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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Ich habe lange unter den Bauern gelebt und nie Jemand, weder Mann noch Frau, weder Knaben noch Mädchen mit der Zunge anstoßen hören. Woher kommt das? Sind die Organe der Landleute anders gebildet als die unsrigen? Nein, aber sie sind anders geübt. Gerade meinem Fenster gegenüber liegt ein Hügel, auf welchem sich die Kinder des Orts zum Spielen zusammenzufinden pflegen. Obgleich die Entfernung nicht unbedeutend ist, unterscheide ich doch Alles, was sie sagen, auf das Genaueste, und verdanke ihnen für dieses Werk manche schätzenswerthe Fingerzeige. Täglich täuscht mich mein Ohr über ihr Alter; ich glaube die Stimmen zehnjähriger Kinder zu vernehmen, und blicke ich auf, so sehe ich der Größe und den Zügen nach nur drei- bis vierjährige vor mir. Aber dieser Täuschung bin ich etwa nicht allein unterworfen; die Städter, welche mich besuchen und welche ich darüber zu Rathe ziehe, verfallen alle in den nämlichen Irrthum.

Die einfache Erklärung liegt darin, daß die Stadtkinder, welche bis zu ihrem fünften oder sechsten Lebensjahre im Zimmer und unter den Flügeln einer Wärterin erzogen werden, nur einige abgerissene Töne hervorzustoßen brauchen, um sich sofort verständlich zu machen; sobald sie nur den Mund öffnen, bemüht man sich ihnen die Worte von den Lippen abzulesen; man spricht ihnen Worte vor, welche sie schlecht nachsprechen, und nur wegen ihrer steten Aufmerksamkeit vermögen diese nämlichen Leute, welche ja fortwährend um sie sind, mehr zu errathen, was sie haben sagen wollen, als was sie wirklich gesagt haben.

Auf dem Lande verhält sich die Sache ganz anders. Eine Bäuerin befindet sich nicht beständig um ihr Kind; es ist daher gezwungen, das, was es ihr verständlich machen will, sehr deutlich und sehr laut sprechen zu lernen. Wenn die Kinder, vom Vater, von der Mutter und den übrigen Kindern entfernt, sich allein auf dem Felde befinden, üben sie sich darin, sich schon in einiger Entfernung vernehmbar zu machen und die Kraft der Stimme nach dem Abstande abzumessen, der sie von denen trennt, welchen sie sich hörbar machen wollen. Das ist die rechte Weise, wie man deutlich sprechen lernt, aber dadurch, daß man einer achtsamen Wärterin einige Laute ins Ohr lallt, wird man es gewiß nicht dahin bringen. Es kann zwar vorkommen, daß ein Dorfkind zu schüchtern ist, auf eine Frage zu antworten, was es aber sagt, sagt es gewiß laut und vernehmlich; statt dessen muß bei dem Stadtkinde die Bonne die Dolmetscherin spielen, sonst vermag Niemand zu verstehen, was es vor sich hin brummt. Das gilt freilich nicht ohne Ausnahme, und oft machen gerade die Kinder, welche zuerst am stillsten waren, später, wenn sie einmal anfangen ihre Stimme zu erheben, den meisten Lärm. Wollte ich aber auf alle diese Einzelheiten näher eingehen, würde ich kein Ende finden. Jeder verständige Leser muß einsehen, daß jedem Zuviel wie jedem Zuwenig, die sich ja beide von demselben Fehler herleiten durch meine Methode in gleicher Weise abgeholfen wird. Ich betrachte die beiden Grundsätze »Immer genug« und »Niemals zu viel« für untrennbar. Wird der erstere richtig angewandt, so ergibt sich der andere daraus mit Notwendigkeit.

Wenn die Kinder heranwachsen, sollten die Knaben diesen Fehler eigentlich in den Instituten und die Mädchen in den Klöstern ablegen, und in der That sprechen diese wie jene auch gewöhnlich weit deutlicher als solche, welche ihre Erziehung allein in dem väterlichen Hause empfangen haben. Die Schuld, daß sie sich trotzdem nie eine so verständliche Aussprache wie die Landkinder aneignen, liegt darin, daß sie gezwungen werden, so Vielerlei auswendig zu lernen und das Gelernte ganz laut aufzusagen. Beim Lernen gewöhnen sie sich nämlich an ein eintöniges Geschnatter, und beim Aufsagen geht es noch schlimmer zu, sie suchen förmlich die Worte mühselig zusammen und ziehen und dehnen die einzelnen Silben. Kein Wunder deshalb, daß, wenn das Gedächtniß in Stich läßt, die Sprache ins Stammeln geräth. Auf diese Weise wird eine fehlerhafte Aussprache angewöhnt und erhalten. Weiter unten wird man sehen, daß mein Emil an dergleichen Fehlern nicht zu leiden hat oder daß sie wenigstens nicht von denselben Ursachen hervorgerufen sind.

Ich gebe zu, daß das niedere Volk und die Landleute in den entgegengesetzten Fehler verfallen. Sie sprechen fast immer lauter als nöthig ist, ihre Sprache klingt in Folge ihrer zu übertriebenen Articulation hart und barsch, sie betonen zu viel Wörter und sind in der Wahl derselben nicht sehr glücklich u.s.w.

Aber zunächst erscheint mir dieser Fehler verzeihlicher als der andere, da, wenn das erste Gesetz jeder Rede die allgemeine Verständlichkeit derselben ist, jedenfalls der größte Fehler, den man begehen kann, darin besteht, unverständlich zu reden. Wer darauf ausgeht, ohne alle Betonung zu reden, geht damit zugleich darauf aus, die Rede ihrer Anmuth und ihrer Kraft zu entkleiden. Der Ton ist die Seele der Rede, er gibt ihr das Gefühl und die Wahrheit. Der Ton lügt weniger als das Wort; eben deshalb scheuen ihn vielleicht die Leute von sogenannter guter Erziehung in so hohem Grade. Aus dieser Gewohnheit, Alles in gleichem Tone zu sagen, ist die Unsitte hervorgegangen, sich über die Leute, ohne daß sie es merken, lustig zu machen. An Stelle der verschmähten Betonung treten allerlei völlig lächerliche, gezierte und der Mode unterworfene Manieren der Aussprache, wie man sie besonders bei den jungen Hofleuten wahrnehmen kann. Gerade dieses gezierte Wesen in Worten und in der Haltung, macht uns Franzosen anfangs den fremden Völkern so unleidlich und unangenehm. Den wahren Sinn unserer Worte verräth leichter unser Mienenspiel als unsere Rede. Das ist nicht das Mittel, eine günstige Meinung für sich hervorzurufen.

Alle diese kleinen Sprachmängel, die man von den Kindern so ängstlich fern zu halten sucht, sind unwesentlich; man beugt ihnen mit der größten Leichtigkeit vor oder stellt sie eben so leicht wieder ab; allein diejenigen, an deren Angewöhnung man selber die Schuld trägt, weil man ihnen leise, undeutlich und mit ängstlicher Stimme zu reden gestattete, ihren Ton unaufhörlich bekrittelte und an allen ihren Worten etwas auszusetzen hatte, vermag man nie wieder abzulegen. Wer nur im Umgange mit Damen sprechen gelernt hat, wird vor der Front eines Bataillons kein kräftiges Commandowort erschallen lassen können, und dem Pöbel bei einem Aufruhr keine besondere Scheu und Furcht einzuflößen vermögen. Lehret die Kinder zuerst mit Männern reden, dann werden sie, wenn es sich einmal nöthig macht, auch schon mit Frauen zu reden wissen.

Auf dem Lande in bäuerlicher Einfachheit erzogen, werden eure Kinder eine klangvollere Stimme bekommen; sie werden sich eben so wenig das unverständliche Geschnatter der Stadtkinder wie die ländliche Ausdrucksweise und den bäuerischen Ton angewöhnen, oder werden wenigstens diese Untugenden leicht wieder ablegen, da der Lehrer, der von ihrer Geburt an mit ihnen zusammenlebt und von Tage zu Tage immer ausschließlicher nur für sie lebt, durch seine eigene correcte Sprache den Einwirkungen der ländlichen Sprache vorbeugen oder sie verwischen wird. Emil wird ein eben so reines Französisch wie ich sprechen, aber er wird es deutlicher sprechen und es bedeutend besser articuliren als ich.

Das Kind, welches zu sprechen beginnt, darf nur solche Worte hören, welche es verstehen kann, und nur solche nachsprechen, die es zu articuliren im Stande ist. Die Mühe, welche es sich dabei gibt, bringt es unwillkürlich dazu die Silben zu wiederholen, als ob es sich darin üben wollte sie deutlicher auszusprechen. Wenn es zu stammeln beginnt, so zerbrecht euch nicht den Kopf damit zu errathen, was es sagen will. Wer beansprucht, daß man auf alle seine Worte lausche, maßt sich dadurch eine Art Herrschaft an, und das Kind darf keine ausüben. Es genüge euch, für das Notwendige mit aller Achtsamkeit zu sorgen. Es ist seine Sache, euch mit dem, was ihm nicht nothwendig ist, bekannt zu machen. Noch weit weniger darf man es zu früh zum Sprechen anhalten; je mehr es den Nutzen davon einsieht, desto mehr Mühe wird es sich geben, von selbst sprechen zu lernen.

Man hat die allerdings richtige Bemerkung gemacht, daß diejenigen, welche zu spät zu sprechen beginnen, niemals so deutlich wie andere sprechen; allein nicht ihr spätes Sprechen trägt die Schuld an dem Fehler des Organs, sondern eben des angeborenen fehlerhaften Organs wegen beginnen sie so spät zu sprechen, denn warum sollten sie sonst später als die übrigen sprechen lernen? Haben sie etwa weniger Gelegenheit zum Sprechen, und regt man sie weniger dazu an? Im Gegentheile, gerade wegen der Besorgniß, welche jene Verspätung, so bald man sie bemerkt, hervorruft, müht man sich bei ihnen weit mehr ab als bei solchen, die schon früh deutliche Laute hervorgebracht haben, sie zu Sprechversuchen zu bewegen, und dieser übel angewandte Eifer kann freilich viel dazu beitragen, ihr Sprechen unverständlich zu machen; bei weniger Ueberstürzung würden sie hinreichend Zeit gefunden haben, es zu vervollkommnen.

Solche Kinder, die zu früh zum Sprechen angehalten werden, haben weder Zeit, das, was sie sagen sollen, richtig aussprechen, noch auffassen und verstehen zu lernen. Ueberläßt man sie aber hierbei sich selbst, so schlagen sie den naturgemäßen Weg ein, üben sich zunächst in der Aussprache der leichtesten Silben, und geben euch dann, indem sie allmählich einen Sinn damit verknüpfen, den man freilich erst aus ihren Geberden errathen muß, ihre eigenen Worte, ehe sie von euch die eurigen lernen. Deshalb lernen und eignen sie sich dieselben auch erst an, nachdem sie sie verstanden haben. Da sie nicht fortwährend aufgefordert werden, sie sogleich anzuwenden, so werden sie erst genau aufmerken, welchen Sinn ihr damit verbindet, und erst, wenn sie dessen sicher sind, sie sich aneignen.

Der größte Uebelstand der Ueberstürzung, mit welcher man die Kinder, ehe sie noch das erforderliche Alter erreicht haben, zum Sprechen anhält, liegt nicht darin, daß die ersten Gespräche, die man mit ihnen hält, und die ersten Worte, welche sie sprechen, keinen Sinn für sie haben, sondern daß sie einen andern Sinn als wir hineinlegen, ohne daß wir es zu merken vermögen, so daß, während sie uns völlig genau zu antworten scheinen, wir uns in Wirklichkeit gegenseitig nicht verstehen. Aus diesem Umstande, daß Jeder demselben Worte einen anderen Sinn unterlegt, schreibt sich gewöhnlich die Ueberraschung her, in die uns nicht selten die Aeußerungen der Kinder versetzen, aus denen wir Vorstellungen herauslesen, die sie durchaus nicht damit verbunden haben. Ich halte diese unsere geringe Achtsamkeit auf den wahren Sinn, den die Worte für die Kinder haben, für die Ursache ihrer ersten Irrthümer, und diese Irrthümer üben selbst dann, wenn die Kinder sie schon als solche erkannt haben, immer noch einen bestimmenden Einfluß auf die Richtung des Geistes ihr ganzes Leben lang aus.

Beschränket deshalb so viel als möglich den Wörterschatz des Kindes. Es kann ihm nur zum großen Nachtheile gereichen, wenn es mehr Wörter als Begriffe hat und wenn es mehr Dinge mit Namen nennen, als Begriffe mit denselben zu verbinden vermag. Ich bin überzeugt, daß einer der Hauptgründe, weshalb die Bauern mehr Mutterwitz besitzen und geweckter als die Städter sind, in dem geringeren Reichthum ihres Wortvorraths beruht. Sie haben zwar nur wenig Begriffe, aber dieselben stehen im Einklange mit einander.

Die ersten Entwickelungen der Kindheit geschehen fast alle gleichzeitig. Das Kind lernt beinahe in derselben Zeit sprechen, essen und gehen. Diese Entwickelungsperiode bildet so recht eigentlich die erste Epoche seines Lebens. Vor derselben ist es nichts mehr und nichts weniger, als was es im Mutterschooße war; es hat kein Gefühl, keine Vorstellung, ja kaum Empfindungen kann man ihm zuschreiben: es fühlt nicht einmal sein eigenes Dasein.

Vivit, et est vitae nescius ipse suae. Ovid, Trist., lib. I.

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