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Empor!

Ida Boy-Ed: Empor! - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEmpor!
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
firstpub1892
printrun7+8
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modified20060624
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Irene sah erstaunt von ihrer Kommode auf, in welche sie gerade ihre Wäsche packte, als die junge Frau bei ihr eintrat und befangen an der Tür stehen blieb.

»Ich bin Thomas Steinbrücks Frau!« sagte Signe zögernd, »Signe Nordenfalke. Ich bin gekommen, Ihnen zu bitten, daß Sie mit mir ein Spazierrun machen.«

»Gewiß!« antwortete Irene schnell. »Wenn Frau Steinbrück meiner nicht bedarf, und ich diese Wäsche und Kleider in dieser Unordnung verlassen darf.«

»O!« sagte Signe. »Sie sind frei zu tun immer was Sie wollen. Sie sind doch keine Domestike.«

Irene war ganz erregt. Sie nahm Hut und Mantel und dachte:

Wie ängstlich scheu, wie von Leiden niedergedrückt sie aussieht.

Als die beiden zusammen aus dem Hause traten, sah Herr Thomas ihnen aus dem Kontorfenster nach und Frau Steinbrück oben in dem »Spion« an ihrem Fenster.

Eine schöne Person! dachte Tom, ein energisches, festes Gesicht. Und er seufzte und dachte an die zarte Haltlosigkeit seiner Frau.

Wahrhaftig, reich und vornehm angezogen! dachte Frau Steinbrück. Dahinter muß man kommen!

Sie begab sich auch, kraft ihres Rechts als Hausfrau und Dienstherrin, in das Zimmer ihrer Gesellschafterin und besah sich, ohne etwas anzufassen, die umherliegenden Sachen. Die prächtige Wäsche, schöner als sie selbst sie trug, ärgerte sie. Der Kleidervorrat erschien ihr verschwenderisch. Sie entdeckte in dem Gürtelband einer mit dem Futter nach oben liegenden Taille die Firma eines großen Berliner Konfektionsgeschäftes. Ihr entgingen auch nicht Fläschchen und Dosen von Kristall und Silber auf dem Waschtisch, ebensowenig ein Handschuhkasten von Leder und Plüsch mit goldenem Monogramm und einer Krone.

Frau Steinbrück bekam geradezu Herzklopfen. Sie beschloß, den Fall mit ihrem Sohn Fribo zu besprechen.

Die beiden jungen Damen gingen schweigsam nebeneinander durch die Straßen. Irene war nicht unbefangen, Frau Steinbrücks Eröffnungen hatten ihr den Mut geraubt, ein freundliches Verhältnis zu Signe zu suchen, und doch fühlte sie sich seltsam und sehr stark zu der jungen Frau hingezogen. Signe hingegen schwieg, weil sie von dem einzigen, was ihre Gedanken Tag und Nacht beschäftigte, zu der Fremden noch nicht zu sprechen wagte.

Endlich aber begann sie doch ein Gespräch.

»Ich will Ihnen um was bitten,« sagte sie. »Ich spreche immer so schlecht Deutsch. Man lacht mir aus wegen meine Fehlern, aber ganz selten ist da einer, der berichtigt. Ich kenne zu wenig Deutsch, als daß ich urteilen könnte, aber es kömmt mir vor, als spräche die Familie Steinbrück schlecht Deutsch. O, ich meine nicht schlecht –ich meine – nachgelassen.«

»Nachlässig wollten Sie sagen,« verbesserte Irene, welche übrigens dieselbe Beobachtung gemacht hatte.

Ihre Johanne hatte ihr Ohr so sehr dafür gebildet, und Ebermann klagte beständig, daß von zehn Deutschen immer neun sich mit dem kärgsten Wortschatz begnügten und diesen nicht einmal zu wohllautender Rede auszugestalten pflegten.

Irene versprach zu berichtigen und bot auch gemeinsame Lesestunden an.

Die blauen, matten Augen leuchteten ein wenig auf.

»O wirklich? So sollen wir zusammen lesen? O, ein Mensch, der Zeit für mich hat.«

Darin war eine Klage, welche Irenen das Herz zerriß. Es war ihr so selten begegnet, eine schnelle Zuneigung zu fassen – aber in ihr wallte heißes Mitleid für Signe auf, zugleich mit einer warmen Zuneigung.

Signe mochte dies fühlen. Mit einer gewissen Vorsicht begann sie, Irenen näherzukommen, zunächst auf dem Wege eines Verhörs, das Irenen sehr drollig erschien, ihr aber einen Einblick in die Leiden der Frau gewährte.

»Lieben Sie viel in Gesellschaft gehen?« Und auf die Verneinung: »Wir sollen jeden Abend gehen.«

Dann kam eine andere Frage: »Möchten Sie lieber wohnen, wo Bäume sind und schöner See oder lieber in Stadt von lauter Mauern?«

Als Irene sagte, daß sie gewiß einen Wohnsitz in schöner Natur vorzöge, da brach ein Strahl aus den blauen Augen und die müde Stimme erhob sich, um zu schildern, wie ihr Vaterhaus inmitten eines weiten Parkes am Mälarsee gelegen sei, und wie sie beim Abendschein im Nachen gerudert, indes vom Ufer melancholische Lieder klangen. Sie wollte Irene alle die Bilder zeigen und ihr auch schwedische Lieder singen, wenn es niemand höre.

Weiter fragte sie, ob Irene ein Vaterhaus gehabt habe, wo eine innige Liebe alle stets in gleichen Interessen vereint habe.

Und nach einer halben Stunde kannte Irene alles, woran dies junge, schwärmerische und phantasievolle Geschöpf darbte. Daß Frau Steinbrück und diese Schwiegertochter sich nicht lieben konnten, war gewiß. Und wenn Herr Tom nur ein wenig nach seiner Mutter artete, war auch da niemals auf Verstehen zu rechnen.

Plötzlich fragte sie Irene:

»Sie kennen noch nicht Fribo?«

»Nein.«

»O, er ist gut, sehr gut. Er versteht, daß Menschen verschieden sind.«

Irene schwieg dazu. Fribo – das war der Mann, mit dem man ihr verboten hatte, zu kokettieren. Diese peinliche Erinnerung machte ihr den Mann schon sehr unangenehm.

»Sie kennen auch noch nicht Tom?«

»Nein.«

»Als er in Schweden war, liebte er, was ich liebte. Als ich mit ihm hier kam, war er ein anderer Mensch. Und er hat keine Zeit – nie – nein, nie!«

Es war als ob ein verirrtes Kind seine Not klagte. Und dennoch gaben gerade diese Worte Irenen die Hoffnung, daß in Herrn Tom nur seine Umgebung die Innigkeit für seine Frau überwuchert habe, daß sie wieder zu beleben sei, weil sie einst bestanden habe.

Da war nun eine Aufgabe. Da waren nun Menschen, an denen sie lernen kannte, indem sie ihnen half. Freudige Vorsätze belebten Irene.

Wie zwei langjährige, gute Freundinnen gingen sie nun nebeneinander her. Sie kauften zusammen einen Spiegel, den Signe aus einer reichgefüllten Börse gleich bezahlte, nicht ohne Irene freudig zu erzählen, daß dies kein Steinbrücksches Geld sei, denn ihr Vater sende ihr alles, was sie brauche.

Nachher führte Signe ihre Begleiterin mit in eine Konditorei, wo sie das zu Hause versäumte Frühstück nachholten. Die junge Frau war nun ganz vergnügt und schien all ihre Leiden vergessen zu haben.

Dann nahm Signe die neue Freundin mit in ihre Wohnung. Sie zeigte ihre hübschen Sachen, und Irene sah den heitern, graziösen Geist, der das eigentlichste Wesen der jungen Frau sein mußte, sich in der schonen Einrichtung widerspiegeln.

Sie mußte alle Bilder von Stockholm, den See, Signes Vaterhaus und Park bewundern.

Zuletzt zog Signe eine Schublade ihres Schreibtisches auf und holte ein schwarzes, flaches Sammetkästchen hervor. Sie öffnete es schweigend und reichte es Irenen hin.

Das Bildchen eines ganz kleinen Kindes, welches auf seinem Totenbett photographiert worden war, befand sich darin.

»Mein Baby,« sagte Signe und über ihre abgezehrten Wangen flossen langsam große Tränentropfen, »es ist nur acht Wochen alt gewesen. Jetzt wäre es ein Jahr.«

Irene nahm die schmale, blasse Hand der andern und drückte sie liebkosend. Arme, junge Frau! Ja, sie glich einer Blume, die man zertreten hatte, ganz schonungslos.

Draußen wurde es laut.

»O, Tom und Fribo und Kusine Anny,« flüsterte Signe und schloß schnell das Bildchen fort.

Aber nur Herr Thomas trat ein. Er stellte sich Irenen vor, und sie konnte nicht umhin, seine Persönlichkeit wider Erwarten sympathisch zu finden. Er hatte einen guten, offenen Ausdruck im vollen Gesicht. Thomas sprach seine Befriedigung aus, die Damen schon so bekannt miteinander zu sehen und erkundigte sich nach dem Spiegelankauf und ihren sonstigen Wegen.

»Wir sind ein wenig promeniert und haben im Hause bei mir gefrühstückt,« sagte Signe.

Es war Irenen, als habe sie einen Schlag empfangen. Signe log ja geradezu, sie hatten doch in einer Konditorei ihr Frühstück genommen.

»Na, na!« sagte Herr Thomas lächelnd und ging in sein Zimmer zurück.

»Ich bitte Sie,« begann Irene in großer Erregung, »warum verschwiegen Sie Herrn Steinbrück die harmlose Wahrheit? Sie bedenken gewiß nicht, daß Sie mich zum Mitschuldigen einer Lüge machten. Ich flehe Sie an, dies nie wieder zu tun.«

Signe sah sie aus matten Augen an.

»O,« sagte sie gleichgültig, »das macht nichts. Ich will nicht immer alles ihnen sagen. Sie sprechen davon, einmal auch als ich in Konditorei war, und warum soll ich nicht Kuchen essen, wenn ich mag? Ich tue nie Sünde und ich hasse dies Kontrollieren, immer und über alles.«

Irene wußte hierauf nichts zu sagen. Eine große Trauer bemächtigte sich ihrer. Aber sie fühlte trotzdem, daß ihre Neigung für die junge Frau dieselbe blieb.

In einer Art von Erstaunen ging sie, um sich schnell zu Tisch zurecht zu machen, wie sonderbar das war; kaum hatte sie die ersten Blicke in diese Familie getan, so fühlte sie sich schon mit allen ihren Interessen gebunden. Ihr war, als lese sie in einem Buch, auf dessen Weiterentwicklung sie gespannt war.

Unten im Eßzimmer war es ihr denn vorbehalten, das vierte Mitglied der Familie kennen zu lernen.

Frau Steinbrück stellte ihren jüngeren Sohn, den Doktor Fribo Steinbrück vor, und daneben, noch oberflächlicher in Ton und Gebärde, Fräulein Anny Bewer, eine »entfernte Verwandte des Hauses«, wie es hieß.

Fribo war ein großer Mensch, schlank gewachsen und dunkelblond. Er sah sehr ernst aus. Seine regelmäßigen Züge erinnerten an die Mutter, doch war sein Auge dunkel und klug. Ein helles Bärtchen, welches einen merkwürdigen Gegensatz zum dunkeln Haar bildete, deckte die Oberlippe. Er verneigte sich sehr höflich und zeigte nicht die mindeste Neugier im Blick.

Frau Steinbrück sprach mit ihm über das Befinden eines alten Herrn, den er behandelte und welcher ihr befreundet war. Sie wollte wissen, ob und wie er sein Testament verfaßt habe und erzählte, welche Daten ihr noch jüngst Kugler über diesen Fall als ganz genau zutreffend erzählt habe.

Fribo bedauerte, ihr darüber nichts mitteilen zu können, worauf die Mutter sagte:

»Das soll nur immer so was sein. Du könntest es gewiß.«

Anny Bewer war eine mittelgroße Person mit einer dürftigen Figur. Sie mochte fünfunddreißig Jahr alt sein, trug glattgescheiteltes Haar und einen Kneifer vor den kurzsichtigen Augen. Ihre Wangen waren graubleich, ihre Züge nervös verschärft.

Irene erfuhr aus den Gesprächen, daß Anny Bewer Lehrerin an verschiedenen Schulen sei und jede Woche einen Tag bei den reichen Verwandten zubringe nach getaner Arbeit. Anny Bewer war scharf und schlagfertig in allen ihren Äußerungen, was Frau Steinbrück ruhig und gutherzig duldete.

Gelegentlich sagte sie noch darüber am Nachmittag zu Irenen:

»Ich denke immer, von ihrem Standpunkt hat die arme Person ja recht, so bissig zu sein. Ich möchte auch nicht jeden Tag so eine Bande unartiger Gören unterrichten. Sie kann sich bei ihrem Vater bedanken, der einen schrecklichen Bankerott machte.«

Bei Tisch kam die Rede auf Signe und deren Heimat.

Irene sprach sehr warm davon, wie sie die Sehnsucht der jungen Frau nach der Heimat begreife und wieviel ihr Signe von ihrem Vaterland erzählt habe.

»Man muß nicht alles glauben, was Signe sagt,« bemerkte Frau Steinbrück.

Irene erschrak. Sie sah zugleich, daß Fribo seiner Mutter einen mißbilligenden Blick zuwarf und dann ihrem Auge begegnete.

Sie begriff, daß Fribo Steinbrück unter der Taktlosigkeit seiner Mutter litt und fürchtete, auf ihrem Angesicht ein Erstaunen über solche Äußerung zu lesen.

Also Signe galt ohne Zweifel für eine Lügnerin in der Familie. Und obschon Irene selbst den schlagendsten Beweis davon empfangen hatte, wollte und konnte sie es nicht glauben.

Von diesem Augenblick an blieb Fribo Steinbrück sehr schweigsam.

Als die Mahlzeit beendet war – sie fiel übrigens viel weniger reichhaltig aus, als man nach dem Zuschnitt des Hauses erwarten konnte – sagte Frau Steinbrück:

»Fräulein von Meltzow ist den ganzen Vormittag durch Signe aufgehalten worden. Du hilfst ihr jetzt wohl ihre Sachen einräumen, Anny, damit sie noch vor Abend damit in Ordnung kommt. Und wie gesagt, liebes Fräulein, heute abend ist Gesellschaft bei uns.«

Anny Bewer glaubte, daß sie die Gelegenheit benutzen solle, Irenens Habseligkeiten zu beobachten, und ging deshalb mit.

Oben in Irenens Zimmer, in welches der Diener zwei große Lampen getragen, setzte Anny Bewer sich aber in einen Lehnstuhl am Fenster.

»Nicht wahr, Sie nehmen's mir nicht übel, wenn ich nur zugucke. Ich habe nämlich schon fünf Stunden heute in Schulstuben gestanden und gesprochen und habe entsetzliche Rückenschmerzen. Aber für dergleichen hat Tante Steinbrück kein Verständnis, kann daher auch keine Rücksicht darauf nehmen. Diese Art Leute, welche lebenslänglich sorglos auf ihren Geldsäcken gesessen haben, denken, daß diejenigen, welche arbeiten müssen, natürlich auch die Kraft zum Arbeiten haben.«

»Bitte,« sagte Irene, die sich ein wenig ratlos unter den durcheinandergewürfelten Sachen umsah, »es ist mir sogar bequemer, allein einzuräumen.«

Anny Bewer sah sich die schönen Kleider von weitem an.

»Sie sind wohl erst seit kurzem in die Notwendigkeit versetzt worden, sich Ihr Brot zu verdienen?« fragte die Lehrerin mit ihrer trockenen und eintönigen Stimme, »wenigstens zeugt Ihre Ausstattung dafür.«

»Allerdings,« murmelte Irene sehr befangen; sie konnte unmöglich diesem schwer um ihr Dasein kämpfenden Mädchen sagen, daß keineswegs eine »materielle Notwendigkeit« vorlag.

»Lassen Sie uns nur ein wenig zusammenhalten,« sprach Anny Bewer mehr in einem geschäftlichen als in einem freundschaftlichen Tone, »wir stehen hier doch auf einer Rangstufe im Hause. Man gehört zur Herrschaft, ich sogar zur Familie, aber man wird weder von der Herrschaft als gleichberechtigt geachtet, noch von den Domestiken respektiert. Und wenn man selbst einmal im reichen Hause aufgewachsen ist, wie Sie und ich, erträgt sich das schwer.«

Irene geriet wieder in eine große innere Erregung. Alles, was an Hochmut in ihr war, bäumte sich gegen diese Sprache in ihr auf. Sie kam sich vor, wie eine Prinzessin inkognito. Und ihr gerades, vornehmes Herz machte ihr doch sogleich Vorwürfe. War denn auch bei ihr der ganze Wert eines Menschen in Geld und Stellung begründet? Und raubte ihr das etwas von der eigenen Bedeutung, weil sie hier im Hause, hier vor diesen Menschen sich ihrer Stellung und der Unabhängigkeit begeben hatte?

»Ich werde viel und heiß mit mir zu kämpfen haben,« sagte sich Irene von Meltzow. »Aber ich bin in die Schule des Lebens gegangen, um kämpfend zu lernen.«

»Sie haben die Allüren einer vornehmen und großen Dame,« fuhr Anny Bewer in ihren rücksichtslosen Reden fort, »das gefällt mir, weil ich weiß, das imponiert den anderen hier. Vielleicht sogar Herrn Fribo.«

Irene verbarg mühsam ein Lächeln hochmütigen Spottes. Beinahe amüsierte sie der Gedanke an diesen Mann, mit dem sie nicht »kokettieren« sollte. Daheim, in dem Gesellschaftskreis ihres Vaters, wäre ein Mann wie dieser Steinbrück kaum der Erwähnung wert befunden, vielleicht hätten sich dem jungen, unbekannten, bürgerlichen Doktor der Medizin nicht einmal die Türen ihres Vaterhauses geöffnet, besonders neuerdings nicht, denn Albertine, geborene Freiin von Leer, sollte als einzigen Fehler großen Adelsstolz besitzen.

Zum Unglück fuhr Anny Bewer fort:

»Verlieben Sie sich nur nicht in diesen Helden aller Mädchenträume. Er gilt für eine der besten Partien unserer Stadt, und da er keine üble Erscheinung und sehr zugeknöpft ist, wittern alle Charakter und Geist in ihm. Es ist ja wahr, er hat ein bißchen mehr für seine Mitmenschen übrig, als unsere ganze Sippe sonst. Es gibt nämlich eine ganze Legion Steinbrücks in der Stadt, die alle bedacht sind, ihren Reichtum und ihre Stellung auf Kosten anderer zu erhöhen. Die Söhne heiraten reiche Frauen, das ist Tradition. Ihre Herzen sind schon dressiert, daß sie sich nur in die goldgefaßten Mädchenköpfchen vergaffen. Glück, Liebe, Familieninnigkeit geht dabei zum Teufel – geistiges Streben und gemeinsame Interessen sind nicht vorhanden.«

»Sie urteilen ganz gewiß zu hart,« sagte Irene kurz.

»Nun, unsere Steinbrücks hier im Hause sind jedenfalls die besten. Das ist noch ein Trost. Tante Steinbrück fühlt, daß sie es sich schuldig ist, ab und zu mal etwas Gutes zu tun und etwas Wohlwollendes zu sagen.«

»Unterrichten Sie schon lange?« fragte Irene, die unter diesen bitteren Reden sehr litt.

»Achtzehn Jahre,« sagte Anny Bewer. Sie schlug ein Bein über das andere und faltete ihre Hände um das Knie. Ihre scharfen Augen folgten hinter dem Glas jeder Bewegung Irenens, die Bücher und Papier am Schreibtisch ordnete. Ihr blasses, nervöses Gesicht wetterleuchtete von innerer Leidenschaft, als sie weitersprach:

»Ich war vierzehn Jahre alt, als mein Vater Bankerott machte. Meine Mutter, eine Steinbrück, war vorher schon gestorben. Die Familie verzieh meinem Vater nicht, daß er ein zugebrachtes Steinbrücksches Vermögen verspekuliert hatte. Man half ihm nicht auf; er beschloß sein Leben als Angestellter einer Versicherungsgesellschaft mit fünfzehnhundert Mark Gehalt. Für mich aber sollte etwas geschehen. Ich war immer eine hervorragend vorgeschrittene Schülerin gewesen und hatte immer die Verwandten durch vorlaute Naseweisheit geärgert. Anny hat Verstand, hieß es, sie soll ihr Lehrerinnenexamen machen, denn sie muß auf eigenen Füßen stehen. Ich frage Sie, weshalb muß ich das? Weshalb müssen wir alle das, die wir so unglücklich sind, arm und unvermählt zu sein? Es wird soviel von der Frauenfrage gesprochen, und immer ist aller Weisheit Ende und Schluß, daß die Bestimmung des Weibes die Ehe sei.«

»Aber man kann doch nicht jedem Mädchen einen Mann verschaffen? Und wer sollte die Macht haben, den Zwang auszuüben; etwa der Staat?« fragte Irene.

Anny Bewer lachte bitter und hell auf, wie sie immer lachte.

»Nein, keine Institution der Zukunft selbst könnte machtvoll genug sein, irgendeinen Mann zu einer Heirat mit einem unliebenswürdigen Mädchen – oder doch dem gerade vorhandenen Junggesellen unliebenswürdig erscheinenden Mädchen zu zwingen. Meine Zorngedanken bäumen sich nicht gegen Windmühlen auf. Aber eines will ich Ihnen sagen, was mir in langjährigem Nachdenken klar geworden ist. Wir leben doch in Kasten, nicht wahr? oder sagen wir in Ständen. Gut. Das ist meinetwegen veraltet, und nach einigen hundert Jahren wird alles nivelliert sein. Aber noch ist es so. Und jeder Stand soll sorgen, daß seine in ihm geborenen Mitglieder nicht herausfallen aus den Gewohnheiten, Rechten und Pflichten desselben. Ist mein Vater ein Steinklopfer gewesen, so weiß ich vom ersten Augenblick meines Gedankens an, daß ich mich einst als Kuhmagd oder dergleichen durch die Welt schlagen muß, und ich habe von meinen Vorfahren die dazu nötige Konstitution ererbt. Vor allen Dingen, ich habe keine Nerven. Und alle meine Standesgenossen werden mich sicherlich, wenn ich eine Waise bin, auf dem mir bestimmten Lebenswege halten und fördern. Nun sollen aber wir, wir Beamten- und Offiziers- und Kaufmannstöchter etwas tun, wozu wir nicht die Konstitution ererbt haben – wir sollen arbeiten! Wir sollen dienen! Unsere Individualität für Geld verkaufen. Unsere Freiheit, unseren Geist, unsere Jugend in die Ketten einer Sklaverei schlagen, die uns tötet. Sehen Sie mich an. Ich war ein hübsches Mädchen. Meine Züge sind von Linien zerrissen, die der stete Ärger hineingegraben. Meine Brust ist eingefallen, weil das viele Sprechen in den schlecht gelüfteten Schulstuben von meinen Lungen nicht vertragen wird. Ich leide an Blutarmut, weil ich in meinen früheren Jahren bei geizigen Leuten schlechte Nahrung bekam. Und gewiß, auch in meinem Herzen war einst weiche Träumerei und süßes Hoffen. Aber zertreten ist alles. Zertreten! Durch dies niederträchtige Muß der Arbeit, zu der ich nicht geschaffen bin.«

»Fräulein, liebes Fräulein!« rief Irene auf das tiefste erschüttert und nahm die magere Hand der Lehrerin.

Aber Anny Bewer entzog ihr heftig die Hand und sprach in immer steigender Leidenschaft weiter.

»Kraft welchen Verdienstes ist Tante Steinbrück reich und lebt in dem geschäftigen Nichtstun der Gesellschaftsdame und Hausfrau, die eine Menge Dienstboten kommandiert? Infolge welcher Schuld bin ich arm und muß mich plagen und darf alle Woche einmal hier gnädig mich satt essen? Ist irgendeine Logik in der Verteilung der Güter? Nur unter den Gliedern eines Standes? Nur unter den Gliedern einer Familie? Sind wir Menschen vom neunzehnten Jahrhundert denn noch so beschränkt, so unmoralisch, daß wir die einzige sittliche Pflicht nicht anerkennen, deren Erfüllung Frieden in die Gesellschaft bringen würde – die Pflicht der Ausgleichung? Warum teilt man nicht mit uns? Warum stößt man uns, die wir ohne Schuld arm sind, aus dem Stande, für welchen uns Nerven, Blut und Instinkte bestimmen, in welchem allein wir wirklich leben können? Denn die Arbeit für Lohn macht, daß wir eine Klasse tiefer hinabsteigen. Tante Steinbrück ist eine Hauptperson in der Familie, denn sie hat am meisten Geld. Und ich bin die letzte, eine, zu der man sich nicht gern bekennt, weil ich keins habe, trotzdem ich im kleinen Finger mehr Kenntnisse habe, als Tante Steinbrück im ganzen Kopf.«

»Auch Güte?« fragte Irene, welche die Erregte gern zur Besinnung führen wollte.

»Ja, auch Güte!« rief Anny Bewer, »wie soll ein armer, verbitterter Mensch wie ich, Güte beweisen? Aber laßt mich Geld haben – o, wenn jeder meiner Vettern und jede meiner Basen nur ein paar Tausend für mich geopfert hätte, wäre ich wohlhabend – dann will ich gut sein und nützlich wirken. Vielleicht sogar auch unterrichten, denn ich habe die Gabe nun einmal. Ohne den schändlichen Zwang, ohne den Gedanken, daß ich ihrer Gnade preisgegeben bin, wenn ich keine Stunden mehr geben kann. Nicht mit der grinsenden Sorge hinter mir.«

Zum erstenmal in ihrem Leben erhielt Irene hier den Einblick in ein Frauenherz, welches unter den Demütigungen der Dienstbarkeit bis zur Verzweiflung litt. In ihren Augen standen Tränen. Sie schämte sich jeder hochmütigen und peinvollen Regung, welche sie heute gehabt. Und das freigewählte Joch erschien ihr als ein Spielzeug gegen den eisernen Druck dieser Einspannung.

Da fiel ihr Johanne Ebermann ein und die schöne, herzliche Stellung, welche diese im Hause Meltzow gehabt. Sie fragte Anny Bewer, warum sie nicht lieber solche Art Versorgung suche.

Anny Bewer nickte vor sich hin. Ihr Feuer war erloschen. Eine körperliche Mattigkeit und starke Rückenschmerzen plagten sie.

»Haben wir alles versucht,« sprach sie vor sich hin. »Bin in drei verschiedenen Häusern gewesen – muß wohl Pech gehabt haben. In der ersten Familie gab es nicht satt zu essen und der Hausherr stellte mir nach. In der zweiten war es erträglich, aber die Knaben mußten aufs Gymnasium, die Tochter wurde konfirmiert. Da hatte es natürlich ein Ende. In der dritten Familie war ein schöner Hauslehrer. Ich verliebte mich in ihn, und da die verwitwete Frau des Hauses selbst ein Auge auf ihn hatte, traf mich das gleiche Schicksal, wie Ihre Vorgängerin, die Fribo anschwärmte. Ach, so die Freiheit abends in seinem eigenen Stübchen ist doch etwas Erleichterung. Das Stundengeben an Schulen ist mir deshalb angenehmer. Ich bin doch nach Schulschluß mein eigener Herr. Nur die schändliche Konkurrenz! Eine Mark, höchstens zwei bekomme ich für die Stunde, weil da eine Unmenge von jungen Mädchen ist, die, ahne es nötig zu haben, Stunden geben, weil sie sich zu Hause nicht wohl fühlen oder sich nicht zu beschäftigen wissen.«

»O, mein Gott!« sagte Irene.

Und sie begriff, daß auch sie irgendeiner Bedürftigen eine gute, einträgliche und bequeme Stellung fortgenommen. Diese Seite ihrer Tat war selbst Johannen nicht aufgefallen.

Eine Fülle von noch ganz verworrenen Vorsätzen bestürmte ihr Herz. Schnell wieder fortgehen – ihren Gehalt einer armen Erzieherin zuwenden – und dergleichen mehr.

Anny Bewer lehnte mit geschlossenen Augen im Sessel.

Nach einer Weile bat sie um ein Glas Wasser. Hierdurch etwas erfrischt, lächelte sie und sprach:

»Ich rege mich immer so sehr auf. Wie dumm.«

Irene strich ihr sanft das Haar. Tiefe Barmherzigkeit für das arme, welke Geschöpf zog in ihre Seele.

Anny Bewer mochte die gute Gesinnung fühlen. Sie war ihrer herben Unliebenswürdigkeit wegen gewiß selten gestreichelt worden. Dankbar drückte sie Irenens Hand.

Irene beendete nun ihr Geschäft und sah sich erleichtert in dem Zimmer um, welches durch die vielen zierlichen Gegenstände auf Tisch und Kommode einen sehr behaglichen Anstrich bekommen hatte. Sie dachte:

Wie lange werde ich hier hausen?

»Das haben Sie hübsch geordnet,« sagte Anny Bewer anerkennend«, »man sieht, daß Sie eine trauliche Häuslichkeit gewöhnt sind. Ihr Vater ist Major a. D.?«

»Nein,« antwortete Irene befremdet, »wie kommen Sie darauf?«

»Ich meine so von Steinbrücks gehört zu haben,« sagte Anny zerstreut, indem sie dachte wie das zusammenhinge, denn sie »meinte« nicht bloß »gehört zu haben«, sie wußte ganz bestimmt, daß Frau Steinbrück an einen Geschäftsfreund Toms wegen des Fräulein von Meltzow geschrieben hatte, und hatte auch mit eigenen Augen die Antwort gelesen, daß das wohl die Tochter des Majors a. D. von Meltzow sein werde, eine sehr geachtete und brave junge Dame, die für ihren verarmten Vater rührend arbeite.

Wer war denn Irene? Anny Bewer erwog, ob sie dies der Tante sagen müsse oder es auf eine Nachfrage dieser selbst ankommen lassen solle.

Das Nachdenken darüber verwirrte sich ihr aber. In ihren Ohren sauste es, und indem alles Blut ihr vom Gehirn zum Herzen strömte, wurde sie ohnmächtig.

Irene hörte einen stöhnenden Seufzer und sah die Lehrerin leichenblaß, mit spitzer Nase und tiefen, graubraunen Schatten um die Augen und den Mund daliegen.

Sie kniete erschrocken neben der vom Stuhl Gesunkenen nieder. Dann sprang sie wieder auf und lief an den Klingelzug.

Die Dienerschaft war mit den Vorbereitungen für das Abendfest beschäftigt, niemand hörte, oder niemand kam wenigstens, denn man hatte in der Küche keine Lust, jetzt die Gesellschafterin zu bedienen.

Anny Bewer lag wie tot.

Irene lief in den Korridor hinaus und rief: »Martin, Martin!«

In der Stimme lag so viel Angst, daß Fribo Steinbrück die Tür seines Studierzimmers öffnete. Als er sah, daß Fräulein von Meltzow die Ruferin war, trat er heraus und kam den Korridor entlang.

»Ist etwas vorgefallen?« fragte er schon von weitem.

»Fräulein Bewer ist ohnmächtig bei mir hingefallen.«

»Ich komme sofort.«

Irene kniete wieder neben der Ohnmächtigen und versuchte ihrem Kopf ein Kissen unterzuschieben.

In einer Minute war Fribo Steinbrück zur Stelle.

Er hatte englisches Lavendelsalz mitgebracht und eine Flasche spanischen Weines. Über den Zufall selbst schien er nicht weiter erstaunt.

Er brachte mit einigen kräftigen Bewegungen Anny Bewer sicher, schnell und doch zart in eine angenehme Lage auf dem Sofa. Irene trug aus ihrem Bett ein Kopfkissen herzu und leistete Handreichungen, noch ehe sie gefordert wurden.

Als Anny Bewer aufatmete, flößte Fribo ihr ein Glas Wein ein.

Nach fünf Minuten schlug sie die Augen auf.

»O, der Schwindel im Kopf,« flüsterte sie.

»Leidet Fräulein Bewer öfter an diesen Zufällen?« fragte Irene ganz verstört.

»Das ist nun schon das drittemal in diesem Winter,« antwortete er, den Blick auf die Leidende gerichtet. »Anny ist sehr blutarm und nervös. Wie es scheint, nimmt sie auch die Medikamente nicht, welche ich ihr hinschickte. Sie pflegt zu sagen, warum sie sich erst mit derlei plagen solle.«

Anny lächelte bitter.

»Höre, Anny,« sprach Fribo zu der nun völlig wieder Bewußten, »ich schicke dir morgen einige Körbe alten Rotwein und alten Malaga hin. Ebenfalls die Mittel, daß du viel Milch und Fleisch kaufen kannst. Du lebst zu schlecht.«

»Nein,« sagte Anny finster. »Ich will nichts. Das sind Almosen. Ich will nur mein Recht.«

»Nun,« antwortete Fribo und nahm gütig ihre Hand, »wenn es dich beruhigen kann: Diese Dinge kommen nicht von dem Gelde meiner Mutter. Sie sind von meinem Verdienst. Sieh es als ›Teilung‹ zwischen mir und dir an, nicht als Geschenk.«

Die milde, feste Stimme des Mannes schmeichelte sich ins Ohr, so wohltätig, so unbeschreiblich wohltätig, wie Irene nie eine andere Stimme gehört hatte.

Und wie liebevoll und bestimmt zugleich sein Wesen gegen die arme Verwandte war.

Irene vergaß ganz den Widerwillen, den sie gegen Fribo Steinbrück gefaßt.

Sie sah dem gütigen Manne zu und sah ihn mit großen Augen an.

Von der Gewalt dieses Blickes unbewußt bezwungen, wandte Fribo Steinbrück sich und er sah in einen offenen, schönen Blick aus grauen Augen und in ein beredtes Gesicht von Anmut und Geist.

Und eine seltsame Beklemmung machte ihn plötzlich verlegen.


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