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Empor!

Ida Boy-Ed: Empor! - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEmpor!
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
firstpub1892
printrun7+8
senderwww.gaga.net
created20050722
modified20060624
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Der Wagen hatte die Stadt verlassen und rollte nun auf der Landstraße dahin. Der Schlamm spritzte an seinen Rädern auf und befleckte die blanklackierten Wagenwände mit erdfarbigem Gesprenkel.

Auf den Feldern, die sich rechts und links von der Straße in sanften Wellenlinien hinzogen, war über Nacht jede Spur des gefallenen Schnees verschwunden, denn der Sturm, der noch immer kräftig blies, hatte seine Richtung verändert und führte zum erstenmal einen warmen Atem mit sich. Er hatte das bleierne, festgeschlossene Grau, das gestern den Hochblick in die Lüfte verwehrt, mit Gewalt zerrissen und jagte es zu ballendem Gewölk zusammen, das unter dem sonnig blauen Himmel vereinzelt einhersegelte.

Die grüne Wintersaat war sichtbar geworden, und wenn sie auch nur erst einer kargen, braungrünen Narbe glich, da der lange, harte Winter ihre Entwicklung zurückgehalten, so wirkten diese breiten, grünen Streifen zwischen den dunklen Feldern voll feuchter Erdschollen doch wie eine Verheißung; war die Frühlingswitterung in der Natur auch noch so dürftig und frostig, es war aber doch eine Witterung.

Das empfanden die beiden im Wagen wohl, denn es war ihnen, als zöge hier draußen etwas mehr Mut in ihre Seele.

Beim Tagesgrauen, nach schlummerloser Nacht, hatten sie sich erhoben, bleich, hastig, frierend waren sie sich begegnet, und scheu, wie zu einer Flucht, miteinander in den Wagen gestiegen. Frau Steinbrück, die mit der ihr eigenen staunenswerten Elastizität schon auf und ganz frisch war, hatte Irene selbst mit mütterlicher Sorgfalt eingepackt und dabei immerfort versichert, daß ihr eigenes Befinden ihr diese Fahrt keineswegs erlaubt hätte – abgesehen von allem andern.

Nachdem sie die Stadt weit hinter sich gelassen, nahm Fribo mit einer ehrerbietigen Zurückhaltung Irenens Hand, küßte sie förmlich und sprach:

»Darf ich Ihnen danken?«

»Ich erfülle nur eine Pflicht der Barmherzigkeit,« murmelte Irene.

»Sie haben aber gesehen, daß meine Mutter hier nicht das Vorhandensein einer Pflicht anerkannte,« sprach er gedrückt, »aber bitte, denken Sie deshalb nicht, daß sie eine herzlose Frau ist.«

»Nein,« rief Irene lebhaft, »das weiß ich längst. Sie ist nur von einer anderen Art und kann deshalb Signe und ihr Elend nicht begreifen. Und Bedürfnisse, die man nicht begreift, erkennt man selten als berechtigt an. Das liegt so im Menschen. Das eigene Ich ist für jeden das Normale, was davon abweicht, erscheint den meisten gleich als fehlerhaft.«

»Und Tom ist von seiner Mutter Art,« fügte Fribo seufzend hinzu. »Er ist, genau genommen, völlig schuldlos an Signes Geschick; wird man einen guten, derben Bauernjungen einen Mörder schelten, weil er eine Lilie in ungeeigneten Boden verpflanzte, wo sie eingehen muß?«

»Wie wird Tom die Nachricht ertragen?« fragte Irene. Hierüber hatte sie sich auf keine Weise ein klares Bild machen können.

»Tom? – Wenn Signe mit uns zurückkehrt, wird sie noch viel unglücklicher werden als vordem und noch weniger Liebe erfahren. Bleibt sie fern und nimmt ein früher Tod sie hinweg, was ich seit langem fürchte, dann wird er sie heiß und aufrichtig beweinen – wochenlang, nach Monden sich zwingen, manchmal voll Wehmut ihrer zu gedenken, und nach einem Jahr sich wieder verheiraten, wahrscheinlich mit einer robusten, munteren, prosaischen Frau.«

Er sagte das alles weder bitter, noch traurig, sondern so, wie man unabänderliche Verhältnisse bestätigt.

»Arme Signe,« sprach Irene.

»Ja, sie war mit den großen Ewigkeiten beschäftigt und ihr Mann mit dem kleinen Tag. So lebten sie sich auseinander.«

»Aber Signe wußte nicht genau, was sie wollte, wonach sie rang.«

»Dies ist das Schlimmste von allem,« sprach Fribo, »das ziellose Ringen: empor! Wer so im dunkeln kämpft, muß in Verzweiflung untergehen. Und deshalb will ich Signe in ihre Heimat gehen lassen. Sie braucht eine feste Hand, die sie auf dem Weg des Lebens zurechtweist, jemand, der sie lehrt, ihre Kräfte zu zeitigen und nützlich zu verwerten. Diese Hand hat Tom nicht. Zur Selbsterziehung aber fehlt ihr jener klare Stolz, den eine andere bewies, als sie sich in Dienstbarkeit begab, um an sich zu arbeiten.«

Irene erglühte und wandte sich ab. Sie fühlte, daß sie dies Lob noch nicht verdient hatte, denn gestern noch war ihr Herz voll Hochmut und Empfindlichkeit gewesen, und nur das schreckliche Ereignis hatte die bösen, kleinen Gedanken zurückgedrängt.

»Ich besitze doch nicht so viel klaren Stolz, als Sie denken,« sagte sie zögernd, »denn ich kann die Erinnerung an gewisse kränkende Taktlosigkeiten nicht überwinden.«

»Nein, ich beschwöre Sie, sagen Sie das nicht. Wirklich – es wäre möglich, daß jene unbesonnenen Worte meiner Mutter noch zwischen uns ständen ...« rief er schmerzlich.

»Nicht das allein,« sprach sie leise.

»Also auch anderes tragen Sie noch nach? – Jene törichten, ungeläuterten Ansichten vielleicht, die ich einst über die Ehe aussprach?«

Sie schwieg.

»Dann freilich,« sagte er bitter, »habe ich mich gestern abend getäuscht und ich bin sehr töricht gewesen, davon zu träumen, daß ich das Wesen gefunden hätte, geschaffen und bereit, mit mir vereint die großen Aufgaben des Lebens in der Ehe und im Beruf zu erfüllen.«

Sie war leichenblaß geworden. So herbe, so schroff schnitt er mit einemmal alle zarten Faden ab, die sich hin und her gesponnen hatten – nein, das hatte sie nicht gewollt. Sie wollte sich aussprechen, ihm klarmachen, wie es in ihr aussah, ihn selbst allmählich zur Erkenntnis kommen lassen, daß er nicht um sie werben dürfe. Und nun verwarf er alles Hoffen wie eine Torheit.

Unglücklich und schweigend saßen sie nebeneinander. Fribo sah aus dem Wagenfenster und tat, als beachte er die Gegend. Irene blickte still vor sich hin. Ihr Kopf schmerzte und in ihren Schläfen dröhnte das Rollen des Wagens schmerzhaft wider.

Die Fahrt kam ihr endlos vor. Man hatte gesagt, daß sie in zwei und einer halben Stunde in Walddorf sein könnten – ihr schien es, als sei schon ein halber Tag verflossen.

Plötzlich schrak sie zusammen.

»Das Meer,« sagte Fribo kurz.

Der Wagen befand sich auf der höchsten Steigung des Landes, das sich bis nahe vor der Küste in langsamer Welle hob, und hier, plötzlich ziemlich steil abfallend, den Blick auf einen breiten Waldstreifen, darüber hinaus auf den weißen Sandsaum und endlich auf das blaue Meer gestattete. Zwischen den kahlen Wipfeln, unmittelbar am hellen Strand, sah man einige Dächer durchblicken, rote Ziegelsteine und graue Zinkplatten.

»Das ist Walddorf, wo unsere Villa liegt,« erklärte Fribo kurz.

Ehe Irene recht hinsehen konnte, war der Wagen schon weiter und die Aussicht hatte sich verschoben.

Der Wald umgab sie. Das lärmende Rauschen, das durch die Tannen ging, das Knacken der durcheinandergeschüttelten kahlen Buchenzweige war fast beängstigend anzuhören. Ab und an gab es eine kleine Erschütterung auf dem Wagendach, trocknes, vom Sturme abgerissenes Gezweig war niedergefallen. Der Kutscher mochte einen bösen Sitz auf seinem Bock haben.

Häuser erschienen neben dem Weg. Der Wagen bog um, links drängte sich jetzt der weiße Strand an den Weg, rechts stand die von Villen unterbrochene Wand des Waldes.

Der Wagen hielt. Fribo stieg aus und half Irenen.

Nun standen sie da vor einer verschlossenen Tür, vor einem Hause, das unbewohnt und abwehrend aussah.

Die Fenster in der weißen Mauer waren mit grünen Läden verrammelt. Neben der turmartigen Hälfte des Baues trat der niedrigere Anbau zurück, doch war durch eine Veranda vor diesem die gleiche Linie der Bauflucht hergestellt. Diese Veranda war mit Brettern vernagelt.

Fribo zog an der Glocke. Ein schriller Ton hallte drinnen lang wieder. Niemand kam.

Sie gingen um das Haus durch den kleinen Garten, dessen grauer, mit Strandgras untermischter Rasen fast völlig von Flugsand bedeckt war. Eine Halbgrotte von Kalksteinen und Muschelkies war der Hauptschmuck des Gartens, dessen Hintergrund der Wald umschränkte.

Hinten waren zwei Fenster frei von Läden; zwei Efeustöcke, in gelben Blumentöpfen, an einem sich nach oben verbreiternden Holzgitter künstlich aufgebunden, standen drinnen auf der Fensterbank. An der Pumpe hinter dem Hause befanden sich zwei umgestürzte Eimer.

Fribo klopfte an die Fenster und rüttelte an der Tür.

Schweigen und immer nur Schweigen.

Finster ging er wieder nach vorn, die zitternde Irene folgte ihm.

Er befahl dem Kutscher, nach dem in Walddorf befindlichen Wirtshaus zu fahren und sich dort zu erkundigen, ob etwa die alten Möllers auf Tagelohn arbeiteten und wo.

Der Kutscher fuhr davon.

Nun waren sie allein in der völlig ausgestorbenen Welt. Die Straße hinauf und herab vereinzelte Häuser, alle eingesargt in Winterruhe wie dieses. Kein Mensch weit und breit. Der Wagen verschwand in einer fernen Einbiegung der langgestreckten Straße.

Und um sie her ein Tosen und ein Lärmen, als wollte es sie verschlingen.

Am blauen Himmel lachte die Sonne, der Sturm wirbelte Säulen fliegenden Sandes auf. Im Walde ging ein krachendes Gelärm um, prallend schlugen die Tannenstämme aneinander und mit hohlem Pfeifen sauste es durch das verschränkte Geäst der Eichen und Buchen.

Aber das waren nur die Oberstimmen in dem ungeheuren Konzert der Natur. Rastlos eintönig, tief und dumpf rauschte das Meer und daneben ging ein sonderbares, unheimliches Geräusch in gleicher Endlosigkeit. Wie das Knattern von Gewehrsalven, aber hundertfach verstärkt – so prallten die zerborstenen Eisschollen strandwärts an und schoben sich knatternd durcheinander.

Hier bildeten sie eine wogende, unruhevolle Fläche voll blendender Lichtblitze. Da türmten sie sich zu gigantischen Bergen und flössen im nächsten Augenblick krachend und polternd auseinander.

Unwillkürlich richteten beide ihre Schritte dem Strande zu. Gegen den heranrasenden Sturm, im tiefen Sand, der dem schreitenden Fuß keinen Widerstand bot, ging es sich mühevoll. Irene, von ihren sie umflatternden Kleidern behindert, konnte kaum vorwärts kommen; dabei mußte sie mit der erhobenen Linken ihren Hut festhalten.

Für die Genüsse des Schauspiels vor ihnen hatten sie in diesen Augenblicken kaum einen empfänglichen Sinn, denn eine immer steigende Unruhe beklemmte ihre Herzen.

Fribo ließ seine düsteren Blicke strandauf- und abwärts schweifen. Irene sah nur den Mann an, als könne von ihm allein Aufklärung und Rettung kommen.

Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf. Hinter der Linie einer vom Wind regellos zusammengewehten dünenartigen Erhöhung tauchte etwas auf, mühsam klomm es empor und stand umschauend still.

Fribo erkannte schon von weitem den alten Hüter des Hauses.

»Kommen Sie,« sagte er und faßte Irenens Rechte. Sie kämpften sich weiter. Der Mann hatte sie bemerkt; am landwärts sich verflachenden Fuß des Sandhügels trafen sie sich im Schutz vor dem Sturm und hier entspann sich ein hastiges Gespräch, von welchem Irene kein Wort verstand.

Der alte Mann mit seinem zahnlosen Mund und vorgeschobenen Kinn bewegte das Gesicht beim Sprechen wie eine wiederkäuende Ziege. Er schien sehr bekümmert und wischte sich öfters mit dem Handrücken die Nase ab. Seine altersdürre, grobknochige Gestalt war in eine gestrickte Wolljacke gekleidet.

Irene ertrug die verständnislose Zuschauerrolle nicht.

Sie berührte Fribos Arm und sah flehend zu seinem Gesicht auf.

»Bitte, was ist geschehen?« fragte sie. Ihr Ton war innig, ihr Blick vertraulich und Fribo fühlte wieder die Wohltat ihrer Gegenwart.

»Signe ist gestern sehr krank gewesen,« berichtete er hastig, »sie hat starkes Fieber gehabt, denn der Alte versichert treuherzig, daß er furchtbar eingeheizt und sie trotzdem vor Kälte gezittert habe. Die alten Leute konnten gar nicht begreifen, was sie hier wollte, und wußten nicht, was mit ihr beginnen. Die Frau hat ihr Suppe gekocht und Wärmkruken gemacht – aber die Betten waren doch so feucht und ihr eigenes mochten sie nicht anbieten. In der Nacht aber hat sie viel und laut gesprochen, wenn sie schlief. Die alte Frau mochte aber nicht wieder hineingehen um nachzusehen, denn als sie einmal kam, schrie Signe vor Angst und Schrecken auf.«

»Um Gottes willen,« rief Irene in Tränen ausbrechend, »welche Qualen hat sie ausgestanden.«

»Und heute morgen hat sie dennoch die Kräfte gehabt, aufzustehen – wahrscheinlich im Fieber – sie hat das Haus verlassen, weil sie fröre und in die Sonne wolle. Die alten Leute haben sie nicht zu halten gewagt, obschon sie nur ein Tuch umgenommen hatte – die Gewöhnung der Dienstunterwürfigkeit – vielleicht auch Unverstand. Aber da Signe nach einigen Stunden nicht wiederkam, sind sie gegangen, sie zu suchen, der Mann da hinaus, die Frau dort.«

»Und nichts?«

»Nichts.«

Irenens Tränen versiegten in dem Entsetzen, welches sich ihrer bemächtigte.

»Vielleicht,« sagte Fribo kaum verständlich, »hat die Schwäche sie übermannt und sie liegt irgendwo im Sande, wir müssen weiter suchen.«

Der alte Mann nickte und stapfte gehorsam gleich weiter.

»Bleiben Sie hier zurück. Es ist zu viel für Sie,« sagte Fribo bittend.

»Nein, ich verginge, lassen Sie mich mit,« flehte Irene.

»Ich habe kein Recht, Sie diesen schrecklichen Weg mitmachen zu lassen –« begann er, halb beherrscht von Sorge um sie, halb noch im Gefühl der bittern Ablehnung. Sie fühlte nur die letztere heraus.

Er ging. Ein Ruf konnte ihn nach zwei Schritten schon nicht mehr erreichen. Und wozu auch rufen? – Irene fühlte, daß er ihr zeigen wolle, sie sei ihm eine Fremde.

Hier, im Schutz des Sandwalles, ohne einen Blick ins Weite ertrug Irene es nicht, zu warten. Sie klomm empor, und es gelang ihr, dem rinnenden Sand zum Trotz, oben festen Fuß zu fassen. Der Sturm zerrte an ihr; um sich seiner Gewalt besser zu erwehren, kauerte sie nieder.

Sie verfolgte Fribo mit den Blicken. Er schritt nahe am Ufersaum entlang.

Mehr als einmal mußte er schnell zurückspringen, denn mit knatterndem Toben warf sich eine eisträchtige Woge weit hinein auf den Strand. Und dann erscholl jedesmal von der Düne her ein Schreckensruf und erstarb im Sturm.

Oft stand Fribo spähend still und schien mit angstgeschärften Augen die Schollenungetüme zu durchforschen, die sich aufeinandergeschoben am Ufer türmten, um durch den nächsten Wellenschub in Lage und Gestalt verändert zu werden. Hier zerteilten Wasser und Wind, was sie gebaut, dort häuften sie ihre kristallenen Bausteine immer verwirrter und massiger aufeinander.

Und jetzt wagte Fribo das Ungeheure, eines dieser trügerischen Schollenlager zu betreten – mit großen Sprüngen auf der wildzerklüfteten Eisschründe hinzueilen.

Zwei todesbange Augen folgten ihm und ein Herz, welches sich oft künstlich gegen ihn verhärtet, wurde in der Angst der Stunde weich und erflehte sein Leben für sich, ganz allein für sich.

Eine schreckliche Viertelstunde verstrich nach der andern. Fribo näherte sich wieder der Stelle, wo Irene saß.

Er schien etwas entdeckt zu haben, das ihn leitete. Er zeigte es dem alten Mann. Aber die müden Augen des Greises sahen wohl nichts, denn der schüttelte den Kopf.

Irene folgte mit ihren Blicken der Richtung der deutenden Hand. Und da gerann ihr das Blut in den Adern.

Zwischen den Schollen, die sich aneinander reibend widerwillig hin und her drängten – jede mit krachendem Stoß der andern den Platz streitig machend, tauchte etwas Rotes auf.

Nun war es wieder verschwunden. Da leckte der Sturm mit einem großen Atemzug Wasser und Eisbrüche vom Strande zurück und stieß nach einer Pause voll Grauen mit heftigem Fauchen alles wieder landwärts: Luft und Wasser und eisige Schollen.

Und da hing es leuchtend, wie ein farbenfroher Fetzen auf silberblinkendem Grunde, das rote Tuch zwischen dem glitzernden Eis.

Mit einem Schrei, der selbst den Sturm übergellte, stürzte Irene abwärts, dem Ufer zu. Hinter ihr drein polterte schüttender Sand, ihr Hut flog ihr vom Kopfe.

Nun war sie neben Fribo, nun standen sie Schulter an Schulter auf fürchterlicher Wacht.

Wieder sogen die Himmel ihren Atem ein und wieder eine bange Pause, bis mit stoßender Wut die wilden Lüfte abermals dahergefahren kamen und den Strand bis hoch hinauf bewarfen mit dem Inhalt des Meeres.

Der Mann schlang seine Arme um das Weib an seiner Seite und riß sie mit sich zurück. Die Sinne vergingen ihnen fast, ihre Augen schlossen sich, weil der schneidende Gischt in ihr Antlitz spritzte. Und so hielten sie sich viele Sekunden lang eng umklammert, vereint den Elementen Trotz bietend.

Dann lösten sich die Arme. Irene hob das leichenblasse, feuchte Gesicht zu dem Geliebten empor, und als sie ihn vor sich sah, bleich, gleich ihr, aber unversehrt, da brach ein kurzer Jubel in dem bangen Herzen aus, und noch einmal, ohne die treibende Not einer Gefahr, warf sie sich an seine Brust.

Aber während er sie noch einmal an sich drückte, wurde sein Auge plötzlich weit und starr.

Wenige Schritte von ihnen lag etwas am Boden – eine Gestalt – ein Weib.

Und schon waren sie beide hingeflogen, und während Irene die Knie brachen vor Schreck, hob der entschlossene Mann die Leblose auf und trug sie weiter landwärts, wo kein neuer Wogenschwall die fürchterliche Beute meerwärts ziehen konnte.

Fribo bettete die schwere, bleigewichtige Gestalt in den Sand, auf den die Sonne prallte, frostig, aber doch mit Lächeln. Der alte Mann stolperte bebend heran und erging sich in jammernden Klagen. Irene kniete neben der lang und schlank Ausgestreckten.

Die nassen Kleider lagen eng an der schmächtigen Gestalt. Die Arme streckten sich hart neben dem Körper entlang, die eine von den beiden weißen, schmalen Händen war verletzt und mit rotem Blut befleckt.

Das Haupt lag mit steil ausgerecktem Hals gerade mit dem Hinterkopfe auf dem Sande. Das Wasser hatte die blonden Kraushaare, welche sonst das Oberhaupt bedeckten, zurückgewaschen und eine freie, hohe und kahle Stirn krönte ein Angesicht, in welchem eine herbe Majestät die sonst weichen Züge umgemodelt hatte.

Das war nicht Signe, die träumerische, eigenwillige, unreife Signe, mit ihrer süßen Kindlichkeit und dem oft so heftig aufflackernden Begehr nach Glück.

Das war ein ernster, reifer Mensch, der hier im Sande ausgestreckt lag, das Angesicht dem Himmel zugewandt, die Augen geschlossen für die Leiden und Kämpfe dieser Welt, der Mund verstummt für Klagen.

Wie Ruhe und Weisheit strahlte es von dieser Stirn und wie strenge Verachtung alles Irdischen lagerte es um diesen Mund.

Die erhabene Majestät des Todes umwitterte das junge Antlitz und machte es priesterlich gebietend und groß und reif.

Sie, die den Kampf mit den kleinen Dingen dieser Erde so schwer ertragen, war nun der Enge entrückt und emporgehoben zu den reinen Höhen des Erkennens.

Welche Geheimnisse hatte ihr die Todesstunde offenbart? Daß es unter den Menschen nur wenigen Seltenen beschieden ist, das rechte Glück und das rechte Verstehen zu finden? Daß die irren, welche es mit Hast und Trotz suchen? Daß es nur mit Geduld, Entsagung und Liebe mühsam zu erringen ist?

Oder hatte ihr der Todesengel zugeflüstert, als er sie mit sich empornahm zum himmlischen Frieden, daß nur er allein den Weg wisse zum wahren Erkennen? Und war ihr dies geworden vor Gottes Thron?

Der stumme, ernste Mund gab keine Antwort. –

Und dennoch schien den beiden, die Wange an Wange neben der Toten weinten, als spräche er eine laute und eindringliche Predigt.

Als mahnte er sie, treu miteinander auszuharren in allen Irrungen und Wirrungen des Lebens, fest miteinander zu streben nach dem richtigen und reichen Inhalt ihrer Tage, das Dasein für nichts Geringes zu achten, weil es so wenigen rosig ist, sondern ihrerseits ehrlich mitzuarbeiten, es sich und denen, welchen sie zu dienen vermochten, gut und nützlich zu gestalten.

Und so segnete die stumme Tote den Bund unlöslich ein, und was in ihr gewesen war an edlen Gaben und heißem Wollen, gab sie als großes Vermächtnis jener anderen, die besser geschaffen war, mit festen Füßen auf der Erde zu schreiten und doch den sehnenden Blick emporzuheben.

Noch ein anderes Geheimnis behielt der verschlossene Mund für ewig verborgen: das Geheimnis, wie der Tod gekommen war.

Hatte die fiebernde Schwäche sie hingeworfen in der verderblichen Nähe des tobenden Meeres? Hatte sie in der Dämonie eines Fieberwahnes selbst dem Sturm entgegeneilen wollen, den sie so fürchtete, wie es zuweilen den Menschen in unwiderstehlichem Grauen treibt, gerade das zu tun, was ihm am schrecklichsten und verderblichsten ist?

Und so schloß das Leben, in welchem es keine beglückende Klarheit gegeben, noch mit einer schaurigen Frage rätselvoll ab. –

Als Fribo und Irene heimwärts fuhren, um der Familie das Ereignis mitzuteilen, fühlten sie, daß die Kunde, welche sie brachten, nur einen lärmvollen Schrecken verursache und daß trotz aller ehrlichen Tränen, die fließen würden, das Gefühl einer »besten Lösung« die Gemüter bald beherrschen werde.

Sie waren nicht so ungerecht, anderes von den Ihrigen zu verlangen und überhoben sich nicht, weil sie tiefer und verschieden von ihnen empfanden.

Aber sie wußten, daß sie ihr eigentliches echtes und rechtes Glück als geheimsten Besitz für sich verwahren mußten, daß sie mit der Familie nur durch ein äußeres Band verknüpft sein würden.

Nur durch ein äußeres Band? Nein, sie erkannten es dennoch, daß es einen Geist gibt, der als gemeinsames Gut auch den verschieden gearteten Menschen zu eigen sein kann, die das Geschick eng aneinander kettete: der gute Geist der Geduld und Nachsicht.

Und sie beschlossen, daß er der Geist ihrer Ehe und ihres Lebens sein sollte, weil durch ihn allein der Mensch emporgehoben werden kann aus der Enge des kleinen Daseins.

 
Schluß.

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