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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Ein solcher körperlich ganz ausgebildeter Mensch würde sich trotzdem nicht einmal auf seinen Füßen aufzurichten vermögen; lange Zeit würde er gebrauchen, ehe er nur lernte sich im Gleichgewichte zu erhalten; vielleicht würde er nicht einmal den Versuch machen, und man könnte das Schauspiel genießen, diesen großen starken und vierschrötigen Körper wie einen Stein auf seinem Platze liegen bleiben oder gleich einem jungen Hunde kriechen und rutschen zu sehen.

In unbehaglicher Weise würden sich die Bedürfnisse bei ihm regen, ohne daß er sie noch kenne und ohne daß er ein Mittel zu ihrer Befriedigung ausfindig zu machen vermöchte. Es gibt keine unmittelbare Communication zwischen den Muskeln des Magens und denen der Arme und Beine, welche denselben, selbst wenn er von Nahrungsmitteln umgeben wäre, dazu bewegen könnte, auch nur einen Schritt zu thun, um sich ihnen zu nähern, oder auch nur die Hand auszustrecken, um sie zu ergreifen, und da sein Körper dem Wachsthum nicht mehr unterworfen, seine Glieder bereits völlig entwickelt wären, und da er folglich weder die Unruhe der Kinder besäße, noch sich gleich diesen in fortwährender Bewegung befände, so würde er Hungers sterben können, bevor er sich bewegen ließe, sich selbst nach seiner Nahrung umzusehen. Wie geringe Untersuchungen man auch bisher über den Gang und den stufenmäßigen Fortschritt unserer Erkenntniß angestellt hat, so läßt sich doch das wenigstens nicht in Abrede stellen, daß dieser fast primitive Zustand der Unwissenheit und Stumpfsinnigkeit des Menschen naturgemäß ist, bis derselbe durch die Erfahrung oder durch seine Mitmenschen etwas gelernt hat.

Man kennt also den Anfangspunkt oder man kann ihn wenigstens kennen, von dem ein Jeder von uns auszugehen hat, um nach und nach das gewöhnliche Maaß der geistigen Entwickelung zu erreichen; aber wer vermag anzugeben, wo derselben Grenzen gesetzt sind? Jeder macht größere oder geringere Fortschritte je nach seinen natürlichen Anlagen, seinem Geschmacke, seinen Bedürfnissen, seinem Talente, seinem Eifer und der Gelegenheit, die sich ihm darbietet, sich weiter auszubilden. Mir ist kein Philosoph bekannt, der so vermessen gewesen wäre, die Behauptung aufzustellen: das ist die Grenze, welche der Mensch erreichen kann, aber nimmermehr zu überschreiten vermag. Wir wissen nicht, bis zu welcher Höhe uns unsere Natur emporzusteigen gestattet; Niemand von uns hat den Abstand gemessen, der sich möglicher Weise zwischen diesem und jenem Menschen auffinden läßt. Wer hegte wol eine so niedrige Gesinnung, daß ihn dieser Gedanke nie erwärmte und der nicht bisweilen mit Stolz zu sich selber sagte: Wie Viele habe ich bereits übertroffen, wie Viele werde ich noch einholen! Warum sollte einer meines Gleichen nicht weiter kommen als ich?

Ich wiederhole es: die Erziehung des Menschen beginnt von dem Augenblick seiner Geburt an; bevor er noch sprechen kann, bevor sein Verständniß geweckt ist, unterrichtet er sich schon durch die Erfahrung. Letztere geht dem eigentlichen Unterrichte voraus. Viel hat schon das Kind mit dem Augenblick gewonnen, wo es seine Amme erkennt. Man würde über die Kenntnisse selbst des ungebildetsten Menschen in Erstaunen gerathen, wenn man seine Fortschritte von dem Augenblicke seiner Geburt an bis zu dem grade erreichten Lebensabschnitte verfolgen wollte. Theilte man das ganze menschliche Wissen in zwei Theile, deren einer die allen Menschen gemeinsamen Kenntnisse, der andere das Wissen umfaßt, welches sich allein die Gelehrten anzueignen vermögen, so würde letzterer im Vergleiche mit dem ersteren äußerst beschränkt sein. Leider aber pflegen wir die gemeinsamen Errungenschaften kaum zu beachten, weil wir sie unbewußt und sogar noch vor Eintritt in das Alter machen, in welchem sich die Vernunft allmählich entwickelt, weil sich überhaupt das Wissen nur durch die gar sehr verschiedenen Stufen desselben bemerkbar macht, und weil, genau wie in den algebraischen Gleichungen, die gemeinschaftlichen Größen sich gegenseitig aufheben und deshalb keine Geltung haben.

Selbst bei den Thieren lassen sich große Fortschritte wahrnehmen. Sie haben Sinne und müssen sie erst gebrauchen lernen; sie haben Bedürfnisse und müssen dieselben befriedigen lernen; sie müssen fressen, laufen, fliegen lernen. Die vierfüßigen Thiere, die sich von Geburt an auf ihren Füßen halten, können trotzdem noch nicht laufen. Ihre ersten Schritte zeigen, wie unsichere Versuche es sind. Vögel, die ihren Käfigen entronnen sind, können nicht fliegen, weil sie noch nie geflogen haben. Alles ist für beseelte und empfängliche Wesen Unterricht. Wenn die Pflanzen eine fortschreitende Bewegung hätten, so müßten sie auch Sinne haben und sich Kenntnisse erwerben, sonst würden die Gattungen bald zu Grunde gehen.

Die ersten Eindrücke, welche die Kinder erhalten, sind ausschließlich äußerlicher Natur. Nur für angenehme und für schmerzliche Empfindungen sind sie empfänglich. Da sie weder zu gehen noch etwas zu ergreifen vermögen, so gehört viel Zeit dazu, ehe sie sich allmählich die Begriffe bilden, welche ihnen die Gegenstände außer ihnen in ihrer wahren Gestalt zeigen. Während sich aber diese Gegenstände für sie mehr und mehr erweitern, sich, da das Kind die Entfernungen unterscheiden lernt, so zu sagen mehr und mehr von ihren Augen entfernen und bestimmte Dimensionen und Gestalten annehmen, unterwirft die fortwährende Wiederkehr derselben äußeren Eindrücke diese der Macht der Gewohnheit. Man sieht, wie sie ihre Augen unaufhörlich dem Lichte zuwenden, und wie dieselben, wenn es von der Seite kommt, unbewußt diese Richtung annehmen, so daß man ihr Gesicht beständig nach dem Lichte kehren muß, damit sie nicht schielen lernen. Auch muß man sie von früh auf an die Finsterniß gewöhnen, sonst weinen und schreien sie, sobald sie sich im Dunkeln befinden. Eine zu genaue Regelung der Nahrung und des Schlafes macht ihnen dieselben nach Ablauf der gewohnten Zwischenzeiten zu einem Bedürfnisse, und bald entspringt das Verlangen darnach nicht mehr dem Bedürfnisse, sondern der Gewohnheit, oder vielmehr fügt die Gewohnheit dem natürlichen Bedürfnisse ein neues hinzu, und diesem Uebelstande muß man vorbeugen.

Keine Gewohnheit zu haben muß des Kindes einzige Gewohnheit sein. Man trage es sowol auf dem einen wie auf dem andern Arme; man gewöhne es nicht daran eine Hand lieber als die andere zu geben oder sich derselben öfter zu bedienen, zu bestimmten Stunden zu essen, zu schlafen, zu wachen, oder weder bei Tage noch bei Nacht allein zu bleiben. Schon von früh auf muß man es für die dereinstige selbstständige Benutzung seiner Freiheit und Anwendung seiner Kräfte dadurch vorbereiten, daß man dem Körper seine natürliche Gewohnheit läßt, es in den Stand setzt, stets Herr seiner selbst zu sein und seinen Willen, sobald es erst einen haben wird, überall zur Ausführung zu bringen.

Sobald das Kind die Gegenstände zu unterscheiden beginnt, ist es von Wichtigkeit, unter denen, welche man ihm zeigen will, eine sorgfältige Auswahl zu treffen. Alle neue Gegenstände interessiren natürlicher Weise den Menschen. Er fühlt sich so schwach, daß er alles Unbekannte fürchtet. Die Gewohnheit, neue Gegenstände zu sehen, ohne sich davon unangenehm berührt zu fühlen, zerstört diese Furcht. Die Kinder, welche in sauberen Häusern, in denen man keine Spinnen leidet, aufgezogen sind, fürchten sich vor den Spinnen, und diese Furcht bleibt ihnen oft, wenn sie erwachsen sind. Niemals habe ich jedoch Bauern oder Bäuerinnen gesehen, welche sich vor Spinnen gefürchtet hätten.

Warum sollte also die Erziehung eines Kindes nicht beginnen, bevor es zu sprechen und zu begreifen im Stande ist, zumal da schon die Auswahl der Gegenstände, die man demselben zeigt, geeignet ist, es furchtsam oder beherzt zu machen? Mein Wunsch ist, daß man es an den Anblick neuer Gegenstände, häßlicher, widerlicher, auffallender Thiere gewöhne, freilich nur nach und nach, erst von Weitem, bis es sich daran gewöhnt hat, und es endlich wagt, wenn es gesehen hat, wie Andere sie berühren, sie selbst anzufassen. Wenn es in seiner Kindheit den Anblick von Kröten, Schlangen, Krebsen ohne Entsetzen zu ertragen vermochte, dann wird es auch, wenn es erwachsen ist, jedwedes Thier ohne Grauen ansehen können. Wer täglich Schrecken erregende Gestalten vor Augen hat, für den verlieren sie alles Grauen.

Alle Kinder fürchten sich vor Masken. Zuerst werde ich Emil eine Maske zeigen, die ein freundliches und hübsches Gesicht darstellt. Darauf muß Jemand dieselbe in seiner Gegenwart vor das Gesicht nehmen; ich fange zu lachen an, Alle lachen und das Kind fällt endlich in das Gelächter der Uebrigen ein. Nach und nach gewöhne ich es an weniger freundliche Züge der Masken und endlich an geradezu abstoßende Gesichter. Habe ich dabei die rechte Stufenfolge inne gehalten, so wird das Kind so weit davon entfernt sein, sich vor diesen zu entsetzen, daß es vielmehr über sie eben so sehr wie über die erste Maske lachen wird. Dann brauche ich nicht mehr zu befürchten, daß man ihm durch Masken Furcht einzujagen vermag.

Homer erzählt, daß bei Hektors Abschied von der Andromache der kleine Astyamax vor dem flatternden Federbusche auf dem Helme seines Vaters erschrocken sei, denselben nicht erkannt und sich schreiend an die Brust seiner Amme geschmiegt habe, was seiner Mutter ein mit Thränen vermischtes Lachen entlockt hätte. Was läßt sich nun thun, um ein Kind vor solchem Schrecken zu bewahren? Genau dasselbe, was Hektor thut, der den Helm auf die Erde stellt und nun erst das Kind liebkost. In einem ruhigeren Augenblick dürfte man es nicht dabei bewenden lassen: man müßte sich dem Helme nähern, man müßte mit den Federn spielen, man müßte das Kind dazu bewegen, selbst sie anzufassen. Endlich müßte die Amme den Helm nehmen und ihn sich lachend auf den Kopf setzen, wenn es überhaupt die Hand einer Frau wagen dürfte, irgend ein Stück von Hektors Kriegsrüstung zu berühren.

Beabsichtige ich Emil an den Knall der Feuergewehre zu gewöhnen, so brenne ich zuerst das Zündpulver in der Pfanne einer Pistole ab. Diese plötzlich auflodernde und schnell wieder verlöschende Flamme, diese blitzartige Erscheinung ergötzt ihn. Ich wiederhole dasselbe Experiment unter Anwendung einer größeren Pulvermenge, nach und nach lade ich die Pistole ganz regelrecht mit alleiniger Fortlassung des Pfropfens, darauf lade ich sie stärker, und schließlich gewöhne ich ihn an Flinten-, Büchsen- und Kanonenschüsse, ja an die furchtbarsten Detonationen.

Ich habe die Bemerkung gemacht, daß sich die Kinder selten vor dem Donner fürchten, vorausgesetzt, daß die Schläge nicht zu heftig sind und dem Ohre nicht wirklich wehe thun. Diese Furcht bildet sich in ihnen erst dann, wenn sie eingesehen haben, daß der dem Donner vorausgehende Blitz Schaden anrichtet oder sogar hin und wieder tödtet. Wenn ihr merkt, daß ihnen die gewonnene Einsicht Furcht erweckt, so gebet euch Mühe, sie durch die Gewohnheit wieder zu beruhigen. Durch eine allmähliche und behutsame Steigerung kann man einem Erwachsenen wie einem Kinde eine sich nie verleugnende Unerschrockenheit einflößen.

Während der ersten Lebensstufe, wo Gedächtniß und Einbildungskraft noch völlig ruhen, ist das Kind nur auf das aufmerksam, was unmittelbar auf seine Sinne wirkt. Da seine Sinneseindrücke nun das erste Material seiner Kenntnisse ausmachen, so muß man es sich angelegen sein lassen, ihm dieselben in einer zweckentsprechenden Reihenfolge darzubieten, denn dadurch bereiten wir sein Gedächtniß vor, sie dereinst seinem Verstande in derselben Reihenfolge zu übergeben. Weil es nun aber eben nur auf seine Sinneseindrücke aufmerksam ist, so genügt es für den Anfang, ihm den Zusammenhang derselben mit den Gegenständen, welche sie verursachen, recht anschaulich nachzuweisen. Es will Alles berühren, Alles betasten; widersetzt euch dieser Unruhe nicht; es verdankt ihr höchst notwendige Kenntnisse. Auf diese Weise lernt es die Wärme und Kälte, die Härte und Weichheit, die Schwere und Leichtigkeit der Körper kennen, lernt sich über ihre Größe, ihre Gestalt und ihre wahrnehmbaren Eigenschaften ein Urtheil bilden, indem es dieselben anschaut, betastet, behorcht, Unter allen Sinnen entwickelt sich bei den Kindern der des Geruchs am spätesten. Bis zum Alter von zwei oder drei Jahren scheinen sie gegen angenehme wie unangenehme Gerüche gleich unempfindlich zu sein. In dieser Hinsicht besitzen sie die Indifferenz oder vielmehr die Unempfindlichkeit, welche man bei verschiedenen Thieren bemerkt. vor allen Dingen aber die Wahrnehmungen seines Gesichtssinnes mit denen seines Tastsinnes vergleicht und sich gewöhnt, mit dem Auge schon im Voraus die Wirkung abzuschätzen, welche sie auf seine Finger ausüben müßten.

Nur durch die Bewegung lernen wir, daß es außer uns noch andere Dinge gibt, während wir wieder nur durch unsere eigene Bewegung die Vorstellung des Raumes gewinnen. Weil dem Kinde diese Vorstellung noch fehlt, so streckt es nach allen Dingen, die es ergreifen will, mögen dieselben so nahe sein, daß es sie fast berührt, oder sich in einer Entfernung von hundert Schritt befinden, ohne Unterschied die Hand aus. Die Mühe, welche es sich dabei gibt, erscheint euch vielleicht als ein Zeichen der Herrschsucht, als ein Befehl an den Gegenstand sich zu nähern, oder an euch, ihm denselben herbeizubringen und gleichwol liegen ihm solche Gedanken ganz fern; die Ursache liegt lediglich in dem Umstände, daß es die nämlichen Gegenstände, welche es zuerst in seinem Gehirn, darauf vor seinen Augen sah, jetzt in Armeslänge vor sich erblickt, und daß es sich nur die räumliche Ausdehnung vorzustellen vermag, von der es sich durch seinen Tastsinn überzeugen kann. Laßt es deshalb recht oft umhertragen und von einem Platz zum andern bringen und sorget vor Allem dafür, daß es auch die Ortsveränderung wahrnehme, damit es dadurch die Entfernungen beurtheilen lerne. Sobald es jedoch dieselben richtig zu schätzen beginnt, müßt ihr die Methode ändern und es nicht mehr nach seinem, sondern nur nach eurem eigenen Gefallen umhertragen, denn sobald es keinen Sinnestäuschungen mehr unterliegt, läßt es sich auch von anderen Beweggründen leiten. Diese Veränderung ist so bemerkenswerth, daß sie eine weitläufigere Erläuterung erfordert.

Das Unbehagen, welches die sich einstellenden Bedürfnisse erregen, äußert sich, sobald sich zu ihrer Befriedigung fremde Hilfe nöthig macht, in gewissen Zeichen. Daher rührt das Schreien der Kinder; sie weinen viel und das muß so sein. Alle Eindrücke rufen bestimmte Erregungen hervor; sind dieselben angenehmer Natur, so erfreuen sich die Kinder derselben stillschweigend, sind sie dagegen schmerzlicher Natur, so geben sie es in ihrer Sprache zu erkennen und verlangen Linderung. So lange sie wach sind, können sie deshalb in keinem indifferenten Zustande verharren; entweder schlafen sie oder sind gewissen Erregungen unterworfen.

Alle unsere Sprachen sind künstlich entstanden. Man hat weitläufige Untersuchungen angestellt, ob es eine natürliche und allen Menschen gemeinsame Sprache gebe. Unzweifelhaft gibt es eine solche, nämlich die, welche die Kinder sprechen, ehe sie reden können. Diese Sprache ist zwar unarticulirt, aber trotzdem accentuirt, klangvoll, leicht verständlich. Die Gewöhnung an die übliche Sprache der Erwachsenen hat sie uns bis zu dem Grade vernachlässigen lassen, daß wir sie völlig vergessen haben. Durch ein sorgfältiges Studium der Kinder werden wir sie ihnen bald wieder ablernen. Die Ammen können uns als Lehrerinnen dieser Sprache dienen; sie verstehen Alles, was ihre Säuglinge ihnen sagen, sie antworten ihnen und halten die lebhaftesten und zusammenhängendsten Zwiegespräche mit ihnen. Obwol sie dabei Worte aussprechen, tragen dieselben zum Verständnisse doch nicht das Geringste bei, denn nicht den Sinn der Worte fassen die Kinder auf, sondern den Ton und Ausdruck, mit dem sie ausgesprochen werden.

Zu der Sprache der Stimme gesellt sich nicht weniger ausdrucksvolle Geberdensprache. Letztere wird nicht von den kraftlosen Händen der Kinder vermittelt, sondern steht leserlich auf ihren Gesichtszügen geschrieben. Es ist wunderbar, eines wie großen Ausdrucks schon diese wenig entwickelten Physiognomien fähig sind; jeden Augenblick verändern sich ihre Züge mit unbegreiflicher Geschwindigkeit. Blitzartig sieht man Lächeln, Verlangen, Schrecken auf denselben entstehen und wieder verschwinden; jedesmal glaubt man ein anderes Gesicht zu sehen. Unstreitig haben sie beweglichere Gesichtsmuskeln als wir, während dafür ihre glanzlosen Augen fast ausdruckslos sind. In einem Alter, wo man nur leibliche Bedürfnisse hat, kann es aber nur derartige Zeichen geben. Die äußeren Eindrücke spiegeln sich auf den Gesichtszügen, das Seelenleben in den Augen ab.

Da Noth und Schwäche den ersten Zustand des Menschen kennzeichnen, so sind seine ersten Laute auch Klagetöne und Weinen. Das Kind fühlt seine Bedürfnisse und kann sie nicht befriedigen; es ruft durch sein Geschrei fremde Hilfe herbei. Wenn es hungert oder durstet, so weint es, wenn es an Kälte oder Hitze leidet, vergießt es ebenfalls Thränen; wenn es sich nach Bewegung sehnt und man es ruhig liegen läßt, müssen Thränen seinen Wunsch zu erkennen geben; wenn es schlafen will und man es in fortwährender Bewegung erhält, redet es wieder durch Thränen zu uns. Je weniger es sich selbst zu helfen weiß, desto unruhiger ist es. Es hat nur eine einzige Ausdrucksweise, weil es, so zu sagen, nur eine einzige Art des Unbehagens kennt; bei der Unvollkommenheit seiner Organe vermag es die verschiedenen auf sie ausgeübten Eindrücke nicht zu unterscheiden. Alle Leiden bereiten ihm nur eine einzige Empfindung, die des Schmerzes.

Aus diesen Thränen, die man für so wenig der Beachtung werth halten möchte, entsteht die erste Beziehung des Menschen zu seiner ganzen Umgebung. Hierdurch wird das erste Glied dieser langen Kette geschmiedet, aus der die sociale Ordnung gebildet wird.

Wenn das Kind weint, so leidet es; es fühlt irgend ein Bedürfnis welches es nicht zu befriedigen vermag. Man sieht nach, man sucht zu entdecken, was ihm fehlt, man findet die Ursache, man entfernt sie. Wenn man sie aber nicht findet oder nicht zu entfernen vermag, so hält das Weinen an. Da dies lästig ist, so liebkost man das Kind, um es allmählich zu beruhigen und einzuschläfern; will dies aber nicht gelingen, und das Weinen hört nicht auf, so verliert man endlich die Geduld und versucht es mit Drohungen, ja rohe Ammen schlagen selbst das Kind bisweilen. Fürwahr eine sonderbare Erziehungsmethode bei seinem Eintritt ins Leben!

Nie in meinem Leben werde ich vergessen, wie ich einmal Augenzeuge gewesen bin, als eine Amme einen dieser unbequemen Schreihälse auf diese Weise mißhandelte. Er schwieg sofort, weshalb ich ihn für eingeschüchtert hielt. Das wird einst, sagte ich mir, eine knechtische Seele werden, von der man Alles nur durch Strenge wird erhalten können. Aber ich hatte mich getäuscht; das unglückliche Kind drohte zu ersticken, der Athem war ihm ausgegangen, ich sah, wie es immer röther wurde. Einen Augenblick darauf brach es in ein durchdringendes Geschrei aus. Alle Zeichen des Unwillens, der Wuth, der Verzweiflung dieses Alters gaben sich in diesen Tönen zu erkennen. Ich befürchtete, daß es bei dieser heftigen Aufregung den Geist aufgeben würde. Hätte ich sonst daran gezweifelt, daß das Gefühl für Recht und Unrecht dem Menschen angeboren wäre, dieses einzige Beispiel würde mich eines Besseren belehrt haben. Ich bin völlig überzeugt, daß diesem Kinde ein glühender Feuerbrand, welcher demselben zufällig auf die Hand gefallen wäre, weniger Schmerzen verursacht hätte, als dieser nur ganz leichte, aber in der unverkennbaren Absicht, es empfindlich zu strafen, gegebene Schlag.

Diese Neigung der Kinder zur plötzlichen Aufwallung, zum Aerger und zum Zorne erheischt die äußerste Schonung. Boerhave stellt die Behauptung auf, daß die Kinderkrankheiten größtenteils krampfartiger Natur sind, weil das Nervensystem der Kinder, da es verhältnißmäßig ausgedehnter und der Kopf größer und dicker als bei den Erwachsenen ist, auch eine größere Reizbarkeit besitzt. Mit der größten Sorgfalt muß man deshalb alle Dienstboten von ihnen fern halten, welche sie reizen, erzürnen und ungeduldig machen; sie sind ihnen hundertmal schädlicher und unheilvoller als die nachtheiligen Einwirkungen der Witterung und der Jahreszeiten. So lange die Kinder nur an den Dingen und niemals an den Launen ihrer Umgebung Widerstand finden, so lange werden sie weder eigensinnig noch zornig werden und sich einer dauerhafteren Gesundheit erfreuen. Darin liegt auch eine der Ursachen, weshalb die Kinder der niederen Volksklassen, die von Geburt an in größerer Freiheit und Unabhängigkeit aufgezogen werden, im Allgemeinen weniger schwächlich, weniger weichlich, sondern im Gegentheile kräftiger als diejenigen sind, welche man dadurch, daß man ihrem eigenen Willen beständig entgegentritt, angeblich besser erzieht. Aber man sollte stets bedenken, daß es ein großer Unterschied ist, den Kindern nicht zu gehorchen und ihnen nicht entgegenzutreten.

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