Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ida Boy-Ed >

Empor!

Ida Boy-Ed: Empor! - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEmpor!
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
firstpub1892
printrun7+8
senderwww.gaga.net
created20050722
modified20060624
correctorhille@abc.de
projectid1f3d79c2
Schließen

Navigation:

Signe konnte das Tanzen gar nicht vertragen, es erzeugte ihr Schmerzen in der Brust, und anstatt daß ihre Wangen sich von der heftigen Bewegung und der Hitze röteten, blieben sie farblos. Aber wenn es wie eine Raserei über sie kam, mußte sie tanzen, tanzen mit weher Brust und fiebernden Pulsen.

Geschah ihr das so, dann lag sie in der Nacht nachher, anstatt sich in gesunder Müdigkeit ausruhen zu können, wach und voll Unrast im Bett. Ihre Glieder schmerzten sehr, ihr Atem war kurz. Und auf ihrem Kopf lag ein schwerer Druck.

Eine düstere Melancholie trübte am andern Morgen ihr Gemüt. Mühsam schleppte sie sich umher und es schien, als sei sie über Nacht noch schmächtiger geworden.

Tom ärgerte sich dann jedesmal, und es gab bei dem ersten Frühstück einen Streit, wozu die Gelegenheit sich immer aus irgendeiner Ursache wie von selbst ergab, dessen Inhalt aber ungefähr stets der gleiche war. Tom beendete den Zank dann damit, daß er zur Tür hinausging und diese krachend zuschlug; Signe – je nach ihrem Befinden und ihrer Stimmung – zuckte die Achseln dazu, oder weinte stundenlang.

– Heute indessen sollte die Sache weder mit einer zugeworfenen Tür, noch mit einem Achselzucken zu Ende sein.

Seit dem Tage, wo sie zusammen aus der Kirche gekommen waren, hatte sich die Erbitterung ungehindert in Strömen in das Herz der jungen Frau ergossen, und ihr war, als müsse sie darin ertrinken, wenn sie sich nicht mit einem Schrei nach Rettung emporzuringen versuchte.

Als Signe in das Eßzimmer trat, einen losen, reichen, aber sehr zerdrückten Morgenrock von hellblauem Stoff und weißen Spitzen um ihre frierenden Glieder, das rauhe Haar ziemlich unordentlich im Nacken zusammengesteckt, meldete ihr das Dienstmädchen, daß Fräulein von Meltzow sich entschuldigen lasse.

Signe wärmte sich an dem dunkelgrünen Kachelofen, indem sie die schmalen, langfingerigen Hände dagegen preßte und fragte, was dem Fräulein fehle. Kopfschmerzen habe Fräulein von Meltzow, meinte das Mädchen und setzte eifrig hinzu:

»Ich brachte vorhin einen Brief vom jungen Herrn Doktor an das gnädige Fräulein. Da wird wohl etwas Besonderes darin gestanden haben, denn Fräulein wurde ganz blaß und...«

Signe wandte sich um und sah das Mädchen von oben bis unten an.

Dies verstand und ging trotzig von dannen.

Signe dachte aber:

»Die Leute kennen das so von meiner Schwiegermutter her, daß der Herrschaft freiwillige Klatschereien über die Hausbewohner willkommen sind.«

Und wie Frau Steinbrück hochmütig und gnädig zugleich auf das Wesen ihrer Schwiegertochter herabsah, so sah Signe auf ihrer Schwiegermutter Schwächen herab. Eine Erscheinung, die sich im Zusammenleben fast aller Menschen findet. Einer verachtet beinahe den andern, nur weil jener anders ist als er selbst. Das Abweichende ist dem naiven Selbstbewußtsein an und für sich schon das Geringere oder minder Richtige.

Signe war verstimmt, daß sie die Freundin nicht gleich sehen und sprechen konnte. Sie liebte es, Irenen Dinge zu sagen, Ansichten zu entwickeln, die für Tom bestimmt waren, denen er sonst aber nicht sein Ohr geliehen hätte. Sie gab sich der Einbildung hin, daß Tom so unfreiwillig hören müsse, während er in der Tat an sein Geschäft dachte, oder die Kurse im Morgenblatt studierte.

Tom kam aus dem Kontor herauf, er war schon früher aufgestanden, hatte Signe nur schlummernd gesehen und wollte jetzt erst sein Frühstück nehmen.

»Morgen,« sagte er kurz und setzte sich, mit flüchtigem Blick auf seine Frau, an den Tisch.

Sie kam langsam heran, in ihrem Gang, ihrer Haltung und Miene war Frost und Müdigkeit ausgedrückt.

»Na, dir ist die Geschichte wieder nicht bekommen?« fragte er mitleidig.

Sie goß ihm Tee ein und schüttelte den Kopf.

»Mir schien aber auch, daß du wie eine Rasende tanztest.«

»Was sollte ich sonst dort? Absagen darf ich nicht.«

»Du hast dich gar nicht gesträubt, die Einladung anzunehmen,« sagte Tom.

»Nein,« sprach sie müde und fast atemlos, »denn ich habe so oft gebeten, daß wir diese dummen Gesellschaften lassen sollen, immer umsonst. Nun lasse ich mich widerstandslos mitschleppen.«

Tom lachte.

»Mir scheint, du amüsiertest dich famos. Du warst die begehrteste Tänzerin.«

In Signes Augen trat ein lebhafter Glanz. Sie begann aus ihrer völligen Zerschlagenheit zu erwachen.

»Ja. Wenn man sein Leben nicht mit würdigem Inhalt füllen darf, soll man es mit Vergnügen betäuben. Ich sehe, es ist das einzige, was du bieten kannst und willst: Betäubung,« sagte sie und begann schon zu beben.

Tom ärgerte sich und mit einigem Recht. Er hielt sich für einen gediegenen und soliden Menschen, der seiner Frau eine anständige, eine sehr anständige Existenz bot. So etwas wollte er sich nicht sagen lassen.

»Weißt du, mit deinen überspannten Reden bleibe mir vom Leibe. Wenn man dich so hört, müßte man dich für todunglücklich halten und du hast doch wahrlich keine Gründe zum Unglücklichsein.«

Er strich mit schlank ausschlagender Hand sein Zeitungsblatt glatt und machte Miene, als wolle er lesen.

Signe riß ihm das Blatt aus der Hand, fiel neben ihm in die Knie und umklammerte seinen Arm.

»Ich, Tom – ich keine Gründe? Bist du denn glücklich? Kannst du es sein? Kann dies Leben dich befriedigen?«

Tom wußte nicht recht, ob die kleine Frau ihn dauern sollte oder ob sie ihn zur Ungeduld aufrief – jedenfalls langweilten ihn im Grunde ihre steten Fragen und Erörterungen über ihre Ehe und deren Glück oder Unglück.

Er zog Signe empor und auf seinen Schoß.

»Natürlich,« sagte er mit freundlichem Ton und gutmütiger Resignation, »natürlich befriedigt mich das Leben. Warum sollte es nicht? Ich bin gesund, ich habe zu leben, ich genieße die Achtung meiner Mitbürger; mehr kann ein Mensch doch nicht verlangen, wenn meine kleine reizende Frau ein bißchen verträglicher sein wollte, wäre ich sozusagen ein beneidenswerter Kerl, alles in allem.«

Signe schmiegte sich an ihn.

Es tat ihm doch wohl, die Wange an seiner zu fühlen. Ihr zartes Körperchen kam ihm vor wie ein kleiner, frierender Vogelleib.

Ich bin nicht unverträglich, Tom,« sagte sie unter Tränen.

»Nein, nein,« sprach er und zog sie sicherer auf seine Knie, »du hast nur den Fehler, immerfort über die natürlichsten und einfachsten Sachen nachzugrübeln.«

»Und verlangst du denn gar nicht mehr vom Leben, als gesund, reich und geachtet zu sein?« fragte sie drängend.

»I,« machte er, »was sollt' ich sonst wohl noch verlangen?«

»Frieden und Glück in der Ehe,« flüsterte Signe.

»Na,« sagte Tom bedenklich, »streiten tun sich nun mal alle Ehegatten. Das trägt man sich nicht nach, und wenn man sich erst völlig aneinander gewöhnt hat, kommt das Glück von selbst.«

Er war in der besten und zärtlichsten Stimmung für seine Frau und wollte sie recht innig beschwichtigen, denn ihr elendes Aussehen heute morgen dauerte ihn. –

»Also nur durch Gewöhnung denkst du dir ein Glück möglich?« fragte sie schmerzlich. »Das ist der natürlichste Weg dazu, denke ich, mein Engel,« sprach er mit der Überlegenheit des Mannes, der sich überlegen fühlt, nur, weil er ein Mann ist. »Kannst du mir denn sagen, wie du dir den Weg zum Glück vorstellst und was du vom Leben verlangst? Kannst du das mit zwei vernünftigen und klaren Worten sagen?«

Signe sank in sich zusammen und grübelte vor sich hin.

Nein, mit »zwei vernünftigen, klaren Worten« konnte sie nicht ausdrücken, was mit zersprengender Gewalt ihre Brust erfüllte.

Nicht so knapp ihm klarmachen, was in ihr selbst nur drängendes Wollen war.

Auch war es wie Scham, die ihre Lippen verschließen wollte. Sie kannte vor ihm nicht von Dingen und Fragen sprechen, die ihm vorkamen wie törichte Überfracht bei der Lebensreise und ohne welche sie sich keinen Tag ihres Daseins behelfen kannte. Sie fürchtete sein Unverständnis und sein Lachen und ihr war, als entweihe sie das Ringen ihrer Seele, indem sie ihn, der es weder verstehen wollte noch konnte, hineinblicken ließ.

Und doch – er war ja ihr Gatte, und seine Seele zu erwecken ihr heißer Wunsch und für sie der Weg zum Glück.

»Siehst du, Kind – du schweigst,« sagte Tom befriedigt.

»Nein,« rief Signe und richtete sich auf, »ich will, ich muß sprechen. Ich will deine Seele wecken.«

»Ich gelte sonst auch schon für einen ziemlich aufgeweckten Menschen,« scherzte Tom. Sie verstand zum Glück nicht, daß er mit einem platten Wortwitz ihre hohe Stimmung durchkreuzen wollte. Das Wort »aufgeweckt« für »nicht gerade dumm« war ihr ganz fremd.

»Nein, das kannst du dich nicht nennen,« rief sie und erhob sich von seinen Knien, »denn du lebst nur ein Leben in Formen, nicht mit Inhalt aus.«

Tom hatte Lust, hier wieder einen Scherz einzuflechten. Aber sie stand mit flammenden Augen vor ihm und redete in ihn hinein.

»Du ißt, du trinkst, du schläfst, du arbeitest – eine Arbeit, die nicht deine Gedanken, sondern nur deinen Rechensinn beschäftigt. Das ist kein Leben. Du bist arm. Du verlierst dein Dasein. Ich muß dich beklagen. Du gehst neben mir her und meinst, auch ich habe keine Gedanken, als Essen, Schlafen, Kleider und den Hausstand. Und wenn wir über all dies einen Gedanken und in all diesem einen Geschmack haben werden eines Tages – es könnte ja sein – so meinst du, wir sind dann glücklich?«

»Und ob ich das meine!« bestätigte Tom.

»Ich aber,« rief Signe, »ich will nicht, daß nur mein Leib, meine Zeit und mein Geld mit dir verheiratet sind, ich will dir meine Seele geben, und die deine haben.«

Seine Seele haben! Das wurde nun Tom aber ernstlich langweilig und er fing an, die Geduld zu verlieren.

»Das hat Arvid dir in den Kopf gesetzt,« sagte er ärgerlich. »Ich dachte, der sollte dich zur Vernunft bringen, aber es scheint, daß er deine dir leider anerzogenen Überspanntheiten nur bestärkt hat.«

»Er?« rief Signe, »nein, er hat nur meinem bis dahin haltlosen Dasein ein festes Ziel gegeben, das Ziel, dich mir zu erringen.«

»Zum Kuckuck noch mal, du hast mich ja. Ich bin das Muster eines treuen Ehemannes,« sprach Tom wütend, und rechnete es sich im Augenblick noch als besonderes Verdienst an, daß er im vorigen Jahr einer gastierenden Tänzerin gegenüber, welche ihn nicht kalt gelassen, alle Regungen standhaft unterdrückt und sich begnügt hatte, ihr Blumen werfen zu lassen, wenn Signe so fortfuhr, würde er diese Leistungen ehelicher Treue noch gar bereuen.

»Nein, ich habe dich nicht, vereinst du dich mit mir, damit wir unser Wissen und Erkennen erweitern? Nein. Strebst du danach, dir klar zu werden, was du denkst über Sittlichkeit und Pflicht, über unsere Zeit und deinen Gott?«

»Albernheit,« sagte Tom mit rotem Kopf und bösen Blicken, »alles so etwas versteht sich für den Gebildeten von selbst.«

Übrigens dachte er sich nichts weiteres bei dieser allgemeinen Antwort.

»Haben die Großen deines Volkes und meines Volkes für dich gedacht und geschrieben? Nein, denn du hast keine Zeit zu lesen und dich zu erheben. Du bildest dir ein, du ›erholtest‹ dich am Biertisch und im Klub, wenn mein armer Kopf und meine unerfahrene Seele grübeln und dich fragen möchten bei den verschiedenen Erscheinungen des schweren, o, so unergründlichen menschlichen Lebens: warum ist dies so? das so? warum, warum? dann kannst du mir nicht antworten, denn du hast über nichts gedacht und nichts festgestellt für dich selbst als Gesetz und Erkenntnis. Du kannst nicht mein Leiter und mein Lehrer sein. Und weil ich dich liebe, flehe ich zu dir und werde dich ewig anflehen: erwache! begreife, daß das Leben mehr von dir fordert, als du gibst.«

Tom ging zur Tür. Er war ganz erfüllt von Überdruß und Zorn. Ihm schien es, als hasse er Signe in diesem Augenblick. So lästig, so unbeschreiblich lästig war sie ihm mit ihren »verrückten Faseleien«, wie er es kräftig bei sich nannte.

»Ich habe keine Philosophie studiert und bin kein Schulmeister,« sagte er, »ich bin ein praktischer Mann und muß es den Gelehrten und den Federfuchsern überlassen, ihrer Umgebung solche Sachen, wie du meinst, vorzukauen.«

Sein Ton war getränkt von Verachtung. Signe stürzte ihm nach und hing sich an ihn.

»Tom,« rief sie leidenschaftlich, »verstehe mich doch.«

Er stieß sie rauh zurück.

»Ich verbitte mir für die Zukunft ein für allemal solche Gespräche, wenn ich dir nicht hochtrabend genug bin, hättest du lieber einen anderen nehmen sollen. Das wäre besser für dich und für mich gewesen.«

Und er ging hinaus und schlug krachend die Tür zu. Solcher lärmvolle Schluß war für Tom immer ein Bedürfnis nach erregten Unterhaltungen. Er setzte damit einen Punkt unter den Streit und wandte seine Gedanken gleichmütig den nächsten, anderen Angelegenheiten zu. Für heute fand er sogar eine sehr dringliche vor, eine, die ihn nötigte, noch selbigen Tages vormittags eine mehrtägige Reise anzutreten. Aber da es sich um ein günstiges Geschäft handelte, pfiff er vergnügt vor sich hin bei der Arbeit.

Gegen Mittag ging er hinauf, um sich reisefertig zu machen.

Er fand keine von den Damen vor.

Fräulein von Meltzow, hieß es, habe Kopfschmerzen und noch immer ihr Zimmer nicht verlassen. Die gnädige Frau sei ausgegangen.

Tom wunderte sich. Bei dem Wetter. Und flüchtig zog ein Gedanke mit liebevoller Besorgnis ihm durch den Kopf. Signe hatte heute morgen doch so besonders zart ausgesehen und draußen war Sturm und Schneetreiben. Aber er hatte keine Zeit, sich lange dabei aufhalten.

Die Zeit drängte. Er packte seine Sachen für zwei bis drei Tage zusammen und ließ eine Droschke holen, denn bei diesem Wetter erlaubte Frau Steinbrück nicht, daß ihre Pferde benutzt würden.

Er guckte noch bei seiner Mutter ein, und trug ihr die Bestellung an Signe auf, daß er verreise. Frau Steinbrück fragte zunächst, ob es unangenehmen, geschäftlichen Vorfällen gelte; als sie das Gegenteil vernahm, bedauerte sie trotzdem den Sohn und bat ihn, sich nicht zu erkälten.

»Das wäre besser für dich und für mich gewesen.«

Signe vernahm es, und es traf sie wie ein Peitschenschlag. Sie stand da und mußte sich mit der Hand gegen den Türpfosten stützen, um nicht zu fallen.

Nach einer Weile schleppte sie sich mühsam bis zu ihrem Zimmer und dort saß sie nun in ihrem Armstühlchen und sah vor sich hin.

So lange kannte sie nun die Steinbrücks und hatte immer noch nicht erfaßt, daß sie, die Mitglieder dieses ehrenhaften und untadligen Geschlechts den einen Leichtsinn besaßen, an dem von hundert Menschen neunzig kranken: den Leichtsinn des Wortes. Getragen von einer zornigen oder ungeduldigen Stimmung, von einer häßlichen oder liebevollen Aufwallung, entflieht ein böses oder ein gutes Wort den Lippen. Es verweht wie der Wind, es ist schon vergessen, fast ehe es erklang. Es war nicht so böse und es war nicht so gut gemeint. Der, welcher es vernahm, ist ein Tor, wenn er dem bösen Wort Tränen nachweint, er ist ein Narr, wenn er auf das liebe Wort baut.

Nein, Signe, mit ihrer leichtbeflügelten Phantasie, die sie über die Grenzen der Wahrheit hinwegtrug und ihrem Geist Bilder als Wirklichkeit vortäuschen konnte, die nur geträumt waren, Signe hatte, merkwürdiger Gegensatz, die schwerfällige Gewissenhaftigkeit des Ohres und der Zunge.

Sie konnte sagen: ich habe jenen Berg bestiegen und diesen Fluß rauschen hören, wenn ihr Geist sich so viel mit jenen Gegenden beschäftigt hatte, daß sie glaubte, sie wirklich gesehen zu haben; sie konnte sagen: ich war dabei, als dies und das geschah, weil ihr Gedächtnis ihr das so vorspiegelte und oft Gehörtes als Selbstgeschautes vorgaukelte.

Sie konnte auch aus kindischem Trotz und Unabhängigkeitsdrang sagen: ich tat dies und das, wenn es ganz anders von ihr getan war.

Aber sie konnte nicht sagen: ich bin dir gut, zu denen, welche sie haßte und nicht für Sekunden die hassen, welche sie liebte. Es war ihr unmöglich, auch in der höchsten Erregung, auch in dem tiefsten Jammer über ihr unbefriedigtes Leben ein Wort zu sagen, dessen Inhalt und Tragweite sich nachher nicht mit ihrem ganzen Dasein vertreten hätte. Und vor allem in den Gesprächen mit Tom über ihre Ehe war ihr jede Silbe wichtig und von folgenschwerem Inhalt.

»Das wäre besser für dich und für mich gewesen.«

Ebenso leicht hätte es kommen können, daß Tom bei seiner anfänglichen, gutmütigen Laune verblieben und etwa mit den Worten von ihr gegangen wäre:

»Nun ja dann, Herzchen, tröste dich, ich will deine Wünsche erfüllen.«

Dann hätte Signe hier gesessen, das Herz voll jubelnder Hoffnungen, ganz beschäftigt von hundert Plänen, wie sich das neue und endlich wahrhaft einige Beisammenleben gestalten solle. Aber dann hätte sie eines Tages begreifen müssen, daß Tom sich gar nichts bei diesem Versprechen gedacht hatte, als höchstens, sie im Augenblick beschwichtigen zu wollen, wie man ein Almosen gibt, nur, um den Bettler los zu werden.

Aber er war ungeduldig und wahrhaft zornig gewesen und so hatte er das andere Wort gesagt. Dies Wort, welches auf Signe gefallen war, wie ein zerschmetternder Felsen.

Und nun drehte und wendete sie das, was sie hatte hören müssen und suchte die Vergangenheit und Zukunft dieser Rede zu ergründen. Denn auch Worte, nicht nur Taten, haben ihre Geschichte hinter sich und ihre Zukunft vor sich.

Also auch für Tom wäre »es besser gewesen«.

Er war also nicht glücklich – nein, glücklich in Signes Sinn natürlich nicht, das hatte sie ja immer gewußt – aber auch nicht glücklich in seinem Sinn, der nur an den Oberflächen der Dinge haftete. Er hatte vielleicht lange und schmerzlich darüber nachgedacht, daß eine andere Frau ihn mehr beglückt haben würde, als Signe.

Demnach hatte er auch Anforderungen an das Glück in einer bestimmten Form. Wahrscheinlich war seine Anforderung die, daß man ihm nicht ein geistig erwecktes und höheres Leben aufdringen sollte, sondern daß man ihn unbehelligt seines Wegs ziehen lassen möge, auf welchem er genug der Freuden und Genüsse nach seinem Geschmack fand.

Seit langem bäumte er sich gegen die Zumutungen Signes auf. Endlich hatte er gesprochen.

Und die Zukunft dieses Wortes war die, daß es für immer als eine Scheidewand zwischen den Gatten stehen mußte, denn es verbat der Frau jeden ferneren Versuch, sich das Seelenleben ihres Mannes zu erringen.

Sein Seelenleben? Er hatte gar keins.

Signe begriff in dieser Stunde aber noch eins: nämlich dies, daß Tom sich völlig in seinem Recht befand.

Vererbung, Erziehung und Gewohnheit hatten ihn so gestaltet, wie er nun einmal war.

Kraft welchen Rechts durfte Signe verlangen, daß er seiner eigenen Haut entschlüpfen solle? Man trägt einen Fisch nicht auf Bergesgipfel, so wenig wie man aus dem Adler ein Zugtier machen kann.

Hat ein Gatte das Recht zu fordern, daß der andere seine Individualität ganz umändere, wenn sie beide aus ganz verschiedenen Zonen des Daseins stammen? Ist die Individualität nicht wie eine angeborene Hautfarbe? Kann man diese anders färben?

Nein. Signe begriff das Unmögliche und Ungerechte ihrer Forderung.

Das grausame Schicksal hatte ihm und ihr aufgebürdet, was gewiß Hunderttausenden ebenso geschah. Im Lenz ihres Lebens, als die Natur ihnen das unbewußte Sehnen nach einem Mann, nach einem Weibe in die Adern gespielt, waren sie sich begegnet und ihre Pulse hatten füreinander geschlagen. Den Trieb der Gattung hatten sie für Liebe gehalten.

Tom, das fühlte die arme Frau ganz deutlich, trotz seiner Worte, hatte auch heute noch keinen anderen Inhalt für die Liebe.

Sie aber war zum Leben, zum Verstehen, zum Kampf erwacht.

Sie konnte nicht ihm, ja nicht einmal sich selbst ganz klarmachen, was sie eigentlich wollte und ersehnte.

Ein unnennbares Verlangen nach völliger Einheit mit einem anderen über ihr stehenden menschlichen Wesen brannte in ihr, nach einem Wesen, welchem sie sich in blindem Vertrauen ganz ergeben könne.

Nach einem Mann, der ihr jeden unklaren Gedanken deuten und sichten, jede Frage beantworten, jede Stimmung erklären konnte. Nach einem Mann, welcher ihren Wissensdurst stillte, ihr helfen könne, an ihrem Wesen zu arbeiten, daß ihre Seele kraftvoll und zielbewußt die hohen Aufgaben des Lebens erfasse, der ihr den Zusammenhang der Dinge erklären konnte, weil er selbst nachgedacht hatte.

Heute endlich hatte sie begriffen, daß Tom ihr ein solcher Mann nie sein würde, weil er es weder sein konnte, noch werden wolle. Ein Abgrund tat sich vor ihr auf. Ihr war zumute, wie jemand, der lange gewandert ist und plötzlich seinen Weg durch eine unübersehbare Kluft abgeschnitten sieht. Der ganze Weg ist vergebens gewesen, es heißt, erbarmungslos umkehren, wenn auch schon die Knie vor Ermüdung brechen.

Wenn Signe zehn Jahre älter und reifer gewesen wäre, würde sie, wenn auch mit völlig vernichtetem Lebensmut, dennoch sich ein Bild der Zukunft gemacht haben; grau in grau freilich, aber doch ein festes Bild, dessen Konturen von der Entsagungsfähigkeit gezogen worden wären, dessen tiefe Schatten die völlige Herzenseinsamkeit, dessen zarte Lichter nützliches Wirken für andere gewesen wären.

Aber Signe war noch jung und hatte nur erst das heiße Streben nach Erkenntnis, nach harmonischer Lebensweisheit, noch nicht dies Erkennen, diese Weisheit selbst.

Und die Jugend, jene Jugend, welche mit heißem Willen ringt und strebt, hat einen Gott, welcher ihr der oberste Gesetzgeber scheint: den Gott der Wahrheit! Der Wahrheit um jeden Preis, auch um den der völligen Selbstvernichtung und der Vernichtung anderer.

Signe wußte, daß ihre Ehe nie eine Ehe nach ihrem Sinn sein würde, Signe wußte, daß ihr Mann ein Mensch aus anderem Stoff war als sie selbst, sie mußte weiter, daß sie nicht die Macht und nicht das Recht hatte, ihn nach sich umzugestalten, und dies alles wissen hieß zugleich: die Ehe aufheben. Keinen Tag, keine Stunde mehr in der Lüge verharren.

Signe erhob sich. Ihr Schritt war fest, ihre Wangen brannten.

Sie ging hinauf in ihr Zimmer, um sich anzukleiden.

Dabei war aber keineswegs ein bestimmter Vorsatz in ihr, was sie nun tun wollte.

Das Dienstmädchen war gewohnt, ihr auch ohne Befehl beim Ankleiden zu helfen und kam auch jetzt, als sie die Herrin hinaufgehen härte.

Die Gegenwart der Person war Signe sehr lästig, weil ihr die gegenstandslose Grübelei, in welche sie verfallen war, gestört wurde. Nun fiel ihr aber Irene ein. Was würde diese sagen?

Signe fühlte, daß sie und Fribo verstehen würden, was geschehen müßte, wenn sie es auch nicht ganz billigten.

Denn die angewöhnte Feigheit, auch der besten Menschen, macht es, daß sie die Selbstaufopferung auch ohne Zweck immer höher achten, als eine Tat der Wahrheit.

Signe rang sich einige Worte ab. Sie fragte das Mädchen nach Irenens Befinden und erfuhr, daß diese noch leidend zu sein vorgebe.

Das war gut so. Irene würde sich sonst gewundert haben, daß sie ausgehe.

Sogar das Mädchen wunderte sich und riet ihrer Herrin dringend ab, da es so sehr stürmisch sei und auch Schneetreiben herrsche.

Signe sagte, daß sie sich aus dem Wetter nichts mache und daß sie notwendig fortgehen müsse. Sie war bei ihren Dienstboten als »ein bißchen komisch« bekannt, und das Mädchen dachte sich allerlei. Natürlich nichts Gutes und natürlich brachte sie den Schweden ins Spiel. Aber sie sorgte doch dafür, daß ihre Dame ein besonders marines Kleid und noch ein Tuch unter den Mantel anbekam.

Und dann ging Signe zum Hause hinaus, wie träumend überschritt sie die Schwelle, welche sie einst in hellem Glücksjubel zuerst betreten.

»Salve« stand in rötlichem Schiefer ausgelegt in den weißen Fliesen des Vorflures. Signe, welche tausendmal achtlos darüber hinweggegangen, bemerkte es plötzlich wie ein körperliches Hindernis, und sie ging seitwärts an dem Wort vorbei. Die Erinnerung an ihren einstigen Einzug wachte so stark in ihr auf, daß ihr war, als träte sie die Vergangenheit mit Füßen, wenn sie auf das »Salve« trete.

Draußen schrak sie vor dem Wetter zurück. Ein heftiger Wind jagte seine Schneeatome fast wagerecht durch die Luft, die schmale Straße gestattete dem Sturme nicht sich auszubreiten, und so fuhren seine Stöße zusammengepreßt wie in einem Rohre, zwischen den Häusern hin. Er trieb die Menschen, welche sich in einer Richtung mit ihm bewegten, vor sich her und auch Signe schob er förmlich die Straße hinauf. Ihre Kleider wurden flatternd voran gezerrt und umschlossen rückwärts knapp ihren Körper. Am Nacken und an den Ohren trafen die scharfen Schneeteilchen sie sehr schmerzhaft, so daß sie unwillkürlich die Schultern hoch zog.

Diese Unbilden hatte sie nicht erwartet, sie raubten ihr förmlich die Besinnung. Als sie fünf Minuten später den Kirchenplatz erreicht hatte, auf den die Straße mündete, stand sie erschöpft im Schutz eines vorspringenden Pfeilers still. Obgleich sie mit dem Sturm gegangen, war ihre Brust atemlos, als habe sie gegen ihn gekämpft.

Von ihrer Kinderzeit her war der Sturm diejenige Naturerscheinung, welche ihr einzig und sehr großes Grausen einflößte. Die zugleich unwiderstehliche und unsichtbare Gewalt, die ihm innewohnte, erregte ihr eine fast dämonische Angst. Der Blitz fällt und verlöscht, der Donner verrollt und die Gefahr ist vorbei. Aber in den langen Sturmnächten des Nordens zittert das Herz vor dem unberechenbaren Verderben, welches jeder nächste Stoß bringen kann.

Nun stand Signe hier gegen die rote Backsteinmauer der Kirche gedrückt und hatte Angst vor dem Sturme.

Die verzweifelte Frage erwachte in ihr: wohin? Gedankenlos war sie fortgegangen, ohne Geld, ohne Gepäck, nur von dem blinden Wahn erfaßt, daß sie fort müsse. Ganz dunkel regte sich in ihr zwar der Wunsch, zu ihren Eltern zu kommen, aber wie sie das anfangen solle, war ihr ganz unklar.

Ein ihr bekannter Herr ging vorüber und sah sie flüchtig erstaunt an. Dann das Dienstmädchen von dem Haus gegenüber Steinbrücks. Dann lange niemand. Es war eben ein Wetter, in das man sich nicht ohne Not hinauswagte.

Signe hatte schon so kalte Füße, daß sie bis zu den Knien hinauf sich erstarrt fühlte. Ihre Brust tat ihr auch sehr weh, wie immer bei windiger Kälte.

Und in dieser ganz einfachen und harten Not des Wetters begann sich zagend der Gedanke zu regen: wenn ich zurückkehrte und morgen ginge? Und besser vorbereitet?

Aber dann konnte man ihre Absicht merken und sie zurückhalten. Signes Kräfte reichten nur zur Flucht, nicht zum Kampf.

So stand sie weitere Minuten, bis plötzlich Arvid an ihr vorbeistrich, ohne sie zu bemerken, denn er hatte seinen Pelzkragen hochgeschlagen und das Gesicht, da er gegen den Wind schritt, tief gesenkt.

Sie rief ihn laut an – unwillkürlich bei seinem Vornamen.

Mit unangenehmem Erstaunen sah er sie da stehen, das Gesicht bläulich-blaß, die Lippen farblos, ein Bild des Elends und der Kälte. Und er war gerade unterwegs gewesen, die zarte Elfe, welche ihn gestern entzückt, in ihrem weichen, wohligen Nestchen aufzusuchen und ihr beim Kaminfeuer im warmen, lichten Rokokozimmerchen von seinen Gefühlen und der möglichen Zukunft zu sprechen. Er hatte in seinem Hirn alle Momente vorher ausgearbeitet gehabt und jedes Wort, das er ihr über sich, sie, Tom und die Ehe sagen wollte, wobei sie im Geist immer vor ihm gesessen, in ihrem Armstühlchen, die schmiegsame Gestalt voll Grazie, das Gesicht voll Leben, Glanz und Hoffnung.

Diese Begegnung hier unter so unwirtlichen Umständen stieß nun alle seine Berechnungen um und brachte in seiner überfeinfühligen Seele eine grenzenlose Ernüchterung hervor.

Beinahe verlegen, als habe sie erraten können, was in ihm vorging, fragte er, was sie da mache, warum sie ausgegangen sei.

Signe sah ihn verstört an. Sie hatte sich so lange eingeredet, daß Arvid ihr ein Freund, ein sehr nahestehender Mensch sei. Und mit einemmal kam er ihr wie ein ganz Fremder vor, wie ein Mann, den das alles, was sie so verzweifelt beschäftigte, doch eigentlich gar nichts anginge.

Weshalb hatte sie ihn eigentlich gerufen? Das war unwillkürlich geschehen. Und nun hieß es, ihm Antwort geben.

Sie drückte sich tiefer in die schützende Ecke hinein.

»Ich will fort. Ich muß fort. Gleich jetzt zu meinen Eltern.«

Arvid erschrak heftig.

»Welche Torheit,« sagte er streng.

»O nein. Es ist die Tat der Wahrheit, von welcher wir oft sprachen. Der Augenblick dafür war gekommen,« rief sie fast weinend.

»Aber man vollzieht solche Tat in vernünftigen und schonenden Formen. Man läuft nicht einfach davon,« sagte er mit einem so ausgesprochenen Ärger im Gesicht, daß in Signe trotziger Mut wach wurde.

Wenn er, der Mann, denn nur mit seinen Reden ehrlich und hochstrebend war, nicht aber solche Taten billigte, so wollte sie, die Frau, ihm und Tom und aller Welt zeigen, daß sie Mut zur Wahrheit hatte.

Was wußte sie davon, daß Arvid in einer angenehmen Umgebung in einer unternehmenden Stimmung gewesen sein würde! Daß die Kälte, der Sturm, ihr fast häßliches Aussehen ihn so ernüchterten! Und daß sich dabei die Furcht in ihm regte, von Signes Eltern in Verbindung mit dieser Flucht gebracht zu werden. Die Steinbrücks mochten immerhin dergleichen denken, das ließ ihn kalt. Aber Signes Eltern wegen hatte er gern alles unauffällig und korrekt abgewickelt gesehen.

»Weiß man von Ihrer Flucht?«

»Noch niemand.«

»So werden Sie zurückkehren,« befahl er.

»Nein,« sagte sie kalt und fest. Sie fühlte sich ihm unendlich überlegen.

»Meinetwegen!« beschwor er sie eindringlich.

Nun sah sie ihn an mit einem so naiven Erstaunen, daß er sie nicht mißverstehen konnte.

Ihr fiel weder ein, daß er sie lieben könne und sich um sie bewerben wolle, nach daß irgend jemand ihre Flucht zu mißdeuten vermöge. Dieser völlige Mangel an Weltkenntnis rührte ihn flüchtig.

Aber wer kann sich in schöne Gefühle verlieren, wenn der Sturm einem den Schnee ins Gesicht peitscht.

»Zum Teufel,« sagte er, »hier holen wir uns den Tod. Was wollen Sie denn? Kommen wir zu Ende.«

»Ich will fort.«

»Es geht kein Schiff vor Sonnabend und heute ist Donnerstag. Kehren Sie zurück und reisen Sie Sonnabend ab unter dem Vorwand, Ihre Eltern besuchen zu wollen.«

»Ich will in einer so ernsten Sache nicht lügen und ich will auch nicht für zwei Tage nur zurück unter sein Dach,« sprach Signe mit einer Entschlossenheit, die ihm fanatisch deuchte.

Halb um ihren, wie es schien, unerschütterlichen Willen zu erfüllen, halb um sich aus dieser, für ihn unerträglichen Situation zu ziehen, dachte er schnell und umsichtig über alles nach, was etwa geschehen könne. Er hatte begriffen, daß er Signe durch Widerspruch und Ermahnungen nur reizte und schließlich war ja auch noch sein Gedächtnis da, welches ihm zuraunte, wie zahllose Male er selbst als oberstes Sittlichkeitsgesetz das Aufhören einer unwahren Ehe besprochen.

»Sie können unmöglich in einem hiesigen Hotel bleiben bis Sonnabend,« sprach er hastig. »Das Aufsehen würde ungeheuer sein, und man würde Sie auch in jeder weise belästigen. Haben die Steinbrücks nicht eine Villa in Walddorf?«

»Da sollte ich hin?« rief Signe zitternd. »In dem Sturm? Ans Meer? O nein!«

»Nun, dann gehen Sie wieder nach Haus!« rief er ungeduldig.

»Was soll ich denn da?« fragte sie schnell.

»Hinausfahren, dableiben und dahin Ihre Sachen bringen lassen. Sie können von da aus Tom benachrichtigen, daß Sie am Sonnabend nach Schweden gehen und kommen Sonnabend früh zur Abfahrt des Dampfers herauf. Ist das nicht bequem, einleuchtend, vernünftig?« fragte er, von einem Fuß auf den andern tretend.

Er hatte ganz aufgehört, der vornehme, verbindliche Mann mit tadellosen Manieren zu sein und hatte hauptsächlich nur Empfindung für die Kälte und das Schneetreiben.

»O, bringen Sie mich hin,« flehte Signe.

»Nein,« sagte er, »das kann nun durchaus nicht sein, Sie werden es später begreifen und mir Dank wissen. Nicht einmal an den Wagen kann ich Sie bringen. Sie wissen, jenseits der Kirche ist ein Droschkenhalteplatz.«

Sie stand und zitterte.

»Also Sie wollen doch nicht?«

»Ja, ja,« murmelte sie, »ich muß.«

»Leben Sie wohl, Signe. Ich sehe Sie bald wieder. Aber erst bei Ihren Eltern.«

»Leben Sie wohl,« flüsterte sie und ging davon.

Er sah ihr nach, wie sie unsicher vorwärts schritt, bald getrieben von einem Windstoß, bald zögernd einen Fuß vor den andern setzend.

Dann ging er, da er es für klug erachtete, heute von Tom und so vielen Menschen als möglich gesehen zu werden, erst an das Steinbrücksche Kontor. In der Tür desselben rannte er mit dem abreisenden Tom zusammen. Wenn Tom also nicht zu Hause war, erschien es ihm zwecklos, gerade im Steinbrückschen Kontor sein »Alibi abzusitzen«, wie er das nannte. Es konnte ebensogut im Klub geschehen.

Er ging also in den Klub. Um diese Tageszeit war selten jemand da, aber der Kellnerbursche und der Klubwirt sahen ihn ja, wie er seinen beschneiten Pelz anhing, sich von den frierenden Füßen den Schnee vertrat und händereibend einen heißen Punsch forderte.

Als er in einem bequemen Lehnstuhl saß, einige schwedische Zeitungen auf den Knien, das dampfende Getränk auf einem Tischchen neben sich, taute er auf. Nicht nur in seine von Frost und Unbehagen erstarrten Glieder kehrte das Gefühl von Wohligkeit zurück, auch seine Seele wurde wieder munter.

Nun erst besann er sich recht auf das Geschehene.

Anstatt sich aber unmittelbar angstvoll darüber aufzuregen, stellte er zunächst Beobachtungen über sich selbst an.

»Was für eine unberechenbare und komplizierte Sache doch so eine moderne Menschenseele ist,« dachte er interessiert. »Offenbar gehöre ich auch zu denjenigen, welche beim Kaminfeuer die soziale Frage mit völliger Aufgabe aller höheren Sonderrechte zu lösen bereit sind und sich nachher scheuen, eine schmutzige Arbeiterfaust zu drücken, welche sich für freie, große und menschlich wahre Sittengesetze begeistern und bei der ersten praktischen Probe auf das menschlich Wahre sich ängstlich auf die Linie angewöhnter Vorurteile zurückziehen.«

Da er diese Feigheit nicht von sich erwartet hatte, dachte er so lange darüber nach, bis es ihm gelang, hierfür völlig entlastende Motive zu finden.

Gewiß, er hatte den Vorurteilen der Welt Rechnung tragen müssen, um dies reine und unschuldige Wesen nicht in ein falsches Licht zu bringen. Der Kavalier hatte den Philosophen zurückdrängen müssen, gewiß, er hatte sehr korrekt und männlich gehandelt, und es gibt Fälle, wo das Korrekte doch bessere Früchte trägt, als das nur schlechthin Wahre. So lange die nach der wahren Sittlichkeit Strebenden nach unter denen leben, welche in anererbten Schicklichkeitsbegriffen verrannt sind, müssen sie konziliant handeln.

Und so endete diese Selbstbetrachtung, wie jede Arvids, damit, daß er sich wieder für einen feinen und taktvollen Geist hielt.

Er dachte dann voraus. Es war in jedem Fall für Signe gut, wenn er sich allen nun beginnenden Kämpfen und Verhandlungen fernhielt. Die Steinbrücks würden nach wenig Stunden Signes Aufenthalt erfahren, und nicht aus Liebe, sondern aus Angst vor Skandal versuchen, sie zu halten. Aber Signe würde dabei bleiben, nach Schweden zu fahren und von da aus ließe sich dann alles ordnen.

War sie erst frei, konnte Arvid sehen, ob sie noch so reizend sei wie gestern abend, und dann sie zum Weibe begehren.

Hierbei überkam ihn wieder die erregte Stimmung von gestern. Er sah die schlanke, weiße Gestalt umherschweben und mit dem zunehmenden Behagen, das ihn selbst in der warmen Stube umfing, stieg das Gefühl in ihm, das er für Liebe hielt.

Und jetzt erst kam in seine, keiner einfachen, blinden und großen Gefühle fähigen Seele eine Art von ängstlicher Sorge um sie, die er »liebte«.

In diesem Unwetter hatte er sie hinausziehen lassen. Sie, die so furchtsam und bei jeder Gelegenheit ratlos war. Vielleicht hatte sie keinen Wagen gefunden und wankte noch im Schneetreiben umher. Aber das war doch undenkbar. Sie saß sicher – wenn auch frierend – in einem sturmfesten Fuhrwerk; unter den biederen Kutschern dieser Stadt gab es keine Schurken und zweifelsohne kannte auch jeder Führer von Mietswagen die junge Frau Steinbrück.

In Walddorf, der Villenkolonie am Meeresstrand, fand sie Pflege und Schutz. In der Steinbrückschen Villa hauste ein altes Ehepaar als Einhüter, dem dies Amt als Versorgung für langjährige Dienste überwiesen war.

So dauerte es nicht lange, bis Arvid sich wieder etwas bewiesen hatte, und zwar diesmal, daß sein Angst unnötig sei.

Aber es gelang dem großen Theoretiker doch nicht so vollständig, denn seine Gedanken wurden wieder und wieder unruhvoll bedrängt von dem Bild der armen, kleinen Frau, die ins Elend hinausgeflohen war.


 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.