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Gérard de Nerval: Emilie - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorGérard de Nerval
booktitleFranzösische Liebesgeschichten Von Nodier bis Maupassant
titleEmilie
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
editorHans Marquardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9df37f6e
created20061212
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Gérard de Nerval

Emilie

Erinnerungen aus der Französischen Revolution

»Niemand kennt so recht die Geschichte des Leutnants Desroches, der sich im vergangenen Jahr beim Kampf um Hambergen töten ließ – zwei Monate nach seiner Hochzeit. Wenn das ein wahrhafter Selbstmord gewesen ist, dann möge ihm das Gott verzeihen! Aber wie dem auch sei: Einer, der sein Vaterland verteidigt und dabei sein Leben läßt, verdient nicht, daß seine Tat so bezeichnet wird, was immer dabei in seinem Innern sich sonst noch abgespielt haben mag.«

»Da sind wir wieder einmal«, sagte der Doktor, »beim Kapitel der Gewissensfälle! Desroches war ein nachdenklicher Mann, der sich entschloß, sein Leben in die Schanze zu schlagen: Er wollte nicht, daß sein Leben nutzlos wäre; er hat sich tapfer in das Handgemenge gestürzt; er hat erst noch an Deutschen niedergemacht, soviel er vermochte, wie er selbst bekannte: ›Ich habe getan, was ich tun konnte, jetzt sterbe ich zufrieden‹; und er schrie: ›Es lebe der Kaiser!‹, als er den Säbelhieb empfing, der ihn niederstreckte. Zehn Leute seiner Kompanie werden es Ihnen bestätigen.«

»Und doch war es wohl nichts anderes als ein Selbstmord«, entgegnete Arthur. »Immerhin, ich meine, man hätte unrecht gehandelt, ihm den Gnadenschoß der Kirche zu verschließen....«

»Mit solch einer Einschätzung tun Sie doch wohl der opfermutigen Tat eines Mannes vom Schlage eines Curtius etwas Gewalt an! Der junge römische Ritter war vielleicht durch das Spiel zugrunde gerichtet, in seinen Liebesabenteuern unglücklich, seines Lebens überdrüssig, wer weiß? Aber eines ist sicher: Er ist schön, der Gedanke, von der Welt zu gehen und sich noch im Tode den andern von Nutzen zu erweisen, und darum kann man solch eine Tat nicht einen Selbstmord nennen, denn der Selbstmord ist nichts anderes als der höchste Akt von Egoismus, und nur deshalb wird er unter Menschen verworfen.... Woran denken Sie, Arthur?«

»Ich denke an das, was Sie eben von Desroches erzählten: daß er, ehe er selbst den Tod fand, so viele Deutsche tötete, wie er konnte....«

»Na und?«

»Nun ja eben, diese wackeren Leute haben dahin gemußt, um ein sehr trauriges Zeugnis abzugeben für den schönen Tod des Leutnants. Sie erlauben mir wohl zu sagen: Dieser Selbstmord da ist – im wahrsten Sinne des Worts – eine männermordende Tat.«

»Ach was! Wer wird denn gleich an so etwas denken? Deutsche – das sind doch Feinde!«

»Aber gibt es denn so etwas noch für einen Mann, der entschlossen ist, aus dem Leben zu gehen? In diesem Augenblick löscht jeder irdische Sinn für die Nationalität aus, und ich möchte bezweifeln, daß man da noch an ein anderes Land als die jenseitige Welt denkt und an einen anderen Herrscher als Gott. Allein der Abbé hört uns zu, ohne ein Wort zu sagen, und doch hoffe ich, ich spreche hier auch im Sinne dessen, was er für richtig hält. Los, Abbé, sagen Sie uns Ihre Ansicht und versuchen Sie unsere Ideen miteinander in Einklang zu bringen. Da gibt's mehr als genug Zündstoff zum Meinungsstreit, und die Geschichte von Desroches, oder vielmehr das, was wir darüber zu wissen glauben, der Doktor und ich, das scheint nicht weniger dunkel als die tiefen Meinungsverschiedenheiten, die sie zwischen uns aufgerissen hat.«

»Nun«, sagte der Doktor, »Desroches war, wie man behauptet, sehr niedergedrückt seit seiner letzten Verwundung, die ihn so stark entstellte; und es mag sein, er war niedergeschmettert von den stummen oder lauten Spötteleien, die seine junge Lebensgefährtin darüber zeigte – Grüblernaturen sind eben empfindlich für so etwas. Erwiesen ist jedenfalls das eine: Er ist gestorben, und zwar freiwillig!«

»›Freiwillig‹, da Sie nun einmal darauf bestehen; aber nennen Sie nicht den Tod, den man in der Schlacht findet, Selbstmord; Sie bringen damit einen Widersinn in das, was Sie vielleicht in Gedanken haben; man kann in einem Handgemenge sein Ende finden, eben weil man auf etwas Gegnerisches stößt, das einem ans Leben geht; man stirbt nicht immer, wie man will!«

»Na und – wollen Sie damit sagen, daß es so etwas wie unheilvolles Geschehen gibt?«

»Wenn ich einmal hier etwas dazu sagen soll«, unterbrach der Abbé, der während diesem Meinungsaustausch bisher gesammelt zugehört hatte, »es wird Sie vielleicht seltsam anmuten, daß ich meinerseits etwas Ihren Paradoxen oder sagen wir Annahmen entgegenzusetzen habe....«

»Nun ja doch, ja! So legen Sie doch schon los: Sie wissen sicher noch mehr als wir. Sie sind ja seit langem in Bitsch zu Hause; man erzählt, Desroches sei Ihnen bekannt gewesen, und vielleicht hat er sich Ihnen in der Beichte erschlossen....«

»In diesem Fall müßte ich Stillschweigen bewahren – aber dem war leider nicht so, und doch war der Tod von Desroches ein christlicher, seien Sie dessen versichert. Und ich will Ihnen auch die Ursachen und Umstände erzählen, damit Sie den Gedanken mitnehmen können, daß er ein ebenso ehrlicher Mann war wie ein guter Soldat, der gestorben ist zu seiner Zeit für die Menschlichkeit, seinen eigenen Tod, nach den ewigen Ratschlüssen des Höchsten!

Desroches war als kaum Vierzehnjähriger in sein Regiment eingetreten, zu einer Zeit, in der die Mehrzahl der Männer bei der Verteidigung unserer Landesgrenzen gefallen war und unsere republikanische Armee sich ihren Nachwuchs aus den Kindern holte. Körperlich schwach, schmal wie ein junges Mädchen und blaß, wie er war, hatten seine älteren Kameraden geradezu Mitleid mit ihm, wenn sie sahen, wie er seine Flinte schleppte, unter der seine Schulter sich schier bog. Sie werden wohl davon gehört haben, daß man für ihn beim Kompaniechef die Sondererlaubnis erwirkte, ihm seine Schießwaffe um sechs Daumenlängen zu stutzen. Der Junge leistete mit seinem Gewehr, das so seiner Körperkraft angemessen war, wahre Wundertaten während der Feldzüge in Flandern. Später wurde Desroches nach Hagenau abkommandiert, in dies Land, wo wir nun – das heißt: ihr – so lange schon Krieg geführt haben.

Zu der Zeit, von der ich Ihnen erzählen will, war Desroches in der Blüte seiner jungen Jahre, und er diente als Richtpunkt seinem Regimente – mehr noch denn Rangnummer und Feldzeichen: Von dem zweimaligen Ersatz, mit dem sein Regiment wiederaufgefüllt wurde, war er fast der einzige Überlebende! Und so war er schließlich zum Leutnant aufgerückt, als er, vor nun mehr als zwei Jahren, bei Bergheim einen Bajonettangriff kommandierte und bei dem Vorausstürmen einen preußischen Säbelhieb quer über das Gesicht erhielt. Die Wunde war furchtbar; die Feldchirurgen, die ihn oft bewitzelt hatten, den ›Unberührten‹, dem bislang seine dreißig ›Treffen‹ nicht das geringste – nicht mal die leiseste Schramme – anhaben konnten, zogen diesmal die Brauen zusammen, als man ihn zum Verbandplatz brachte. ›Kriegt man den überhaupt wieder hoch‹, sagten sie, ›so wird der Unglücksmensch wohl ein geistiger Krüppel bleiben, wenn nicht sogar total verrückt –!‹

Der Leutnant wurde zur Wiederherstellung nach Metz überführt. Über etliche Meilen rumpelte der Sanitätskarren mit ihm, ohne daß er es auf seiner Liegebahre gewahr wurde. Endlich kam er dann in ein weiches, gutes Bett. Man umgab ihn mit aller Pflege, aber es brauchte noch fünf, sechs Monate, ehe man ihn so weit hatte, daß er sich wieder etwas aufsetzen konnte, und weitere hundert Tage, bevor er ein Auge aufzumachen vermochte und die Gegenstände um sich wieder wahrnahm. Man verordnete ihm als nächstes Stärkungsmittel vor allem Sonne, sodann Bewegung, schließlich Spazierengehen, und eines Morgens machte er sich, von zwei Kameraden gestützt, noch ganz schwankend und benommen, auf den Weg, der von dem Militärhospital hinführt nach dem Quai Saint-Vincent, und dort ließ man ihn auf der Esplanade sich hinsetzen, in die Mittagssonne, unter die Linden des öffentlichen Parks: Dem armen Verwundeten war, als erblickte er das Licht des Tages zum ersten Male.

Mehr und mehr gekräftigt durch diese Ausgänge, konnte er sich bald ganz allein ins Freie begeben, und jeden Morgen suchte er seine Bank auf, stets an derselben Stelle der Esplanade, den Kopf eingewickelt in einen dicken Verband aus schwarzem Taft, unter dem man kaum noch ein Stückchen menschlichen Gesichts entdecken konnte. Und auf seinem Wege dahin wurde ihm, wenn seine Schritte den Pfad anderer Spaziergänger kreuzten, respektvolle Achtung durch die Männer zuteil, und seitens der Frauen eine Bewegung tiefsten Mitgefühls, was ihn zwar nur wenig trösten konnte.

Aber sowie er erst einmal wieder auf seinem Platz saß, vergaß er sein Unglück und dachte nur des Glücks, nach solch einer Erschütterung noch das Leben zu haben, und genoß die Freude, zu sehen, in welcher Umwelt er nun lebte. Vor ihm streckte sich die alte Zitadelle, die schon unter Ludwig dem Sechzehnten in Trümmer geschossen worden war, dahin mit ihren eingeebneten Wallanlagen. Ihm zu Häupten verbreiteten die blühenden Lindenbäume ihren dichten Schatten. Zu seinen Füßen, in dem Tal, das sich unterhalb der Esplanade weitete, überflutet von der über die Ufer getretenen Mosel und von den Wellen belebt: die Wiesengelände von Saint-Symphorien, die zwischen den beiden Flußarmen grünen. Dann das kleine Eiland, grüne Oase rings um die Pulverfabrik, diese Ile-du-Saulcy voll schattiger, mit Strohhütten durchsetzter Gehölze; weiter dort der Moselfall mit seinem weißen Gischt, die Krümmungen des Flusses, der in der Sonne aufglitzerte, und ganz hinten, den Blick beschließend, die Kette der Vogesen, bläulich und wie dunstig im hellen Tag – das war das Schauspiel, das er von Tag zu Tag mehr bewunderte, wenn er darüber nachsann, daß dies da sein Land war, nicht das eroberte Land, sondern die wahrhaft französische Erde, während die reichen neuen Departements, in denen er Krieg geführt hatte, nichts als nur flüchtige Schönheiten bedeuteten, voller Ungewißheiten, gleich einer Frau, die wir gestern zu eigen gewannen und die uns morgen nicht mehr gehören wird.

Als so die ersten Junitage heraufkamen, war die Hitze schon groß geworden; und da die Lieblingsbank von Desroches im Schatten stand, fanden sich zwei Damen ein und setzten sich zu dem Verwundeten. Er grüßte gemessen und wandte seinen Blick wieder dem Horizonte zu; aber sein Zustand erweckte so lebhafte Teilnahme bei den beiden Nachbarinnen, daß sie sich nicht enthalten konnten, einige Fragen an ihn zu richten und ihm ihr Mitgefühl zu bekunden. Die eine der beiden – ziemlich bei Jahren war sie schon – erwies sich als die Tante der jüngeren, deren Namen Emilie war. Die junge Dame war mit einer Handarbeit beschäftigt, sie stickte Goldornamente auf einen Stoff von Seide oder Samt. Desroches fühlte sich angesprochen und angeregt durch die Anteilnahme und fragte seinerseits, und so erfuhr er aus den Erzählungen der Tante, daß ihre junge Nichte aus Hagenau herübergekommen sei, um ihr nun hier Gesellschaft zu leisten, daß sie Stickereien für die Kirchen anfertige und daß sie schon seit längerem alle ihre anderen Verwandten verloren habe.

Am darauffolgenden Tage besetzte man die Bank wie am vorhergehenden wieder, und nach Ablauf einer Woche war daraus schon so etwas wie ein Bündnisvertrag zwischen den drei Besitzern dieser Lieblingsbank geworden: Und Desroches, so schwach er noch war, so gedemütigt er sich glaubte durch die vielen Aufmerksamkeiten, die das junge Fräulein ihm bei jeder Gelegenheit zuteil werden ließ, als wäre er ein hilfloser alter Mann – Desroches empfand es gleichwohl alles als wahre Erleichterung, denn es gab manchen Anlaß zu scherzhafter Rede, und er hatte im Grunde mehr Freude als Bedrücktheit über dieses unerwartete und beglückende Begebnis.

Später, auf dem Rückweg zum Hospital, wurde er sich wieder seiner scheußlichen Wunde bewußt, dieser Verunstaltung, unter der er so oft geseufzt, in sich hineingeseufzt hatte und die ihm doch Gewohnheit und Genesung seit einiger Zeit schon weniger bejammernswert hatten erscheinen lassen.

Man kann sich denken, daß Desroches bislang weder den lästigen Verband von seiner Wunde hatte hochschieben noch sich und sein Gesicht recht im Spiegel beschauen können. Seit dem Tage ließ ihn die Vorstellung davon mehr als je erzittern. Dann faßte er sich doch ein Herz, schob ein Stück der dichten Tafthülle zur Seite und – eine Narbe kam darunter zum Vorschein, die noch leicht gerötet war, aber sonst durchaus nichts allzu Abstoßendes an sich hatte. Und als er sie sich näher ansah, konnte er zudem noch feststellen, daß die einzelnen Teile seines Gesichtes sich wieder ganz ordentlich zusammengefügt hatten und daß sein Auge unvermindert hell und unversehrt geblieben war. Wohl fehlten einige Härchen an der Braue, allein das war nur unbedeutend! Diese Schramme, die schräg von der Stirne über die Wange zum Ohr hin verlief, das war ... Nun ja! Das war ein Säbelhieb, den man beim Sturm auf die Stellungen in Bergheim abbekommen hatte, und nichts ist schöner, die Lieder haben es oft genug schon besungen.

Desroches war denn wirklich recht angenehm überrascht und erstaunt, wie er, nachdem er sich so lange nicht mehr ins Gesicht gesehen hatte, sich immerhin so präsentabel wiederfand. Er strich seine Haarsträhnen, die ihm an der verwundeten Seite schon etwas ins Graue spielten, unter die schwarzen zurück, die sich auf der linken Seite noch üppig wellten, zwirbelte sein Schnurrbartende über die Narbenlinie hinaus, so weit wie nur möglich, zog seine neue Uniform über und begab sich so am nächsten Tage mit einigermaßen siegerhaftem Aussehen auf die Esplanade. Und in der Tat, er hatte sich so gut wieder herausgemacht, so sehr seine alte Wendigkeit wieder, sein Degen schwippte so anmutig um seine Hüften, und seinen Tschako trug er so kriegerisch keck in die Stirn gedrückt, daß niemand ihn auf dem Wege vom Hospital zum Park wiedererkannte. Er langte als erster bei der Bank unter den Linden an und nahm seinen Platz ein wie gewöhnlich, in aller Haltung, doch im Innern etwas unruhiger, und etwas blasser im Aussehen als sonst, trotz der Probe vor dem Spiegel.

Gleich darauf kamen auch die beiden Damen; aber sie wollten sich plötzlich wieder zurückziehen, als sie da einen eleganten Offizier ihren gewohnten Stammplatz einnehmen sahen. Desroches war ganz erregt.

›Hallo, meine Damen!‹ rief er ihnen zu, ›Sie erkennen mich nicht wieder...?‹

Denken Sie, meine Zuhörer, nun nicht etwa, daß all diese Präliminarien uns in eine der üblichen Geschichten hineinführen, in denen Mitleid zu Liebe wird, wie in den modischen Opern. Der Leutnant nahm die Sache ernster. Er stellte mit Genugtuung fest, daß er noch als ansehnlicher junger Held seinen Eindruck machte, und hatte nichts Eiligeres zu tun, als die beiden Damen darüber vollends zu versichern, und sie schienen auch wirklich geneigt, trotz seines gewandelten Aussehens zu der gewohnten Vertraulichkeit zurückzufinden, die sich zwischen den dreien angebahnt hatte. Vor seinen freimütigen Erklärungen konnte ihre Zurückhaltung nicht lange gewahrt bleiben. Dem Bündnis stand auch sonst nichts weiter im Wege: Desroches nannte ein kleines Familienanwesen in der Nähe von Epinal sein eigen, Emilie war Herrin über ein kleines Haus in Hagenau, das sie von ihren Eltern geerbt hatte; es war als Kaffeehaus an die Stadt verpachtet, und das brachte noch fünf- bis sechshundert Francs Rente ein, wovon allerdings die Hälfte ihrem Bruder Wilhelm zustand, der als Erster Schreiber beim Notar von Schennberg im Amt war.

Als so alle Einzelheiten klargelegt waren, kam man überein, sich zur Eheschließung in diese kleine Stadt zu begeben, denn da war der eigentliche Wohnsitz Emilies, die nur vor einiger Zeit nach Metz übergesiedelt war, um ihre Tante nicht allein zu lassen. Doch wollte man jedenfalls nach der Hochzeit wieder nach Metz zurück. Emilie schwelgte schon in der Vorfreude, ihren Bruder wiederzusehen. Desroches gab zu wiederholten Malen seiner Verwunderung Ausdruck, daß dieser junge Mann nicht bei der Armee wäre wie alle seinesgleichen in unserer Zeit. Man antwortete ihm, er wäre aus Krankheitsgründen zurückgestellt. Desroches äußerte darüber sein lebhaftes Bedauern.

Unter solchen Gesprächen sind denn also die beiden Verlobten und die Tante auf dem Weg nach Hagenau. Sie haben ihre Plätze eingenommen in der öffentlichen Postkutsche, die in Bitsch Station macht. Damals war das noch ein simpler Korbwagen aus Weidengeflecht und Lederriemenwerk. Der Weg ist schön, wie Sie wissen. Desroches, der ihn noch nie anders als in Uniform zurückgelegt hatte, den Säbel in der Faust, in der Marschkolonne von drei- bis viertausend Mann, hatte viel bewundernde Blicke für die einsamen Weiten, die bizarren Felsgruppen, rings den Horizont, der begrenzt wird von dieser Zinnenreihe von Bergzügen, die ein düsteres Grün bedeckt und die, von Strecke zu Strecke, nur immer wieder einmal unterbrochen werden von langen Taleinschnitten. Die reichen Hochebenen von Saint-Avold, die Porzellanmanufakturen von Sarreguemines, die kleinen dichten Heckengelände von Limblingue, wo Eschen, Pappeln und Tannenreihen sich hindehnen in ihren dreifachen Streifen Grün, in die sich Grau und Dunkelgrün mischen – Sie wissen ja, von welch großartigem und bezauberndem Eindruck das alles ist!

Nach der Ankunft in Bitsch stiegen die Reisenden im kleinen Gasthaus ›Zum Drachen‹ ab, und Desroches ließ mich nachdrücklichst zu sich bitten. Ich machte mich umgehend auf, bekam das junge Paar mit Begleitung zu Gesicht und beglückwünschte die junge Braut, die von seltener Schönheit und anmutiger Haltung war und sehr eingenommen schien für ihren künftigen Lebensgefährten. Wir setzten uns alle vier gemeinsam zu einem Frühmahl nieder, hier an den Plätzen, wo wir selber jetzt sitzen. Eine Gruppe Offiziere, Kameraden von Desroches, die das Gerücht von seiner Ankunft herbeigezogen hatte, kam und suchte ihn in unserem Gasthause auf; sie belegten ihn gleich mit Beschlag für ihr Liebesmahl, das Offiziersessen im ›Hôtel de la Redoute‹, wo der Stab einquartiert war. Man einigte sich dahin, die beiden Damen könnten sich früh zur Ruhe begeben, und der Herr Leutnant sollte seinen letzten Junggesellenabend den Kameraden widmen.

Das Herrenessen nahm seinen heiteren Verlauf. Jeder der feiernden Anwesenden genoß für sein Teil die Laune und das Glück, das Desroches mitbrachte. Man tauschte miteinander die Erinnerungen aus an Ägypten, an Italien, geriet in Überschwang, und man beklagte zugleich bitter das eigene Mißgeschick, das so viele tüchtige Soldaten in den Grenzforts festhielt.

›Ja!‹ brummten einige Offiziere, ›hier ersticken wir, todlangweilig ist dies Leben und einfach anödend. Dann lieber noch auf dem erstbesten Schiff schwimmen als so leben ohne Kampf, ohne Abenteuer, ohne eine Möglichkeit vorwärtszukommen! Das Fort ist uneinnehmbar, hatte Bonaparte gesagt, als er hier vorbeizog, auf dem Wege, die deutsche Armee zum Kampf zu stellen – uns bleibt also nichts als die schöne Aussicht, hier vor Langeweile zu sterben.«

»Ach ja, meine Freunde!« erwiderte Desroches, »zu meiner Zeit war das auch nicht viel amüsanter! Denn ich habe hier gelegen wie ihr jetzt und mich genau wie ihr darüber beklagt. Ich Soldat, der es glücklich bis zu seinen Epauletten gebracht hatte mit dem ewigen Stiefelabwetzen auf allen Marschstraßen der Welt, ich kannte damals nur drei Dinge: Gamaschendienst, Windrichtung und Grammatikbüffeln, so wie man das beim Magister paukt. Wie ich es nun so sachte bis zum Sous-Lieutenant geschafft hatte und man mich mit dem Zweiten Bataillon von Cher nach Bitsch schickte, da betrachtete ich diesen Aufenthalt als eine ausgezeichnete Gelegenheit zu ernsthaften Studien, bei denen ich eine Weile bleiben konnte. Gedacht – getan: Ich hatte mir nach und nach eine ganze Kollektion Bücher angeschafft, Karten und Pläne. Theorie habe ich hier getrieben und mir das Deutsche – und zwar ganz ohne Lehrbuch – angeeignet; denn in diesem französischen, gut französischen Ländchen redet man nur diese Sprache. Und auf die Art fand ich die Zeit, die euch jetzt, die ihr nicht mehr so viel zu tun und zu lernen habt, so sterbenslang vorkommt, für mich fast zu knapp und zu kurz, und wenn es Nacht wurde, zog ich mich in ein kleines Steingelaß unter der großen Wendeltreppe zurück. Da zündete ich meine Lampe an, machte die Schießscharten lichtdicht und arbeitete weiter. In einer jener Nächte...‹

Hier unterbrach sich Desroches einen Moment, strich mit der Hand über seine Augen, leerte sein Glas und nahm seine Erzählung wieder auf, ohne den angefangenen Satz zu beenden.

›Ihr kennt alle‹, sagte er, ›den kleinen Pfad, der aus der Ebene hier heraufführt und den man gänzlich unzugänglich gemacht hat dadurch, daß man einen breiten Felsen sprengte, an dessen Stelle jetzt ein klaffender Schlund gähnt. Nun gut also, dieser Durchschlupf ist schon seit jeher mörderisch für die Gegner gewesen, jedesmal wenn sie den Versuch wagten, das Fort von da anzugreifen; kaum waren sie auf dem Anstiege, so fegte sie auch schon das Feuer aus vier Vierundzwanziger-Rohren weg, die man zweifellos dort nie aus der Stellung brachte und die den Boden in der ganzen Länge des Hanges glattrasierten...‹ – ›Sie selbst mußten sich doch da irgendwo hervorgetan haben‹, sagte ein Oberst zu Desroches, ›haben Sie sich da etwa Ihre Leutnantsstelle verdient?‹

›Ja, Oberst, dabei eben habe ich den ersten und einzigen Mann getötet, von vorn ihn niedergestoßen mit meiner eigenen Hand. Und daher wird mir der Anblick dieses Forts immer peinvoll bleiben.‹

›Was erzählen Sie uns da?‹ rief man ihm zu. ›He was! Zwanzig Jahre haben Sie den Krieg mitgemacht, bei fünfzehn regelrechten Schlachten waren Sie dabei, an die fünfzig Gefechte haben Sie hinter sich, und Sie wollen behaupten, Sie hätten nicht mehr als einen einzigen Feind niedergesäbelt?‹

›Das habe ich nicht gesagt, meine Herren. Von den zehntausend Patronen, mit denen ich mein Gewehr geladen habe, wer weiß – ob nicht die Hälfte der Kugeln das Ziel gefunden hat, das der Soldat aufs Korn nimmt. Aber ich behaupte, daß bei Bitsch zum erstenmal sich meine Hand vom Blut eines Feindes rot färbte und daß ich dort den grausamen Stoß mit der Säbelspitze führte, die der Arm vorwärts treibt, bis sie auf eine menschliche Brust trifft und knirschend tief hineinfährt.‹

›Das ist wahr‹, unterbrach ihn einer der Offiziere, ›der Soldat tötet und empfindet das fast nie. Ein Feuergefecht ist, genaugenommen, keine Erschießungssalve, wohl aber eine Art Mordversuch mit tödlichem Ausgang. Was das Bajonett anlangt, so richtet es, selbst bei den verheerendsten Angriffen, viel weniger an: Das ist mehr ein Hin und Her, in dem der eine oder andere der beiden Gegner standhält oder nachgibt, ohne Schußwechsel; die Gewehre stoßen gegeneinander und richten sich erst wieder zum Schuß auf, wenn der Widerstand nachläßt. Der Reiter schlägt beispielsweise wirklich zu...‹

›Ebensowenig‹, nahm Desroches wieder seine Erzählung auf, ›wie man den letzten Blick eines Gegners je vergessen kann, den man im Duell tödlich getroffen hat, sein letztes Röcheln, das dumpfe Aufschlagen seines Körpers, ebenso unauslöschlich lebt nun in mir wie ein anklagendes Erinnern – lacht darüber, soviel ihr mögt! – das leichenfahle Gesicht des preußischen Sergeanten, den ich in der kleinen Pulverkasematte des Forts niederstieß.‹ Alles verstummte, und Desroches setzte seinen Bericht fort:

›Es war eines Nachts. Ich arbeitete, wie ich euch schilderte. Um zwei Uhr mußte alles im Fort zur Ruhe sein, außer den Wachtposten. Die Ronden bewegen sich vorschriftsmäßig lautlos, jedes Geräusch hätte sofort Verdacht erregt. Dennoch meinte ich etwas wie ein anhaltendes Tappen zu vernehmen, das sich unter meinem Gelaß hinzog. Man hörte, wie etwas gegen eine Tür anstieß, in dem Laufgang, der sich unter meiner Kammer erstreckte, und die Tür drunten knacken. Ich ging dem Geräusche nach, lauschte in die Tiefe des Stollens hinein und rief mit halblauter Stimme den Wachtposten an – keine Antwort. Ich alarmierte sofort die Kanoniere, streifte mir den Uniformrock über, zog meinen Säbel blank und lief in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Zu dreißig etwa waren wir, als wir so im Rondell anlangten, zu dem sich der Gang in seinem Mittelstück erweitert, und beim Schein unserer Laternen erkannten wir – die Preußen, die ein Verräter durch die verschlossene Poterne hereingeführt hatte. Sie drängten in aufgelöster Ordnung heran, und sowie sie uns gewahr wurden, feuerten sie uns einige Salven entgegen. Es knallte und prasselte schauerlich in dem Halbdunkel unter den splitternden Gewölben.

Dann traf man aufeinander, Blick in Blick. Die Angreifer rückten immer näher, die Verteidiger stießen tiefer vor in die Galerie. Bald hatte man kaum mehr Platz zur Bewegung, aber noch war zwischen den beiden Parteien ein Spielraum von sechs bis acht Fuß Breite, ein eingeschlossenes Feld, in das sich niemand vorwagte, so groß war die Verdutztheit bei den überraschten Franzosen und das Mißtrauen bei den enttäuschten Preußen.

Doch dauerte das Zögern nicht lange. Der Schauplatz lag im hellen Licht der Fackeln und Laternen. Einige unserer Kanoniere hatten ihre Leuchten an die Wand gehängt. Es entspann sich eine Art antiken Kampfes. Ich war in der vordersten Reihe und sah einen hochgewachsenen preußischen Sergeanten mir gegenüber, der mit Tressen und Ehrenzeichen über und über bedeckt war. Er war mit einem Gewehr bewaffnet, aber er konnte es kaum frei handhaben, so dicht war das Gedränge. Alle Einzelheiten sind mir noch gegenwärtig, ach ja! Ich weiß nicht, ob er selbst in dem Augenblick daran dachte, sich gegen mich zur Wehr zu setzen. Ich stürzte ihm entgegen und bohrte meinen Degen in dies menschliche Herz. Mein Opfer riß seine Augen grausig weit auf, krampfte gewaltsam seine Fäuste und fiel rücklings seinen Kampfgenossen in die Arme.

Ich erinnere mich nicht mehr dessen, was darauf noch folgte. Ganz mit Blut durchnäßt, fand ich mich im ersten Innenhof unseres Forts wieder. Die Preußen waren aus der Poterne zurückgetrieben und mit Kanonenschüssen bis in ihr Lager wieder davongejagt worden.‹

Nach dieser Erzählung herrschte eine Weile Schweigen, dann wendete sich das Gespräch anderen Dingen zu. Es war ein trübes und zugleich merkwürdiges Schauspiel für den Nachdenklichen – all diese Soldatengesichter da, deren Züge sich verdüsterten unter dem Bericht einer Unglückstat, die offensichtlich doch allen so gewohnt war; und man konnte sich einen ganz klaren Begriff machen, was ein Menschenleben galt, selbst das eines Deutschen, Doktor, wenn man diese gedrückten Mienen der Totschläger von Beruf so ausforschte.«

»Gewiß heißt es«, erwiderte etwas benommen der Doktor, »daß vergossenes Menschenblut nach Sühne schreit – auf welche Weise es auch vergossen sein mag. Und doch hat Desroches durchaus keine Übeltat begangen; er verteidigte sich ja nur.«

»Wer weiß denn...?« murmelte Arthur.

»Sie, Doktor, der Sie von Fällen sprachen, wo das Gewissen sozusagen die Waffen streckt, sagen Sie uns, ob die Tötung des Sergeanten nicht in manchem einer Mordtat nahekommt? Ist es so sicher, daß der Preuße unseren Desroches getötet hätte?«

»Aber Krieg ist Krieg, was wollen Sie?«

»Das hört sich recht einfach an, ja: Krieg ist eben Krieg... Man schießt im Halbdunkel, auf dreihundert Schritt Entfernung, einen Menschen nieder, den man gar nicht einmal kennengelernt, der einen selbst überhaupt nicht zu Gesicht bekommen hat; man springt mit Wut im Blick seinem Gegenüber an die Kehle, gegen das man eigentlich gar keinen Haß hat, und man tröstet sich leicht und rasch darüber hinweg mit irgendsolch schöner Erklärung und rühmt sich gar noch dessen! Und das tut man in aller Ehrenhaftigkeit zwischen Menschen und Völkern, die sich christlich nennen...!

Das Abenteuer, das Desroches erlebt hatte, hinterließ so die verschiedensten Eindrücke im Innern der Zuhörer. Und dann brach man auf, um sich zur Ruhe zu begeben. Unser Offizier vergaß als erster seine schauerliche Geschichte. Denn von dem kleinen Zimmer aus, das man ihm eingeräumt hatte, war, zwischen dem dichten Laub der Straßenbäume hindurch, ein gewisses Fenster des Hotels ›Zum Drachen‹ zu erblicken, das innen von einer Nachtleuchte erhellt war. Dort ruhte nun all sein künftiges Glück. – Als er mitten in der Nacht einmal wach wurde von dem Weckruf der Ronden, sagte er sich, daß im Fall eines Alarmes sein Mut nicht mehr so wie vordem sein ganzes Ich elektrisch beleben könnte und daß sich seiner Unerschrockenheit wohl stets etwas Betrübnis, ja, Bangigkeit beimischen würde. Am andern Morgen, um die Stunde des Weckens, ließ ihn der Wachthabende durch das Tor hinaus, und er fand seine beiden Freundinnen vor, die ihn schon erwarteten und längs der äußeren Wallgräben auf und ab spazierten. Ich begleitete sie bis Neunhoffen, denn die Ziviltrauung sollte in Hagenau stattfinden, und dann wollte das junge Paar zur kirchlichen Einsegnung nach Metz zurück.

Wilhelm, der Bruder Emilies, bereitete Desroches einen recht herzlichen Empfang. Ein paarmal sahen die beiden, die nun Schwäger werden wollten, einander mit hartnäckiger Aufmerksamkeit in die Augen. Wilhelm war von mittlerer Statur, aber sonst nicht schlecht gebaut. Seine blonden Haare lichteten sich bereits stark an manchen Stellen. Er sah aus, als wäre er von dem Hocken hinter den Büchern und mancherlei Grämlichkeit in seinem Innern etwas untergraben. Er trug eine blaue Brille: wegen seiner schlechten Augen, sagte er, die unter dem geringsten Lichteinfluß sehr litten. Desroches brachte eine Masse Papiere mit, die der junge Rechtsfachmann wißbegierig einer eingehenden Durchsicht unterzog; dann holte er seinerseits alle Dokumente seiner Familie vor und nötigte Desroches, Einblick zu nehmen. Aber da er es hier offensichtlich mit einem vertrauensvollen, verliebten und sonst uninteressierten Mann zu tun hatte, beanspruchten die Austauschformalitäten nicht allzuviel Zeit. Diese Art Verfahren schien Wilhelm irgendwie angenehm zu berühren. Er nahm bald Desroches beim Arm, bot ihm eine seiner besten Pfeifen an und traf gleich alle Anstalten, ihn bei seinen sämtlichen Freunden in Hagenau einzuführen.

Überall wurde geraucht und mächtig viel Bier getrunken. Nach zehn solchen Vorstellungen im Freundschaftskreise bat Desroches, ihn zu entschuldigen, und man gewährte es ihm großzügig, seine weiteren Abendstunden nunmehr ganz allein seiner Verlobten zu widmen.

Wenige Tage darauf waren die beiden Liebenden von der Esplanadenbank zwei Ehegatten, fürs Leben vereint von dem Herrn Bürgermeister in Hagenau. Der ehrwürdige Veteran im Staatsdienst, der wohl bereits vor der Französischen Revolution sein Bürgermeisteramt verwaltet haben mochte und der die kleine Emilie schon so oft in seinen Armen gehalten, ja, vielleicht das Datum ihrer Geburt gar eigenhändig in den Standesamtsregistern verbucht hatte, sprach am Vorabend ihres Hochzeitstages mit gedämpfter Stimme zu ihr: ›Weshalb heiraten Sie eigentlich nicht einen von – Ihren tüchtigen Landsleuten?‹

Emilie schien auf derlei Unterscheidungen wenig Wert zu legen. Wilhelm hatte sich seinerseits mit dem Schnurrbart des Leutnants ausgesöhnt, denn – bei der ersten Begegnung gab es, muß man sagen, zwischen den beiden Männern doch einige Reserven. Aber da Desroches viel von sich aus zur Verständigung beitrug, Wilhelm für seine Schwester dazu in einigem nachgab, und da auch die gute Tante ihr Teil tat, um die Zusammentreffen zu mildern und friedlicher zu gestalten, kam man endlich zu vollem Einklang. Wilhelm umarmte großmütig und offenherzig seinen Schwager, nachdem der Ehevertrag unterzeichnet war. Am selben Tage noch – die Zeremonie hatte gegen neun Uhr stattgefunden – fuhren die vier Reisenden in Richtung Metz ab. Sechs Uhr abends war es, als der Wagen in Bitsch vor dem Hotel ›Zum Drachen‹ wieder anhielt.

Das Reisen ist nicht ganz leicht und unbeschwerlich in diesem Ländchen, das von Bachläufen zerteilt und von Gehölzen durchzogen ist. Jede Meile gibt es da zehn Steigungen zu überwinden, und die Postkutsche schüttelt ihre Insassen recht hart durcheinander. Das war vielleicht der eigentliche Grund für das Unwohlsein, das die junge Ehefrau verspürte, als man vor dem Gasthaus ankam. Ihre Tante und Desroches bemühten sich um sie, während Wilhelm, den ein schier grimmiger Hunger befallen hatte, in dem kleinen Speisesaal verschwand, wo das Abendessen der Offiziere um acht Uhr serviert wurde.

Dieses Mal hatte noch niemand etwas von Desroches' Rückkehr erfahren. Den Tag hindurch war die Garnison auf Übungsmärschen in die Heckengelände von Huspoletden. Desroches verbat sich der Wirtin gegenüber nachdrücklichst, seinen Namen auch nur mit einer Silbe zu erwähnen, um nicht von dem Zusammensein mit seiner Frau weggeholt zu werden. Zu dritt stand man an dem kleinen Zimmerfenster und beobachtete das Einrücken der Truppen ins Fort. Und als dann die Dämmerung sich rings über die Weiten breitete, waren die Festungswälle besetzt mit hemdärmeligen Soldaten, die sich gütlich taten an ihrem Kommißbrot und dem Ziegenkäse, der in der Kantine erstanden war.

Indes hatte Wilhelm, um mannhaft der Stunde und dem Hunger ein Schnippchen zu schlagen, seine Pfeife angezündet und pflegte an der Türschwelle der Ruhe, zwischen Tabaksqualm und Speisedüften – in diesem zwiefachen Lustgefühl, das der Müßiggänger und der Ausgehungerte so zu genießen verstehen. Beim Anblick dieses bourgeoisen Reisenden, dessen Schirmmütze bis über die Ohren herabgezogen war und dessen blaue Brillengläser wie Hühnerhundblicke nach der Küche spannten, wurden sich die Offiziere sofort klar darüber, daß sie heut' an der Tafel nicht unter sich sein würden; und so suchten sie mit dem Fremden schon jetzt Bekanntschaft anzuknüpfen. Denn er konnte ja von weiterher kommen, Witz und Geist haben, Neuigkeiten auftischen – in diesem Glücksfall dürfte das mal endlich wieder eine nette Abwechslung für sie werden. Oder aber – er konnte aus nächster Nähe her sein, sich stur wie ein Stint ausschweigen, na ja, dann war es eben ein blöder Trottel, über den man sich auf andere Weise amüsieren konnte.

Ein Unterleutnant von der Kriegsschule näherte sich Wilhelm mit einer höflichen Handbewegung, die an Arroganz grenzte:

›'n Abend, Monsieur, haben Sie irgend etwas Neues aus Paris zu berichten?‹

›Nein, mein Herr, Sie vielleicht?‹ gab Wilhelm seelenruhig zurück.

›Na hören Sie mal, Monsieur, wir kommen kaum aus Bitsch heraus, wie sollen wir was wissen?‹

›Und was mich betrifft, mein Herr, ich komme ebenso selten aus meinen vier Wänden heraus!‹

›Ah, sollten Sie beim Génie sein?‹

Dieser Scherz, der gegen die Brillengläser Wilhelms gerichtet war, erregte große Heiterkeit bei allen Umstehenden.

›Ich bin Bürovorsteher eines Notariates, mein Herr!‹

›Tatsächlich? In Ihrem Alter sehr erstaunlich!‹

›Mein Herr‹, sagte Wilhelm, ›wollen Sie meinen Paß sehen?‹

›Nein, durchaus nicht nötig.‹

›Nun denn! Sagen Sie: Wollen Sie meine Person aus dem Spiele lassen? Dann bin ich jederzeit bereit, Ihnen über alle sonstigen Fragen hinreichende Auskunft zu geben.«

Die ganze Versammlung nahm wieder ihr ernstes Aussehen an.

›Ich richtete an Sie die Frage, ohne jeden beleidigenden Hintergedanken, ob sie zum Génie gehören ... weil Sie Brillenträger sind. Haben Sie keine Kenntnis davon, daß allein die Offiziere dieser – ›Waffengattung‹ das Recht haben, sich Brillengläser vor die Augen zu heften?‹

›Und soll Ihnen das zum Beweis dienen, daß ich, wie Sie wollen, Soldat oder Offizier sein muß?‹

›Heutzutage ist jedermann Soldat! Sie sind noch keine fünfundzwanzig Jahre alt, Sie müßten also bei der Armee sein. Oder aber – Sie sind begütert, haben fünfzehntausend Francs Rente, Ihre Angehörigen haben es sich etwas kosten lassen ... und in diesem Falle speist man allerdings nicht an einer allgemeinen Gasthaustafel.‹

›Mein Herr‹, sagte Wilhelm und schwenkte seine Pfeife, ›vielleicht haben Sie das Recht, mich solch einem Verhör hier zu unterwerfen. Dann muß ich Ihnen kategorisch darauf antworten: Ich verfüge über keinerlei Renten, da ich einfacher Angestellter in einem Notariat bin, wie ich Ihnen bereits sagte. Wegen meiner schlechten Augen bin ich zurückgestellt worden. Mit einem Wort: Ich bin kurzsichtig.‹

Diese Antwort löste eine allgemeine, unmäßig laute Lachsalve aus.

›Ah, junger Mann, junger Mann!‹ lachte ihm schallend der Capitaine Vallier entgegen und klopfte ihm auf die Schulter. ›Sie haben natürlich recht, Sie verschanzen sich hinter dem schönen Sprichwort »Immer noch besser, kein Held sein und um so länger leben!«.‹

Wilhelm lief bis unter die Augen rot an. ›Ich bin kein Drückeberger, Herr Hauptmann! Und ich werde Ihnen, wenn es Ihnen Spaß macht, dafür auch den Beweis antreten. Im übrigen, meine Papiere sind in Ordnung, und wenn Sie Rekrutierungsoffizier sein sollten, kann ich sie Ihnen sogar vorzeigen!‹

›Genügt, genügt!‹ riefen einige der Offiziere. ›Vallier, laß doch diesen Herrn Biedermann in Ruhe! Monsieur ist ein friedsamer Privatreisender, er hat schon das Recht, hier sein Nachtmahl einzunehmen.‹ ›Na ja‹, sagte der Capitaine, ›setzen wir uns denn zu Tische, und ohne Groll, junger Mann. Seien Sie versichert, ich bin kein Stabsarzt bei der Musterung, und dieser Speisesaal ist kein Untersuchungsraum für die Tauglichkeit. Um Ihnen meine Gutartigkeit zu beweisen, mache ich mich anheischig, Ihnen einen Flügel abzusäbeln von diesem zähen alten Zeug da, das man uns als junges Kochhühnchen vorsetzt!‹

›Danke, danke sehr‹, sagte Wilhelm, dem der Appetit vergangen war. ›Ich ziehe mir die Forellen vor, die da am Tafelende stehen!‹ Und er winkte der Serviermamsell, ihm die Platte zu bringen.

›Sind das Forellen, wirklich?‹ sagte der Hauptmann zu Wilhelm, der seine Brillengläser abgesetzt und sich an der Tafel niedergelassen hatte. ›Donnerwetter, Monsieur, Sie haben ja bessere Sehwerkzeuge als ich selber! Hören Sie mal, frei heraus, Sie werden mit dem Gewehr bestimmt so gut zielen können wie der erstbeste andere ... Aber Sie haben Ihre Protektionen und verstehen damit natürlich ebenso zu manipulieren. Famos! Sie lieben den Frieden – das ist, nun ja, eine Geschmackssache wie jede andere. Ich, an Ihrer Stelle, ich könnte kein Bulletin der Großen Armee lesen, ohne dabei vor Augen zu haben, daß die jungen Leute meines Jahrgangs sich in Deutschland totschießen lassen, und ohne dabei zu spüren, wie mir das Blut in den Adern kocht! Sie sind wohl kein Franzose?‹

›Nein‹, sagte Wilhelm, mit Anstrengung und Selbstgefühl zugleich in der Stimme. ›Ich bin aus Hagenau, ich bin kein Franzose, ich bin Deutscher.‹ ›Deutscher? Haguenau liegt diesseits der Rheingrenze, ein gutes und schönes Dorf des französischen Kaiserreiches im Département Bas-Rhin. Werfen Sie einen Blick auf die Karte!‹

›Ich bin aus Hagenau, sagte ich schon, einem Ort, der vor zehn Jahren zu Deutschland gehörte und jetzt ein Ort in Frankreich ist; und ich bin ein Deutscher, wie Sie Franzose bis zum Tode bleiben würden, wenn Ihr Land je den Deutschen zufiele.‹

›Sie sprechen da gefährliche Dinge aus, junger Mann, denken Sie daran!‹

›Ich habe vielleicht unrecht‹, gab Wilhelm ungestüm zurück, ›meine Gesinnung ist von der Art, wie man sie zweifellos in seinem Herzen für sich behalten sollte, wenn man sie nicht wechseln kann. Aber Sie selbst sind es ja gewesen, der die Dinge erst so weit getrieben hat, daß ich mich jetzt um jeden Preis zu rechtfertigen habe, wenn ich nicht für einen Feigling gelten soll. – Ja, das ist der wahre Beweggrund, aus dem ich es vor meinem Gewissen voll und ganz verantworten kann, wenn ich alles daran setze und einen wirklichen Körperfehler nutze, der zwar vielleicht einen Mann mit mehr Beherztheit ... nicht zurückhielte! Ja, ich sage es frei heraus, ich fühle keinerlei Haß gegen die Menschen und Völker, gegen die Sie heute zu Felde ziehen. Ich habe das dunkle Empfinden, wenn das Mißgeschick es gewollt hätte, daß ich mit gegen sie marschieren müßte, dann hätte auch ich es als meine Pflicht betrachtet, deutsche Landschaften zu verheeren, ihre Städte in Brand und Asche zu legen, meine Landsleute oder – wenn Sie dies lieber hören wollen – einstigen Stammesgenossen niederschlagen und umbringen zu helfen, aus einem Haufen solch angeblicher Feinde tödlich zu treffen, ja, tödlich zu treffen – wer weiß denn? Menschen, die mir nahestehen, alte Freunde meines eigenen Vaters ... Gehen Sie, gehen Sie mir, Sie sehen recht wohl also, daß unsereiner besser tut, Listen und Register auszuschreiben bei dem Notar in Hagenau ... Und im übrigen: Blut ist in meiner Familie schon genug vergossen worden; mein Vater hat das seine bis zum letzten Tropfen dahingegeben, sehen Sie, und ich ...‹ ›Ihr Vater war Soldat?‹ unterbrach ihn der Capitaine Vallier.

›Mein Vater war Sergeant in der preußischen Armee, und lange hat er diesen Heimatboden verteidigt, den ihr jetzt besetzt haltet. Bei dem letzten Angriff auf das Fort von Bitsch ist er getötet worden ...‹

Alles war aufmerksam geworden bei diesen letzten Äußerungen Wilhelms, und die allgemeine Lust stockte, die sich eben erhoben hatte, seinen überspitzten Ansichten in die Parade zu fahren, die den ganz besonderen Fall seines Nationalitätsstandpunktes berührten.

›Das war doch wohl noch dreiundneunzig passiert?‹

›Ja, dreiundneunzig, am siebzehnten November! Mein Vater war am Abend zuvor von Sirmasen abgerückt, um wieder zu seiner Kompanie zu stoßen. Ich weiß noch, wie er zu meiner Mutter sagte, durch einen kühnen Plan würde diese Zitadelle ohne Schwertstreich genommen. Vierundzwanzig Stunden später brachte man ihn uns – auf den Tod verwundet. Er hauchte sein Leben auf der Schwelle unserer Tür aus, nachdem er mich hatte schwören lassen, daß ich bei meiner Mutter bleibe ... Sie überlebte ihn kaum vierzehn Tage.

Ich habe erfahren, er sei bei dem Angriff, der in derselben Nacht stattgefunden hatte, in die Brust getroffen worden durch einen Säbelstich von einem jungen Gegner, der so einen der tadellosesten Grenadiere aus der Armee des Fürsten Hohenlohe niederstieß.‹

›Aber wir haben diese Geschichte doch bereits erzählt bekommen ...‹, sagte der Major.

›Na, ich meine auch‹, gab der Capitaine Vallier Bescheid, ›das ist ja gerade das Abenteuer mit dem preußischen Sergeanten, den Desroches niedergemacht hat.‹

›Desroches!‹ schrie Wilhelm. ›Ist das der Leutnant Desroches, von dem Sie da sprechen?‹

›Oh, nein, nein!‹ warf eilig ein Offizier dazwischen, der merkte, daß irgendeine fürchterliche Entdeckung im Gange sei. ›Der Desroches da, von dem wir erzählen, war ein Jäger der Garnison, der vor vier Jahren hier seinen Tod fand, denn diese seine erste Heldentat hat ihm kein Glück eingetragen.‹

›Ah ... er ist tot!‹ stieß Wilhelm hervor und stützte seine Stirn, von der große Schweißtropfen niederfielen.

Kurze Zeit darauf erhoben sich die Offiziere salutierend und ließen ihn allein. Desroches, der durch das Fenster hinausblickte und gewahrte, wie sich alle entfernten, stieg in den Speisesaal hinunter; dort fand er seinen Schwager an der langen Tischplatte, den Kopf zwischen den Händen.

›Nanu, nanu, schon beim Einschlafen? Aber ich will doch erst mal ordentlich Nachtmahl halten, jawohl, das will ich, wie ich hier stehe: Meine Liebste liegt schon in Morpheus' Armen, und ich, ich habe noch einen mordsmäßigen Appetit. Also los, auf ein Glas Wein denn, das wird unsere Lebensgeister wieder munter machen, und du sollst jetzt mit von der Partie sein!‹

›Nein, mir tut der Kopf weh!‹ wies Wilhelm ab. ›Ich gehe hinauf in meine Kammer. Was ich noch sagen wollte: Diese Messieurs haben mir viel erzählt von den Merkwürdigkeiten dieses Forts. Könntet Ihr mich nicht morgen da hinführen?‹

›Aber, das bedarf doch gar keiner Frage erst, mein Freund!‹

›Also, dann weck' ich morgen früh!‹

Desroches seufzte, dann schickte auch er sich an und nahm Besitz von der zweiten Bettstatt, die aufgeschlagen für ihn in der Kammer stand, in die sein Schwager ihm vorausgestiegen war – denn Desroches, als junger Ehemann, der nur zivil getraut war, schlief noch allein. Wilhelm fand keinen Schlaf die ganze Nacht, und bald ächzte er in sich hinein, bald verschlang er mit wütigen Blicken den Schläfer ihm gegenüber, der in seinen Träumen lächelte.

Das, was man im Leben das Vorgefühl nennt, ähnelt in seiner Art stark jenem Vorboten unter den Fischen, der die riesigen und fast blinden Wale warnt, daß da in der Nähe ein messerscharfes Felsriff mit seinen Zacken droht oder daß dort eine Sandbank lauert. Wir gleiten alle so mechanisch blindlings durchs Leben, daß bestimmte Charaktere, die sich gewohnheitsmäßig sorglos bewegen, auf dem besten Wege wären, zu scheitern, in ihren eigenen Tod zu rennen, ohne auf den Gedanken zu kommen, es gäbe doch so etwas wie eine ›Vorsehung‹ – wenn nicht ein wenig Schlick und Schlamm die Oberfläche ihres Glückes trübte! Die einen verdüstern sich beim Heranflug eines Raben, die andern schon ohne solch äußere Motive, wieder andere bleiben beim Erwachen brütend auf ihrem Bett sitzen, weil sie einen Unheil ankündenden Traum gehabt haben. Alles das ist Vorahnung. ›Du läufst da geradeswegs in irgendeine Gefahr!‹ sagt der Traum. ›Gib Obacht!‹ krächzt der Rabe. ›Bleib trübsinnig gestimmt!‹ murmelt es im Hirn, in dem es schwer umgeht von grübelnden Gedanken.

Desroches hatte gegen Ende der Nacht einen sonderbaren Traum: Er befand sich in der Tiefe eines unterirdischen Ganges; dicht hinter ihm folgte ein weißer Schatten, dessen Gewandung seine Hacken streifte. Wenn er sich umdrehte, wich der Schatten zurück ... Schließlich schwand er so weit nach hinten, daß Desroches nichts als nur mehr einen weißen Punkt gewahrte; dieser Punkt wuchs und wuchs, wurde leuchtend hell, erfüllte die ganze Höhle und verlosch ... Ein leichtes Geräusch wurde vernehmlich, es war Wilhelm, der in das Zimmer eintrat, den Hut auf dem Kopf, einen langen blauen Mantel um sich geschlagen.

Desroches fuhr mit einem Satz empor. ›Teufel!‹ schrie er. ›Ihr wart schon aus in aller Frühe?‹

›Ihr solltet aufstehen!‹ erwiderte Wilhelm.

›Aber – wird man uns auftun im Fort?‹

›Kein Zweifel, alles ist schon draußen bei der Übung; niemand als der Wachtposten ist noch dort.‹

›Also schon...! Gut denn, ich stehe gleich zur Verfügung ... Laßt uns nur noch Zeit, meiner Frau guten Morgen zu wünschen.‹

›Sie ist wohlauf, ich komme von ihr; sie mag Euch jetzt nicht weiter beschäftigen!‹

Desroches war überrascht von dieser Antwort, aber er rechnete sie einer gewissen drängenden Ungebärdigkeit zu, und er beugte sich noch einmal vor diesem schwägerlichen, stets so bestimmenden Willen, den er sehr bald wohl würde zum Wanken bringen können.

Wie sie über den Platz hinschritten, um sich zum Fort zu begeben, richtete Desroches seine Blicke zu den Fenstern des Gasthauses hinüber. »OhneZweifel schlummert Emilie noch«, dachte er. Doch – am Vorhang eine Bewegung, er schließt sich – – und dem Leutnant war es, als entferne sich wer von der Fensterscheibe, um von ihm nicht bemerkt zu werden.

Die Tore zum Fort taten sich ihnen ohne Schwierigkeiten auf. Ein invalider Hauptmann, der bei dem Offiziersmahl am Vorabend nicht dabeigewesen war, hatte Dienst als Wachhabender beim Einlaß. Desroches ergriff eine Laterne und ging voran, um seinen schweigsamen Anverwandten in der Festung von Raum zu Raum zu geleiten.

Nach kurzer Besichtigung einzelner Örtlichkeiten, an denen Wilhelms Aufmerksamkeit nichts weiter Fesselndes fand, sagte der Schwager: ›Zeigt mir doch die unterirdischen Kasematten!‹

›Mit Vergnügen, aber das wird, kann ich Euch versichern, ein Spaziergang werden, der wenig Angenehmes bietet. Da drunten herrscht ziemliche Nässe. Unter dem linken Flügelbau haben wir die Pulvermagazine, dahin hat man keinen Zutritt ohne höhere Genehmigung. Rechterhand abwärts ziehen sich die Reservewasserleitungen hin und die Salpeterlager – und im Mitteltrakt die Minengänge und Gegenstollen... Ihr könnt Euch doch wohl vorstellen, was Festungsgewölbe und Kasematten sind?‹

›Ganz gleich was, das macht mir nicht das mindeste aus, ich brenne geradezu darauf, die Örtlichkeiten zu besichtigen, in denen sich so viel schaurige Ereignisse zugetragen haben... oder wo Ihr selber gar solche Gefahren bestanden habt, wie man mir erzählt hat.‹

»Er erspart mir nicht das tiefste Loch«, dachte Desroches bei sich. – ›Kommt denn mit hinunter, Bruder, durch diese Galerie, die zur eisernen Poterne führt.‹

Die Laterne warf ihr trübes Licht längs den schimmligen Wänden hin, und ihr Schein zuckte auf, als er auf etliche von Rost zerfressene Säbelklingen und Gewehrläufe fiel.

›Was sind das für Waffen da?‹ fragte Wilhelm.

›Die Kampfüberbleibsel von den Preußen, die beim letzten Handstreich aufs Fort ihr Leben ließen und deren Waffen meine Kameraden hier als Trophäen aufhäuften.‹

›Also – hier sind mehrere Preußen geblieben?‹

›Eine ganze Masse ist hier in dem Rondell von uns niedergemacht worden.‹

›Habt Ihr dabei nicht auch einen alten Sergeanten von ihnen, einen hochgewachsenen Rotbärtigen, niedergestochen?‹

›Natürlich doch – habe ich Euch die Geschichte nicht erzählt?‹

›Nein, Ihr nicht, aber gestern bei Tisch hat man mir von dieser Heldentat berichtet, die Eure Bescheidenheit uns verschwiegen hat!‹

›Was habt Ihr denn nur, Bruder, Ihr werdet so leichenblaß?‹

Wilhelm erwiderte mit starkem Tone:

›Nennt mich nicht Bruder mehr, sondern Feind! Seht mich an, ich bin ein Preuße. Der Sohn dieses Sergeanten, den Ihr da ermordet habt, bin ich!‹

›Ermordet!‹

›Oder getötet, was liegt an den Worten! Seht her, da, da hat ihn Eure Säbelspitze ins Herz getroffen!‹

Wilhelm hatte seinen Mantel zurückgeschlagen und zeigte auf einen tiefen Riß in der grünen Uniform, die er anhatte, der Uniform seines Vaters, die er sorgsam bewahrt. ›Ihr seid ... der Sohn dieses Sergeanten! O Gott, treibt Ihr Spott mit mir?‹

›Ich Spott? Spielt man mit solchen gräßlichen Dingen? Hier ist mein Vater umgebracht worden, sein edles Herzblut hat diese Steine rot gefärbt. Dieser Säbel da ist vielleicht der seine! Los, greif dir einen andern und gib mir Revanche für jene Partie! Los, das ist kein Duell, das ist der Kampf eines Deutschen gegen einen Franzosen – gib acht, du!‹

›Aber Ihr seid ganz von Sinnen, lieber Wilhelm, laßt doch die rostige Klinge da liegen, wo sie liegt. Ihr wollt mich töten – bin ich wirklich schuldig?‹

›Auch Ihr habt die Chance, mich, wenn es sein soll, zu treffen, und sie ist auf Eurer Seite mindestens doppelt so groß: Los also, sucht Euch zu verteidigen!‹

›Wilhelm, tötet mich, ich will mich nicht verteidigen. Ich bin selbst daran, den Verstand zu verlieren, der Kopf dreht sich mir... Wilhelm, ich habe getan, wie jeder Soldat tun muß... aber denkt doch auch darüber nach... Zudem, ich bin doch der Mann deiner Schwester, sie liebt mich! Oh, dieser Zweikampf ist unmöglich ...‹

›Meine Schwester! ... Ja, eben das gerade macht es unmöglich, daß wir alle beide unter demselben Himmel leben können! Meine Schwester! Sie weiß alles. Sie wird niemals den wiedersehn, der sie zur Waise gemacht hat. Gestern hast du ihr das letzte Lebewohl gesagt!‹

Desroches stieß einen schrecklichen Schrei aus und stürzte sich auf Wilhelm, ihn zu entwaffnen. Es wurde ein hartes, langes Ringen, denn der junge Mann setzte den Stößen seines Gegners den ganzen Widerstand seiner Wut und Verzweiflung entgegen.

›Den Säbel her, Unglückseliger‹, schrie Desroches, ›den Säbel her! Nein, mich wirst du nicht treffen, erbarmenswürdiger Tollkopf! Grausamer Phantast!‹

›So sei es!‹ schrie Wilhelm mit röchelnder Stimme. ›Stich auch den Sohn noch nieder in diesem Gang! Der Sohn ist ein Deutscher... ein Deutscher!‹

In diesem Augenblick hallte es von Schritten, die näher kamen, und Desroches ließ ab. Wilhelm war niedergerungen, er erhob sich nicht.

Es waren meine Schritte, Messieurs!« fügte der Abbé ein. »Emilie war zum Pfarrhaus hergeeilt, um mir alles zu offenbaren und sich unter den Schutz der Religion zu flüchten, das arme Kind. Ich unterdrückte gewaltsam, was sich an Mitgefühl im Grunde meines Herzens rühren wollte, und als sie mich fragend anging, ob sie den Mörder ihres Vaters noch lieben könne, hatte ich keine Antwort. Sie verstand, preßte mir die Hände und entfernte sich weinend. Eine Vorahnung überkam mich; ich folgte ihr, und als ich hörte, wie man ihr im Hotel Bescheid gab, ihr Bruder und ihr Ehegatte wären fortgegangen, das Fort zu besichtigen, da wurde mir die ganze entsetzliche Wahrheit klar. Zum Glück langte ich noch zur rechten Zeit an, um einen weiteren Zusammenstoß zwischen diesen beiden Männern, die vor maßloser Leidenschaft und vor Schmerz wie nicht mehr bei Sinnen waren, zu verhindern.

Wilhelm, obschon er entwaffnet war, setzte noch immer den bestürmenden Bitten von Desroches Widerstand entgegen; er war zu Boden gerungen, aber sein Blick hatte noch immer die ganze Wut in sich.

›Unbeugsamer Mann!‹ redete ich auf ihn ein. ›Ihr ruft die Toten ins Leben zurück und beschwört die schrecklichsten Untaten wieder herauf! Seid Ihr kein Christenmensch, und wollt Ihr die Gerechtigkeit Gottes mit Füßen treten? Wollt Ihr hier zum einzig neuen Schuldigen und Mörder werden? Die Schuld wird ihre Sühne finden, daran solltet Ihr nicht zweifeln. Doch es steht nicht Euch an, sie ins Auge zu fassen noch sie herbeizuzwingen!‹

Desroches preßte mir die Hand und sagte: ›Emilie weiß alles. Ich werde sie nie wiedersehen. Aber ich weiß auch, was ich zu tun haben werde, ihr die Freiheit wiederzugeben.‹

›Wovon reden Sie da?‹ schrie ich auf, ›von Selbstmord?‹ Bei diesen Worten hatte sich Wilhelm aufgerafft und die Hand von Desroches ergriffen.

›Nein!‹ sagte er, ›ich hatte unrecht! Ich selber bin es, der Schuld daran trägt, ich, der ich hätte mein Geheimnis; und meine Verzweiflung bei mir behalten sollen!‹

Ich möchte Ihnen nicht die qualvollen Augenblicke ausmalen, die wir in dieser unglückseligen Stunde durchlitten. Ich wandte alle Vernunftgründe meiner Religion und meiner Philosophie auf und konnte doch keinen hinlänglichen Ausweg schaffen aus dieser unmenschlichen Situation. Eine Trennung war – in solch einem Fall – unumgehbar, aber was für Beweggründe sollte man vor der Rechtsprechung dafür ins Feld führen? Es galt nicht allein, sich dabei einem peinlichen Kreuzverhör zu unterwerfen, sondern mehr noch: mit der Entschleierung all der fatalen Begleitumstände geradezu eine politische Gefahr durchzustehen ...

Ich setzte alles daran, vor allem den düsteren Plänen unseres Desroches entgegenzuwirken und sein Herz mit den religiösen Empfindungen zu durchdringen, die den Selbstmord als ein Verbrechen abtun. Sie wissen, daß dieser Unglückliche mit den Lehren der Materialisten des achtzehnten Jahrhunderts geistig genährt war. Immerhin war seit seiner Verwundung in seinem Denken eine merkliche Wandlung eingetreten. Er war zu einem jener halb skeptischen Christen geworden, wie wir so viele unter uns haben, die finden, daß nach allem etwas Religion nicht von Schaden sein kann, und die sogar bereit sind, einem Priester sich anzuvertrauen, für den Fall, daß es doch einen Gott gebe! Vermöge solcher etwas vager Religiosität nahm er denn auch meine Zusprüche an. So waren einige Tage ins Land gegangen. Wilhelm und seine Schwester hatten das Gasthaus noch nicht verlassen, denn Emilie war von solchen Erschütterungen sehr leidend geworden. Desroches hatte ein Zimmer im Pfarrhaus bezogen und vertiefte sich den ganzen Tag in Bücher, die ich ihm zur Verfügung stellte. Sie boten manchen Stoff zur Meditation. Eines Tages machte er sich auf und ging allein ins Fort; er blieb da mehrere Stunden. Als er zurückkam, zeigte er mir ein Blatt Papier, auf dem sein Name eingezeichnet stand: Es war seine Beförderung zum Hauptmann in einem Regiment, das Marschbefehl hatte, zu der Division Partouneaux zu stoßen.

In den letzten Tagen des Monats noch erreichte uns die Nachricht von seinem Tode, der ebenso rühmlich wie außergewöhnlich gewesen sein muß. Was man auch erzählen mochte über die Art wilder Entschlossenheit, mit der er sich in das Kampfgewoge stürzte – spürbar bleibt doch eines: wie sein Beispiel zu einem mächtigen Mutansporn für das ganze Bataillon wurde, das bereits viele seiner Leute beim ersten Sturmangriff verloren hatte...«

Schweigen herrschte unter allen Zuhörern nach dieser Erzählung. Jeder hing den sonderbaren Gedanken nach, die ein solches Leben und ein solcher Tod aufkommen ließen. Der Abbé nahm wieder das Wort und erhob sich: »Wenn es Ihnen recht ist, meine Herren, und wir heute abend einmal unserem gewohnten Spaziergang eine andere Richtung geben wollen, dann lassen Sie uns den Weg durch das Tal einschlagen, den Pappelbäumen entlang, die dort, in der untergehenden Sonne aufleuchtend, stehn – und ich möchte Sie bis zur Butte-aux-Lierres, unserem kleinen, efeuumsponnenen Aussichtshügel, hinführen, von wo wir das Kreuz des Klosters erblicken können, in das sich Madame Desroches zurückgezogen hat.«








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