Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ida Boy-Ed >

Empor!

Ida Boy-Ed: Empor! - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEmpor!
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
firstpub1892
printrun7+8
senderwww.gaga.net
created20050722
modified20060624
correctorhille@abc.de
projectid1f3d79c2
Schließen

Navigation:

Nacht war es gewesen, als Irene ihre Heimat ließ, Nacht war es, als sie sehr müde mit schmerzendem Kopf an ihrem Bestimmungsort ankam. In der düstern Bahnhofshalle der großen Provinzial- und Handelsstadt war nur noch wenig Leben. Auf dem von innerem Licht durchstrahlten Zifferblatt der Bahnhofsuhr standen die Zeiger auf Mitternacht.

Als Irene sich nach einem Kofferträger umsah, trat ein Diener in langem Überrock auf sie zu, lüftete den Hut mit der Kokarde und fragte, ob er Fräulein von Meltzow vor sich habe.

Der Mann geleitete Irene an eine Droschke und sagte:

»Die Herrschaft ist in Gesellschaft und braucht selbst unsern Wagen.«

Irene drückte sich in die Wagenecke. Eine Empfindung der Dankbarkeit beschlich sie, daß man ihr jemanden geschickt, der ihr die Mühen der Ankunft abnahm.

Es dauerte sehr lange, bevor ihr Gepäck ausgeliefert wurde. Die Bahnhofshalle verdunkelte sich schon. Ganz vereinzelt kamen Kofferträger mit dem Gepäck der ungeduldigen und frierenden Passagiere. Endlich erschienen auch Irenens Koffer.

Sie gab dem Manne ein Zweimarkstück, teils weil sie nicht wußte, wie solche Dienste bezahlt werden, teils, weil ihr das beim ersten Griff in die Hand kam.

Der Diener schloß den Wagen, Irene bemerkte, daß ihre Kaffer auf eine Karre verladen wurden; der Diener stieg auf den Bock zum Kutscher.

Nun fuhren sie dahin, hinein in die fremde, verschlafene Stadt. Die Straßen waren menschenleer, meist eng, und die Häuser in ihren Erdgeschossen von Magazinen besetzt, die zumeist mit Rolläden verschlossen waren.

Niemals vergaß Irene das bange Gefühl, welches ihr diese Fahrt erregt hatte. Zwischen den hohen Häuserwänden kam es ihr vor, wie in den Gängen der Katakomben. Es war so tot und still, und sie kannte weder Weg noch Ziel.

Irene erwartete, daß der Wagen bald seine Fahrt in irgendein Villenviertel nehmen werde und sah eifrig hinaus, ob der Charakter der Straßen sich nicht verändere. Aber plötzlich hielt der Wagen in einer sehr engen und mit unfreundlichen Häusern eingefaßten Straße.

Groß und grau und düster breitete sich die mächtige Vorderfront des Steinbrückschen Hauses und stieg in einem hohen Giebel über die Nebengebäude hinaus. Neben dem mächtigen Haustor brannte eine von den Laternen, welche rechts und links aus der Mauer als Arme vorsprangen. Beim flackernden Schein sah Irene, daß die Flügel der Tür mit alten Schnitzereien bedeckt waren.

Ein schneidender Wind fegte die Straße herauf, die schmal und sanft emporstieg zu irgendeinem höhergelegenen Stadtteil.

Der Diener – er hatte sich Irenen unter dem Namen »Martin« vorgestellt – öffnete das Tor. Eine Türglocke fing ein lautes und anhaltendes Gebimmel an. Unter diesem unmelodischen Getöse betrat Irene das Haus.

Eine große, mit Fliesen gepflasterte Diele tat sich vor ihr auf. Von dieser Diele führten rechts und links gleich hinter dem Haustor Türen in die Geschäftsräume des Hausherrn, wenigstens las Irene an der einen Tür das Wort »Kontor«. Die ganze Tiefe des Hauses nahm aber die Diele ein, welche hell erleuchtet und von einem eisernen Ofen, dessen Glut man hinter seinen Fenstern von Marienglas brennen sah, wohl erwärmt war. Im Hintergrunde stand vor der Fensterwand, die auf den Hof oder Garten gehen mochte, eine Reihe von Oleander- und Lorbeerbäumen in großen, hellbraun angestrichenen Kübeln. Eine Doppeltreppe führte in stolzem Bogen in die Höhe und vereinigte sich oben zu einer umlaufenden Galerie.

Von oben herab kam ein sauberes Mädchen in hellem Kattunkleid, mit nackten Armen, auf dem Kopfe eine schmale, weiße Mütze von Tüllrüschen, mit einer weißen, gestickten Schürze vor dem Kleid.

»Die neue Gesellschafterin?« fragte das Mädchen und wartete keine Bestätigung ab. »Kommen Sie nur. Frau Steinbrück und die junge Herrschaft sind in Gesellschaft. Sie sollten nicht warten.«

Diese Bestellung, in einem sehr unverbindlichen Ton gesprochen, ließ Irenens Herz klopfen. Ihre Wangen röteten sich.

Die erste Demütigung! Und sie kam von den Lippen eines Dienstboten!

Sie folgte langsam. Von dem ersten Stockwerk führte eine kleine und ziemlich unbequeme Treppe in die zweite Etage. Man merkte unschwer, daß diese dem stolzen Unterbau erst später aufgesetzt worden war und daß hier wahrscheinlich ehedem große Warenböden gewesen waren.

Irene wurde in ein Zimmer verwiesen, welches bei mäßiger Höhe und völliger Schmucklosigkeit der Decke dennoch einen anheimelnden Eindruck machte.

»Das ist Ihr Zimmer,« sagte das Mädchen. »Da steht Tee und so was auf'n Tisch. Wollen Sie sonst noch was?«

»Mein Gepäck,« antwortete Irene kurz.

»Heut abend können wir keine Koffer mehr hoch kriegen,« erklärte das Mädchen, indem sie fortwährend mit unbescheidenen Blicken Irene und ihr Handgepäck musterte. »Sie müssen sich behelfen. Gute Nacht.«

Irene fühlte sich versucht, in Tränen auszubrechen, wenn man fremd und einsam in einem Hotel ankommt, kann man doch wenigstens befehlen. Und hier war ihr selbst das Bitten abgeschnitten.

Aber sie sagte sich, daß die Herrin des Hauses abwesend sei, und man aus dem Benehmen der Dienerschaft keine Schlüsse ziehen dürfe. Im Gegenteil verriet die Anwesenheit des Dieners auf dem Bahnhof und der heiße Tee auf dem Tisch inmitten allerlei kalter Speisen eine gutgesinnte Fürsorge für die neue Hausgenossin, und diese Fürsorge ging doch von der Frau des Hauses aus.

So sammelte Irene denn ihren Mut, genoß ein wenig und sah sich um. An der einen Wand ein Bett von Eschenholz. Gegenüber ein großes, altes Sofa mit grünem Rips bezogen und davor ein Mahagonitisch. Die Stühle waren sogenannte Wiener Rohrstühle, ein Schreibtisch zwischen den Fenstern und eine Kommode zu Häupten des Bettes, wieder von Mahagoni. Man sah wohl, überflüssige und zurückgesetzte altmodische Möbelstücke waren zusammengetragen. Aber die Einrichtung war wenigstens sehr vollständig und bequem. Der Kachelofen erwies sich sogar als wertvolle Rarität, seine gelbweiße Glasur war mit erhabenen Rokokoschnörkeln in blauen Tönen verziert.

Irene versuchte einen Blick aus den Fenstern zu gewinnen; der Schnee, welcher drunten lag, machte ihr möglich, zu erkennen, daß man in einen Garten hinabsah. Kahle Astrippen reckten sich fast bis zu ihr empor.

Nach einer halben Stunde, als sie gerade dabei war, sich zu Bett zu begeben, wurde es draußen laut.

Wahrscheinlich kehrte die »Herrschaft« aus der Gesellschaft heim.

Türen wurden sehr rücksichtslos geschlagen, eine etwas spröde Frauenstimme sprach sehr laut darüber, daß die Schuckmanns es doch nie verständen, eine Gesellschaft zu geben, und daß es wieder sehr langweilig gewesen wäre.

Eine andere Stimme, eine junge, weiche und sehr müde Stimme sagte:

»Warum gehen wir denn? Warum schleppt ihr mich mit? Ihr langweilt euch selbst; so sollen mir doch lieber im Hause bleiben.«

Trotz der Weichheit klang die Sprache sehr fremdartig akzentuiert. Das s war so kurz hervorgestoßen und die Wendung »so sollen wir« verriet die Schwedin.

Das mußte die Schwiegertochter sein, die junge Frau Steinbrück. Irene erinnerte sich, daß man ihr die Familie geschildert habe, als aus der Mutter, dem Sohn und einer aus Schweden gebürtigen Schwiegertochter bestehend.

»Als wenn man das so könnte. Na, gute Nacht!« sagte die ältere Stimme.

»Gute Nacht!« antwortete die andere. Das hatte von beiden Seiten sehr übellaunig geklungen.

Bald darauf hörte Irene zwei Männer auf dem Korridor an ihrer Tür vorbeikommen. Auch sie sprachen sehr laut zusammen. Irene vernahm einzelne Worte.

»Es ist zum Tollwerden. Nächstens gibt es einen Krach.«

»Prüfe dich doch erst, wieviel Schuld bei dir liegt. Man soll mit der Ungeduld und dem Gericht zuerst den eigenen Fehlern gegenüber beginnen.«

»Unverheiratete Männer wissen immer am weisesten über die Ehe zu sprechen.«

Irene löschte ihr Licht. Diese sonderbare Art der Hausbewohner, sich so laut über offenbar intime Fragen zu unterhalten, setzte sie in Erstaunen. Sie konnte sich nur sagen, daß man vielleicht vergessen habe, wie hinter dieser Tür ein ganz fremder Zuhörer saß, der sowohl die Kritik über die Schuckmannschen Gesellschaften, als auch die ausgetauschten Bemerkungen über die Ehe mißbrauchen könne.

Irene war zu übermüdet, um gut und tief zu schlafen. Sie schreckte sehr oft auf und fühlte sich erleichtert, als es Morgen war. Man brachte ihr die Koffer und zugleich die Botschaft, daß Frau Steinbrück sie erwarte.

Mit schweren Füßen und zitternden Knien folgte Irene dem Diener.

Sie fragte sich dabei selbst voll Erstaunen, wie solche Erregung denn nur möglich sei. Konnte sie nicht jeden Tag dies Haus wieder verlassen, wenn die Bewohner desselben ihr nicht gefielen? Oder brauchte es sie denn zu erschrecken, wenn sie der Dame nicht gefiel? Weder die Not noch die Heimatlosigkeit standen als Schreckgespenst hinter ihr.

Vielleicht war es die Angst, zu unterliegen. Ihr Wille brannte allezeit wie eine verzehrende Flamme in ihr. Und das nicht zu können, was sie fest gewollt hatte, war ihr von klein an schrecklich und qualvoll gewesen. Nun hatte sie sich vorgenommen gehabt, sich dem Kreis fremder Menschen einzufügen. Wenn sich dennoch ihre Unfähigkeit dazu erweisen sollte.– –

Der Gedanke war es, der sie zittern machte und ihr zugleich die Kraft gab, mit einem bescheidenen, freundlichen Gesicht einzutreten.

Der Diener hatte eine Tür geöffnet, die auf die Galerie des ersten Stocks ging. Irene befand sich in einem kleinen, sehr hohen Eßzimmer. Dies war reich, aber ganz nach dem Allerweltsgeschmack eingerichtet: steifbeinige Eichenstühle mit Rohrgeflecht, ein Eichenbüfett und viele Krüge, Zinngefäße und Teller auf den Borden, welche über den Paneelen ringsum liefen. Von der Decke hing ein messingener Kronleuchter. Auf dem Tisch stand das erste Frühstück, Tee, Eier und Brot, sehr hübsch und in Meißner Porzellan aufgetragen.

Trotz der beiden sehr hohen, schmalen Fenster war das Zimmer dunkel, denn die enge Straße ließ kein Licht zu, sehr nah gegenüber erhob sich eine graubraune Mauer.

Ein Lastwagen, der eben durch die Straße fuhr, klapperte betäubend. Alles Geschirr auf dem Tisch klirrte.

Während dieses Lärmes trat Frau Steinbrück ein und gab Irene die Hand. Sie lächelte sehr gnädig und sprach einige Worte der Teilnahme über die lange und kalte Reise. Sie sprach so schnell und schloß so augenblicklich an ihre Rede eine mißbilligende Bemerkung über die auf dem Tisch fehlende Butter, daß Irene nichts sagen konnte.

Frau Steinbrück war eine schlanke und vornehme Erscheinung, die trotz ihrer vierundfünfzig Jahre noch eine schöne Taille und rasche Bewegungen besaß. Ihr Gesicht war sehr regelmäßig und trug stets einen liebenswürdig höflichen Ausdruck. Dennoch aber war es gleichsam leer; die hellen Augen blickten unstet, als hatten sie keine Zeit, lange bei etwas zu verweilen. Das dunkelgraue Haar trug sie modern und hoch geordnet.

»So, nun wollen wir zusammen frühstücken. Bitte, klingeln Sie, Fräulein – da die Schnur, welche vom Leuchter herabhängt – drücken, drücken.«

Sie schien anzunehmen, daß Irenen eine elektrische Leitung unbekannt sei.

»Martin,« sprach sie zu dem Eintretenden, »Mamsell hat wieder die Butter vergessen. Ach, ich habe so eine schlechte Mamsell. Die vorige, ja, das war ein Prachtstück. Aber die guten Leute sind nicht zu halten. Das will immer heiraten und weiß nicht, wieviel besser es in Kondition im reichen Hause ist, als nachher am eigenen Tisch mit der mageren Kost, wissen Sie, ich halte meine Leute sehr gut.«

Irene war wie auf den Mund geschlagen. Frau Steinbrück klagte und lobte nun Irenen noch viel vor über alle im Hause bediensteten Personen.

»Sie müssen doch orientiert sein,« schloß sie.

Endlich fand Irene Gelegenheit, ein Wort zu sagen.

»Sie werden die Güte haben, gnädige Frau, mir meine Pflichten zu nennen.«

Frau Steinbrück goß sich Tee ein.

»Was man so eigentlich Pflichten nennt, ich meine direkte Arbeit, bekommen Sie wenig, liebes Fräulein. Ich schließe immer selbst heraus für Mamsell, aber für alle Fälle – wenn ich mal krank oder verreist bin – müssen Sie doch alles sehen und kennen lernen. Aber, wie gesagt, für mich einzutreten haben Sie nur im Notfall, vielleicht könnten Sie die Nippsachen in den Zimmern abwischen. Das tue ich sonst auch immer selbst. Die Leute haben keinen Respekt vor den teuren Sachen.«

Irene dachte einen Augenblick nach, ab ihr Amt denn wohl hauptsächlich das einer Vorleserin sein solle. Sie sagte, in dem Wunsch, Beflissenheit und Entgegenkommen zu zeigen, und zwar ihren eigenen Vorsätzen, nicht etwa der »Herrschaft«:

»Ich hoffe, gnädige Frau, daß Sie mit meinen Fähigkeiten, vorzulesen, zufrieden sein werden; zwar beherrsche ich das Englische nicht so gut wie das Französische, indessen ...«

»O!« unterbrach Frau Steinbrück sie zerstreut. »Zum Lesen komme ich fast nie. Der große Hausstand – die viele Geselligkeit – unser Haus ist das gesuchteste in der ganzen Stadt – ja, das kann ich wohl sagen.«

Mühsam unterdrückte Irene die Frage, wozu Frau Steinbrück dann noch einer Gesellschafterin benötige. Dies »Wozu« sollte ihr aber noch im Laufe des Gesprächs beim Frühstück in der peinlichsten Weise beantwortet werden.

»Wunderten Sie sich nicht,« hub Frau Steinbrück an, »daß ich Sie so nahm, ohne weitere Empfehlung? Aber ich sagte noch zu meinem Sohn Fribo, das sind manchmal die besten, die zum erstenmal in so eine Stellung gehen. Unsere vorige, die war gerissen! Schon in einem Dutzend Häuser gewesen. Bei Fürsten und Grafen, und Zeugnisse hatte sie, es war großartig. Damals sagte mein Sohn Tom: ›Mutter, die mußt du nehmen!‹ Na, das war ein schöner Reinfall.«

Irenens Angesicht war in dunkle Glut getaucht. Diese Art von ihrer Vorgängerin zu sprechen und eigentlich so im Vergleich zu ihr oder doch zu dem, was man von ihr erwartete, schien ihr unfaßlich.

»Ich war sehr erfreut, daß Sie auch ohne Zeugnisse meinem guten Willen vertrauten,« sprach Irene leise.

»Natürlich habe ich mich durch einen Geschäftsfreund von Tom nach Ihnen und Ihrer Familie erkundigen lassen. Im Grunde war's ja überflüssig, denn es ist eine so alltägliche Sache, daß die Töchter von Beamten und Offizieren a. D. ihr Brot selbst verdienen müssen,« sagte Frau Steinbrück in taktlosem Mitleid, aber ganz echt in diesem Mitleid; »man schrieb mir, daß Ihr Vater ein verdienter und geachteter Mann sei.«

Irene zitterte am ganzen Körper. Wenn diese Frau sich also erkundigt hatte, dann mußte man doch hier im Hause wissen, wer sie war, wer ihr Vater war. Und die Redensart vom »Brot verdienen«, wie diese wohlwollende Herablassung erschienen gleich unverständlich. Irene hatte geglaubt, es könnte diesen Leuten gar peinlich sein, eine junge Dame aus vornehmeren Kreisen als diejenigen der Steinbrücks waren, um sich zu haben.

»Weshalb sind Sie erst jetzt in Stellung gegangen?« fragte Frau Steinbrück, »so jung sind Sie doch auch nicht mehr.«

»Mein Vater vermählte sich zum zweitenmal,« antwortete Irene mit gedrückter Stimme. Es war ihr entsetzlich, dieser Frau Auskunft über ihre Familienverhältnisse geben zu müssen. Aber sie sagte sich, daß jene ein Recht zur Frage und sie keins zur Lüge oder zum Verschweigen habe.

»Ach,« sprach Frau Steinbrück bedauernd, »so was kennt man. Das ist gewiß schwer für Sie. Eine Stiefmutter und eine so erwachsene Stieftochter, das kann nie guttun zusammen.«

Sollte, konnte Irene hier dieselben Worte wiederholen, welche sie mit opferfreudigem, liebevollem Herzen zu ihrer Johanne gesprochen? Nein, lieber alle Mißverständnisse dulden. Aber so, das begriff sie hier zum erstenmal, so würden alle Menschen das Verhältnis auffassen.

»Ich liebe und achte die Gattin meines Vaters sehr, und ich bin nur gegangen, weil ich es taktvoller fand,« sagte Irene mit etwas bestimmterem Ton, als für ihre Stellung schicklich war.

Frau Steinbrück fand diese Bemerkung etwas überspannt und unnötig »nobel«. Aber sie lächelte dazu, wie ein reifer Mensch zu den Torheiten der Jugend lächelt.

»Ganz glatt sieht's ja wohl in keiner Familie aus,« begann sie vertraulich. »Sie werden bald merken, daß auch bei uns nicht der Himmel nur voller Geigen hängt. Und da will ich Sie schon lieber etwas vorbereiten. Mein Sohn Tom ist nicht besonders glücklich mit seiner Frau. Sie versteht ihn gar nicht. Ich sagte damals gleich zu meinem Sohn Fribo, daß solche ausländische Heiraten nie gut ausschlagen. Aber Fribo meinte auch, daß Signe doch ein so junges, lenksames und anmutiges Wesen sei, und daß Tom sie sich erziehen könne. Das wird er wohl nicht verstanden haben. Ich stand immer allein zwischen dieser ewigen Zankerei und den ewigen Mißverständnissen. Sie begreifen, daß mir das allmählich langweilig wurde. Da riet Fribo mir, eine fremde Person ins Haus zu nehmen, denn er meinte, das würde Tom und Signe anhalten, sich ein bißchen zusammenzuraffen.«

Frau Steinbrück hatte sich in ihrer Lebhaftigkeit hinreißen lassen, mehr zu sagen, als sie beabsichtigte, das heißt, mehr über Sohn und Schwiegertochter. Ihr Bekenntnis, weshalb man eine Gesellschafterin ins Haus nahm, kam ihr nicht als Ungehörigkeit zum Bewußtsein.

Irene dachte aber erbittert, daß man nur einen Blitzableiter gemietet habe.

»Ich werde Sie nachher mit Signe bekannt machen. Das junge Paar hat oben zwei Zimmer und hier unten, wie ich, drei Zimmer, drüben an der Galerie. Die beiden großen Säle dazwischen benutzen wir beiderseits, wenn Gesellschaft ist. Meine Küche und so weiter ist eine Treppe hoch im Flügel, die von meinem Sohn zwei Treppen. Wenn auch die Wirtschaft getrennt ist, sieht man sich doch tagsüber viel. Übrigens hat meine Schwiegertochter viele gute Seiten,« schloß Frau Steinbrück.

Sie sah in den Teetopf. Als sie fand, daß er leer war, stand sie auf.

»Mamsell muß mehr Tee machen. Meine drei Tassen morgens muß ich haben.«

»Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich den Tee hier im Zimmer bereite?«

»Wenn Sie Lust haben. Meinetwegen. Aber nun gehen Sie, Ihre Koffer auszupacken. Wir essen um halb eins Lunch und um fünf zu Mittag. Heute abend haben wir Gesellschaft, ich will Sie unsern nächsten Bekannten vorstellen, denn, wie ich geschrieben habe: Ihre Stellung ist ganz familiär.«

Irene verneigte sich. Als sie schon an der Tür war, rief Frau Steinbrück:

»Noch etwas, Fräulein von Meltzow. Sie sehen mir eigentlich nicht so aus, als ob's nötig täte. Aber ich hatte mir nun mal vorgenommen, die neue Gesellschafterin gleich zu warnen. Machen Sie keinen Klatsch mit den Dienstboten und kokettieren Sie nicht mit meinem Sohn Fribo; durch diese beiden Dinge kam die andere aus dem Hause.«

Irene war leichenblaß. Ihre Augen richteten sich groß und dunkel auf die Frau, und sie sagte:

»Eine derartige Warnung, meine gnädige Frau, ist mir gegenüber in der Tat so überflüssig als beleidigend.«

»Seien Sie nur nicht empfindlich, wenn ich Sie immer behandeln soll wie ein rohes Ei, wissen Sie, das ist mir zu unbequem. Ich hatte nur Ihr Bestes im Auge, beleidigen wollte ich Sie gewiß nicht. Ich will keinem Menschen Böses antun.«

Frau Steinbrück hatte dabei eine wirkliche Gutmütigkeit im Ton, deren Echtheit Irenen nicht entgehen konnte.

»Nun gehen Sie,« befahl sie noch gütig.

Irene ging. Sie flog fast die Treppen hinauf in ihr Zimmer. Dort sank sie in eine Sofaecke nieder und legte ihre Stirn auf die Armlehne.

Eine völlige, verzweifelte Ratlosigkeit hatte sich ihrer bemächtigt.

Was sollte sie tun? Gleich abreisen und Frau Steinbrück offen sagen, daß sie nicht auf Broterwerb angewiesen sei und sich schon in dieser ersten Stunde klar geworden, daß sie sich nicht in solche Stellung zu finden vermöge? Heimkehren? Am Tage nach der Flucht? Alle diese vorhergegangenen Kämpfe sollten für nichts gefochten gewesen sein? Kläglich, wie von einer Niederlage heimkehren und dennoch die störende Dritte werden, störender als bisher, weil sie durch ihre Handlung ihrer Anwesenheit im Vaterhause die Harmlosigkeit und Selbstverständlichkeit genommen hatte?

Nein, das war unmöglich.

Irene suchte sich das Wesen ihrer »Herrin« klarzumachen. Dazu gehörte für einen so scharfdenkenden Kopf wie der Irenens nicht viel Grübeln. Dieser Charakter war sehr einfach zu verstehen. Frau Steinbrück hatte ohne allen Zweifel eine große Gutherzigkeit, welcher aber jeglicher Takt fehlte. Ein starkes Sicherheitsgefühl und Selbstbewußtsein über ihre Persönlichkeit und ihr Haus schien dieser Taktlosigkeit ein gefährlicher Genosse zu sein. Höhere Interessen waren ersichtlich nicht vorhanden.

Im ganzen war das alles doch nicht schlimm. Aber Irenen schien es, als ob ihr das Zusammenleben mit der Frau leichter geworden wäre, wenn diese sich hart und schlecht gezeigt hätte. Mit starken Fehlern kann man kämpfen, versuchen, sie zu mildern, die eigene Selbstbeherrschung an ihnen kraftvoll großziehen.

Aber dieser wohlwollenden, taktlosen Flachheit gegenüber fühlte Irene sich so verzagt; sie ersah schon aus diesem ersten Zusammensein, daß es ihr unmöglich sein würde, sich jemals mit Frau Steinbrück erquickend zu unterhalten.

Und dann dieser Sohn, welcher sich nicht mit seiner Frau vertrug. Und der andere Sohn, von dessen Existenz sie erst heute erfuhr und welcher das Orakel in der Familie sein sollte.

Plötzlich fielen ihr die beiden Männerstimmen von gestern abend ein. Natürlich, das waren Tom und Fribo Steinbrück gewesen, wie hatte dieser Fribo doch gesagt? Man solle zuerst Geduld haben und Gericht halten mit den eigenen Fehlern.

Das könnte auch für mich gesprochen sein, dachte Irene, was will ich denn eigentlich? Vielleicht ist diese Frau besser als ich. War es nicht ein Beweis, daß sie nach Gerechtigkeit strebte, als sie sagte: »Meine Schwiegertochter hat auch gute Seiten?«

Irenens Gesicht erhellte sich. Gewiß, dachte sie weiter, wird Frau Steinbrück auch mir gerecht sein, wenn sie mich erst kennt und wird sich die Taktlosigkeiten abgewöhnen.

Mit frischem Mut begann sie, ihre Koffer auszupacken. –

Unterdessen begab sich in den Steinbrückschen Wohnzimmern folgendes:

Frau Steinbrück hatte ein seltsam beklemmtes Gefühl. Während sie in ihren Zimmern mit dem Staubwedel umherging, stand ihr immer das erblaßte Gesicht Irenens und die stolzen Blicke vor Augen. Ihr war zumute, als habe sie von ihrer Gesellschafterin eine Lektion bekommen und der Gedanke war ihr sehr unbequem. Dabei sagte sie sich reuevoll und bedauernd: »Ich hätte das ja auch nicht zu erwähnen brauchen, denn sie macht ja wirklich keinen ›solchen‹ Eindruck.«

Als sie ihr Geschäft beendet hatte, ging sie in die beiden Säle, welche heute abend benutzt werden sollten, sah nach der Heizung und den reinigenden Mädchen und dachte dann:

Ich könnte auch einen Augenblick bei Signe eingucken.

Sie klopfte an die Tür, welche von dem großen Speisesaal in das erste Zimmer der andern Wohnung führte. Niemand rief herein.

Sie öffnete und trat in den kleinen, aber sehr reich ausgestatteten Raum. Eine heitere und lichte Anmut lag auf den hellfarbigen Rokokomöbeln. Weißer Lack, Vergoldung, hellgeblümte Seide herrschten vor. Auf dem kleinen Schreibtisch befanden sich zahllose Photographien in den verschiedensten Größen und Rahmen, fast lauter landschaftliche Ansichten. Ein zartes Heliotropparfüm durchzog die Luft.

Daran schloß sich das Eßzimmer der Eheleute. Dies war mit großen, bequemen, englischen Möbeln ausgestattet, auf eine durchaus eigenartige Weise.

Endlich, im dritten Zimmer, welches offenbar dem Mann gehörte, denn es war dunkel und behaglich eingerichtet, und vor dem Kamin stand eine Reihe von Lehnstühlen einander gegenüber aufmarschiert, mit kleinen Rauchtischchen dazwischen, wie zu einem gemütlichen Tabakskollegium – in diesem dritten Zimmer fand Frau Steinbrück ihre Schwiegertochter.

Mit flüchtigem Aufblick sagte diese:

»Ach du, Mama.«

Dann erst stand sie übellaunig auf, gab Frau Steinbrück die Hand, und ehe diese sich noch gesetzt hatte, fiel sie wieder in den vom Kamin am entferntesten Lehnsessel der Stuhlreihe.

Signe war zum Ausgehen angekleidet. Ihre ziemlich große Gestalt, die aber etwas abgemagert und eingefallen aussah, als ob sie eben erst eine Krankheit bestanden habe, war mit einem braunen, langen Plüschmantel bekleidet. Ihre Hände hatte sie in einem kleinen Zobelmuff verborgen, den sie auf den Knien hielt. Ihr feines Gesicht war sehr farblos, aber der blasse Teint hatte eine fast durchsichtige Reinheit. Ihre Brauen waren dunkel und schmal in edlem Bogen gezeichnet, große, blaue und in dieser Minute teilnahmlos müde Augen standen darunter. Das schimmernde, aschblonde Haar schien etwas unordentlich am Hinterkopf zusammengenommen zu sein. Der große, rauhe Hut war braun und mit einer wogenden Federfülle bedeckt.

»Ich warte immer und immer, aber Tom ist nicht kommend,« sagte sie.

»Ihr wolltet ausgehen?«

»Wir sollten gehen, ein neuer Spiegel besorgen, Tom hatte mir bestellt auf elf ein halb hier,« sprach Signe und wippte mit der Fußspitze auf und nieder.

»Er wird im Geschäft eine Abhaltung haben. Du meine Güte, mein seliger Steinbrück ließ mich oft warten. Daran muß eine Kaufmannsfrau sich gewöhnen.«

»Bei uns in Heimat, in Vaters große Fabrik ist viel mehr noch zu tun, als hier in Hause. Aber mein Vater ließ meine Mutter nicht warten. Tom läßt immer warten.«

Frau Steinbrück zuckte die Achseln. Sie hatte sich zwar selbst immer über Toms Mangel an Pünktlichkeit geärgert, als Tom noch unvermählt war, aber dergleichen erzieht man eben seinem Manne ab.

Gerade kam denn auch Thomas Steinbrück, der älteste Sohn des Hauses, der Erbe und jetzige Inhaber der Firma.

Er war groß, robust, hatte ein volles, etwas rötliches, von Lebensfreudigkeit und Wohlwollen strahlendes Gesicht.

»Tag, Mama. Na, Signe, du bist wohl wieder böse. Ich hatte dich ganz vergessen. Nun komm aber schnell.«

»Hast du wieder keine Zeit für mir?« fragte Signe bitter.

»Viel heute nicht. Aber da ich dir mal versprochen hatte, dir einen Spiegel besorgen zu helfen, für den gestern zerschlagenen, so dachte ich: ein Mann, ein Wort.«

»Ein Spiegel ist zerschlagen?«

»Ja, Tom verstört mir alle meine Sachen. Nun hat er mein Trumeau in mein Schlafzimmer verbrochen,« sagte Signe mit einem duldenden, teilnahmlosen Ton.

»Zer – zer!« berief Frau Steinbrück lächelnd den unausrottbaren Sprachfehler ihrer Schwiegertochter.

»Weißt du,« sagte Tom, »wenn du schon in deiner Märtyrerstimmung bist, lassen wir's lieber heute.«

»Ich wußte vorher, daß du es machst, daß ich allein geh'. Und ich geh' denn allein.«

»Um Gottes willen,« sagte Frau Steindruck, »es ist nicht zum Aushalten langweilig mit euch. Was soll nur die neue Gesellschafterin denken?«

»Ach so, ja – die ist angekommen. Wes Geistes Kind scheint sie denn?« fragte Herr Tom und zündete sich in aller Gemütsruhe eine Zigarette an, was seine Frau für eine Art stummer Kriegserklärung annahm, denn erstens konnte sie das Rauchen nicht vertragen, und zweitens lag darin die Gewißheit, daß er nicht daran denke, mitzugehen. Sie sah ihn an; die bittere Falte, die neben ihrem jungen, weichen Mund stand, verschärfte sich.

»So recht klug bin ich nicht aus ihr geworden,« gab Frau Steinbrück zu. »Ihre Koffer sind enorm, und es sind feine, englische Rohrkoffer. Bedürftig sehen die nicht aus. Martin erzählte mir auch, daß sie dem Kofferträger zwei Mark gegeben habe. Und Mamsell sagt, daß sie einen Sealskinmantel angehabt habe. Das ist für die Tochter eines Majors a. D., die in Stellung geht, ein bißchen üppig. Sie erzählte mir auch, daß sie aus dem Hause fort ist, weil ihr Alter sich wieder verheiratet hat. Also auch unerquickliche Familienverhältnisse. Nun, man muß mal abwarten, persönlich macht sie einen etwas – Gott, wie soll ich sagen – hochtrabenden Eindruck. Sie spricht so furchtbar gebildet und wohlgesetzt. Auch scheint sie einen kleinen Hochmutsnagel zu haben. Aber das ist ja ganz gut, den Dienstboten vis-à-vis. Sonst wird sie sich hoffentlich nicht einbilden, daß uns solch pauverer Adel imponiert.«

»Ist sie hübsch?« fragte Signe.

»Das weiß ich eigentlich nicht. Sie hat was Apartes. Ich glaube wohl, daß die Männer sie hübsch finden.«

Signe hatte einen Gedanken.

»Sie kann mit mir gehen, der neue Spiegel kaufen.«

»Sehr gut!« rief Tom, »dann lernst du sie gleich kennen.«

Er war ersichtlich froh, nun ganz gewiß seiner Begleiterpflichten enthoben zu sein.

Die junge Frau stand auf.

»Adieu!« sagte sie kurz, zu ihrer Schwiegermutter gewandt. Ohne ihren Mann noch anzublicken, ging sie hinaus.

»Denn kann ich ja wieder ins Geschäft gehen,« meinte Tom mit einer phlegmatischen Ergebenheit.

Die üble Laune seiner Frau war ihm gerade kein besonderer Grund mehr, sich zu erregen. Auch Frau Steinbrück fand keine Ursache in diesem häßlichen Verkehr, sich sonderlich zu betrüben.

Sie ging mit Tom hinaus. Als er schon die halbe Treppe hinab war, rief er zu ihr empor:

»Apropos! Kugler und Graditz haben eine Karte geschrieben. Sie sind durch Geschäfte in Berlin aufgehalten und können heute nicht kommen.«

»Wie ärgerlich!« sagte Frau Steinbrück, die mit Kugler sehr gern verkehrte, obgleich sie sich eigentlich persönlich nicht viel aus ihm machte. Aber er galt und gab sich als einen der ersten Kavaliere der Stadt und imponierte durch tadellose, sichere Umgangsformen; außerdem war er stets unterrichtet über jede Klatschgeschichte in der Stadt, die er mit moralisierenden Begleitworten und mit erweiternder Ausführlichkeit wieder zu erzählen wußte.


 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.