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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Zu den Unannehmlichkeiten, welchen reiche Leute ausgesetzt sind, gehört besonders der Umstand, daß sie bei Allem betrogen werden. Darf man sich daher wundern, wenn sie eine schlechte Meinung von den Menschen haben? Der Reichthum verdirbt sie, und als gerechte Vergeltung fühlen grade sie zuerst die Unvollkommenheit des einzigen Werkzeugs, welches ihnen bekannt ist. Was sie nicht selbst thun, wird bei ihnen Alles schlecht ausgeführt; leider thun sie fast nie etwas. Die Auswahl einer Amme überläßt man dem Geburtshelfer. Was ist die Folge davon? Daß stets die für die beste gilt, welche demselben den größten Vortheil zugewandt hat. Ich werde mir deshalb wegen Emils Amme bei keinem Geburtshelfer Rath einholen; ich werde mich der Mühe, sie auszusuchen, selbst unterziehen. Freilich werde ich vielleicht die Gründe, welche mich zu meiner Wahl bestimmt haben, nicht so beredt wie ein Arzt entwickeln können, aber sicherlich kann ich mehr Treu und Glauben für mich beanspruchen, und mein Eifer wird mich weniger täuschen als seine Habsucht.

Um eine solche Wahl treffen zu können, braucht man sich keineswegs erst einen Schatz geheimnißvoller Kenntnisse angeeignet zu haben; die Regeln dazu sind bekannt; indeß weiß ich nicht, ob man nicht dem Alter so wie der Beschaffenheit der Milch noch ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken sollte. Die junge Milch der Wöchnerin ist noch völlig wässerig; sie muß beinahe eine auflösende und abführende Kraft besitzen, um die Eingeweide des neugeborenen Kindes von dem letzten Rest des zähen meconium zu reinigen. Nach und nach nimmt sie an Dichtigkeit zu und gibt dem Kinde, dessen Verdauungsvermögen schon stärker geworden ist, eine kräftigere Nahrung. Gewiß verändert die Natur nicht ohne Ursache bei den Weibchen aller Thiergattungen die Dichtigkeit der Milch nach dem Alter des Säuglings.

Ein neugeborenes Kind müßte demnach auch eine erst vor Kurzem entbundene Amme haben. Ich weiß nur zu wohl, welche Hindernisse dem entgegentreten; weicht man aber einmal von der Ordnung der Natur ab, so stößt man überall auf Hindernisse, wenn man seine Sache gut machen will; der bequemste Ausweg bleibt immer seine Sache schlecht zu machen und den ergreift man auch gewöhnlich.

Eine Amme sollte an Geist und Körper gleich gesund sein; zügellose Leidenschaften können ihre Milch eben so wie schlechte Säfte verderben. Uebrigens faßt man, wenn man hierbei ausschließlich das Physische in Betracht zieht, den Gegenstand nur zur Hälfte ins Auge. Die Milch kann gut und die Amme gleichwol schlecht sein; ein guter Charakter ist nicht weniger nothwendig als eine gute Körperbeschaffenheit. Ich will zwar nicht behaupten, daß, wenn die Wahl auf eine lasterhafte Frau fällt, ihr Säugling ihre Laster annehmen werde, aber so viel behaupte ich wenigstens, daß er darunter leiden werde. Soll sie ihm nicht außer der Milch, die sie ihm reicht, auch Pflege erweisen, welche Eifer, Geduld, Sanftmuth und Reinlichkeit erfordert? Ist sie naschhaft, ist sie unmäßig, so wird sie binnen Kurzem ihre Milch verdorben haben; ist sie nachlässig oder aufbrausend, wie wird es dann einem armen unglücklichen Wesen ergehen, daß ihrer Willkür völlig Preis gegeben ist und sich weder vertheidigen noch beschweren kann? Niemals werden die Schlechten etwas Gutes auszurichten im Stande sein, was es auch immer sein möge.

Die Wahl der Amme ist um so wichtiger, als ihr Säugling keine andere Wärterin als sie haben soll, wie er auch keinen anderen Lehrer als seinen Erzieher haben soll. So erheischte es die Sitte bei den Alten, die weniger Worte machten und doch verständiger waren als wir. Nachdem die Ammen die Kinder ihres Geschlechts gesäugt hatten, verließen sie dieselben nie mehr. Das ist auch die Ursache, weshalb in ihren Theaterstücken die meisten Vertrauten Ammen sind. Es ist ja auch unmöglich, daß ein Kind, welches nach und nach durch so viele verschiedene Hände geht, gut erzogen werden kann. Bei jedem Wechsel stellt es im Geheimen Vergleichungen an, die stets darauf hinauslaufen, seine Achtung von seinen Erziehern und folglich auch ihre Autorität über dasselbe zu schwächen. Wenn sich erst einmal der Gedanke in ihm bildet, daß es Erwachsene gibt, die nicht mehr Vernunft haben als Kinder, so ist alles Ansehen des Alters sofort verloren und die Erziehung gescheitert. Ein Kind darf keine anderen Vorgesetzten als seinen Vater und seine Mutter kennen oder, in deren Stellvertretung, seine Amme und seinen Erzieher, ja sogar diese zwei sind schon um eins zu viel. Leider ist aber diese Theilung unvermeidlich, und nur dadurch läßt sich diesem Uebelstande einigermaßen abhelfen, daß die Personen beiderlei Geschlechts, welche das Kind erziehen, in Bezug auf ihre verantwortliche Aufgabe so vollkommen übereinstimmen, daß sie in den Augen desselben gleichsam nur ein einziges Ganze bilden.

Die Amme muß etwas bequemer leben, bedarf einer kräftigeren Kost, aber sie darf ihre Lebensweise nicht vollständig ändern, denn eine plötzliche und gänzliche Aenderung ist stets, sogar dann, wenn sie etwas Besseres an die Stelle des Schlechteren setzen sollte, der Gesundheit nachtheilig; und da ihre bisherige Lebensweise ihr die Gesundheit erhalten oder gegeben und sie derselben ihre kräftige Constitution zu verdanken hat, welchen Nutzen würde sie durch eine Aenderung gewinnen?

Die Bäuerinnen essen weniger Fleisch und mehr Gemüse als die Städterinnen, und diese vegetabilische Kost scheint ihnen und ihren Kindern eher zuträglich als schädlich zu sein. Erhalten sie nun aber städtische Säuglinge, so setzt man ihnen fortwährend Suppen vor, fest überzeugt, daß kräftige Fleischbrühen sie zu dem Ernährungsgeschäft geeigneter machen, und ihnen mehr Milch geben. Ich bin durchaus nicht dieser Meinung, und auf meiner Seite habe ich die Erfahrung, welche uns lehrt, daß die auf diese Weise ernährten Kinder weit mehr als andere von Leibschmerzen und Würmern zu leiden haben.

Das ist auch gar nicht zu verwundern, da die animalische Substanz bei eintretender Fäulniß von Würmern wimmelt, was bei der vegetabilischen nicht in gleicher Weise stattfindet. Obgleich sich die Milch im thierischen Körper erzeugt, ist sie doch eine vegetabilische Substanz. Die Frauen essen Brod, Gemüse, Milchspeisen: die Hündinnen und Katzen gehen derselben Nahrung nach; sogar die Wölfinnen grasen. Diese Nahrung gibt ihnen die vegetabilischen Säfte zu ihrer Milch. Es bleibt noch die Milch derjenigen Thierarten zu untersuchen übrig, welche einzig und allein auf Fleischnahrung angewiesen sind, falls es, was ich bezweifle, überhaupt solche gibt. Ihre Analyse weist dies nach; sie geht leicht in Säure über, und anstatt auch nur irgend eine Spur flüchtigen Laugensalzes zu liefern, wie es bei allen animalischen Substanzen der Fall ist, gibt sie vielmehr ein in hohem Grade neutrales Salz.

Die Milch der Grasfresser ist lieblicher und gesünder als die der Fleischfresser. Aus einer der ihrigen gleichartigen Substanz gewonnen, bewahrt sie ihre Natur besser und ist dem Verderben weniger ausgesetzt. Jedermann weiß, daß Mehlspeisen mehr Blut bilden als Fleischspeisen; also müssen sie auch mehr Milch geben. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Kind, welches man nicht zu frühzeitig entwöhnte und dann nur bei einfacher Pflanzenkost aufzog und dessen Amme sich ebenfalls mit Pflanzenkost begnügte, je an Würmern leiden sollte.

Es ist möglich, daß Pflanzenkost eine Milch gibt, die eher in Säure übergeht; aber ich bin gar weit davon entfernt saure Milch für ein ungesundes Nahrungsmittel zu halten; ganze Völker, die nur darauf angewiesen sind, befinden sich sehr wohl dabei, und mir kommen alle diese Säure verzehrenden Mittel wie reine Charlatanerie vor. Es gibt Naturen, welchen die Milch nicht zuträglich ist, und dann wird kein absorbirendes Mittel sie in ein denselben dienliches Nahrungsmittel verwandeln; andere vertragen sie ohne dergleichen Mittel. Man befürchtet von der dicken oder geronnenen Milch üble Folgen. Das ist eine Thorheit, da es eine altbekannte Thatsache ist, daß die Milch immer im Magen gerinnt. Weil sie dabei ihren flüssigen Zustand verliert, wird sie grade zur Ernährung der Kinder und der Jungen der Thiere erst recht geeignet; wenn sie nicht gerönne, würde sie durch den Körper, ohne ihn zu ernähren, hindurchgehen. Obgleich sich die Säfte, die uns ernähren, in flüssigem Zustande befinden, so müssen sie doch erst aus festen Nahrungsmitteln herausgezogen werden. Ein Arbeiter, welcher ausschließlich von Fleischsuppe leben würde, müßte sehr bald zu Grunde gehen. Weit besser könnte er sich mir Milch erhalten, weil dieselbe gerinnt.

Umsonst verdünnt man die Milch auf tausenderlei Art, umsonst wendet man tausenderlei absorbirende Mittel an: wer Milch genießt, verdaut doch Käse; das ist eine Regel, von der es keine Ausnahme gibt. Der Magen besitzt die Fähigkeit, die Milch gerinnen zu lassen, in so hohem Grade, daß man sich des Kälbermagens als Käselab bedient.

Ich halte deshalb dafür, daß man den Ammen keine andere Kost als ihre gewöhnliche zu geben braucht, und daß es vollkommen genügt, ihnen dieselbe reichlicher und schmackhafter zu bereiten. Es liegt nicht in der Natur der ohne Fleisch gekochten Speisen, daß sie erhitzen; lediglich ihre Zubereitung macht sie ungesund. Reformirt eure Küchenrecepte, verlangt nicht viel Gebackenes und Gebratenes; laßt weder Butter, noch Salz, noch Milch ans Feuer kommen; würzt die in Wasser gekochten Gemüse nicht eher, als bis sie heiß auf den Tisch kommen. Ohne Fleisch zubereitete Speisen werden die Amme nicht erhitzen, sondern ihr im Gegentheile reichliche und vortreffliche Milch geben. Diejenigen, welche sich noch weiter mit den Vortheilen und Nachtheilen der pythagoreischen Lebensweise bekannt zu machen wünschen, mögen sich in den Abhandlungen Raths erholen, welche die Doctoren Cocchi und sein Gegner Manchi über diesen wichtigen Gegenstand veröffentlicht haben.

Hat man die vegetabilische Kost einmal als die dem Kinde zuträglichste anerkannt, wie wäre es dann möglich, die Fleischkost für die der Amme angemessenste zu halten. Es läge ein schreiender Widerspruch darin.

In den ersten Lebensjahren übt vorzüglich die Luft einen entscheidenden Einfluß auf die Körperconstitution des Kindes aus. So lange die Haut noch zart und weich ist, dringt dieselbe durch alle Poren und ist bei der Entwickelung der jungen im Wachsthum begriffenen Körper von größter Wichtigkeit; sie hinterläßt an denselben Eindrücke, die sich nicht verwischen. Ich würde mich deshalb nicht dafür entscheiden, daß man eine Bäuerin ihrem Dorfe entzöge, um sie in der Stadt in ein Zimmer zu sperren und das Kind im elterlichen Hause zu nähren; ich würde es für besser halten, das Kind die reine Landluft statt der verdorbenen Stadtluft einathmen zu lassen. Es muß den Stand seiner Pflegemutter annehmen, ihr ländliches Haus bewohnen, und sein Erzieher muß ihm dahin folgen. Der Leser wird sich dessen wol noch erinnern, daß dieser Erzieher sein Amt nicht um des Lohnes willen verrichtet; er ist der Freund des Vaters. Wenn sich nun aber ein solcher Freund nicht findet, wenn sich der Aufenthalt auf dem Lande nicht so leicht bewerkstelligen läßt, wenn alle diese Rathschläge sich als unausführbar erweisen, was in aller Welt, wird man mir entgegnen, ist dann zu thun? Ich habe es euch schon gesagt: thut was ihr wollt; da hat mein Rath ein Ende.

Die Menschen sind nicht dazu geschaffen, um wie in einem Ameisenhaufen zusammengepfercht zu leben, sondern sollen die Erde füllen und bebauen. Je enger sie zusammenwohnen, desto mehr verderben sie sich. Körperliche Gebrechen so wie geistige Mängel sind die unfehlbare Folge jedes zu zahlreichen Zusammenlebens. Der Mensch ist unter allen lebenden Wesen dasjenige, welches am wenigsten heerdenweise zu leben vermag. Menschen, die wie Schafe zusammengepfercht wären, würden in kürzester Zeit zu Grunde gehen. Der Odem des Menschen wirkt tödtlich auf seines Gleichen; das ist im eigentlichen Sinne durchaus eben so wahr wie im bildlichen.

Die Städte sind der Abgrund des menschlichen Geschlechts. Nach Verlauf weniger Menschenalter gehen die Stämme unter oder entarten; man muß sie wieder verjüngen, und stets ist es das Land, von dem diese Verjüngung ausgeht. Schicket deshalb eure Kinder ins Freie, damit sie sich, so zu sagen, selbst verjüngen und inmitten der Fluren die Vollkraft wiedergewinnen, welche man in der ungesunden Luft übervölkerter Orte verliert. Schwangere Frauen, die sich auf dem Lande aushalten, kehren zeitig in die Stadt zurück, um daselbst niederzukommen; sie sollten grade das Gegentheil thun, die vor allen Dingen, welche ihre Kinder selbst zu stillen beabsichtigen. Sie würden es weniger bedauern, als sie vielleicht denken, und die Freuden, welche uns die treue Erfüllung der natürlichen Pflichten gewährt, würden ihnen während eines Aufenthalts, der unserem Geschlechte weit natürlicher ist, bald den Geschmack an leeren Vergnügungen benehmen, die diesen Pflichten zuwiderlaufen.

Unmittelbar nach erfolgter Geburt wäscht man das Kind mit lauem Wasser, dem man Wein beizumischen pflegt. Diese Beimischung von Wein erscheint mir gerade nicht nöthig. Da die Natur selbst nichts Gegohrenes hervorbringt, so läßt sich nicht gut annehmen, daß die Anwendung einer künstlichen Flüssigkeit für das Leben ihrer Geschöpfe von Wichtigkeit sei.

Aus demselben Grunde ist die Vorsicht, lauwarmes Wasser anzuwenden, nicht unbedingt nothwendig; und in der That baden nicht wenige Völker ihre neugeborenen Kinder ohne Weiteres in den Flüssen oder im Meere; allein unsere, welche durch die Verweichlichung der Väter und Mütter schon vor ihrer Geburt ebenfalls verweichlicht sind, bringen, wenn sie auf die Welt kommen, schon eine verderbte Körperconstitution mit, so daß man sie nicht gleich all' den Versuchen und Experimenten, welche ihre Wiederherstellung bezwecken, aussetzen darf. Nur stufenweise kann man sie zu ihrer ursprünglichen Lebenskraft zurückführen. Für den Anfang empfiehlt es sich deshalb die bestehende Sitte beizubehalten und nur allmälich dieselbe aufzugeben. Häufiges Baden ist nothwendig, ihre Unreinlichkeit liefert den Beweis. Durch bloßes Abwaschen und Abtrocknen kann man sie leicht verletzen; aber mit der zunehmenden Erstarkung derselben muß man nach und nach die Wärme des Wassers vermindern, bis man sie zuletzt Sommer und Winter mit kaltem, ja sogar mit eiskaltem Wasser baden darf. Da es, um ihre Gesundheit keiner Gefahr auszusetzen, von Wichtigkeit ist, daß diese Verminderung langsam, allmählich und unmerklich vor sich gehe, so kann man sich zur genaueren Messung derselben eines Thermometers bedienen.

Diese Sitte des Badens darf nun, wenn sie einmal eingeführt ist, nie wieder unterbrochen werden, und es ist von äußerster Wichtigkeit, sie lebenslänglich beizubehalten. Ich schätze sie nicht allein vom Gesichtspunkte der Reinlichkeit und dem augenblicklichen Gesundheitszustande aus, sondern erblicke darin auch eine heilsame Vorsichtsmaßregel, um das Zellengewebe und das Muskelsystem geschmeidiger zu machen und sie dahin zu bringen, ohne Anstrengung und Gefahr jeden Temperaturwechsel zu ertragen. Zu gleichem Zwecke wünschte ich auch, daß man sich mit zunehmendem Alter nach und nach daran gewöhnte, sich abwechselnd bald in warmem Wasser von allen nur erträglichen Hitzegraden, bald in kaltem Wasser jeglicher Temperatur zu baden. Auf diese Weise würde man, wenn man sich erst daran gewöhnt hätte, jeglichen Temperaturwechsel des Wassers zu ertragen, gegen den der Luft fast unempfindlich sein, da das Wasser, welches eine dichtere Flüssigkeit als letztere ist, uns an viel mehr Punkten berührt und deshalb eine größere Wirkung auf uns ausübt.

Man dulde nicht, daß man dem Kinde in dem Augenblicke, wo es von seiner natürlichen Hülle befreit wird und zu athmen beginnt, andere gebe, die es noch mehr beengen. Keine Kinderhäubchen, keine Wickelbänder, keine Steckkissen! Gebrauchet nichts weiter als lockere und breite Windeln, die dem Kinde den freien Gebrauch seiner Glieder gestatten und weder so schwer sind, dasselbe in seinen Bewegungen zu behindern, noch so warm, um die Einwirkungen der Luft von ihm abzuhalten. Man erstickt die Kinder in den Städten dadurch, daß man sie eingesperrt hält und warm anzieht. Diejenigen, welchen ihre erste Leitung anvertraut ist, sollten doch wissen, daß die kalte Luft ihnen nicht schädlich ist, sondern sie im Gegentheile stärkt, und daß die warme Luft sie schwächt, sie in fieberhaften Zustand versetzt und geradezu tödtet. Legt es in eine nicht zu enge, gut gepolsterte Wiege, Ich bediene mich des Ausdruck »Wiege«, um anstatt eines andern ein allgemein übliches Wort zu gebrauchen; denn was die Sache selbst anlangt, bin ich vollkommen überzeugt, daß es ganz unnöthig ist, die Kinder zu wiegen, und daß ihnen diese Sitte sogar oft nachtheilig ist. wo es sich bequem und gefahrlos bewegen kann. Beginnt es dann kräftiger zu werden, so laßt es im Zimmer umher kriechen; laßt es seine kleinen Glieder dehnen und strecken, und ihr werdet sehen, wie sie sich von Tage zu Tage kräftiger entwickeln. Wenn ihr es dann mit einem wohleingewindelten Kinde desselben Alters vergleicht, werdet ihr über die Verschiedenheit ihrer Fortschritte erstaunt sein. »Die alten Peruaner bedienten sich eines sehr breiten Stechkissens und ließen den Kindern in demselben die Arme frei; sobald sie aber demselben entwachsen waren, so stellten die Eltern sie frei in eine mit Decken ausgelegte Grube in der Erde, in welche sie bis zu den Hüften hinabreichten. Auf diese Weise hatten sie die Arme frei und konnten nach Belieben ihren Kopf bewegen und ihren Körper drehen, ohne zu fallen und ohne sich zu beschädigen. Sobald sie im Stande waren einen Schritt zu thun, bot man ihnen in einiger Entfernung die Brust, um sie durch dieses Lockmittel zum Gehen zu bewegen. Die kleinen Neger befinden sich bisweilen, wenn sie die Brust nehmen wollen, in einer noch viel beschwerlicheren Stellung. Sie umklammern nämlich eine der Hüften ihrer Mutter mit ihren Knieen und Füßen und schmiegen sich so fest an, daß sie sich ohne Hilfe der Mutter in dieser Lage erhalten. Sie ergreifen die Brust mit ihren Händen und saugen beständig, ohne sich, trotz der verschiedenen Bewegungen der Mutter, die inzwischen ihre gewöhnliche Arbeit verrichtet, stören zu lassen und ohne zu fallen. Diese Kinder beginnen schon vom zweiten Monat an zu laufen, oder vielmehr auf Knien und Händen zu rutschen. Diese Uebung verleiht ihnen für die Zukunft die Gewandtheit, in dieser Stellung sich fast eben so schnell als auf ihren eigenen Füßen fortzubewegen.«
Buffon, allgem. Naturgesch. Bd. IV, S. 192.
Diesen Beispielen hätte Buffon noch das hinzufügen können, welches uns jetzt England liefert, wo die lächerliche und barbarische Sitte des Einwindelns von Tage zu Tage mehr außer Gebrauch kommt. Man vergleiche auch la Loubere's Reise nach Siam, le Beau's Reise nach Kanada etc. Ich könnte zwanzig Seiten mit Citaten anfüllen, wenn es noch der Bestätigung durch Tatsachen bedürfte.

Man muß sich dabei natürlich auf den entschiedensten Widerspruch seitens der Ammen gefaßt machen, denen ein fest eingepacktes Kind bedeutend weniger Mühe macht als ein solches, welches eine unaufhörliche Überwachung erheischt. Außerdem wird die Verunreinigung desselben bei einem offenen Kleidchen in die Augen fallender, und die Amme muß sich deshalb öfter der Mühe unterziehen, das Kind zu reinigen. Endlich wird auch noch die bestehende Sitte vorgeschützt, ein Grund, der in gewissen Ländern in den Augen aller Volksklassen völlig unwiderlegbar scheint.

Die Ammen muß man nicht mit Vernunftgründen zu widerlegen suchen; gebt bestimmten Befehl, überwachet die Ausführung und lasset kein Mittel unversucht, durch welches die wirkliche Beobachtung der von euch vorgeschriebenen Wartung und Pflege erleichtert werden kann. Warum sollte man dieselbe nicht theilen? Bei der herkömmlichen Erziehungsweise, bei der man lediglich das Physische berücksichtigt, erscheint, wenn nur das Kind leben bleibt und nicht dahinsiecht, alles Uebrige von geringer Bedeutung; allein hier, wo die Erziehung mit dem Eintritt in das Leben beginnt, ist das Kind schon von Geburt an Schüler, zwar nicht des Erziehers, aber der Natur. Die Aufgabe des sogenannten Erziehers besteht nur in einem ununterbrochenen Studium dieser ersten und wichtigsten Lehrmeisterin, und in der unausgesetzten Bemühung Alles aus dem Wege zu räumen, wodurch die Wirksamkeit derselben vereitelt werden könnte. Er überwacht den Säugling, er beobachtet ihn, er läßt ihn nicht aus den Augen; er sucht mit gespannter Wachsamkeit den ersten schwachen Schimmer der aufdämmernden Vernunft zu erspähen, wie die Muhamedaner beim Herannahen des ersten Viertels den Augenblick des Mondaufganges zu erspähen suchen.

Wir werden zwar mit der Fähigkeit zu lernen, aber ohne irgend ein Wissen, ohne irgend eine Kenntniß geboren. Die an unvollkommene und erst halbfertige Organe gebundene Seele besitzt noch nicht einmal das Bewußtsein ihrer eigenen Existenz. Die Bewegungen und das Geschrei des neugeborenen Kindes sind wie mechanische Wirkungen, ohne Bewußtsein und freien Willen.

Nehmen wir einmal an, daß ein Kind bei seiner Geburt die Größe und Kraft eines erwachsenen Menschen besäße, daß es so zu sagen völlig ausgerüstet aus dem Schooße seiner Mutter wie Pallas aus dem Haupte des Jupiter, hervorginge: nun, ein solches Mannkind würde ein Bild vollkommener Geistesschwäche, ein Automat, eine unbewegliche und fast unempfindliche Natur sein. Es würde nichts sehen, nichts hören. Niemanden erkennen, ja es würde nicht einmal die Fähigkeit besitzen, die Augen dahin zu richten, wohin es blicken sollte. Es würde nicht allein keinen Gegenstand außer sich gewahren, sondern auch nicht im Stande sein, ihn auf das Sinnesorgan wirken zu lassen, welches die Wahrnehmung allein zu vermitteln vermag. Die Farben würden sich in seinen Angen, die Töne in seinen Ohren nicht unterscheiden lassen, die Berührung fremder Körper würde es nicht empfinden, es würde nicht einmal ein Bewußtsein davon haben, daß es selbst einen Körper besitzt; das Tastgefühl seiner Hände würde sich allein in seinem Gehirne wahrnehmen lassen; alle seine Empfindungen würden sich in einem einzigen Punkte vereinigen; es würde sich seine Existenz nur in einer ganz allgemeinen Empfindungsfähigkeit (sensorium) äußern, es würde nur eine einzige Vorstellung, die des eigenen Ich besitzen, auf welche es alle seine Empfindungen bezöge, und diese Vorstellung, oder vielmehr dieses dunkle Gefühl, würde es einzig und allein von einem gewöhnlichen Kinde unterscheiden.

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