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Emil oder Ueber die Erziehung - Zweiter Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Zweiter Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Zweiter Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080703
projectid2515ece0
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Viertes Buch.

Wie schnell verstreicht doch unsere Pilgerzeit in diesem Erdenleben! Das erste Viertel des Lebens ist verflossen, noch ehe man es anzuwenden versteht, und das letzte Viertel vergeht, nachdem man bereits aufgehört hat, es zu genießen. Anfangs verstehen wir noch nicht zu leben, bald sind wir es nicht mehr im Stande, und in dem Zwischenraume, welcher diese beiden nutzlosen Endpunkte von einander trennt, werden drei Viertel der Zeit, die uns noch bleibt, mit Schlaf, Arbeit, Schmerz, Zwang und Mühen aller Art hingebracht. Das Leben ist kurz, weniger in Folge der kurzen Zeitdauer, als vielmehr, weil uns von derselben fast keine zu ihrem Genusse übrig bleibt. Mag der Augenblick des Todes von dem der Geburt auch noch so fern sein, so ist und bleibt das Leben doch immer viel zu kurz, wenn dieser Zwischenraum schlecht ausgefüllt wird.

Gewissermaßen werden wir zweimal geboren, das eine Mal zum Dasein, das andere Mal zum Leben; das eine Mal für die Gattung, das andere Mal für das Geschlecht. Obwol diejenigen, welche das Weib für einen unvollkommenen Menschen halten, ohne Zweifel Unrecht haben, so können sie sich doch auf die äußere Analogie berufen. Bis zu dem Alter der Mannbarkeit unterscheiden sich die Kinder beiderlei Geschlechts in keiner auffallenden Weise von einander. Dieselbe Gesichtsbildung, dieselbe Gestalt, dieselbe Hautfarbe, dieselbe Stimme, kurz Alles ist gleich. Die Mädchen sind Kinder, die Knaben sind Kinder; der nämliche Namen reicht zur Bezeichnung so ähnlicher Wesen aus. Männliche Personen, deren völlige geschlechtliche Entwickelung verhindert wurde, behalten diese übereinstimmenden Merkmale ihr ganzes Leben lang. Sie bleiben stets große Kinder, und Frauen scheinen, da sie die nämlichen Merkmale nie verlieren, in vieler Hinsicht nie etwas Anderes zu sein.

Doch im Allgemeinen ist der Mann nicht dazu geschaffen, um für immer auf der Stufe der Kindheit stehen zu bleiben. In einer von der Natur vorgeschriebenen Zeit tritt er aus derselben heraus. So kurz nun dieser entscheidende Moment auch sein möge, so übt er doch auf lange Zeit einen hervorragenden Einfluß aus.

Wie das Brausen des Meeres dem Sturme schon lange vorangeht, so meldet sich auch dieser unter Stürmen vor sich gehende Umschwung schon zeitig durch die immer stärker werdende Stimme der erwachenden Leidenschaften an. Eine dumpfe Gährung kündigt die Annäherung der Gefahr an. Ein fortwährender Wechsel der Gemüthsstimmung, häufige Aufwallungen, eine unaufhörliche geistige Aufgeregtheit versetzen das Kind in einen fast unlenkbaren Zustand. Es wird taub gegen die Stimme, auf die es sonst willig gelauscht hatte; es gleicht einem fieberhaft erregten Löwen. Es will seinen Führer nicht mehr kennen, will sich keiner Leitung mehr unterwerfen.

Zu den moralischen Anzeichen einer sich verschlimmernden Gemüthsstimmung treten noch sichtliche Veränderungen in seiner körperlichen Beschaffenheit hinzu. Seine Physiognomie nimmt festere Züge an und es prägt sich auf ihr allmählich ein bestimmter Charakter aus. Dunkler und dichter wird der spärliche und weiche Flaum, der auf dem unteren Theile seiner Wangen hervorsproßt; seine Stimme wechselt oder es verliert dieselbe vielmehr. Es ist weder Kind noch Mann, und ist weder im Stande den Ton des Einen noch den des Anderen anzunehmen. Seine Augen, diese Organe der Seele, die bisher nichtssagend waren, erhalten Sprache und Ausdruck. Ein plötzlich aufflammendes Feuer belebt sie; ihre jetzt lebhafteren Blicke reden zwar noch die Sprache einer heiligen Unschuld, verrathen aber nicht mehr ihre anfängliche Einfalt. Das Kind trägt schon das Gefühl in sich, daß sie zu viel sagen können, und beginnt sie niederzuschlagen und zu erröthen. Es wird gefühlvoll, bevor es sich noch bewußt wird, was es eigentlich fühlt. Es wird unruhig, ohne daß es Grund dazu hat. Alle diese Erscheinungen können sich langsam einstellen und euch noch hinreichende Zeit gewähren. Wenn aber seine Lebhaftigkeit Ungeduld verräth, wenn sein Aufbrausen einen leidenschaftlichen Charakter annimmt, wenn es in einem Augenblicke zornig auffährt und sich seiner im nächsten Augenblicke eine weiche Stimmung bemächtigt, wenn es ohne Ursache Thränen vergießt; wenn ihm in der Nähe derer, die ihm jetzt gefährlich zu werden beginnen, sein Puls schneller schlägt und sein Auge sich entstammt, wenn es zusammenschaudert, sobald sich die Hand einer Frau auf die seinige legt; wenn es in der Nähe eines weiblichen Wesens unruhig oder schüchtern wird: dann Ulysses, weiser Ulysses, sei auf deiner Hut! Die Schläuche, welche du mit so großer Sorgfalt verschlossen hieltest, sind bereits geöffnet; die Winde sind schon entfesselt; verlasse nun keinen Augenblick mehr das Steuerruder, oder Alles ist verloren.

Jetzt findet diese zweite Geburt statt, von welcher ich geredet habe; jetzt wird der Mensch erst wirklich zum Leben geboren, und nichts Menschliches ist ihm mehr fremd. War unsere Sorgfalt bisher nur ein Kinderspiel gewesen, so wird sie jetzt von äußerster Wichtigkeit. Diese Epoche, in welcher für gewöhnlich die Erziehung ein Ende zu nehmen pflegt, ist gerade diejenige, in welcher die unserige erst recht ihren Anfang nehmen soll. Um diesen neuen Plan jedoch anschaulich entwickeln zu können, müssen wir uns aus einen höheren Standpunkt versetzen und einen Augenblick bei dem verweilen, was damit in Beziehung steht.

Unsere Leidenschaften dienen als die Hauptwerkzeuge unserer Erhaltung; der Versuch, sie auszurotten, ist folglich ein eben so vergebliches als lächerliches Unterfangen. Das hieße die Natur meistern und an das Werk Gottes die bessernde Hand legen. Wenn Gott in der That von dem Menschen die Ertödtung der Leidenschaften, die er ihm erst selbst verliehen, verlangte, so würde er wollen und auch nicht wollen; er würde mit sich selbst in Widerspruch treten. Niemals hat er aber diesen unvernünftigen Befehl ertheilt, nichts dem Aehnliches ist dem Menschen in das Herz geschrieben. Was der Mensch nach dem Willen Gottes thun soll, läßt er ihm nicht durch einen andern Menschen sagen, er sagt es ihm selbst, er schreibt es ihm tief in das Herz hinein.

Wer das Erwachen der Leidenschaften verhüten wollte, würde mir fast eben so thöricht vorkommen, wie derjenige der sie ertödten wollte; und wer die Ansicht hegen sollte, daß dies bisher meine Absicht gewesen sei, würde mich sicherlich ganz falsch verstanden haben.

Würde es indeß nun wol eine richtige Folgerung sein, wenn man aus dem Umstande, daß Leidenschaften eine Mitgift der Natur sind, schließen wollte, daß alle Leidenschaften, welche wir in uns fühlen und an Anderen bemerken, deshalb auch natürlich seien? Die einzige Wahrheit liegt darin, daß ihre Quelle natürlich ist, aber tausend fremde Zuflüsse haben sie angeschwellt. Sie bilden einen mächtigen Strom, der unaufhörlich wächst, und in dem man kaum noch einige Tropfen seines ursprünglichen Wassers wiederfinden würde. Unsere natürlichen Leidenschaften sind sehr beschränkt; sie dienen als Werkzeuge unserer Freiheit und haben die Aufgabe, für unsere Erhaltung zu sorgen. Allein alle diejenigen, welche uns beherrschen und verzehren, haben ihre Quelle außer uns. Die Natur gibt sie uns nicht, sondern wir eignen sie uns zum Nachtheile derselben an.

Die Quelle unserer Leidenschaften, der Anfang und die Grundursache aller übrigen, die einzige, die mit dem Menschen geboren wird und ihn nie verläßt, so lange er lebt, ist die Selbstliebe, diese primitive, angeborene, jeder anderen vorausgehende Leidenschaft, von welcher alle übrigen in gewissem Sinne nur Modificationen sind. In diesem Sinne sind freilich alle, wenn man will, natürlich. Aber der größte Theil dieser Modificationen hat fremde Ursachen, ohne welche sie sich niemals zeigen würden, und eben diese Modificationen sind so weit davon entfernt; uns zum Nutzen zu gereichen, daß sie uns vielmehr geradezu Schaden zufügen; sie verändern ihren ursprünglichen Zweck und treten mit ihrem eigenen Ursprünge in Widerstreit. Dann verläßt der Mensch die Bahn der Natur und geräth mit sich selbst in Widerspruch.

Die Selbstliebe ist immer gut, immer der Ordnung gemäß. Da Jedem ganz besonders die Pflicht der Selbsterhaltung auferlegt ist, so ist und muß es auch eines Jeden erste und wichtigste Sorge sein, unaufhörlich über dieselbe zu wachen. Wie würde er es aber wol über sich gewinnen, in dieser Weise darüber zu wachen, wenn er nicht das größte Interesse daran hätte?

Zu unserer Erhaltung bedürfen wir deshalb der Selbstliebe, ja, wir müssen uns mehr als alles Andere lieben, und in unmittelbarer Folge dieses Gefühls lieben wir auch Alles, was zu unserer Erhaltung nöthig ist. Jedes Kind hängt an seiner Amme, Romulus mußte an der Wölfin hängen, die ihn gesäugt hatte. Beim Beginn tritt diese Anhänglichkeit rein mechanisch auf. Was auf das Wohlsein eines Individuums günstig einwirkt, zieht dasselbe an; was ihm schädlich ist, stößt es ab. Darin spricht sich nur ein blinder Instinct aus. Erst die augenscheinliche Absicht, uns zu schaden oder zu nützen, verwandelt diesen Instinct in Empfindung, die Anhänglichkeit in Liebe, die Abneigung in Haß. Wir fühlen uns nicht zu unempfindlichen Wesen hingezogen, die nur dem Impulse folgen, welchen wir ihnen geben; diejenigen aber, von denen wir nach ihrer inneren Neigung, nach ihrer Willensrichtung Gutes oder Böses erwarten, diejenigen, die wir aus freiem Entschlüsse für oder wider uns handeln sehen, flößen uns dieselben Gefühle ein, die sie gegen uns zeigen. Wer uns nützlich ist, den suchen wir auf, wer uns aber nützen will, den lieben wir. Wir fliehen den, welcher uns schädlich ist, hassen aber den, welcher uns schaden will.

Selbstliebe ist das erste Gefühl eines Kindes; das zweite, welches diesem entspringt, ist die Liebe zu denen, welche seine Umgebung bilden, denn in dem Zustande der Schwäche, in welchem sich dasselbe befindet, lernt es einen Jeden nur durch den Beistand und die Sorgfalt, die ihm zu Theil wird, kennen. Anfänglich ist die Anhänglichkeit, die es an seine Amme und seine Wärterin hat, nichts Anderes als Gewohnheit. Es trägt nach ihnen Verlangen, weil es ihrer bedarf und sich bei ihnen wohl befindet. Man kann hier eher von einer Bekanntschaft mit ihnen, als von einer wirklich erwachten Zuneigung zu ihnen reden. Es wird noch lange Zeit darüber hingehen, bis es zu der Einsicht gelangt, daß sie ihm nicht nur nützlich sind, sondern auch sein wollen, und erst dann beginnt es sie zu lieben.

Ein Kind ist also von Natur zur Anhänglichkeit geneigt, weil es bemerkt, daß Jeder, der sich ihm naht, darauf bedacht ist, ihm Beistand zu leisten, und weil sich in Folge dieser Beobachtung die Gewohnheit in ihm bildet, auch seinerseits gegen seinesgleichen eine freundliche Gesinnung zu zeigen. Aber in dem Maße, wie sich seine Beziehungen, seine Bedürfnisse, seine active und passive Abhängigkeit erweitern, erwacht in ihm auch das Gefühl von den Verhältnissen, in welchen es zu Anderen steht, und ruft zugleich das Bewußtsein seiner Pflichten und der ihm zustehenden Rechte hervor. In Folge dessen wird das Kind befehlshaberisch, eifersüchtig, betrügerisch, rachgierig. Verlangt man von ihm Gehorsam, obwol es den Nutzen dessen, was man ihm befiehlt, nicht einzusehen vermag, so schreibt es die ihm ertheilten Befehle der Laune, der Absicht, es zu quälen zu und wird sich nur widerspenstig fügen. Zeigt man sich jedoch ihm gegenüber stets nachgiebig, so wird es, sobald ihm etwas widersteht, darin eine offene Auflehnung, eine Absicht, ihm Widerstand zu leisten, erblicken; es wird den Stuhl oder Tisch schlagen, weil sie ihm nicht gehorcht haben. Der Selbstliebe, deren Object ausschließlich wir selbst bilden, geschieht durch Befriedigung unserer wahren Bedürfnisse volles Genüge; die Eigenliebe dagegen, welche Vergleichungen macht, ist nie zufrieden gestellt und kann es nie sein, weil dies Gefühl, welches uns in unseren eigenen Augen den Vorrang vor allen Anderen sichert, den Anspruch erhebt, daß auch diese uns den Vorrang vor sich einräumen, was unmöglich ist. Die sanften und guten Leidenschaften haben ihre Quelle in der Selbstliebe, die dem Hasse und Zorne dienenden dagegen in der Eigenliebe. Folglich macht der Besitz weniger Bedürfnisse und die Enthaltung aller Vergleiche der eigenen Verhältnisse mit denen Anderer den Menschen wesentlich gut, während der Besitz vieler Bedürfnisse und die unaufhörliche Rücksichtnahme auf fremde Meinungen ihn wesentlich schlecht macht. Nach diesem Grundsatze ist leicht ersichtlich, wie man alle Leidenschaften der Kinder wie der Erwachsenen zum Guten oder zum Bösen zu lenken vermag. Es ist leider wahr, daß sie, da sie nicht immer für sich allein leben können, auch schwerlich immer gut leben werden; ja diese Schwierigkeit muß sich sogar mit der Zunahme ihrer Verbindungen noch steigern, und gerade aus diesem Grunde machen die Gefahren der Gesellschaft Kunst und Sorgfalt nur um so unerläßlicher, um der Verderbniß des menschlichen Herzens, die in seinen neuen Bedürfnissen ihre Wurzel hat, vorzubeugen.

Das Studium, welches dem Menschen am meisten entspricht, ist das seiner Beziehungen. So lange er sich nur seinem physischen Wesen nach kennt, muß er danach trachten, sich in Bezug auf seine Beziehungen zu den Dingen kennen zu lernen. Diese Aufgabe fällt ihm in seiner Kindheit zu. Sobald er sich dagegen seines moralischen Wesens bewußt zu werden beginnt, muß es sein Bestreben sein, sich in Bezug auf seine Beziehungen zu den Menschen kennen zu lernen, und dies ist, von dem Zeitpunkte an gerechnet, bis zu welchem wir nun gelangt sind, die Aufgabe seines ganzen Lebens.

Sobald in dem Manne das Bedürfniß nach einer Gefährtin erwacht, ist er kein alleinstehendes Wesen mehr, gehört ihm sein Herz nicht mehr allein. Alle Beziehungen zu seiner Gattung, alle Gefühle seiner Seele entstehen gleichzeitig mit diesem. Seine erste Leidenschaft bringt bald alle übrigen in Gährung.

Die blos instinctive Neigung ist unbestimmt. Ein Geschlecht fühlt sich zu dem anderen hingezogen; darin spricht sich der Trieb der Natur aus. Eine bestimmte Wahl, eine besondere Bevorzugung, eine persönliche Zuneigung sind das Werk der Einsichten, der Vorurtheile, der Gewohnheit. Wir brauchen Zeit und Kenntnisse, um für die Liebe empfänglich zu werden. Ein festes Urtheil geht der Liebe, eine angestellte Vergleichung einer eingeräumten Bevorzugung vorauf, solche Urtheile bilden sich unbewußt, aber sie sind deshalb nicht weniger wirklich. Die wahre Liebe wird, man sage, was man wolle, von den Menschen stets in Ehren gehalten werden, denn wiewol uns ihr ungestümes Auftreten auf Irrwege zu führen vermag, wiewol sie nicht im Stande ist, von dem Herzen, das sie fühlt, alle hassenswerthen Eigenschaften fern zu halten, ja sogar dergleichen hervorrufen kann, so setzt sie demungeachtet immer höchst schätzenswerthe Eigenschaften voraus, ohne welche man überhaupt unfähig wäre, Liebe zu fühlen. Die Wahl, welche mit der Vernunft scheinbar im Widerspruche steht, ist gleichwol das Resultat derselben. Gerade deswegen, weil die Liebe, schärfere Augen hat als wir, und Beziehungen auffindet, die wir nicht zu entdecken im Stande sind, hat man ihr das Attribut der Blindheit gegeben. Demjenigen, welcher keinen Begriff von Werth oder Schönheit hätte, würden alle Frauen gleich gut erscheinen, und die erste, mit welcher er in Berührung träte, würde ihm auch stets die liebenswürdigste sein. Weit entfernt, daß die Liebe ihre Quelle in der Natur findet, ist sie vielmehr die Richtschnur und der Zügel der natürlichen Neigungen. In ihr liegt die Ursache, daß mit Ausnahme des geliebten Gegenstandes ein Geschlecht für das andere seine Bedeutung verliert.

Der Vorzug, welchen wir einräumen, wird nun aber auch von uns in Anspruch genommen. Die Liebe muß gegenseitig sein. Um Liebe zu gewinnen, muß man sich liebenswürdig machen; um den Vorzug zu erlangen, muß man sich liebenswürdiger als ein Anderer, liebenswürdiger als jeder Andere machen, wenigstens in den Augen des geliebten Gegenstandes. Darin liegt die Ursache, daß wir uns nach unseres Gleichen umzusehen und mit denselben zu vergleichen beginnen, darin liegt die Ursache des Wetteifers, der Nebenbuhlerschaft und der Eifersucht. Ein Herz voll überfließender Liebe wünscht sich mitzutheilen. Das Bedürfniß nach einer Geliebten ruft bald das nach einem Freunde hervor. Wer da fühlt, wie süß es ist, sich geliebt zu sehen, möchte von aller Welt geliebt sein; wenn aber Alle einen Vorzug beanspruchen, kann es nicht ausbleiben, daß sich bei Vielen Unzufriedenheit zeigt. Mit der Liebe und Freundschaft stellen sich gleichzeitig Zwistigkeiten, Feindschaft und Haß ein. Ich sehe, wie sich aus dem Schooße so vieler verschiedener Leidenschaften das Vorurtheil einen unerschütterlichen Thron errichtet, und wie die Sterblichen, die sich seiner Herrschaft unterwerfen, in ihrem Stumpfsinne ihre eigene Existenz nur auf fremdes Urtheil gründen.

Führt diese Ideen weiter aus und ihr werdet sehen, was unserer Eigenliebe die Form verliehen hat, welche wir für ihre natürliche halten, und wie die Selbstliebe dadurch, daß sie aufhört ein absolutes Gefühl zu sein, bei großen Seelen in Stolz, bei kleinen in Eitelkeit ausartet, bei Allen sich aber stets auf Kosten des Nächsten nährt. Da Leidenschaften dieser Art ihren Keim nicht in dem Herzen der Kinder haben, so können sie in demselben auch nicht von selbst entstehen. Wir allein verpflanzen sie in dasselbe, und nur durch unsere Schuld schlagen sie darin Wurzel. Aber mit dem Herzen eines jungen Mannes verhält es sich nicht mehr in gleicher Weise; in diesem werden sie aller unserer Gegenbemühungen ungeachtet sich entwickeln. Es ist folglich Zeit, eine Aenderung in der Methode eintreten zu lassen.

Wir wollen mit einigen wichtigen Betrachtungen über den kritischen Zustand, um den es sich hier handelt, beginnen. Der Uebergang von der Kindheit zur Pubertät ist von der Natur nicht so genau bestimmt, daß sich nicht bei den Einzelnen in Folge der Verschiedenheit ihrer Temperamente und wieder bei ganzen Völkern in Folge der besonderen Klimate Abweichungen zeigten. Jedermann kennt die Verschiedenheiten, welche man in Bezug auf diesen Punkt zwischen den heißen und kalten Ländern beobachtet hat, und Jeder kann sich davon überzeugen, daß bei feurigen Temperamenten eine frühzeitigere Entwickelung stattfindet als bei anderen. Allein hinsichtlich der Ursachen kann man sich Täuschungen hingeben und dem Physischen oft das zuschreiben, wofür das Moralische die Verantwortung tragen muß. In diesen Irrthum verfällt gerade sehr häufig die Philosophie unseres Jahrhunderts. Der Unterricht, welchen die Natur ertheilt, nimmt erst spät seinen Anfang und schreitet nur langsam fort, derjenige aber, welchen wir den Menschen verdanken, ist fast regelmäßig verfrüht. Im ersterm Falle erwecken die Sinne die Einbildungskraft, im letzteren erweckt dagegen die Einbildungskraft die Sinne; sie versetzt dieselben vor der richtigen Zeit in Thätigkeit, ein Umstand, der notwendigerweise zunächst die einzelnen Individuen, dann aber auch die Gattung selbst dauernd entnerven und schwächen muß. Eine noch allgemeinere und zuverlässigere Beobachtung als die hinsichtlich des Einflusses der Klimate lehrt uns, daß die Pubertät und die geschlechtliche Reife bei gebildeten und civilisirten Völkern stets früher eintritt, als bei ungebildeten und rohen Völkern. In den Städten und bei wohlhabenden Familien erreichen nach Buffon's Behauptung die Kinder, weil sie an reichliche und kräftige Kost gewöhnt sind, diesen Zustand eher, während sie auf dem Lande und bei armen Leuten in Folge der schlechten und unzureichenden Nahrung erst später dazu gelangen. Ihre Entwickelung nimmt nach seiner Berechnung zwei oder drei Jahre länger in Anspruch. ( Hist. nat. IV. pag. 238.) Ich will zwar die Richtigkeit der Beobachtung, aber keineswegs die der Erklärung zugeben, weil in Ländern, wo sich der Landmann sehr gut nährt und viel zu sich nimmt, wie in Wallis und selbst in gewissen Gebirgsgegenden Italiens, z. B. in Friaul, gleichfalls bei beiden Geschlechtern das Alter der Pubertät später eintritt, als in den Städten, wo man sich oft, um die Mittel zur Befriedigung der Eitelkeit übrig zu behalten, bei dem Essen der größten Sparsamkeit befleißigt, und wo die Meisten, wie das Sprichwort sagt, Alles auf, aber nichts im Leibe haben. Man muß erstaunen, erblickt man in diesen Gebirgen große Burschen, die stark wie Männer sind, aber trotzdem noch eine Knabenstimme und ein bartloses Kinn haben, oder große, in allem Uebrigen völlig ausgebildete Mädchen, ohne irgend ein periodisches Zeichen ihres Geschlechts. Dieser Unterschied scheint mir lediglich daher zu kommen, daß bei der Einfachheit ihrer Sitten ihre Einbildungskraft, welche länger in stiller Ruhe verharrt, ihr Blut erst später in Gährung bringt und ihr Temperament nicht so frühzeitig wachruft. Die Kinder haben einen ganz merkwürdigen Scharfsinn, unter der angenommenen Maske der Wohlanständigkeit die Sittenlosigkeit zu erkennen, die sich unter derselben zu verstecken sucht. Die äußerlich feine Sprache, zu der man sie anhält, die Anstandslehren, die man ihnen gibt, der Schleier des Geheimnisses, welchen man in recht auffallender Weise vor ihre Augen zu ziehen sucht, sind eben so viele Anreizungen zur Neugier. Nach der Art und Weise, wie man sich dabei benimmt, liegt es auf der Hand, daß man geradezu darauf ausgeht, sie das zu lehren, was man ihnen angeblich zu verbergen sucht. Von keinem Unterrichte, den man ihnen ertheilt, behalten sie so viel als von diesem.

Zieht die Erfahrung zu Rathe, und ihr werdet einsehen, bis zu welchem Grade dieses unverständige Verfahren das Werk der Natur beschleunigt und den Körper zu Grunde richtet. Hierin liegt eine der hauptsächlichsten Ursachen zu der Entartung der Familien in den Städten. Die jungen Leute bleiben in Folge frühzeitiger Erschöpfung klein und schwach, sehen verlebt aus und altern statt zu wachsen, wie der Weinstock, welchen man zwingt, im Frühjahr Trauben zu tragen, noch vor dem Herbste welkt und abstirbt.

Man muß unter ungebildeten und einfachen Völkern gelebt haben, um sich davon zu überzeugen, bis zu welchem Alter unter ihnen eine glückliche Unwissenheit die Unschuld der Kindheit zu verlängern vermag. Es ist ein zugleich rührendes wie Lächeln hervorrufendes Schauspiel, daselbst zu sehen, wie die beiden Geschlechter, der Sorglosigkeit ihrer Herzen überlassen, unbefangen die Spiele der Kindheit bis zur Blüte des Alters und der Schönheit fortsetzen und wie sie selbst durch ihren vertraulichen Umgang die Reinheit ihrer Belustigungen an den Tag legen. Wenn sich diese liebenswürdige Jugend dann endlich verehelicht, so werden sich die beiden Gatten, da sie sich gegenseitig mit den Erstlingen ihrer Person beschenken, nur um so theurer werden. Eine Schaar gesunder und kräftiger Kinder wird das Pfand einer Vereinigung, die nichts zu trüben im Stande ist, und der Lohn ihrer Keuschheit in ihren früheren Jahren.

Wenn das Alter, in welchem in dem Menschen das Bewußtsein seines Geschlechtes erwacht, sowol in Folge des Einflusses der Erziehung als auch der Einwirkung der Natur, so vielen Abweichungen unterworfen ist, so folgt hieraus, daß man diesen Zeitpunkt durch die Art der Erziehung beschleunigen oder verzögern kann; und wenn nun der Körper, je nachdem man diesen Eintritt der geschlechtlichen Reife verzögert oder beschleunigt, an Festigkeit gewinnt oder verliert, so ist die weitere Folge, daß ein junger Mann, je mehr man darauf bedacht ist, jenen zu verzögern, auch desto mehr Kraft und Stärke erlangt. Ich rede hier nur von den rein physischen Wirkungen; man wird sich jedoch bald überzeugen, daß es bei ihnen nicht sein Bewenden hat.

Diese Betrachtungen geben mir Anleitung zur Beantwortung der so oft ventilirten Frage, ob es sich empfiehlt, die Kinder frühzeitig über die Gegenstände ihrer Neugier aufzuklären, oder ob es besser sei, sie durch unschuldige Täuschungen davon abzulenken. Meiner Ansicht nach darf man weder das Eine noch das Andere thun. Erstlich wird in den Kindern, sobald man ihnen nicht Veranlassung dazu darbietet, diese Neugier gar nicht rege. Man muß sich deshalb hüten, sie in ihnen erst wach zu rufen. Zweitens legen uns Fragen, zu deren Beantwortung wir nicht gezwungen sind, auch nicht die Notwendigkeit auf, das Kind, welches sie an uns richtet, zu täuschen. Es ist besser, ihm Stillschweigen aufzuerlegen, als ihm eine unwahre Antwort zu ertheilen. Ein solches Gebot wird es keineswegs überraschen, wenn es sich demselben schon früher bei ganz gleichgiltigen Dingen hat unterwerfen müssen. Endlich lasse man nicht außer Acht, daß die Antwort, wenn man sich einmal zu derselben entschließt, mit der größten Einfachheit, ohne Geheimnißkrämerei, ohne Verlegenheit, ohne Lächeln geschehen muß. In der Befriedigung der kindlichen Neugier liegt eine geringere Gefahr als in der Erregung derselben.

Euere Antworten müssen stets ernst, kurz und entschieden sein; es darf nie den Anschein gewinnen, als ob ihr zögertet, sie zu ertheilen. Es bedarf wol nicht erst der besonderen Erwähnung, daß sie auf Wahrheit beruhen müssen. Man kann die Kinder nicht auf das Gefährliche, Erwachsene zu belügen, aufmerksam machen, ohne von dem Gefühle überschlichen zu werden, eine wie viel größere Gefahr darin liegt, daß Erwachsene Kinder belügen. Eine einzige Lüge, die der Lehrer nachweislich dem Kinde gegenüber ausgesprochen hat, würde alle Früchte seiner Erziehung auf immer vernichten.

Eine vollkommene Unwissenheit über gewisse Dinge würde für die Kinder vielleicht das Ersprießlichste sein; allein das, was man ihnen doch nicht auf die Dauer zu verhehlen vermag, müssen sie frühzeitig lernen. Entweder muß man das Erwachen ihrer Neugier zu verhindern suchen, oder dieselbe muß vor dem Alter Befriedigung erhalten, in welchem es nicht mehr ohne Gefahr geschehen könnte. In diesem Punkte hängt das Verhalten, welches ihr eurem Zöglinge gegenüber zu beobachten habt, wesentlich von seiner besonderen Lage, von der Gesellschaft, in der er sich bewegt, von den Verhältnissen, in denen er aller Voraussicht nach einst leben wird u. s. w. ab. Es kommt viel darauf an, hierbei nichts dem Zufalle zu überlassen, und habt ihr nicht die völlige Gewißheit, daß ihr ihn bis zu seinem sechszehnten Jahre über den Unterschied der Geschlechter in Unwissenheit zu erhalten vermögt, so sorgt dafür, daß er ihn vor dem zehnten Jahre erfahre.

Ich bin kein Freund davon, daß man, um darüber hinfort zu kommen, die Dinge bei ihrem rechten Namen zu nennen, den Kindern gegenüber eine gar zu feine Sprache führt oder erst lange Umschweife macht, die sie doch durchschauen. Edele Sitten sind bei diesen Dingen von einer gewissen Einfalt untrennbar, während eine durch das Laster befleckte Einbildungskraft das Ohr empfindlich macht und uns nöthigt, unsere Ausdrücke unaufhörlich zu verfeinern. Derbe Ausdrücke sind ungefährlich, aber vor schlüpfrigen Ideen muß man auf der Hut sein. Obgleich die Schamhaftigkeit dem menschlichen Geschlechte natürlich ist, so besitzen sie die Kinder doch noch nicht als eine Mitgabe der Natur. Die Scham entsteht erst mit der Erkenntniß des Bösen, und wie sollten nun die Kinder, die diese Erkenntniß weder haben noch haben sollen, mit einem Gefühle vertraut sein, welches erst die Wirkung derselben ist? Ihnen einen Begriff von Schamhaftigkeit und Ehrbarkeit beibringen, heißt sie lehren, daß es schamlose und unehrbare Dinge gibt, heißt ihnen ein geheimes Verlangen einflößen, diese Dinge kennen zu lernen. Früher oder später werden sie dieses Gelüst befriedigen, und der erste Funke, welcher ihre Einbildungskraft trifft, beschleunigt unzweifelhaft die Entzündung der Sinne. Wer erröthet, fühlt sich bereits schuldig; der wahren Unschuld ist die Scham fremd.

Die Kinder haben nicht dieselben Gelüste wie die Erwachsenen; da sie indeß eben so wie Letztere gewissen unsauberen Bedürfnissen, welche die Sinne verletzen, unterworfen sind, so lassen sich schon an dieses Naturgesetz Lehren über das Schickliche anknüpfen. Man folge dem Geiste der Natur, welche uns dadurch, daß sie den Organen der geheimen Vergnügungen und denen der Ekel erregenden Bedürfnisse denselben Ort angewiesen hat, in den verschiedenen Lebensaltern bald durch die eine, bald durch die andere Vorstellung zu der gleichen Schonung auffordert, den Mann durch die Ehrbarkeit, das Kind durch die Reinlichkeit.

Ich kenne nur ein einziges Erfolg versprechendes Mittel, den Kindern ihre Unschuld zu bewahren, und dies besteht darin, daß ihre ganze Umgebung die nöthige Rücksicht auf sie nimmt und sie liebt. Ohne dies wird alle Zurückhaltung, welche man sich ihnen gegenüber zu beobachten bemüht, früher oder später fehlschlagen. Ein Lächeln, ein Blick, eine unwillkürlich entschlüpfte Geberde sagen ihnen Alles, was man ihnen zu verheimlichen sucht. In dem bloßen Umstände, daß man es ihnen hat verhehlen wollen, liegt schon für sie eine genügende Aufklärung. Die Zartheit in den Wendungen und Ausdrücken, deren sich die Gebildeten unter einander zu bedienen pflegen, ist, da sie Kenntnisse voraussetzt, welche die Kinder noch gar nicht haben können, diesen gegenüber völlig übel angebracht. Achtet man indeß wirklich ihre Einfalt, so überträgt man dieselbe bei einem Gespräche mit den Kindern auch unwillkürlich auf die Ausdrücke, die man nur so wählt, daß sie ihnen angemessen und verständlich sind. Es gibt eine gewisse Naivetät der Sprache, welche angenehm berührt und auch der Unschuld gefällt. Das ist der wahre Ton, welcher ein Kind von gefährlicher Neugier ablenkt. Dadurch, daß man mit ihm Alles in aller Einfalt bespricht, beugt man dem Argwohne vor, daß noch etwas übrig sei, was man ihm nicht gesagt habe. Verbindet man mit derben Worten Vorstellungen, die ihm zwar verständlich sind, aber gleichzeitig seinen Widerwillen erregen, so erstickt man damit das erste Feuer seiner Einbildungskraft. Ohne daß man ihm verbietet, solche Worte auszusprechen und solche Vorstellungen zu haben, flößt man ihm, ohne daß es sich dessen bewußt wird, eine Abneigung gegen deren Wiederholung ein. Und wie viel Verlegenheit wird diese in aller Unbefangenheit gegebene Erlaubniß nicht denen ersparen, die schon ihr eigenes Herz zur Offenheit auffordert und deshalb stets sagen, was zu sagen nöthig ist, und es immer so heraussagen, wie es ihnen um das Herz ist.

»Wo kommen die Kinder her?« Das ist in der That eine Frage, die ganz geeignet ist, in Verlegenheit zu setzen, auf welche die Kinder indeß ganz natürlich verfallen, und deren unverständige oder kluge Beantwortung bisweilen für ihre Sitten und ihre Gesundheit das ganze Leben hindurch entscheidend ist. Die kürzeste Art und Weise, auf welche eine Mutter meint sich aus der Verlegenheit ziehen zu können, ohne ihren Sohn zu täuschen, besteht darin, daß sie ihm Stillschweigen auferlegt. Das würde ganz gut sein, wenn sie ihn schon seit lange auch bei gleichgiltigen Fragen daran gewöhnt hätte und er nun nicht bei diesem neu angeschlagenen Tone gerade erst recht ein Geheimniß argwöhnte. Aber auch nur in seltenen Fällen wird die Mutter dabei stehen bleiben. »Das ist ein Geheimniß der verheirateten Leute,« wird sie vielleicht zu ihm sagen, »kleine Knaben müssen nicht so neugierig sein.« Das ist freilich ein ganz gutes Mittel, um die Mutter aus der augenblicklichen Verlegenheit zu reißen, aber sie kann sich auch überzeugt halten, daß nun dieser kleine Knabe, welchem in dieser zurückweisenden Antwort eine gewisse Verachtung zu liegen scheint, nicht eher ruhen wird, bis er hinter das Geheimniß der verheirateten Leute gekommen ist, und daß es sicherlich nicht lange dauern wird, bis er seinen Zweck erreicht hat.

Ich bitte um Erlaubniß, hier eine davon sehr abweichende Antwort anführen zu dürfen, die ich auf dieselbe Frage habe geben hören, und welche mir um so auffallender war, als sie von einer Frau herrührte, welche sich sowol in ihren Reden als in ihrem Betragen durch die höchste Züchtigkeit auszeichnete, aber um des Wohles und der Tugend ihres Sohnes willen nicht Anstand nahm, sich über die falsche Furcht vor Tadel und über die hohlen Witzeleien Spottsüchtiger hinwegzusetzen. Das Kind hatte gerade nicht lange vorher beim Uriniren einen kleinen Stein mit ausgeworfen, der ihm die Harnröhre verletzt hatte; aber das Leiden war gehoben und vergessen. »Mama,« fragte der kleine Naseweis, »wo kommen die Kinder her?« Ohne im Geringsten zu stocken, erwiderte die Mutter sofort: »Mein Sohn, die Frauen uriniren sie unter großen Schmerzen, die ihnen bisweilen das Leben kosten, hervor.« Mögen die Narren lachen und die Thoren Aergerniß daran nehmen, aber die Weisen mögen untersuchen, ob sie je eine vernünftigere und zweckentsprechendere Antwort finden werden.

Die Vorstellung eines natürlichen und dem Kinde bekannten Bedürfnisses läßt erstlich in demselben, und das ist das Treffende bei dieser Antwort, die Idee eines geheimnißvollen Vorganges nicht aufkommen. Außerdem breiten die sich daran knüpfenden Vorstellungen von Schmerz und Tod einen Schleier der Trauer über diesen Gedanken, welcher die Einbildungskraft dämpft und die Neugier zurückdrängt. Alles lenkt den Geist auf die Folgen der Geburt, nicht aber auf ihre Ursachen. Nur zu den Schwächen der menschlichen Natur, zu lauter widerlichen Dingen, zu Bildern des Leidens leiten die Aufschlüsse, die in dieser Antwort liegen, wenn überhaupt der Widerwille, den sie einflößt, es zuläßt, daß das Kind solche Aufschlüsse begehrt. Was wäre wol bei einer Unterhaltung, die in solcher Weise geleitet wird, im Stande, die schlummernden Lüste zu erregen? Trotzdem ist es leicht ersichtlich, daß die Wahrheit in keiner Weise beeinträchtigt wurde und daß es nicht nöthig gewesen ist, das Kind zu täuschen, anstatt es zu unterrichten.

Euere Kinder lesen; sie schöpfen aus ihrer Lectüre Kenntnisse, welche sie nicht gewonnen haben würden, wenn sie nicht gelesen hätten. Beim Studiren erhitzt und schärft sich in der Stille des Arbeitszimmers ihre Einbildungskraft. Leben sie in der Welt, so vernehmen sie zweideutige und befremdende Reden und sind Zeugen von Dingen, die sie eigentümlich berühren. Nach dem Benehmen, welches man ihnen gegenüber beobachtet, hat sich in ihnen die Ueberzeugung, sie seien selbst schon Erwachsene, in so hohem Grade festgesetzt, daß sie bei Allem, was die Erwachsenen in ihrer Gegenwart thun, sofort versuchen, wie es sich bei ihnen ausnehmen möchte. Kann man sich darüber wundern? Gelten ihnen einmal die Urtheile Anderer als Gesetz, so müssen ihnen auch die Handlungen Anderer als Vorbilder dienen. Die Diener, welche man leider von ihnen abhängig gemacht hat, und in deren Interesse es folglich liegt, ihnen zu gefallen, bewerben sich zum Nachtheil ihrer Sittlichkeit um ihre Gunst. Vierjährigen Kindern gegenüber sprechen die Wärterinnen mit lächelndem Munde Dinge aus, die selbst die schamloseste von ihnen sich nicht erdreisten würde vor fünfzehnjährigen auszusprechen. Sie selbst vergessen ihre Aeußerungen zwar bald, die Kinder dagegen vergessen nie, was sie haben anhören müssen. Schlüpfrige Gespräche öffnen ausschweifenden Sitten Thor und Thür. Ein schurkischer Diener verführt das Kind, und ein gleiches Interesse legt Beiden Stillschweigen auf.

Das seinem Alter angemessen erzogene Kind sieht sich auf sich allem angewiesen. Die einzige Zuneigung, die es kennt, beruht auf Gewohnheit. Es liebt seine Schwester wie seine Uhr und seinen Freund wie seinen Hund. Es fühlt sich noch nicht als Glied eines besonderen Geschlechtes, einer besonderen Gattung: Mann und Weib sind ihm gleich fremd. Was sie auch thun oder reden, es bezieht nichts von Allem auf sich; es sieht und hört nichts davon oder beachtet es wenigstens nicht. Ihre Gespräche interessiren es eben so wenig als ihre Handlungen; alles dies ist für dasselbe so gut wie gar nicht da. Bei dieser Methode geht man nicht darauf aus, ihm irrthümliche Anschauungen beizubringen, sondern sucht es vielmehr nur in seiner natürlichen Unwissenheit zu erhalten. Es kommt die Zeit schon, wo die Natur selbst dafür Sorge trägt, ihren Zögling aufzuklären, und dieser Augenblick tritt erst dann ein, wenn sie ihn so weit vorbereitet hat, ohne Nachtheil aus den Lehren, die sie ihm ertheilt, Nutzen ziehen zu können. Dies ist in kurzen Umrissen das Princip. Die Entwickelung der einzelnen Regeln gehört nicht zu der Aufgabe, die ich mir gestellt habe, jedoch dienen die Mittel, die ich hinsichtlich anderer Gegenstände vorschlage, gleichzeitig auch als Beispiele für diesen.

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