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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Wenn man aber bei der Wahl eines Erziehers mit so großer Vorsicht zu Werke gehen muß, so wird es diesem wol ebenfalls gestattet sein müssen, sich seinen Zögling zu wählen, besonders wenn man sich die Aufgabe gestellt hat, ein Muster aufzustellen. Aus diese Wahl vermögen weder die Anlagen noch der Charakter des Kindes einen bestimmenden Einfluß auszuüben, da sie sich ja erst nach Vollendung des Werkes ganz erkennen lassen, und ich mir meinen Zögling schon vor seiner Geburt wähle. Wenn mir die Wahl frei stände, würde sie auf ein Kind fallen, das sich durch keine hervorragenden Anlagen auszeichnet, und so stelle ich mir auch meinen Zögling vor. Nur gewöhnliche Menschen bedürfen der Erziehung, ihre Erziehung allein kann für diejenige, welche bei allen ihnen an Begabung Gleichstehenden beobachtet werden muß, zum Muster dienen. Die Andern erziehen sich aller Gegenbemühungen ungeachtet allein.

Das Land ist für die Bildung der Menschen ebenfalls von wesentlichem Einfluß. Nur in den gemäßigten Himmelsstrichen können sie die höchste Entwickelungsstufe erreichen. Der schädliche Einfluß der extremen Klimate läßt sich deutlich nachweisen. Ein Mensch wird nicht wie ein Baum in ein Land gepflanzt, um beständig darin zu bleiben, und wer von einem Extrem zum andern gelangen will, ist gezwungen einen doppelt so großen Weg wie derjenige zurückzulegen, der vom Mittelpunkte aus demselben Ziele entgegeneilt.

Selbst in dem Falle, daß der Bewohner eines gemäßigten Himmelsstriches die beiden klimatischen Extreme nach einander durchreist, ist er offenbar im Vortheile; denn obgleich er den klimatischem Temperaturwechsel in gleich hohem Grade wie derjenige ausgesetzt ist, welcher von einem äußersten Endpunkte zum andern geht, so entfernt er sich dennoch um die Hälfte weniger von den ihm zusagenden und gewohnten Verhältnissen! Ein Franzose ist eben so gut im Stande in Guinea wie in Lappland zu leben, aber ein Neger wird nicht eben so gut in Tornea, noch ein Samojede in Benin auszuhalten vermögen. Uebrigens scheint auch die Organisation des Gehirnes innerhalb der beiden äußersten Zonen weniger vollkommen zu sein. Weder die Neger noch die Lappen können sich an Verstand mit den Europäern messen. Hege ich also den aufrichtigen Wunsch, daß mein Zögling sich überall auf Erden aufzuhalten vermag, so werde ich ihn mir aus einer der beiden gemäßigten Zonen wählen, aus Frankreich z. B. lieber als anderswoher.

Im Norden bedürfen die Menschen auf ihrem unergiebigen Boden viel Nahrungsstoff, im Süden dagegen auf fruchtbarem Boden nur wenig. Daraus ergibt sich eine neue Verschiedenheit, indem erstere zur rastlosen Thätigkeit gezwungen werden, während letztere ein mehr beschauliches Leben führen. Ein Bild dieser Verschiedenheit bietet uns die heutige Gesellschaft an einem und demselben Orte in den Armen und den Reichen dar. Jene bewohnen den unergiebigen Boden, diese den fruchtbaren.

Der Arme hat keine Erziehung nöthig; die für seinen Stand ausreichende wird ihm schon durch die Verhältnisse aufgezwungen: er wäre nicht in der Lage sich eine andere zu verschaffen. Im Gegentheil ist die Erziehung, welche der Reiche von seinem Stande erhält, sowol ihm selbst als auch der Gesellschaft am wenigsten dienlich. Außerdem muß eine naturgemäße Erziehung nicht einen einzigen Stand ins Auge fassen, sondern einem Menschen die Fähigkeit mittheilen, sich in allen Lebenslagen bewegen zu können. Nun ist es aber offenbar weniger vernünftig, einen Armen mit Rücksicht auf die Möglichkeit, dereinst reich zu werden, als einen Reichen mit Rücksicht auf seine mögliche Verarmung zu erziehen; denn es steht fest, daß die Zahl der Verarmten die der Emporgekommenen überwiegt. Unsere Wahl soll deshalb auf einen Reichen fallen; wenigstens werden wir dann zu der befriedigenden Gewißheit gelangen, einen Menschen mehr gebildet zu haben, wohingegen ein Armer durch sich selbst ein Mensch zu werden vermag.

Aus demselben Grunde würde es mir nicht unlieb sein, wenn Emil von vornehmer Abkunft wäre. Immer würde dadurch dem Vorurtheile ein Opfer entrissen werden.

Ich betrachte Emil als Waise, wenn er auch noch Vater und Mutter hat. Durch Uebernahme ihrer Pflichten trete ich auch in alle ihre Rechte. Seinen Eltern soll er Ehrerbietung erweisen, Gehorsam dagegen nur mir allein. Das ist meine erste oder vielmehr meine einzige Bedingung.

Freilich muß ich noch eine hinzufügen, die jedoch nur eine notwendige Folge derselben ist, daß man uns nämlich ohne unsere ausdrückliche Zustimmung nie von einander trennen darf. Diese Bedingung ist durchaus nothwendig, und ich wünschte sogar, der Erzieher und der Zögling betrachteten sich in so hohem Maße unzertrennlich, daß ihr Lebensloos eine ihnen gemeinsame Aufgabe bildete. Sobald ihnen ihre dereinstige Trennung stets vor Augen schwebt, sobald sie den Augenblick voraussehen, von dem an sie sich wieder fremd entgegentreten werden, so sind sie es schon; jeder schmiedet seine besonderen Pläne, und Beide, stets mit der Zeit beschäftigt, wo sie nicht mehr beisammen sein werden, bleiben es nur noch widerwillig. Der Schüler sieht in dem Lehrer nur noch den Aufpasser und den Quälgeist seiner Kinderjahre; der Lehrer erblickt dagegen in dem Schüler nur noch eine drückende Last, nach deren Abnahme er sich herzlich sehnt; beide sehnen sich gleich sehr nach dem Augenblick, der sie von einander erlösen soll, und da unter ihnen nie eine aufrichtige Zuneigung geherrscht hat, wird es der Eine eben so sehr an Wachsamkeit wie der Andere an Gelehrigkeit fehlen lassen.

Wenn sie dagegen ihre Lebenswege als unzertrennlich mit einander verbunden betrachten, wird Jeder sich die Liebe des Andern zu gewinnen suchen, und schon durch dieses Streben allein werden sie einander werth. Der Zögling fühlt sich nicht beschämt, in seiner Jugend den Ratschlägen eines Freundes folgen zu müssen, der ihm auch, wenn er erwachsen ist, seine Freundschaft nicht entziehen wird, und der Erzieher gibt sich mit ganzer Seele Sorgen und Mühen hin, deren Frucht er pflücken soll; alle die Verdienste, die er sich bei der Erziehung seines Zöglings erwirbt bilden ein Capital, das ihm in seinem Alter zu Gute kommt.

Ein solcher schon im Voraus abgeschlossener Vertrag setzt natürlich eine glückliche Niederkunft, ein wohlgebildetes kräftiges und gesundes Kind voraus.

Ein Vater darf keine Vorliebe haben und kein Glied der Familie, die Gott ihm schenkt, auf Kosten der Andern bevorzugen; alle seine Kinder sind in gleicher Weise seine Kinder; allen ist er die nämliche aufmerksame Pflege schuldig. Ob sie verkrüppelt sind oder nicht, ob sie siech sind oder kräftig, jedes von ihnen ist ein anvertrautes Gut, über welches er dermaleinst dem, aus dessen Hand er es empfängt, wird Rechenschaft ablegen müssen; und die Ehe ist ein Vertrag, der nicht weniger mit der Natur als zwischen den Eheleuten abgeschlossen wird.

Wer sich aber nun freiwillig einer Pflicht unterzieht, welche ihm die Natur keineswegs auferlegt hat, muß sich vorher auch der Mittel, sie zu erfüllen, versichern, sonst macht er sich für die ungenügende und mangelhafte Erfüllung selbst verantwortlich. Wer sich mit der Sorge für einen schwächlichen und kränklichen Zögling belastet, vertauscht seinen Erzieherberuf mit dem Dienste eines Krankenwärters; er verliert seine Zeit damit ein unnützes Leben zu pflegen, anstatt er sie einzig und allein der Aufgabe widmen sollte, den Werth eines Menschenlebens zu erhöhen. Er setzt sich selbst der Gefahr aus, daß ihm eines Tages eine trostlose Mutter den Tod ihres Sohnes, welchen er ihr lange Zeit künstlich erhalten hat, zum Vorwurf macht.

Ich würde gewiß nicht die Last der Erziehung eines kränklichen und durch und durch ungesunden Kindes auf mich nehmen, und sollte es auch sein Dasein bis zum höchsten Greisenalter fristen. Ich will nichts von einem Zögling wissen, der weder sich noch Andern Nutzen schaffen kann, der sein ausschließliches Augenmerk auf seine leibliche Erhaltung richtet, und dessen eigener Körper der Erziehung der Seele hinderlich in den Weg tritt. Durch die vergebliche Verschwendung meiner Sorgen an denselben würde ich nur den Verlust der Gesellschaft verdoppeln und ihr statt eines Menschen gleich zwei entziehen. Ich habe nichts dagegen, wenn sich statt meiner ein Andrer mit diesem Schwächlinge befaßt, und ich kann seinem Liebeswerk meine Billigung nicht versagen, allein mir ist diese Fähigkeit versagt; ich verstehe mich nicht darauf, Jemanden leben zu lehren, der nur unaufhörlich darauf sinnt, den Tod von sich abzuwehren.

Der Körper muß notwendiger Weise Kraft besitzen, wenn er anders der Seele gehorchen soll; ein guter Diener muß stark sein. Ich weiß, daß die Unmäßigkeit die Leidenschaften weckt; auf die Länge schwächt sie auch den Körper; aber umgekehrt bringen auch Kasteiungen und Fasten durch entgegengesetzte Ursachen oft dieselbe Wirkung hervor. Je schwächer der Körper ist, desto gebieterischer tritt er auf; je stärker er ist, desto gehorsamer ist er. Alle sinnlichen Leidenschaften wohnen in verweichlichten Körpern; je weniger dieselben sie zu befriedigen vermögen, desto mehr leiden sie unter ihren Einflüssen.

Ein kraftloser Körper schwächt auch die Seele. Daher entspringt die Herrschaft der Arzneikunst, einer Kunst, welche den Menschen jedenfalls gefährlicher ist als alle Uebel, die sie sich zu heilen rühmt. Ich meinestheils kenne wenigstens die Krankheit nicht, von welcher uns die Aerzte zu heilen vermögen; so viel aber weiß ich, daß sie die Schuld an den unheilvollsten Leiden tragen, welche die Menschheit beunruhigen, nämlich an der Feigheit, dem Kleinmuthe, der Leichtgläubigkeit und der Furcht vor dem Tode; während sie den Körper heilen, ertödten sie den Muth. Was kann es darauf ankommen, wenn sie doch nur wandelnden Leichnamen scheinbares Leben einhauchen? Menschen sind uns nöthig, aber solche sieht man aus ihren Händen nicht hervorgehen.

Das Mediciniren ist unter uns Mode geworden, und das kann nicht anders sein. Es gehört zu dem Zeitvertreibe geschäftsloser Müßiggänger, welche nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen und sie deshalb nur in der Sorge für ihre leibliche Erhaltung vergeuden. Hätten sie das Glück gehabt, als Unsterbliche in die Welt zu treten, so würden sie die elendesten Wesen sein. Ein Leben, dessen Verlust sie nie zu befürchten brauchten, würde ihnen werthlos erscheinen. Dergleichen Leute müssen durchaus Aerzte haben, die ihnen den Gefallen thun, sie in ewiger Todesfurcht zu erhalten, und die ihnen täglich das einzige Vergnügen, für das sie noch empfänglich sind, bereiten, das Vergnügen, noch nicht gestorben zu sein.

Es liegt nicht in meiner Absicht, mich hier weitläufig über die Nichtigkeit der Arzneikunst zu verbreiten. Mein Zweck ist nur, sie von der sittlichen Seite zu betrachten. Gleichwol kann ich die Bemerkung nicht zurückhalten, daß sich die Menschen über ihren Nutzen genau denselben Trugschlüssen hingeben, wie über die Erforschung der Wahrheit. Sie gehen beständig von der Voraussetzung aus, daß der Kranke, welcher sich in ärztlicher Behandlung befindet, auch Heilung erhält, und daß das Suchen nach der Wahrheit auch zum Finden führt. Sie wollen nicht begreifen, daß man den Vortheil einer Heilung, welche man wirklich einmal dem Arzte zu verdanken hat, gegen den Tod von hundert Kranken, welchen er auf dem Gewissen hat, und den Nutzen einer neuentdeckten Wahrheit gegen den offenbaren Schaden abwägen muß, welchen die sich stets gleichzeitig daran knüpfenden Irrthümer hervorrufen. Die Wissenschaft, welche unterrichtet und die Arzneikunst, welche heilt, sind unzweifelhaft sehr nützlich; aber die Wissenschaft, welche uns Täuschungen aussetzt, und die Kunst, welche den Tod herbeiführt, sind schädlich. Könnte man uns wenigstens den Nachweis führen, wie sie sich unterscheiden lassen. Das ist die Hauptschwierigkeit. Wenn wir nicht so lüstern darauf wären, beständig neue Wahrheiten zu entdecken, so würden wir uns nicht so oft von der Lüge hinter das Licht führen lassen; wenn wir nicht darauf ausgingen, gegen die Natur Genesung zu suchen, so würden wir niemals unter den Händen des Arztes sterben. Jedenfalls würde es Klugheit verrathen, in diesen beiden Punkten eine gewisse Entsagung zu beobachten; durch Unterwerfung unter die Gesetze der Natur würde man augenscheinlich gewinnen. Ich bestreite also keineswegs, daß nicht die Arzneikunst einzelnen Menschen vorteilhaft sein könne, aber das behaupte ich entschieden, daß sie dem menschlichen Geschlechte im Allgemeinen unheilvoll ist.

Man wird mir, wie man ja nicht müde wird unaufhörlich zu thun, den Einwand machen, daß die begangenen Fehler lediglich den einzelnen Aerzten zur Last gelegt werden müssen, daß indeß die Arzneikunst an sich untrüglich sei. Ist dies in der That der Fall, dann nahe sie sich wenigstens den Kranken ohne Vermittlung eines besonderen Arztes, denn sobald sie zusammen erscheinen, werden wir von den Irrthümern des Künstlers hundertmal mehr zu befürchten, als von seiner Kunst Hilfe zu hoffen haben. Bernardin de Saint Pierre erzählt in der Vorrede seines Werkes »Arcadien«, daß Rousseau eines Tages zu ihm sagte: »Wenn ich eine neue Ausgabe meiner Werke veranstalten sollte, würde ich mein Urtheil über die Aerzte mildern. Es gibt keinen Stand, welcher so gründliche Studien erfordert, wie der ihrige. In jedem Lande werden sie zu den gelehrtesten und gebildetsten Männern gehören.« Anm. des G. Petitain.]

Diese trügerische Kunst, die offenbar mehr gegen die Uebel des Geistes als gegen die des Körpers gerichtet ist, schafft gegen die einen eben so wenig Nutzen als gegen die andern; sie heilt uns weniger von unseren Krankheiten, als daß sie uns vielmehr Schrecken vor denselben einflößt; sie hält den Tod weniger auf, als daß sie uns denselben im Gegentheile schon im Voraus fühlen läßt; sie schwächt das Leben, anstatt es zu verlängern, und wenn sie es verlängerte, so würde selbst dies doch nur unserm Geschlechte zum Schaden gereichen, weil sie uns durch die stete Sorge für unser Wohl, zu der sie uns unablässig anspornt, der Gesellschaft entzieht, und durch die unaufhörliche Todesfurcht, in der sie uns erhält, uns von der Erfüllung unserer Pflichten abhält. Die Kenntniß der Gefahren flößt uns Furcht vor denselben ein; wer sich für unverwundbar hielte, würde vor nichts Furcht empfinden. Indem der Dichter den Achill gegen die Gefahr waffnet, raubt er ihm das Verdienst der Tapferkeit; um denselben Preis wäre jeder Andere an seiner Stelle ebenfalls ein Achill gewesen.

Nur an den Orten kann man Männer von wahrem Muthe antreffen, wo es keine Aerzte gibt, wo man nicht fortwährend über die Gefahr der Krankheiten grübelt und nur wenig an den Tod denkt. Im Naturzustande versteht der Mensch standhaft zu leiden und ruhig zu sterben. Erst die Aerzte mit ihren Recepten, die Philosophen mit ihren Vorschriften, die Priester mit ihren Ermahnungen rauben ihm den Muth und lassen ihm keine Ruhe, bis er zu sterben verlernt.

Entweder muß der Zögling, den man mir anvertraut, aller dieser Leute entbehren können, oder ich weise ihn zurück. Ich will nicht, daß mir Andere mein Werk verderben; entweder will ich ihn allein erziehen oder gar nichts mit ihm zu schaffen haben. Der gelehrte Locke, welcher sich eine lange Zeit dem Studium der Medicin gewidmet hatte, empfiehlt angelegentlich, den Kindern weder aus Vorsorge noch wegen leichter Unpäßlichkeit Arznei zu geben. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und erkläre hiermit, daß ich den Arzt, welchen ich meinetwegen so wie so niemals rufe, auch nie wegen meines Emils rufen werde, es müßte denn sein Leben in augenscheinlicher Gefahr schweben, denn dann kann er ihn schlimmsten Falls ja auch nur tödten.

Ich weiß recht wohl, daß der Arzt nicht verfehlen wird, aus dieser scheinbaren Saumseligkeit Vortheil zu ziehen. Stirbt das Kind, nun, so hat man ihn zu spät gerufen; kommt es davon, so wird die Rettung sein Werk sein. Mag es sein: möge der Arzt einen Triumph feiern; aber vor allen Dingen werde er nur in der äußersten Gefahr gerufen.

Das Kind muß, weil es ja doch nicht versteht, sich selbst zu heilen, zunächst lernen krank zu sein; diese Kunst ersetzt die erstere und führt oft weit glücklichere Erfolge herbei, sie ist die Kunst der Natur. Ist das Thier krank, so leidet es still und verhält sich ruhig, und gleichwol sieht man nicht mehr sieche und kraftlose Thiere als Menschen. Wie viel Leute hat Ungeduld, Furcht, Aufregung und vor allen Dingen die Arznei getödtet, welche ihrer Krankheit sicher nicht erlegen wären, sondern durch die Zeit allein Heilung gefunden hätten. Man wird mir einwenden, daß die Thiere wegen ihrer naturgemäßeren Lebensweise auch weniger Leiden als wir unterworfen sein müssen. Sehr richtig, und darum will ich gerade diese Lebensweise meinem Zöglinge zur zweiten Natur machen; er wird den nämlichen Nutzen daraus ziehen.

Der einzige wirklich nützliche Theil der Arzneiwissenschaft ist die Gesundheitslehre; überdies ist sie weniger eine Wissenschaft als eine Tugend. Mäßigkeit und Arbeit sind die beiden wahren Aerzte des Menschen: die Arbeit reizt den Appetit und die Mäßigkeit verhindert die mißbräuchliche Befriedigung desselben.

Um mit Sicherheit festzustellen, welche Lebensweise dem Leben und der Gesundheit am meisten zusagt, braucht man nur zu erforschen, welche Lebensweise die Völker beobachten, welche am gesundesten und kräftigsten sind und es bis zum höchsten Alter bringen. Wenn sich durch die allgemeinen Beobachtungen nicht nachweisen läßt, daß die Ausübung der Arzneikunst dem Menschen eine festere Gesundheit und ein längeres Leben verleiht, so ist diese Kunst schon einfach in Folge des Umstands, daß sie keinen Nutzen gewährt, schädlich, weil sie sich Zeit, Menschen und Dinge ohne allen Erfolg dienstbar macht. Nicht allein muß man die Zeit, welche man mit der leiblichen Erhaltung des Lebens verschwendet, die deshalb für den Genuß und die Anwendung desselben verloren ist, von der ganzen Lebensdauer in Abzug bringen, sondern sie ist sogar, da sie nur zu unserer Qual angewendet wird, noch schlimmer, als wenn sie gar nicht dagewesen wäre, sie ist geradezu negativ, und will man bei der Rechnung billig verfahren, so muß man sie eigentlich auch noch von unserem Lebensreste abziehen. Ein Mensch, welcher zehn Jahre der Aerzte nicht bedarf, lebt sowol für sich als auch für Andere länger als derjenige, der dreißig Jahre seines Lebens ihr Opfer ist. Da ich beide Zustände aus eigener Erfahrung kenne, so halte ich mich mehr als sonst irgend Jemand für berechtigt, obigen Schluß daraus zu ziehen.

Das sind die Gründe, aus denen ich nur einen kräftigen und gesunden Zögling will, und die Grundsätze, durch deren Anwendung ich ihn so zu erhalten gedenke. Ich werde mich nicht dabei aufhalten, erst weitläuftig den Nutzen der Handarbeiten und der körperlichen Uebungen für die Kräftigung des Körpers, die Entwickelung des Charakters und die Gesundheit zu beweisen; Niemand stellt ihn in Abrede; Beispiele eines langen Lebens finden sich fast nur bei solchen Menschen, die sich am meisten Bewegung gemacht, am meisten Anstrengung und Arbeit ertragen haben. Ich kann nicht umhin, hierbei ein englischen Zeitschriften entlehntes Beispiel anzuführen, da es reichliche Gelegenheit darbietet, auf meinen Gegenstand bezügliche Betrachtungen anzustellen:
»Ein Privatmann, Namens Patrik Oneil, geboren 1647, verheirathete sich 1760 zum siebenten Male. Vom 17. Regierungsjahre Karls II. an diente er bis 1740, wo er verabschiedet wurde, unter den Dragonern, so wie sonst noch in verschiedenen anderen Truppentheilen. Er hat alle Feldzüge des Königs Wilhelm und des Herzogs von Marlborough mitgemacht. Dieser Mann hat nie anderes als einfaches Bier getrunken; seine Nahrung bestand ausschließlich aus Vegetabilien und nur bei einigen Festmahlzeiten im Kreise seiner Familie hat er Fleisch gegessen. Er pflegte mit Sonnenaufgang aufzustehen und mit Sonnenuntergang zu Bett zu gehen, falls ihn seine Pflichten nicht daran hinderten. Gegenwärtig steht er in seinem 113. Lebensjahre, hört vortrefflich, befindet sich wohl und geht ohne Stock. Trotz seines hohen Alters ist er keinen Augenblick unthätig und jeden Sonntag geht er in Begleitung seiner Kinder, Enkel und Urenkel nach seiner Pfarrkirche.«

Eben so wenig werde ich mich umständlich auf Einzelheiten hinsichtlich der Sorgfalt einlassen, die ich einzig und allein auf diesen Gegenstand zu verwenden gedenke. Man wird sehen, daß dieselben von meiner Methode untrennbar sind, so daß man, hat man nur erst den Geist erfaßt, keiner anderen Erklärung bedarf.

Gleichzeitig mit dem Leben beginnen die Bedürfnisse. Das neugeborene Kind muß eine Amme haben. Wenn die Mutter damit einverstanden ist, selbst ihre Pflicht zu erfüllen, desto besser, nur wird man ihr dann schriftliche Anleitung geben müssen, denn diesem Vorteil wird dadurch die Wage gehalten, daß er den Erzieher in etwas größerer Entfernung von seinem Zöglinge hält. Indeß läßt sich annehmen, daß das Wohl des Kindes, sowie die Achtung vor demjenigen, dem sie ein so theures Gut anvertrauen will, die Mutter bewegen werden, den Rath des Lehrers zu beachten, und außerdem kann man mit Sicherheit voraussetzen, daß sie ihre gefaßten Pläne auch besser als jede andere ausführen wird. Ist aber eine fremde Amme einmal nöthig, so ist eine glückliche Wahl derselben die erste Hauptsache.

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