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Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band

Jean Jacques Rousseau: Emil oder Ueber die Erziehung - Erster Band - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorJean Jaques Rousseau
titleEmil oder Ueber die Erziehung ? Erster Band
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080627
projectid2016c5ce
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Zeigt ihr des Nachts eurem Zöglinge Wolken, die zwischen ihm und dem Monde vorüberziehen, so wird er sich dem Wahne hingeben, daß sich der Mond nach der den Wolken entgegengesetzten Seite bewege, während ihm diese still zu stehen scheinen. Diese Annahme bildet sich in ihm durch einen voreiligen Schluß, weil er aus Erfahrung weiß, daß die kleineren Körper gewöhnlich eine stärkere Bewegung als die großen haben, und weil ihm die Wolken größer als der Mond vorkommen, dessen Entfernung er nicht richtig zu schätzen vermag. Betrachtet er dagegen von einem auf den Wellen dahintreibenden Boote aus das etwas entfernte Ufer, so verfällt er in den entgegengesetzten Irrthum und glaubt eine Bewegung des Landes wahrzunehmen, weil er seine eigene Bewegung nicht merkt und folglich das Boot, das Meer oder den Fluß und die ganze Gegend, so weit er sie zu überschauen im Stande ist, für ein unbewegliches Ganzes hält, von dem ihm das Ufer, das er an sich vorüber ziehen steht, nur ein Theil zu sein scheint.

Erblickt ein Kind zum ersten Male einen bis zur Hälfte ins Wasser getauchten Stock, so zeigt er sich dem Auge desselben zerbrochen. Die sinnliche Wahrnehmung ist vollkommen richtig und, selbst wenn wir uns den Grund dieser Erscheinung nicht erklären könnten, würde sie nicht aufhören, es zu sein. Fragt ihr es deshalb, was es sieht, so antwortet es: »Einen zerbrochenen Stock«, und es sagt die volle Wahrheit, denn es hat in der That den Eindruck eines zerbrochenen Stockes erhalten. Geht es jedoch, durch sein Urtheil irre geleitet, weiter und fügt es seiner Behauptung, es nehme einen zerbrochenen Stock wahr, auch noch die Behauptung hinzu, daß derselbe es in Wirklichkeit sei, dann sagt es etwas durchaus Falsches. Und weshalb? Weil das Urtheil dann activ auftritt und das Kind nicht mehr nach der sinnlichen Wahrnehmung, sondern in Folge eines Schlusses urtheilt und etwas behauptet, wovon es keinen sinnlichen Eindruck empfangen hat, nämlich daß das durch einen Sinn hervorgerufene Urtheil auch noch die Bestätigung eines anderen Sinnes erhalten werde.

Da alle unsere Irrthümer lediglich aus unseren Urtheilen hervorgehen, so ist so viel klar, daß, brauchten wir niemals zu urtheilen, wir auch nicht zu lernen nöthig hätten. Wir würden uns dann niemals in dem Falle befinden, uns zu täuschen und in unserer Unwissenheit jedenfalls glücklicher sein, als wir bei unserem Wissen je sein können. Wer wollte läugnen, daß die Gelehrten wirklich tausenderlei Wahrheiten kennen, welche die Laien in der Wissenschaft niemals kennen lernen werden? Sind die Gelehrten aber deshalb schon der Wahrheit näher? Gerade im Gegentheil; je weiter sie fortschreiten, desto mehr entfernen sie sich nur von ihr, weil die Eitelkeit, Urtheile zu fällen, die Zunahme ihrer Einsichten weit überflügelt, und mit jeder Wahrheit, die sie finden, hundert falsche Urtheile Hand in Hand gehen. Mit unumstößlicher Gewißheit kann nachgewiesen werden, daß die gelehrten Gesellschaften Europas nur Brutstätten der Lüge sind, und sicherlich gibt es in der Akademie der Wissenschaften mehr Irrthümer als bei dem ganzen Stamme der Huronen.

Da die Menschen desto mehr Irrthümern ausgesetzt sind, eine je höhere Wissensstufe sie einnehmen, so besteht das einzige Mittel, den Irrthum zu vermeiden, in der Unwissenheit. Urtheilt nie, so werdet ihr euch auch nie irren. Diese Lehre gibt uns sowol die Natur wie die Vernunft. Mit Ausnahme einer äußerst geringen Anzahl unmittelbarer und sich uns sehr fühlbar machender Beziehungen, in denen wir zur Außenwelt stehen, erfüllt uns von Natur eine tiefe Gleichgiltigkeit gegen alles Uebrige. Ein Wilder würde keinen Fuß in Bewegung setzen, um den Gang der vollkommensten Maschine und alle Wunder der Elektricität anzusehen. »Was kümmert mich das?« Diesen Ausruf hört man so häufig aus dem Munde der Ungelehrten, und doch würde er sich im Munde der Gelehrten am allerbesten ausnehmen.

Unglücklicherweise paßt dies Wort nicht mehr auf unsere Verhältnisse. Seitdem wir von Allem abhängen, ist uns auch Alles wichtig; mit unseren Bedürfnissen muß sich auch nothwendig unsere Wißbegierde erweitern. Aus dem Grunde schreibe ich den Philosophen eine sehr große und den Wilden gar keine Wißbegierde zu. Letzterer bedarf Niemandes, Ersterer der ganzen Welt und namentlich der Bewunderer.

Man wird mir entgegenhalten, daß ich mich damit von der Natur lossage; aber dies bestreite ich. Die Natur wählt und verwendet ihre Hilfsmittel nicht in planloser Weise, sondern nach dem eintretenden Bedürfnisse. Nun ändern sich aber die Bedürfnisse der Menschen nach ihrer Lebensstellung. Ein großer Unterschied macht sich zwischen einem naturgemäß im Naturzustande und einem naturgemäß in gesellschaftlichen Verhältnissen lebenden Menschen bemerkbar. Emil ist kein Wilder, der seinen Aufenthaltsort in den Wüsten suchen muß; er ist vielmehr ein Wilder, der bestimmt ist, in den Städten zu wohnen. In ihnen muß er seines Lebens Nothdurft und Nahrung zu finden wissen, von ihren Einwohnern muß er Nutzen ziehen und er ist gezwungen, wenn auch nicht wie sie, doch wenigstens mit ihnen zu leben.

Da er nun inmitten so vieler neuer Verhältnisse, zu denen er in eine Art Abhängigkeit gerathen wird, er mag wollen oder nicht, Urtheile fällen muß, so ist es unsere Pflicht, ihn richtig urtheilen zu lehren.

Als die beste Methode, richtig urtheilen zu lernen, kann die empfohlen werden, welche es sich zu ihrer Hauptaufgabe macht, unsere Erfahrungen zu vereinfachen, ja darauf ausgeht, dieselben ganz entbehrlich zu machen, ohne uns einem Irrthume auszusetzen. Daraus folgt, daß wir, nachdem wir längere Zeit hindurch die Eindrücke des einen Sinnes durch einen anderen Sinn berichtigt haben, nun auch noch lernen müssen, die Eindrücke eines jeden Sinnes durch sich selbst zu berichtigen, ohne erst nöthig zu haben, einen anderen Sinn zu Hilfe zu nehmen. Dann wird jeder sinnliche Eindruck für uns zu einem Begriffe werden, und dieser Begriff wird stets mit der Wahrheit in Einklang stehen. Zu dieser Art gehören die Erfahrungen, welche ich dieser dritten Periode des menschlichen Lebens zu verschaffen gesucht habe.

Diese Methode verlangt eine Geduld und Umsicht, deren nur wenige Lehrer fähig sind, ohne welche indeß der Schüler niemals urtheilen lernen wird. Wenn ihr euch z.B., sobald sich derselbe durch den Anschein, als ob der Stock zerbrochen sei, täuschen läßt, sogleich beeilt, denselben aus dem Wasser zu ziehen, um ihn von seinem Irrthume zu überführen, so werdet ihr ihm denselben freilich benehmen, aber was werdet ihr ihn dadurch lehren? Nichts, als was er bald von selbst gelernt haben würde. Das ist wahrlich nicht die richtige Verfahrungsweise! Es handelt sich weniger darum, ihn mit einer Wahrheit bekannt zu machen, als vielmehr ihm zu zeigen, welches Verfahren er einschlagen müsse, um stets die Wahrheit zu finden. Um ihn gründlich zu belehren, muß man ihn nicht so bald aus seinem Irrthume reißen. Nehmt euch an Emil und mir ein Beispiel.

Erstlich wird jedes auf die herkömmliche Weise erzogene Kind nicht verfehlen, auf die zweite der vorausgesetzten beiden Fragen sofort bejahend zu antworten. »Sicherlich,« wird es sagen, »ist das ein zerbrochener Stock.« Ich hege starken Zweifel, daß mir Emil die nämliche Antwort ertheilen wird. Da er die Nothwendigkeit nicht einsieht, gelehrt zu sein oder zu scheinen, so übereilt er sich mit seinem Urtheile nie; er urtheilt nur nach erlangter Gewißheit und ist weit entfernt, sie in dem vorliegendem Falle zu haben, da ihm nur zu wohl bekannt ist, wie leicht wir Gefahr laufen, uns bei unseren Urtheilen zu täuschen, sobald wir uns blos auf den Augenschein verlassen, und wäre es auch nur in Bezug auf die Perspective.

Da er ferner aus Erfahrung weiß, daß auch meine unbedeutendsten Fragen regelmäßig einen ganz bestimmten Zweck haben, wenn ihm derselbe auch nicht sogleich deutlich ist, so liegt es gar nicht in seiner Gewohnheit, ins Gelag hinein zu antworten. Im Gegentheile setzt er Mißtrauen in sich, überlegt reiflich und prüft, bevor er antwortet, meine Fragen mit größter Sorgfalt. Niemals gibt er mir eine Antwort, die ihn nicht selbst befriedigt, und er ist schwer zufrieden zu stellen. Wir ereifern uns am Ende auch Beide nicht so sehr darum, durchaus die Wahrheit wissen zu wollen, sondern es kommt uns weit mehr darauf an, uns vom Irrthum fern zu halten. Wir würden uns weit unangenehmer berührt fühlen, wenn wir uns mit einem nicht genügenden Grunde zufrieden geben wollten, als wenn wir gar keinen fänden. »Ich weiß nicht« ist ein Ausdruck, welchen wir Beide so oft im Munde führen und so oft wiederholen, daß weder dem Einen noch dem Anderen seine Anwendung sauer wird. Ob ihm indeß eine unüberlegte Antwort entschlüpfen möge, oder ob er sie durch unser bequemes »Ich weiß nicht« zu vermeiden suche, immer wird meine Erwiderung gleich lauten: »Laß uns zusehen, laß uns untersuchen.«

Jener bis zur Hälfte ins Wasser getauchte Stock hat eine senkrechte Richtung. Wie viel haben wir doch, um zu erfahren, ob er wirklich zerbrochen ist, wie es scheint, erst noch zu thun, bevor wir ihn aus dem Wasser ziehen oder auch nur mit der Hand berühren!

1. Zunächst betrachten wir uns den Stock von allen Seiten und machen die Wahrnehmung, daß der Bruch jeder unserer Stellungen folgt. Der Grund dieser Veränderung liegt also ausschließlich in unserem Auge, und doch sind die Blicke nicht im Stande, Körper in Bewegung zu setzen.

2. Darauf blicken wir in senkrechter Richtung auf das Ende des Stockes herab, welches aus dem Wasser hervorragt. Nun sieht er nicht mehr gebrochen aus; das unserem Auge zunächst liegende Ende deckt das untere genau. Ich habe mich seitdem durch eine genauere Untersuchung vom Gegentheil überzeugt. Die Strahlenbrechung wirkt kreisförmig, und der Stock erscheint an dem im Wasser befindlichen Ende dicker als an dem anderen; allein dies vermag nichts an der Beweiskraft meiner Folgerung zu ändern, und der Schluß ist deshalb nicht weniger richtig.

Hat denn unser Auge etwa den Stock wieder gerade gerichtet?

3. Wir bringen die Oberfläche des Wassers in Bewegung. Sofort nehmen wir wahr, daß der Stock in mehrere Stücke zerbricht, sich im Zickzack hin und her bewegt und den Wellenbewegungen des Wassers folgt. Reicht demnach schon die Bewegung, in die wir das Wasser setzen, hin, den Stock zu zerbrechen, zu erweichen und in einen flüssigen Zustand zu verwandeln?

4. Endlich lassen wir das Wasser abfließen und sehen, wie sich der Stock in dem Maße, in welchem das Wasser sinkt, nach und nach gerade richtet. Ist dies nicht mehr als nöthig ist, um die Thatsache aufzuklären und sich daraus die Lehre von der Brechung des Lichtes zu entwickeln? Es beruht also nicht auf Wahrheit, daß das Gesicht uns täusche, da wir uns nur auf das Auge zu verlassen brauchen, um die Irrthümer zu berichtigen, deren Schuld wir ihm zuschreiben.

Angenommen, das Kind wäre zu beschränkt, um das Resultat dieser Beobachtungen begreifen zu können. Gut, dann müßten wir zur Unterstützung des Gesichts auch noch das Gefühl aufbieten. Laßt den Stock, anstatt ihn aus dem Wasser zu ziehen, in seiner gegenwärtigen Stellung, und das Kind fahre nun mit der Hand von einem Ende bis zum anderen an ihm hinab. Nirgends wird es einen Winkel bemerken; der Stock ist also nicht zerbrochen.

Ihr werdet mir einwenden, daß es sich hierbei schon nicht allein um Urtheile handle, sondern um förmliche Schlußfolgerungen. Ja, ich gebe es zu; aber seht ihr nicht ein, daß, sobald der Geist einmal bis zu den Ideen gelangt ist, jedes Urtheil eine Schlußfolgerung ist? Das sich Bewußtwerden jeder Sinneswahrnehmung ist ein Satz, ein Urtheil. Folglich schließt man auch, sobald man eine Sinneswahrnehmung mit einer anderen vergleicht. Die Kunst zu urtheilen und die Kunst zu schließen sind genau dasselbe.

Nach meinem Willen soll Emil die Dioptrik an diesem Stabe lernen, oder er soll nie mit ihr bekannt gemacht werden. Er wird weder Insecten secirt noch die Sonnenflecken gezählt haben; er wird weder wissen, was ein Mikroskop noch was ein Teleskop ist. Eure hochgelahrten Zöglinge werden ihn wegen seiner Unwissenheit auslachen. Sie werden keineswegs Unrecht haben, denn ich verlange, daß er diese Instrumente, ehe er sich ihrer bedient, selbst erfinde, und ihr könnt euch wol vorstellen, daß dies Zeit erfordert.

Hierin ist der Geist meiner ganzen Methode während dieser Periode zusammengefaßt. Wenn das Kind eine kleine Kugel zwischen zwei kreuzweise über einander gelegten Fingern rollen läßt und dabei deren zwei zu fühlen glaubt, so werde ich ihm nicht eher gestatten, daß es sich mit seinen Augen überführt, als bis es sich mit Schlüssen überzeugt hat, daß es wirklich nur eine Kugel ist.

Diese Erklärungen werden, wie ich denke, genügen, um die Fortschritte, die mein Zögling bisher in seiner geistigen Entwickelung gemacht hat, sowie den Weg, auf welchem er sie erreicht hat, deutlich zu bezeichnen. Aber ihr seid vielleicht über die Menge der Gegenstände, die ich an ihm vorübergeführt habe, erschrocken; ihr hegt vielleicht Besorgniß, daß ich seinen Geist unter dieser Menge von Kenntnissen erdrücke. Es verhält sich gerade umgekehrt. Ich lehre ihn weit mehr die Kunst, sich ohne sie zu behelfen, als sich dieselben anzueignen. Ich zeige ihm den Weg der Wissenschaft, der zwar bequem zur Wahrheit führt, der aber lang, unendlich lang ist und auf dem sich nur langsam fortkommen läßt. Ich lasse ihn die ersten Schritte thun, damit er den Eingang kennen lerne, aber ich erlaube ihm nicht, allzu weit vorzudringen.

Gezwungen, seine Kenntnisse sich selbst zu erwerben, stützt er sich auf seine eigene Vernunft und nicht auf die eines Anderen, denn um dem Vorurtheile kein Zugeständniß zu machen, darf er auch der Autorität keinen Einfluß gestatten. Für den größten Theil unserer Irrthümer tragen nicht wir die Schuld, sondern Andere. Diese unausgesetzte Uebung muß eine Stärke des Geistes hervorbringen, die derjenigen ähnlich ist, welche der Körper durch Arbeit und Anstrengung erlangt. Dazu tritt noch der Vortheil, daß man nur nach Maßgabe seiner Kräfte fortschreitet. Wie der Körper hält auch der Geist nur so viel aus, als er auszuhalten vermag. Eignet sich der Verstand die Dinge an, bevor sie Eigenthum des Gedächtnisses werden, so gehört ihm auch Alles, was er daraus herleitet. Ueberladet man sich dagegen das Gedächtniß mit unverstandenem Wissen, so setzt man sich der Gefahr aus, nie daraus eine Frucht zu gewinnen, die unser bleibendes Eigenthum werden könnte.

Emil besitzt wenig Kenntnisse, aber diejenigen, welche er besitzt, sind wirklich sein Eigen; er weiß nichts halb. Unter dem Wenigen, was er weiß und zwar gründlich weiß, ist das Wichtigste, daß es Vieles gibt, was ihm unbekannt ist, was er aber später vielleicht wissen kann; daß es noch weit mehr gibt, was andere Leute wissen, und was er in seinem ganzen Leben nicht kennen lernen wird, und daß es endlich noch eine unendliche Menge von anderen Dingen gibt, die nie ein Mensch wissen wird. Er hat einen universellen Geist, nicht was seine Einsichten, wol aber was seine Fähigkeit anlangt, sich solche zu erwerben, ferner einen offenen, klugen, für Alles bereiten und, wie Montaigne sagt, wenn auch nicht unterrichteten, so doch unterrichtsfähigen Geist. Für mich ist es völlig ausreichend, daß er bei Allem, was er thut, das »Wozu nützt es«, und bei Allem, was er glaubt, das »Warum« zu finden weiß. Denn noch einmal, ich gehe nicht darauf aus, ihm die Wissenschaft selbst, sondern nur die Kunst beizubringen, sich dieselbe nach Bedürfniß zu erwerben, sie nach ihrem wahren Werthe zu schätzen und ihm eine solche Liebe zur Wahrheit einzuflößen, daß er sie höher achtet, als alles Uebrige. Bei dieser Methode macht man freilich nur langsame Fortschritte, thut dafür aber auch nie einen unnützen Schritt und ist nie genöthigt wieder zurückschreiten zu müssen.

Emil besitzt nur Naturkenntnisse und zwar rein physische, Geschichte kennt er nicht einmal dem Namen nach, und eben so wenig weiß er, was Metaphysik oder Moral ist. Obwol er die wesentlichen Beziehungen des Menschen zu den Dingen kennt, sind ihm doch die moralischen Beziehungen des Menschen zum Menschen völlig unbekannt. Auf die Verallgemeinerung und Abstraction der Begriffe versteht er sich nur wenig. Er macht die Beobachtung, daß gewisse Körper gemeinsame Eigenschaften haben, ohne über diese Eigenschaften an sich Schlüsse zu ziehen. Er kennt vermittelst der geometrischen Figuren den abstracten Raum und vermittelst der algebraischen Zeichen die abstracte Größe. Diese Figuren und diese Zeichen sind die Träger seiner Abstractionen; auf ihnen fußen seine Sinne. Er bestrebt sich nicht die Dinge ihrem Wesen nach kennen zu lernen, sondern nur in Bezug auf die Verhältnisse, die sein Interesse erregen. Was ihm fremd ist, schätzt er nur nach der Beziehung desselben auf ihn selbst; aber diese Schätzung ist genau und sicher; phantastische oder vorurtheilsvolle Anschauungen finden darin keine Stelle. Auf das, was ihm nützlich ist, legt er den höchsten Werth, und da er von dieser Art zu schätzen nie abgeht, so läßt er sich auch durch die öffentliche Meinung nie bestimmen.

Emil ist arbeitsam, mäßig, geduldig, stark und muthig. Seine Einbildungskraft, die bis jetzt noch in keiner Weise erhitzt ist, vergrößert ihm nie die Gefahren. Er ist gegen die meisten Uebel unempfindlich und weiß mit Standhaftigkeit zu leiden, weil er nicht gelernt hat, wider das Schicksal anzukämpfen. Was den Tod anlangt, so weiß er noch nicht recht, was derselbe ist; indeß gewöhnt, sich ohne Widerstand dem Gesetze der Notwendigkeit zu unterwerfen, wird er, falls ihm der Tod nahte, ohne Seufzen und Sträuben sterben, und das ist Alles, was die Natur in diesem von Allen verabscheuten Augenblicke zuläßt. Frei zu leben und sich so wenig wie möglich von menschlichen Dingen fesseln zu lassen, ist das beste Mittel, sterben zu lernen.

Mit einem Worte, Emil besitzt von der Tugend Alles, was auf ihn selbst Bezug hat. Um sich auch die gesellschaftlichen Tugenden zu erwerben, fehlt ihm lediglich die Kenntniß der Verhältnisse, welche dieselben nothwendig machen. Folglich fehlen ihm einzig und allein solche Einsichten, zu deren Aufnahme sein Geist die nöthige Fähigkeit besitzt.

Er betrachtet sich ohne Rücksicht auf Andere und ist ganz damit einverstanden, wenn sich Andere nicht um ihn kümmern. Er verlangt von Niemandem etwas und glaubt auch nicht gegen irgend Jemanden Verpflichtungen zu haben. Er steht allein in der menschlichen Gesellschaft da und rechnet nur auf sich allein. Und er ist auch mehr als jeder Andere berechtigt, auf sich selbst zu zählen, denn er ist Alles, was man in seinem Alter sein kann. Er hat keine Irrthümer, oder wenigstens nur solche, die wir Menschen nun einmal von uns nicht fern halten können. Er hat keine Fehler, oder doch nur solche, vor welchen kein Mensch sich hüten kann. Er besitzt einen gesunden Körper, gewandte Glieder, einen gesunden und vorurtheilslosen Geist, ein freies und leidenschaftsloses Herz. Die Eigenliebe, die erste und natürlichste aller Leidenschaften, hat sich noch kaum in ihm geregt. Ohne Jemandes Ruhe zu stören, hat er so zufrieden, glücklich und frei gelebt, wie es die Natur nur immer zuließ. Glaubt ihr, daß ein Kind, welches sein fünfzehntes Jahr in dieser Weise erreicht hat, die vorhergehenden Jahre verloren habe?

Ende des ersten Bandes.

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