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Empor!

Ida Boy-Ed: Empor! - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEmpor!
publisherDeutsches Verlagshaus Bong & Co.
firstpub1892
printrun7+8
senderwww.gaga.net
created20050722
modified20060624
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Die Gaslampe im Klubzimmer brannte singend. Ihr heller Schein, vom grünen Pappschirm zusammengefaßt, lag wie eine helle Scheibe auf dem großen, viereckigen Tisch von dunkelm Holz. So waren die Männer, welche rings um den Tisch saßen, ziemlich im Schatten.

Das mäßig große Zimmer war dunkel tapeziert; durch den Zigarrendampf, der es bläulich durchwolkte, sahen von der Wand die großen Photographien Kaiser Wilhelms I., Bismarcks und Moltkes. Außer dem Tisch, der vor einem Sofa stand und sonst mit Stühlen umgeben war, befanden sich in der Tiefe des Zimmers noch zwei kleinere Sofas, die einander an den Längswänden gegenüberstanden und zwischen welchen von dem Plafond herab noch eine Gaslampe hing. Ein gestreiftes Rouleau verhüllte das einzige Fenster in der Nähe des Tisches.

Es war das Plauderzimmer des Klubs, und der Tisch hatte den Namen »Klöhntisch«. Hier sprachen die Mitglieder sich über alles aus, was der Tag aufwarf an Fragen oder Ereignissen.

An der inneren Schmalwand, dem Fenster gegenüber, führte eine Tür in die Spiel- und Lesezimmer des Klubs. Durch diese Tür trat Fribo Steinbrück ein und setzte sich mit einer Zeitung auf eins der leeren Sofas.

Seit er seiner Mutter Haus soviel als möglich mied, verkehrte er abends oft im Klub, wo er sich indessen zumeist der Lektüre von Zeitungen hingab.

Die Herren am Tisch achteten seiner gar nicht, denn einer von ihnen erzählte eben im Flüsterton von den Verlegenheiten eines großen Handlungshauses, davon man, seinen Ohren nicht trauend, seit einigen Tagen zischelte. So hatten sie denn die Köpfe zusammengesteckt und sogen mit gierigen Ohren die »ganz authentischen Details« ein, welche der Erzähler zu geben wußte.

Alle Anwesenden waren einig, daß die betreffende Familie über ihre Verhältnisse gelebt habe, und jeder wußte aus Erfahrung, wie opulent es dort bei Gesellschaften hergegangen.

Daß der Sohn des Hauses fortan sehr klein werden werde, schien alle zu freuen. Er hatte alle durch seine Vorzüge geärgert. Das Gespräch hierüber konnte man ungenierter führen. Die Köpfe, welche vordem zusammengesteckt hatten, erhoben sich wieder, jeder nahm seinen bequemen Sitz wieder nachlässig ein.

Gräditz hatte beide Ellbogen aufgelegt und die Hände gefaltet auf dem Tisch. Er sprach eifrig auf sein Gegenüber ein, jede Behauptung mit einem Kopfnicken begleitend. Ihm, als gedienten Kavalleristen, war die Sportskokettiererei jenes jungen Herrn schon immer sehr komisch gewesen. Das tat und sprach, als sei er auf allen Rennplätzen der Welt zu Hause und mit allen Turfangelegenheiten innig vertraut und imitierte alle Kavaliersgewohnheiten, während jeder wirklich zur großen Welt Gehörende doch immer merkte, daß der Kaufmannssohn nur eine angelernte Rolle dabei spiele.

Damit kränkte Gräditz fast alle Anwesenden, die in ihm den wenig bemittelten Offizier a. D. geringschätzten. Aber da man ein Thema hatte, welches aller Interesse vereinte, begnügte man sich, Blicke über Gräditz zu wechseln.

Sein Gegenüber, der Großkaufmann, Konsul Talker, saß aufrecht da. Er hatte ein flottes Gesicht, mit fast verwegenem Ausdruck, was wohl daher kam, daß in seinem Antlitz alles ein wenig in schräger Linie stand. Die rechte Braue endete mit einigen aufwärtsstrebenden Härchen, die linke senkte sich zur Schläfe; der rechte Schnurrbartzipfel war hoch aufgedreht, der linke scharf herabgezogen und so auch strebte das gescheitelte dunkle Haar rechts mehr zur Höhe. Talker hatte die eine Hand in die Seite gestemmt und trommelte mit den Fingern der andern auf den Tisch.

»Na ja,« sagte er, »der junge Lehnert wird Sie mit seinem Getue nicht mehr ärgern. Er sprach immer von seiner Lady und von seinem Pipifax, als wenn es berühmte Pferde wären, das ist wahr. Und besonders Lady ist ein scheußliches Tier; Sie müssen es ja auch wissen, weil Sie sich so oft seine Pferde zum Reiten liehen.«

»Lehnert konnte sich geehrt fühlen, wenn ich ihm seine Tiere mal zurechtritt.«

Konsul Kugler, der mit übergeschlagenen Beinen zurückgelehnt dasaß, die Daumen in die Hosentaschen gehakt, hörte gelangweilt zu; auf seinem ebenmäßigen Gesicht markierte er dann auch einen ganz leisen und trefflich abgemessenen Zug von hochmütiger Überlegenheit.

Der neben ihm sitzende Agent Diesteg wagte beinahe nicht, ihn nach etwas zu fragen. Diesteg saß vorgebeugt und krumm da, die Hände zwischen den Knien gefaltet und sah so von unten auf, von einem zum andern. Seine eingefallenen Wangen deckte ein harter, kurzgeschnittener Backenbart, der sich bis an die Mundwinkel vorschob. Seine lebhaften Augen funkelten, und die verzehrendste Neugier, alles zu erfahren, was die Anwesenden noch wußten, oder vermuteten, quälte ihn.

»Ist es wahr, daß der junge Lehnert ein Verhältnis mit der Bertoni hatte, obgleich er mit Lisa Harding verlobt ist?« fragte Diesteg endlich Kugler.

Dieser zuckte hoheitsvoll die Achsel und deutete damit an, daß es unter seiner Würde sei, Diesteg, den man nur im Klub, nicht aber in der Gesellschaft traf, auf so etwas zu antworten.

Da erhob der dicke Mühlhardt seine Stimme. Mühlhardt saß mit seinem schweren Körper so auf dem Stuhl, daß er seine Knie weit auseinanderhielt. Anders klemmte sich sein Bäuchlein, auf dem ein großes Medaillon aus dem Westenknopfloch hing. Mühlhardt kaute an seiner Zigarre und wickelte alle Augenblicke das aufgeweichte Deckblatt mit der Zungenspitze wieder fest. Zigarrenasche, die er von Zeit zu Zeit losklopfte und wischte, war auf seine Rockaufschläge und Weste niedergestäubt. Der dicke Mühlhardt war ein Konkurrent von Kugler und konnte ihn auch sonst persönlich nicht leiden.

Kugler hatte, wie alle Welt wußte, auch ein Verhältnis mit der kleinen Bertoni gehabt, die ihm Lehnerts wegen untreu geworden war.

»Freilich ist es wahr,« sprach er langsam, »es ist mir aber rätselhaft, was er an der magern, blonden, kleinen Person hat.«

Blonde Schmächtigkeit hieß es, sei das »Genre« Kuglers und über nichts konnte dieser sich so sehr ärgern, als wenn sein Geschmack nicht von allen als der distinguierteste anerkannt wurde.

»Zum Verständnis der Grazie gehört immer tiefere Bildung,« sagte Kugler.

»Und obenein, wenn man mit einem so hübschen, netten Mädchen verlobt ist, wie mit der Harding,« fuhr Mühlhardt fort.

»Finden Sie nicht, daß die Harding der Meltzow ähnlich sieht?« fragte Falker.

Diesteg kannte beide Damen nur vom Hörensagen. Aber, um sich orientiert zu zeigen, sagte er eifrig:

»Sehr, sehr.«

»Aber keine Spur. Die Harding ist viel dicker als die Meltzow.«

Fribo Steinbrück, der von dem ganzen Gespräch vorher nichts gehört, wie das Stimmengeräusch, das, ohne ihn zu stören, an seinem Ohr vorüberrann, zuckte zusammen, als der Name genannt wurde, dieser eine, der ihm wichtig war vor allen.

Er hörte zu. Die Zeitung zitterte in seiner Hand. Er hätte aufspringen mögen und diesen Männern Schweigen gebieten. Aber wie töricht! Hatte er dazu Recht und Veranlassung? Warum sollte sich ein Kreis von Herren nicht unbefangen über die Ähnlichkeit von zwei ihnen bekannten Damen unterhalten?

Aber weh tat es, diesen Namen von diesen Lippen zu hören.

Und die Männer schienen den Stoff gar nicht erschöpfen zu können, so spannen sie die Unterhaltung aus.

Fribo dachte, ob er nicht an den Tisch treten solle, um ein Ende zu machen. Aber man wußte ja ohnehin, daß er im Zimmer zugegen war, wozu also erst in den Kreis treten, da es doch nicht mit unbefangenen Mienen geschehen konnte.

Darin irrte nun Fribo. Kugler und Diesteg wandten ihm völlig den Rücken und sahen ihn gar nicht. Für den dicken Mühlhardt war sein Gesicht hinter der Zeitung verborgen; Talker war etwas kurzsichtig und glaubte, es sei der Referendar Müller, der dort säße. Gräditz allein sah, daß es Fribo Steinbrück war. Und Gräditz hielt es für die einfachste Sache von der Welt, einer Dame Schönheit, Charakter und Herkunft im Klub und am Biertisch zu besprechen.

»Die Meltzow ist eine viel vornehmere Erscheinung,« sagte Talker.

»Im Gegenteil könnte man sie für etwas Extravagantes halten,« behauptete Mühlhardt, der seiner Kusine Haiding den ersten Preis zuerkennen zu müssen glaubte.

»Da hat Herr Mühlhardt nicht ganz unrecht, Kugler und ich, als wir sie damals in der Eisenbahn, allein für ›Nichtraucher‹ fanden, dachten auch, sie sei Fettschminke oder so etwas,« erzählte Gräditz.

Fribo saß wie erstarrt. Er fühlte noch einen letzten Rest von Besinnung, mit welchem er sich sagte, daß man zuweilen einer Dame nur schade, wenn man mit der Faust für sie dreinschlage. Ruhe, Fassung, sagte er sich und rang mit sich; er wollte einige höfliche und gehaltene Worte finden, um dies Gespräch zu enden. Er erhob sich, und während der Augenblicke, in denen er sich zu bezwingen versuchte, gingen die Reden weiter.

Diesteg, welcher seine Beziehungen zur Gesellschaft hauptsächlich dadurch zu bekunden suchte, daß er über den Klatsch in ihr genau Bescheid wußte, fragte:

»Ist es wahr, Herr Konsul, daß Sie die Meltzow schon früher kannten?«

»Allerdings. Eine Reisebekanntschaft von mir,« bestätigte Kugler nachlässig, aber in einem »gewissen« Ton.

»Und mir,« schaltete Gräditz ein, der sich von seinen Rechten nicht zurückdrängen ließ.

»Und sie hat sich unter falschen Vorspieglungen in das Steinbrücksche Haus geschlichen?« fragte Diesteg weiter; »man soll es gar nicht für möglich halten, was so alles passiert. Daß Frau Steinbrück sie aber behalten hat!«

Kugler lächelte fein.

»Eine so schöne Hausgenossin wollten die Söhne wohl nicht so ohne weiteres davonziehen lassen . . .«

Und da fuhr sie doch auf den Tisch nieder, die drohende Faust.

Mit blitzenden Augen und flammender Stirn stand Fribo Steinbrück zwischen ihnen. Seine Stimme, welcher er noch vor Sekunden keine ruhigen Worte hatte abringen mögen, klang jetzt fest und ehern.

»Bedenke sich jeder,« sagte er laut, »wer ein Wort über Fräulein von Meltzow in den Mund nimmt, daß ich ihm diesen Mund nicht mit einem Säbelhieb verschließe.«

Kugler war blaß geworden. Diesteg zitterte wie Espenlaub. Die andern sahen nur das »Interessante« an der Szene, bis auf den gemütlichen Gräditz, der sofort beschwichtigend sagte:

»Aber, lieber Doktor, man spricht doch wohl mal über 'ne Dame so unter sich.«

»Sie verzeihen,« sprach Fribo kalt und in völliger Beherrschung seiner selbst, »daß ich andere Ansichten von Kavaliersehre habe, als offenbar Sie. Übrigens erkläre ich hierdurch feierlich, daß das Fräulein die Tochter des Regierungspräsidenten von Meltzow ist und daß unser Haus sich durch ihre Anwesenheit geehrt fühlt.«

»Na, das ist ja schön, und seien Sie nur wieder gut,« bat Gräditz.

»Ihnen, Herr Konsul Kugler, muß ich sagen,« fuhr Fribo fort und sah von oben verächtlich herab auf den Mann, der in seiner Stellung wie versteinert beharrte, »Ihnen muß ich sagen, daß ich Ihr Geschäft ein sehr trauriges finde: das Geschäft, Frauen durch Klatsch zu verunglimpfen; Sie allein können infolge Ihres Gesprächs mit meiner Mutter solche Gerüchte versprengt haben. Ich verachte Sie!«

Kugler sprang auf und eine sehr hochmütige Pose einnehmend, rief er:

»Ich muß Sie bitten, zu bedenken, wen Sie vor sich haben.«

»Ja,« sprach Fribo. »Einen Schurken.«

Er ging auf die Tür zu. Dort wandte er sich um.

»Sie werden mich zu finden wissen,« rief er und ging hinaus.

Die Anwesenden saßen wie begossen da. Diesteg bebte vor Aufregung. Was nicht alles passierte! Und daß er hatte dabei sein dürfen und es morgen in allen Kontoren erzählen konnte! Er hatte doch rasendes Glück. Und er kannte das; wenn er ganz besondere Neuigkeiten mitbrachte, wickelten sich die Geschäfte glatter ab.

Talker legte seinen Kopf zur linken Schulter nieder und summte halb pfeifend eine kurze Melodie vor sich hin, was seine Angewohnheit war, wenn er so dachte: »'ne schöne Geschichte.«

Mühlhardt leckte nachdenklich an seiner Zigarre und Gräditz wiegte sorgenvoll das Haupt.

»Kinder,« sagte er endlich, »Kinder, das ist eine tolle Sache. Kugler muß ihn fordern.«

»Ach was schlagen,« sprach Mühlhardt abweisend.

»Er will sie wohl heiraten?« bemerkte Talter fragend.

»Wenn sie Geld hat – warum nicht,« meinte Gräditz.

Kugler war ganz fahl. Eine ohnmächtige Wut fraß an ihm.

Daß er das hatte hinnehmen müssen! Er, Kugler, der für alle Numero eins sein wollte, war vor den Augen dieser der Abgetrumpfte gewesen.

Wie schadenfroh ihm morgen die ganze Börse entgegenlachen würde.

»Ja,« sagte Talker, »mein lieber Kugler, du wirst wohl in den sauren Apfel beißen und revozieren müssen, denn das können wir alle bezeugen, daß du uns einen ganzen Roman von der Dame erzählt hast.«

»Was anderes bleibt dir nicht übrig,« bestätigte Mühlhardt.

»Laßt uns in corpore gleich einen Brief aufsetzen,« riet Talker.

»Ich brauche weder euren Rat noch eure Vormundschaft,« sprach Kugler hoheitsvoll; »ich kenne wohl am besten die Formen, in denen man solche Ehrenhändel beilegt. Inzwischen wollen wir uns nur das Wort geben, daß wir nichts von dem Vorfall außerhalb dieser vier Wände bekannt werden lassen.«

»Natürlich, natürlich,« murmelten alle. Und jeder nahm sich vor, es in der Tat außer seiner Frau oder seinem besten Geschäftsfreund niemand zu erzählen.

Als Kugler gegangen war, sagte Mühlhardt hinter ihm her:

»Hochnäsig ist er noch obenein. Der Denkzettel war ihm mal gesund.«

Und dann gingen auch sie und jeder hatte noch vor Mitternacht es einer Person im tiefsten Geheimnis anvertraut.

Am andern Mittag sprach die ganze Stadt davon, und jeder der Zeugen konnte versichern, daß er seinerseits reinen Mund gehalten habe.

Anny Bewer, die seit einigen Tagen wieder ihren Pflichten nachging, erfuhr es auf der Straße, als sie nach beendetem Unterricht nach Hause wollte.

Sie trug an ihren Füßen große pelzgefütterte Galoschen, die ihr viel zu schwer waren, und so stapfte sie mühevoll einher. Ihr Kleid hatte sie sehr hoch aufgeschürzt; da sie die etwa entstehenden Schmutzsäume selbst auszubürsten hatte, mußte sie ihre Röcke schonen und pflegte sie sehr ungraziös hoch vermittelst einer Gummischnur aufzuraffen. Am Arm trug sie eine Schulmappe, vollgestopft mit Büchern, die Hände hielt sie in einem Skunksmuff frostig dicht am Magen. Ihr anschließendes Jackett war mit Pelz besetzt, und sie hatte einen netten Hut auf, dessen Rand sich so vorbaute, daß die von Kälte rote Nase unmittelbar darunter hervorzukommen schien.

So strebte sie vorwärts, als Lisa Harding, ihre frühere Schülerin, ihr den weg verstellte.

»Ich kehre ein bißchen mit dir um, Anny,« sagte das elegante, vergnügt dreinblickende Mädchen. »Du bist krank gewesen? Wie geht's dir?«

»Passabel. Bis zu den Osterferien muß ich mich hinhalten. Ich mußte jetzt wieder heraus, weil ich keine Stellvertreterin finden konnte.«

»Ich denke es mir gräßlich, Stunden zu geben! Wenn ich das nur nicht sollte! Aber du bist es ja gewöhnt. Weißt du noch, wie wir dich immer ärgerten?«

Das Mädchen lachte noch vergnügt in der Erinnerung an die einst im Übermut der Lehrerin bereiteten Streiche.

»O ja, ich weiß noch,« sagte Anny Bewer gelassen.

»Wie ist denn jetzt deine Klasse?«

»Ebenso wie ihr gewesen seid.«

»Aber du bist nicht mehr so strenge wie gegen uns,« sprach Lisa Harding, »mit uns warst du manchmal scheußlich. Meine kleine Schwester sagt, du ließest viel hingehen.«

»Fribo Steinbrück hat mir verboten, mich so oft zu ärgern, und da denke ich denn: laß sie meinetwegen unartig bleiben,« sagte Anny Bewer.

»Ach, Fribo Steinbrück ist dein Arzt? Na ja, natürlich, er ist dein Vetter und behandelt dich gratis. Weißt du denn schon von dem Skandal, den er gestern abend gehabt hat?« fragte das Mädchen.

Anny Bewer erschrak heftig. Ihr fuhr jede Erregung in die Knie und Füße, die ihr dann unsicher und noch schwerer als gewöhnlich wurden. Sie konnte kaum vorwärts und wich den ihr auf der Straße Begegnenden ungeschickt aus. Dabei kam Lisa Harding ihr einen Schritt voraus und sie hastete ihr nach.

»Was für ein Skandal?«

»Wegen des schönen Fräuleins bei Tante Steinbrück.«

Annys Lippen waren völlig farblos. Sie packte Lisa Harding am Arm fest.

»Erzähle, was du weißt.«

Lisa wußte ziemlich wörtlich alles, denn ihres Vetters Mühlhardt Frau hatte es ihr mit nur wenig Übertreibungen erzählt, von ihrem Verlobten Lehnert wußte sie aber auch bereits, daß Kugler mit der ersten Post schon einen revozierenden Brief an Fribo Steinbrück gesandt habe, daß damit natürlich der Streit beigelegt sei und daß die ganze Stadt Fribo mit der Meltzow verlobt sage. Das Wort »Schurke« werde ignoriert, Kugler tue, als habe er es nicht gehört und erkläre es als Klatsch, daß es gefallen sein solle.

Anny Bewer hörte mit atemloser Spannung zu. Wie sie sich von Lisa verabschiedet hatte, wann und wo, das wußte sie selber nachher nicht.

Sie saß in ihrem Zimmer, den Hut auf dem Kopf, die Mappe am Arm und versuchte nachzudenken.

Gewiß, es war nur Ritterlichkeit von Fribo gewesen, er wäre ebenso für jede andere Dame eingetreten. Fribo hatte gerade schon so oft über Kuglers böse Zunge scharf verurteilend gesprochen und sicherlich die Gelegenheit ergriffen, ihm die langaufgespeicherte Meinung zu sagen.

Der immer geschäftige Klatsch knüpfte gleich eine Verlobung daran.

In der Tat war eine solche außer aller Wahrscheinlichkeit. Fribo wollte doch einmal ein ganz junges Mädchen heiraten. Irene war für seinen Geschmack ein viel zu selbständiger Charakter, eine viel zu vollendete Weltdame. Da konnte er die poesievolle Beschützer- und Lenkerrolle nicht spielen, von welcher er träumte.

Anny Bewer beruhigte sich allmählich vollkommen.

Aber sie wünschte doch, die Sachlage im Steinbrückschen Hause in Augenschein zu nehmen. Morgen mittag sollte sie bei Tante Steinbrück essen. Unmöglich, so lange zu warten mit quälenden Zweifeln im Herzen.

Sie sah nach der Uhr. Es war zwei. Wenn sie sich ein bißchen eilte, konnte sie schnell einen Teil ihrer Hefte korrigieren, sich umkleiden und mit der Pferdebahn in die Stadt zurück. Bei Tom und Signe traute sie sich schon, ungeladen als Tischgast zu erscheinen. Ihrem Scharfblick konnte eine Veränderung in Irenens Wesen nicht entgehen.

Wie atmete sie auf, als sie Irene mit dem Ehepaar bei Tisch fand und auf allen Gesichtern die Alltagsstimmung ausgeprägt sah.

Tom freute sich sehr, daß Anny Bewer kam; vor der brauchte er keinen solchen Respekt zu haben, wie vor dem Fräulein. Im Grunde genierte Irenens Gegenwart ihn oft, weil sie ihm Zwang auferlegte, und Tom fand, daß man sich in den »eigenen vier Pfählen«, wie er sein Heim nannte, doch gemütlich könne gehen lassen. Die beflissenen, höflichen Manieren waren ihm wie sein Frack: so unbequeme Gewandstücke legt man für die Gesellschaft an. Seiner etwas behäbigen Art stand die gewisse Vernachlässigung seiner selbst übrigens ganz natürlich an und wirkte kaum verletzend.

Signe schien auch erfreut. Wenn Anny Bewer da war, konnte sie doch mit Irene, welche sie mit schwärmerischer Zuneigung verehrte, sprechen, und brauchte nicht zu hören, wie Tom über das Essen schalt. Denn Tom konnte keine Mahlzeit einnehmen, ohne sie zu tadeln.

Anny Bewer erfuhr, daß man am Abend noch einen Ball besuchen wolle und erbat sich die Erlaubnis, Irenen beim Anziehen helfen zu dürfen.

»Sie geht ahnungslos auf den Ball, wo jedermann mit indiskreten Blicken sie und Fribo beobachten wird,« dachte Anny Bewer, fand diese Ahnungslosigkeit vortrefflich und nahm sich vor, sie in keiner Weise zu stören.

Aber ihre Mitleidenschaft bei allem, was Fribo betraf, war so mächtig, daß sie nicht zu schweigen vermochte.


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