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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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So lautet die einfache Regel der Natur. Warum handelt ihr derselben zuwider? Begreift ihr nicht, daß ihr in dem vergeblichen Wahne, sie zu verbessern, ihr Werk zerstört, daß ihr den Erfolg ihrer Bestrebungen vereitelt? Auch äußerlich das thun, was sie innerlich thut, haltet ihr für eine Verdoppelung der Gefahr, und doch ist es gerade im Gegentheil eine Ablenkung, eine Abschwächung derselben. Die Erfahrung lehrt, daß von den verzärtelten Kindern eine ungleich größere Anzahl stirbt als von den übrigen. Wenn man nur nicht über das Maaß ihrer Kräfte hinausgeht, so läuft man bei entsprechender Anstrengung derselben weniger Gefahr als bei übertriebener Schonung. Uebt sie also mit Rücksicht auf die Schicksalsschläge, welche sie einst zu ertragen haben werden. Härtet ihre Körper gegen die Rauheit der Jahreszeiten, der Klimate, der Elemente, gegen Hunger, Durst und Strapazen ab; tauchet sie in die Fluten des Styx. Vor Annahme einer andern festen Gewohnheit kann man den Körper gefahrlos an das, was man wünscht und bezweckt, gewöhnen; hat sich jedoch erst eine gewisse Festigkeit herausgebildet, dann ist jeder Wechsel, jede Veränderung mit Gefahren verknüpft. Ein Kind vermag Veränderungen zu ertragen, die ein Mann nicht ertragen könnte: die noch weichen und geschmeidigen Fibern des Erstern nehmen ohne große Mühe jede beliebige Biegung an, die des Mannes dagegen verändern, da sie steifer geworden sind, nur noch mit Anwendung von Gewalt die einmal angenommene Richtung. Man kann deshalb wol ein Kind abhärten und stark machen, ohne sein Leben und seine Gesundheit auf das Spiel zu setzen, und selbst wenn eine Gefahr mit unterlaufen sollte, so dürfte man nicht den geringsten Anstand nehmen. Da es nun einmal dem menschlichen Leben unauflöslich anhaftende Gefahren sind, kann man da wol besser thun, als sie grade der Lebensperiode vorzubehalten, wo sie am wenigsten schädlich sind?

Je älter das Kind, desto kostbarer wird sein Leben. Zu dem Werthe seiner eigenen Persönlichkeit tritt noch der der Sorgen und Pflege, die es gekostet hat, hinzu. Ein je größerer Theil seines Lebens schon verstrichen ist, desto lebhafter erwacht in ihm das Todesgefühl. Der Gedanke an die Zukunft des Kindes muß demnach bei der Sorge für seine irdische Erhaltung hauptsächlich vorherrschend sein, man muß, ehe es so weit gelangt ist, dasselbe gegen die Uebel der Jugend waffnen; denn wenn sich der Werth des Lebens bis zu dem Alter erhöht, wo man dasselbe nutzbar zu machen versteht, welche Thorheit ist es dann nicht, der Kindheit einige Uebel zu ersparen, da man sie im Alter der Vernunft dadurch vermehrt? Sind das die Lehren des Meisters?

Das Loos der Menschheit bringt es nun einmal mit sich, daß uns jede Lebenszeit Leiden auferlegt. Sogar die Sorge für die bloße Erhaltung ist mit Mühseligkeiten verbunden. Von Glück hat zu sagen, wer in seiner Jugend nur die physischen Uebel kennen lernt, Uebel, die weit weniger qualvoll sind, weit weniger schmerzen als die übrigen, und auch weit seltner uns zum Lebensüberdruß treiben. Nicht um den Schmerzen der Gicht zu entfliehen, tödtet man sich; schwerlich vermögen andere als Seelenleiden uns zur Verzweiflung zu bringen. Wir beklagen das Loos der Kindheit und sollten eher unser eigenes beklagen. Unser größtes Uebel bereiten wir uns selbst.

Mit Weinen tritt das Kind in die Welt; unter Weinen verfließt seine erste Kindheit. Bald wiegt, bald liebkost man es, um es zum Schweigen zu bringen. Entweder thun wir ihm den Willen, oder wir verlangen, daß es uns den Willen thut; entweder unterwerfen wir uns seinen Launen oder wir unterwerfen es den unsrigen; einen Mittelweg scheint man nicht zu kennen; es muß Befehle ertheilen oder annehmen. Auf diese Weise eignet es sich zuerst die Begriffe von Herrschaft und Knechtschaft an. Noch ehe es sprechen kann, gebietet es schon; ehe es handelnd auftreten kann, gehorcht es, ja bisweilen züchtigt man es, noch ehe es seinen Fehler einzusehen, oder vielmehr, ehe es solche zu begehen im Stande ist. Dadurch flößt man seinem jungen Herzen schon frühzeitig Leidenschaften ein, die man nachher der Natur zur Last legt, und nachdem man sich förmlich Mühe gegeben hat, das Kind unartig zu machen, beschwert man sich darüber es so zu finden.

In dieser Weise bringt ein Kind sechs oder sieben Jahre unter den Händen der Frauen zu, ein Opfer ihrer und seiner eigenen Launenhaftigkeit, und nachdem man ihm dies und das beigebracht hat, das heißt nachdem man sein Gedächtniß mit Worten, die ihm unverständlich geblieben sind, oder mit allerlei nichtsnutzigen Dingen, überladen, nachdem man sein natürliches Wesen durch Leidenschaften, die man künstlich in ihm geweckt und genährt, völlig erstickt hat, überläßt man dies Kunstproduct einer verschrobenen Erziehung den Händen eines Lehrers, der sich alle Mühe gibt die vorgefundenen künstlichen Keime zu entwickeln und auszubilden, der es Alles lehrt, nur nicht sich selbst zu erkennen, nur nicht seiner selbst Herr zu sein, nur nicht die Kunst zu leben und sich glücklich zu machen. Wenn nun endlich dieses Kind, Sklave und Tyrann in einer Person, voller Wissen und doch verstandesschwach, eben so kraftlos an Körper wie an Geist, in die Welt hinausgeschleudert wird, wenn es in derselben seine Verschrobenheit, seinen Stolz und alle seine Fehler offen zur Schau trägt, so erfüllt uns ein solcher Anblick mit aufrichtiger Trauer über das menschliche Elend und die menschliche Verkehrtheit. Aber man täuscht sich: das ist lediglich der Mensch unserer Einbildung; der Mensch, wie er aus der Hand der Natur hervorgegangen ist, zeigt uns ein anderes Bild.

Verlangt ihr nun, daß er seine ursprüngliche Form bewahre, so erhaltet sie gleich von dem Augenblicke an, wo er zur Welt kommt. Unmittelbar nach der Geburt müßt ihr euch seiner bemächtigen, und verzichtet ja auf seine Erziehung nicht, bevor er erwachsen ist. Wie die Mutter die eigentliche Amme ist, so ist der Vater der eigentliche Lehrer. Sie müssen in Bezug auf das Ineinandergreifen ihrer Thätigkeiten, so wie in Bezug auf das zu befolgende System in völligem Einverständnis sein; aus den Händen des Einen muß das Kind in die des Andern übergehen. Es wird von einem vernünftigen, wenn auch, was die Kenntnisse anlangt, etwas beschränkten Vater besser als von dem geschicktesten Lehrer der Welt erzogen werden, denn der Eifer wird das Talent eher als das Talent den Eifer ersetzen.

Allein die leidigen Geschäfte, die amtlichen Obliegenheiten, die Pflichten – – – Ach, die Pflichten! Die Vaterpflicht ist also gewiß die allerletzte? Wenn man im Plutarch liest, daß der Censor Cato, der Rom mit so großem Ruhme regierte, seinen Sohn von der Wiege an selbst erzog und zwar mit einer solchen Sorgfalt, daß er Alles verließ, um zugegen sein zu können, wenn die Amme, das heißt die Mutter, ihn wickelte und badete; wenn man im Sueton liest, daß Augustus, der Herr der Welt, die er erobert hatte und selbst regierte, seine Enkel selbst schreiben, schwimmen und die Elemente der Wissenschaften lehrte und sie beständig um sich hatte, so beschleicht Einen die Lust, über die guten Leutchen jener Zeit, die sich in dergleichen Possen gefielen, herzlich zu lachen; selbstverständlich waren sie viel zu beschränkt, um sich mit den großen Angelegenheiten der großen Männer unserer Tage befassen zu können.

Es setzt uns durchaus nicht in Erstaunen, daß ein Mann, dessen Frau es verschmäht hat, die Frucht ihrer Vereinigung zu nähren, es nun auch seinerseits verschmäht, dieselbe zu erziehen. Es gibt kein fesselnderes Bild als das der Familie; aber ein einziger häßlicher Zug entstellt alle übrigen. Wenn die Mutter sich mit Rücksicht auf ihre wankende Gesundheit außer Stande fühlt, ihren Kindern die Brust zu geben, so wird den Vater die Ueberlast von Geschäften abhalten, ihr Lehrer zu sein. Die Kinder, aus der Heimath entfernt, in Erziehungsanstalten, in Klöstern, in Schulen untergebracht, werden die Liebe zum väterlichen Hause auf Andere übertragen oder, um mich richtiger auszudrücken, ohne eine Spur von Anhänglichkeit und Zuneigung für irgend Jemand zurückkehren. Brüder und Schwestern werden sich kaum kennen. Bei besonderen feierlichen Zusammenkünften werden sie sich zwar mit ausgesuchtester Höflichkeit entgegenkommen, aber sich doch fremd gegenüberstehen. Sobald zwischen den Eltern keine aufrichtige Zuneigung mehr besteht, sobald der Familienkreis nicht mehr die Würze des Lebens ausmacht, muß man wol in lockren Sitten seinen Ersatz suchen. So geistesschwach ist gewiß Niemand, daß er nicht den logischen Zusammenhang aller dieser Uebelstände einsehen sollte!

Durch Zeugung und Ernährung seiner Kinder kommt ein Vater nur dem dritten Theile der an ihn herantretenden Pflichten nach. Seinem Geschlechte schuldet er Menschen, der Gesellschaft schuldet er gesellige und umgängliche Menschen, dem Staate schuldet er Bürger. Wer diese dreifache Schuld abzutragen vermag und es nicht thut, macht sich schuldig und noch schuldiger vielleicht, wenn er sie nur zur Hälfte abträgt. Wer die Pflichten eines Vaters nicht zu erfüllen vermag, hat auch kein Recht es zu sein. Keine Armuth, keine Arbeit, keine menschliche Rücksicht irgend welcher Art kann ihn davon lossprechen, seine Kinder zu ernähren und sie selbst zu erziehen. Schenket mir Glauben, liebe Leser! Ich sage es einem Jeden, der noch Gefühl hat und so heilige Pflichten verabsäumt, voraus, daß er seine Fehler lange bitterlich wird beweinen müssen, ohne je Trost zu finden. Vgl. die »Bekenntnisse«, 12. Buch, Bd. I. S. 314.

Was thut nun aber dieser reiche Mann, dieser so mit Geschäften überladene Familienvater, daß er sich, wie er überall vorgibt, leider abgehalten sieht, seinen Kindern seine volle Fürsorge zu widmen? Er bezahlt einen andern Mann, um die Pflichten, die ihm selbst zu beschwerlich sind, zu übernehmen. Feile Seele! Bildest du dir ein, deinem Sohne für Geld einen zweiten Vater geben zu können? Täusche dich nicht; nicht einmal einen Lehrer gibst du ihm auf diese Weise, es ist nur ein Knecht. Bald wird er einen zweiten aus ihm machen.

Man spricht viel über die Eigenschaften eines guten Erziehers. Als die erste und vornehmlichste, welche allein schon die Voraussetzung vieler andrer ist, würde ich verlangen, daß er kein bloßer Miethling ist. Es gibt Berufsarten, die so edel sind, daß man sich, wenn man sie zum Lohnerwerb herabwürdigt, ihrer unwerth macht: ein solcher ist der Beruf des Vaterlandsvertheidigers und eben so der des Erziehers. – Wer soll also mein Kind erziehen? – Ich habe es dir schon gesagt, du selbst. – Ich kann es nicht! – Du kannst es nicht! Nun, so suche dir einen Freund zu erwerben; ich wüßte sonst nicht, wie dir zu helfen ist.

Ein Erzieher! O welch eine erhabene Seele! Fürwahr, um einen Menschen zu bilden, muß man entweder Vater oder mehr als ein Mann sein. Und ein solches Amt vertrauet ihr ruhig Miethlingen an!

Je mehr man darüber nachdenkt, auf desto mehr neue Schwierigkeiten stößt man. Der Erzieher hätte für seinen Zögling, die Diener hätten für ihren Herrn erzogen werden müssen, Alle, die ihm nahe kommen, hätten die Eindrücke, welche sie ihm mittheilen sollen, empfangen müssen. Von Erziehung zu Erziehung müßte man bis zu den frühesten Uranfängen zurückgehen. Wie ist es möglich, daß ein Kind von Jemandem gut erzogen wird, der selbst nicht gut erzogen ist?

Sollte sich ein solcher seltener Sterblicher nicht auffinden lassen? Ich weiß es nicht. Wer will sich vermessen zu bestimmen, bis zu welcher Höhe der Tugend sich selbst in dieser Zeit der Erniedrigung eine menschliche Seele emporzuschwingen vermag? Allein nehmen wir einmal an, dieser Wundermann sei entdeckt. Bei der Erwägung und Feststellung seiner Obliegenheiten werden wir einsehen, was er sein soll. Im Voraus halte ich es für selbstverständlich, daß ein Vater, der den ganzen Werth eines guten Erziehers zu schätzen wüßte, sich dazu entschließen würde, auf einen solchen zu verzichten; denn er würde mehr Zeit und Mühe daran setzen müssen, ihn sich zu verschaffen als selbst einer zu werden. Will er sich deshalb nach einem Freunde umsehen, so möge er lieber seinen Sohn dazu erziehen; dann ist er der Mühe überhoben, ihn anderwärts zu suchen, und die Natur hat schon die Hälfte des Werkes ausgerichtet.

Jemand, von dem mir nichts weiter als sein Rang bekannt ist, hat mir die Erziehung seines Sohnes anvertrauen wollen. Unstreitig hat er mir dadurch eine große Ehre erwiesen; allein anstatt sich über meinen ablehnenden Bescheid zu beschweren, hat er vielmehr alle Ursache mir über die gehegten Bedenken seine volle Zufriedenheit zu erkennen zu geben. Hätte ich sein Anerbieten angenommen und meine Methode hätte sich als irrthümlich herausgestellt, so wäre meine Erziehung mißlungen gewesen; hatte ich dagegen glückliche Resultate erzielt, so wäre es noch schlimmer gewesen. Sein Sohn hätte auf seine Titel verzichtet, er hätte nicht mehr Prinz sein wollen.

Ich bin von der Größe der Pflichten eines Erziehers zu sehr durchdrungen und fühle meine Unfähigkeit in zu hohem Grade, um je ein solches Amt anzunehmen, von welcher Seite es mir auch immer angetragen werden möge, und selbst das Interesse der Freundschaft würde für mich nur ein neuer Beweggrund der Ablehnung sein. Ich bin überzeugt, daß sich nach Lectüre dieses Buches nur Wenige versucht fühlen werden, mir ein solches Anerbieten zu machen, und ich bitte diejenigen, welche sich etwa doch dazu verstehen könnten, sich keine vergebliche Mühe zu geben. Der Versuch, den ich in früherer Zeit mit der Erziehungskunst gemacht, hat mir den genügenden Beweis geliefert, daß ich mich nicht für dieselben eigne, und meine äußere Lage würde mir die Ausübung desselben auch dann unmöglich machen, wenn es mir an der nöthigen Befähigung nicht gebräche. Diese öffentliche Erklärung glaubte ich denen schuldig zu sein, welche eine zu geringe Meinung von mir zu liegen scheinen, um mich für aufrichtig und fester Entschlüsse fähig zu halten.

Außer Staude die schwerere Aufgabe zu lösen, will ich mich wenigstens an die leichtere heranwagen; nach dem Beispiele so vieler Anderer will ich nicht die Hand ans Werk legen, sondern an die Feder, und anstatt das Erforderliche zu thun, will ich mich es zu sagen bemühen.

Ich weiß recht wohl, daß die Verfasser bei ähnlichen Unternehmungen in ihren Systemen, mit deren praktischer Ausführung sie sich nicht zu befassen brauchen, mit der größten Seelenruhe und in der oberflächlichsten Weise viel prächtig klingende, aber ganz unpraktische Vorschriften zu machen pflegen, und daß, weil sie es an der Besprechung der Einzelheiten und an den nöthigen Beispielen fehlen lassen, selbst das Ausführbare so lange ohne Nutzen bleibt, bis sie die Ausführbarkeit gezeigt haben.

Um mich nun nicht ähnlichen Vorwürfen auszusetzen, bin ich auf den Ausweg verfallen, mir einen imaginären Zögling zu geben, mich selbst mit dem Alter, der Gesundheit, den Kenntnissen und allen Fähigkeiten ausgerüstet zu denken, die dazu gehören seine Erziehung zu leiten, und endlich dieselbe von seiner Geburt an bis zu dem Augenblicke fortzuführen, wo er, in der Vollkraft seines Mannesalters, im Stand ist ohne fremde Führung durch das Leben zu schreiten. Diese Methode halte ich für ganz besonders geeignet, einen Schriftsteller, der seiner selber nicht ganz sicher ist, davon zurückzuhalten, sich in utopistische Träumereien zu verlieren; denn sobald er von der herkömmlichen Erziehungsweise abweicht, braucht er nur die seinige an seinem Zöglinge der Probe zu unterwerfen. Dann wird er, oder der Leser statt seiner, bald herausfühlen, ob er der stetigen Entwickelung der Kindheit und dem natürlichen Gange des menschlichen Herzens folgt.

Und das zu thun bin ich unter allen Schwierigkeiten, die sich mir entgegenstellten, aufrichtig bestrebt gewesen. Um mein Buch nicht unnützerweise noch umfangreicher zu machen, habe ich mich damit begnügt, diejenigen Grundsätze aufzustellen, deren Wahrheit unanfechtbar ist. Was dagegen die Regeln anlangt, die noch erst des Beweises bedürfen, so habe ich sie alle auf meinen Emil oder auf andere Beispiele angewandt und die Ausführbarkeit meiner Behauptungen an Einzelheiten weitläufig nachgewiesen. Diesen Plan habe ich mich wenigstens inne zu halten bemüht, in wie weit es mir gelungen ist, möge der Leser selbst beurtheilen.

Der Grund, weshalb ich anfangs wenig von Emil gesprochen habe, liegt darin, daß meine Hauptgrundsätze der Erziehung, in so schroffem Gegensatze sie auch zu den jetzt giltigen stehen, so klar überzeugend sind, daß ihnen schwerlich ein vernünftiger Mensch seine Zustimmung wird versagen können. Allein je weiter mein Werk fortschreitet, desto unähnlicher wird mein Zögling, der ja ganz anders als die einigen geleitet ist, einem gewöhnlichen Kinde: er bedarf einer ganz besonderen, nur für ihn bestimmten Leitung. Fortan erscheint er aber häufiger auf dem Schauplatze und zuletzt verliere ich ihn auch nicht einen einzigen Augenblick aus dem Gesicht, bis er schließlich, was er auch dazu sagen möge, meiner nicht im Geringsten mehr bedarf.

Ich will hier nicht von den Eigenschaften eines guten Erziehers reden: ich setze sie stillschweigend voraus, so wie, daß ich mich ihres Besitzes zu erfreuen habe. Der Leser dieses Werkes wird sehen, mit welcher Freigebigkeit ich mich bedacht habe.

Der allgemeinen Ansicht entgegen will ich mir nur die einzige Bemerkung erlauben, daß der Erzieher eines Kindes jung, und sogar so jung sein muß, als ein verständiger Mann nur immer sein kann. Ich wünschte, daß er womöglich selbst ein Kind wäre, daß er der Kamerad seines Zöglings werden und sich durch Theilnahme an seinen Spielen und Belustigungen sein Vertrauen erwerben könnte. Die Kindheit und das reife Alter haben zu wenig Gemeinsames, als daß sich bei diesem Abstande je eine echte und innige Zuneigung entwickeln kann. Die Kinder sind wol gegen Greise bisweilen zärtlich, nie werden sie dieselben aber lieben. Diese Idee theilte auch der Abbé Fleury, welcher verlangte, daß der Lehrer nach seiner äußeren Erscheinung wohl gebildet sei, gut rede und ein freundliches Gesicht habe. Anm. des Hl. Petitain.

Man pflegt den Wunsch zu hegen, daß ein Erzieher schon früher eine Erziehung geleitet habe. Allein das ist zu viel; ein und derselbe Mensch kann nur eine einzige Erziehung übernehmen; bedürfte es, um zu einem glücklichen Resultate zu kommen, erst der Erfahrungen einer früheren, mit welchem Rechte würde man die erste zu übernehmen wagen?

Im Besitze einer größeren Erfahrung würde man es freilich besser anzugreifen verstehen, aber man würde sein reicheres Wissen gar nicht mehr verwerthen können. Wer sich einmal dieser Mühwaltung mit solcher Hingebung unterzogen hat, daß er alle Lasten und Beschwerden derselben empfunden hat, der läßt sich zur Uebernahme dieses Amtes gewiß nicht zum zweiten Male gewinnen, und hat er das erste Mal keine günstigen Erfolge erzielt, so ist das ein schlimmes Vorzeichen für das zweite Mal.

Es ist ein gewaltiger Unterschied, das will ich gern einräumen, einen jungen Menschen vier Jahre lang unter Augen zu haben oder ihn fünfundzwanzig Jahre lang zu leiten. Ihr überlasset euren Sohn erst dann einem Erzieher, wenn seine Entwicklung schon eine bestimmte Richtung angenommen hat; ich dagegen will ihm einen schon vor seiner Geburt geben. Euer Erzieher kann alle paar Jahre einen neuen Schüler erhalten; der meinige wird nie mehr als einen haben. Ihr macht zwischen Lehrer und Erzieher einen Unterschied: eine neue Thorheit. Macht ihr denn etwa zwischen Schüler und Zögling einen Unterschied? In einer einzigen Wissenschaft braucht man die Kinder zu unterweisen, in der Wissenschaft von den Pflichten des Menschen. Diese Wissenschaft bildet eine völlig in sich abgeschlossene Einheit, und was auch immer Xenophon von der Erziehung der Perser gesagt hat, sie läßt sich nicht theilen. Uebrigens nenne ich den Lehrer dieser Wissenschaft weit lieber Erzieher als nur Lehrer, weil es sich für ihn weniger um Unterrichtsertheilung als um angemessene Leitung handelt. Er soll nicht blos Regeln geben, sondern seinen Zögling daran gewöhnen, sie selbst aufzufinden.

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