Tatsachen doch einmal wie sie sind, Fribo,« begann sie fast bittend. »Ich habe da eine junge Dame etwas übereilt ins Haus genommen, gerade, weil sie keine Zeugnisse hatte und noch nicht in Stellung gewesen sein wollte – bloß auf die Erkundigungen von Toms Freund hin. Ich höre von dieser jungen Dame allerlei kleine Dinge, die vielleicht unschuldig sein können, sich aber zweideutig ansehen. Nun willst du mir, deiner Mutter, dem Steinbrückschen Hause, zumuten, daß ich schweigend etwas Unklares neben mir dulde? Und ist es nicht im Interesse des Fräuleins selbst besser, daß man sich ausspricht?«

»Gewiß,« sagte Fribo zögernd, »es ist wahr, und du hast von deinem Standpunkt aus völlig recht. Aber ein unbestimmtes Gefühl warnt mich. Daß du ihr unrecht tust, ist mir außer allem Zweifel – keine Form, keine einzige kann es geben, die für solche Aussprache schonend genug ist.«

Ja, es war ihm außer allem Zweifel. Und dennoch, dennoch regte sich in ihm ein Qualgedanke. Jener Offizier in Zivil, der mit ihr bei Dressel gespeist – das tut man nur mit einem Bruder. Sie aber hatte keine Geschwister, wie sie vor einigen Tagen zufällig geäußert. War er ihr Verlobter? Dann konnte die Notwendigkeit, auf der Durchreise irgendwo zu essen, den Verlobten veranlaßt haben, die Braut ohne weitere Begleitung in ein Restaurant zu führen.

Und immer wieder kehrten seine Gedanken auf diesen einen Punkt. Vielleicht war es der uneingestandene Wunsch, zu wissen, wer jener Mann gewesen, daß er nachgiebig gegen seine Mutter ward.

»O,« sagte Frau Steinbrück, »ich bin ja soweit ganz gut bei Wort und werde schon die rechte Art und Weise treffen.«

Fribo kannte seiner Mutter Art und hatte nicht sehr viel Vertrauen zu ihrer Zartheit.

»Übrigens bleibe du zugegen,« setzte sie hinzu, »das wünsche ich durchaus.« Er fuhr förmlich zurück.

»Um keinen Preis. Dergleichen kann nur unter vier Augen gesprochen werden,« rief er.

»Nun, dann sprich du mit ihr,« meinte sie und verriet mit diesem schnellen Vorschlag, daß sie sich doch nicht ganz sicher in ihrer Lage als »Untersuchungsrichter« fühlte.

»Ich!« wiederholte er. Fest biß er mit den Zähnen auf die Unterlippe und starrte vor sich hin auf das Muster des Teppichs. Mit einemmal hob er das Haupt. Auf seinen Zügen stand jener eherne Ausdruck von Entschlossenheit, der seine Mutter immer erschreckte und den sie nie verstand.

»Du wirst mir aber auch nachher die volle Wahrheit sagen?« fragte sie. Er sah sie an.

»Nun, ich meinte bloß so,« murmelte die gedemütigt und unwillig zugleich. »Also gehe in mein Zimmer. Ich werde sie dir schicken.« Dabei klingelte sie.

Während Fribo mit schweren, langsamen Schritten durch das kleine Zwischengemach in das Wohn- und Empfangszimmer seiner Mutter ging, hörte er ihre helle und immer etwas scharfe Stimme sagen:

»Ach, Martin, laufen Sie mal zu meiner Schwiegertochter und sehen Sie, ob Fräulein von Meltzow da ist, sonst wird sie oben sein. Sie möchte in mein Zimmer kommen, ließ ich sagen. Wir wollten sie sprechen.«


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